Dräseke, Johann Heinrich Bernhard - Des Todes Stachel ist die Sünde.
Am Osterfest.
Die Gemeinde:
„Selig sind des Himmels Erben, Die Toten, die in Jesu sterben“ rc.
Verklungen ist das Lied, Unsterbliche. Das Hochgefühl kann nicht verklingen. Die Herzen jauchzen fort, ob auch die Lippen schweigen:
„Nun weinen wir nicht mehr.
Das Alte ist nicht mehr.
Preiset Jesum!
Er sank ins Grab,
Wie wir, hinab.
Er ging zu Gott; wir folgen ihm.“
Oder wärs erst am Grabe Zeit, so zu empfinden? Und, nur auf Augenblicke, hättet ihr in das Scheiden von der Erde euch versetzt??
Was in der Todesstunde gelten soll, dass muss im Leben dir gegolten haben. Und was du, lebend, nicht geglaubt, das stärkt dich auch im Tode nicht. Erkennt das! Und lernt leben, wie ihr sterben möchtet: still und sanft, fröhlich und selig.
Christ ist nicht darum erstanden, dass ihr Osterfeste feiert, und dann wieder, als wüsstet ihr von nichts, eure Wege geht. Aber dass ihr aufersteht in sein Leben: darum erstand er.
Erhebt euch, Schüler, am himmlischen Meister. Sind Ostergefühle noch nicht eure beständigen Gefährten: macht sie dazu. Kommt dahin, dass ihr, aus voller Seele, mit dem Apostel triumphiert: „Der Tod ist verschlungen in den Sieg.“ Heiliger Gott! Führe uns zu diesem Triumph durch das Fest Deines Sohnes.
Noch lagern sich Schrecken um die Todesstunden so vieler Menschen, die den Auferstandenen nennen. Zerstreue sie, diese Schrecken, Herr des Lebens.
Es gibt nur Eins, was dem Tod alle Schrecken nimmt: gib uns, Herr des Lebens, dies Eine; gib uns siegreichen Kampf gegen die Sünde, die des Todes Stachel“ ist. Amen.
Die Gemeinde:
„Mit Dir muss es mir glücken,
Den Kampf zu überstehn rc.“
1. Kor. 15, 55. 56.
„Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Tod wo ist dein Stachel? Aber, der Stachel des Todes ist die Sünde.“
Diese Worte, Christen, prägt in eure Herzen.
Den höchsten Trost und die wichtigste Warnung des Osterfestes sprechen sie aus.
Was mit dem Herrn geschah, ist unserer Zukunft Pfand und Bild. Die Posaune wird schallen, und die Toten werden auferstehen. „Das Verwesliche wird anziehen das Unverwesliche und das Sterbliche die Unsterblichkeit“ (V. 52-54). „Dann erfüllt sich das prophetische Wort: der Tod ist verschlungen in den Sieg.“
Wie gewiss Paulus hiermit auf Größeres deutet, als Jesaias, der nur von der Befreiung aus der babylonischen Gefangenschaft und vom Anbruch der Zeit redet, wo Israel seine Feinde geschlagen und seine Leiden geendet sehen werde; wie gewiss der Apostel Sieg über den Tod im Sinne hat: so gewiss kann seine Meinung nicht sein, dass erst in der Auferstehung dieser Sieg sich entscheide. Entschieden ist der Sieg auch früher schon; sonst wär' er's nie. Über Geister hat der Tod keine Macht, selbst wann sie noch im Leibe wallen. Vollendet nur wird der Sieg, wenn in Staub fällt, was von Staub ist. Im ganzen Umfang wird der Spruch dann wahr: Es gibt keinen Tod mehr.
Das Gefühl aber dieser Siegesentschiedenheit will Paulus wecken. Fest werden soll die Überzeugung: „Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christum, so sind wir die Elendesten unter allen Menschen“ (19). Schwinden soll der Sadduzäerwahn: „Die Auferstehung der Toten sei nichts“ (12). Verstummen soll die vorwitzige Frage: „Wie werden die Toten auferstehen, und mit welcherlei Leibern werden sie kommen?“ (35). Ertönen soll der Lobgesang: „Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gegeben hat durch Jesum Christum!“ (V. 57). Unter die Fahne des Überwinders soll die Gemeinde sich stellen, dass sie mitten im Wechsel der vergänglichen Dinge gewiss sei: „wie sie getragen das Bild des Irdischen, also werde sie tragen das Bild des Himmlischen“ (V. 49).
„Tod! wo ist dein Stachel?“ Ein Wonnelied, ein begeisterungsvolles Wonnelied sind diese Worte beim Apostel; das hört man. Sie entströmen einem Herzen, das die Todesfurcht verlernt hat; das sich eingelebt hat in des Gottessohnes Leben; das sich gewöhnt hat zu trachten nach dem, was droben ist“; das den Weg schon betreten hat in die Höhen des Geständnisses: „ich habe Lust abzuscheiden und bei Christo zu sein.“
„Tod! wo ist dein Stachel?“ Wahrlich, auch uns ziemt dieser Osterruf. Er ehrt alle Christenherzen. Wie Orgelton klingt er, und Glockenklang. Ein Schwung ist darin, der über die Erde emporträgt, und über all' ihre Totenäcker.
Geliebteste!
Nehmen die Worte diesen Schwung bei euch??
Wenn Gedanken an die letzte Stunde euch ergreifen, fragt ihr dann, frohlockend: „Tod, wo ist dein Stachel?“ Oder, wenn ihr teure Abgeschiedene, die der Schmuck eurer irdischen Verhältnisse waren, zu Grabe tragt; erhebt ihr euch dann mit der Frage: „Tod, wo ist dein Stachel?“ über der Trennung Bitterkeit?
Hierauf sollen wir Antwort geben.
Fürchtest du den Tod: so darfst du im Apostelsinn das Apostelwort nicht nachsprechen. Geschieht es dennoch, so lügst du und tust nicht die Wahrheit. Heuchler ist, wer anders singt und sagt, als er fühlt und lebt. Eine Kirche gar voll Heuchler, denen das Grab schrecklich dünkt, und die gleichwohl ihr: „Tod, wo ist dein Stachel?“ als wär's Jubelgesang, anstimmen, hat im Gedanken schon etwas Empörendes. Entweder Sklaven sind's, die den Herrn, dem sie ein „Lebehoch“ bringen, dessen ungeachtet verabscheuen; darum klingt ihr Lied so lahm, flög' es auch mit Zymbelschall in die Lüfte. Oder Gedankenlose, die nicht wissen was sie tun; darum klingt es so leer, würd' es gleich von Tausenden angestimmt. Oder Bedauernswerte, die, ob zwar fremd auf dem Gebiet des ewigen Lebens, doch eine Ahnung davon haben möchten, und nun an den großen Kirchenfesten mit frommer Gaukelei sich selbst täuschen und in andächtige Verzückung sich hinaufschrauben; darum klingt es, mitten in den Tempeln einer großen Stadt, wie Stimme der Wüste, und ins Leben herüber dringt von ihren Hymnen auf die Unsterblichkeit kein Nachhall.
„Tod, wo ist dein Stachel?“ Evangelisch-selig können nur Diejenigen so sagen und singen, für welche der Tod keinen Stachel mehr hat. Andre verwunden mit solcher Frage ihr Herz; und es gibt ihnen die Antwort: hier steckt er. Denn, „der Stachel des Todes ist die Sünde.“
In dem Zusammenhang, in welchen der Apostel diese Worte stellt, enthalten sie eine fröhliche Wahrheit.
Darum jauchzt, Stachel. Ihr Gerechtigkeit zu Sünde frei und dass ihr heilig
Des Todes Stachel ist die Sünde. ihr Frommen! Bei euch hat der Tod keinen habt der Sünde zu dienen aufgehört und der leben angefangen. Nun ihr aber seid von der Gottes Knechte worden, habt ihr eure Frucht, werdet, und das Ende ist das ewige Leben“ (Röm. 6, 22). Jauchzt, ihr Frommen, und sprecht: „Tod, wo ist dein Stachel?“
„Denn der Herr ist um eurer Missetat willen verwundet und um eurer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, damit ihr Friede hättet, und durch seine Wunden seid ihr geheilt.“ „So ist nun nichts Verdammliches an denen, die in Christo Jesu sind“ (Jes. 53 und Röm. 8, 1). Jauchzt, ihr Frommen, und werdet's nicht müde zu preisen: „der Tod ist verschlungen in den Sieg“. „Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gegeben hat durch Jesum Christum.“
So Paulus, voll Heiligen Geistes, voll prophetischen Blickes, voll evangelischer Freude.
Stimmt ihr nicht in diesen Jubel, Versammelte? Kannst du nicht einstimmen, du Einer, du Anderer? Werdet ihr gehindert von einer fremden Gewalt, die unwillkürlich und unwiderstehlich zwischen euch und den Festsegen sich drängt? Ist es, auch heute sogar! heute! nur ein gemischtes Gefühl, womit ihr an das Grab tretet und wartet auf des Leibes Erlösung? Anklänge solcher Verstimmtheit mögen Apostel selbst manchmal gehabt haben. Aber gerühmt hat sich ihrer Niemand.
O strebt über sie hinaus. Auch die letzten Reste des alten Elends werft, wohin sie gehören, in den Staub. Auch die stillen Grauen, welche der Tod noch behielt, kämpft nieder, und kündigt ihnen, am Feste des Lebens, des ewigen Lebens, des gewissen und wahrhaftigen und über Zweifel erhobenen Lebens, den heiligen Krieg an.
So werde der Schmerz laut, der euch drückt! So werde die Hoffnung laut, die das Joch erleichtert!
Die Gemeinde sang:
„Ich freue mich und bebe doch rc.“
Das geschehe!
Dem Heiland leben: das erhebt über den Widerspruch: „ich freue mich und bebe doch.“
Der Sünde Joch tragen: das macht die Worte „Tod, wo ist dein Stachel?“ aus einem Triumphlied zu einer Gewissensfrage.
Fragt nämlich der ungebesserte Mensch: wo, bei ihm, der Stachel des Todes stecke? da erhält er die Doppelantwort:
Siehe nach in deinen Gliedern;
Siehe nach in deinem Gemüt;
Da findest du, was du suchst.
I. Siehe nach in deinen Gliedern.
Je mehr der Mensch der Ordnung Gottes folgt: desto besser hält er mit seiner Kraft Haus, desto unangefochtener bleibt seine Gesundheit, desto später naht ihm der Tod, desto schmerzloser sinkt einst der Bau dieser irdischen Hütte zusammen. Ein üppiges, schlaffes, ungeregeltes Leben dagegen, das gewaltsam an der zarten Maschine rüttelt, wirft sie früher um. Und weil nicht die sanfte Hand der Natur die Bande allgemach löst, vielmehr das Eine noch hält, während das Andre schon reißt, gibt's harte Kämpfe. Auch insofern gilt der Ausspruch: „der Sünden Sold ist der Tod und des Todes Stachel ist die Sünde.“
Damit wird nun über Niemand Gericht gehalten; auch keineswegs behauptet, unsere Kurzsichtigkeit könne aus des Mitbruders Lebenslänge, oder Todesart, aus seiner Kraftfülle, oder seinem Siechtum, auf den Wert der Gesinnung bei ihm untrügliche Schlüsse ziehen. Es gibt von jeder Regel Ausnahmen; von mancher merkwürdige Ausnahmen. Dennoch ist die Regel nicht leere Einbildung. Und der Unglückliche, der durch Prassen und Schlemmen, durch Liederlichkeit besonders und Wollust, den Tempel Gottes, seinen Leib, geschändet, zerrüttet hat, versteht dich, wenn du sprichst: „der Stachel des Todes ist die Sünde.“ Er weiß auch, welche Sünde du meinst. Und dass du Recht hast: davon sieht er an sich selbst die verräterischen, vielleicht die grauenvollen, Zeichen.
II. Doch auch in deinem Gemüte siehe nach.
Der ungebesserte Mensch findet da nicht minder die Wahrheit bestätigt: „der Stachel des Todes ist die Sünde.“
Drei Hauptzweige hat das Gemütsleben: Glaube, Liebe, Hoffnung. Wurzelt das Gemüt im Evangelio: dann grünen die Zweige, dann treiben sie Schösslinge, dann tragen sie Blüten, dann bringen sie Früchte, reiche, himmlische. Fehlt jene Wurzel: so haben die Zweige nicht Saft. Ohne evangelischen Geist kein Glauben, Lieben, Hoffen. Wenn du aber nicht glaubst, noch liebst, noch hoffst: womit willst du den Tod besiegen, womit des Todes Schrecken mildern?
Prüfe selbst, und sprich das Urteil.
1. Erwäge zuerst deinen Glauben.
Du kannst dich von deiner Fortdauer im Tode nicht überzeugen; und wenn auch allenfalls von dieser, doch davon nicht, dass am Ausgang des Erdendaseins der Mensch seine Persönlichkeit behalte. Du fabelst von einem Urleben, in welches jeder einzelne Lebensausfluss sich ergieße, wie die Ströme ins Meer. Magst du noch fragen, was dir des Todes Bitterkeit schärfe, wenn du von hinnen sollst? Du glaubst nicht an Unsterblichkeit, wie der Christ. Diese Sünde ist in deinem Gemüte „des Todes Stachel“.
Du Andrer siehst keine Vorsehung walten über den Menschen. Vom Zufall leitest du alles her, dein Glück und Unglück, dein Kommen und Gehen. Du meinst wohl gar, eine Aufsicht, die das Kleinste beachte, eine Sorgfalt, die in das Besonderste eindringe, sei unter des Weltregenten Majestät: Ach! du Armer! Den Vater also, mit dem der Sohn dich vereinigen will, den Vater, der jedes Haar auf seiner Kinder Haupte zählt, den Vater, an dessen treuem Herzen du alle Morgen zu erwachen, und alle Abend, auch am letzten Abend, zu entschlummern gewürdigt bist: Den gibst du weg? Magst du fragen, was dir des Todes Bitterkeit schärfe, wenn du die Deinen, nach menschlichem Urteil unberaten, zurücklassen sollst? Du glaubst nicht an einen Weltregierer, wie der Christ. Diese Sünde ist in deinem Gemüte „des Todes Stachel“.
2. Untersucht sodann die Liebe der Leute.
Lieben sie Gott, und Gott über alles? Sie suchen die Welt und was in der Welt ist, Augenlust, Fleischeslust, hoffärtiges Wesen. An Dingen, eben so nichtig als flüchtig, hängt ihr eitles, sich selbst betrügendes Herz. Ihnen muss man zurufen, was Paulus Denen zu Korinth: „Werdet doch einmal recht nüchtern und sündiget nicht; denn Etliche wissen nichts von Das sag' ich euch zur Schande“ (V. 34). So lange
sie jedoch hierauf nicht hören, vielmehr in frechem Trotz und Taumel einander zurufen: Lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot“ (V. 32): mögt ihr fragen, was ihnen des Todes Bitterkeit schärfe, wenn sie nun inne werden sollen, dass „Fleisch und Blut nicht können ererben das Reich Gottes und das Verwesliche nicht erben wird das Unverwesliche“ (V. 50)? Die kurze Lust galt ihnen mehr, als der ewige Hort. Sie lieben nicht wie Christen. Diese Sünde ist in ihrem Gemüte des Todes Stachel“.
Und wie lieben sie Freund' und Genossen? Nicht in Gott und um Gottes willen und mit einem auf das Unsichtbare gerichteten Herzen. Sinnlich, weichlich, tändelnd, spielend, mehr der Gestalt zugewendet, als mit der Seele beschäftigt, mehr in leiblichem Anhangen sich offenbarend, als nach geistiger Vereinigung strebend, ach! und wie oft! wild, phantastisch, abgöttisch, abenteuerlich ist ihre Zärtlichkeit. Mögt ihr fragen, was ihnen des Todes Bitterkeit schärfe, wenn sie nun hingeben sollen die Lieblinge, die sie, nur für die Zeit, besaßen? Mögt ihr fragen, warum so ungestüm, so grässlich zuweilen, so himmelan bellend und grollend ihr Schmerz sich gebärdet, ja, die Gebärde der Trostlosigkeit bei ihren Trauerfällen zur guten Lebensart gehört? Am Staube haftet ihre Neigung. Sie lieben nicht, wie Christen. Diese Sünde ist in ihrem Gemüte des Todes Stachel“.
3. Betrachtet endlich die Welt in ihrem Hoffen.
Auch ihr Hoffen geht auf die Zeit, und mit dieser zu Grunde. Im Tode schließt sich jede Aussicht. Furcht ist das zerstörende Element, darin sie verkommen, noch ehe sie sterben.
Und von zwei Seiten schickt die Furcht Boten. Aus der Vergangenheit; da ist keine Saat, auf welche mit Wohlgefallen das Herz zurückschauen könnte. Aus der Zukunft; da ist keine Ernte, in welche mit Sehnsucht das Herz hinüberblicken dürfte. Dort traurige Erinnerungen, hier bange Erwartungen. Dort die Zeit mit ihrer Schuld, hier die Ewigkeit mit ihrem Gericht. Dort kein Ruhm, der vor Gott bestände; hier kein Mittler, der bei Gott verträte.
Mögt ihr fragen, was da des Todes Bitterkeit schärfe, wenn nun der ernste Wechsel geschehen soll, an welchen die Elenden nie gedacht? Mögt ihr fragen, woher es komme, dass sie nicht aushalten können unter den schwarzen Schatten, die ihr Totenbette umringen; und doch auch das Licht nicht vertragen können, das allzu helle, das furchtbar leuchtende, das von drüben in diese Dunkelheit fällt? Sie haben den Trost nicht, dass ihre Sünde. vergeben sei. Sie haben den Trost nicht, dass in ihrem geist- und wertlosen Leben etwas angelegt sei auf ewigselige Entwicklung. Sie hoffen nicht, wie der Christ hofft. Diese Hoffnungslosigkeit ihrer armen Seele, diese Sünde aller Sünden, ist in ihrem Gemüt des Todes Stachel.
Wahr ist's, Christen, und ich fühle es: das sind keine Osterbilder, die an euch vorübergingen. Und ihr habt Recht, die finstern Gestalten eine seltsame Erscheinung zu nennen. am Fest der Wonne. Wahr aber ist's auch, und ihr werdet es nicht leugnen: das sind keine Ostergemüter, bei welchen die Sünde fortfährt, der Stachel des Todes zu sein. Und der Herr aller Christengemeinden, wenn er diese Kirche durchwandelt, hat Recht, jede noch nicht auferstandene Seele eine seltsame Erscheinung zu nennen in den Kreisen, die seine Auferstehung sammelt.
Zum Auferstehen rege an, zum Auferstehen weihe uns die heilige Osterzeit.
Wen die Sünde beherrscht, den ängstet der Tod, und von Rechtswegen. Wer sein Haupt erheben will, der muss sein Herz reinigen. In der Sünde greift den Tod Den Wahn flieht. Die Eitelkeit ziehet aus. Die Lüste dämpfet. In Glauben, Lieb' und Hoffnung geht einher. Mit dem Harnisch Gottes umgürtet, mit dem Schwert des Geistes bewaffnet, mit dem Helme des Heils decket euch. Und siehe! Den Stachel hat der Tod verloren. Es gibt keinen Tod in eurem Leben; denn euer Leben ist in Christo, dem Herrn. Er hat's gesagt und er hält Wort (Joh. 11, 25. 26). „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, ob er gleich stürbe, und wer da lebet im Glauben an mich, der wird nimmermehr sterben.“ Glaubt ihr das?? Heil euch! So seid ihr Sieger. So seid ihr Sieger. Wo Tod nicht ist, da wird kein Tod gefürchtet.
Oder, meint ihr, man könne sich da hinauf singen mit einem Osterliede, oder da hinauf hören mit einer Osterpredigt? So seid ihr im Irrtum. Man kann sich da hinauf nur glauben, lieben und hoffen; folglich nur kämpfen, wachen und beten. Erst Karfreitag, dann Osterfest. Erst Streit, dann Sieg. Erst Absterben dem unhimmlischen Wesen, dann Aufleben im himmlischen Reich. Erst der ganze, tiefe, herzerschütternde Ernst des Vorwurfs: der Stachel des Todes ist die Sünde“; dann der ganze, hohe, herzentzückende Jubel des Gefühls: „Tod, wo ist dein Stachel?“ und des Loblieds: Gott aber sei Dank, der uns durch Jesum Christ den Sieg gegeben hat!“
Versucht nicht, Staubgenossen, die Ordnung umzukehren. Das geht nicht. Es wäre ein vergebliches „Wider den Stachel lecken.“
Wagt noch weniger, den Tod zu verachten, ehe ihr die Sünde verabscheut. Das widerspricht sich selbst. Es wäre ein rasendes Wider den Stachel lecken.“
Wer den Tod für nichts hält, und mit seinem und fremdem Leben spielt, weil Blendwerk ihn verwirret, weil Leidenschaft ihn erhitzt, weil Selbstbetrug ihn umnachtet, weil böser Mut ihn fortreißt: der ist ein Armer, Gottverlassener. Ein Solcher mag in seinem Wahn frohlocken: „Tod, wo ist dein Stachel?“ und während er den Dolch in seine Brust wühlt, bezeugen: Es schmerzt nicht“. Aber ein Gott sei Dank, der uns durch Jesum Christ den Sieg gegeben hat!“ das kann er nicht hinzusetzen; oder er würde, in demselben Wahn, mit welchem er sein Leben verscherzt, den Himmel verhöhnen.
Leichter ist nichts, Christen, es ist nichts kinderleichter, als den Tod zu leicht nehmen und blind hinein rennen. Heiden ohne Zahl haben das gekonnt, und wie zum Scherz, getan. Nichts ist schwerer, nichts fordert mehr christliche Manneskraft und Mannesweisheit, als den Tod würdigen nach seiner ganzen Bedeutung, und mit hellwachen Augen, in frommer Nüchternheit und stillem Geist, des Todes sich freuen. Denn nur über die zu Boden geschlagene Sünde geht dahin der Weg. So bitte ich, und bitte um des Herrn willen: kehrt die ewige Ordnung nicht um.
Womit aber muss das heilige Werk beginnen bei denen, die keinen Anfang noch gemacht?
Offenbar mit der Frage: Tod, wo ist dein Stachel bei mir?? Des Todes Stachel ist die Sünde; Herz, durch welche Sünde machst du mir den Tod bitter?? Habe ich den Glauben nicht, den der Auferstandene gewährt? Und was fehlt daran?? Verstehe ich auf die Liebe mich nicht, die ein Christ empfindet? Und woran liegt das?? Und meine Hoffnung, baue ich sie, statt auf Gottes Felsentreue, in den Sand der Vergänglichkeit? Und wie äußert sich dieser törichte Missgriff?? Wo liegt es bei mir? Wo??
Diese Fragen beantwortet, damit Jeglicher seinen Feind wisse. Dann in den Kampf, unter des Allmächtigen Obhut. In täglichen Kampf. In heißen Kampf. In siegreichen Kampf. Freiheit ist die Krone; und mit der Freiheit, Freudigkeit.
Soll dem Herrn, unserm Haupte, „alles unter seine Füße getan“ werden, wie der Apostel sich ausdrückt (V. 27); soll Christus, um ganz zu herrschen, völlig siegen: dann muss er dahin uns bringen. So lange wir den Tod scheuen, hat der Fürst des Lebens die rechte Macht nicht. Ist aber die Todesfurcht weg, so ist alle Furcht weg. Was sollte der fürchten, der den Tod nicht fürchtet? Was sollte der nicht können, der dem Tod ins Angesicht schauen kann? „Der letzte Feind, der aufgehoben wird, ist der Tod“ (V. 26). Was dich locken, was dich verderben will, du hast es überwunden, wackerer Streiter Christi; alles hast du überwunden, denn da hast den Tod überwunden.
Ich will's, wie du, machen.
Was ich noch lebe im Fleisch, will ich leben im Glauben des Auferstandenen. Frage ich dann: „Tod, wo ist dein Stachel?“ drinnen ertönt der Bescheid: „Es ist kein Stachel mehr da.“ So komm, wenn du willst, letzte Stunde! ich bin fertig. So nimm, welche du willst, von den Meinigen, Vater. Du hast sie gegeben. Du kannst sie nehmen. Dein sind alle. Dein bin ich. Dein Name sei gelobt!!
Nun erst! Nun ist Siegesfeld unter unsern Füßen, Unsterbliche; denn Himmelsklarheit ist um unser Haupt und Gottesfrieden ist in unserm Herzen. Keine Sünde mehr.
Keine Furcht mehr! Die Feinde sind geschlagen. Auch der letzte Feind ist vernichtet. Und rings in der Freiheit hellem Reiche Triumphlied: „Tod, wo ist dein Stachel?? Gott aber sei Dank, der uns den Sieg durch Jesum Christ gegeben hat!
Genossen des ewigen Lebens!
Wollt ihr mit unter den Siegern sein? Wollet ihr stark werden und frei und fähig und würdig des Auferstehungsjubels??
O gib, Vater! Gib das Wollen! und zum Wollen das Vollbringen: so wird alles wohlgelingen.
Die der Sünde sterben, leben in Dir auf. Bereite uns solches Leben durch solchen Tod.
Zum Sieg, zu evangelischem Sieg, weihe der Christenheit Völker und Führer.
Weihe dazu diese Stadt.
Alle Gnadenfülle Deiner Weisheit und Stärke, Deiner Lieb' und Erbarmung ströme nieder auf unsern Senat, dass er sein möge in Deiner Hand ein ruhmgekröntes Werkzeug des Heils für uns und die Nachkommen.
Sei gelobt für den Heimgang des leidgeprüften, würdigen Greises, den Du aus der Väter Mitte zu höherer Wirksamkeit und Freude gerufen hast; und erquicke die trauernde Familie mit allen Tröstungen der Osterfeier.
Segne den Biedermann, der im vollsten Zutrauen seiner Mitbürger der Obrigkeit zugesellt ist; dass des Guten und Ehrenwerten viel! für Staat und Kirche geschehe durch seine Einsicht, seine Erfahrung, seine Gewissenhaftigkeit, seinen frommen und treuen Sinn.
Du kennst Aller Bedürfen, Vater. Sei Allen nahe mit Deiner Hilfe.
Segne Gottesdienst und Schulwesen, Lehrstand und Nährstand, Kunst und Wissenschaft, Waisenerziehung und Armenpflege, Schifffahrt und Handlung, Feld- und Gartenbau, Industrie und Gewerbe; und was da wirkt unter uns, lass wirken zu Deiner Verherrlichung.
Gib Bestand jedem frommen Verein. Gib Eintracht den Familien. Gib Entzweiten Deinen versöhnenden Geist.
Lass Eltern Freude haben, große Freude, und nimmer Schand' und Herzeleid an ihren Kindern; Söhnen aber und Töchtern, die das vierte Gebot ehren, Herr, wir bitten Dich, wir Väter und Mütter alle bitten: lass es wohlgehen unsern geliebten Kindern, so lange sie leben auf Erden.
Und damit wir Ostern halten, nicht im Sauerteige der Bosheit und Schalkheit, sondern im Süßteige der Lauterkeit und der Wahrheit: so heilige, Vater, auch den Sinnengenuss dieser Festtage.
Treibe von uns alle Schwermut; sie schickt sich nicht für Erben des Himmels. Treibe aber auch von uns, weit von uns, alle Leichtfertigkeit, alles unheilige Wesen dieser Welt; sie würde uns verloren gehen, die selige Erbschaft.
Segne die Sünder mit Osterentschließungen, die Leidenden mit Ostermut, die Sterbenden mit Osterfrieden, und Deine ganze Christenschaar mit der Osterverheißung:
„Ich lebe; ihr sollt auch leben.“ Amen.