Gerok, Karl von - Andachten zum Psalter - Psalm 86.
(1) Ein Gebet Davids. Herr, neige deine Ohren, und erhöre mich; denn ich bin elend und arm. (2) Bewahre meine Seele, denn ich bin heilig. Hilf du, mein Gott, deinem Knechte, der sich verlässt auf dich. (3) Herr, sei mir gnädig; denn ich rufe täglich zu dir. (4) Erfreue die Seele deines Knechts; denn nach dir, Herr, verlangt mich. (5) Denn du, Herr, bist gut und gnädig, von großer Güte allen, die dich anrufen. (6) Vernimm, Herr, mein Gebet, und merke auf die Stimme meines Flehens. (7) In der Not rufe ich dich an; du willst mich erhören. (8) Herr, es ist dir keiner gleich unter den Göttern, und ist niemand, der tun kann, wie du. (9) Alle Heiden, die du gemacht hast, werden kommen, und vor dir anbeten, Herr, und deinen Namen ehren, (10) Dass du so groß bist, und Wunder tust, und allein Gott bist. (11) Weise mir, Herr, deinen Weg, dass ich wandle in deiner Wahrheit; erhalte mein Herz bei dem Einigen, dass ich deinen Namen fürchte. (12) Ich danke dir, Herr, mein Gott, von ganzem Herzen, und ehre deinen Namen ewig. (13) Denn deine Güte ist groß über mich, und hast meine Seele errettet aus der tiefen Hölle. (14) Gott, es setzen sich die Stolzen wider mich, und der Haufe der Tyrannen steht mir nach meiner Seele, und haben dich nicht vor Augen, (15) Du aber, Herr Gott, bist barmherzig und gnädig, geduldig, und von großer Güte und Treue. (16) Wende dich zu mir, sei mir gnädig; stärke deinen Knecht mit deiner Macht, und hilf dem Sohne deiner Magd. (17) Tue ein Zeichen an mir, dass mir's wohlgehe, dass es sehen, die mich hassen, und sich schämen müssen, dass du mir beistehst, Herr, und tröstest mich.
Bei diesem schönen Gebetspsalm wird man wieder recht kräftig erinnert an das alte Sprüchlein: Wer beten kann, ist selig dran. David war gewiss recht übel dran, als er dieses flehentliche Klagelied anstimmte auf seiner getreuen Harfe. Ich bin elend und arm,“ klagt er gleich im Eingang und gegen das Ende deutet er seine schwere Bedrängnis noch deutlicher an mit den Worten: „Gott, es setzen sich die Stolzen wider mich und der Haufe der Tyrannen steht mir nach meiner Seele.“ Wahrscheinlich in der Kreuzschule seiner Jugendjahre, unter den Verfolgungen an Sauls Hof ist dieser Klagepsalm Davids gesungen. Und doch dieser elende und arme, dieser verfolgte und misshandelte David steht im innersten Herzensgrunde reich und glücklich da, und singt sich sichtbar von Vers zu Vers Mut und Trost und Kraft ins Herz. Das macht: er hat einen Schatz in seinem Innern, den kein Saul ihm rauben kann; das ist sein Gottvertrauen. Er hat einen unsichtbaren Bundesgenossen im Himmel, der ihm noch mehr ist als Jonathan, der ihn nie verlässt; das ist der getreue Menschenhüter, der starke Wächter Israels. Er versteht eine Kunst, die ihm mehr hilft als Schwert und Schleuder: er kann beten. Wer beten kann, ist selig dran. Das wollen auch wir uns gesagt sein lassen und immer wieder sagen unter den Nöten dieser Zeit und in der Kreuzschule dieses Lebens. „Wer beten kann.“ Können wir wohl alle beten? Ach wieviel tausend Elende und Arme sind in dieser bösen Zeit zehnfach elend und arm, weil sie nicht beten können, weil sie von keinem lebendigen Gott im Himmel mehr wissen oder wissen wollen, weil sie den Glauben aus ihrem Herzen weggeworfen haben, weil sie statt beten nur betteln können oder fluchen in der Zeit der Not. Von diesen Unglücklichen ist wohl keiner unter uns. Wer in die Betstunde geht, der muss ja wohl aufs Gebet etwas halten, vom Gebet etwas verstehen und den Segen des Gebets schon erfahren haben an Leib und Seele. Aber dass wir noch keine ganzen Beter sind wie ein David und Assaph, wie ein Moses und Luther, dass wir eine Aufmunterung zum Gebet, eine Anleitung zum Gebet immer wieder brauchen können, das wird keins von uns leugnen, und so wollen wir denn heute Abend zu dem großen Beter David in die Betstunde und Gebetsschule gehen und hören: Wir sehen:
„Wie ein David beten kann.“
1) Den Glaubensgrund, worauf er steht, V. 1-13.
2) Die Glaubenskraft, womit er fleht, V. 14-17.
1) Der Glaubensgrund, worauf er steht,
zerlegt sich in der ersten Hälfte des Psalms gar schön in sieben Glaubensgründe, die der eifrige Beter seinem Gott und sich selber und auch uns vorhält, um das Gebet darauf zu stützen und die Hoffnung der Erhörung zu beleben. Gleich
V. 1 vernehmen wir den ersten dieser Glaubensgründe: „Herr, neige deine Ohren und erhöre mich; denn ich bin elend und arm.“ Das ist sein erster Glaubensgrund, seine erste Empfehlung bei Gott: seine Not und Hilfsbedürftigkeit.
Wenn heut ein Bettler an unsere Türe klopft und uns um eine Gabe anspricht, so ist das erste, wonach wir fragen und sehen: Ist er's auch wirklich bedürftig? ist er arm und elend? Und wenn ihm die Not aus den Augen blickt und der Hunger aus dem Gesichte schaut, so werden wir schwerlich ungerührt bleiben und ihn ziehen lassen ohne eine Gabe, wär's auch nur ein Stücklein Brot oder ein Teller Suppe. Und das Herz des himmlischen Vaters, das Herz der ewigen Liebe sollte ungerührt bleiben bei der Not seiner Geschöpfe, bei dem Elend seiner Menschenkinder, bei dem Jammer seiner Gläubigen? Nein, der selige und alleingewaltige Gott, der in der Höhe und im Heiligtum wohnt, hat von altersher sich am liebsten herabgelassen zu den Armen und Elenden, und wie einst, da der Sohn der ewigen Liebe auf Erden wandelte, Not und Elend der beste Empfehlungsbrief war, um seine Hilfe zu erlangen, so ist er auch heute noch ganz besonders ein Heiland der Kranken, ein Helfer der Bedrängten, ein Freund der Verlassenen, ein Tröster der Betrübten, und ruft uns allen zu: Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. O das merke dir, liebe Seele, und lass dir durch die Not den Mut zu beten nicht nehmen, sondern beleben; je größer deine Not, um so gewisser darfst du an die Tür klopfen und wirst's erfahren: Wo die Not am höchsten, da ist Gott am nächsten! Aber freilich die Not allein macht uns der göttlichen Hilfe noch nicht wert.
V. 2: „Bewahre meine Seele, denn ich bin heilig; hilf du, mein Gott, deinem Knecht, der sich verlässt auf dich.“ Damit weist David hin auf einen zweiten Glaubensgrund: nämlich seine Frömmigkeit. Fragen ja auch wir, die wir doch arg sind, neben der Bedürftigkeit auch nach der Würdigkeit unserer Armen, und geben zehnmal lieber bei gleicher Bedürftigkeit einem würdigen, fleißigen, rechtschaffenen, christlichen Armen, als einem unwürdigen, unfleißigen, unchristlichen, unverschämten Bettler. Nun wollen wir uns freilich nicht verhehlen, dass wir vor dem heiligen und allwissenden Gott allzumal unnütze Knechte sind und ermangeln des Ruhms, den wir vor ihm haben sollten. Und auch Davids Worte dürfen wir nicht so verstehen, als wollte er gleich jenem Pharisäer im Tempel Gott seine Verdienste vorrechnen und auf seine Heiligkeit pochen; was Luther übersetzt: „ich bin heilig“, heißt eigentlich nach dem hebräischen Grundtext nur: ich bin fromm, ich bin von Herzen dir ergeben, und wird von David selber im zweiten Versglied so erklärt: „Ich bin dein Knecht, der sich verlässt auf dich.“ Also ja keine Werkheiligkeit und Werkgerechtigkeit, mit der wir vor Gott treten und seine Gnade fordern und ertrotzen wollten. Aber das versteht sich doch von selbst, dass ein redlicher Knecht Gottes, der treulich in seines Herrn Wege geht, dass eine fromme Seele, die von Herzen an ihrem Heiland hängt, dass die getroster in der Not vor ihn kommen, fröhlicher zu ihm beten, zuversichtlicher auf seine Hilfe hoffen können, als der Übertreter, den erst die Not zu Gott treibt, während er im Glücke sein vergessen; dass ein David fröhlicher beten kann als ein Manasse; ein Hiob getroster zu Gott schreien mit seinem unbefleckten Gewissen als ein verlorener Sohn, der sagen muss: Ich bin nicht wert, dein Kind zu heißen. Also lasst uns trachten, dass wir ein unbeflecktes Gewissen behalten, damit wir in der Stunde der Not freudige Augen aufschlagen und reine Hände aufheben können zu unserem heiligen Gott im Himmel und auch auf uns anwenden das Trostwort: Seid fröhlich, ihr Gerechten, der Herr hilft seinen Knechten! Einen dritten Glaubensgrund seines Gebetes deutet David an:
V. 3. 4: „Herr, sei mir gnädig, denn ich rufe täglich zu dir. Erfreue die Seele deines Knechts, denn nach dir, Herr, verlangt mich.“ Sein Anhalten am Gebet, sein inniges Verlangen nach Gott, das ist's weiter, warum er Erhörung hofft. Sollte Gott nicht retten seine Auserwählten, die zu ihm rufen Tag und Nacht? so spricht ja unser Herr und Heiland selbst in jenem rührenden Gleichnis von der Witwe, die den Richter endlich erweicht mit ihrer Geduld, mit ihrer Demut, mit ihrer Beharrlichkeit, mit ihrem Immerwiederkommen und Wiederbitten. Betet ohne Unterlass! haltet an am Gebet! so ruft sein Apostel uns zu. Und das muss ganz besonders gelernt sein in der Schule des Gebets. Diese Geduld der Heiligen, dieses Warten der Kinder Gottes, dieses Anhalten und nicht lass werden, wo man nicht meint, den Himmel gleichsam im Sturm erobern und Gottes Gnade als einen Raub davontragen zu können, und wenn der erste Sturm abgeschlagen wird, gleich trotzig oder verzagt abzieht und die Hände sinken lässt, sondern wo in täglichem Gebetsumgang mit Gott unser Gebet selber sich immer mehr läutert und reinigt, immer demütiger, gelassener, gottergebener, selbstloser wird, so dass man, wenn man dieselbe Bitte zum dritten oder zum zehnten Mal vor Gott bringt, sie doch ganz anders lautet und kindlicher klingt, als da man sie zuerst ausgesprochen. Hilft Gott nicht gleich aufs erste Flehn, so darf ich wieder vor ihn gehn! Merke dir das, Kind Gottes, und tue danach. Nun aber stellt sich David mit seinem Gebet erst auf den rechten felsenfesten Glaubensgrund. Bisher hat er die Gründe der Erhörung aus sich selbst genommen, aus seinem Elend, aus seiner Frömmigkeit, aus seinem Gebetseifer. Nun nimmt er sie aus Gott.
V. 5. 6. 7: „Denn du, Herr, bist gut und gnädig, von großer Güte allen, die dich anrufen.“ Dieses „Denn“ ist erst das wahre; mit diesem Wort hat unser David erst den Meisterschutz getan und Gott ins Herz getroffen. „Du, Herr, bist gut und gnädig.“ Gottes Güte und Gnade, ja das ist der Felsengrund, auf den wir trauen und bauen. Weil Gott barmherzig ist und gnädig, geduldig und von großer Güte und Treue, darum dürfen wir zu ihm beten, darum will er uns erhören, darum vernimmt er unser Gebet und merkt auf die Stimme unseres Flehens, darum hat er uns die Verheißung gegeben: Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, so sollst du mich preisen. - Und wenn schon die Beter des alten Bundes, wenn schon ein Moses und David an diese Güte und Barmherzigkeit Gottes appellieren mit solcher Inbrunst und Glaubensfreudigkeit, wieviel freudiger dürfen wir Kinder des neuen Bundes an die Liebe und Güte, an die Gnade und Erbarmung Gottes uns halten, wir, denen er den höchsten Liebesbeweis gegeben, dass er uns seinen Sohn zum Heiland geschenkt, wir, denen der Sohn, der aus des Vaters Schoß kam, den süßesten Vaternamen auf die Lippen gelegt hat, indem er uns beten lehrte: Vater unser, der du bist in dem Himmel! O Seele, wenn dir der Mut entsinken will in der Not, wenn dir die Freudigkeit ausgehen will beim Gebet, wenn dir deine Unwürdigkeit und Sünde den Glauben nehmen will, ob dich der im Himmel denn auch hören wolle, dann sprich zu ihm: O Herr, ich hab wohl deren keins verdient, um das ich bitte; aber doch wirst du mich nicht verwerfen von deinem Angesicht, denn du, Herr, bist gut und gnädig. Dann sprich zu dir selber:
Seiner will ich mich getrösten, wann die Not am allergrößten,
Er ist gegen seinem Kind mehr als väterlich gesinnt.
Und wie er der Allgütige ist, der helfen will, so ist er der Allmächtige, der helfen kann. Das ist der fünfte Glaubensgrund, auf den sich David beruft:
V. 8: „Herr, es ist dir keiner gleich unter den Göttern und ist niemand, der tun kann wie du.“ Da fasst David seinen Gott gleichsam bei seiner Gottesehre, rührt sein Königszepter an und ruft ihn an als den Allmächtigen, bei dem kein Ding unmöglich ist, als den Wunderbaren, der überschwänglich tun kann über unser Bitten und Verstehn, als den Alleinlebendigen, der gesagt hat: Ich, der Herr, das ist mein Name. Ich will meine Ehre keinem andern geben, noch meinen Ruhm den Götzen. O wie oft hat er das bewiesen von Davids Tagen bis auf diese Stunde! Wie oft hat er das bewiesen auch in deinem und meinem Leben, dass niemand tun kann wie er; dass er der Allmächtige ist, der an seiner starken Hand die Seinen hindurchführen kann auch durchs heißte Gedräng, der Gott Wunderbar, der Wege zeigt und Türen auftut, wo Menschenmacht und Menschenwitz zu Ende ist. O was bist du denn so kleingläubig, du schwaches Menschenherz? Glaub es doch: Der alte Gott lebt noch! er lebt auch für dich!
Nun deutet David noch zwei weitere Glaubensgründe an, darauf er mit seinem Gebete sich stützt, nämlich die Ehre, die Gott davon habe, wenn er die Gebete der Seinen erhöre. Seine Ehre bei den Heiden, die ihn noch nicht kennen, das ist der sechste Grund.
V. 9. 10: „Alle Heiden, die du gemacht hast (du bist ja auch ihr Schöpfer), werden kommen und vor dir anbeten, Herr, und deinen Namen ehren, dass du so groß bist und Wunder tust und allein Gott bist.“ Das soll mir ein fröhlicher Namen, Ruhm und Preis sein unter allen Heiden auf Erden, wenn sie hören werden alle das Gute, das ich ihnen, meinen Knechten, tue; so spricht der Herr selber bei Jeremias 33, 9. Und in Wahrheit, wenn der Herr die Gebete seiner Frommen erhört und den Seinen aushilft, oft wunderbar, in aller ihrer Not muss ihm das nicht einen fröhlichen Namen machen auch unter denen, die noch ferne sind vom Reiche Gottes; muss nicht beim Anblick der großen Taten Gottes auch die, welche draußen sind, eine heilige Furcht ankommen, wie dort als der Herr so sichtbar sich verherrlichte an der Pfingstgemeine zu Jerusalem? Wird nicht auch von den Ungläubigen und Halbgläubigen hie und da eins hinübertreten zum Volk des Herrn, wenn sie sehen, wie er allein Gott ist und wie gut man's hat unter seinem Hirtenstab und wie väterlich nahe er ist allen, die ihn mit Ernst anrufen, dass sie bekennen: Herr, dir ist niemand zu vergleichen! - Ja auch die Frommen werden dann um so fester an ihm halten, um so freudiger ihn loben, um so treulicher ihm dienen. Das ist der siebente Glaubensgrund des frommen Sängers.
V. 11-13: „Weise mir, Herr, deinen Weg, dass ich wandle in deiner Wahrheit; erhalte mein Herz bei dem Einigen, dass ich deinen Namen fürchte. Ich danke dir, Herr, mein Gott, von ganzem Herzen und ehre deinen Namen ewig. Denn deine Güte ist groß über mich und hast meine Seele errettet aus der tiefen Hölle.“ Da stellt David seinem Gott sein Dankopfer zum voraus vor Augen. Um so treulicher will ich wandeln in deiner Wahrheit, um so inniger will ich fürchten deinen Namen, um so herzlicher will ich dir danken; kurz mit Herzen, Mund und Wandel will ich dich preisen, wenn du auch diesmal deine Güte und Allmacht an mir verherrlichst und vom Rande des Abgrunds mich zurückreißest mit deinem starken Arm, aus der Hölle der Anfechtung mich heraufholst mit deiner treuen Hand. Ja gewiss auch das ist für den gnädigen Gott ein Grund, uns zu erhören, nämlich dass wir dadurch gestärkt werden im Vertrauen auf ihn, damit wir nicht Schiffbruch leiden am Glauben, weil er wohl weiß, was wir für ein Gemächte sind, dass wir eine Anfrischung für unsern Glauben, eine Ermunterung für unser Herz immer wieder brauchen. Auch deswegen will er seine Gnade an uns verherrlichen, um uns immer inniger an sich zu fesseln mit Banden seliger Erfahrung, herzlicher Liebe, inniger Dankbarkeit, damit es auch bei uns heiße: Liebe, wie vergelt ich's dir, was du Gutes getan an mir!
Das sind die Gründe, weshalb David die Erhörung seines Gebetes hofft; das ist der Glaubensgrund, auf den auch wir uns stellen wollen mit unsern Gebeten vor dem Herrn. Dann wird auch unser Gebet immer kräftiger, freudiger, gläubiger werden. Hört von David noch kurz:
2) Die Glaubenskraft, womit er fleht.
Nun, nachdem er seinem Gott und sich selber die Gründe vorgehalten, warum sein Gebet nicht vergeblich sein dürfe, nun trägt er mit leichterem Herzen kurz und gut dem Herrn sein eigentliches Anliegen vor und spricht von der Bosheit der Feinde, von der Güte Gottes, von der Hoffnung seines Knechts.
V. 14: „Gott, es setzen sich die Stolzen wider mich, und der Haufe der Tyrannen steht mir nach meiner Seele und haben dich nicht vor Augen.“ Mächtige Feinde sind's und zahlreiche und gottvergessene, die ihm nach dem Leben trachten, so dass er dasteht wie das Lamm mitten unter den Wölfen, oder wie der gehetzte Hirsch, dem die Hunde schon an den Fersen hängen. Ach, es ist freilich noch erträglicher, in Gottes als in der Menschen Hand zu fallen. Das ist ja das Erbteil, von dem alle Kinder Gottes mehr oder weniger zu erfahren bekommen, Hass der Welt, Verkennung der Menschen. Sie werden euch hassen um meinetwillen, hat der Herr allen seinen Jüngern vorausgesagt. Wohl recht, spricht der fromme Arndt, es ist kein Christ in dieser Welt, er hat einen Teufel, der ihn plagt, oder einen bösen Menschen als des Teufels Werkzeug, der ihm das Leben sauer macht. Aber wer auf dem rechten Glaubensgrunde steht, der lässt sich auch durch dieses bitterste nicht verbittern oder niederschlagen. So denkt auch David:
V. 15: „Du aber, Herr Gott, bist barmherzig und gnädig, geduldig und von großer Güte und Treue.“ Was vermag ihre Macht gegen deine Macht, ihr Hass gegen deine Liebe, ihre Bosheit gegen deine Gnade und Wahrheit! Wenn ich unter deinen Schutz mich stelle, in deinen Schoß mich beuge, dann bin ich geborgen wie im sichern Zelt und weiß, kein Haar fällt von meinem Haupt ohne deinen Willen. Darum nun die kühne, aber getroste Bitte:
V. 16: „Wende dich zu mir“ (lass dein Antlitz, das du verborgen, mir wieder leuchten) und stärke deinen Knecht, nicht weil ich der König David bin, nicht weil ich der fromme Sänger bin, nicht weil ich ein Heiliger bin; nein, nur weil ich dein Knecht bin, dein demütiger, leibeigener Knecht, der dir angehört von Geburt an, der von frommen Eltern her schon gelernt hat, auf dich vertrauen und dir in Einfalt dienen; darum stärke mich und hilf mir aus:
V. 17: „Tue ein Zeichen an mir, dass mir's wohlgehe, dass es sehen, die mich hassen, und sich schämen müssen, dass du mir beistehst, Herr, und tröstest mich.“ Das ist eine kühne Bitte. Zwar nicht Wunder verlangt David von seinem Gott; nicht Engel soll er ihm zur Hilfe senden und die Weltordnung durchbrechen, wie an den Männern im Feuerofen, wie an Daniel in der Löwengrube, wie an Hiskia auf dem Krankenbett; nein, jede mächtige Durchhilfe Gottes ist dem Frommen ein Zeichen, ein Wunder seiner Macht und Liebe den Feinden zur Beschämung, den Kindern Gottes zur Ermunterung, dem Herrn selber zur Ehre. Nun Herr, wir bitten nicht um Wunder, aber um das flehen wir dich an, gib auch uns ein Zeichen, so oft wir in Not und Jammer sind, und lass uns dich finden, so oft wir zu dir beten:
Tief in Nöten hilf mir beten,
Kindlich beten, Herr, vor dir;
Ach erscheine, wenn ich weine,
Bald mit deiner Hilfe mir;
Lass dich finden, lass dich finden,
Denn mein Herz verlangt nach dir! 1)
Amen.