Gerok, Karl von - Andachten zum Psalter - Psalm 129.

(1) Ein Lied im höheren Chor. Sie haben mich oft gedrängt von meiner Jugend auf, so sage Israel, (2) Sie haben mich oft gedrängt von meiner Jugend auf, aber sie haben mich nicht überwunden. (3) Die Pflüger haben auf meinem Rücken geackert, und ihre Furchen lang gezogen. (4) Der Herr, der gerecht ist, hat der Gottlosen Seile abgehauen. (5) Ach, dass müssten zu Schanden werden und zurückkehren Alle, die Zion gram sind! (6) Ach, dass sie müssten sein wie das Gras auf den Dächern, welches verdorrt, ehe man es ausrauft! (7) Von welchem der Schnitter seine Hand nicht füllt, noch der Garbenbinder seinen Arm voll, (8) Und die vorübergehen, nicht sprechen: Der Segen des Herrn sei über euch, wir segnen euch im Namen des Herrn.

„Oft bekriegt, doch nie besiegt!“ Das könnte man als kurzes Motto über unsern Psalm setzen. Das ist's, was der Sänger dieses kräftigen Lieds aus der Geschichte Israels rühmt seinem Volke zum Trost, seinen Feinden zum Trotz, seinem Gott zur Ehre: „Oft bekriegt, doch nie besiegt!“

Eine gute stählerne Klinge kann man krumm biegen wie einen Reif, und doch, sowie der Druck nachlässt, schnellt sie kerzengerad wieder auf. Einen klaren Bach können mutwillige Buben trüben, indem sie Schmutz und Unrat hineinwerfen, und doch, nach einer kurzen Strecke hat er den Unrat wieder abgesetzt und fließt kristallhell wie zuvor. Einen mächtigen Eichbaum kann der Sturm schütteln, dass die Blätter rauschen, dass die Äste ächzen, dass einzelne Zweige abgebrochen davonfliegen, und doch, wenn der Sturm vorüber, so steht der Baum noch fest und aufrecht wie zuvor, ja gerade im Sturm gründet er seine Wurzeln nur desto tiefer im Boden und wächst fester in die Erde. So ist's auch mit dem Reiche Gottes, mit dem Volke Gottes, mit dem Worte Gottes, mit dem Kind Gottes: „Oft bekriegt, doch nie besiegt!“ Wir wollen's in dieser Andachtsstunde etwas näher beherzigen, dieses:

„Oft bekriegt, doch nie besiegt!“

wie es sich in alter und neuer Zeit bewährt hat am Volk Israel, an der Kirche Christi, am Wort Gottes und an den Kindern Gottes.

1)

V. 1-4: „Sie haben mich oft gedrängt von meiner Jugend auf, so sage Israel, sie haben mich oft gedrängt von meiner Jugend auf, aber sie haben mich nicht überwunden. Die Pflüger haben auf meinem Rücken geackert und ihre Furchen lang gezogen. Der Herr, der gerecht ist, hat der Gottlosen Seile abgehauen.“ So konnte allerdings Israel wohl sagen, wenn es zurückblickte auf seine Geschichte von Moses Tagen bis in der Makkabäer Zeit. Ja die Feinde, haben es oft gedrängt, das auserwählte Volk Gottes von seiner Jugend an; wie Josef von seinen Brüdern gehasst ward, weil er des Vaters Liebling war, beneidet ward um seinen bunten Rock, verspottet ward als der stolze Träumer: so haben auch die Heidenvölker umher von Anbeginn an das Volk Gottes gehasst, weil es Jehovas lieber Sohn war, haben's beneidet um sein schönes Erbteil Kanaan, da Milch und Honig floss, haben's verspottet mit seinem Glauben an einen unsichtbaren Gott, mit seinen Weissagungen vom zukünftigen Heil. Wie oft ward es hart bedrängt, dieses Volk, in Ägypten von den Pharaonen, zur Richterzeit von den Philistern, unter den Königen von Assur und Babylon, in der Makkabäer Tagen von den Syrern, zuletzt von den Römern. Welch tiefe blutige Furchen zog da der Krieg durch das arme Land, so dass es zehnmal schien: es ist aus mit ihnen. „Aber sie haben mich nicht überwunden; der Herr, der gerecht ist, hat der Gottlosen Seile abgehauen“ so durfte Israel immer wieder rühmen durch seines Gottes Gnade. Denkt an Mosis Lobgesang, nachdem Pharao vom roten Meer verschlungen war mit Ross und Waagen. Denkt an Gideons Heldentaten und Davids Siege. Denkt an Sanheribs Untergang, da der Würgengel der Pest einbrach in sein Lager über Nacht hart vor Jerusalems Toren. Denkt an der Stadt mächtiges Wiederaufblühen unter Esra und Nehemia und an den Heldenkampf der makkabäischen Brüder. „Oft bekriegt, doch nie besiegt!“ das war doch allezeit das Ende vom Lied. Denn der Herr, der Heilige und Alleingewaltige, hatte dieses Volk ausersehen, um an ihm kund zu tun seine Wundermacht und Wundertreue, wie er ihm verheißen: Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer.

Und als nun Israels Gnadenzeit zu Ende war und das Volk, das der Herr zwei Jahrtausende lang mit Langmut getragen, zerstreut ward unter die Völker, da trat in sein Erbteil ein das Volk des neuen Bundes, und so ist es: 2) Die Kirche Christi, von der es nun auch heißt nach einer Geschichte von fast zwei Jahrtausenden: „Oft bekriegt, doch nie besiegt!“ Sie haben mich oft gedrängt von meiner Jugend auf.“ So fürwahr kann auch die Kirche Christi klagen oder rühmen.

Zumal in ihrer Jugend, in den ersten Jahren und Jahrhunderten ihres Bestehens, als sie sich ihr Dasein erst erkämpfen musste in der Welt, als sie noch ein zartes Pflänzlein war, als sie noch ein schwaches Kindlein gleichsam war, als man hätte meinen sollen, sie könne am wenigsten aushalten und ein Windstoß könne sie für immer zu Boden werfen - was hat da die Kirche Christi durchmachen müssen: welche Stürme, welche Misshandlungen, welche Verfolgungen! Von den Tagen der Apostel an, davon wir in der Apostelgeschichte lesen, als Stephanus gesteinigt, Jakobus enthauptet, Petrus und Johannes gestäupt, Paulus in allen Ländern verfolgt ward, bis zu den späteren zehn großen Christenverfolgungen, wo 200 Jahre lang das Blut unzähliger Märtyrer in allen Ländern floss, wo Greise, Männer, Frauen, Knaben, Mädchen, Kinder gekreuzigt, enthauptet, den wilden Tieren vorgeworfen, auf Scheiterhaufen verbrannt, in Öl gesotten, unter hunderterlei Martern getötet wurden, da konnte die Kirche Christi wahrlich auch sagen: Sie haben mich oft gedrängt von meiner Jugend auf; die Pflüger haben auf meinem Rücken geackert und ihre Furchen lang gezogen.“

Auch unsere evangelische Kirche insonderheit hat solche Erfahrungen gemacht in ihrer Jugend vor zwei bis dreihundert Jahren. Als man den evangelischen Glauben mit Feuer und Schwert noch verfolgte; als Hus verbrannt, Luther in den Bann getan ward; als in Frankreich in der blutigen Bartholomäusnacht auf der sogenannten Pariser Bluthochzeit 30.000 Evangelische auf einmal hingeschlachtet wurden in ihren Betten und auf den Straßen; als in Deutschland durch den furchtbaren dreißigjährigen Krieg der evangelische Glaube sollte ausgerottet werden und Kirchen, Dörfer, Städte zu Hunderten in Schutt und Asche lagen, da hieß es wiederum: „Sie haben mich oft gedrängt von meiner Jugend auf; die Pflüger haben auf meinem Rücken geackert und ihre Furchen lang gezogen.“

2)

„Aber sie haben mich nicht überwunden. Der Herr, der gerecht ist, hat der Gottlosen Seile abgehauen.“ Oft bekriegt, doch nie besiegt; das ist auch der Kirche Christi, auch der evangelischen Kirche Symbolum geblieben bis auf diesen Tag. Noch steht sie, die Kirche Christi, mitten in einer feindseligen Welt und alles Blut der Märtyrer musste nur dazu dienen, den Acker des Reichs Gottes zu bedüngen und fruchtbar zu machen, und je tiefer die Pflüger ackerten mit ihrer eisernen Pflugschar, umso tiefer konnte auch der Same der göttlichen Wahrheit eingesenkt werden in die Furchen, und je heftiger die Stürme der Verfolgung tobten, umso weiter wurden die Funken der göttlichen Wahrheit hinausgestreut in alle Lande. Und auch unsere evangelische Kirche darf trotz all ihren Feinden, trotz all ihren Nöten, trotz all ihren Schwächen heute noch im Glauben singen:

Das Wort sie sollen lassen stahn und kein Dank dazu haben,
Er ist bei uns wohl auf dem Plan mit seinem Geist und Gaben.

Das Wort sie sollen lassen stahn. Ja, meine Lieben, ganz besonders auch:

3)

Vom Worte Gottes gilt's: „Oft bekriegt, doch nie besiegt!“ Gegen die Kirche Christi im ganzen gehen heutzutage die Verfolgungen nicht mehr, denn sie steht zu fest; aber das Wort Gottes, die Bibel, muss jetzt herhalten für die Angriffe des Unglaubens. Blut wird jetzt nicht mehr leicht vergossen von den Feinden des Christentums, aber Tinte wird viel verschrieben, und statt mit dem Schwert zieht man gegen das Christentum mit der Feder zu Feld. Ja, von altersher hat man neben der äußeren Gewalt besonders auch die Waffen der Gelehrsamkeit, des Scharfsinns, des Witzes und des Spottes gegen das Wort Gottes gebraucht. Schon am Pfingstfest, da die Apostel in neuen Zungen die großen Taten Gottes verkündeten, spotteten etliche: Sie sind voll süßen Weines. Als Paulus Christum den Gekreuzigten predigte, war es den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit, und als er in Athen von der Auferstehung der Toten redete, da hatten's etliche ihren Spott. Von griechischen und römischen Philosophen und heidnischen Weltweisen wurden ganze Bücher geschrieben gegen das Christentum. Bald suchte man es lächerlich zu machen als eine törichte Lehre, bald suchte man es anzuschwärzen als eine staatsgefährliche Anstalt, bald suchte man es zu widerlegen mit viel Scharfsinn und Gelehrsamkeit. Im Mittelalter wurde die Bibel verboten als ein gefährliches Buch mitten in der Christenheit selber. Und als dann in der evangelischen Kirche das Wort Gottes wieder zu Ehren gebracht war, da dauerte es auch nicht lang, so ward es wieder misshandelt auf allerlei Weise. Da kamen im vorigen Jahrhundert die französischen Freigeister, ein Voltaire und Genossen, und verspotteten die Bibel in allerlei witzigen Schriften, in Prosa und in Versen; da kamen noch in diesem Jahrhundert die deutschen Gelehrten und suchten nachzuweisen, die Bibel sei unecht, komme nicht von den Aposteln und Propheten her, enthalte nichts als Fabeln und Märlein. Kurz, meine Lieben, man hat mit Recht gesagt: die Bibel sei der größte Märtyrer, den man nun seit 1800 Jahren zu Tode martern wolle, und wohl kann das Wort Gottes auch sagen: „Sie haben mich oft gedrängt von meiner Jugend an; die Pflüger haben auf meinem Rücken geackert und ihre Furchen lang gezogen.“ Kein Buch, kein Kapitel, kein Sprüchlein fast in der ganzen Bibel, das nicht schon wäre misshandelt worden, an dem nicht die Feinde des göttlichen Worts schon ihre Schuhe abgeputzt, über das nicht die Pflugschaar einer feindseligen Kritik gegangen. Und doch auch hier heißt's: „Oft bekriegt, doch nie besiegt.“ Wie man einen lebendigen Brunnquell wohl eine Zeitlang verstopfen kann mit Steinen und Erde, aber mit der Zeit bricht er doch wieder heraus und macht sich Bahn und rieselt wieder klar und hell durchs Gestein, so bricht auch das Wort göttlicher Wahrheit immer wieder mit Macht hervor, während es von seinen Feinden gilt, was in unserem Psalme steht:

V. 5-8: „Ach, dass müssten zu Schanden werden und zurückkehren alle, die Zion gram sind! Ach, dass sie müssten sein wie das Gras auf den Dächern, welches verdorrt, ehe man es ausrauft! Von welchem der Schnitter seine Hand nicht füllt, noch der Garbenbinder seinen Arm voll, und die vorübergehen, nicht sprechen: Der Segen des Herrn sei über euch, wir segnen euch im Namen des Herrn.“ Ja wahrlich die Bücher, die gegen das Buch der Bücher geschrieben worden, mit all ihrem Wiz und ihrer Gelehrsamkeit sind sie „wie Gras auf den Dächern“, das in der Sonnenhitze verdorrt, ehe man es ausrauft; der Schnitter kann seine Hand nicht davon füllen, es sind wenig Körnlein der Wahrheit, wenig Körnlein des Segens darin; wie tote Spreu verfliegen sie im Winde und niemand ist, der den Schreibern Dank und Segen dafür zuruft, wie man etwa den Schnittern auf dem Felde Glück wünscht zu ihrem erfreulichen Geschäft und zuruft: „Wir segnen euch im Namen des Herrn.“ „Oft bekriegt, doch nie besiegt“; das gilt aber endlich auch:

4)

Von den Kindern Gottes im Einzelnen. „Sie haben mich oft gedrängt von meiner Jugend auf!“ So kann manches Kind Gottes sagen im Rückblick auf seinen eigenen Lebenslauf. Denkt an Josef unter seinen Brüdern; denkt an David, wie er das Joch tragen musste in seiner Jugend; denkt an den lieben Sohn Gottes selber, wie er als Kindlein schon musste geflüchtet werden vor dem Mordschwert des Herodes. Es ist immer noch die Art der Welt: ein Kind Gottes ist ihr ein Dorn im Aug und sie ist mit Spott und Verfolgung gleich bei der Hand. Es ist immer noch die Ordnung Gottes: welchen er lieb hat, den züchtigt er; es ist immer noch die Erfahrung vieler echten Christen, dass sie in der Jugend schon durch eine harte Schule mussten, dass sie vielleicht im Elternhaus schon oder in der Lehre oder im Dienst oder im Anfang ihres Hausstands viel Drangsal durchmachen, viel Bitteres erfahren mussten. Aber auch da heißt es bei einem echten Gotteskind: „Oft bekriegt, doch nie besiegt. Sie haben mich oft gedrängt von meiner Jugend auf, aber sie haben mich nicht überwunden. Der Herr, der gerecht ist, hat der Gottlosen Seile abgehauen.“ Sie können uns Tage verbittern und Stunden verderben, sie können uns an zeitlichem Gut schaden und unserem guten Namen auf eine Weile etwas anhängen, aber unterbringen können sie ein echtes Kind Gottes nicht; sie können seinen Sinn und Wandel nicht beugen, seinen Gott ihm nicht nehmen, seinen Himmel ihm nicht rauben, und wie der Stahl aus dem Feuer nur umso härter hervorgeht, wie die Traube in der Hitze nur um so süßer ausgekocht wird, so geht ein Kind Gottes nur immer fester und reifer hervor aus den Gluten, die seine Dränger ihm angezündet. Selig ist der Mann, der die Anfechtung erduldet, denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone des Lebens erlangen.

Lass die Welt nur immer neiden, will sie mich nicht länger leiden,
Ei, so frag ich nichts danach, Gott ist Richter meiner Sach.
Will sie mich gleich von sich treiben, muss mir doch der Himmel bleiben,
Der ist, nimmt sie alles hin, mir der seligste Gewinn.

Amen.

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