Frommel, Max - Die Schönheit der heiligen Jugend Jesu
Die ganze Welt ist von Gott aufs Werden und Wachsen angelegt, und jedes Geschöpf ist dem Gesetz der Entwicklung unterworfen, ein jegliches in seiner Art. Dies predigt uns die Naturwelt jahraus, jahrein; jeder Baum und jedes Samenkorn ist ein Beleg dafür. Wo kein Wachstum mehr ist, da tritt Rückgang ein. Dies große göttliche Gesetz der Entwicklung gilt aber ganz besonders in der Menschenwelt, zu welcher sich die Naturwelt nur wie Abbild und Vorschule verhält. Jeder Mensch, der diese Welt betritt, ist leiblich und geistig aufs Werden und Wachsen gewiesen. Auch im geistlichen Leben, in der Gemeinschaft mit Gott, ist alles auf Entwicklung, auf Wachstum angelegt. Jeder Christ trägt in seinem Busen das Bewusstsein, dass er zu werden hat, was er eigentlich ist.
Darum hat Gott drei große Pflanzschulen für die Menschheit gestiftet, welche es mit diesem Werden und Wachsen, mit der Erziehung des Menschengeschlechts zu tun haben: die Familie, der Staat und die Kirche ein jegliches in seiner Art. Recht verstanden lauter Erziehungsanstalten Gottes zur Ausbildung des leiblichen, geistigen und geistlichen Lebens, die den Menschen schon von seiner Wiege umgeben, in denen er groß wächst, bis er selbst wieder in diesen drei göttlichen Schulen irgend einen Platz als Erzieher, als Mithelfer in der Entwicklung übernimmt. Denn Gott verwendet die eine Hälfte der Menschen, um die andere Hälfte zu erziehen.
Das sind große göttliche Wahrheiten, aller Beherzigung wert, die wir an dem herrlichen Bilde des zwölfjährigen Jesusknaben betrachten wollen; denn es malt uns
Die Schönheit der heiligen Jugend Jesu, zum Vorbild für die Jugend, die wachsen will, und für alle Erwachsene, die jung bleiben wollen.
Diese Schönheit strahlt uns entgegen in dem einzigen Wort aus seinem Munde, in dem einzigen Werk aus seinem Wandel, in dem einzigen Bild aus seiner ganzen Verborgenheit in Nazareth.
I.
Wir sehen den zwölfjährigen Jesus, wie er nach israelitischer Sitte zum ersten Male seinen Tempelgang hält. Zwischen Vater und Mutter schreitet er rüstig und fröhlich von Nazareth hinauf gen Jerusalem, das Herz voll seliger Ahnung und Verlangen nach dem Hause Gottes. Ein herrlicher Anblick, diese heilige Familie auf Israels Bergen wallend zum Heiligtum! Im Tempel angekommen sitzt er unter den Lehrern und fragt und antwortet. Er hatte viel zu fragen. Denn die lieblichen biblischen Geschichten des Alten Bundes, die er auf Marias Schoß gehört, die Psalmen, die sie ihm zum Wiegenlied gesungen, hatten sein Gemüt früh wach gerufen, und was er nun im Tempel sah und hörte von den Priestern und ihren Opfern, von der Bundeslade und dem Gesetz, von dem Vorhof, Heiligen und Allerheiligsten, von den Weissagungen und Verheißungen - das alles überwältigte ihn und versenkte ihn in so tiefes Sinnen, dass er alles andre, selbst die Abreise der Eltern darüber vergaß und im Tempel blieb. Es war ihm so wohl und heimatlich in seines Vaters Haus, er konnte sich nicht satt sehen und hören, bis die Eltern ihn suchten und fanden und fragten: „Warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht!“ Da blitzt es heraus, das einzige Wort, das wir aus den 30 Jahren seiner Jugend und Verborgenheit kennen, das Wort voll Tiefe und Höhe, voll Kindestiefe und voll Gotteshoheit: „Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, das meines Vaters ist?“ Das Sein im Vater und darum auch in allem dem, was des Vaters ist, in seinem Wort, in seinem Haus, in seiner Offenbarung und in seiner Anbetung, das ist der Grund, der ihn trägt, das ist sein A und O, sein erstes und letztes, sein tiefstes und höchstes, gegen das alles andre zurücktritt; das Sein im Vater und der Umgang mit ihm, das ist der heilige Urquell, aus welchem sein ganzes Leben hervorfließt. Das ist die erste Schönheit der heiligen Jugend Jesu.
Was sagt dies Wort uns?
Wenn ein Kindlein zur heiligen Taufe gebracht wird, und der Herr nimmt es im Bade der Wiedergeburt zu seinem Kinde an, was wollen die hellen Kindesaugen anders sagen, als: „Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, das meines Vaters ist?“ Wenn die Söhne und Töchter in der Gemeinde am Tage der Konfirmation ihren Taufbund erneuern, wenn sie am Altar ihren heiligen christlichen Glauben bekennen, was ist's anders, als dass wir sie hören sagen: „Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, das meines Vaters ist?“ Wenn wir zum Gottesdienst uns sammeln im Hause Gottes, wenn er uns naht in seinem Wort und Sakrament und wir ihm nahen in Anbetung und Lobgesang, dann soll Kanzel und Altar, Evangelium und Epistel, Predigt und Kirchenlied dir sagen: Auch du bist berufen zur Kindschaft deines himmlischen Vaters. Und wenn des Sonntags die Morgenglocke ruft, und die Menschen oder die Umstände oder die Trägheit wollen dich am Kirchgang hindern, dann ruf ihnen nur entgegen: „Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, das meines Vaters ist?“ Aber wir haben den Tempel auch des Werktags gar nahe in unserer lieben Bibel. Da sitzt Jesus mitten unter den Lehrern, unter den Propheten des Alten Bundes, unter den Aposteln des Neuen Testaments, und wer da mit Andacht liest, den durchzieht in seinem Gemüt etwas von dem: „Zeuch deine Schuhe aus, denn der Boden, da du auf stehest, ist heilig Land.“ Und wenn du in dein Kämmerlein gehst und schließest die Tür hinter dir zu und fällst auf deine Knie und schüttest dein Herz vor Gott aus, so recht kindlich und einfältig, und du birgst dein Angesicht in Gottes Vaterschoß, dann wirst du es inne, dass du in dem bist, was deines Vaters ist, da wird dein Kämmerlein, wenn es noch so klein ist, zum stillen Heiligtum, und du fühlst die Nähe Gottes und seiner Engel und vernimmst das Rauschen ihrer Füße. Unter aller Arbeit unsers Tagewerks, unter allen Leiden in dunkeln Nächten des Lebens kann ein Christ inwendig bleiben im Heiligtum; und zu den Versuchungen der Sünde und zur Lust der Welt soll er im Kampfe rufen: „Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, das meines Vaters ist?“ Wenn aber die letzte Stunde für uns kommt und der Tod an die Türe pocht und es sind etliche, die uns lieb haben und gerne behalten möchten Gott gebe, dass wir unser Leben nicht als Egoisten hingebracht, dass uns niemand vermisst, sondern dass wir Liebe gesät und in Liebe gedient was wollen wir dann den Weinenden anders sagen, als: „Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, das meines Vaters ist?“
Meine Lieben, das Kindeswort aus Jesu Munde voll Tiefe und Höhe umfasst die Bedeutung seines ganzen Lebens von seiner Menschwerdung bis zu seiner Himmelfahrt. Was er von Natur ist: Gottes Sohn, das sind wir aus Gnaden: Gottes Kinder. So umfasst jenes wunderbare Wort auch das ganze Christenleben von unserer Taufe bis zum seligen Sterben. Das soll das Echo unserer ganzen Persönlichkeit, die Summe unserer Weisheit, den Ausdruck unserer Lebensaufgabe in Zeit und Ewigkeit bilden: Ich muss sein in dem, das meines Vaters ist.
So sagt dies Wort der Jugend, die wachsen will, das eine: Sein in dem, das des Vaters ist das ist die höchste Schönheit einer heiligen Jugend. Freilich ist man in unserer Zeit weit abgekommen von der Bedeutung dieses Wortes für die Erziehung. Es gibt Eltern, welche meinen, ihre Kinder erziehen zu können ohne Furcht und Liebe Gottes, ohne Kirche, ohne Bibel. Aber ein Kind, das Gott nicht fürchtet, das wird auch den Vater nicht fürchten, und ein Kind, das Gott nicht liebt, wird auch aufhören die Mutter zu lieben, sobald die Selbstliebe ins Spiel kommt. Wie im Haus für die Erziehung der Kinder das Ewige, das Göttliche hintangesetzt wird, so im Staat und seiner Schule für die Erziehung des heranwachsenden Geschlechts. Da gilt in unserem Zeitalter die Losung: möglichst wenig Religion und möglichst viel sogenannte Bildung; möglichst wenig Zucht und Erziehung und möglichst viel Unterricht und Wissen! Was ist aber die Frucht weit und breit? Möglichst viel hoffärtige Knaben und Jünglinge und eingebildete Mägdlein, aber möglichst wenig feste Charaktere und gediegene Persönlichkeiten.
Hat man denn ganz vergessen, dass das Herz mehr ist als der Kopf? dass Gottes Wort gar anders das Innerste des Menschen ergreift als alles Menschenwort, dass es doch vor allem darauf ankommt, dem Menschen einen inneren Halt zu geben, einen Kompass, der in allen Lagen nach oben weist, einen Anker, an dem sein Schifflein anlegen und sich bergen könne in allen Stürmen des Lebens? Wahrlich es soll doch bleiben bei dem alten Spruch: „Die Gottseligkeit ist zu allen Dingen nütze und hat die Verheißung dieses und des zukünftigen Lebens.“ „Die Furcht Gottes ist der Weisheit Anfang“ und „Christum lieb haben ist besser denn alles Wissen.“
Aber jenes einzige Wort aus Jesu Jugend ist auch ein Wort an alle Erwachsenen, die jung bleiben wollen. Denn es heißt im Grunde: Eins ist not nur selig! Im Vater sein und in allem Wandel bleiben in ihm, in ihm unsere Wohnung haben, unseren Eingang und Ausgang, unseren Mittelpunkt, um den sich unsers Lebens Axe bewegt, in allem Wirken in seiner Nähe bleiben, in allem Leiden bleiben im Heiligtum, in allem Verlust ihn behalten das ist unser tiefstes Sein und Werden. Hier liegt unsere höchste Bestimmung, unser Ziel und Kleinod, hier die Antwort auf die große Frage unsers Daseins: Woher? und Wohin? Woher? Antwort: Von unserem Vater, der im Himmel ist. Wohin? Antwort: Zu unserem Vater, der ewige Heimat für uns hat. Hier in der Gottseligkeit, in der persönlichen Gemeinschaft mit Gott, in dem verborgenen Umgang der Seele mit ihm, da liegt der heilige Urquell, aus dem unser Christenleben hervorfließt, da steht der Jugendbrunnen für alle Erwachsene, die jung bleiben wollen. Selig sein und selig werden das ist die Schönheit heiliger Jugend.
II.
Wie das Sein im Vater der Urquell der heiligen Jugend Jesu ist, so sehen wir gleichsam das Flussbett, in welchem diese Jugend sich bewegt, in dem einzigen Werk aus seinem Wandel, das uns aus den 30 Jahren seiner Verborgenheit mit den Worten erzählt wird: „Er ging mit ihnen hinab und kam gen Nazareth und war ihnen untertan.“ Zwar gibt es apokryphe Evangelien, welche allerlei seltsame Wunder erzählen, die der Herr als Kind in Nazareth getan haben sollte; aber sie verraten gerade darin das Gepräge der Erfindung und Unwahrheit. Umgekehrt ist es ein Zeichen der Erhabenheit unserer echten Evangelien, dass sie aus den 30 Jahren seiner Verborgenheit uns nur dies einzige Werk aus seinem Wandel erzählen. Kindesgehorsam - das war sein Tun und Lassen in Nazareth, mit dem Pflegevater arbeiten auf der Werkstatt, der Mutter dienen im Hause, „die Eltern in Ehren halten, ihnen dienen, gehorchen, sie lieb und wert halten,“ das war sein einziges und doch so mannigfaltiges Werk seiner Jugend bis zum dreißigsten Jahre. Es ist höchst merkwürdig, dass uns dies berichtet wird unmittelbar nach dem Tempelgang, dem Tage der israelitischen Konfirmation. Gerade als er mit klarem Bewusstsein es den Eltern ausgesprochen, dass er Gottes Sohn sei, gerade da wird von ihm erzählt, dass er als Sohn in des Zimmermanns Hause untertan gewesen; gerade als er es fühlt, dass er wahrlich zu was anderem berufen sei, als den Leuten zu Nazareth hölzerne Häuser zu bauen, dass er vielmehr gekommen sei, die Hütte Gottes bei den Menschen zu bauen, gerade da sehen wir ihn einhergehen in den Schranken seines irdischen Berufs als Kind und Sohn. Das ist die andere Schönheit der heiligen Jugend Jesu und sie steht der ersten herrlich zur Seite.
Was sagt dies einzige Werk aus seinem Wandel der Jugend, die wachsen will? Sobald der Mensch zum Selbstbewusstsein erwacht, findet er sich vor in der Gemeinschaft der Menschen. In der Familie als Kind soll er sich entwickeln, dazu ist die Unterordnung unter das Ganze, unter die Gemeinschaft des Hauses, unter die Krone des Hauses, unter Vater und Mutter, notwendig. Hier lerne jedes die Bedeutung der Schranken erkennen, die Gott uns gesetzt, an welchen man nicht ungestraft vorübergehen oder gar sich vergreifen kann. Gott will, dass der natürliche Eigensinn des Kindes an dem Willen der Eltern sich breche und dass der natürliche Eigennutz an der Rücksicht und Liebe für Eltern und Geschwister eingedämmt werde. Gott will, dass das Kind früh lerne, nicht sich allein zu leben, sondern für andre, dass es dienen und sich fügen lerne. Wer als Kind dienen gelernt, wird als Mann regieren und als Frau sich unterordnen können. Wer aber als Kind sich nicht beugen gelernt, der wird sich und andern im späteren Leben viel zu tragen geben. Untertansein in den gottgesetzten Ordnungen, Gehorsam sein gegenüber den gottgesetzten Autoritäten das ist die Schule, in welcher die Charakterbildung sich vollziehen soll. Heutzutage verstehen viele unter Charakter nur: den eigenen Kopf aussetzen, eigensinnig sein und sich ja nichts gefallen lassen! Gehorsam lernen, sagen wir im Gegenteil, ist die Schule des Charakters. Denn der Gehorsam des Kindes ist der Anfang der Selbsterziehung und darum so unendlich wichtig, weil die lebendige Selbsttätigkeit mehr wert ist als alles bloß aufnehmende Lernen des Wissens. Ein Kind, das in Furcht und Liebe Gottes seinen Eltern untertan ist, hat mehr geleistet, als wenn ein Schüler eine ganze Bibliothek auswendig lernte aus Ehrgeiz. Gehorsam in der Kindheit, das lehrt dienen mit den Jahren an jedwelchem Platze. Hier liegt das Geheimnis der Selbsterziehung, die von allen gelernt werden soll und auf welche alle Eltern und Erzieher hinzuarbeiten haben. Weißt du, wer das Geheimnis der Selbsterziehung lernt?
Man hat Kleinkinderbewahranstalten gegründet, um die jungen Kinder vor dem Unfug der Gasse zu bewahren und früh durch Sprüche und Lieder und Bilder den Namen ihres Heilandes kennen zu lehren. Man hat ein löbliches Werk damit getan, zumal viele Kinder unverantwortlich verwahrlost werden. Ist's doch weit und breit die Regel, dass die Kinder bis zum 6. Jahre nicht erzogen, sondern recht verzogen werden. Aber ich kann nicht leugnen, viel nötiger hat mir manchmal scheinen wollen, eine Groß-Kinderbewahranstalt zu haben. Denn es blutet einem das Herz, wenn man sieht, wie das, was der Lehrer in der Schule, der Pfarrer im Unterricht in die jungen Herzen gepflanzt hat, vom 14. Jahre an bis zum Ehestand brach liegt, wenn nicht gar herausgerissen wird; wenn man die Jugend wandeln sieht, als wäre sie elternlos, meisterlos, familienlos, kirchenlos, und ein großer Teil gottlos. Die Jugend auf dem Lande, mit dem Schulentlassungszeugnis in der Hand, achtet sich aller Schule, alles Lernens und alles Erzogenwerdens entbunden. Kein Buch wird mehr angerührt, keine Feder in die Hand genommen, statt dessen kommen die Karten und Würfel, die Stöcke zum Prügeln, endlich die Messer in die Hand. Für die Jugend in der Stadt hat die Zeit der zurückgelegten Konfirmation die Bedeutung, dass ihnen nun die Welt offen steht mit allen ihren Lustbarkeiten. Zwar gelesen und geschrieben wird viel, aber das Lesen der Bibel und der Gang zur Kirche nimmt in dem Grade ab, als das Lesen der Romane und der Besuch des Theaters zunimmt. Wohl weiß ich, dass dies Bild der deutschen Jugend gottlob nicht überall zutrifft; auch weiß ich, dass ein gut Teil in unseren Gemeinden nicht also wandeln; aber als Versuchung umgibt es euch alle, und statt ein Salz zu sein unter euern Altersgenossen, sind so manche unter euch angesteckt von dem herrschenden Geist. Die großen Kinder wollen sich nicht bewahren lassen, noch sich selbst bewahren. Warum fehlt es denn gar so sehr an dieser Selbsterziehung? Ja wenn sie so spielend und so genussreich vor sich ginge! Aber Selbsterziehung kommt nicht zustande ohne Selbstverleugnung, ohne Verzicht auf Genuss, ohne Dienen und Leiden, und das ist unserer Natur eine gar bittere Arznei.
Dennoch sind wir alle zu diesem Dienen berufen, die Jugend, die wachsen will, wie die Erwachsenen, welche jung bleiben wollen, alt und jung, hoch und nieder haben zur Aufgabe: Erzogenwerden und Erziehen. Es hat einen tiefen Sinn, wenn in dem Siegelring des jedesmaligen Thronfolgers von England die Worte stehen: „Ich diene.“ Der erste Mann in der Jugend eines großen Volkes soll das Bewusstsein tragen, dass er zum Dienst Gottes und des Vaterlandes berufen ist. Denn auf die Gemeinschaft ist der Mensch von Gott angelegt, in der Gemeinschaft soll er sich entwickeln und der Gemeinschaft soll all sein Wirken zugutekommen. So ist's in den drei großen Gemeinschaften: Familie, Staat und Kirche, von denen wir vorhin sagten, dass sie die Pflanzschulen Gottes auf Erden seien für das Werden und Wachsen der Menschen. In der Familie dienen Mann und Weib sich gegenseitig, die Eltern dienen den Kindern, die Kinder dienen den Eltern. Auch im Staate, wenn auch in anderer Form, dienen nicht nur die Untertanen der Obrigkeit, sondern das Amt der Obrigkeit ist recht verstanden vom Fürsten bis zum Büttel ein Dienst an den Untertanen. In der Kirche endlich dienen die Prediger den Gemeinden, und die Christen ermahnt der Apostel: „Dient euch unter einander, ein jeglicher mit der Gabe, die er empfangen hat.“ So lebt und waltet in diesen drei Gemeinschaften ein reiches, gegenseitiges Nehmen und Geben, ein Dienen und Bedientwerden, ein Erziehen und Erzogenwerden. Denn wie die Eltern die Kinder erziehen, so werden sie auch selbst durch die Erfahrungen, die sie dabei machen, hinwiederum erzogen, und Eltern und Lehrer, Erzieher und Prediger werden oft an das Sprichwort erinnert: durch Lehren lernen wir.
Wie kommt man denn zur Selbsterziehung? Lerne es vom Jesusknaben: Die Kraft dazu liegt allein darin, dass die Seele bleibt in dem, das des Vaters ist, bleibt im Wort, bleibt in der Gemeinschaft mit Gott; dagegen die Übungsstätte der Selbsterziehung und Selbstbewahrung liegt in deinem irdischen Berufe, in deiner Stellung, in deinem Hause, in deinem Dienst an andern, in deiner Treue im kleinen, in dem Laufen innerhalb der göttlichen Schranken. Wie in der wahren Gemeinschaft mit Gott die Urquelle, so liegt im Untertansein das Flussbett, in welchem unser Leben verlaufen soll.
III.
Wo diese Selbsterziehung waltet, da fehlt es auch an dem dritten Zug der Schönheit nicht, wie sie uns an der heiligen Jugend Jesu entgegenstrahlt in dem einzigen Bilde seines ganzen Aufenthalts zu Nazareth. „Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.“ Er wuchs an Gnade bei Gott; denn das Vaterauge Gottes ruhte mit himmlischem Wohlgefallen auf diesem einzig einen, weil durch ihn Gott wieder seine Lust hatte an den Menschenkindern. Er wuchs an Gnade bei den Menschen, wie die Legende erzählt, die Knaben auf den Gassen zu Nazareth hätten von Jesu gesagt, wenn sie seiner ansichtig wurden: da kommt die Freundlichkeit.
Das gilt der Jugend, die wachsen will. Es wächst der Mensch mit seinen Zwecken. Willst du das Hohe erreichen, setz dir das Höchste zum Ziel! Ihr teuren Söhne und Töchter, möchtet ihr doch eure kostbare Zeit erkennen, die euch so nie wiederkehrt, und in der Jugend sammeln, was nachher euch so reiche Zinsen trägt, ein Wachstum an Erkenntnis, ein Wachstum an Früchten des Geistes! Solange die Glockenspeise im Fluss ist, verschmilzt alles Edelmetall, das man hineintut, mit dem Ganzen und tönt mit, wenn die Glocke läutet. Wenn aber die Glocke gegossen ist, so ist alle Mühe umsonst, ihr Metall zu bessern; man kann sie noch polieren, aber man ändert ihren Klang nicht mehr, es sei denn, dass sie umgebrochen und von neuem gegossen werde. Jetzt ist eure Glocke noch im Fluss; o sorgt, dass viel Edelmetall, sorgt, dass das Silber des Wortes Gottes, durchläutert im Tiegel siebenmal, hineinkomme, damit es ein edles, helles Geläute gebe!
Aber es gilt dies Bild des Wachsens und Zunehmens nicht der Jugend allein, es gilt auch den Erwachsenen, die jung bleiben wollen. Ich bin manchen Christen begegnet, in deren Lebensbeschreibung es heißen wird: sie haben abgenommen an Weisheit, an Gnade bei Gott und den Menschen. Denn „wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe, wer aber nicht hat, von dem wird auch genommen, das er hat.“ Manche sehen die Hemmung ihres geistlichen Wachstums in ihren Verhältnissen, in ihrer Umgebung, ja wohl gar in dem Ort, wo sie wohnen. Manchen ist er zu unbedeutend, etlichen zu still, etlichen zu laut, andern zu gottlos. Jesus hat in dem stillen, verachteten, unbedeutenden, gottlosen Nazareth 30 Jahre gelebt und dennoch darin zugenommen an Weisheit und Gnade. Bist du stehen geblieben, so wird dein Gewissen dir sagen, dass nichts daran schuld war, als dass du aus der Gemeinschaft mit Gott gewichen bist, dass du nicht bliebest in dem, das des Vaters ist. Gott ist nie schuld; denn er will dein Wachstum und will dir geben an Kraft, was du bedarfst. So will Paulus von seinem jungen Timotheus, „dass sein Zunehmen in allen Stücken offenbar sei“, und an einer andern Stelle sagt er, dass wir schon hier verklärt werden sollen in das Bild Christi von einer Klarheit zu der andern als vom Herrn, der der Geist ist. Haben wir doch ein unendliches Ziel über uns und eine unendliche Kraft unter uns „die ewigen Arme unter dir“ wenn wir nur wollten treuer sein in der Selbsterziehung, in der wir alle wachsen und zunehmen sollen an Weisheit und Gnade bei Gott und den Menschen.
Ein gottseliger Mann, Lavater, hat eine Reihe seltsamer Sprüche getan, worin er Winke für das Wachstum der Christen gibt. Nachdem er angehoben zu sagen: „Willst du herrschen, diene; willst du lehren, lerne; willst du dich freuen, leide; willst du leben, stirb; willst du haben, gib; willst du ernten, säe; willst du behalten, brauche;“ so fährt er fort: „willst du wachsen, nähre.“ Das ist ein tiefsinniges, wahres Wort. Wenn wir das Pfund, das Gott uns anvertraut, umsetzen im Dienst an andern, dann wird es uns verdoppelt. Wenn wir andern mitteilen, was Gott uns hat wachsen lassen, so werden wir getrieben, von Gott uns wieder zu holen aus seiner Fülle Gnade um Gnade, Kraft um Kraft. Alle Ausgabe an den Nächsten in der Liebe treibt uns zum Wachsen und Zunehmen in der Einnahme von Gott durch den Glauben. Willst du wachsen, nähre!
So steht die Schönheit der heiligen Jugend Jesu uns zum Vorbild da: zu bleiben im Vater, untertan zu sein in der Welt und zu wachsen an Weisheit und Gnade. Das ist des Lebens Schwung und Weihe, die uns Gott schenken und erhalten wolle! Amen.