Gerhardt, Johann - Tägliche Übung der Gottseligkeit - Dritte Abtheilung. - Das eilfte Capitel. Gebet um Ueberwindung der Welt.
Allmächtiger, ewiger und barmherziger Gott, Vater unsers Herrn Jesu Christi, gib mir die Gnade des heiligen Geistes, daß ich über alle Versuchungen der Welt den Sieg davon trage! Die Welt greift mich an mit Haß, Schmeicheleien und verkehrten Beispielen; lehre mich, den Haß der Welt gering achten, ihre Schmeicheleien abwenden, und die Nachahmung der Bösen meiden. Was wird gegen mich der Haß der Welt vermögen, wenn deine Gnade mich wie ein Schild bedeckt? Was wird es mir schaden können, wenn alle Menschen mich mit Haß verfolgen, wenn nur du, mein Gott, mit Liebe mich umfassest; wiederum, was wird mir's nützen können, wenn alle Menschen mich mit Liebe umfassen, und du indessen mit dem Grimme deines Zornes mich verfolgest? Die Welt vergeht, es vergeht der Haß der Welt; die beständige Gnade des einigen Gottes allein aber währt ewig. Entferne daher, o Gott, aus meinem Herzen jene unordentliche Furcht, daß ich nicht den Haß und die Verfolgungen der Welt fürchte; pflanze mir aber das volle Vertrauen der Seele und die Gluth des Geistes ein, daß ich den Haß der Welt wie vorübergehende Wölkchen verachten lerne! Warum soll ich mich vor denen fürchten, die den Leib tödten, die Seele aber nicht tödten können; ich will vielmehr den scheuen und fürchten, der nicht allein den Leib, sondern auch die Seele in die Hölle des ewigen Feuers verstoßen kann. Der Glaube ist unser Sieg, der die Welt überwindet.
Denn mit dem Glauben sehen wir nach der zukünftigen Freude, daß wir die gegenwärtigen Widerwärtigkeiten ertragen können; mit dem Glauben ruhen wir auf der göttlichen Güte, daß wir den Haß der Menschen ertragen können. Aber nicht nur zur Linken greift mich die Welt mit Haß an, sondern sie sucht mich auch zur Rechten mit ihren Schmeicheleien anzulocken; sie hat einen stechenden Schwanz, aber auch ein schmeichlerisches Gesicht; gib mir, o Christe, die Lieblichkeit der himmlischen Freude zu schmecken, daß alle Liebe zur Welt in mir untergehe! Der Geschmack meiner Seele ist verdorben, sie begehrt das Irdische, und die Verachtung der weltlichen Schmeicheleien scheint ihr bitter; aber du, der du die Dinge nach der Wahrheit schätzest, du hast mich gelehrt, die Reizungen der Welt zu verschmähen, und hast gewollt, daß meine Seele zum Himmlischen erhoben werde. Wende daher ab, wende ab mein Herz von den Schmeicheleien der Welt, daß es zu dir gewandt die wahren und geistigen Ergötzungen genieße! Was hat den nun verstorbenen Liebhabern der Welt der nichtige Ruhm, die kurze Freude, die geringe Macht genützt? Was nützte ihnen das vorübergehende Vergnügen des Fleisches, und die Fülle falscher Reichthümer? Wo sind sie, die vor wenigen Tagen bei uns waren? Nichts ist von ihnen übrig geblieben, als Asche und Würmer; sie haben in Sicherheit gegessen und getrunken, sie haben ihr Leben von fleischlicher Freude trunken hingebracht; jetzt wird ihr Fleisch hier den Würmern zur Speise gegeben, ihre Seele aber dort mit ewigem Feuer gepeinigt; alle ihre Herrlichkeit ist verblüht, und wie Heu auf dem Felde verdorret. Behüte, o Gott, daß ich nicht auf ihre Wege trete, ich nicht zu derselben Grenze des Elends gelange; sondern führe mich durch die Ueberwindung der Welt zur Krone der himmlischen Herrlichkeit! Amen.