Ebrard, Johann Heinrich August - Der Zustand des Christen nach dem Tode - Zweite Predigt.

Text: 1. Kor. 13, 12. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel, im Rätsel, dann aber von Angesicht zu Angesicht; jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.

Im Herrn Geliebte! „Die Liebe hört nimmer auf, so doch die Weissagungen aufhören werden und die Sprachen aufhören werden und die Erkenntnis aufhören wird.“ So schreibt der Apostel im 8. Vers unsres Textkapitels. Die Liebe hört nimmer auf; davon haben wir uns vor acht Tagen überzeugt, wo wir den Zustand der in Christo Verstorbenen betrachtet und gelernt haben, dass dieser Zustand ein geschlechtloser ist und dort im Himmel keine neuen Verwandtschaftsbande entstehen werden, dass aber diejenigen, welche auf Erden einander nahe gestanden, wenn sie in Christo verbunden waren, einander wieder kennen und auf ewig haben werden. Die Liebe hört nimmer auf; die Weissagungen hören auf; an ihre Stelle tritt die Erfüllung; die Verschiedenheit der Sprachen, deren jede ein unvollkommenes Gewand des Geistes ist, hören auf, denn wir werden dort alle in Einer Sprache Gott loben; auch die Erkenntnis hört auf, nämlich die Art des Erkennens, wie sie auf Erden stattfindet, das mühselige Hindurcharbeiten durch Irrtümer. Denn dass wir in der Ewigkeit nicht erkenntnislos und blind sein werden, dass vielmehr, wie an die Stelle der Weissagung die Erfüllung, so an die des Erkennens das Wissen und Schauen treten wird, das sagt ja der Apostel deutlich im Vers unseres Textes: jetzt sehen wir durch einen Spiegel im Rätsel, dort von Angesicht zu Angesicht; jetzt erkenne ich stückweise, dort werde ich erkennen wie ich erkannt bin.

Aber auch dies vollkommene Erkennen wird nicht mit Einem Schlage vollendet sein sondern seine Fortschrittsstufen haben, nicht so sehr in Zuwachs äußeren Erkenntnisstoffes, als vielmehr in stets wachsender innerer Vertiefung. Wir haben vor acht Tagen Fragen aufgeworfen, die jeden Christen beschäftigen, darunter neben anderen die Frage: ob die Seligkeit in einer untätigen Ruhe bestehen werde. Das mussten wir verneinen und müssen es verneinen schon darum, weil dort ein Wachsen an Erkenntnis stattfinden wird.

Geschlechtlos wird das Leben nach dem Tode sein, aber nicht geschichtslos, ich meine: nicht ohne geschichtliche Fortentwicklung. Zwar, wenn man es als zur Geschichte gehörig ansieht, dass ältere Generationen absterben und neue an ihre Stelle treten, dann wird Geschichte in diesem Sinne im Jenseits nicht mehr stattfinden; wenn man hingegen als das Wesentliche der Geschichte betrachtet, dass unerreichte Zwecke und Ziele noch der Verwirklichung harren, dann ist das Leben nach dem Tode ein geschichtliches. Wir wissen ja von vornherein aus der Heiligen Schrift, dass dasselbe in drei aufeinander folgende Perioden sich teilt: erstlich das Leben der vom Leibe getrennten Seele vom Sterben bis zur Auferstehung, sodann das Reich Christi auf Erden, beginnend mit seiner Wiederkunft, wo er die in ihm Gestorbenen erwecken, die alsdann lebenden Gläubigen verwandeln und verklären wird, und sie mit ihm regieren sollen über die noch im sterblichen Fleische lebenden übrigen Menschen bis zum letzten Schlussgericht; endlich nach dem Schlussgericht, der neue Himmel und die neue Erde.

Wir wollen heute den ersten dieser Zeiträume: den Zustand der in Christo entschlafenen Seelen vom Sterben bis zur Auferstehung betrachten, und kommen damit auf eben den Punkt zurück, von welchem wir ausgegangen: auf die Frage, ob und in welcher Weise eine Tätigkeit des Erkennens nach dem Tode stattfinden werde; denn wenn wir die Frage aufwerfen, inwiefern der Zustand nach dem Tode den Charakter einer geschichtlichen Fortentwicklung haben werde, so antwortet uns die Heiligen Schrift, dass zu erreichende Ziele und Aufgaben allerdings dort noch gesetzt sind, nur dass die Tätigkeit zunächst keine nach außen gerichtete, sondern eine nach innen gewendete Tätigkeit des Erkennens sein wird, und zwar: dass die Seele des in Christo Entschlafenen zu ihrer eigenen Förderung erhoben wird zum schauenden Erkennen Gottes und seiner Werke und seiner Wege mit ihr selbst dass sie aber auch mit der Geschichte der auf Erden lebenden in der Art in Berührung bleibt, dass sie, ohne auf diese Geschichte einzuwirken, doch das Wachstum des Reiches Christi auf Erden mit teilnehmenden Blicke verfolgt.

I.

Nicht in träger untätiger Ruhe wird der Zustand der von ihrem Leibe getrennten Seele bestehen; eine Tätigkeit wird stattfinden, aber eine nach innen gerichtete.

Nicht die der Bekehrung zu Christo. Die Frage, ob für solche Menschen, die auf Erden das Evangelium nicht oder nicht recht kennen zu lernen Gelegenheit hatten, eine Bekehrung nach dem Tode möglich sei, versparen wir bis zur folgenden Betrachtung; wir haben ja jetzt nur mit denen zu tun, die auf Erden sich bekehrt und Christo angehört haben. Sie sind selig, sind im Sterben frei geworden von dem letzten Reste der Sünde; ihr Herz ist erfüllt von reiner Liebe zu Gott und zu den Brüdern; nach dieser Seite hin bedürfen sie keiner Förderung - aber in der Erkenntnis bedürfen sie der Förderung und Vollendung, und diese wird einen wesentlichen Teil ihrer Seligkeit ausmachen. Diese vollendete Erkenntnis, zu der sich all unser Erkennen hienieden verhält, wie trübe Dämmerung zu hellem Sonnenschein, ist erst nach dem Tode möglich; denn dort ist die Art und Form des Erkennens eine ganz andere.

Um dies zu verstehen, müssen wir die Beschaffenheit der vom Leibe getrennten Seele näher ins Auge fassen. Paulus schreibt (2 Kor. 5): wir sehnen uns möchten lieber dass das Sterbliche an uns, der stoffliche Leib, vom Leben verschlungen würde, als dass er vom Tode verschlungen wird; wir möchten lieber, dass dieser Leib überkleidet würde mit Unsterblichkeit (d. h. dass er ohne Tod verwandelt und verklärt würde) als dass wir des Leibes entkleidet werden im Sterben. Aber er heißt uns getrost sein; wer hienieden Christo angehört, der hat, wenn die Leibeshütte abgebrochen wird, als Ersatz eine Behausung im Himmel, ein Haus nicht mit Händen gemacht; und wer Christo angehört, der erkennt und weiß, dass dieser sterbliche Leib ihn nur beschwert, und so haben wir Freudigkeit, außer dem Leibe zu wallen und daheim zu sein bei den Herrn.

Wenn wir diesen Unterschied ins Auge fassen zwischen der im sterblichen Leibe gebundenen und der von den Banden des sterblichen Leibes befreiten, im Himmel wohnenden Seele, so ist von selbst klar, dass die Art und Weise des Erkennens hier eine ganz andere ist, als dort. Dasjenige in uns, was erkennt, ist immer die Seele, der selbstbewusste Geist, dort wie hier; aber hienieden erkennt der Geist durch die Vermittlung der körperlichen Sinnesorgane. Unwissend tritt der neugeborene Mensch in die Welt; Anschauung und Rede sind die beiden Mittel des Unterrichts, durch die er zur Erkenntnis kommt - Anschauung mittelst des Auges, Rede mittelst des Gehörs. Aber das Auge zeigt ihm nicht die Dinge, wie sie sind, sondern nur die Oberfläche derselben; das Auge empfängt die verschiedenartige Einwirkung der Lichtstrahlen, die von der Oberfläche der Körper zurückgeworfen werden. So schauen wir sogar die sichtbaren Dinge nicht selbst, sondern recht eigentlich nur ihre Spiegelbilder, wie der Apostel schreibt: wir sehen hier wie in einem Spiegel. Die höheren, unsichtbaren Dinge vollends, die ewigen Ursachen, die der sichtbaren Welt zu Grunde liegen, schauen wir mit leiblichen Auge gar nicht; sie spiegeln sich in der sichtbaren Welt für das geistige Auge, wie es Röm. 1 (nach genau wörtlicher Übersetzung) heißt: „das unsichtbare Wesen Gottes, seine ewige Kraft und Gottheit, wird gesehen als ein aus den Werken Gottes denkend erkanntes.“ Durch Gedankenschlüsse steigen wir auf von den sichtbaren, vergänglichen Erscheinungen zu den unsichtbaren, bleibenden Gesetzen, und wiederum von diesen Gesetzen zu Dem, der sie gegeben und in die Dinge gelegt hat.

Aber der Gedanke vollzieht sich im Wort; wenn wir denken, denken wir Worte. Die Rede in Worten, die Sprache, hat nicht der einzelne Mensch erfunden; durch das Ohr sind die Worte unserer Eltern und Lehrer in uns eingegangen, und mit den Worten der Sinn der Worte, die Begriffe. Die Sprache ist geistiger Gemeinbesitz des Volkes. Aber wie wir mit dem Auge nur im Spiegel schauen, so vernehmen wir mit dem Ohr nur im Rätsel. In Folge der Sünde haben sich die Geister der Menschen zerklüftet in verschiedene Volksgeister, deren jeder seinen besonderen Schatz von Anschauungen und Begriffen, aber auch von Irrtümern, seinen beschränkten und einseitigen Besitz geistiger Habe hat, und wo jedes Volk seinen Besitz von Anschauungen und Begriffen in anderen Wortstämmen und Wortformen, in einer anderen Sprache, ausdrückt, sodass die Sprache des einen Volkes für die Glieder des anderen unverständlich und ein Rätsel ist. Aber nicht das allein! Auch innerhalb ein und desselben Volkes geht zwar der Klang der Wörter gleichmäßig in jedes Ohr ein, aber die Begriffe, die mit den Wörtern verbunden werden, gestalten sich in dem einen Hörer anders, als in dem anderen. Wie denkt doch bei dem Worte „Liebe“ der eine Mensch an ganz etwas anderes, als der andere! jener an eine sinnliche selbstische Leidenschaft, dieser an eine selbstverleugnende Tugend! Wie malt sich bei dem Worte „Freiheit“ in jener Seele ein ganz andres Bild, als in dieser! So geschieht es, dass in ein und demselben Volke die Menschen einander nicht verstehen; was der eine spricht, ist dem anderen ein Rätsel; die Voraussetzungen und Grundanschauungen sind eben verschieden, weil die Stellung zu Gott verschieden ist. So herrscht Sprachverwirrung, nicht bloß im gewöhnlichen und im politischen Leben, sondern auch in der Wissenschaft, und da erst recht.

Und wenn auch diese in Folge der Sünde herrschende Verwirrung nicht wäre, wenn auch aufrichtige Liebe zu Gott und zu der Wahrheit und in ihr die Vorbedingung für gegenseitige Verständigung allgemein herrschte: Rätsel würden dennoch übrig bleiben; in die letzten, tiefsten Geheimnisse des göttlichen Ratschlusses und der göttlichen Weisheit vermögen wir hienieden noch nicht einzudringen. „Hier erkenne ich stückweise, bruchstückweise,“ schreibt der Apostel. Wie die Raupe, der noch nicht die Schmetterlingsflügel gewachsen sind, mühselig kriechend sich von einem Blatte zum anderen fortarbeitet, so arbeitet sich die in den sterblichen Leib gebundene Menschenseele mühselig vorwärts von der Unwissenheit zum Wissen. Die Menschen unserer Tage rühmen sich zwar: wie wir's so herrlich weit gebracht; sieht man aber näher zu, so bestehen die Fortschritte in scharfen an sich sehr wertvollen Einzelbeobachtungen, bei denen man nur zu oft in den Einzelheiten stecken geblieben ist, den Blick für den großen Zusammenhang verloren oder falsche Zusammenhänge erträumt hat, und das Forschen nach den letzten ewigen Ursachen von sich geworfen hat. Die Erkenntnis bleibt Bruchstück, oder - um nur Ein Beispiel aus hunderten hier anzuführen - ist es nicht ein Bruchstück, wenn man die Frage, ob gewissen Seuchen, wie Cholera, Pest, gelbes Fieber, ein echtes Kontagium1) oder ein Miasma2) zu Grunde liege, entscheiden zu können glaubt und entschieden zu haben überzeugt ist, davon aber, worin dieser Ansteckungsstoff bestehe und wie ihm beizukommen und wie die Krankheit zu verhüten und zu heilen sei, noch kein Sterbenswort weiß? Sind sogar unsre Erkenntnisse solcher irdischen, natürlichen Dinge Bruchstück: wieviel mehr unsre Erkenntnis der himmlischen Dinge! Wer kennt sich selbst vollkommen? wer muss nicht gestehen, dass er sich selbst noch ein Rätsel, dass seine Selbsterkenntnis Bruchstück ist? Und vollends von Gottes Wesen und Kraft und Gottheit stammeln und lallen wir, wie jenes fünfjährige Kind eines gelehrten Mannes von seinem irdischen Vater stammelte, als es einem gleichaltrigen Gespielen voll Staunen und Bewunderung erzählte, dass sein Vater schon mit Tinte schreiben könne. Geliebte! wir begreifen noch weniger das ewige Wesen Gottes, als ein Kind die Fähigkeiten seines irdischen Vaters, der ihm doch so nahe steht, begreift.

Wir sehen jetzt durch einen Spiegel und im Rätsel, dann aber von Angesicht zu Angesicht; jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkennen wie ich erkannt - nämlich von Gott erkannt - bin. Sowie mein ganzes Sein und Wesen und Wollen und Tun bis auf die letzte mir selbst verborgene Faser klar vor Gottes Auge steht, so wird dann, wenn meine Seele nicht mehr in den Banden des sterblichen Leibes sondern bei Gott in ihrer himmlischen Behausung ist, das, was ich jetzt im Spiegel, im Rätsel, bruchstückweise erkenne, miteinander vollkommen klar vor meinem Auge stehen. Seit die Sünde in die Welt gekommen, stehen wir außer Gott, dringen mühselig durch die hundertfachen Scheidewände der irdischen Dinge zur Erkenntnis Gottes empor; nach dem Tode wird die Seele des in Christo Entschlafenen vor Gott, vor seinem Angesicht, ja in Gott stehen, und vom Lichte Gottes durchdrungen ihn schauen, wie er ist, und aus ihm seine Werke begreifen. Jetzt hat unser Erkennen die Form des Forschens und Suchens, des Beobachtens und Schlüsse-ziehens, wobei wir uns oft täuschen, oft irren, oft wieder rückwärts müssen und nur langsam vorwärts kommen; dort wird unsre Erkenntnis die Form des Schauens haben, wo der Gegenstand derselben sich miteinander enthüllt und aus seiner Wurzel, seinem tiefsten Grunde verstanden wird. Was es um dies Schauen, um dies Erkennen durch innere Anschauung sei, davon können wir uns einigermaßen eine Vorstellung machen; denn etwas dem verwandtes kommt allerdings hin und wieder schon im Erdenleben vor. Wenn einen genialen Menschen plötzlich und mit Einem Schlage eine Ahnung durchblitzt, wie ein tiefverworrenes Problem irdischer Erkenntnis zu lösen sei, und er sieht, wie von Einem Punkte, Einem Gedanken aus, hundert Rätsel ihre Lösung finden wenn z. B. Kopernikus der Gedanke kam; „wie wenn es nicht das Weltall, sondern unsre Erde wäre, die alle vierundzwanzig Stunden sich um die Axe drehte!“ und dass unter dieser Voraussetzung der scheinbar so verworrene Lauf der Planeten mit einander seine ganz einfache Erklärung finde - so war das kein schrittweises Forschen (obwohl gründliches Forschen vorausgegangen sein musste) sondern ein blitzartiges inneres Schauen, und der Form nach jenem künftigen Schauen verwandt. Es gibt aber ein höheres inneres Schauen schon hienieden, dass nicht bloß der Form sondern auch dem Wesen nach dem künftigen seligen Schauen der Wahrheit verwandt ist. Das ist, wenn ein Mensch, der bisher ohne Glauben an den Erlöser dahingelebt hatte, in innerem Zwiespalt der Seele, sich selbst ein Rätsel, so dass er sprechen musste: „so finde ich nun in mir, der ich das Gute will, ein Gesetz, dass mir das Böse anhängt“3) - wenn ein solcher Mensch vom Heiligen Geist ergriffen und erleuchtet wird, dass es auf einmal hell in seiner Seele wird, und er seine ganze Sünde und Unwürdigkeit aber auch die ganze Gnade und Liebe Gottes in Christo wie vor Augen schaut, und nun mit Einem Schlage seine Vergangenheit mit ihren Irrwegen klar und der Weg der Zukunft licht vor ihm daliegt. So werden wir, von den Banden des Leibes befreit und in den Himmel eingegangen, Gott schauen, und sein Wesen, die heilige Liebe, erkennen, und seine wunderbaren Werke erkennen, und auch die Gnadenwege erkennen, die er mit uns gegangen ist, und die uns hienieden oft wunderlich dünkten.

II.

Werden wir denn außer den Gnadenwegen, die er mit uns ging, auch die Wege erkennen, die er mit den auf Erden noch Lebenden, vor allem mit unseren Angehörigen, die wir hier zurücklassen, geht? Wird auch der weitere Verlauf der Geschichte auf Erden Gegenstand unseres Schauens und Erkennens sein?

Unser Text gibt uns auf diese Frage keine Antwort. Dass wir das, was wir erkennen werden, nicht mehr im Spiegel, im Rätsel, bruchstückweise, sondern in innerem Anschauen, klar und vollständig erkennen werden, das sagt er; ob aber zu den Gegenständen dieses Erkennens auch der Verlauf der Geschichte auf Erden gehören werde, darüber schweigt er. Die Heiligen Schrift lehrt uns vielmehr, dass zwischen dem Reiche der Lebenden und dem der Verstorbenen eine Scheidewand von Gott gesetzt sei, die weder von den Verstorbenen noch von den Lebenden ohne Frevel überschritten werden darf. Von den Verstorbenen nicht; denn im Gleichnis vom reichen Mann und Lazarus, wo der Reiche verlangt, Lazarus solle seinen Brüdern erscheinen, wird er mit seinem Verlangen abgewiesen. Von den Lebenden nicht; denn Tote zu befragen, Seelen Verstorbener durch Zauberkünste auf die Erde zurückzurufen, ist von Gott als Gräuel verboten4). So war es bei König Saul der letzte Grad von Verstockung, dass er von einem Zauberweibe verlangte, sie solle Samuels Geist aus dem Totenreiche herauf holen. Es ist das nicht nur ein Gräuel, es ist auch eine Torheit. Der Mensch vermag das nicht. Auch jenes Zauberweib vermochte es nicht; sie wollte Saul betrügen durch Gaukelkünste; denn als Samuel wirklich erschien, kam ihr das unerwartet; ein Schrecken befiel sie, dass sie laut aufschrie; sie sah in dem Erscheinen Samuels eine außergewöhnliche Gottestat; und schloss daraus richtig dass der zu ihr gekommene Fremdling der König sein müsse5).

Die Völker zu allen Zeiten haben dieser Torheit und diesem Frevel gehuldigt; bei den roheren Wilden geht alle Religion in Geisterbeschwörung auf, aber auch Bildung und Aufklärung schützt vor jener frevelhaften Torheit nicht, wie sie überhaupt nicht vor der Sünde schützt, da diese nicht im Kopfe sondern im Herzen ihre Wurzel hat. Daher die seltsame Erscheinung, dass in unserer Zeit des Unglaubens die Verirrung des sogenannten Spiritismus immer weiter um sich greift, die sich doch schon dadurch selbst richtet, dass alle die Aufschlüsse, welche von den vermeintlichen Geistern gegeben werden, auf alberne Gemeinplätze hinauslaufen.

Wir Lebenden sollen mit den Verstorbenen nicht in Beziehung treten. Wir dürfen und sollen unserer Entschlafenen in dankbarer Liebe gedenken, und wenn unser eigenes Seelenleben uns im Traume das Bild eines teuren Entschlafenen vorführt, so ist das nicht Sünde, sondern nur eine andere Form der Erinnerung, Aber selbst die Fürbitte für die Verstorbenen hat keine Berechtigung; sie sind Gott näher, als wir. Ebenso wenig sollen wir sie um ihre Fürbitte anrufen; Gott ist uns näher, als sie; Gott ist der allgegenwärtige, allwissende; ob die Verstorbenen von uns wissen und uns hören, ist uns unbekannt. Mancher meint: „es wäre mir ein lieblicher Gedanke, wenn mein verstorbener Vater oder Mutter oder Gatte auf mich herabblickte und sähe, was ich täglich beginne“, oder: „es wäre mir tröstlich, wenn ich selbst nach meinem Tode das Leben meiner Hinterbliebenen mit meinen teilnehmenden Blicken verfolgen könnte.“ Meine Lieben, wollen wir das doch Gott überlassen; er wird es machen, wie es am besten ist. Wir Lebenden begehen noch manche Sünde und Torheit, über die unsere Verstorbenen keine Freude haben würden, und unsre Kinder nach uns werden auch noch manche Sünde und Torheit begehen, worüber wir in der Ewigkeit keine Freude haben würden. Da sagt vielleicht Einer; „gerade der Gedanke, dass die Verstorbenen von uns wissen, soll von Sünden und Torheiten uns abhalten.“ Ich aber sage euch der Gedanke an den allgegenwärtigen heiligen Gott soll uns von Sünde und Torheit abhalten, und wer sich dadurch nicht abhalten lässt, der wird es auch nicht durch den Gedanken an verstorbene Menschen. Die Heilige Schrift sagt uns nicht, dass die Verstorbenen etwas von uns wissen; sie sagt uns auch nicht, dass sie nichts von uns wissen; sie lässt diesen Punkt im Dunkeln.

Nur Eines sagt sie: dass die selig Verstorbenen von der Geschichte und dem Wachstum des Reiches Christi auf Erden wissen, und dasselbe mit Teilnahme verfolgen. Johannes in der Offenbarung schaut die Seelen der Märtyrer, die um des Zeugnisses Jesu willen getötet worden, und hört sie zu Gott beten: „Herr, wie lange suchst du nicht heim unser Blut an denen, die auf Erden wohnen?“6) Hier wird vorausgesetzt, dass sie von dem, was auf Erden geschieht und noch nicht geschehen ist, Kunde besitzen und auch über die Dauer des irdischen Zeitverlaufes ein Wissen haben. Wiederum im elften Kapitel, wo die Zeit der Wiederkunft Christi und der sichtbaren Aufrichtung seines Reiches herangenaht ist, weiß die Gemeinde der selig Entschlafenen, dass dem so ist, denn die vierundzwanzig Ältesten dieser Gemeinde sprechen: „Wir danken dir, Herr, dass du in deine Hand genommen hast deine große Kraft und herrschest. Die Völker sind zornig geworden, und nun ist gekommen dein Zorn und die Zeit, die Toten zu richten und zu geben den Lohn deinen Knechten“7). Und endlich, wie die letzten Zorngerichte Gottes vor Christi Wiederkunft über die Erde ergehen, singt die ganze Gemeinde der Seligen im Himmel: „Wer sollte dich nicht fürchten und deinen Namen nicht preisen? Alle Völker werden kommen und anbeten vor dir; denn deine Urteile sind offenbar geworden“8).

Daran, Geliebte! lasst uns genügen, dass die himmlische Gemeinde der selig Entschlafenen treuen Anteil nimmt an der Geschichte des Reiches Christi auf Erden. Wieviel wir nach unserem Tode von dem Leben und Treiben und Ergehen einzelner Menschen erfahren werden, wissen wir nicht; aber das wissen wir, dass wir nicht in einer untätigen trägen Ruhe uns befinden werden, sondern in der inneren Tätigkeit eines seligen, irrtumslosen Erkennens, dass wir Gott schauen werden, sein Wesen, seine Werke, seine Wege erkennen werden, seine Wege, die er hienieden mit uns gegangen, und seine Wege, die er mit seiner Gemeinde auf Erden geht. Wenn wir das wissen, dann wollen wir es uns auch angelegen sein lassen, dass schon hier auf Erden unser Forschen und Erkennen sich nicht in Vergängliches und in Einzelheiten verliere, sondern wir schon hienieden hinter den sichtbaren und vergänglichen Dingen den ewigen Ursprung und Urquell suchen und alles im Lichte Gottes betrachten lernen. Bei dir, Herr, ist die lebendige Quelle, und in deinem Lichte sehen wir das Licht! Amen.

1)
Ansteckung, ansteckende Berührung
2)
Verunreinigung
3)
Röm. 7, 21.
4)
5 Mos. 18, 10-12.
5)
1. Sam. 28, 7-12.
6)
Offenb. Joh. 6, 10.
7)
Offenb. Joh. 11, 17-18.
8)
Offenb. Joh. 15, 3-4.
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