Gerok, Karl von – Andachten zum Psalter - Psalm 117.

Gerok, Karl von – Andachten zum Psalter - Psalm 117.

(1) Lobt den Herrn, alle Heiden, preist ihn, alle Völker. (2) Denn seine Gnade und Wahrheit waltet über uns in Ewigkeit, Halleluja.
Der kürzeste Psalm im ganzen Psalmbuch, dieser 117. Psalm mit seinen zwei Versen. Und doch könnte man über diesen kurzen Psalm ein ganzes Jahr lang alle Wochen eine Bibel- und Betstunde halten. Denn in diesen zwei Versen ist die ganze Kirchengeschichte, die ganze Missionsgeschichte, ja die ganze Weltgeschichte eingeschlossen. Worauf läuft denn die ganze Geschichte des Reichs Gottes hinaus von Abrahams Tagen an bis ans Ende der Tage und bis zur Wiederkunft des Herrn: als dass erfüllt werde, was unser Psalm prophetisch verkündet: „Lobt den Herrn, alle Heiden, preist ihn, alle Völker!“ Ja, einst am Ende der Tage, wenn das Evangelium die ganze Welt durchlaufen hat, wenn alle Gottesverheißungen erfüllt sind, wenn alle Völker sich gesammelt haben unter dem königlichen Zepter Jesu Christi - dann wird das der Schlusspsalm sein, den das große Volk des Herrn anstimmen wird aus allen Völkern und Zungen, der millionenstimmig hinklingen wird über alle Länder und Meere, ja der hinaufklingen wird von der Erde bis in den seligen Himmel hinauf und fortklingen bis in die tiefen Ewigkeiten hinein: „Lobt den Herrn, alle Heiden, preist ihn, alle Völker. Denn seine Gnade und Wahrheit waltet über uns, Halleluja!“

Und schon jetzt, mitten im gegenwärtigen Welt- und Zeitlauf ist es ja vielfach recht herrlich in Erfüllung gegangen dieses prophetische Gebot: „Lobt den Herrn, alle Heiden!“ so dass es wohl der Mühe wert ist, dieses herrliche Wort näher zu betrachten und zu beleuchten. Dazu wollen wir denn heute diese Abendstunde benützen und mit unserer Andacht verweilen bei dem großen Wort:

Lobt den Herrn, alle Heiden!“

indem wir's betrachten:

1) Als große Verheißung;
2) als herrliche Erfüllung;
3) als heilige Mahnung.

1)

Als eine große Verheißung zieht sich durchs ganze Alte Testament der Gedanke hindurch: „Lobt den Herrn, alle Heiden!“ Wohl war Israel das auserwählte Volk, das der Herr sich zum Erbteil ausgesondert hatte aus der bunten Masse der Heidenwelt. Wohl sollten sich die Kinder Abrahams als das auserwählte Volk von den heidnischen Nachbarvölkern abgesondert und unbefleckt erhalten.

Wohl sehen wir, dass die Juden zum Teil hochmütig auf die Heiden herabsahen, als hätten diese ewig keinen Teil am Reich Gottes. - Aber dessen ungeachtet, wenn irgendein Gottesgedanke recht klar und kräftig ausgesprochen ist im Alten Testamente, so ist's der: Auch die Heiden sollen einst den Herrn, den Gott Israels noch loben und anbeten. Schon das erste Evangelium im Paradiese vom Weibessohn, welcher einst der Schlange den Kopf zertreten sollte, es gilt der ganzen Menschheit, wie der Sündenfluch der ganzen Menschheit gilt. Und als dann Abraham unter dem Sternenhimmel die göttlichen Verheißungen empfing, da hieß es mehr als einmal: Durch dich sollen gesegnet werden alle Geschlechter der Erde. Und wenn später ein David oder Assaph in seinen Psalmen am begeistertsten in die Harfe greift, dann ruft er nicht nur sein Volk, nein dann ruft er alle Völker auf zum Lobe des Herrn, wie wir hier es vernehmen: „Lobt den Herrn, alle Heiden!“ oder wie's im 98. Psalme hieß: „Der Herr lässt sein Heil verkündigen, vor den Völkern lässt er seine Gerechtigkeit offenbaren: Aller Welt Ende sehen das Heil unseres Gottes.“ Und wenn der königliche Jesaja oder sonst der Propheten einer vom Geiste Gottes erleuchtet den Vorhang der Zukunft lüftet, dann vernehmen wir immer jene herrlichen Weissagungen von der Verbreitung des Reichs Gottes über die ganze Erde, wie neulich am Erscheinungsfest: Die Heiden werden in deinem Lichte wandeln und die Könige im Glanz, der über dir aufgeht.“

Und als nun das Heil erschienen war in dem menschgewordenen Gottessohn, da stand es ihm von Anfang an auf der Stirne geschrieben, er sei nicht nur der Retter Israels, sondern der Weltheiland. Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; so lautete die Engelsbotschaft über der Krippe zu Bethlehem. Und Simeon, da er das göttliche Kind auf den Armen hält, ruft er entzückt aus: „Meine Augen haben deinen Heiland gesehen, welchen du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht zu erleuchten die Heiden und zum Preis deines Volks Israel.“ Und er selber, das Licht der Welt, als er nun seinen Segensgang auf Erden begonnen, da bekannte er sich zwar wohl als gesandt zuvörderst zu den verlorenen Schafen aus dem Haus Israel; aber doch blickte er mit seinem himmlisch hellen Auge weithinaus über die Grenzen des Jüdischen Landes; doch hatte er in seinem göttlich großen Herzen Raum für die ganze Sünderwelt; doch sprach er selber von andern Schafen, die er auch noch herzuführen müsse und die nicht aus diesem Stalle seien, und verhieß, dass einst eine Herde sein sollte und ein Hirt. Und als er seine Apostel aussandte, da lautete sein majestätischer Befehl: „Geht hin und lehrt alle Völker! Geht hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur!“

„Lobt den Herrn, alle Heiden!“ Alle Völker sollen teilhaben an dem Heil, das in Christo der Welt erschienen ist. Das ist die klare, feste, unerschütterliche Verheißung der Schrift. So gewiss Gott der Allbarmherzige ist, der nicht will, dass eine Seele verloren gehe, so gewiss hat er die ganze Menschheit eingeschlossen in den Ratschluss der Erlösung. Und so gewiss Gott der Allmächtige ist, dem nichts widerstehen kann im Himmel und auf Erden, so gewiss wird sein Reich noch siegen über alle Reiche der Welt. So gewiss die ganze Menschheit unterm Fluch der Sünde liegt und ist keiner in der weiten Welt, der gerecht wäre, auch nicht einer, so gewiss bedarf auch die ganze Menschheit den Heiland und sein Evangelium. Und so gewiss das Evangelium Jesu Christi eine Kraft Gottes ist, selig zu machen alle, die daran glauben, und göttliche Wahrheit, göttliches Leben enthält, so gewiss passt es auch für alle Völker, für den Griechen wie für den Juden, für den armen Eskimo so gut als für den stolzen Brahminen, für den stumpfen Neger so gut als für den hochgebildeten Europäer. Und heute noch wie vor dritthalbtausend Jahren rufen wir's an jedem Erscheinungsfest wieder als herrliche Verheißung hinaus über die ganze Erde: „Lobt den Herrn, alle Heiden!“

Eine Herde und ein Hirt! Wie wird dann dir sein, o Erde, Wenn sein Tag erscheinen wird? Freue dich, du kleine Herde; Mach dich auf und werde Licht; Jesus hält, was er verspricht. Er hält es schon bisher. Es ist auch

2)

schon vielfach zur herrlichen Erfüllung worden, dieses: „Lobt den Herrn, alle Heiden!“ Es war freilich damals ein kühnes, ein unglaubliches Wort, als es der Psalmist zuerst aussprach: „Lobt den Herrn, alle Heiden!“ Denn wie verachtet war damals unter den Heiden das Volk Israel und sein Gott! Wieviel Hohn und Spott, wieviel Fluch und Schmach erging aus Heidenmund und von Heidenhänden über das arme Häuflein Jakob und über seinen Glauben und über seine Heiligtümer und über seine Propheten und über seinen Gott und Herrn, von den Tagen Pharaos an, der die Kinder Israel mit Füßen trat, bis auf die Tage eines Antiochus, jener schädlichen bösen Wurzel, von dem die Bücher der Makkabäer erzählen, wie er in den heiligen Tempel Gottes den Gräuel der Verwüstung warf, die Gläubigen marterte und verhöhnte. Und doch auch schon im alten Bunde hat da und dort der Herr sich ein Lob bereitet aus Heidenmund. Jener syrische Prophet Bileam, der vom Geiste Gottes ergriffen segnen musste, wo er fluchen wollte, und weissagte von dem Stern, der aufgehen sollte aus Jakob; jener syrische Feldhauptmann Naeman, der, nachdem er im Jordan rein geworden von seinem Aussah, vor dem Propheten Elisa bekennt: Siehe, ich weiß, dass kein Gott ist in allen Landen, ohne in Israel; jener große Mederkönig Darius, der, nachdem er das Wunder gesehen, das der lebendige Gott an Daniel in der Löwengrube getan, das merkwürdige Manifest ausgehen lässt in sein Reich: Das ist mein Befehl, dass man in der ganzen Herrschaft meines Königreichs den Gott Daniels fürchten und scheuen soll, denn er ist der lebendige Gott, der ewig bleibt; jene Weisen aus dem Morgenland, die dort, als selbst in Israel fast noch keine Seele von Jesu wusste, kommen, um anzubeten den neugeborenen König der Juden; jener Hauptmann von Kapernaum und jene kananäische Mutter, die Israel beschämen mit ihrem fröhlichen Glauben an den Herrn Jesum; jener römische Kriegsmann, der unter dem Kreuze Christi bekennt: Fürwahr, dieser ist ein frommer Mensch und Gottes Sohn gewesen; das Wunder des Pfingstfestes, wo die großen Taten Gottes gepredigt werden in den Zungen fast aller Völker; der römische Hauptmann Cornelius zu Cäsarea, den Petrus tauft; - der heidnische Kerkermeister zu Philippi, den Paulus bekehrt; seht, das sind alles die Vorläufer der Heiden, die den Herrn loben sollen; das sind die ersten Stimmen aus der Heidenwelt, die da bekennen: In dem Herrn habe ich Gerechtigkeit und Stärke!

Und nun, was ist inzwischen geschehen zur Ehre Gottes unter den Völkern? Seit vor 1800 Jahren der Apostel Paulus zum ersten Mal aufs Schiff stieg, um den Heidenvölkern Kleinasiens das Evangelium zu bringen von Jesu Christo, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, bis zum letzten Missionsfest und neuesten Missionsbericht! - wieviel Ehre hat der lebendige Gott eingelegt auch unter Heiden! wie manches Land, das zuvor eine Wüste war, ist nun ein Garten Gottes worden durch den Samen des Evangeliums! wie manches Volk, das zuvor in der Irre ging wie verlorene Schafe, ist nun bekehrt zum Hirten und Bischof unserer Seelen! Wenn in 170 Sprachen nunmehr die Heilige Schrift auf Erden verbreitet ist, heißt's da nicht in Wahrheit: „Lobt den Herrn, alle Heiden!“ Wenn 1400 Missionsstationen auf Erden mit 2500 Missionaren und 3000 Evangelisten aus bekehrten Heiden wie brennende Leuchttürme zerstreut stehen in der Finsternis der Heidenwelt, dürfen wir da nicht mit einiger Zuversicht sprechen: „Lobt den Herrn, alle Heiden!“ Wenn nur in den letzten fünfzig Jahren Hunderttausende von Heiden gewonnen worden sind fürs Evangelium - ist sie da nicht in schönem Gang die Erfüllung des Worts: „Lobt den Herrn, alle Heiden!“ Und wenn wir da und dorther lesen von dem Glaubensmut und von dem Liebesfeuer solcher Neubekehrten; wenn wir lesen, wie in Neuseeland aus Löwen Lämmer geworden sind, aus wilden Menschenfressern ein gesittetes Christenvölklein geworden ist; wie in Ostindien ein neubekehrter Hindujüngling, den sein eigener Vater erwürgen will aus Zorn über seine Bekehrung, ruhig spricht: Lieber will ich sterben, als Christum lassen; wie in Westindien jener bekehrte Negerknabe betet, obgleich's ihm sein Herr bei harter Strafe verbietet, betet, obgleich er mit blutigen Geißelhieben dafür gestraft wird, fortbetet unter den Streichen seines Tyrannen und zwar betet für den Herrn, der ihn also misshandelt, sagt, müssen wir da nicht glückwünschend und bewundernd hinüberrufen in die Heidenwelt: Recht so, ihr lieben Brüder, lobt den Herrn, alle Heiden! und anbetend emporrufen gen Himmel: Von dem Herrn ist das geschehen und ist ein Wunder vor unsern Augen!

Sieh, das Heer der Nebel flieht vor des Morgenrotes Helle,
Und der Sohn der Wüste kniet dürstend an der Lebensquelle;
Ihn umleuchtet Morgenlicht: Jesus hält, was er verspricht!

Aber eben darum wird's uns auch:

3)

Eine heilige Mahnung, dieses: „Lobt den Herrn, alle Heiden!“ Eine Mahnung vor allem zu dankbarem Lobe und fröhlichem Bekenntnis des großen treuen Gottes, der auch unsere heidnischen Väter errettet hat von der Obrigkeit der Finsternis und versetzt in das Reich seines lieben Sohnes, an welchem wir haben die Erlösung durch sein Blut, nämlich die Vergebung der Sünden, so dass auch wir nun bekennen dürfen, wie dort das Volk Israel durch den Mund des Psalmisten: „Seine Gnade und Wahrheit waltet über uns in Ewigkeit, Halleluja!“

Ja, wenn es sogar den Heiden gilt, die noch ferne sind vom Reiche Gottes: Lobt den Herrn, alle Heiden!“ wieviel mehr kann er von uns, denen so lange schon seine Gnade und Wahrheit in Jesu Christo erschienen ist, ein dankbares Lob, ein freudiges Bekenntnis, eine fromme Treue, einen kindlichen Gehorsam erwarten! Und wenn wir hören, wie jene neubekehrten Seelen oft brennen von Heilsbegierde und von Freude im heiligen Geist und von Liebe zum Herrn und seinem Wort müssen nicht dann wir unseres Undanks und Kaltsinns uns schämen? Und wenn wir hinauspredigen: „Lobt den Herrn, alle Heiden!“ dürfen sie uns dann nicht hereinrufen: „Und preist auch ihr ihn, o Christen?“ Und wenn wir selber es schätzen, was wir haben an unserem Herrn und seinem Reich, dann muss uns das Wort: „Lobt den Herrn, alle Heiden!“ auch eine Mahnung werden, selber mitzuhelfen, mitzusorgen, mitzubeten, mitzugeben, mitzuopfern, dass die Heiden den Herrn kennen und loben und lieben lernen; eine Mahnung, mitanzustehen in unserem geringen Teil am Werk der Mission, dass der Name des Herrn geheiligt werde, dass sein Reich komme, dass sein Wille geschehe wie im Himmel also auch auf Erden! Ja,

Komm, o komm, getreuer Hirt, dass die Nacht zum Tage werde;
Ach wie manches Schäflein irrt fern von dir und deiner Herde!
Kleine Herde, zage nicht; Jesus hält, was er verspricht!
Amen.

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