Ebrard, Johannes Heinrich August - Die Freuden des ewigen Lebens
Vorwort
Während ich noch schwankte, ob ich dem von vielen Seiten mir geäußerten Wunsche, diese Predigt dem Druck zu übergeben, Folge leisten sollte, kam mir die Kunde, dass unsre treue Tabea-Seele (Apg. 9, 39), der unermüdete Wohltäter aller christlichen Liebeswerke der Pfalz, in jene Seligkeit heimgerufen sei, auf welche ich in dieser Predigt „als ein stammelndes Kind“ den Blick der Hoffnung zu richten gesucht. Ich fühle mich im Herzen gedrungen, ihm auch an meinem geringen Teile noch ein Wort des Dankes nachzurufen für das Viele und Große, was er an unserer evangel. Kirche der Pfalz und an ihren Armen und Verwahrlosten getan, und glaube sein Gedächtnis nicht passender ehren zu können, als durch diesen Ausblick in das ewige Leben, in das er nun eingegangen ist einen Ausblick, der sich jetzt von selbst zugleich zum Nachblick nach ihm, dem heimgegangenen, gestaltet. Hat er doch unter vielen Tränen und schweren Heimsuchungen jene Freuden höherer Art bereits hienieden kennen lernen, welche den Keim der Ewigkeit in sich tragen. Zwar nicht auf dem Felde des Forschens und Erkennens lag sein Lebensberuf, aber ein Meister in der Liebe, ist er auf Wegen, welche unsrem irdischen Auge als sehr rau erscheinen müssen, - am Grabe seiner sämtlichen, elf Kinder in die Schule einer höheren Erkenntnis eingetreten, deren voller Glanz am Stuhle Gottes und des Lammes ihn jetzt umstrahlt. Der herbe Verlust auch des letzten ihm noch übriggebliebenen Sohnes, an den die Vaterhoffnung nach dem Tode der übrigen Kinder mit verzehnfachter Zärtlichkeit sich geklammert hatte - dieser herbe Verlust würde manches andere, von Natur weiche Gemüt mit Bitterkeit erfüllt und zur Härte gestimmt haben. Das Seinige wurde nur zu gesteigerter Milde geöffnet, zu willigerer Liebe erweicht uns zum Zeugnis, dass an ihm die Kraft jener höheren Liebe sich wirksam erwies, welche stärker ist, als der Tod. Wilhelm Retzer übertrug die Liebe, die er seinen eigenen Kindern nicht mehr erweisen konnte, auf die verwahrlosten Kinder und auf die Armen und auf die Hungernden, Notleidenden und Kranken, nah und fern. Wo ein Bedürfnis, eine Not laut wurde, da war auch schon seine gütige Hand geöffnet zu reicher Hilfe. So hat er Denkmale hinterlassen, welche ungeachtet der Flüchtigkeit und Undankbarkeit der Menschenherzen, noch lange sein Gedächtnis unter uns im Segen erhalten werden, noch lange, wenn das kleine Denkmal dieser Blätter längst vom Winde verweht, vom Staube der Vergessenheit begraben sein wird. Lebe wohl, du mir hienieden von Angesicht nicht bekannt Gewordener, aber doch Verbundener, lebe wohl und selig bis auf dereinstiges Schauen dort, wo der Strom des lebendigen Wassers in Ewigkeit fließt und die Bäume des Lebens ihre Früchte tragen!
Aug. Ebrard.
Die Freuden des ewigen Lebens
Text: Offenb. Joh. Kap. 22, V. 1 - 5.
1. Und er zeigte mir einen lauteren Strom des lebendigen Wassers, klar wie ein Kristall; der ging von dem Stuhl Gottes und des Lammes. 2. Mitten auf ihrer Gasse und auf beiden Seiten des Stromes stand Holz des Lebens, das trug zwölferlei Früchte, und brachte seine Früchte alle Monate, und die Blätter des Holzes dienten zur Gesundheit der Heiden. 3. Und wird kein Verbanntes mehr sein; und der Stuhl Gottes und des Lammes wird darinnen sein; und seine Knechte werden ihm dienen, 4. und sehen sein Angesicht; und sein Name wird an ihren Stirnen sein. 5. Und wird keine Nacht da sein, und nicht bedürfen einer Leuchte oder des Lichtes der Sonne; denn Gott der Herr wird sie erleuchten, und sie werden regieren von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Im Herrn Geliebte!
Die Evangelien der letzten Sonntage des Kirchenjahres richten die Aufmerksamkeit der Gemeinde auf die Zukunft des Herrn, teils auf sein unsichtbares Kommen zum Gericht über Jerusalem, teils auf sein künftiges sichtbares Kommen zum Gericht über die Welt. Das Evangelium des heutigen Sonntags namentlich enthält Weisungen und Warnungen Jesu Christi an seine Jünger, wie sie bei der ihnen nahe bevorstehenden Zerstörung Jerusalems sich benehmen, dass sie da in Zeiten entfliehen und durch falsche Messiasse sich nicht sollten täuschen lassen. Obwohl nun auch für uns, die wir so lange nach jener Zerstörung Jerusalems leben, aus jenen Worten Christi sich manche nützliche Anwendung herbeiziehen ließe, so hat es mir doch zweckmäßiger geschienen, euch heute ausnahmsweise einmal eine andere Stelle der Heiligen Schrift zu erklären, eine Stelle, die ebenfalls von den letzten Dingen handelt, für uns aber von ungleich größerer und unmittelbarer Wichtigkeit ist. Sie betrifft einen Punkt, der mich schon Jahre und Jahrzehnte lang innerlich beschäftigt hat, und über welchen mich einmal vor der Gemeinde auszusprechen mir ein wahres Herzensanliegen geworden ist.
Schon seit Jahren hat sich mir die Erscheinung aufgedrängt, dass in unserer Zeit die Hoffnung auf das ewige Leben auch bei wirklichen Christen eine so sehr lahme, die Freude auf die Seligkeit eine so matte ist. Wie war das so anders in den ersten Jahrhunderten der christlichen Kirche! Die ersten Christen waren ganz und gar durchdrungen und getragen von der Gewissheit, dass das ganze irdische Leben nichts weiter als eine vorübergehende Wartezeit sei, die gar nicht in Betracht kommen könne gegen das künftige Leben, dessen Geburtswehe man „Tod“ zu nennen pflegt. Mit all ihrem Sinnen und Denken waren sie bei Gott, in der seligen Ewigkeit, daheim; der Gedanke, durch den Tod zu Christo zu kommen, war ihnen ein Gedanke der Freude, ein Gegenstand der Sehnsucht; diese felsenfeste getroste klare Hoffnung bildete das Fundament all ihres Sinnens und Denkens, ihres Wollens und Tuns, ihres Leidens und Duldens. Dieses zeitliche Leben verblasste vor der Hoffnung des ewigen, wie die Sterne vor der Sonne erbleichen. Heutzutage ist das gerade umgekehrt. Wir haben uns so recht auf dieser Erde festgenistet; da ist's uns wohl; da fühlen wir uns zu Hause; an das ewige Leben denken manche vielleicht Wochen und Monate lang gar nicht, oder wenn sie daran erinnert werden, so ist es ihnen ein Gegenstand der Bangigkeit und des Unbehagens. Einige wohlfeile Phrasen von einem „schöneren Dasein“ in einer „besseren Welt“ hört man zwar bei solchen Anlässen ertönen, wo die Toten ihre Toten begraben; da wird dann wohl der Schmerz der Trennung und das Grauen der Verwesung mit einem Trost überkleistert, der doch kein Trost ist, und an den man selbst nicht recht glaubt; im Allgemeinen aber schiebt man sich den Gedanken an das, was nach dem Tode kommt, und darum auch den Gedanken an den Tod selbst so fern als möglich vom Halse. Selbst viele gläubige Christen unserer Tage, vielleicht die meisten, sehen die Seligkeit nur in einem matten Grau wie durch einen Nebel schimmern; dass sie aber je und je eine Sehnsucht nach derselben, ein Heimweh nach ihr empfänden, davon ist so leicht keine Rede; so leicht keine Rede davon, dass sie von Herzen mit dem frommen alten Dichter Joh. Math. Meyfart sängen:
Jerusalem, du hochgebaute Stadt,
Wollt' Gott, ich wär' in dir!
Mein sehnlich Herz ein solch Verlangen hat,
Und ist nicht mehr bei mir.
Weit über Berg' und Tale,
Weit über blaches Feld
Schwingt es sich über alle,
Und eilt aus dieser Welt.
O schöner Tag und noch viel schön're Stund',
Wann wirst du kommen schier,
Da ich mit Lust, mit freiem Freudenmund
Die Seele geb' von mir
In Gottes treue Hände
Zum auserwählten Pfand,
Dass sie mit Heil anlände
In jenem Vaterland!
Die Christen unserer Tage hoffen auf die Seligkeit; das heißt aber bei vielen nur: sie hoffen, dass, wenn dies so sehr schöne Leben auf Erden denn doch einmal ein Ende haben muss, dann ein noch schöneres Leben im Himmel beginnen möge. Gleichwohl aber liegt ihnen dieses noch schönere Leben einstweilen noch lange gut genug. Eine solche Hoffnung auf Seligkeit schließt aber eine innere Unwahrheit in sich. Man kann sich über ein Ding nicht freuen, wenn man sich nicht auf dasselbe gefreut hat. Wer sich auf das Wiedersehen eines alten Freundes nicht freut, sondern davor fürchtet, und wünscht, dass er doch ja erst recht spät wiederkommen möge, der wird sich auch nicht freuen, wenn er den Freund nun wirklich vor sich sieht; wer sich auf seine eigene Hochzeit nicht gefreut hat, wird sich auch in der Ehe nicht glücklich fühlen, und wer sich auf seinen Tod durchaus in keiner Weise zu freuen vermocht hat, der wird sich auch im Tode nicht freuen, das heißt: nicht selig sterben. Auf die Seligkeit hoffen, das tut in Wahrheit nur derjenige, welchem die Seligkeit auch wirklich als Seligkeit, als höchstes unaussprechliches Glück bereits vor Augen steht. Das kann aber nur bei dem der Fall sein, welcher sich bereits einen Begriff machen kann von den Freuden, die seiner bei Gott warten, welcher bereits einen Vorgeschmack davon empfunden hat, welcher bereits die goldenen Strahlen jener Herrlichkeit von ferne in die Nacht des irdischen Lebens hereinschimmern sieht.
Wie viele unter uns haben denn nun schon ernstlich und reiflich darüber nachgedacht, welche Freuden den gläubigen Christen wohl in der Ewigkeit erwarten mögen?
Meine Geliebten, ich glaube, es ist nicht zum geringen Teile die Schuld von uns Predigern, dass der Blick des Glaubens so wenig auf das Ziel des Glaubens gelenkt, dass das Element der christlichen Hoffnung so wenig gepflegt wird. Diesen Fehler möchte ich nun an meinem geringen Teile heute gut zu machen helfen, indem ich zu euch rede von den Freuden des ewigen Lebens.
Ich will dabei für heute denjenigen Zustand der Seligkeit, welcher für die Seele des gläubigen Christen alsbald nach dem Tode beginnt, mit demjenigen Zustand, welcher dereinst nach der Auserweckung des Fleisches eintreten wird, sogleich zusammennehmen, und mich an die Freuden halten, die beiden Zuständen gemeinsam sind. Auch will ich euch nicht lange damit aufhalten, euch zu sagen, welche Freuden im ewigen Leben unser nicht warten. Dass es nicht sinnliche Genüsse, nicht Zerstreuungen und Lustbarkeiten, nicht die giftigen Süßigkeiten der Leidenschaften sind, die unser beim Herrn warten, das kann sich jeder Besonnene wohl selbst sagen. Wer unter dem „bessern Leben“ ein Leben versteht, wie er es auf dieser Erde geführt hat, nur mit dem einzigen Unterschiede, dass dort aller Schmerz und alles Unangenehme wegfallen werde, - ein Eldorado also, wo ein jeder so recht ungestört seinen Neigungen und Liebhabereien nachhängen könne, der träumt sich einen muhammedanischen Himmel; den christlichen kennt er noch nicht. Wollen wir die wahren und wirklichen Freuden des ewigen Lebens kennen lernen, so müssen wir, aufmerksam auf uns selbst, forschen und fragen, welche Freuden unter den bereits auf Erden empfundenen von solch himmlischer und göttlicher und geistlicher Art seien, dass sie den Keim der Ewigkeit in sich selbst tragen, und die Seele ewig zu befriedigen und zu beseligen vermögen. Es sind aber hauptsächlich vier Freudenquellen, welche die eigene Erfahrung im Einklang mit unseren Textesworten uns als Quellen unvergänglicher Freude kennen lehrt, nämlich:
1) eine schrankenlose Erkenntnis Gottes in seinen Werken und, Wegen;
2) die selbstsuchtlose Liebe der dem Herrn geheiligten Seelen;
3) die vollkommene Freiheit von der Sünde, und
4) die endlose Dauer dieser Seligkeit.
Herr! Lass in unsre trüben Augen und Herzen nur einen kleinen Strahl jener Herrlichkeit fallen, die du den Deinen bereitet hast! Gib uns nur einen Tropfen aus jenem Quell, auf dass wir durstig werden nach deiner Fülle! Amen.
I.
„Und er zeigte mir einen lauteren Strom des lebendigen Wassers, klar wie Kristall; der ging aus vom Stuhle Gottes und des Lammes. Mitten auf der Gasse der Stadt und zu beiden Seiten des Stromes stand Holz des Lebens, das trug zwölferlei Früchte, und brachte seine Früchte alle Monate.“ Johannes ist im Gesicht in das künftige Jerusalem, in die Stadt Gottes versetzt. Die Vollendung des Reiches Gottes erscheint ihm unter dem Bilde einer Gottesstadt, und in dieser Stadt schaut er einen lauteren kristallhellen Strom lebendigen Wassers, und zu den Seiten des Stromes Bäume des Lebens, die von Monat zu Monat, also das ganze Jahr hindurch, ununterbrochen, ohne Wechsel der Jahreszeiten, ihre Früchte bringen. Wasser dient, den Durst zu löschen, Früchte dienen zur Speise. Unter dem Lebensstrom und den Lebensbäumen ist also alles dasjenige zu verstehen, was zur Speisung und Tränkung des vollendeten, verklärten Menschen dienen wird. Es wird dem, welcher in das ewige Leben eingegangen ist, nicht fehlen an allem, was zur Nahrung, auch zur Nahrung der Seele, dient. Kein wahres Bedürfnis, keines jener Bedürfnisse, die der Schöpfer in die Seele gelegt hat, wird unbefriedigt bleiben.
Die Seele hat aber verschiedene Bedürfnisse, wie sie verschiedene Kräfte und Anlagen hat. Die Menschenseele ist ja kein bloßer Lebenshauch, wie die Seele des Tieres, sondern sie ist ein geistig organisiertes Wesen, ein unsterblicher Geist, begabt mit Erkenntnis und Gemüt und Willenskraft. Vor allem mit Erkenntnis. Die Dinge und Verhältnisse der Außenwelt um uns her zu erkennen - die Natur mit ihren wunderbaren Gesetzen, und die Geschichte in ihrer wundersamen Verkettung das ist für die Seele Bedürfnis; sie ist dazu befähigt und angelegt, und wenn es ihr gelingt, in jene rätselhaften Tiefen einzudringen, fühlt sie sich glücklich. Forschen, lernen, neues entdecken, ist ein Genuss, in welchem die Seele zu schwelgen vermag. Ich rede nicht von den Menschen, welche bloß darum lernen, um sich mit dem erworbenen Wissen ihr Brot zu verdienen oder irdisch nützlich zu sein. Es gibt ja auch Menschen, welchen das Forschen und Lernen und Erkennen selber eine Lust ist. Monate und Jahre lang beobachtet der eine den Bau der Pflanzen, den Bau und das Leben der Tiere, oder die Bahnen der Sterne, oder den Schliff des Kieses im Fluss; der andere durchforscht vergilbte Pergamente und Urkunden, der dritte sucht den Bau und die Gesetze der Sprachen zu ergründen. Sie alle fühlen sich durch ihr Forschen selber beglückt. Und doch, Geliebte, vermag dies bloße Forschen um des Forschens willen die Seele nicht ohne weiteres auf ewig zu befriedigen. Es kommt für den Menschen eine Zeit, wo nicht nur das Auge schwach, sondern auch die Seele jener Beschäftigungen müde und satt wird. Einen Quell und Keim ewiger Freude trägt das Forschen und Erkennen nur dann in sich, wenn alle Gegenstände der Erkenntnis auf den einen großen Hauptgegenstand, auf Gott, bezogen sind. Wer alles im Lichte Gottes schaut, und in allem Gott sieht, Gottes Weisheit, Gottes Güte, Gottes Gerechtigkeit, Gottes Regieren und Walten, dem wird das tote lebendig, dem predigt die Natur den ewiglebendigen, persönlichen, allmächtigen Schöpfer, die Geschichte den heiligen und barmherzigen Regierer; ein solcher wird des Forschens nie satt, nie müde. Er forscht ja nicht in einem Chaos, sondern in den Werken Gottes. Und mitten im Umkreis dieser Werke Gottes steht der Stuhl Gottes und von ihm geht alles Licht aus.
Gerade dieses ewig beseligenden Erkennens werden wir uns aber im ewigen Leben zu erfreuen haben. „Und wird keine Nacht da sein, und nicht bedürfen einer Leuchte oder des Lichtes der Sonne, denn Gott der Herr wird sie erleuchten. Nicht im Glanz einer irdischen Sonne, sondern in dem Lichte, das vom Herrn selbst ausgeht, werden wir dort erkennen. Wie wird da die Erkenntnis der Werke Gottes uns aufgeschlossen werden! Was jetzt das Auge des Forschers mühsam unter der Lupe zu entdecken sucht und doch nicht zu entdecken vermag: die innersten Gesetze der Dinge und ihres Werdens, wird dann aufgeschlossen daliegen, vor unsren erstaunten Blicken. Wir werden sehen, wie Gott im kleinen, wie im großen groß, und im kleinsten am größten ist. Herr, wie sind deine Werke so groß und viel! Welche Fülle himmlischer Freude wird auf uns einströmen, wenn die Werke Gottes, an denen wir jetzt hinausschauen, wie die Made an einem Alpengebirge, in ihrer vollen Harmonie sich uns entfalten werden, wir immer weiter und weiter in dieselben eindringen, immer reichere Abgründe der ewigen Weisheit sich vor uns auftun!
Aber doch, Geliebte! noch beseligender, als die Erkenntnis der Werke Gottes ist die seiner Wege. Vor allem seiner Wege mit uns selbst. Unser Lebensgang und unsre Lebensführung wird vor unserer Erinnerung aufgeschlagen liegen, und wir werden zurückschauen auf das tiefe Sündenelend, aus dem wir erlöst sind, und anbetend erkennen die unergründliche Liebe, die uns in Christo daraus erlöst hat. Wir werden zurückschauen auf die tausend und abertausend Übertretungen und Untreuen, mit denen wir Gott betrübt haben, und auf die tausendmal tausend Führungen unermüdlichen väterlichen Erbarmens, durch die uns Gott vom Abgrund zurückgezogen und immer wieder herumgeholt und zur Buße gerufen hat. Wie er uns auf seinen Händen getragen, wie er uns an Seilen der Liebe geleitet, wie auch das kleinste und geringfügigste ihm dazu dienen musste, uns zu retten, uns hinzuziehen zu dem Erlöser, dem Lamme. Denn der Stuhl oder Thron, von welchem, wie der Strom des Lebens, so das Licht der beseligenden Erkenntnis ausgeht, ist nicht bloß der Stuhl Gottes, sondern „der Stuhl Gottes und des Lammes“.
Und nicht bloß die Wege Gottes, die er mit dir gegangen, wirst du erkennen, sondern auch die Wege seines Erbarmens, die er mit den Millionen und aber Millionen der andren Menschen gegangen ist. Welch ein Reichtum! Welch eine Fülle! Sind nicht Ewigkeiten erforderlich, um hier auszulernen? Eine armselige Erzählung, die du liest, macht dir Vergnügen, spannt dein Interesse, deine Erwartung, obgleich sie vielleicht nur eine erfundene Geschichte enthält. Welch selige Wonne wird es sein, die wirkliche Entwicklungsgeschichte nicht eines, sondern aller Menschen kennen zu lernen, wie sie unter Gottes Vaterhänden sich gestaltet hat. Da werden wir rufen: O welch eine Tiefe, beides der Weisheit und Erkenntnis Gottes! Wie gar unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege!
II.
Und dennoch, Geliebte, alles was ich bis jetzt geredet, ist nur ein armer Schatten von dem alleräußerlichsten Teile der künftigen Seligkeit. Alles Erkennen, auch das künftige, ewige, vollkommene Erkennen im Himmel, ist, für sich allein betrachtet, dass ich so sage: ein kaltes Ding. Die menschliche Seele hat nicht bloß ein Bedürfnis nach Erkenntnis; sie hat auch Gemüt, und weil sie Gemüt hat, bedarf sie der Liebe. Schon hienieden ist Liebe ein weit tieferer Quell dauernder Beseligung, als alles Erkennen. Freilich nicht die sinnliche und natürliche Liebe, deren Rausch schnell verfliegt, wohl aber jene geistige und geistliche Liebe, welche umso mehr und umso dauerhafter beseligt, je mehr sie von aller Selbstsucht frei ist. Die Liebe, die den Armen, Kranken, Gefangenen, Verlassenen nachgeht, die Liebe, die den Feinden vergibt, die Liebe, die am Kreuze für die Mörder betet das ist selige Liebe. Und doch ist das noch nicht die seligste Liebe. Denn in ihr ist immer noch der Schmerz des Mitleids, das Weh des Leids. Jene Liebe hingegen, womit der treue Hirte und Hohepriester dereinst die Seinen umfassen wird, wie er erfleht und verheißen hat: -“auf dass die Liebe, damit du mich liebst, sei in ihnen, und ich in ihnen, jene Liebe, mit der er den Vater liebt und von ihm ewig geliebt wird, ist - nicht größer zwar, aber ohne Frage noch seliger, als die Liebe, die ihn am Kreuze durchdrang, da er vom Vater sich verlassen fühlte.
Und jene allerseligste Liebe soll im ewigen Leben unser Teil werden. Er, der Hohepriester, wird uns die ganze Fülle seiner Liebe offenbaren; zugleich aber werden wir mit allen, die durch ihn erkauft, geläutert, vollendet sind, in ewiger ungetrübter Liebe verbunden stehen. Kein Misston, kein Neid, kein Hader wird den seligen Einklang stören. „Und wird kein Verbanntes mehr sein,“ sagt unser Text, d. h. kein Mensch, über welchen das göttliche Gesetz den Fluch oder Bann auszusprechen Veranlassung hätte; lauter reine heilige Menschen! Welch ein Quell unnennbarer Seligkeit, diese Kinder Gottes alle kennen zu lernen, die Apostel und Propheten, die Märtyrer und Reformatoren, und dann die stillen, demütigen, verborgenen Seelen alle, deren Namen zwar nicht im Buche der Geschichte, aber desto strahlender im Buche des Lebens verzeichnet stehen! Kannst du dich, mein Bruder, meine Schwester, vielleicht auf irgendeinen Tag deines Lebens zurückbesinnen, wo du so recht innerlich glücklich und fröhlich und selig dich fühltest, einen Tag, von dem du wünschtest, er hätte nie enden mögen? Sprich, war's nicht der Tag, da dir auf deinem Lebenswege fromme, treue, edle Menschen entgegengeführt wurden, ein Freund, dem du sogleich im ersten Augenblicke ahnungsvoll in Auge und Herz schautest, ein gereister Christ, an den du dich anschlossest als an eine neue Stütze deines Lebens, - Menschen, mit denen du dich von der ersten Stunde an in Einem Geiste tief innerlich verbunden fühltest, und es empfandest: wir bleiben vereint, ob auch Berg und Tal, ob auch Leben und Tod uns trennen! Hat dich eine einzige Stunde so tief beseligt, dass ihr Bild in unverblichenem Farbenglanze in deiner Erinnerung fortlebt - o wie über alle Maßen selig wird es sein, in die zahllosen Scharen der Auserwählten Gottes einzutreten, immer neue Kinder Gottes, und ein jedes mit neuer, und ein jedes mit ungeteilter und ganzer Liebe zu umfassen, und mit der Aussicht, nie von ihnen getrennt zu werden! Die du hienieden kennen lerntest, von denen hat vielleicht mancher deine Erwartungen getäuscht; die droben werden dich nicht täuschen, denn:
III.
dort hat die Sünde und der Kampf mit der Sünde ein Ende für immer. Dort hat die Sünde ein Ende für immer. Des Menschen Seele hat nicht bloß Erkenntnis und Gemüt, sondern auch Willenskraft, und es soll nicht bloß die Erkenntnis und das Gemüt befriedigt, es soll auch die Willenskraft geheiligt werden. Seligkeit, meine Geliebten, Seligkeit ist kein träger Genuss; Seligkeit ist eine Tugend. „Seine Knechte werden ihm dienen, und sein Name wird an ihren Stirnen sein.“ Dass wir Gott dienen werden ohne Wandel und Makel, dass wir ihm werden dienen können, dass wir's alsdann im Stande sein werden, ohne Sünde, völlig unbefleckt und unbeirrt von jeder bösen Lust, jedem bösen Gedanken seinen Willen zu erfüllen, und uns als lebendiges, völlig makelloses Dankopfer ihm darzustellen o meine Geliebten! das wird wohl das allergrößte und allerherrlichste Stück unserer Seligkeit sein. Wer das nicht fasst, wer davon noch keine Ahnung hat, wer sich noch nicht mit Schmerzen danach sehnt, der ist noch fern vom Reiche Gottes. Es gibt ja leider Menschen, auch unter denen, die sich Christen nennen, welche vor dem Gedanken an eine solche völlige Sündlosigkeit ein geheimes Grauen empfinden, dieweil sie Lieblingssünden und Schoßsünden haben, von denen abzulassen sie durchaus keine Lust haben. Solche Menschen machen sich dann weiß, ein Leben ganz ohne Sünde müsse langweilig sein; der Kampf mit den Leidenschaften sei es, der dem Leben seinen Reiz verleihe. Das ewige Leben, wie es die Schrift uns hoffen heißt, müsse langweilig sein, nicht weil es ewig, sondern weil es ein Leben ohne Sünde, ein Leben des steten Lobes und Preises Gottes sei. Nun, die also gesinnt sind, die werden auch mit dieser Plage verschont bleiben. Ihnen ist ein Zustand bereit, der bloß ewig aber kein Leben ist. Ewigen Tod nennt ihn die Schrift. Dort wird man nicht mit dem Lobe Gottes gepeinigt werden, noch mit der Langenweile der Leidenschaftslosigkeit, sondern darf am Konzert der entfesselten, heulenden, gellenden, schrillenden Leidenschaften sich erlaben, das vom Fürsten der Finsternis in eigner Person dirigiert wird.
Doch, weg von diesem Bilde des Grauens! - Ich wende mich zu euch, die ihr den Herrn Jesum lieb habt, den Heiligen, den Reinen. Ich wende mich zu euch, die ihr mit Pfählen im Fleisch euch müde und matt gekämpft habt; die ihr Versuchungen, schwere, die Seele ängstende Versuchungen zu bestehen habt; euch zu Sünden gereizt findet, welche ihr selber verabscheut; zu euch, die nicht mit der Sünde spielen, sondern vor ihr zittern und über sie seufzen; zu euch, die ihr mit dem frommen Dichter Adolf Lampe fragt:
O wer gibt mir Adlerflügel,
Um mit losgeriss'nem Zügel
Mut, Begierden, Sinn und Herz,
Aufzuführen himmelwärts!
Ja, ich weiß noch wohl die Stunden,
Da ich, von mir losgebunden,
Meint', ich wär' dem Netz entrückt
Und in Jesu Herz entzückt.
Doch, wie bald sank mein Gefieder
Kraftlos und versenget nieder!
Meine Trägheit und Untreu'
Find' ich alle Morgen neu
oder die mit Lavater seufzen:
Tausendmal hab' ich geweinet,
Schmerzlich meinen Fall bereut,
Und der Sünde Macht beweinet
Und des Herzens Flüchtigkeit.
Tief bog mich die Sünde nieder,
Aber dann vergaß ich wieder
Meine Tränen, - Vater, dich!
Und mein Fleisch besiegte mich.
Euch, die ihr lange vergebens gerungen habt gegen eine Gewohnheitssünde, eine unreine Phantasie, eine Neigung zu Zorn oder Neid oder Nachsucht oder Habsucht oder Unkeuschheit, euch, die ihr geseufzt habt und geweint in eurer Kammer, euch frage ich: hat einer unter euch die Seligkeit erfahren, dass Gott, der Erbarmer, sein Schreien erhört und den Strick, der ihn gefangen hielt, durchrissen und ihm den Sieg über jene Sünde verliehen hat? Es gibt keine Seligkeit auf Erden so groß, wie die. In der Kraft, eine solche Sünde von uns zu werfen, wird uns die Gewissheit besiegelt, dass uns diese Sünde vergeben ist. Wir sehen Gottes Vaterarme offen, wir erfahren in uns die Kraft des Auferstandenen, wir erfahren's, dass er lebt, wir fühlen seine Nähe, fühlen uns in seinen Armen liegen. Nun, wie selig werden wir dort sein, wo alle Sünde ein Ende hat, wo es keine böse Lust, keine Versuchung, keine Möglichkeit eines Abfalles mehr gibt! Das heißt: den Namen Gottes als Siegel auf der Stirn tragen. Freier König, mach' uns frei aus Ägyptens Sklaverei!
IV.
Frei auf ewig! Denn das ist die Krone von all diesen Freuden des Himmels, dass diese Seligkeit ewig und ohne Ende dauert. „Sie werden regieren“ Könige sein „von Ewigkeit zu Ewigkeit“, so schließt unser Text. Ewig wer fasst's? Viele fassen's nicht. Dass die Seligkeit ein Leben ohne Sünde sei, ist ihren Herzen willkommen; dass aber dies Leben endlos dauern werde, kann ihr Verstand nicht fassen. Ewig, und kein zu erreichendes Ziel mehr übrig? Kein „Zweck des Strebens? Alles schon erreicht, schon errungen! „Womit soll sich denn aber die Seele beschäftigen in all die „Ewigkeit hinein? Auch die Werke Gottes und die Wege Gottes „lernt man am Ende aus; und sollte man auch hundert Millionen „mal Millionen Jahrtausende dazu brauchen: am Ende wird man „doch fertig, und die Ewigkeit dauert ja länger als hundert „Millionen mal Millionen Jahrtausende; sie ist ja end-los.“ Mancher hat vielleicht schon so gegrübelt; vielleicht hat er's nur nicht so klar in Worte fassen können, aber gedacht hat er's doch, und sich gefürchtet, er werde am Ende im ewigen Leben doch lange Weile haben. Nun, diesem Skrupel lässt sich leicht abhelfen. Bedenkt es wohl: im ewigen Leben wird die Seele ein ganz anderes Verhältnis zur Zeit einnehmen, als jetzt. Die Zeit, in der die Sterne ihre Bahnen beschreiben, ist eine bestimmte und äußerlich fixierte; die Zeitdauer aber, wie wir sie in unserer Seele empfinden, ist selbst hienieden schon etwas innerliches, von uns selbst abhängiges. Du gehst einen schnurgeraden einförmigen Weg über ödes, wüstes Heideland, und findest ihn erschrecklich lang; du gehst einen ebenso langen Weg, der sich durch einen Laubwald schlängelt, wo zur Rechten und zur Linken die Vögel wirbeln und schmettern, und die Blumen blühen, und die Gebüsche duften, und er wird dir kurz und du weißt nicht, wo die Zeit hingekommen ist. Ist's darum, weil du einem Ziele zusteuertest? O, nicht doch! Den einförmigen Weg bist du gegangen, um zu einem Ziele zu gelangen; und er ward dir lang. Den schönen Weg gingst du nur, um zu gehen; kein Zielpunkt war zu erreichen; du wolltest nur in stiller Feier des Frühlings genießen, und siehe, der Weg ward dir kurz. - Du liegst auf dem Krankenbette in schlafloser Nacht; wie dehnen sich die Minuten zu Stunden! Du bringst einen Tag bei lieben Verwandten zu; wie fliehen die Stunden wie Minuten! Wie möchtest du am Abend den Morgen zurückrufen! Und doch hat dein Besuch bei ihnen keinen weiteren Zweck gehabt; er trug seinen Zweck in sich selbst; du wolltest in stiller Feier dich ihrer Liebe freuen. Mein Geliebter, wenn im ewigen Leben ein Jahrtausend in seliger Feier schnell wie eine Morgenwache dahingeschwunden sein wird, dann wirst du auch wünschen, dass du diesen Morgen wieder zurückrufen könntest - und wohl dir, dann wirst du's auch können! denn dann fängt dieser Morgen von neuem an, und so gebiert ein Morgen den anderen, lauter Tage, auf die kein Abend folgt. Mein Bruder, wie selig würdest du sein, wenn du auch nur einen einzigen Freudentag aus deinem vergangenen Leben, aus deiner Jugendzeit, in die Gegenwart hereinstellen und noch einmal durchleben könntest! Nun siehe, Lieber, im ewigen Leben wirst du das können. Denn dort bewegt sich die Zeit nicht in einer Linie von der Wiege zum Grabe, sondern in ewig seligem Kreislauf um den Stuhl Gottes und des Lammes. Was alt geworden, wird immer wieder jung und neu. Alles Zeitmaß versinkt in der ewigen seligen Feier.
O du Herrlichkeit über verstehen! Und doch habe ich bei dem allem, was ich jetzt gesprochen, nur geredet wie der Blinde von den Farben, gestammelt wie ein unmündiges Kind von Dingen stammelt, die es noch nicht recht versteht; ja selbst von dem, was mir innerlich vorschwebte, ist es mir nicht gelungen, auch nur die Hälfte in Worte zu fassen. Und doch hoffe ich, ich habe nicht vergeblich geredet. Wandelt nur dem hellen Scheine nach, der von dem Ausgang der Lebenshöhle euch entgegen schimmert wie ein ferner Stern! Er führt euch ans Licht. Hängt eure Blicke und Herzen nur nicht an die Irrlichter, die aus den Sümpfen der Höhle zur Rechten und zur Linken aufsteigen! Lasst nur den Stern euch leiten! Und wenn ihr zur Erquickung auf eurem Lebenswege der Freuden bedürft, so wählt euch solche Freuden, die mit jenen ewigen Freuden des Himmels innerlich verwandt sind! Denn der Seligkeit erfreuen wird sich nur der, der auf die Seligkeit sich gefreut hat. Die Seligkeit will gelernt sein. Amen.