Etter, Johann Jakob - Das Trachten nach der Seligkeit des Himmelreiches.

Predigt von Alt-Pfarrer Etter in Stein.

Text: Ringt danach, dass ihr durch die enge Pforte eingeht; denn Viele werden, das sage ich euch, danach trachten, wie sie hinein kommen, und werden es nicht tun können.
Luk. 13. 24.

„Herr, meinst du, dass Wenige selig werden?“ Diese Frage des vorhergehenden Verses ist die Veranlassung zu dem Ausspruche des Herrn in unserem Texte. Was aber die Frage selbst veranlasst habe, ist nicht gesagt; indessen ist ja das Wort und die Predigt unseres Heilandes überhaupt sehr geeignet, den Menschen bei seinem verborgenen Heimweh zur Seligkeit zu fassen und darauf bezügliche Zweifel und Fragen zu wecken.

So muss die Frage nach der Seligkeit bei Jedem erwachen, wenn es mit ihm zur Seligkeit geraten soll. Ein solches Fragen war des Zöllners Schlagen an die Brust: „Gott sei mir Sünder gnädig!“; schon nicht mehr unruhig, sondern mit Glaubenstrost erfüllt war des Schächers: „Herr, gedenke mein, wenn du in dein Reich kommst!“ So muss diese Frage auch in uns Allen sich erhoben und entwickelt haben, oder muss noch geschehen, wenn's nicht fehlen soll, bis wir mit Magdalenen in Liebe und Vergebungstrost zu Jesu Füßen weinen, bis wir mit Maria zu seinen Füßen das Eine, das not ist, in uns hinein trinken können.

Aber die Frage nach der Seligkeit Anderer? Wer, der die himmlische Freude des Errettetseins an und in sich selber fühlt, könnte anders, als auch die Brüder so errettet sehen wollen!

Aber die Frage nach der Zahl, nach dem Viel und Wenig der zur Seligkeit Gelangenden? Sie liegt natürlich in jener andern, und die Schrift selbst führt uns darauf, indem sie mehrfach von solch' „Viel und Wenigen“ spricht; freilich oft auf bedenkliche Weise, so z. B. wenn der Herr Matth. 7. 13, 14 sagt: „Der Weg ist breit, der zur Verdammnis führt, und ihrer sind Viele, die darauf wandeln; und der Weg ist schmal, der zum Leben führt, und Wenige sind ihrer, die ihn finden.“ Das wäre eine Antwort auf jene Frage; aber der Herr gibt in unserem Texte doch eine andere, und diese lasst uns nun ins Auge fassen und zu Herzen. Der Herr hält uns da vor:

das Trachten nach der Seligkeit des Himmelreichs, sowohl deutend auf das falsche, als aufweckend zum wahren Trachten danach.

Herr, hilf uns! O es sind so wichtige Stunden, die wir mit deinem Worte in solch öffentlicher Gemeinschaft oder im stillen Kämmerlein zubringen; da können und sollen wir gestärkt und geheiligt werden durch die ganze Woche hin, durch das Getriebe der Welt hindurch, doch stracks nach dem himmlischen Ziele hin unseren Blick und Lauf zu richten, und unter aller Arbeit unsere Seligkeit zu schaffen. - Herr, hilf in Gnaden, dass auch diese Stunde diesen Segen schaffe! Amen.

I.

Das falsche Trachten nach dem Himmelreich bezeichnet der Herr mit den Worten: „Viele werden, das sage ich euch, danach trachten, wie sie hinein kommen, und werden es nicht tun können.“

1. Es ist also hier nicht die Rede von den Vielen, die auf dem breiten Wege zur Verdammnis wandeln, ohne sich irgendwie um Seele und Seligkeit zu bekümmern, wie die eigentlichen Weltkinder, sondern von Solchen, die danach trachten, wie sie hinein kommen, und zwar, laut den folgenden erklärenden Versen, so danach trachten, dass sie, angelangt vor der verschlossenen Himmelstüre, unbedenklich sagen: „Herr, Herr! tue uns auf!“, die also Christum als den Herrn anerkennen und durch ihn ins Himmelreich zu kommen trachten.

2. Dennoch sagt der Herr von ihnen: „und sie werden's nicht tun können.“ Warum? Ihr Trachten ist eben ein falsches seinem inneren Grund und Wesen nach. Äußerlich ist es wohl schwer zu unterscheiden von dem wahren; ihre Erscheinung hat etwas Jüngerartiges, an Lebendigkeit und Eifer übertreffen sie oft jene Andern.

Allein bei alle dem sind es doch Seelen, bei denen es wohl zu einer Erweckung, nicht aber zur Wiedergeburt aus Gott gekommen ist; Seelen, die nie in die rechte Buße und in den rechten gesunden Glauben eingehen, die es bei aller Anregung des Geistes nie zu einem tieferen Eindringen, nie zum Durchbruche kommen lassen; die von einem gewissen Punkte aus, da die heilige und heiligende Gnade ihnen zu stark und zu nahe kommt, ihr widerstehen; die auf ihrem selbsterwählten evangelischen Wege ins Himmelreich gehen wollen, und eben darum, um dieses ihres falschen Trachtens willen, es nicht tun können.

„Nein, nicht darum, sagen Andere; tiefer liegt der Grund dieses Nichtkönnens: in Gottes ewigem Ratschlusse ist es gegründet, der von Ewigkeit Einige erwählt hat zu Seligkeit und diesen Allen Gnade zum rechten Trachten schenkt, während er in demselben Ratschlusse Andern diese Gnaden vorenthält und sie ebenso zur Verdammnis wie jene zur Seligkeit vorher bestimmt hat; und das ist der eigentliche Grund, warum sie nicht hinein können, und warum ihr Trachten ein falsches und verkehrtes ist. Nicht von der menschlichen Freiheit, die in Dingen des Reiches Gottes beim gefallenen Menschen untüchtig ist, hängt das Heil der Seelen ab, sondern ausschließlich von Gottes Ratschluss und Gnade.

Diese zwei Gegensätze sind nicht etwa das Ergebnis einseitiger sektiererischer Geister, sondern, merkwürdig genug, die bibeltreueste Kirche, die evangelische Kirche der Reformation ist, wie über andere, so auch über diesen Punkt der Erwählung in zwei Konfessionen zerfallen, deren jede auf Gottes Wort sich stützt und darum jede in der Wahrheit wurzelt.

Was sollen wir da sagen? Sollen wir mit Jenem sagen: „Da sieht man, wie man aus der Bibel Alles machen kann!“? Nein, Geliebte, hier ist nicht leichtfertiger Missbrauch im Spiele, hier waltet redlicher Ernst. Aber das sollen wir sagen: Was wir sündige Menschen zum Heile und Seligwerden wissen müssen, das Alles ist in der Heiligen Schrift klar und bar offenbart, und über diese Hauptartikel der evangelischen Heilsordnung sind von jeher Alle, die gläubig auf dem Boden des göttlichen Wortes standen, Eins gewesen, und sind es noch. Aber es gibt auch Wahrheiten, die nur teilweise, gleichsam nur mit einigen Ästen in die zeitliche Heilsordnung hinein gehören, die daher nur mit diesen vereinzelten Ästen uns in der Schrift offenbart sind, darum auch als unvereinte Gegensätze da stehen vor unseren Augen, die aber ihre gemeinsame Wurzel in den Tiefen der Gottheit haben; und da, in diesen Tiefen der Gottheit, haben jene Gegensätze ihre volle Einheit: aber des Menschen, auch des Erleuchteten Geist vermag diese Tiefen und Wurzeln nicht zu ergründen. Eine solche Wahrheit ist auch die von der Gnadenwahl, deren Gegensätze, wie sie nicht in den Folgerungen der Menschen, aber wie sie in der Heiligen Schrift gegründet sind gewiss nicht als Widersprüche da stehen, sondern gewiss in den Tiefen der Gottheit und ewigen Wahrheit ihre volle Einheit haben.

Darum je mehr wir die ganze Schrift reden lassen und allen ihren gegensätzlichen Aussprüchen das Gewicht zuerkennen, das ihnen vor Gott gehört; desto weniger werden wir über solche Wahrheiten streiten, werden wohl nach immer tieferer Erkenntnis und Überzeugung streben, nach der Schrift, aber auch nach derselben Schrift nicht vergessen, „dass doch unser Wissen Stückwerk ist und unser Weissagen Stückwerk, und dass wir jetzt durch einen Spiegel sehen in einem dunklen Worte“ (1. Kor. 13. 9, 12). Wir werden dem Apostel folgen, der, nachdem er über die Gnadenwahl ausführlich gesprochen, diese seine Darstellung mit einem Worte schließt, das uns deutlich genug bezeugt, dass wir diese Wahrheit nicht zu ergründen vermögen, mit dem Worte: „O welch' eine Tiefe des Reichtums, Beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie gar unbegreiflich sind seine Gerichte und wie unerforschlich seine Wege!“ (Röm. 11. 33.)

Wie aber so möchte Manches fragen - wie kann eine über ihre Seligkeit bekümmerte Seele zur Ruhe kommen, wenn über die Erwählung keine Ergründung und Gewissheit möglich ist? O da hat der Herr schon treulich vorgesorgt, also, dass jeder bekümmerten Seele der Weg zur vollen Ruhe geöffnet ist; denn er, der Weltheiland und unser Erlöser, ruft in die ganze kummerbeladene Menge hinein: „Kommt her zu mir Alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken!“ (Matth. 11. 28.) „Wer zu mir kommt, den will ich nicht hinaus stoßen“ (Joh. 6. 37.) Zwar sagt er in dieser Stelle unmittelbar vorher etwas Bedenken erregend: „Alles, was mir mein Vater gibt, das kommt zu mir“; allein eben in diesem Worte hat die Seele die Bürgschaft, dass, so gewiss sie wirklich zu Jesu geht, sie den Vater und den Sohn für sich hat; und diesen Seelen bezeugt der Heiland weiter (Mark. 11. 24): „Alles, was ihr bittet in euerem Gebete, glaubt nur, dass ihr es empfangen werdet; so wird es euch werden!“ Endlich die Apostel - hört sie bitten, euch arme, unversöhnte, des Versöhnungswortes entbehrende Sünder, bitten an Christi Statt: „Lasst euch versöhnen mit Gott!“ (2. Kor. 5. 20.)

Da haben wir wahrlich genug, einen Brunnen, aus dem eine Seele die Fülle der Ruhe in sich hinein trinken kann, und wer ernst und redlich seiner Seele Seligkeit sucht und diese Einladungen des Sünderheilandes vernimmt, der wird nun gewiss alsbald alle jene Furcht, wie alles falsche, verkehrte Trachten fahren lassen und seine Richtung einschlagen stracks dem Heiland zu, ein Trachten, bei dem es nimmermehr heißt: „und sie werden nicht hinein können“, sondern bei dem sie ebenso gewiss ihr seliges Ziel erreichen werden, als gewiss Christus die wahre, gottgeordnete und einzige Türe zum Himmelreiche ist.

Dieses Trachten lasst uns noch näher ins Auge und zu Herzen fassen, wie es der Herr uns lehrt:

II.

Das wahre Trachten nach der Seligkeit des Himmelreiches.

Dieses bezeichnet der Herr mit den Worten: „Ringt danach, dass ihr durch die enge Pforte eingeht!“

Das lautet freilich etwas anders als jene freundlich einladenden Worte, mit denen er die Mühseligen zu sich lockt; allein es ist das Eine so not wie das Andere, wir Alle und die Welt befinden uns in einem Zustande, dabei wir von beiden Seiten angefasst werden müssen.

1. Wir sehen da, Geliebte, beim Trachten nach dem Himmelreiche gilt es Ernst; Ernst, der nicht geschwächt werden darf durch allerlei Zweifel und Schwanken, durch Halbheit oder zweierlei Ziel; Ernst, wie ein großer Teil der Christenheit, auch der lebendigeren und gläubigen Glieder derselben, ihn verlernt und verloren hat, und welcher in der Kirche und allen Einzelnen, die da selig werden wollen, notwendig wieder erwachen und zu Gang und Leben kommen muss, denn der Herr spricht: Ringt danach, dass ihr durch die enge Pforte eingeht!

Ja, Geliebte, eng ist die Pforte und schmal der Weg zum Leben.

Nicht ein breites Tor des Weltlusthauses, da Alles hindurch mag, was die Augenlust und Fleischeslust und den hoffärtigen Sinn gelüftet; nein, eng ist diese Pforte, da kann der von Stolz Aufgeblasene, der in Lüsten Gemästete, der die Geldsäcke auf seiner Seele Tragende, kurz der mit dieser Welt Bepackte und Umwundene nicht hindurch kommen; da gilt es als Losungswort: „Ein Jeglicher unter euch, der nicht absagt Allem, das er hat, kann nicht mein Jünger sein“ (Luk. 14. 33). „Will mir Jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir!“ (Matth. 16. 24). Da gilt es also zwar nicht unbedingte Wegwerfung alles Äußeren, Zeitlichen, nicht schwärmerische Verachtung alles dessen, was die edlere Kultur im Äußerlichen Angenehmes und Schönes bietet; - aber jenen Entsagungssinn gilt es, der da besitzt, als besäße er nicht; jenen Verleugnungssinn, der etwas Größeres als dies Äußere weiß und hat, und kraft dessen er stark genug ist, wo der Herr durchs Wort oder Gewissen es fordert, all' dies Zeitliche entschlossen hinzuopfern; jenen himmlischen Sinn der Haushaltertreue, die dies Alles als Gottes Mittel zu Gottes Zwecken, zum leiblichen und geistlichen Wohl und Heil der Brüder zu nützen sich getrieben fühlt, die dies Alles als Gottes Eigentum und Gabe verwendet, wie sie weiß, dass er es will.

So eng ist die Pforte zum Himmelreiche, darum auch so natürlich, dass der Herr darüber sagt:

2. „Ringt, dass ihr da hindurch kommt!“

Ja, Geliebte, gerungen muss es sein, gekämpft, gestritten, angestrengt alle Gnadenkräfte in uns - eine Heils-Arbeit!

Wohl ist es gewiss, Geliebte, unser Haupt- und Kerntrost, ja unser einzige Trost und Halt in Betreff unseres Seligwerdens ist der, dass es nicht an unserem Rennen und Laufen liegt, sondern an Gottes Erbarmen in Christo; dass nicht unser Tun und Werk es vermag, sondern allein der Glaube, der Jesum Christum ergreift als den einzigen Born und Hort unseres Heils. Wahrlich, in der Rechtfertigung des Sünders aus purer Gnade durch den Glauben, in diesem Kernschatze der evangelischen Kirche liegt die Kraft, das Centrum unseres Trostes und Friedens mit Gott; und wehe, wo dies Evangelium von der Rechtfertigung durch den Glauben aus Gnaden abgeschwächt würde, - es wäre damit der ganze Boden unseres Heils eingebrochen.

Aber eben so gewiss, als dies Wort von der Rechtfertigung ein göttliches Evangelium ist, ebenso gewiss ist auch dieses „Ringt“ ein Gotteswort, und ist es unsere heilige Pflicht, auch dieses und alle andere solche Worte Heiliger Schrift ungeschwächt in ihrer vollen Kraft uns zu Herzen gehen zu lassen, tief in die Lebensquelle hinein; und wehe uns auch da, wenn wir solche Worte aus falscher Folgerichtigkeit abschwächen wollten, wir vergriffen uns an Gottes Wort. Und wissen wir dies Wort vom Ringen mit dem Worte von Glauben und Gnade und Rechtfertigung nicht recht zu vereinigen, so lasst uns nur den gesunden evangelischen Rechtfertigungsglauben sich recht entwickeln und erstarken in uns, bis wir im Lichte dieses Glaubens recht hinein sehen in die Tiefe und Gewalt der Sünde und der Hölle, und in die erbarmende Liebe unseres Gottes und Erlösers, die uns ohne ein Tröpflein eigenen Verdienstes errettet hat aus jenen finsteren Gewalten, und in die Seligkeiten hinein, die diesen Erlösten bereitet sind und entgegen glänzen: - dann lass sehen, ob noch ein Widerspruch besteht zwischen dem Glauben und dem Ringen; lass sehen, ob nicht der Rechtfertigungsglaube mehr als alles Andere die Seele, den ganzen inneren Menschen zum Ringen treibt, zum ernsten, heiligen, alles Andere hintansetzenden Trachten und Hinan- und Hindurchstreben nach dem seligen Ziele!

Wahrlich, eben gerade im Lichte eines gesunden evangelischen Glaubens werden wir erkennen, dass wir nicht mit einer bequemen Rechtgläubigkeit in den Himmel hinein spazieren können, dass es nicht getan ist mit frommen Gefühlen, Andachten und Worten der Gottseligkeit und allenfalls mancherlei lieblichen Übungen derselben; sondern dass es gilt die Kraft der Gottseligkeit, die, ob sie's auch noch nicht ergriffen hat, doch mit rüstigem Ernste danach jagt und ringt und Alles daran setzt, dass sie das Ziel erlaufe und erkämpfe.

So lasst auch uns, Geliebte, nicht schlafen wie die Andern (1 Thess. 5.6); lasst uns einander ermahnen, und das umso viel mehr, so viel ihr seht, dass sich der Tag naht (Hebr. 10. 25); lasst uns lausen durch Geduld in den Kampf, der uns verordnet ist (Hebr. 12. 1), aber auch nicht vergessen, dass, so Jemand auch kämpft, so wird er doch nicht gekrönt, er kämpfe denn recht (2. Tim. 2. 5). Lest Hebr. Kap. 12.

Seelen! Seht dort die seligen Himmel, die Majestät eures Gottes und das Lamm, das eine ewige Versöhnung uns bereitet hat, und alle seligen Engel und Geister, - o ringet danach, dass ihr auch, ihr Alle da hinein geht! Amen.

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