Gerhard, Johann - Tägliche Uebung der Gottseligkeit – 2. Abteilung - Das dritte Capitel. Danksagung für die Erlösung durch Christum.

O ewiger und allmächtiger Gott, ich bin dir den größten Dank schuldig, daß du mich erschaffen hast, da ich nichts war; aber noch weit größern, daß du mich erlöset hast, da ich verloren und verdammt war! Ich lag in der Hölle Rachen; du hast mich durch das Blut deines Sohnes herausgezogen. Ich war ein Eigenthum Satans; aber deine Gnade hat mich aus dem Reich des Teufels erlöst, und in das Reich Christi versetzt. Ich bin mich ganz dir schuldig, denn du hast mich ganz gebildet. Meine Zunge soll dich beständig loben, weil du sie mir gegeben hast. Mein Mund soll immerdar dein Lob verkündigen, weil er von dir Luft und Odem holt. Mein Herz soll mit beständiger Liebe dir anhangen, weil du es gebildet hast. Ale Glieder sollen zu deinem Dienste bereit seyn, weil du sie alle, wie viel und wie groß sie auch sind, wunderbar bereitet hast. Wenn ich schon zuvor mich ganz dir schuldig bin, weil du mich ganz gemacht hast, was wird's seyn, das ich dir für die Erlösung aus meiner Knechtschaft und Gefangenschaft vergelten könnte? Das verlorne Schäflein hast du den Krallen des höllischen Wolfes entrissen; den entflohenen Knecht hast du aus dem Kerker des Teufels gezogen; den verlornen Groschen hast du ängstlich gesucht.

In Adam bin ich gefallen, du hast mich aufgerichtet; in Adam bin ich mit Banden der Sünde gefangen worden, du hast mich von ihnen erlöst; in Adam bin ich verloren worden, du hast mich wieder erretten wollen. Wer bin ich armer Wurm, daß du für meine Erlösung so besorgt, und zu meinem Heile so wunderbar freigebig seyn wolltest? Wenn du die ersten Menschen, unsere Stammeltern, nach dem Falle ganz von dir verworfen, und sie zugleich mit allen ihren Nachkommen von dem Anblick deiner Herrlichkeit entfernt und bis in die unterste Tiefe der Hölle hinabgestürzt hättest, so könnte sich Niemand von uns mit Recht beklagen, daß ihm Unrecht geschehen wäre; denn sie und auch wir hätten empfangen, was unsere Thaten werth sind. Was konnten wir weiter von dir fordern oder erwarten, der du uns zu deinem Bilde geschaffen, und mit Kräften versehen hattest, die zur Bewahrung der Unschuld ausreichten? Uber nun erzeigest du deine unbegreifliche und unaussprechliche Liebe gegen uns, daß du deinen Sohn den ersten Eltern nach dem Fall als Erlöser versprichst, und denselben in der Fülle der Zeit uns sendest, und durch ihn aus dem Tode zum Leben, aus den Sünden zur Gerechtigkeit, aus der Hölle zur himmlischen Herrlichkeit uns zurückrufst. O Liebhaber der Menschen, der seine Lust bei den Menschenkindern hat, wer kann diese Menschenliebe würdig preisen? ja, wer kann sie würdig genug mit dem Verstande erfassen? Das ist der unbegreifliche Reichthum deiner Güte, das ist der unermeßliche Schatz deiner Güter, den unsere Armuth oder Einsicht nicht faßt. War der Knecht so werth, daß der Sohn zu seiner Erlösung in den Tod gegeben werden mußte? War der Feind so zu lieben, daß du ihm den geliebtesten Sohn zum Erlöser bestimmt hast? Meine Seele staunt, wenn sie diese Wohlthat erwägt, und wird ganz hin. genommen und zerfließet in Liebe zu dir! Amen.

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