Ebrard, August - Die Salbung Jesu durch die Sünderin.
Text: Luk. 7, 36-50.
Andächtige und Geliebte in dem Herrn!
Es gibt Abschnitte in der Heiligen Schrift, wenn wir die lesen, wachen große Gedanken in uns auf; es gibt andere Abschnitte in ihr, wenn wir die lesen, wachen große Zweifel in uns auf; aber wieder andere gibt es, die wecken nicht Zweifel noch Gedanken, sondern sie sprechen ans Gemüt, und zu diesen gehört unser heutiger Text. Nicht Gedanken weckt er in uns; er selber bringt vielmehr eine solche Menge verschiedener Gedanken uns entgegen, dass keiner derselben sogleich aus den übrigen heraus und in den Vordergrund tritt. Von Zweifeln vollends kann gar keine Rede sein, denn diese Geschichte übt in ihrer Einfachheit und Natürlichkeit einen solchen Zauber auf unser Herz, dass sie sich die Zustimmung desselben erobert hat, ehe wir uns nur besinnen. Nein, sie spricht zum Gemüt; sie macht das Herz erst warm, ehe sie das Auge helle macht; zwar ahnen wir sogleich auch einen Reichtum von tiefen Aufschlüssen für unser Verständnis; aber wir sind - ich frage euch, ob es euch nicht eben so ging, ob ihr nicht auch zuerst hingenommen wurdet von dem Gesamteindruck, ehe ihr noch den Sinn der einzelnen Aussprüche Jesu ergründen konntet; ob ihr nicht augenblicklich in euch selber sprechen musstet: ja, dem Pharisäer ist Recht geschehen, er hat die verdiente Zurechtweisung erhalten; ob ihr nicht augenblicklich ein inniges Mitleid empfandet mit der armen Sünderin, wie sie da eintritt und bringt das köstlichste, was sie hat, den Balsam, und findet statt der Worte nichts als Träne! Ebenso, Geliebte, ging es mir, als ich diese Geschichte zum Texte wählte und das erste Mal überblickte; erst riss mich ein Strom von erhebenden Empfindungen hin; dann erst konnte ich Zeit finden, auf das Einzelne mein Augenmerk zu richten und die Blume der Weisheit aufzublättern, die in solcher wunderbaren Fülle und Lieblichkeit vor mir dalag.
Lasst auch uns jetzt von dem Gesamteindruck zur Entzifferung des Inhaltes im Einzelnen übergehen. Nicht künstlicher Entwicklung und Einteilung bedarf es; folgen wir kindlich der Hand, woran unser Evangelist uns führt. Was uns zuerst in die Augen fällt, sind die beiden Personen, die in unserem Texte mit Jesu in Berührung kommen: der Pharisäer, äußerlich ehrbar und rechtschaffen, aber ohne Buße, ohne Liebe; die Sünderin, äußerlich und innerlich tiefgesunken, aber voll Sehnsucht nach Erlösung, voll Reue, voll Hoffnung, voll Dankbarkeit. Wenn wir dann von diesen Personen weiter vorwärts schreiten zu den Worten, die der Herr zu beiden spricht, so finden wir hier wieder besonders zwei bedeutsame Worte, die wieder in Gegensatz zu einander stehen. Im 43. Verse nämlich spricht er in Form eines Gleichnisses aus: Wem am meisten geschenkt, vergeben ist, der liebt am meisten, und nennt somit die Vergebung als Ursache der Liebe; aber im 47. Verse sagt er: Ihr ist viel vergeben, dieweil sie viel geliebt hat; woraus also das umgekehrte folgt: Wer viel liebt, dem wird viel vergeben, und wo die Liebe die Vorbedingung der Vergebung genannt wird.
Hier seht ihr nun schon den Weg vorgezeichnet, den wir einzuschlagen haben. Wir fassen zuerst jene beiden Personen ins Auge, und wie verschieden sie sind; sodann die beiden Aussprüche Jesu, und wie sie trotz dem Schein der Verschiedenheit eins sind. Das Thema aber, welches beide Teile verbindet, ist kein anderes, als Christus selbst; Christus selbst, wie er suchet, das verloren ist; Christus, wie er die Sünderin tröstet und den Pharisäer erweckt; Christus, der auch unsere Seligkeit will und dazu in das Fleisch gekommen und in den Tod gegangen ist; Christus, der auch allein jetzt meinen schwachen Worten Kraft geben kann durch seinen heil. Geist an euren Herzen, und der das auch will, und den wir darum bitten, auf dass auch wir nicht von hinnen gehen, ohne in unserer Seele das Wort vernommen zu haben: Dein Glaube hat dir geholfen, gehe hin in Frieden.
Ja Herr, das wollest du walten in uns, nach deiner Gnade über uns! Amen.
I.
„Es bat ihn aber der Pharisäer einer, dass er mit ihm äße.“ Es war ein Pharisäer, aber darum noch kein gottloser Mensch. In vielen Leuten wachen bei dem bloßen Klange: Pharisäer, schon Gefühle des Abscheus auf. Man denkt sich die Pharisäer als Anhänger einer abgegrenzten Sekte, die sich, selbst durch Tracht und Sitte, von allem übrigen Volk absonderte. Aber die Pharisäer waren nicht eigentlich eine Sekte, so wenig wie die Sadduzäer; sie waren eine Richtung, eine Partei. Das ganze Volk war in die beiden Parteien gespalten, in die pharisäische, das war im Grunde die patriotische, die das alte Israelitentum in all seinen Teilen bewahren wollte, und auf die von den Propheten geweissagte Wiederherstellung des davidischen Königtums hoffte, und deshalb das Gesetz Mosis samt allen Satzungen der Alten mit ängstlicher Genauigkeit beobachtete; und in die sadduzäische, d. i. weltbürgerliche, die sich vielmehr in allen Dingen so viel als möglich den übrigen Völkern, den Römern, gleichstellen wollte, und hierdurch zu irdischer Wohlfahrt zu gelangen hoffte. Eine jede dieser beiden Parteien hatte ihre Häupter, ihre Führer, die man denn vorzugsweise „die Pharisäer, die Sadduzäer“ nannte; aber an diese Führer schloss sich das ganze übrige Volk in seinen beiden Hälften in engeren und weiteren Kreisen an. War nun die pharisäische Partei überhaupt - sie, die doch nicht bloß nach irdischer Wohlfahrt, sondern nach Gerechtigkeit vor Gott, wenn auch in irriger und äußerlicher Weise, trachtete - war sie überhaupt die bessere, so werden wir uns vollends unter den Führern dieser Partei nicht lauter absichtliche Heuchler und Frömmler zu denken haben, sondern es wird darunter auch einzelne Männer gegeben haben (wie einen Nikodemus, wie den nachherigen Apostel Paulus), denen es ein rechter Ernst war um ihr Seelenheil und um die Wahrheit. Und dürfen wir den Pharisäer in unserem Text auch nicht zu diesen wenigen Einzelnen zählen, nun so wird er doch wohl zu den Vielen gehört haben, die wenigstens beim ganzen Volke den Ruf rechtschaffener Männer hatten und an allen religiösen Interessen eine sichtbare Teilnahme an den Tag legten.
Das bewies er schon dadurch, dass er Jesum zu Gaste bat. Es ist keine Spur in unserem Text, dass er dies in boshafter Absicht getan habe. Freilich folgt daraus auch noch nicht, dass er es in der rechten Gesinnung und Stellung des Herzens getan hätte. Wenn Christus heute unter uns wandelnd erschiene, ich dächte, es gäbe da, auch hier in unserem Kreise, so manche fromme Seele, die Ihn auch gerne zu Gaste bäte, nicht um seinen, sondern um ihren Hunger zu stillen, nicht um ihn zu speisen mit Erdenbrot, sondern um von ihm mit Himmelskost gespeist zu werden; fromme Seelen gäbe es, die einen feurigen Hunger hätten nach ihrem Erlöser, weil sie sich in ihrer ganzen Armut, und all ihren Reichtum und all ihre Hilfe in Ihm erkennten. Das wäre nun die rechte Art, Jesum zu Gaste zu bitten. Diese Art hatte der Pharisäer nicht. Er lud ihn vielmehr ein, so wie ein Höherstehender einen Niedrigerstehenden einlädt, nicht aus Liebe und Verlangen, sondern aus Gnade und Herablassung. Er meinte vielleicht noch ein recht überflüssig gutes Werk damit zu tun, dass er sich dieses umherziehenden Rabbi und Volkspredigers annahm; mit einem Wort, er glaubte Jesu eine Ehre damit anzutun. Ach, ihm fehlte jenes feinere Gefühl, um aus Jesu bloßem Anblick schon mit Johannes dem Täufer herauszufühlen, dass hier ein Höherer vor ihm stehe, dem er nicht wert sei, die Schuhriemen aufzulösen. Er beurteilte sich und Andere nach dem äußeren Stande, nicht nach dem inneren Wesen und der Stellung des Herzens vor Gott; sonst hätte ihm nicht verborgen bleiben können, wie hoch an Adel der über ihm stehe, dessen Speise es war, „zu tun den Willen seines Vaters im Himmel.“1)
Ihr fragt mich aber vielleicht, meine Brüder und Schwestern, woher ich denn das Alles wisse? wo ich das gelesen habe? Ich habe es gelesen vom 44. bis 48. Vers unsers Textes, wo Jesus selbst in mildem Tone ihm den Vorwurf macht: „Ich bin gekommen in dein Haus; du hast mir nicht Wasser gegeben für meine Füße - du hast mir keinen Kuss gegeben - du hast mein Haupt nicht mit Öl gesalbt; sie aber hat meine Füße mit Salben gesalbt.“ Wenn man im Morgenlande jemand zu Gaste lud, so war es Sitte, dass man ihn mit einer Umarmung empfing; dass man ihm Wasser vorsetzte, um die Füße, die dort bekanntlich unbedeckt getragen wurden, vom Staube zu reinigen; dass man ihm (was auch nach täglicher Gewohnheit eine Erleichterung wegen der Hitze war) das Haupt mit Öl salbte. Der Pharisäer aber hatte sich diesem umherziehenden Jesus gegenüber hinwegsetzen zu dürfen geglaubt über jene Rücksichten der allgemeinen Höflichkeit; seiner Meinung nach (ihr seht nun, wie Recht ich gehabt) musste sich es Jesus schon zur Ehre schätzen, dass er überhaupt zu eines so vornehmen Mannes Tafel gezogen wurde. Liebe Brüder - werft keinen Stein auf ihn! Solche vornehme Schutzherren der Religion gibt es auch heute noch; Leute, die wohl gerne zeigen wollen, dass auch sie an allen religiösen Erscheinungen ein gewisses Interesse nehmen und denselben ihre Gunst zuwenden, die aber meinen, die Religion und das Christentum und der Herr selbst müssten sich bei ihnen dafür bedanken, anstatt einzusehen dass sie vielmehr die Empfangenden und Christus der Gebende ist. Auf diesem Standpunkte stehen alle diejenigen, welche ihre Armut vor Gott und die Not ihrer Sünden noch nicht gefühlt und sich noch nicht im Spiegel des Bildes Christi geprüft haben, sondern auf ein wenig äußere Rechtschaffenheit und auf diese oder jene einzelne gute Handlung ihr Vertrauen vor Gott gründen. Christus aber spricht: „Selig sind, die da geistlich arm sind.“2) Der Herr füllt die Hungrigen mit Gütern und lässt die Reichen leer!3)
Eine hungernde Seele trat ein. Und siehe, ein Weib war in der Stadt, die war eine Sünderin. Da die vernahm, dass er zu Tische saß in des Pharisäers Hause, brachte sie ein Glas mit Salben, und trat hinten zu seinen Füßen und weinte, und fing an seine Füße zu netzen mit Tränen, und mit den Haaren ihres Hauptes zu trocknen, und küsste seine Füße und salbte sie mit Salben. Ein Weib war in der Stadt, die war eine Sünderin. Ich brauche euch nicht erst zu erklären, was damit gemeint sei. Auch brauche ich nicht erst weitläufig zu untersuchen, ob sie mit ihren Sünden ein öffentliches Gewerbe trieb, oder ob sie unter dem Deckmantel des äußeren Anstandes die heiligsten Pflichten des Weibes verletzte; denn vor Gottes Auge ist geschminktes und ungeschminktes Laster gleich scheußlich; Gott sieht die Schminke nicht, er steht nur das Herz. Ach und welche Stürme hatte dieses Herz durchgemacht! Wie war es geschaukelt von den Wellen der Leidenschaften! Wie hatten Leichtsinn, Lust, Gier, Scham, Widerwille, Reue, neue Lust und neuer Leichtsinn in vielfach wiederholtem Kreislauf in dieser Brust ihr Spiel getrieben! Wie war der heilige Funke des göttlichen Ebenbildes durch Schlamm und Unflat bis zur Unkenntlichkeit entstellt! wie der Adel des Weibes entwürdigt und zertreten! wie das Gewissen selber entweiht unter der Herrschaft buhlerischer Gedanken! - Freunde! wenn ihr in anständigem Kreise säßet, und solch ein Weib träte ein: Entrüstung würde sich in euern Blicken malen; „wie kann diese es wagen (so würdet ihr sprechen) in diesen Kreis zu treten!“ Aber siehe, welch anderes, welch neues Schauspiel entfaltet sich vor uns in unserm Texte! Das Weib, sonst frech allen Blicken trotzend, jetzt blickt sie zitternd zu Boden; schamvoll wagt sie nicht aufzuschauen; ihr irres Auge sucht Jesum, sucht den Herrn; sie wankt auf ihn zu; er hebt das Haupt ihr entgegen und blickt sie an in ruhiger Majestät. Ach, wie dringt dieser Blick ihr durch Mark und Bein! Sie hat reden wollen; sie hat ihm sagen wollen, wie sie in ihren Lüsten keine Ruhe mehr gefunden, wie die Sünde an ihr zur Betrügerin geworden und ihr statt mit Honig mit Galle gelohnt habe, wie immer furchtbarer in ihr die Gewissensqual erwacht sei, wie sie gekämpft, wie sie gerungen habe mit der Sünde, wie aber das Gefühl: „für dich ist bei Gott keine Gnade mehr,“ alle Kraft der Heiligung gelähmt und zu Boden gedrückt habe. Erzählen hat sie wollen, wie sie dann von Ihm gehört, von seinen Wundern, von seinem Erbarmen, von seiner Macht Sünden zu vergeben Sünden zu vergeben! wie der Gedanke ihr gleich einem Blitz durch die Seele gefahren sei und sie's gefühlt habe: „ja, wenn deine Sünden dir verziehen werden könnten, wenn deine Schuld vor Gott getilgt wäre, dann, dann könntest du auch wieder Kraft finden, Herr zu werden über die Sünde!“ Schildern hat sie wollen, wie sie nun plötzlich von seiner Ankunft in dieser Stadt, von seiner Einladung in diesem Hause gehört; wie sie's gefühlt, dass jetzt oder nie die Gelegenheit sei, die sie nicht dürfe vorübergehen lassen; wie sie klopfenden Herzens den schweren Entschluss gefasst, hierher zu kommen, nicht scheuend die Schande, die aus Aller Blicken brandmarkend und brennend auf sie niederfallen würde; wie sie aufstand, noch einmal niederfiel und im Gebete rang, und dann sich aufraffte und kam und nun da sei. ja, erzählen hatte sie's wollen; aber wie sie nun Jesum wirklich vor sich steht, wie er nun das Haupt ihr entgegenhebt und ein Auge vor ihr sich öffnet - ein Auge, wie sie noch keines sah, ein Auge in dem die ganze Anmut des Himmels, aber auch die ganze furchtbare Heiligkeit des Himmels wohnte: da waren ihre Worte verloren, die Zunge versagte den Dienst, Verwirrung stieg betäubend in ihr empor; was sie sagen wollte, war vergessen; nur Eines lebte furchtbar in ihr auf: ihre Sünden standen jetzt mit Flammenschrift in der Erinnerung. Ein Gefühl der Vernichtung ergriff sie; der Atem wollte stocken; sie glaubte vor Scham in den Boden sinken zu müssen, glaubte jetzt erst zu fühlen, welch eine Sünderin sie sei; es wollte ihr das Herz abpressen, und ein Strom von heißen, bitteren Tränen brach los, und in heißen, bitteren Tränen wogte der Sturm der Empfindungen fort. Ein Glas voll Salbe war in ihrer Hand; sie hatte es ausgießen wollen auf Jesu Haupt; aber wie durfte sie diesem Haupte zu nahen wagen? Zu seinen Füßen stürzt sie nieder, und gießt - statt der Salbe ihre Träne auf seine Füße, und in der Verwirrung, was sie Ungereimtes tue, greift sie nach den Haaren ihres Hauptes, diese Füße zu trocknen, und dann salbt sie mit dem köstlichen Balsam, der für das Haupt bestimmt war, die Füße.
- Im Herrn Geliebte! Wenn Jemand unter euch, bei jenem Mahle zugegen, dies mit angesehen hätte, ob er dann noch gesagt haben würde: wie darf dies Weib es wagen, in diesen Kreis zu treten?
Der Pharisäer, leider, hat nicht viel besseres gesagt. Wenn dieser ein Prophet wäre (sprach er halb laut und halb höhnisch) wenn dieser ein Prophet wäre, so wüsste er auch, wer und was für ein Weib das ist, die ihn da anrührt, und dass sie eine Sünderin ist. Wie ihm das feinere Gefühl abging, um in Jesu den sündlosen zu erkennen und zu verehren, so ging ihm auch das feinere Gefühl ab, um in der Sünderin die bußfertige Sünderin herauszufinden und zu schonen. Wäre er selber ein bußfertiger Sünder gewesen, es hätte ihm an beidem nicht gemangelt. Aber in dem Pharisäer und in dem Weibe stunden ein unbußfertiger Sünder und eine bußfertige Sünderin dicht neben einander.
Wir kennen jetzt die beiden Personen; hören wir nun die Worte, die Jesus zu beiden sprach; hören wir, wie er den Pharisäer erschüttert, die Sünderin tröstet, und so beide zu dem Glauben zu führen sucht, der allein lebendig und selig macht,
II.
Dem weinenden Weibe war das harte Wort des Pharisäers noch wie ein letzter Stachel in ihre ohnehin schon klaffenden Wunden gefahren. Und doch war's ihr schon jetzt, als trüge sie diesen Schimpf leichter; nun sie vor dem Sohne Gottes stand, ihr Urteil zu vernehmen, hatte Menschenurteil und Menschentadel für sie seine Spitze verloren, und sie mochte wohl fühlen, dass der Pharisäer ja eigentlich gar kein Recht habe sie zu verdammen, dass sie vielmehr ihre furchtbare Rechnung einzig mit Dem abzumachen habe, der, allein sündlos, allein das Recht hatte, sie zu verurteilen, von dem sie aber gleichwohl nicht bloß Recht, sondern Gnade erwarten durfte. Und seltsam genug, seit jenem Worte des Pharisäers fühlte sie sich gleichsam mit Jesu zusammen auf die eine Seite gestellt, und alle Andern auf der andern Seite stehen. Dasselbe Wort, welches sie so tief verwundet hatte, es hatte ja auch einen Stachel, der gegen Jesum gekehrt war; dass er ein Prophet sei, war auf spöttische Art in Zweifel gezogen worden; ach sie wusste, dass er mehr sei, denn ein Prophet; aber so hoch er über ihr stand, in diesem Augenblicke litt er Schmach mit ihr, ja um ihretwillen. Es ist mir, Geliebte, als müsste das schon einen wohltätigen Eindruck auf die Frau gemacht haben, dass sie den Herrn, vor dem sie eben noch zusammengebebt war, so in Niedrigkeit neben sich sah, und dass er diese Niedrigkeit und unverdiente Verachtung so ganz willig und gelassen trug. Ach, sie fühlte es wohl: Er, der Heiland, gehört uns ärmsten Sündern an, nicht den gerechten und starken am Geist! Sie fühlte es, was ein zerschlagenes Herz auch heute noch fühlt, wenn es die Botschaft vernimmt, dass Gott selbst seines eigenen, lieben Sohnes nicht verschonet hat, dass der ewige Sohn herabkam in die Schmach und Niedrigkeit, ja in die Kreuzesschmach, Sündern zu Liebe! Sündern zum Heil!
Und nun vernimmt sie aus Jesu Munde das erste Wort seiner erbarmenden Gnade. Zwar nicht an sie wendet er sich; schonend lenkt er vielmehr die allgemeine Aufmerksamkeit von ihr ab, und lässt ihr Zeit, in ihrem Innern zu einiger Ruhe zu kommen. Simon, hebt er zum Wirte gewendet an, Simon, ich habe dir etwas zu sagen. Ein Schuldgläubiger hatte zwei Schuldner; der eine war ihm schuldig hundert Pfennige, der andere fünfzig. Da sie aber beide nicht hatten zu bezahlen, schenkte er es ihnen beiden. Sage nun, welcher von den beiden wird ihn am meisten lieben? Der Pharisäer sprach: Der, dem er am meisten geschenkt hat; und Jesus erwiderte: Du hast recht geurteilt.
Der nächste Sinn dieses Gleichnisses, liebe Brüder, ist auch für den natürlichen Verstand leicht erfassbar. Die volle Bedeutung desselben aber kann nur der ergründen, der sie selbst an sich erfahren hat. Das Weib verstand Jesu Meinung ganz; er hatte ihr nur ihre eigene Geschichte erzählt. Wem viel vergeben ist, der liebt viel.
Ach, wohl auch der liebt viel, dem noch nichts vergeben ist; aber wen, was, wie liebt er? Sich selbst liebt er und die Sünde liebt er, aber den, der Sünden vergibt, liebt er nicht. Äußerlich rechtschaffen sein - das kann man ohne Sündenvergebung; eine gewisse natürliche Gutmütigkeit und Liebenswürdigkeit besitzen - das kann man auch ohne Sündenvergebung; allerlei löbliche Eigenschaften vor den Menschen entfalten - das kann man auch ohne Sündenvergebung; aber Gott den Herrn lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und aus allen Kräften, das kann man ohne Sündenvergebung nicht. Denn Liebe zu Gott ist nicht möglich ohne Wahrhaftigkeit vor Gott und vor sich selbst; wer aber die Vergebung seiner Sünden noch nicht erlangt, ja noch nicht einmal verlangt hat, wer auch ohne dieselbe glücklich sein zu können meint, der täuscht sich selbst und ermangelt der Wahrhaftigkeit vor Gott.
O, es schleichen so viele Menschen in der Welt umher, glücklich (wie sie vorgeben) durch Reichtum, oder durch Wissenschaft, oder durch Zerstreuung, oder durch Tätigkeit; aber bei all diesem Glück ist doch ein finstrer Ort in ihrer Seele, ein Abgrund, den sie durch stets neue Tätigkeit und Mühe stets neu zudecken müssen, weil, wenn er einmal vor ihren Blicken offen läge, es aus wäre mit ihrem Glücke. Es steht, wie einst in einem alten ägyptischen Heidentempel, so in dem Heiligtum einer jeden Menschenbrust, ein verschleiertes Bild; wenn das den Schleier abnimmt, muss der Mensch sterben; darum weben die Menschen so unablässig den Schleier, wo er sich lüften oder reißen will, wieder zu. Der Abgrund, das Isisbild, es ist die Wahrheit: Du sollst Gott deinen Herrn lieben. Vieles haben sie getan, aber das haben sie nicht getan. Und wenn der Mensch es nun bedenkt, was das heiße: das nicht tun, wozu man geschaffen ist; den nicht lieben, der unser ewiger, lebendiger Schöpfer und Herr ist; wenn der Mensch das bedenkt - dann ist's vorbei mit allem Erdenglück.
Wir aber, meine Geliebten, wollen dem Isisbilde jener Wahrheit, das sich ja doch einst vor jedem entschleiern wird, schon heute mutig ins Flammenauge schauen, wollen hinwerfen Alles Erdenglück und den inneren Tod der Buße sterben, wie das Weib vor Jesu Füßen ihn starb. Erkennen wollen wir: wir haben Gott nicht geliebt über Alles, sondern unser Gelüsten höher geachtet als ihn; unser Eigenwille hat sich seinem heiligen Willen widersetzt; uns hat der Kitzel gelockt, unser eigener Gott und Gesetzgeber zu sein; wir sind schuldig vor ihm. Hinstellen wollen wir uns vor Christum in all unsrer Blöße, niedersinken zu seinen Füßen wie die Sünderin, und seine Füße mit unsern Träne netzen; niedersinken vor Ihm, der uns zu Liebe in Niedrigkeit und Schmach herabkam, und aus Seinem Munde werden wir dann auch vernehmen das Wort, das er zu der Sünderin sprach, das Wort des 48. Verses: „Dir sind deine Sünden vergeben.“
Deine Sünden vergeben? Warum? Um wes willen? Etwa um deiner Vortrefflichkeit willen? O, unsere Vortrefflichkeit ist mit den Tränen unserer Buße fortgeschwemmt; wir wissen von ihr nichts mehr, wir wissen nur noch von Christo. Wir, das arme sündige Ich, ist in den Tod gegeben, ist in Asche gesunken vor dem Flammenblick der göttlichen Gerechtigkeit; nur Christus ist noch übrig, aus der ganzen Menschheit der einzige Mensch. Er, Er allein hat vor Gott genug getan. Durch sein Erbarmen, durch seine Treue, durch seine Treue bis in den Tod, durch sein unschuldiges Leiden und Sterben ist der Menschheit die Vergebung der Sünden erworben. Aber: wem viel vergeben ist, der liebt auch viel.
Als das Weib wieder aufstand und heimging - sagt selbst, haltet ihr's nicht geradezu für eine Unmöglichkeit, dass sie da wieder sündigte? Und sollte es nicht ebenso eine Unmöglichkeit sein, dass der, welcher der Sünde gestorben ist in bittrer Seelenangst, seinen Herrn nicht lieben sollte? Unmöglich, meine Brüder, unmöglich! Wem viel vergeben ist, der liebt viel, dem schwillt das Herz vor Dankbarkeit; mein Gott ist mein (so ruft er) und ich bin sein. „Ich, der ich Alles empfangen, Alles geschenkt bekommen habe aus freier Gnade, was habe ich, das ich ihm dafür geben könnte? Ich ärmster habe nichts, als mein armes schwaches Herz!“ Wohlan denn, er verlangt ja nicht mehr; gib's ihm hin; er hat ja selbst gesagt: „Gib mir mein Sohn dein Herz!“4)
Ich könnte schließen, meine Brüder und Schwestern, aber eins liegt mir noch schwer auf dem Herzen. Mit dieser Grund- und Fundamentallehre des Christentums, von der Vergebung der Sünden aus freier Gnade, ist oftmals ein furchtbarer Missbrauch getrieben worden. Leichtsinnige Menschen kamen, hörten dass wir versöhnt seien durch Christum ohne unser Zutun, dass wir nur zu glauben brauchten, so sei alles gut; die Heiligung werde dann schon von selbst nachkommen; sie hörten das, und glaubten (o furchtbarer Missbrauch des Wortes!) sie glaubten, d. h. sie plapperten mit dem Munde ein Bekenntnis, aber die erwartete Heiligung trat nicht ein; aus dem toten Glauben gingen keine lebendigen Früchte hervor. Sie glaubten, d. h. sie wurden vollends sorglos und leichtsinnig in ihren Sünden. Gräuel des verderbten Menschenherzens, das auch das Heiligste selber zu missbrauchen vermag! Diesem Missbrauch vorzubeugen, hat Christus das zweite Wort gesprochen: „Ihr ist viel vergeben, dieweil sie viel geliebt hat;“ wer viel liebt, dem wird viel vergeben. Ihr seht wohl, dass hier von zweierlei Liebe die Rede ist. Die eine ist die Frucht und Folge des lebendigen Glaubens; das ist die Liebe der Dankbarkeit, die Liebe zu Christo dem Versöhner, von der wir vorhin gesprochen haben. Um aber zu diesem Glauben zu gelangen, muss erst eine andere Liebe vorangegangen sein, die Liebe der Sehnsucht, die Liebe zu Gottes Gebot, das Verlangen nach Befreiung von der Sünde, die Liebe, welche alles Gute, Große, Edle anerkennt und sich darüber freut und darnach trachtet. Diese Liebe der Sehnsucht wallte im Herzen des Apostels Paulus schon damals, als er noch in schwerem Irrtum die Christen verfolgen zu müssen glaubte; diese Liebe der Sehnsucht waltete im Herzen Luthers schon damals, als er noch im Kloster zu Erfurt sich mit Kasteiungen und Peinigungen marterte und nach Frieden dürstete; diese Liebe der Sehnsucht waltete in dem Herzen der Sünderin, als sie Jesum noch nicht gesehen und doch schon die köstliche Salbe für ihn bereitete in herzlichem Verlangen nach ihrem Retter. Das ist etwas Großes, sein eigenes Seelenheil lieben, brennen vor Begierde nach Beruhigung des Gewissens, sich schlagen mit seinen eigenen Gedanken, sich abarbeiten im dunkeln Drange nach einem Himmelsgut, das man noch nicht gefunden hat und doch finden möchte! Durch diese Liebe der Sehnsucht, und durch sie allein, gelangt man zu demjenigen Glauben, aus welchem hernach die Liebe der Dankbarkeit hervorgeht. Wer jenen inneren Kampf noch nicht gekämpft hat, wer noch träge und indolent in den Tag hineinlebt, dem muss es freilich widersinnig und gefährlich vorkommen, dass die Sünden sollen vergeben werden aus freier Gnade, und er spricht mit den Leuten am Schlusse unseres Textes: „Wer ist dieser, dass er selbst Sünden vergibt?“ Allerdings, ihn würde diese Sündenvergebung in seinem Leichtsinn nur fördern und bestärken; für ihn ist die Sündenvergebung nicht da; ihm werden auch seine Sünden nicht vergeben. Wer aber jenen Kampf gekämpft und gerungen hat mit seinen Sünden, und zuletzt an aller eigenen Hilfe und eigenen Gerechtigkeit verzweifelt ist, und dann den Anker aus den Wolken ergriffen hat, dem wird die Sündenvergebung nicht gefährlich; hat er sein Heil schon so brünstig geliebt, als er es noch suchte: wie wird er es erst jetzt lieben, wo er es hat! Er geht nicht hin in Leichtsinn; er geht aber auch nicht hin in der dumpfen Unruhe eines unversöhnten Gewissens; sondern er geht hin, wie sein Herr ihn gehen heißt: „Gehe hin in Frieden!“
O möchte doch der Herr einem Jeden unter uns bald, recht bald das Wort zurufen können: Dein Glaube hat dir geholfen; gehe hin in Frieden! Amen.