Gerhardt, Johann - Tägliche Übung der Gottseligkeit - Dritte Abtheilung. - Das zweite Capitel. Gebet um Erhaltung und Mehrung des Glaubens.
Du hast in meinem Herzen das Licht des lebendigen und seligmachenden Glaubens angezündet, o lebendiger und ewiger Gott! ich bitte deine Güte demüthig, daß du Solches gnädiglich erhalten und mehren wollest. Ich fühle bisweilen die Schwachheit des Glaubens, ich werde oft durch Stürme der Zweifel hin und her getrieben; darum schreie ich in Demuth mit den Aposteln, daß du mir den Glauben mehren wollest. Mein Herz hält dir vor dein Wort. Du wirst das zerstoßene Rohr nicht zerbrechen, und das glimmende Docht nicht auslöschen. Ich trage meinen Schatz in irdenem Gefäße; ich trage die Fackel des Glaubens in einem zerbrechlichen Gefäße verborgen; was bleibt anders übrig, als daß ich dir die Bewahrung derselben mit ernstlichem Gebet und Seufzen befehle, und um Vermehrung derselben täglich flehe? In der Finsterniß dieses Lebens und der Welt mache mich des himmlischen Glaubenslichtes theilhaftig! Dein Wort ist Licht und Leben; verleihe mir aus Gnaden, daß ich dem Worte mit wahrem Glauben anhange, und durch dich ein Kind des Lichtes und Lebens werde. Gegen alle Versuchungen Satans, gegen alle Einreden der Welt, ja, gegen alle Gedanken des eigenen Herzens laß in mir die Tröstungen Deines Wortes kräftig seyn! Ein einziges Wort der Schrift ist mehr werth, als Himmel und Erde, da es fester ist, als Himmel und Erde. Wirke in mir durch deinen heiligen Geist, daß ich deinem Worte festiglich glaube, und Sinne und Vernunft unter den Gehorsam des Glaubens bringe! Deine Verheißungen kommen aus freier Gnade und sind nicht durch meine Würdigkeit und meine Verdienste bedingt; mit der festesten Glaubensgewißheit werde ich mich daher auf sie stützen und von ganzem Herzen Deiner Güte trauen können. Durch den Glauben wohnt und lebt Christus in meinem Herzen. Erhalte daher in mir das freie Geschenk des Glaubens, daß mein Herz eine beständige Wohnung Christi sey und bleibe! Der Glaube ist der Same von allen guten Werken und der Grund eines heiligen Lebens. Erhalte und befestige daher denselben in mir, gütigster Vater, daß nicht meine geistige Ernte und Wohnung Schaden leide! Stärke meinen Glauben, daß er die Welt und den Fürsten der Welt besiege; mehre sein Licht, daß es von Tag zu Tage hellere Strahlen nach außen werfe; erhalte ihn mitten in der Finsterniß des Todes, daß er mir zum wahren Leben vorleuchte! Regiere mich durch deinen heiligen Geist, daß ich nicht durch Uebereinstimmung mit den Lüsten des Fleisches und durch Hingebung an die Sünden wider das Gewissen den Glauben verliere; sondern befestige das gute Werk, das du in mir angefangen hast, daß ich durch beständigen Glauben das ewige Leben ererben möge! Amen.