Gerok, Karl von - Andachten zum Psalter - Psalm 133.
(1) Ein Lied Davids im höheren Chor. Siehe, wie fein und lieblich ist es, dass Brüder einträchtig bei einander wohnen. (2) Wie der köstliche Balsam ist, der vom Haupt Aarons herabfließt in seinen ganzen Bart, der herabfließt in sein Kleid, (3) Wie der Tau, der vom Hermon herabfällt auf die Berge Zions. Denn daselbst verheißt der Herr Segen und Leben immer und ewig.
Ein liebliches Lied vom Segen brüderlicher Eintracht, auf das man dessen eigenen Worte anwenden möchte: Wie der Tau, der von Hermon herabfällt, erfrischt und erquickt es die Seele; oder von dem man sagen möchte, wenn man mit Luther den ganzen Psalter einem Blumengarten vergleicht: Es steht in diesem Garten wie ein holdseliges Röslein, funkelnd im Morgentau, das Auge erfrischend mit seinem Glanz, das Herz erquickend mit seinem Duft.
Wann und worauf David diesen Psalm gedichtet, darüber haben die Ausleger mancherlei vermutet. Die einen nehmen an, es sei ein Jugendlied zum Preise seiner Freundschaft mit Jonathan, jenes edlen Herzensbundes, der für alle Zeiten ein schönes Vorbild bleibt einer selbstverleugnenden Liebe in Leid und Freud, einer rührenden Treue bis in den Tod. Andere verlegen den Psalm vielmehr in Davids letzte Tage, als in großer Volksversammlung aller Stämme, wovon 1. Chron. 29 erzählt, Salomo zum König und Zadok zum Hohepriester gesalbt wurde, so dass dieses Lob der Eintracht gleichsam Davids Vermächtnis an sein Volk wäre, sein politisches Testament, ein Testament und Vermächtnis, das allerdings wohl am Platz war, wenn wir denken an die spätere unglückselige Trennung des Volks in zwei Reiche. Noch andere endlich geben dem Psalm eine kirchliche Veranlassung und Bedeutung, als sei er gedichtet auf eins der drei großen Feste, da die Stämme Israels sich in Jerusalem versammelten vor dem Herrn, am Passahfest, Pfingstfest und Laubhüttenfest, so dass hauptsächlich die kirchliche Eintracht, die Einigkeit im Geist, die Liebe, die aus dem Glauben fließt, darin gepriesen und empfohlen würde.
Welche dieser drei Bedeutungen aber auch die ursprüngliche gewesen sein mag, ob die häusliche Eintracht oder die bürgerliche oder die kirchliche zunächst besungen sein mag: das Schönste ist, dass der Psalm auf das alles passt, aufs eine so gut wie aufs andere, und dass er eben deshalb auch für uns passt und heute gilt so gut wie in Davids und Jonathans Tagen. Auszulegen und zu erklären gibt's wenig in diesem kurzen und einfachen Lied von drei Versen, aber anzuwenden umso mehr auf Herz und Leben; und so wollen wir jetzt, da wir auch einträchtig bei einander sind wie Brüder und Schwestern, uns erquicken an diesem:
„Lob brüderlicher Eintracht“,
und es ein wenig anwenden aufs
1) häusliche,
2) bürgerliche und
3) kirchliche Leben.
1)
„Siehe, wie fein und lieblich ist es, dass Brüder einträchtig bei einander wohnen.“ Lasst uns dabei einmal vor allem denken an die, welche wirklich und wörtlich bei einander wohnen als Brüder und Schwestern, als Gatten und Gatten, als Eltern und Kinder, als Herrschaften und Gesinde, als Türnachbarn und Hausgenossen. Wie fein und lieblich ist es da, wenn die, welche Gott selbst zusammengeführt und verbunden hat, welche einander angehören durch Bande des Bluts oder der Gewohnheit, auch zusammenwohnen, zusammengehen, zusammenhalten in herzlicher Eintracht! Wie der köstliche, wohlriechende Balsam (V. 2), der vom Haupt Aarons bei seiner Salbung zum Hohepriester herabfloss in seinen ganzen Bart, der herabtröpfelte bis in sein hohepriesterlich Kleid; oder wie der erfrischende Tau (V. 3), der vom wolkigen Gipfel des Hermon sich niederschlug und herabsenkte in die Täler und auf die Höhen ringsumher und die umliegenden Gefilde erfrischte und befruchtete, so wohltuend, so stärkend, so segensreich wirkt in einem Hause der Geist brüderlicher Eintracht und Liebe. Einem wohlriechenden Balsam ist er zu vergleichen, dieser Geist der Eintracht und Liebe, einem Balsam, der das ganze Haus durchduftet, dass schon der Fremde, der eintritt, sich lieblich davon angeweht fühlt, sich herzlich angesprochen fühlt von den freundlichen Gesichtern und zu sich selber sagt: Hier ist gut wohnen; einem Balsam, der vom Haupt herabfließt auf alle Glieder des Hauses, dass Mann und Frau, Bruder und Schwester, Kind und Gesinde, und selbst der Gast, der im Haus einspricht, selbst der Bettler, der an die Tür klopft, sein Tröpflein bekommt von diesem Balsam, seinen Anteil erhält am Segen dieser Liebe; einem Balsam, der auch Wunden heilen, Schmerzen lindern, die Widerwärtigkeiten des Lebens versüßen, die Sorgen des Tages erleichtern kann.
Wiederum einem erfrischenden Tau ist er zu vergleichen, dieser Geist der Eintracht und Liebe; einem Tau, der leise vom Himmel fällt als eine Gabe von oben; einem Tau, der die Herzen erquickt und erfrischt, dass fröhlich und gestärkt jedes am Morgen sich wieder aufrichtet und wohlgemut an sein Tagewerk geht; einem Tau, der die Erde befruchtet und nährt, dass Gras und Kraut, Busch und Baum, Blumen und Früchte wachsen und gedeihen. Denn fürwahr, wo Eintracht im Hause herrscht und herzliche Liebe die Herzen verbindet, da kann jede Tugend gedeihen, jedes gute Werk geraten, während der Geist der Zwietracht wie ein schädlicher Mehltau, wie ein eisiger Reif auf die Herzen fällt und manchen guten Trieb erstickt, manchen edlen Keim zerstört. Wo aber Liebe wohnt und Eintracht waltet, daselbst verheißt der Herr Segen und Leben immer und ewig. Friede ernährt, Unfriede verzehrt; das kann man in jedem Haus erfahren. Wo Brüder und Schwestern, Gatten und Gatten, Eltern und Kinder, Herrschaft und Gesinde einträchtig bei einander wohnen, ganz gewiss da ist auch der Segen im Haus; da geht jede häusliche Arbeit noch einmal so flink von statten; da kann Geschäft und Gewerbe fröhlich gedeihen; da hat man für Amt und Beruf Lust, Mut und Kraft; da können die Kinder wohlgeraten an Leib und Seele; ja da darf man auch an seinem Leib und Leben, an seiner Gesundheit und seinem Wohlbefinden die Balsamkraft der Liebe erfahren. Zwietracht aber und Ärger nagt an deinem Herzen und frisst an deinem Mark; wo man mit Ärger aufsteht, mit Schelten sein Tagewerk tut, mit Hass zu Bette geht, da schmeckt kein Schlaf, da gedeiht kein Geschäft, da gelingt kein Gebet, da gerät kein Kind, da bleibt keine Magd, da schlägt kein Essen an, da hilft kein Geld, kurz da ist kein Segen im Haus und hätte man Tausende in die Ehe gebracht, Hab und Gut verschwindet unter der Hand, denn es bleibt dabei: Friede ernährt, Unfriede verzehrt.
Und nun, meine Lieben, wenn wir solches Lob der Eintracht vernehmen, von solchem Segen des Friedens hören, an solchen Fluch der Zwietracht denken, so lasst uns ein jedes im Geist hineinblicken in sein eigen Haus und fragen: Wie sieht's da aus? Waltet da dieser Friede, der wie Balsam duftet auf Aarons Haupt, der wie Tau vom Hermon fleußt? Und tun wir auch jeder das Seine dazu? Du Hausvater, fließt von dir als dem Haupt ein Geist des Friedens auf alle, die im Hause sind? Du Hausmutter, waltest du als ein Engel des Friedens im Haus und verstehst auch Schwachheiten in Geduld zu ertragen und durch sanftmütige Bestrafung die Fehlenden zu bessern? Ihr Brüder und Schwestern, wohnt ihr einträchtig beisammen? Ihr Knechte und Mägde, geht ihr in Frieden und Stille eurem Tagewerk nach? Sind wir allesamt Kinder des Friedens? Oder gibt es jähzornige Herzen unter uns, böse Zungen, neidische Augen, händelsüchtige Hände?
O lasst uns nachher heimgehen, ein jegliches in sein Haus mit dem heiligen Vorsatz: Ich will dem Frieden nachjagen; lasst uns den Gott des Friedens bitten, dass er seinen Friedensgeist je mehr und mehr in unsere Herzen gieße wie den Balsam, der von Aarons Haupt, wie den Himmelstau, der von Hermon fleußt, damit auch wir ihn wieder können ausströmen auf die Unseren. Ja Herr,
Lass eins dem andern stets zum edlen Balsam werden,
Dass ein bedrängtes Herz in allerlei Beschwerden
Von seinem Nächsten Trost und Hilfe kommen seh‘
Und dass ein Bruderherz das andre nicht verschmäh.
Und nun, meine Lieben, wie im häuslichen Kreise, so gilt's auch:
2)
Im bürgerlichen Leben: „Siehe, wie fein und lieblich ist es, dass Brüder einträchtig bei einander wohnen.“ Sind nicht auch die Brüder, die zu einem Volke gehören, die eine Sprache reden, die bei einander wohnen in den Mauern einer Stadt, in den Grenzen eines Landes, und gilt's nicht auch im gemeinen Wesen: Friede ernährt, Unfriede verzehrt? Gilt's nicht auch zwischen Nachbarn und Mitbürgern, zwischen Obrigkeiten und Untertanen, zwischen Stammesbrüdern und Volksgenossen: Kindlein, liebt einander? Ja sollen nicht alle Menschen, die auf diesem Erdball wohnen, einträchtig bei einander wohnen und sich vertragen lernen als Kinder eines Vaters? Soll nicht die ganze Menschheit dem schönen Ziel entgegenwachsen: Eine Herde und ein Hirt? Sehen wir's nicht auch in der Welt- und Völkergeschichte: Segen und Leben ist nur da, Glück und Wohlstand wohnt nur da, Kunst und Wissenschaft gedeiht nur da, Handel und Gewerbe blüht nur da, wo Friede und wo Eintracht herrscht? Lesen wir's nicht gerade jetzt wieder alle Abende mit Schaudern und Entsetzen in der Zeitung aus Ostindien herüber, welcher Gräuel und Schandtaten der Mensch fähig ist, wo Aufruhr und Rebellion ein Land durchrasen, wie da alle Bande der Menschlichkeit mit Füßen getreten werden und der Mensch ärger haust als Tiger und Hyäne?
Oda schätzt man's recht: „Siehe, wie fein und lieblich ist es, wenn Brüder einträchtig bei einander wohnen!“ Da lernt man Gott recht danken für die Segnungen des Friedens, wie wir sie nun seit Menschengedenken genießen; da lernt man recht herzlich einstimmen in den Segenswunsch unseres großen Dichters: Holder Friede, süße Eintracht, weilet, weilet freundlich über dieser Stadt! Möge nie der Tag erscheinen, wo des Krieges raue Horden dieses stille Tal durchtoben! Einstimmen aber auch in die Bitte: Gib deinen Frieden, Herr, wo er noch nicht ist, wehre dem Blutvergießen dort im Morgenland und in aller Welt.
Erhebe dich und steure dem Herzleid auf der Erd,
Bring wieder und erneure die Wohlfahrt deiner Herd;
Lass blühen wie zuvor die Länder, so verheeret,
Die Kirchen, so zerstöret, richt aus der Asch empor!
Da, meine Lieben, gilt's aber auch, sich selber zu fragen und zu prüfen: Trägst du auch dein Scherflein bei zum allgemeinen Besten? Dienst du auch brüderlich nach deinen Kräften der allgemeinen Wohlfahrt? Hältst du dich nach der Mahnung des Apostels: Soviel an euch ist, habt Frieden mit jedermann? Kannst du dich freisprechen von dem Eigennutz, der nur das Seine sucht und nicht sieht auf das, was des Nächsten ist? von dem Eigensinn, der nur immer Recht haben und Recht behalten will? von der Trägheit, die keine Hand und keinen Fuß rühren mag fürs gemeine Beste? von dem Neid, der keinen Bruder neben sich, keinen Höheren über sich dulden kann? Suchst du als ein redlicher Bürger treulich der Stadt Bestes, darin du wohnst? Da gilt's, den Herrn zu bitten, den Urquell der Liebe:
Liebe, hast du es geboten, dass man Liebe üben soll,
O so mache du die toten, trägen Herzen liebevoll,
Zünde an die Liebesflamme, dass ein jeder sehen kann,
Wir als die von einem Stamme stehen auch für einen Mann.
Solche Liebe gedeiht aber nur auf dem Grunde gemeinsamen Glaubens; darum ganz besonders:
3)
Fürs kirchliche Leben gilt das Lob brüderlicher Eintracht: „Siehe, wie fein und lieblich ist es, wenn Brüder einträchtig bei einander wohnen.“ In wem aber, meine Lieben, und durch wen erkennen wir uns erst recht als Brüder und Schwestern? Nicht wahr in dem und durch den, der uns allen den Vater gezeigt, der uns alle mit dem Vater versöhnt, der uns alle zu Kindern Gottes berufen, der den Seinen als sein letztes Vermächtnis das Gebot hinterlassen hat: daran wird man erkennen, dass ihr meine Jünger seid, so ihr Liebe untereinander habt? und der uns zuruft durch seinen Apostel: Ist nun bei euch Ermahnung in Christo, ist Trost der Liebe, ist Gemeinschaft des Geistes, ist herzliche Liebe und Barmherzigkeit, so erfüllt meine Freude, dass ihr eines Sinnes seid, gleiche Liebe habt, einmütig und einhellig seid, nichts tut durch Zank oder eitle Ehre, sondern durch Demut achtet euch untereinander einer den andern höher, denn sich selbst. Und ein jeglicher sehe nicht auf das Seine, sondern auf das, das des andern ist. Ein jeglicher sei gesinnt, wie Jesus Christus auch war.
„Siehe, wie fein und lieblich ist es, wenn Brüder und Schwestern in Jesu Christo einträchtig bei einander wohnen.“ Wie fein und lieblich, wenn man von Christen sagen kann, wie in jener ersten Gemeinde zu Jerusalem: Die Menge der Gläubigen war ein Herz und eine Seele! Wie fein und lieblich es ist, einträchtig beisammen zu sein im Namen des Herrn, sich miteinander und aneinander zu erbauen im Glauben, in der Liebe, in der Hoffnung, wie da ein Herz am andern sich entzündet, wie man da so selig spüren darf, was der Herr verheißen hat: Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen, davon haben wir alle, Geliebte, gewiss schon oftmals etwas erfahren, sei es in der großen Gemeinde, sei es im kleinen Kreise wie hier. - Aber auch das leider wissen wir, wie diese Gemeinschaft im Geist, diese Eintracht in der Liebe des Herrn leider so vielfach gestört ist durch Sektenhass und Parteigeist nicht nur in der großen Christenheit, sondern auch in der evangelischen Kirche selber, ja oft in einer einzigen Gemeinde. Sollten wir da nicht auch bitten den großen Hohepriester, dass er von seinem Haupt das Salböl der Liebe wolle herniederfließen lassen auf alle Glieder seiner Gemeinde? Sollten wir da nicht Gottes Segen wünschen zu allem, was dazu dient, Friede und Liebe zu stärken in der evangelischen Christenheit, wie die Versammlung des evangelischen Bundes, der in dieser Woche zu Berlin sich versammelt aus allen Ländern und Weltteilen? Wie die Zusammenkunft des deutsch evangelischen Kirchentags, der in ein paar Wochen hier in unserer Stadt seine Beratungen halten wird? Sollten wir da nicht jeder in seinem Teil sich immer aufs Neue wieder ermuntern: Der Glaube ist tätig durch die Liebe und daran wird man erkennen, dass wir Jesu Jünger sind, so wir uns untereinander lieben? Sollten wir da nicht den großen Hohepriester bitten, dass er je mehr in unsere Herzen ausgieße den Geist seiner Liebe? Ja,
Friedefürst! lass deinen Frieden stets in unsrer Mitte ruhn;
Liebe! lass uns nie ermüden, deinen selgen Dienst zu tun;
Denn wie kann die Last auf Erden und des Glaubens Ritterschaft
Besser uns versüßet werden, als durch deiner Liebe Kraft?
Amen.