Gerok, Karl von – Andachten zum Psalter - Psalm 112.

Gerok, Karl von – Andachten zum Psalter - Psalm 112.

(1) Halleluja. Wohl dem, der den Herrn fürchtet, der große Lust hat zu seinen Geboten. (2) Des Same wird gewaltig sein auf Erden, das Geschlecht der Frommen wird gesegnet sein. (3) Reichtum und die Fülle wird in ihrem Hause sein, und ihre Gerechtigkeit bleibt ewig. (4) Den Frommen geht das Licht auf in der Finsternis, von dem Gnädigen, Barmherzigen und Gerechten. (5) Wohl dem, der barmherzig ist, und gerne leiht, und richtet seine Sachen aus, dass er niemand Unrecht tue. (6) Denn er wird ewig bleiben, des Gerechten wird nimmermehr vergessen. (7) Wenn eine Plage kommen will, so fürchtet er sich nicht; sein Herz hofft unverzagt auf den Herrn. (8) Sein Herz ist getrost und fürchtet sich nicht, bis er seine Lust an seinen Feinden sieht. (9) Er streut aus und gibt den Armen; seine Gerechtigkeit bleibt ewig, sein Horn wird erhöht mit Ehren. (10) Der Gottlose wird es sehen, und wird ihn verdrießen; seine Zähne wird er zusammenbeißen, und vergehen. Denn was die Gottlosen gerne wollten, das ist verloren.
„Gottseligkeit ist zu allen Dingen nütze und hat die Verheißung dieses und des zukünftigen Lebens.“ Dieser Paulusspruch ist schon vor Paulus wahr gewesen, und wir finden im Alten Testament nicht nur viele schöne Aussprüche, sondern auch viele schöne Exempel, wodurch derselbe bestätigt wird.

So haben wir im Psalmbuch schon manchen Lehrpsalm gehabt, der vom Glück der Frommen handelt, wie gleich den ersten Psalm, der beginnt: „Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen“; oder den wohlbekannten 37. Psalm mit jenen oft gebrauchten Kernsprüchen: „Habe deine Lust an dem Herrn, der wird dir geben, was dein Herz wünscht; bleibe fromm und halte dich recht, denn solchem wird es zuletzt wohlgehen,“ und andere.

So haben wir im Alten Testament auch manches liebliche Exempel, daran wir's mit Augen bestätigt sehen: Gottseligkeit hat die Verheißung nicht nur des zukünftigen, sondern auch des irdischen Lebens, und dem Gerechten muss das Licht immer wieder aufgehen und Freude den frommen Herzen trotz aller Finsternis der Trübsal. Denkt an einen Abraham mit seinem Glaubenslauf hienieden, reich an Prüfungen, aber auch reich an göttlichem Segen. Denkt an einen Josef und dessen wunderbare Führung durch Leid zur Freude, durch Sklaverei und Gefangenschaft zu hohen Ehren und wohlverdientem Glück. Denkt an einen Hiob mit seiner tiefen Erniedrigung und endlichen herrlichen Erhöhung. Denkt an eine Ruth und ihre liebliche Führung, dadurch sie Gott aus einer armen frommen Ährenleserin zur begüterten Hausfrau und ehrwürdigen Stammmutter Davids gemacht. Denkt an diesen David selbst, den Mann nach Gottes Herzen, wie er zwar in seiner Jugend das Joch der Trübsal tragen muss, aber dafür auch hernach tragen darf die leuchtende Königskrone über Israel. Lauter lebendige Exempel zu dem Spruch: „Gottseligkeit ist zu allen Dingen nütze und hat die Verheißung dieses und des zukünftigen Lebens.“

Auch unser Psalm ist nichts anderes, als eine Lektion über dieses Thema:

Gottseligkeit ist zu allen Dingen nütze und hat die
Verheißung dieses und des zukünftigen Lebens,“

oder:

„Ein Lob der Gottseligkeit.“

Und weil die Summa aller göttlichen Gebote ist die Liebe Gottes und des Nächsten, so wird nun auch in diesem Psalm der Gottselige gepriesen und gelobt:

1) Als der Fromme, der Gott fürchtet, V. 1-4;
2) Als der Barmherzige, der dem Nächsten wohltut, V. 5-9; und ihm gegenübergestellt:
3) Der Gottlose mit seinem vergeblichen Grimm, V. 10. Also gebührt das Lob der Gottseligkeit:

1) Dem Frommen, der Gott fürchtet.

V. 1: „Halleluja. Wohl dem, der den Herrn fürchtet, der große Lust hat zu seinen Geboten.“ Das Fundament aller Frömmigkeit ist und bleibt die Furcht des Herrn, nämlich die heilige Scheu vor dem über uns, vor dem Allmächtigen, in dessen Hand wir Staub und Asche sind, vor dem Allgegenwärtigen, dem wir nicht entfliehen können, nähmen wir auch Flügel der Morgenröte und blieben am äußersten Meer, vor dem Heiligen, dem gottlos Wesen ein Gräuel ist, vor dem Gerechten, der sein nicht spotten lässt. Wo diese Furcht des Herrn nicht ist, da fehlt dem ganzen Menschen das Fundament für sein äußeres und inneres Leben; ein Mensch ohne Gottesfurcht ist ein Mensch ohne Grundsähe; das sehen wir täglich an Hunderten dieser Toren, die in ihrem Herzen sprechen: Es ist kein Gott; kein Gesetz ist ihnen mehr heilig; vor keiner Sünde beben sie mehr zurück, denn Zaum und Zügel ist weg, der allein den natürlichen Menschen im Geleis erhält: die Furcht des Herrn.

Ein Mensch ohne Gottesfurcht ist aber auch ein unglücklicher Mensch, ohne Frieden im Herzen, ohne Segen im Haus, ohne Glück im Leben; das können wir auch rings um uns her mit Augen sehen an hundert Exempeln. Der Gottlose ist dem törichten Manne gleich, der sein Haus auf Sand baute. Da nun ein Platzregen fiel und kam ein Gewässer und wehten die Winde und stießen an das Haus, da fiel es und tat einen großen Fall. Darum bleibt es dabei: Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang. Die Toren meinen freilich, es sei etwas Trübseliges um die Gottesfurcht; den Herrn fürchten, das verderbe einem die Freude und verbittre einem das Leben. Denn sie wissen eben von keiner andern Furcht des Herrn in ihrem bösen Gewissen, als von der knechtischen, da man zittert vor Gott als vor einem gestrengen Richter.

Wie ganz anders weiß das ein Kind Gottes. Nein, Gottesfurcht ist auch Gottseligkeit, macht selig und zufrieden in Gott. „Wohl dem, der den Herrn fürchtet,“ heißt's in unserem Psalm, der große Lust hat zu seinen Geboten.“ Der Fromme hat Lust zu Gottes Geboten; er hat Lust, sie zu lesen, zu hören, zu betrachten, und weiß keine liebere Beschäftigung für Geist und Herz, als umzugehen mit Gottes Wort, wie's im 119. Psalm heißt: „Wie habe ich dein Gesetz so lieb; täglich rede ich davon.“ Der Fromme hat aber auch Lust, danach zu tun, und findet seine wahre Herzenswonne, sein wahres Lebensglück darin, Gottes Gebote zu halten und in seinen Wegen zu wandeln, wie der treueste Knecht Gottes, unser lieber Herr und Meister, dort am Jakobsbrunnen sprach: Meine Speise ist die, dass ich tue den Willen des, der mich gesandt hat, und vollende sein Werk. Wohl dem, der also den Herrn fürchtet und große Lust hat zu seinen Geboten:

V. 2: „Des Same wird gewaltig sein auf Erden, das Geschlecht der Frommen wird gesegnet sein.“ Nicht nur im inneren Herzen darfst du ihn spüren, den Segen der Gottesfurcht, sondern auch im äußeren Leben darfst du ihn erfahren; nicht nur für deine eigene Person bringt dir's Glück, den Herrn zu fürchten und in seinen Wegen zu wandeln, sondern auch auf die Deinen, auf dein Haus, auf deine Kinder und Kindeskinder fließt der Segen deiner Gottesfurcht hernieder. Darf man's ja gottlob auch heute noch erleben an manch lieblichem Beispiel: Das Geschlecht der Frommen wird gesegnet sein; darf's erleben, wie nicht nur den Frommen selber lebenslang der Segen Gottes begleitet durch Gedeihen beim Tagewerk, durch Freude an den Kindern, durch Frieden im Hause, sondern wie oft noch auf Kinder und Kindeskinder dieser Segen sich forterbt; wie das Beispiel eines gottesfürchtigen Vaters, wie die Gebete einer frommen Mutter noch im Segen fortwirken unter den Ihrigen, wenn dieser Vater und diese Mutter lange schon im Grabe ruht! Da gilt's denn auch heute noch manchmal wörtlich:

V. 3: „Reichtum und die Fülle wird in ihrem Hause sein, und ihre Gerechtigkeit bleibt ewig.“ Dass wirklich auch Reichtum und die Fülle irdischer Güter manchmal ausgeschüttet wird über den, der den Herrn fürchtet und auf Gottes Wegen geht, das sehen wir an einem Abraham, dem gesegneten Hirtenfürsten, an einem Jakob, da er bei der Heimkehr von Haran hinblickt auf den von Gott geschenkten Segen mit dem fröhlichen Bekenntnis: Herr, ich bin nicht wert aller Barmherzigkeit und Treue, die du an deinem Knechte getan hast. Denn ich hatte nicht mehr denn diesen Stab, da ich über diesen Jordan ging, nun aber bin ich zwei Heere geworden; sehen's an einem Josef, wie er seinen bösen Brüdern entgegentrat in der Fülle irdischen Glücks und menschlicher Hoheit und fern von Groll und Rachsucht in dankbarer Erwägung der Wunderwege Gottes das Zeugnis vor ihnen ablegt: Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, Gott aber gedachte es gut zu machen; und sehen's auch heute noch da und dort an einem frommen Haus in Erfüllung gehen.

Was aber noch besser ist als Reichtum und Überfluss und was dem Gottesfürchtigen bleibt auch bei bescheidenem irdischem Teil, das setzt der Psalmist hinzu im zweiten Teil des Verses: „Ihre Gerechtigkeit bleibt ewig.“ Ihr gutes Gewissen im Innern, ihr ehrlicher Name vor den Menschen, ihr ungetrübter Friede mit Gott, ihr fester und unverrückter Wandel in den Wegen des Herrn das ist der Frommen sicherstes Kapital, das weder Glut noch Flut zerstören kann; das ist ihr bester Reichtum, den weder Motten noch Rost fressen und da die Diebe nicht nachgraben und stehlen. Und wenn dann auch die Trübsal nicht ganz ausbleibt und das liebe Kreuz manchmal einkehrt im Hause des Frommen, nach der Hausregel des himmlischen Vaters: Ein Christ kann ohne Kreuz nicht sein,

V. 4: „Den Frommen geht das Licht auf in der Finsternis, von dem Gnädigen, Barmherzigen und Gerechten.“ Ja auch in der Finsternis trüber Tage und dunkler Stunden geht dem Frommen doch immer wieder das Licht auf von dem Herrn. Ein inneres Trostlicht geht ihm auf schon mitten in der Trübsal, so oft er in gläubigem Gebete sich flüchtet in den Schoß seines himmlischen Vaters, an das Herz seines getreuen Heilands, weil er da seine Sorgenlast niederwerfen darf vor dem Herrn und aufs Neue die Verheißung empfängt: Fürchte dich nicht, ich bin mit dir. Ein inneres Trostlicht geht ihm auf, so oft er im Worte Gottes, im Hause des Herrn, am Gnadentisch des heiligen Abendmahls, in der Gemeinschaft frommer Freunde sich wieder stärken darf und aufs Neue der trostvollen Wahrheiten versichert wird: Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein; und welchen der Herr lieb hat, den züchtiget er; und denen, die Gott lieben, müssen alle Dinge zum besten dienen; und dieser Zeit Leiden sind nicht wert der Herrlichkeit, die an uns soll offenbar werden. Und auch das äußere Trostlicht muss immer wieder aufgehen den frommen Seelen. Wie dem vielgeprüften Josef der Tag kam, der ihn aus Kerkerhaft wieder in Freiheit führte; wie dem Hiob die Stunde kam, da der Herr seine Schmach und Plage von ihm nahm und ihm zwiefach erstattete, was er verloren, - so dürfen's ja auch heute noch alle erfahren, die auf ihn hoffen: „Dem Frommen geht das Licht endlich wieder auf in der Finsternis, von dem Gnädigen, Barmherzigen und Gerechten.“ Und dazu kommt endlich das himmlische Trostlicht einst droben, wo Gott abwischen wird alle Tränen von unsern Augen. Und nun preist unser Psalm den Frommen von einer andern Seite; das Lob der Gottseligkeit gebührt:

2) Dem Barmherzigen, der dem Nächsten wohltut.

V. 5: „Wohl dem, der barmherzig ist und gerne leiht und richtet seine Sachen aus, dass er niemand Unrecht tue.“ Da lerne, mein Christ, sagt unser alter Ausleger, wie du nächst der wahren Furcht Gottes dich auch in einer tätigen Liebe deines Nächsten üben musst. Da musst du zuvörderst der Barmherzigkeit dich befleißen; die Barmherzigkeit Gottes, von der dir soviel Gutes zugeflossen, muss dich auch barmherzig machen, dass sich dein Inwendiges bewege und dir walle über deinem notleidenden Nebenmenschen. Wirst du von ihm angegangen, von deinem Überfluss ihm auszuhelfen, so musst du dich nicht entziehen, sondern gerne leihen; je besser ein Ding ist, je mehr es sich ausbreitet. Man setze das edelste Gold, wie das sich unter dem Hammer am weitesten lässt ausdehnen. Man gebe Achtung auf ein gut Gewürz, je besser es ist, je weiter pflegt es seinen Duft auszubreiten. Also auch je besser und edler ein Herz, je mehr soll es auch seines Guts den Nächsten teilhaftig machen. Hast du sonst im gemeinen Leben mit deinem Nächsten umzugehen, so soll dies deine Sorge sein, mit ihm so zu handeln und zu wandeln, dass du auch vor dem strengsten Gericht bestehen könnest. Da muss dir immerdar in Herz und Ohren schallen deines Heilands Gebet: Was du nicht willst, dass dir die Leute tun, das tu du ihnen auch nicht; und wiederum: Was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch. Einem solchen bleibt dann auch der Segen nicht aus:

V. 6: „Denn er wird ewig bleiben, des Gerechten wird nimmermehr vergessen.“ Wer anderer in Liebe gedenkt, dessen wird auch wieder in Ehren gedacht im Himmel und auf Erden; das Andenken des Gerechten bleibt im Segen. Und:

V. 7: „Wenn dann auch eine Plage kommen will, so fürchtet er sich nicht; sein Herz hofft unverzagt auf den Herrn.“

V. 8: Sein Herz ist getrost und fürchtet sich nicht, bis er seine Lust an seinen Feinden sieht.“ Recht muss ja doch recht bleiben. Darum lässt sich der Gerechte nicht irre machen durch Neid und Tücke und üble Nachrede, sondern wandelt getrost fort auf seiner Bahn.

V. 9: „Er streut aus und gibt den Armen; seine Gerechtigkeit bleibt ewig, sein Horn wird erhöht mit Ehren.“ Da geht es anders als bei Gottlosen zu, die zwar auf ihren Stand, Ansehen und Vermögen manchmal wie der Bock auf seine Hörner pochen; aber es läuft endlich auf Elend, Armut und Verachtung hinaus! Beim Frommen aber gilt's: Bleibe fromm und halte dich recht, denn solchen wird's zuletzt wohlgehen!

3) Der Gottlose aber hat dann das Zusehen und steht zähneknirschend bei Seite, V. 10: „Der Gottlose wird es sehen und wird ihn verdrießen; seine Zähne wird er zusammenbeißen und vergehen. Denn was die Gottlosen gerne wollten, das ist verloren.“ So stehen sie ja schon hienieden zähneknirschend neben dem Frommen und blicken voll Grimms auf sein Glück, auf seinen Frieden, auf seinen Segen, auf seine Wohlfahrt, und können mit all ihrem Grimm und ihrer Lästerung ihm Gottes Gnade nicht rauben. Und so werden sie einst droben draußen stehen und von ferne aus ihrer Qual zusehen, welch liebliches Los den Kindern Gottes gefallen ist. Nun, meine Lieben, ich denke, wir bleiben auf dem Weg, den wir erwählt haben, und der Herr helfe uns darauf gnädig weiter und lasse es uns nie vergessen:

Des Lasters Bahn ist anfangs zwar
Ein breiter Weg durch Auen;
Allein sein Fortgang wird Gefahr,
Sein Ende Nacht und Grauen.
Der Tugend Pfad ist anfangs steil,
Lässt nichts als Mühe blicken,
Doch weiter fort führt er zum Heil,
Und endlich zum Entzücken.

Amen.

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