Ebrard, Johann Heinrich August - Der Zustand des Christen nach dem Tode - Dritte Predigt.

Ev. Luk. 19, 16-19. Da trat herzu der Erste und sprach: Herr, dein Pfund hat zehn Pfunde erworben. Und er sprach zu ihm: Ei du frommer Knecht, dieweil du bist im Geringsten treu gewesen, sollst du Macht haben über zehn Städte. Der Andere kam auch und sprach: Herr, dein Pfund hat fünf Pfunde getragen. Zu dem sprach er: Und du sollst sein über fünf Städte.

Und: Offenb. Joh. 22, 2: Und die Blätter des Baumes dienen zur Genesung der Heiden.

Im Herrn Geliebte! In drei Perioden grenzt sich der Zustand nach dem Tode ab. Zuerst die vom Sterben des Christen bis zur Auferstehung der Gerechten bei Christi Wiederkunft. Dann die des sichtbaren Reiches Christi auf Erden. Endlich die des neuen Himmels und der neuen Erde. Wir haben vor acht Tagen die erste dieser Perioden näher betrachtet, den Übergangszustand der von ihrem Leibe getrennten Seele vom Augenblick des Sterbens an bis zu ihrer seligen Auferweckung. Die Frage, wie der selige Zustand des in Christo Entschlafenen beschaffen sein werde, ob er ein Zustand untätiger Ruhe oder ob noch Aufgaben zu lösen, noch Ziele zu erreichen sein werden, und weiter, ob ein Wissen von dem, was auf Erden geschieht, haben wir erst in Betreff dieser ersten Periode beantwortet, und haben da gesehen, dass die vom Leibe getrennte Seele nicht in untätiger Ruhe, sondern in einer nach innen gewendeten Tätigkeit des Erkennens, des Anschauens Gottes, seiner Werke und Wege begriffen ist, und haben auch vernommen, dass diejenigen, welche in Christo einander verbunden gewesen, einander wiederfinden und auf ewig wieder haben werden, sodass zur Tätigkeit des Erkennens auch eine Tätigkeit der Liebe hinzukommt, da sie einander trösten für das auf Erden erduldete Leid, wie Abraham den Lazarus.

Eine noch weit höhere und umfassendere und auch in höherem Grade beseligende Tätigkeit wird aber stattfinden nach der Auferstehung und vollends nach dem letzten Schlussgericht, im neuen Himmel und der neuen Erde. Die Tätigkeit der bei Christi Wiederkunft Auferweckten im Reiche Christi auf Erden wird gerichtet sein auf die noch Unbekehrten, noch im sterblichen Leibe auf Erden lebenden; das lehrt uns der Herr in der ersten der beiden Schriftstellen, die wir unserer Betrachtung zu Grunde gelegt haben, in dem Gleichnis von den anvertrauten Pfunden. Die Tätigkeit der Vollendeten im neuen Himmel und der neuen Erde wird gerichtet sein auf diejenigen, die auf Erden das Evangelium zu kennen keine Gelegenheit gehabt; das lehrt die zweite Schriftstelle, und hier findet zugleich die Frage ihre Beantwortung, ob und für wen nach dem Tode noch eine Bekehrung möglich sei.

I.

Wenn wir von der Wiederkunft Christi hören, pflegen wir gewöhnlich gleich auch an das Jüngste Gericht zu denken und uns beides als mit oder unmittelbar nacheinander eintretend vorzustellen. Sagt doch der zweite Glaubensartikel: Christus wird wiederkommen zu richten die Lebendigen und die Toten, und auch an einzelnen Schriftstellen wird, gleichsam in perspektivischer Verkürzung, die Wiederkunft Christi und das letzte Gericht als dicht hintereinander liegend geschaut und dargestellt. Wo aber die Heiligen Schrift ausführlicher von diesen Dingen redet, da sagt sie sehr deutlich und ausdrücklich, dass das Gericht über die Lebenden und das Gericht über die Toten nicht unmittelbar aufeinanderfolgen sondern durch eine Zwischenperiode getrennt sein werden.

Wenn Christus sichtbar vom Himmel wiederkommt, wird er zunächst Gericht halten über die alsdann auf Erden lebenden Gottlosen und über die zum verklärten Leben erweckten Glieder seines Reiches. Nämlich dann, wann der Abfall auf Erden vollendet sein wird, das Geheimnis der Bosheit offenbar geworden ist, der Mensch der Sünde, das Kind des Verderbens sich auf den Thron gesetzt hat1), wenn die Gemeinde des Herrn aufs äußerste verfolgt wird2), die Gethsemanestunden für sie anbrechen, wenn die Welt zum Aase geworden:3) dann will er sichtbar wiederkommen, dem Reiche des Fürsten der Finsternis und dem Treiben des falschen Propheten ein Ende machen, beide hinabschleudern in den See, der mit Feuer und Schwefel brennt, und sein Reich in sichtbarer siegreicher Herrlichkeit auf Erden aufrichten4). Alle die Tausende und Millionen der in ihm Entschlafenen wird er auferwecken zum Leben in verklärtem Leibe, und die Gläubigen, die seine Wiederkunft erleben werden, wird er verwandeln und verklären (wie wir das im vorigen Jahre bei unseren Betrachtungen der Thessalonicherbriefe näher gesehen haben). - Aber auch sie, die Seinen, müssen offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi (2 Kor. 5, 10) - nicht, dass sich erst entscheiden sollte, ob sie selig oder verdammt würden; wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben sondern um zu empfangen nachdem sie gehandelt haben bei Leibes Leben. Den Gnadenlohn sollen sie empfangen für die Früchte, die der Glaube in ihnen gebracht hat, reichen Lohn, wenn reiche Frucht, kärglichen Lohn, wenn kärgliche Frucht, oder, wie es noch deutlicher 1 Kor. 3 geschrieben steht: es wird offenbar werden, was ein jeglicher auf den Einen und selben Grund des Glaubens gebaut hat, ob Gold, Silber, Edelstein, ob Holz, Heu, Stoppeln. Wird sein Werk bleiben, d. h. sich als ein Werk von dauerhaftem ewigem Wert erweisen, so wird er Lohn empfangen; war sein Werk und Tun aber von vergänglichem Wert, hat er z. B. wenn auch in guter Meinung, seine beste Kraft in unnützen dogmatischen Zänkereien über Nebenpunkte verzehrt statt sie auf Liebeswerke zu verwenden, so wird sein Werk verbrennen, vor dem Flammenauge des Herrn zu Asche zerstieben; er selbst (schreibt der Apostel) wird selig werden, aber wie durchs Feuer, nämlich durchs Feuer der Reue, die er jetzt über sein verfehltes Tun empfindet.

Gerade von diesem verschiedenerlei Lohn, den seine Gläubigen empfangen, redet der Herr auch in dem Gleichnis, dem unsre erste Textstelle entnommen ist. Ein Fürst, dessen Untertanen ihn, den legitimen Thronfolger, nicht anerkennen wollen, zieht fort aus seinem Lande in ein fernes Land, nämlich zum Kaiser und Weltherrscher nach Rom, um bei Diesem Recht zu suchen, dass der den Thron ihm zuspreche. Dieser Zug des Gleichnisses ist nicht erfunden, sondern der Geschichte entlehnt. Als der König Herodes gestorben war, und über die Landschaft Judäa seinen Sohne Archelaus als Erben gesetzt hatte, protestierten die Einwohner dieser Landschaft gegen ihn und wollten ihn nicht zum Fürsten; da reiste Archelaus zum römischen Kaiser, und brachte es dahin, dass dieser ihm die Herrschaft über Judäa zusprach. Mit einem solchen Fürsten vergleicht Christus sich selbst; sein Volk, dem er als der verheißene Messias von Gott gesandt ist, will ihn nicht anerkennen; da geht er durch Tod, Auferstehung und Himmelfahrt zu seinem himmlischen Vater. Ehe der Fürst im Gleichnis aber abreist, ruft er seine treuen Diener, stattet sie mit Geldsummen aus, und gebietet ihnen, dieselben in seinem Interesse zu verwalten, sie für die Ausbreitung seines Einflusses, für die Mehrung seiner Anhängerschaft anzuwenden. So hat Christus, als er gen Himmel fuhr, seine Apostel, Jünger und Gläubigen auf Erden zurückgelassen und ihnen die Gaben seines Wortes und Geistes verliehen, dass sie sein Reich ausbreiten und mehren sollten. Der Fürst im Gleichnis kommt nun wieder; der Kaiser hat ihm die Herrschaft zugesprochen; so kommt er, ausgerüstet mit Macht, die Regierung anzutreten und die Rebellen zu richten. So wird Christus wiederkommen, ausgerüstet mit Herrlichkeit, und sein Reich aufrichten, und da müssen nun auch seine getreuen Knechte vor seinem Richterstuhl erscheinen und Rechenschaft geben, wie sie die anvertrauten Gaben verwaltet haben. „Da trat herzu der Erste und sprach: Siehe dein Pfund hat zehn Pfunde erworben. Und er sprach zu ihm: Ei du frommer Knecht, dieweil du bist im Geringsten treu gewesen, sollst du Macht haben über zehn Städte. Der Andere kam auch und sprach: Herr, dein Pfund hat fünf Pfunde getragen. Zu dem sprach er: Und du sollst sein über fünf Städte.“

Das ist nun nach dem oben gesagten klar und leichtverständlich. Je größer die Glaubensfrucht, desto größer der Gnadenlohn. Was uns aber hier am wichtigsten ist für die Frage, von der wir ausgegangen, ist dies, dass die getreuen Knechte - der eine über zehn, der andere über fünf Städte gesetzt werden als Statthalter. Die treuen Diener werden Statthalter und Regenten über die bisher rebellischen, nun aber unterworfenen Untertanen. Genau so heißt es, ohne Gleichnis, in der Offenbarung Johannis, dass die um des Namens Jesu willen Enthaupteten und alle die, welche das Malzeichen des Tieres nicht angenommen haben, d. h. welche Christo im Glauben treu geblieben sind, mit ihm herrschen und regieren werden; die anderen Toten aber (heißt es ausdrücklich) wurden nicht wieder lebendig5). Also die, welche bei Christi Wiederkunft auferweckt oder verwandelt werden und in verklärtem Leibe leben, sollen mit ihm herrschen eine lange Weltperiode hindurch auf Erden, herrschen über das Geschlecht der übrigen Menschen, die noch nicht verwandelt sind, noch in sterblichem Leibe auf Erden fortexistieren in aufeinanderfolgenden Generationen. Dass Menschen in verklärter Leiblichkeit neben sterblichen Menschen sich auf Erden befinden sollen, scheint auffallend, ist aber nicht auffallender, als dass Christus nach seiner Auferstehung in verklärtem Leibe vierzig Tage lang mit seinen noch in sterblichem Leibe wallenden Jüngern verkehrte. Jene Verklärten werden eben nicht auf Erden wohnen nach jetziger Weise in irdischen Wohnungen, als eines Obdachs bedürftig, sondern wie Christus erschien, wann und wo er wollte und wo es nötig war, so werden sie erscheinen und sichtbar werden, wo ihr Beruf dies nötig macht. Ihr Beruf wird aber beschrieben in den Worten6): „Sie werden Priester Gottes und Christi sein“, die durch ihr Erscheinen, ihr Wort, ihre Kräfte die sündlichen, sterblichen Menschen zur Erkenntnis ihrer Sünde bringen und Recht und Gericht üben, dem Unrecht, dem Lug und Trug wehren, die Lügengewebe zerreißen, und die Gnade Gottes, das Evangelium mit Macht verkündigen. liebte, wenn jetzt so oft die Unschuld gedrückt wird, das Unrecht den Sieg davonträgt, manch frommes Herz seufzt: „O dass doch ein seliger Geist aus jener Welt herab - und dareinführe und die Künste der Bosheit zerscheiterte!“ dort Geliebte! werden diese Wünsche tagtäglich in Erfüllung gehen; machtlos wird die Lüge und das Unrecht sich krümmen und bis in die letzten Schlupfwinkel verfolgt werden. Wenn jetzt der Verkündigung des Evangeliums, der himmlischen Wahrheit, Schranken gesetzt und Bande angelegt werden, die Mächte des Aberglaubens mit ihren Scheiterhaufen, die Mächte des Unglaubens mit ihren Lästerzungen, die Mächte des Heidentums mit ihrem fanatischen Wutgeschrei dem Reiche Christi Trotz bieten: dort wird die Verkündigung der Gnadenbotschaft den Sieg davontragen. Da wird die Mission, die Ausbreitung des Reiches Christi in der Heidenwelt, die jetzt unter Seufzen, Tränen und Blut fortschreitet, dann in siegreichem Strome sich über die Welt ergießen, bis das Triumphlied erschallt: die Reiche der Welt sind Christi geworden. das wird eine selige Tätigkeit und Wirksamkeit sein, ein Schaffen, in Vergleich mit welchem all unser jetziges Schaffen armselig und klein ist.

Aber verschieden werden die Grade dieser Seligkeit sein, wie die Aufgaben des Berufes verschieden sein werden, die den einzelnen Vollendeten gestellt sind. Der eine ist über zehn, der andere über fünf Städte gesetzt. Selig sind sie doch alle, weil jeder den Beruf ganz ausfüllt, der ihm gegeben ist, und weil sie alle demütig sind und keiner sich über das erhebt, was Gott ihm zugewiesen hat. Von solchen verschiedenen Graden der Beseligung, wobei doch ein jeder sich ganz selig fühlt, können wir Christen uns schon im Erdenleben einen Begriff machen. Dort - ein armer Neger, der in der Rohheit des Heidentums aufgewachsen; erst in seinem Alter hat er das Evangelium kennen gelernt, sich als einen Sünder, Christum als seinen Heiland erkannt; seine ohnehin geringen Geistesgaben sind ziemlich unentwickelt geblieben; aber selig fühlt er sich doch, dass er, der früher sein Glück darin suchte, Anderen wehe zu tun und Grausamkeiten zu verüben, jetzt mithelfen kann, Gutes zu tun, Bäume zu fällen zum Bau eines Kirchleins, sein Stück Feld zu bauen, seine greisen Eltern zu pflegen, seinen Kindern wieder zu erzählen was man ihm vom Heiland erzählt hat. Und ihm gegenüber nun ein Mann, wie Oberlin, hochbegabt und von hoher Treue, der im Irdischen und im Himmlischen der Vater und Wohltäter eines ganzen Tales gewesen! Selig sind beide, ganz und vollkommen selig. Und wenn Oberlin noch seliger, als jener Neger, ist - Geliebte! so ist er es nur, weil er sich in die Seligkeit des Negers hineinversetzen und die Seligkeit des armen Negers mitempfinden kann, während der Neger nicht ebenso die Art der Seligkeit eines Oberlin zu fassen vermag. Selig ist der Seraph, der anbetend dem Donner des Weltalls lauscht, selig, ganz selig aber auch das Engelein, das, einem Kinde als unsichtbarer Hüter beigegeben, mit dem Kinde den funkelnden Tautropfen in einer Lilie betrachtet.

II.

Lange Zeiträume wird dies sichtbare Reich Christi auf Erden dauern, so lange, dass seine Dauer sich zur Dauer der jetzigen Weltgeschichte verhalten wird wie ein Jahrtausend zu einer halben Siebenzahl von Jahren. Am Ende so weissagt die Heilige Schrift7) - wird die Menge der sterblichen Menschen sich von Christo und seinen Verklärten nicht mehr wollen regieren lassen; zum letzten Male flammt der Missbrauch der menschlichen Freiheit in Aufruhr empor. Feuer vom Himmel wird die Schar der Aufrührer verzehren. Nun sind keine unverklärten Lebenden mehr auf Erden 8), nur Christus mit seinen Auferweckten und Verklärten. Die Toten werden nun erweckt zum Gericht; es erfolgt jetzt das Gericht über die Toten. Unter ihnen sind keine, die an Christum geglaubt hätten; denn wer gläubig geworden, der ist schon verklärt, und die Schrift sagt ja ausdrücklich: wer an den Sohn glaubt, der kommt nicht ins Gericht sondern ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen9). Wer gläubig geworden, wird nicht passiven Anteil am Gerichte nehmen, sondern aktiven, nicht gerichtet werden, sondern mit richten helfen, wie der Apostel Paulus schreibt10): „Wisset ihr nicht, dass die Heiligen die Welt richten werden?“ und wie Christus seinen Jüngern sagt11): „Ihr, die ihr mir nachgefolgt seid in der Wiedergeburt, sollt sitzen auf zwölf Stühlen und richten die zwölf Stämme Israels.“

Unter den Toten, die beim Schlussgericht gerichtet werden, sind also keine Gläubigen; gerichtet werden am jüngsten Tage nur diejenigen, die auf Erden nicht an Christum geglaubt hatten. Aber unter ihnen sind zwei verschiedene Klassen von Leuten: die Ungläubigen und die Nichtgläubigen. Die Ungläubigen sind die, welche den Ruf der Gnade, der an sie ergangen war, beharrlich abgewiesen haben oder wirklich zum Glauben gekommen aber wieder abgefallen waren, und in der einen oder der anderen Weise die Sünde wider den Heiligen Geist begangen haben, diese Sünde, die weder in diesem noch in jenem Leben vergeben wird. Derer Gericht ist gerecht. Aber neben ihnen stehen nun Millionen Anderer, die man nicht „Ungläubige“ nennen kann, die man vielmehr „Nichtgläubige“ nennen muss, solche nämlich, die darum nicht geglaubt hatten, weil sie in ihrem Leben nie vom Evangelium und Erlöser gehört hatten (wie diejenigen Heiden und Heidenvölker, die dahingestorben waren, ehe ein Missionar zu ihnen gekommen) oder die vom Christentum zwar etwas aber nichts rechtes gehört haben (wie die Christen solcher Zeiten und Länder, in denen die Kirche verderbt, die Lehre verfälscht und verdunkelt war). Diese alle hatten nicht geglaubt, weil sie nicht hatten glauben können. Wie wird es ihnen beim Gericht ergehen? Sollen denn diese alle ewig verloren sein? Von der Sünde wider den Heiligen Geist sagt Christus, dass sie weder in diesem noch in jenem Leben vergeben werde; aber die Sünde wider den Heiligen Geist haben diese Armen ja nicht begangen. Sollen sie dennoch ewig verloren sein?

Fast möchte es scheinen; denn die Schrift sagt, dass Gott beim Schlussgericht die Toten richten werde nach ihren Werken12); nun ist aber nichts so gewiss und so fest bezeugt, als dass aus den Werken kein Fleisch gerecht wird13). Es ist kein andrer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, darin sie sollen selig werden, denn der Name Christi; wer an ihn glaubt, der wird gerecht14). Sollen die Toten, die auf Erden keine Gelegenheit gehabt hatten, das Evangelium zu hören, gerecht und selig werden, so muss ihnen dort im Jenseits noch eine Möglichkeit, an Christum zu glauben und zu ihm sich bekehren, eröffnet werden. Wird das der Fall sein? Die Heiligen Schrift schweigt darüber all ihre tausend Blätter hindurch; erst auf dem allerletzten Blatte findet sich ein einziges kleines Wörtlein, das glänzt hell wie eine Perle, ja wie eine Freudenträne. Wo nämlich die über alle Maßen große Herrlichkeit des neuen Himmels und der neuen Erde beschrieben wird, da ist die Rede von einem Strome lebendigen Wassers und von einem Baume des Lebens, der seine Früchte bringt das ganze Jahr hindurch, und da heißt es: Die Blätter dieses Baumes dienen zur Genesung der Heiden15).

Zur Genesung! Tode können nicht genesen, und Gesunde bedürfen keiner Genesung. Es werden also nach dem Schlussgericht außer den Gesunden und den dem ewigen Tode verfallenen auch noch Kranke da sein im neuen Himmel und der neuen Erde Kranke, die geheilt werden und genesen sollen. Nun wird uns ja alles klar und licht. Nach ihren Werken sind sie gerichtet worden; gerecht konnten sie nicht werden durch ihre Werke, aber als erlösbar, als heilbare Kranke konnten sie erkannt werden an ihren Werken. Es ist hier nicht an vereinzelte Werke und Taten zu denken; was das heißt: nach den Werken richten, das sagt der Apostel Paulus Röm. 2, 6-7: „Gott wird geben einem Jeglichen nach seinen Werken, nämlich denen, die in Beharrlichkeit guten Werkes nach Ehre (Ehrenhaftigkeit) Würde und Befreiung vom Tode getrachtet haben, wird er geben ewiges Leben; den Kindern der Streitsucht aber, die der Wahrheit ungehorsam waren, gehorchten aber der Lüge, wird er geben Zorn und Strafe.“ Es hat edle Heiden gegeben; zwar keinen einzigen unter ihnen, der Gottes Willen vollkommen erfüllt, Gott über alles geliebt, ja Gott auch nur erkannt hätte, aber manchen, der seine Sünden erkannt und beseufzt, und nach dem, was er als gut erkannte, mit Ernst getrachtet, und der Wahrheit, soweit er sie erkannte, gehorcht hat. Und unter den Christen, die in Zeiten des Aberglaubens oder Unglaubens gelebt haben, ohne Erkenntnis des Evangeliums, hat es manche gegeben, die mit Ernst gerungen haben, das zu tun, was ihnen als Pflicht sich darstellte. Sünder sind sie alle! gerecht, schuldlos vor Gott ist keiner! Aber groß ist der Unterschied zwischen bußfertigen und unbußfertigen Sündern, zwischen rettbaren und verlorenen. Die ersteren werden in die neue Erde aufgenommen als heilbare Kranke.

Wo aber Kranke sind, da bedarf es auch der Krankenpfleger. Geliebte! auch noch in der letzten, höchsten Periode der Vollendung wird die Seligkeit nicht in tatloser Ruhe, sondern in einem Leben energievoller Liebe bestehen. Auch dort noch werden wir tätig sein im Dienst unsres Heilandes, im Dienste der Brüder, die wir speisen werden mit den Blättern des Lebensbaumes, tränken mit dem Strome des lebendigen Wassers, dass auch sie hineinwachsen in die Fülle der Erkenntnis und Liebe Christi.

Aber am Ende wird auch dies letzte Ziel erreicht sein, die Kranken werden genesen sein, und was dann? Dann sind alle Ziele erreicht! wird dann nicht die Langeweile eines endlosen Einerlei eintreten? Eine lange Weile gewiss nicht; denn dann wird keine Zeit mehr sein, kein Wechsel von Tag und Nacht 16), von Monaten und Jahren, kein Vor und Nach, sondern ewige Gegenwart, in welche die vergangenen Zeiten aufgenommen sind, gereinigt von aller Sünde und allem Leid. Es wäre doch schön, wenn du, sowie du an einen Ort, wo es dir wohlgefallen hat, immer wieder hinreisen kannst, so auch an einen herrlichen, seligen vergangenen Zeitpunkt deines Lebens zurückkehren und ihn wieder und wieder durchleben könntest. Seht, meine Brüder, das werden wir dort können; wir werden immer wieder jung werden, alle köstlichen Momente des eigenen Lebens und der ganzen Weltgeschichte immer und immer wieder zu durchleben vermögen. Wir werden die ganze Geschichte, unsre eigene und die des Weltalls als ein in sich abgeschlossenes Kunstwerk genießen. Vorstellen können wir es uns hienieden noch nicht; aber wenn ich das Wort „Kunstwerk“ brauche, kann ich euch doch vielleicht eine Ahnung davon geben. Im Kunstwerk - sei es im Meisterwerk eines Raffaelischen Gemäldes, sei es in einem epischen oder dramatischen Gedicht - steht das, was einst Geschichte war, in ewiger Feier vor uns da, gereinigt von Staub, Schmerz, Blut und Tränen. Was in der sündlichen Wirklichkeit des sündlichen Erdenlebens als bitteres Weh empfunden wurde im Kunstwerk hat es seine Lösung gefunden in seliger Wehmut; die Träne des Schmerzes ist verklärt zur Freudenträne. Der Zentralpunkt des Weltdramas, der Weltgeschichte, ist aber Christi Menschwerdung und sühnender Tod und siegreiche Auferstehung. Das bekannte herrliche Oratorium: Händels Messias, ist das unvollkommene Werk eines schwachen Menschen, und doch - wie erleben und feiern wir in ihm immer wieder von neuem und mit gleichem Entzücken die höchste Tat der ewigen Liebe! Könnet ihr nun ahnen, wie wir in der seligen Ewigkeit, wo keine Zeit mehr ist, diese höchste Tat und alle, alle Taten der ewigen Liebe in neuem, immer tieferem, immer seligerem Anschauen feiern werden? Getilgt ist die Sünde, getilgt ist der Fluch, abgewischt alle Tränen. Die Liebe nur bleibt; die Stürme verwehen. Amen.

1)
2 Thess. 2, 3 ff.
2)
Offenb. Joh. 11.
3)
Matth. 21, 28.
4)
Offenb. Joh. 20, 2 ff.
5)
Offenb. Joh. 20, 4-5.
6)
Ebendas. V. 6.
7)
Offenb. Joh. 20, 7 ff.
8)
Diejenigen sterblichen Menschen, welche während des sichtbaren Reiches Christi auf Erden durch die Verklärten bekehrt worden sind, erscheinen Offenb. 20, 9 als im „Heerlager der Heiligen“, in der „geliebten Stadt“ befindlich, also mit den Verklärten vereint, und es wird sonach wohl anzunehmen sein, dass sie nach ihrer Bekehrung selbst verwandelt worden sind zu verklärter Leiblichkeit.
9)
Joh. 5, 24.
10)
1 Kor. 6, 2.
11)
Matth. 19, 28.
12)
Röm. 2, 6. Offenb. 20, 12.
13)
Röm. 2, 12; 3, 20.
14)
Apostelg. 4, 12; 13, 39.
15)
Luther hat ungenau und unrichtig übersetzt: zur Gesundheit der Heiden. Im griechischen Texte steht das Wort, welches auch in die deutsche medizinische Sprache übergegangen ist: „Therapie“. Dass dies „Heilung“, „Genesung“ heißt, weiß jedermann.
16)
Offenb. 21, 25.
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