Gerok, Karl von – Brosamen - 4. Predigt am 4. Advent.
(1879.)
Joh. 1, 19-34.
Und dies ist das Zeugnis Johannis, da die Juden sandten von. Jerusalem Priester und Leviten, dass sie ihn fragten: Wer bist du? Und er bekannte und leugnete nicht; und er bekannte: Ich bin nicht Christus. Und sie fragten ihn: was denn? Bist du Elia? Er sprach: Ich bin es nicht. Bist du der Prophet? Und er antwortete: Nein. Da sprachen sie zu ihm: Was bist du denn? dass wir Antwort geben denen, die uns gesandt haben. Was sagst du von dir selbst? Er sprach: Ich bin eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Richtet den Weg des Herrn; wie der Prophet Jesaia gesagt hat. Und die gesandt waren, die waren von den Pharisäern, und fragten ihn und sprachen zu ihm: Warum taufst du denn, so du nicht Christus bist, noch Elia, noch ein Prophet? Johannes antwortete ihnen und sprach: Ich taufe mit Wasser; aber er ist mitten unter euch getreten, den ihr nicht kennt. Der ists, der nach mir kommen wird, welcher vor mir gewesen ist, des ich nicht wert bin, dass ich seine Schuhriemen auflöse. Dies geschah zu Bethabara jenseits des Jordans, da Johannes taufte. Des andern Tages sieht Johannes Jesum zu ihm kommen, und spricht: Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt. Dieser ists, von dem ich euch gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, welcher vor mir gewesen ist, denn er war ehe denn ich. Und ich kannte ihn nicht; sondern auf dass er offenbar würde in Israel, darum bin ich kommen zu taufen mit Wasser. Und Johannes zeugte und sprach: Ich sah, dass der Geist herabfuhr wie eine Taube vom Himmel, und blieb auf ihm. Und ich kannte ihn nicht; aber der mich sandte zu taufen mit Wasser, derselbige sprach zu mir: Über welchen du sehen wirst den Geist herab fahren und auf ihm bleiben, derselbige ist es, der mit dem Heiligen Geist tauft. Und ich sah es, und zeugte, dass dieser ist Gottes Sohn.
Das bittere Los vergessen zu werden, wie wir uns zu erklären haben und wie wirs als Christen ertragen sollen - hat uns im vorigen Sonntagsevangelium der Täufer Johannes im Gefängnis zu betrachten gegeben.
Aber so sehr es am Platz ist, uns auf jenes demütigende Los gefasst zu machen, das früher oder später uns Alle trifft: es gibt auch eine entgegengesetzte Erfahrung, die unserem inwendigen Menschen noch gefährlicher ist, als das herbe Gefühl, von den Menschen vergessen oder übersehen zu werden. Dies ist das bedenkliche Glück, sich von der Welt überschätzt zu sehen. Wer dieser Versuchung männlich widersteht, wer demütig und bescheiden, nüchtern und wahrhaftig bleibt auch wo die Welt zu gut von ihm denkt, zu viel aus ihm macht, der erst ist ein ganzer Mann und rechtschaffener Knecht des Herrn.
Und als ein solcher ganzer Mann, als ein solcher rechtschaffener Knecht des Herrn steht heut abermals Johannes der Täufer vor uns. Nicht im einsamen Kerker sehen wir ihn heute, sondern auf der Höhe seines Ruhms, umdrängt vom Volk, das die größten Erwartungen auf ihn setzte, beehrt mit einer Gesandtschaft aus der Hauptstadt, die ihm den höchsten Ehrentitel in Israel, den Messiasnamen, gleichsam anträgt. Und doch wie wenig steigt ihm diese Ehre zu Kopf, wie entschieden weist er diese Würde von sich ab, wie fest und unverrückt bleibt er auf dem von Gott ihm angewiesenen Platz, als ein lebendiges Beispiel zu der Regel: Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet fest an der Demut. Lasst uns dabei einige Augenblicke verweilen und von dem demütigen Täufer lernen
die rechte Haltung eines Gottesknechts, wenn die Welt zu viel aus ihm macht.
1) Lass dich nicht verführen, dass du sein wolltest, was du nicht bist.
2) Lass dich aber spornen, dass du immer mehr werdest, was du sein kannst und sollst!
Das sind die beiden Regeln, welche Johannes durch sein Verhalten uns gibt.
Hinab, mein Herz, hinab, so wird Gott in dir wohnen,
Die Demut lohnt er mit goldnen Himmelskronen,
Im Demutstale liegt des Heilgen Geistes Gab,
wohl wohl dem der sie sucht, darum, mein Herz, hinab! Amen.1)
Wie muss ein Knecht Gottes sich halten, wenn die Welt zu viel aus ihm macht? Die erste Regel ist:
1) Lass dich nicht verführen, dass du sein wolltest was du nicht bist.
Diese Täuschung liegt so nah und der Schaden davon ist so groß.
Bist du Christus, der längst ersehnte Messias, die Hoffnung Israels? Oder bist du Elias? Ist der gewaltige Thisbiter, die Feuerflamme des Herrn, der große Eremit vom Karmel aufs Neue in dir erstanden, der Königen die Stirne bot und Baals Altäre umstürzte? Oder bist du ein neuer Prophet mit neuen Offenbarungen und neuen Aufträgen Gottes an sein Volk? So Großes hielten seine Volksgenossen von dem Mann in der Wüste, die höchsten Würden im Reich Gottes trauten sie ihm zu. Und wäre er nicht der redliche, nüchterne, demütige Gottesknecht gewesen der er war: wie leicht hätte diese hohe Meinung der Leute ihm den Kopf verrücken, das Herz berauschen können, dass er sich selbst überschätzt und seine Hand ausgestreckt hätte nach dem Prophetenstab oder gar nach dem Messiaszepter!
Lasst uns nur hineinschauen in unser eigenes Herz. Wie schmeichelt es unsrer Eigenliebe, wenn wir merken, dass Andre etwas auf uns halten. Und auch wo sie zu viel aus uns machen, wo unser Gewissen uns sagt: du verdienst dies Lob nicht, das man auf dich häuft, du besitzt diese Tugenden nicht, die man dir zuschreibt, du hast diese Fähigkeiten nicht, die man bei dir sucht, du hast auf diese Verdienste keinen Anspruch, die man dir beilegt, du bist im Grund keineswegs so edel und so gut, so verständig und so tüchtig, wie man dir zutraut auch da, wie leicht lassen wir durch die gute Meinung der Welt unser besseres Wissen und Gewissen uns umnebeln, dass wirs allmählig selbst glauben, was man uns vorsagt und uns für das halten, was die Leute aus uns machen!
Oder wenn wir uns auch selbst nicht täuschen: wie schwer entschließen wir uns, die Leute aus ihrer Täuschung zu reißen, ihnen ihre allzu gute Meinung von uns auszureden und offen wie Johannes in der Wüste zu sagen: ich bins nicht! Die Welt will ja getäuscht sein, denkt man: warum soll ich mich selbst vor ihr heruntersetzen? Warum soll ich sie nicht dabei lassen, wenn sie zu gut von mir denkt? Warum soll ichs mir nicht zu Nutze machen, wenn sie mir mehr zutraut als ich selbst? Bin ich auch nicht so gut wie man glaubt, so bin ich doch noch besser als hundert Andere; fühle ich mich auch dem Platz nicht ganz gewachsen, den man mir anbeut: ich kann ihn doch so gut ausfüllen als dieser und jener, dem ich ihn nicht gönne. So denkt der Weltmensch und lässt sich verführen durch die gute Meinung der Leute, dass er sein will, was er nicht ist.
Und doch wie groß ist der Schaden von solcher Täuschung, der Schaden für andere und für uns selbst!
Hätte der Täufer sich die hohen Erwartungen zu Nutze gemacht, die man im Volk von ihm hegte: welche Verwirrung in Israel! Dem Herrn, dem er den Weg bereiten sollte, hätte er den Weg verlegt und versperrt. Sein Volk, das er zum Herrn leiten sollte, hätte er irregeleitet und verführt. Sich selbst hätte er mit Schmach und Schande bedeckt als ein Schwärmer, der sich selber überschätzt, als ein Kronenräuber, der die Hand ausstreckt nach einem Diadem, das ihm nicht gebührt!
Um solch hohe Würden im Reich Gottes handelt sichs nun wohl bei uns nicht. Und doch wie viel Schaden fügen wir uns und andern zu durch die Eitelkeit, die berauscht von fremdem Lobe, sich selbst überschätzt. Wie mancher Ehrenmann kommt um den Lohn seines Verdienstes, weil ein gewissenloser Nebenbuhler es versteht, sich hervorzudrängen und ihn in Schatten zu stellen in den Augen der kurzsichtigen Welt! Wie bringt ein leichtfertiger Spekulant oft hunderte von ehrlichen Leuten und armen Familien in Schaden und Unglück, weil er ihr Vertrauen auf seine Mittel, auf seine Umsicht, auf seine Gewissenhaftigkeit gewissenlos missbrauchte! Wie manches Amt würde tüchtiger verwaltet, wenn der, welcher die Hand darnach ausstreckte, sich vorher gewissenhaft gefragt hätte: bin ich auch der Aufgabe gewachsen, zu der ich mich dränge; verdiene ich das Vertrauen, das man in mich setzt? Wie manche unglückliche Ehe würde vermieden, hätten die Herzen, ehe sie sich auf ewig binden, sich vorher redlich geprüft; hätte der Mann sich gefragt: verdiene ich die gute Meinung dieser arglos liebenden Seele, die ihr Lebensglück in meine Hände legen will? hätte die Braut sich vorher besonnen: bin ich auch das, was mein Freund in mir sucht; kann ich ihm das werden, was er von mir hofft: eine tüchtige Hausfrau, der gute Engel seines Lebens?
Und was die Hauptsache ist: welcher Schaden für unser eigenes Herz, für unser inneres Leben, wenn wir uns täuschen lassen über uns selbst durch die gute Meinung der Welt! Ohne Selbsterkenntnis keine Besserung seiner selbst, ohne Demut kein Fortschritt im Guten. Wie willst du deine Fehler erkennen und ablegen, wenn du statt auf die Stimme deines Gewissens nur auf das Urteil der Menschen hörst, welche sehen was vor Augen ist, nicht aber was in den Herzen wohnt? Wie willst du rechtschaffen wachsen in der Heiligung, wenn du dir genügen lässt an dem oberflächlichen Lob der Welt, statt zu trachten nach dem Wohlgefallen des heiligen untrüglichen Gottes? Wie mancher begabte Jüngling ist durch übertriebenes Lob verderbt, durch allzu frühen Beifall eitel und übermütig, nachlässig und leichtsinnig geworden und hat die schönen Hoffnungen, die man auf ihn setzte, schmählich getäuscht! Wie manchem frommen Christen sogar ist das Lob seiner Frömmigkeit, die Verehrung seiner Anhänger, der Weihrauch, den man ihm streute, der Heiligenschein, den man um sein Haupt wob verderblich geworden, dass er allmählich in geistlichen Hochmut, in fleischliche Sicherheit, in eitle Scheinheiligkeit versank! Wer da steht, der sehe wohl zu dass er nicht falle! Lass dich nicht verführen wenn du überschätzt wirst von der Welt, dass du sein wolltest was du nicht bist!
2) Lass dich aber spornen, dass du immer besser das werdest was du sein kannst und sollst,
indem du deine Gaben tüchtig brauchst und von fremdem Verdienst freudig lernst.
„Ich bins nicht!“ So hat der Täufer ehrlich bekannt, als man zu viel aus ihm machen wollte. Aber auf die ungeduldige Schlussfrage: „Was bist du denn, dass wir Antwort geben denen die uns gesandt haben? Was sagst du von dir selbst?“ erwidert er fest und bestimmt: „Ich bin eine Stimme eines Predigers in der Wüste: richtet den Weg des Herrn! wie der Prophet Jesaias gesagt hat.“ Der verheißene Vorläufer des Herrn, ein letzter Mahner zur Buße, ein Herold des nahen Himmelreichs, mehr nicht, aber auch weniger nicht, das sollte er sein und das wollte er sein, das war seine Mission und seine Passion; und dass er das sei, davon musste ihn die Begeisterung seines Volkes für ihn bestärken, darin konnte ihn auch die Ungnade eines Königs Herodes nicht irre machen.
Auch unsereiner, wie tief wir unter jenem großen Gottesknecht stehen, hat seine Gabe und seine Aufgabe. Und wenn die Menschen etwas auf uns halten, so darf uns das zum ermunternden Zeugnis dienen: es muss doch etwas an mir und in mir sein, darob man mich achten kann, dadurch ich zu brauchen bin in der Welt. Dieses mein Pfund will ich ausbilden und nützen zur Ehre Gottes und zum Besten der Menschen, damit ich Rede stehen kann auf die Frage: was bist du denn? Und wenn die Leute zu viel aus mir machen, so soll mir das ein Sporn sein, das mehr und mehr zu werden, was ich sein kann und soll, und das Lob, das man mir jetzt noch unverdient spendet, allmählich mit Gottes Hilfe zu verdienen.
Und dazu ist ein treffliches Hilfsmittel: von fremdem Verdienst freudig zu lernen. Wie neidlos und liebevoll blickt Johannes empor zu dem Größeren der nach ihm kommen soll und der als leuchtendes Vorbild vor ihm steht! Wie bewundernd und begeistert zeugt er von dem und weist er zu dem, welchem er nicht wert ist seine Schuhriemen aufzulösen, und welchen der Geist ihm offenbart hat als das Lamm Gottes das der Welt Sünde trägt, als den Erneurer der Menschheit, der mit dem heiligen Geiste tauft, als den lieben Sohn, an welchem der himmlische Vater sein Wohlgefallen hat.
Meine Lieben! Es gibt ja wohl manches edle menschliche Vorbild, zu dem wir emporschauen dürfen mit Liebe und Verehrung, von dem wir lernen können was etwa eine Tugend, etwa ein Lob ist. Und wenn das Lob der Menschen uns berauschen will, so gibts kein bessres Mittel uns zu ernüchtern, als schau' Andre an, die eines Hauptes höher sind als du und denen du nicht wert bist, die Schuhriemen aufzulösen. Und wenn wir etwas Rechtes werden wollen in unserem Beruf, so gibts keine bessere Regel als: miss dich nicht an denen die unter dir stehen, sondern eifere denen nach die besser sind als du. Das leuchtendste Vorbild aber für die Menschheit, der beste Führer zu allem Guten, der einzige Mittler unsres Heils, das ist der, hinter welchen der Täufer auch jetzt wieder zurücktritt. Er, das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt, kann auch uns reinigen von unsren Sünden durch sein Blut. Er, der Erneurer der Menschheit, der mit Geist und mit Feuer tauft, kann auch uns stärken zu allem Guten. Er, des Vaters lieber Sohn, der uns ein Vorbild gelassen hat, dass wir sollen nachfolgen seinen Fußstapfen, kann auch uns zu Kindern Gottes ziehen, die nicht nur Gnade bei Menschen finden, sondern auf denen des höchsten Gottes Wohlgefallen ruht. Von ihm zeugt uns Johannes, auf ihn weist uns diese heilige Adventszeit, ihn bringt uns das gnadenreiche Christfest wieder entgegen. Ihm lasst uns huldigen mit Mund und Herzen:
Wie süß ist deine Lehre,
Wie groß ist deine Ehre,
Wie herrscht du allein,
Wer wollte nicht, o König,
In Ehrfurcht untertänig
Und gern in deiner Gnade sein? 2)
Amen.