Gerok, Karl von - Andachten zum Psalter - Psalm 87.

(1) Ein Psalmlied der Kinder Korahs. Sie ist fest gegründet auf den heiligen Bergen. (2) Der Herr liebt die Tore Zions, über alle Wohnungen Jakobs. (3) Herrliche Dinge werden in dir gepredigt, du Stadt Gottes, Sela. (4) Ich will predigen lassen Rahab und Babel, dass sie mich kennen sollen. Siehe, die Philister und Tyrer, samt den Mohren, werden daselbst geboren. (5) Man wird zu Zion sagen, dass allerlei Leute darinnen geboren werden, und dass er, der Höchste, sie baue. (6) Der Herr wird predigen lassen in allerlei Sprachen, dass derer Etliche auch daselbst geboren werden, Sela. (7) Und die Sänger, wie am Reigen, werden alle in dir singen, eins ums andere.

Vergesse ich dein, Jerusalem, so werde meiner Rechten vergessen! So sangen einst nach dem 137. Psalm die Kinder Israels in der Gefangenschaft an den Wassern zu Babylon und weinten vor Heimweh, wenn sie an Zion gedachten, an die herrliche Stadt Gottes mit ihren heiligen Bergen, mit ihren lustigen Brünnlein, mit ihrem ehrwürdigen Tempel des Allerhöchsten.

Auch ein Christenherz kann Jerusalem nicht vergessen, jene hochbegnadigte Stadt, in welcher einst einzig der Tempel des lebendigen Gottes stand, während alle Völker der Erde vor toten Götzen knieten; jene merkwürdige Stadt, in der einst der Heiland der Welt lehrte und wandelte, litt und starb; jene wunderbare Stadt, über welche so schreckliche Strafgerichte ergangen sind, wie über keine Stadt auf Erden, und auf welcher dennoch nach allen Wettern, die über sie gegangen sind, auch heute noch so herrliche Verheißungen ruhen, deren Erfüllung erst die Zukunft bringen soll.

Die Christenheit hat auch Jerusalem noch niemals ganz vergessen. Ein Zug der Sehnsucht zog Christenherzen aus allen Landen von jeher bald leiser, bald gewaltiger nach der heiligen Stadt. Tausende von Pilgern wallfahrteten aus dem Abendland schon in den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung alljährlich ins gelobte Land, um den heiligen Boden zu küssen, den einst die Füße Jesu betreten hatten. Und als im siebenten Jahrhundert die Muhamedaner das heilige Land erobert hatten und die Pilger in ihrer Andacht störten und misshandelten, da drang ums Jahr 1100 nach Christus ein Schrei der Entrüstung durch die ganze europäische Christenheit, und mächtige Kriegsheere machten sich auf aus Deutschland, Frankreich, England, Italien; Ritter, Grafen, Fürsten, Könige und Kaiser selbst hefteten sich ein rotes Kreuz auf die Schultern und zogen aus, um das heilige Land wieder zu erobern aus der Hand der Ungläubigen. Das waren die sogenannten Kreuzzüge, die durch zwei Jahrhunderte hindurch sich siebenmal wiederholten und Ströme von Blut kosteten, aber endlich doch damit endeten, dass die Türken Meister blieben im gelobten Land.

Auch heutzutage, wo im Morgenland so große Bewegungen vorgehen, sind christliche Augen und Herzen erwartungsvoll wieder gen Jerusalem gerichtet. Schon im Jahr 1842 wurde in der heiligen Stadt, die jetzt freilich nur noch ein Schatten ist ihrer alten Herrlichkeit, und damals nicht ganz zehntausend Einwohner zählte, Juden, Christen und Türken, während man sie zur Zeit Jesu nach Hunderttausenden zählte, durch die Bemühungen des preußischen Königs und der englischen Königin ein evangelischer Bischof eingesetzt, um neben dem griechischen und römischen Christentum auch dem lauteren Evangelium dort eine Stätte zu bereiten, und jetzt eben richten ja manche fromme Herzen auch in unserem Lande wieder mit Hoffnung und Sehnsucht ihr Angesicht stracks nach Jerusalem. Dass die alte Stadt Gottes noch eine Zukunft hat und früher oder später wieder ein Sammelplatz fürs Volk Gottes werden wird, das deuten auch die Weissagungen des göttlichen Wortes an. Aber wir dürfen über dem sichtbaren Jerusalem, das dort am Bache Kidron liegt, das unsichtbare Jerusalem nicht vergessen, das weit hinausreicht über jene alten Zionsmauern, die ein David und Nehemia gebaut, die ein Nebukadnezar und Titus zerstört hat. Die Erbin des alttestamentlichen Jerusalems, auf welche die Verheißungen, die einst Jerusalem empfing, zum großen Teil übergegangen sind, ist das neutestamentliche Zion, d. h. die Kirche Jesu Christi. An ihr ist in höherem geistlichem Sinn alles das erfüllt, was einst der Stadt Jerusalem verheißen war, und soll noch herrlicher erfüllt werden in der zukünftigen Vollendungszeit des christlichen Reichs Gottes, wo das irdische Jerusalem übergeht in das himmlische; so dass wir eigentlich dreierlei Jerusalem zu unterscheiden haben: das alte Jerusalem nach dem Fleisch, die Stadt, die einst die Hauptstadt des jüdischen Volkes war von David bis auf Herodes; dann das geistliche Zion, welches jetzt unsichtbar über die ganze Erde verbreitet ist, die Gemeinde Jesu Christi; und endlich das zukünftige Zion, das himmlische Jerusalem, das dann wieder aufblühen wird in sichtbarer Herrlichkeit, wenn der Herr wiederkommt, um sein Friedensreich auf Erden zu gründen.

Dieses dreifache Jerusalem müssen wir auch ins Auge fassen, wenn wir unsern 87. Psalm ganz verstehen wollen, dieses schöne Loblied auf Zions Herrlichkeit, nicht nur wie sie einst bestand im alten Bunde, sondern noch vielmehr wie sie jetzt ist in der Zeit des neuen Bundes und wie sie einst werden soll in der Zeit der Vollendung. So lasst uns denn hören:

Das Lob Zions.

1) Von seinen festen Fundamenten, V. 1.
2) Von seinem huldreichen König, V. 2.
3) Von seinen herrlichen Geschichten, V. 3.
4) Von seinem großen Volk, V. 4-7.

1) Von seinen festen Fundamenten rühmt der Sänger:

V. 1: „Sie ist fest gegründet auf den heiligen Bergen.“ „Sie“, d. h. die Stadt Gottes, die erst im zweiten und dritten Vers genannt wird. Der Psalmist ist so voll von seinen Gedanken an Zion, dass er meint, es sei gar nicht nötig, diesen Namen zu nennen; jedermann müsse verstehen, was er meine; er habe schon längst von ihr gesprochen. Er meint, es soll jedem so sein wie ihm: Vergesse ich dein, Jerusalem, so werde meiner Rechten vergessen. Und nun, was rühmt er von ihr?

„Sie ist fest gegründet auf den heiligen Bergen.“ Das galt schon im wörtlichen Sinn vom fleischlichen Jerusalem. Sie heißt eine hochgebaute Stadt, und schaute mit ihrem Zionsberg, darauf die Davidsburg stand, und mit ihrem Moriah, darauf der Tempel prangte, weit ins Land hinaus als eine Stadt, die auf einem Berge liegt. Darum war sie auch so schwer einzunehmen und ward von den Römern unter Vespasian und Titus Jahr und Tag belagert.

Aber in noch viel höherem Sinn gilt es vom geistlichen Zion, von der Kirche Christi: „Sie ist gegründet auf den heiligen Bergen.“ Kennet ihr die heiligen Berge, auf denen die Kirche Christi steht? O da treten uns ja von selber jene heiligen Berge vor die Seele, auf denen die großen Taten der Offenbarung geschehen sind, auf denen unser Glaube, unsere Liebe, unsere Hoffnung ruht. Sinai, auf dem dir gesagt ist, Mensch, was du tun sollst, und Golgatha, wo du siehst, was Gott für dich getan; der Predigtberg in Galiläa, wo dein Heiland das Gesetz des neuen Bundes verkündet hat als göttlicher Prophet, und Gethsemane, wo er als Hohepriester Gebet und Flehen mit starkem Geschrei und Tränen für uns geopfert hat, und der Ölberg, wo er als ein König gen Himmel gefahren ist und den Thron der Herrlichkeit bestiegen hat; das sind die heiligen Berge, darauf die Kirche Christi ruht, die Berge, von denen uns Hilfe kommt und zu denen wir gläubig und sehnsuchtsvoll aufschauen aus dem Jammertal dieser Erde. Und willst du noch tiefer graben nach den Fundamenten Zions, nach dem ewigen Grund, darauf diese heiligen Berge selber wurzeln, Sinai und Golgatha, Tabor und Ölberg, so sag ich: Der Fels, darauf die ganze Kirche Gottes ruht, das ist Christus selber, der Fels unseres Heils; der unerschütterliche Grund, darauf unser Zion steht, das ist die ewige Erbarmung unseres Gottes, von der es heißt: Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer. Owünschet Jerusalem Glück, dass es gegründet ist auf solch heilige Berge. Kein Pfeil der Feinde fällt hinein in ihre hohen Mauern, kein Wasser der Trübsal reicht hinauf an ihre Zinnen, kein Sturm der Anfechtung kann ihre Fundamente erschüttern. Aber bleibt auch, ihr Bürger Zions, auf diesem festen Grund, der allein besteht; gründe dich, o Christengemeinde, immer tiefer im Glauben auf den Felsengrund deines Heils, auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist; gründe dich, liebe Christenseele, mit all deinem Denken und Tun, Dichten und Trachten immer fester auf Jesum Christum und sein Wort, dann hast du dein Haus auf Felsen gebaut und kannst fröhlich sprechen, während tausende haltungslos wie ein schwankes Rohr in ihrem Dichten und Trachten umherirren:

Dieser Grund besteht; wann die Welt vergeht,
Fällt er doch nicht ein;
Darauf will ich bauen, so soll mein Vertrauen
Evangelisch sein;
Auch will ich nun würdiglich in der Kraft, die mir gegeben,
Evangelisch leben. 1)

Ja dann kannst du dich auch freuen des zweiten, was der Psalmist zum Lobe Zions rühmt:

2) Ihres huldreichen Königs.

V. 2: „Der Herr liebt die Tore Zions über alle Wohnungen Jakobs.“ Auch das gilt fürs erste wörtlich vom irdischen Jerusalem. Soviel heilige Segensstätten auch der Herr sich im heiligen Lande gestiftet, wo er gleichsam die Fußstapfen seiner Gnade auf ewig eingedrückt hat; soviel Namen auch berühmt sind in der Geschichte des alten Bundes, Jericho und Sichem und wie sie alle heißen; soviel liebliche Täler und majestätische Berge auch zu finden sind in dem Lande Jakobs, da Milch und Honig fließt: vor allen lieb und wert dem Israeliten, vor allen begnadigt und auserwählt vom Herrn war doch Jerusalem, die Stadt des großen Königs, die Stadt, wo Davids Königsstuhl stand und der Tempel des Herrn Jahrhunderte lang prangte. Und so schwer Gott, der Herr, diese seine Stadt oft heimgesucht mit seinen Gerichten, immer hat er sich ihrer wieder erbarmt, hat sie aus Schutt und Asche mehr als einmal wieder neu aufgerichtet, und jetzt noch, nachdem sie bald 2000 Jahre ihre Schmach und ihren Witwenschleier getragen, tröstet sich die Elende und die Trostlose, über die alle Wetter gehen, der Verheißung ihres Herrn: Ich will Zion wieder bauen.

„Denn der Herr liebt die Tore Zions über alle Wohnungen Jakobs.“ Aber noch in weiterem und größerem Sinn gilt das vom geistlichen Zion, von der Kirche Christi, auf welcher Gottes Segen und Gnade ruht ewig. Viel Großes ist auf Erden schon gegründet worden, und der Herr hat eine Zeitlang gnädig dazu gesehen; viel Schönes ist von Menschenhand schon hervorgebracht worden und Gott hat seinen Segen dazu gegeben; aber über alle Wohnungen Jakobs liebt der Herr doch sein Zion; so unter seinem sichtbaren Schutz, so unter seinem wunderbaren Segen steht doch kein Werk auf Erden wie die Kirche Jesu Christi. „Der Herr liebt die Tore Zions über alle Wohnungen Jakobs.“ Hat er das nicht deutlich ausgesprochen in seinem Wort und mächtig bewiesen durch die Tat? Hat er nicht der Kirche Christi die herrlichen Verheißungen gegeben, dass auch die Pforten der Hölle sie nicht überwältigen sollen und dass er wolle bei ihr sein alle Tage bis an der Welt Ende? Hat er sie nicht wunderbar erhalten in den Stürmen und Anfechtungen von bald 2000 Jahren? Ist er nicht noch allezeit bei ihr drinnen mit seinem lebendigen Wort, mit seinen gnadenreichen Sakramenten, mit seinem heiligen Geist, so dass man bei aller Landes- und Kirchennot doch noch singen kann: Der Herr ist nun und nimmer nicht von seinem Volk geschieden? Ja, der Herr liebt die Tore Zions, und wie er die Tore Zions liebt, (die hier für die ganze Stadt genannt werden,) so liebt er jedes Haus darinnen; und wie er seiner ganzen Gemeinde ein gnädiger König ist, so ist er ein huldreicher Herr jeder einzelnen Seele, die zu der Gemeinde gehört. Freut euch des, ihr Bürger Zions; danke dem Herrn für solche Liebe, die er nicht nur an seinem ganzen Volk, die er auch an dir bisher erwiesen, dass von seinen Gnadengüssen Leib und Seele zeugen müssen. Hoffe auf den Herrn und seine Treue auch für alle Zukunft und sprich im Glauben:

Du bleibst mein Gott auch künftighin, darauf vertrau ich feste,
Du änderst nie den treuen Sinn und sorgst für mich aufs Beste;
In Lieb und Leid bist du bereit, mir Rat und Tat zu geben,
Solang ich werde leben! 2)

Und nun hört zum Lobe Zions:

3) Von seinen herrlichen Geschichten.

V. 3: „Herrliche Dinge werden in dir gepredigt, du Stadt Gottes. Sela.“ Von jeder Stadt auf Erden gibt's Geschichten zu erzählen aus alter und aus neuer Zeit; in jeder Stadt gibt's Neuigkeiten zu hören, fröhliche und noch mehr traurige, wahre und noch mehr erlogene. Aber was sind solche Stadtgespräche und Stadtgeschichten gegen die herrlichen Dinge, die in der Stadt Gottes gepredigt werden! Welch herrliche Dinge konnte man schon im alten irdischen Zion einst hören von den großen Taten Gottes, die er an seinem Volk getan in Ägyptenland und in der Wüste und im gelobten Land, in den Tagen Abrahams und Mosis, Davids und Hiskias! Welch herrliche Dinge konnte man in Jerusalem hören, als Davids Harfe von Zion herniederklang, als Salomo den Tempel des Herrn einweihte, als Jesaias seine Prophetenstimme hören ließ, als der Sohn Gottes selber im Tempel seine Worte voll Geist und Leben sprach! Und doch, Geliebte, sind wir verkürzt im Zion des neuen Bundes? Werden nicht in der Kirche Christi heute noch diese herrlichen Dinge gepredigt, diese heiligen und seligen Geschichten von der Schöpfung und Erlösung, diese großen Taten Gottes, die er an seinem Volke getan und noch immer tut bis auf diesen Tag? O Geliebte, wenn wir an Weihnachten hören die Engelsbotschaft: Euch ist der Heiland geboren! oder in der Passionszeit hören den Gnadenruf: Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt! oder am Ostermorgen vernehmen die Freudenkunde: Der Herr ist erstanden! oder am Himmelfahrtstag vernehmen die himmlische Verheißung: Wo ich bin, da soll mein Diener auch sein! müssen wir da nicht auch bekennen voll Dank und Freude: „Herrliche Dinge werden in dir gepredigt, du Stadt Gottes!“ Wenn uns dort von der Kanzel die herrlichen Evangelien und kräftigen Episteln ausgelegt werden; wenn wir hier am Altar der Versöhnung den Trost empfangen: Dir sind deine Sünden vergeben! wenn das Wort Gottes auf Krankenbetten uns tröstet, an Gräbern uns gen Himmel weist, müssen wir da nicht selig inne werden: „Herrliche Dinge werden in dir gepredigt, du Stadt Gottes!“

was sind alle weltlichen Geistesgenüsse gegen das kräftige Gotteswort! Und wenn menschliche Kunst uns bezaubert, menschliche Wissenschaft uns bildet, menschliche Unterhaltung uns fesselt auf Stunden, müssen wir nicht von dem allem. immer wieder mit neuer Andacht zurückkehren zu dem, was allein uns beseligen kann, zu Gottes Wort? Wollen wir nicht die Predigt dieses Worts immer dankbarer annehmen, immer fleißiger nützen, solang wir sie noch haben? Wollen wir nicht mit Petrus es halten: Herr, wohin sollen wir gehen, du hast Worte des ewigen Lebens? Wollen wir nicht mit Zinzendorf beten:

Herr, dein Wort, die edle Gabe,
Diesen Schatz erhalte mir,
Denn ich zieh es aller Habe
Und dem größten Reichtum für;
Wenn dein Wort nicht mehr soll gelten,
Worauf soll der Glaube ruhn?
Mir ist's nicht um tausend Welten,
Aber um dein Wort zu tun. 3)

Und solch herrliche Dinge, die in Zion gepredigt werden, sollten die nicht auch ein großes Volk sammeln um den Herrn? Hört, was der Psalmist rühmt zum Lobe Zions:

4) Von seinem großen Volk.

V. 4: „Ich will predigen lassen Rahab und Babel, dass sie mich kennen sollen. Siehe, die Philister und Tyrer samt den Mohren werden daselbst geboren.“ Da spricht der Herr selber von dem großen Volk, das er sammeln wolle in Zion, und das freilich nicht in den Mauern des fleischlichen Jerusalems Raum hat, sondern nur in den Grenzen des geistlichen Zions, des Reiches Christi auf Erden. „Ich will predigen lassen Rahab (das heißt Ägypten) und Babel;“ diese zwei mächtigsten Reiche der alten Welt sollten von Jerusalem aus den Herrn kennen lernen. Das ward erfüllt in der Ausbreitung des Christentums, als Petrus nach Babylon ging und in Ägypten zu Alexandria eine der blühendsten Christengemeinden und christlichen Hochschulen entstand. Auch Philister und Tyrer und Mohren sollen zu den Bürgern Jerusalems gezählt, in die Gemeinde des Herrn hineingeboren werden. Das fing an sich zu erfüllen, als Philippus den Kämmerer aus Mohrenland taufte und predigte im alten Philisterland von Asdod bis Cäsarien (Apostelg. 8, 40), und als Paulus in Tyrus Jünger fand und Brüder grüßte (Apostelg. 21, 3-7). Ja, hebe deine Augen auf und siehe umher, diese alle versammelt kommen zu dir; deine Söhne werden von ferne kommen und deine Töchter zur Seite erzogen werden. Wie herrlich ist diese Verheißung an Jerusalem erfüllt und wird noch jährlich erfüllt auf dem Gebiete der Mission!

V. 5: „Man wird zu Zion sagen, dass allerlei Leute, oder: dass Mann um Mann, darinnen geboren werden.“ O wie lieblich wird auch das in der Kirche Christi erfüllt. So oft hier an diesem Taufstein ein Kindlein getauft wird, ist wieder ein junger Zionsbürger geboren, und wir danken Gott, dass er seine Kirche gnädig erhält und mehrt. Und so oft draußen in der Heidenwelt eine Seele gewonnen wird durchs Evangelium, freuen wir uns, dass der Herr wieder seine Verheißung erfüllt hat: Es sollen allerlei Leute in Zion geboren werden. Und wenn eine Seele da oder dort in der Christenheit bekehrt wird, wiedergeboren wird, ein Kind Gottes wird, siehe, so ist abermals ein Bürger für Zion geboren, und das ist erst ein seliges, geistliches Geburtsfest in Zion. Und wenn eine Christenseele hienieden die Augen zutut und eingeht in die ewige Heimat, wie wir's in den letzten Tagen hier so vielfach erfahren haben; o das ist erst ein himmlisches Geburtsfest in Zion; wir weinen, aber die Engel freuen sich; es ist ein Bürger geboren fürs obere Zion, fürs himmlische Jerusalem. Darum heißt es weiter: V. 6: Der Herr wird predigen lassen in allerlei Sprachen, dass derer etliche auch daselbst geboren werden, Sela.“ Eigentlich nach dem Grundtext: „Der Herr zählt und verzeichnet die Völker: dieser und dieser ist da geboren.“ Ein Volk nach dem andern, eine Seele um die andere wird aufgezeichnet in die Bürgerlisten des Volkes Gottes!

O, möchte auch von unsern Namen keiner fehlen in den Bürgerlisten des himmlischen Jerusalems! Und wie wir als Glieder der sichtbaren Kirche eingeschrieben sind ins Taufbuch hienieden, möchten wir so alle als Glieder der unsichtbaren Kirche droben verzeichnet stehen im Buche des Lebens! Dann könnten wir jetzt und in Ewigkeit auch einstimmen in das Triumphlied des großen Volkes Gottes, von dem der Psalmist sagt:

V. 7: „Und die Sänger, wie am Reigen, werden alle in dir singen, eins ums andere.“ Eigentlich: „Und die Sänger, wie am Reigen, werden singen: Alle meine Freudenquellen sind in dir!“ Ja in dir, Zion. In dir ist die Quelle meiner Weisheit: das Wort Gottes, der lautere Brunnen der evangelischen Wahrheit. In dir ist die Quelle meiner Gerechtigkeit: das Blut Jesu Christi, das mich rein macht von meinen Sünden. In dir ist die Quelle meiner Heiligung: der Geist des Herrn, der meiner Schwachheit aufhilft. In dir ist die Quelle meiner Erlösung: die lebendigen Brunnen des ewigen Lebens, die droben fließen im himmlischen Jerusalem, die Ströme der Seligkeit, auf welche die dürstende Seele sich freut unter den Leiden dieser Zeit. Ja, vergesse ich dein, Jerusalem, so werde meiner Rechten vergessen. Herr, mach uns zu rechten Zionsbürgern hier, damit du uns einst könnest aufnehmen in deine obere Gottesstadt, ins himmlische Jerusalem.

Komm doch, führe mich mit Freuden
Aus der Fremde hartem Stand;
Hol mich heim nach vielen Leiden
In das rechte Vaterland,
Wo dein Lebenswasser quillt,
Das den Durst auf ewig stillt! 4)

Amen.

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