Disselhoff, Julius - Die Geschichte König Davids, des Mannes nach dem Herzen Gottes - Achte Predigt. Der Gerechte schlage mich freundlich und strafe mich.
1 Sam. 25.
„Wer sich auf sein Herz verlässt, ist ein Narr!“ (Spr. 28, 26.) Diese Worte, scharf wie die Spieße und eckig, wie die Nägel, mögen schon mancher eitlen, durch Schmeichelei verzärtelten Seele ein Stein des Anstoßes gewesen sein. Aber auch der, welcher in seiner guten Meinung von sich bereits um ein Bedeutendes herabgestimmt ist, kann sich schwer jenem harten Urteil unterwerfen. Er hält sich für so weit gereift, um wenigstens bis auf einen gewissen Punkt für sein Herz Gewähr zu leisten. Ist etwas im Stande, uns endlich von dieser Selbsttäuschung zu befreien, und uns Misstrauen gegen unser Herz einzuflößen, so ist's die Geschichte Davids, des Hochbegnadigten, der gleichwohl in solche Sünden gefallen ist, die er selbst vor der Tat eben so unmöglich gehalten haben würde, wie Simon die Verleugnung des Herrn. Lüge und Verstellung ist uns von ihm schon berichtet. Andere, schwere Sünden und Laster werden wir später noch vernehmen müssen. Auch der heutige Abschnitt erzählt uns in seinem Beginne einen dunklen Zug aus Davids Leben, der zu dem lieblichen Bilde, was wir aus der vorigen Predigt gewinnen mussten, durchaus nicht passen will, während er freilich in seinem Fortgang und Schluss die Flecken von dem Erwählten Gottes wieder abwäscht. Lasst uns Beides genauer ansehen. Ich wüsste nicht, welche bezeichnendere Überschrift ich dieser Geschichte geben sollte, als Davids eigenes Wort aus dem 141. Psalm:
Der Gerechte schlage mich freundlich und strafe mich!
Drei Punkte werden wir erkennen:
I. Auch der Geliebte Gottes fällt, wenn er sein Herz nicht bewacht, in strafwürdigen Zorn.
II. Der gnädige Gott sendet seinem Geliebten durch Menschenmund die verdiente Strafe.
III. Die Art und Weise, wie Jemand die Strafe annimmt, offenbart es, in wie weit er ein Mann nach dem Herzen Gottes ist.
I.
Sauls Herz, an der Oberfläche durch Davids Liebe für einen Augenblick erweicht, hatte sich bald wieder verhärtet. David flüchtete vor der neu beginnenden Verfolgung immer tiefer in die Wildnis. Wir treffen ihn heute, südlich von Hebron, in der öden Wüste Paran. Dort war keine Nahrung für ihn und seine sechshundert Freunde. Zu den andern Nöten kam noch der Hunger. Da hörte er, dass in dem benachbarten Carmel ein Mann Namens Nabal, der fast großen Vermögens war, Schafschur hielt und seinen Knechten ein großes Fest bereitete. David sandte zehn Jünglinge zu Nabal und ließ um Speise bitten. Sie kamen mit abschlägiger Antwort zurück. „Da sprach David zu seinen Männern: Gürte ein Jeglicher sein Schwert um sich! Gott tue dies und noch mehr den Feinden Davids, wo ich diesem bis zum lichten Morgen überlasse Einen, der an die Wand pisst, aus Allem, was er hat! Und ein Jeglicher gürtete sein Schwert um sich, und David gürtete sein Schwert auch um sich, und zogen ihm nach hinauf bei vierhundert Mann, aber zweihundert blieben bei dem Geräte.“ (V. 13 - 22.) Gott, möchte man hier rufen, was ist das Menschenherz! Derselbe, dem das Gewissen schlug, als er vom Rocke seines Feindes nur einen Zipfel geschnitten hatte, der, von seinen drängenden Freunden zu Zorn und Rache gereizt, in seiner Ruhe und Sanftmut nicht zu erschüttern gewesen war, der durch sein bloßes Wort und seine Gegenwart sechshundert heißblütige Männer so im Zaum gehalten hatte, dass sie auch nicht ein in der Wüste herumlaufendes fremdes Schaf für sich zu nehmen wagten (V. 7 u. 15), derselbe lässt plötzlich, als ein törichter Mann seine Bitte nicht gewährt, seinen Zorn in so maßloser Weise hervorbrechen, dass er alle Herrschaft über sich verliert, dass er, das Schwert in der Hand, an der Spike von vierhundert Bewaffneten, ein ganzes unschuldiges Haus ausrotten will, weil Einer aus demselben mit einem Worte ihn verletzt hat. O, was ist das Menschenherz! Wie sollen wir uns einen solchen Jähzorn, eine solche Rachlust bei einem Manne erklären, der in der Höhle zu Engedi ebenso große Selbstüberwindung, als Zartheit gezeigt hatte? Die heilsame Antwort ist nicht schwer zu finden. Von Saul wusste David seit langer Zeit, dass er sein Todfeind war, wusste, dass er von ihm nichts zu erwarten hatte, als Hass und Verfolgung, und Böses für Gutes, musste zu gleicher Zeit, dass sein Beiniger der unantastbare Gesalbte des Herrn war. Darum trug er ihm gegenüber seine Seele in seiner Hand, war voller Vorsicht und Wachsamkeit. Was Saul auch für Pläne schmieden mochte, David war auf Alles gefasst, auf Alles vorbereitet. Nichts überrascht ihn. Das ist Nabal gegenüber Alles ganz anders. David, der Verfolgte, hatte dem reichen Herdenbesitzer viele und große Dienste geleistet. Fern davon, ihm mit seinen 600 Mann auch nur ein Schaf zu rauben, hatte er die ganze Habe desselben gegen die räuberischen Bewohner der Wüste geschützt, so dass Nabals eigene Knechte von David und den Seinen bezeugen mussten: „Sie sind uns sehr nützliche Leute gewesen, und haben uns nicht verhöhnt, und hat uns nicht gefehlt an der Zahl, so lange wir bei ihnen gewandelt haben, wenn wir auf dem Felde waren; sondern sie sind unsre Mauern gewesen Tag und Nacht, so lange wir die Schafe bei ihnen gehütet haben.“ Als nun das große Fest der Schafschur kam, sendete David seine Jünglinge zu Nabal und gebot ihnen: „Wenn ihr zu Nabal kommt, so grüßt ihn von meinetwegen freundlich, und sprecht: Glück zu! Friede sei mit dir und deinem Hause und allem, was du hast!“ Ihn dann an die vielen geleisteten Dienste erinnernd, forderte er nicht, wozu er wohl ein Recht gehabt hätte, - sondern bat in aller Bescheidenheit um das nur, was er grade unter Händen hätte. „Lass die Jünglinge, sind seine Worte, Gnade finden vor deinen Augen, denn wir sind auf einen guten Tag gekommen. Gib deinen Knechten und deinem Sohne David, was deine Hand findet!“ Atmet diese Rede nicht ungeheuchelte Liebe und Friedfertigkeit? Konnte David demütiger, freundlicher, herzlicher bitten? Musste solche Bitte nicht guten Erfolg haben? David rechnete fest darauf. Er erwartete nichts Anders als Dienst für Dienst, Freundlichkeit für Freundlichkeit. Er war ganz sicher, wachte nicht, ahnte nicht, dass eine Versuchung auf ihn lauern könnte. Da plötzlich kam die unerwartete, in der Tat überaus höhnische und herausfordernde Antwort: „Wer ist der David? Und wer ist der Sohn Isais? Es werden jetzt der Knechte viele, die sich von ihren Herren reißen. Sollte ich mein Brot, Wasser und Fleisch nehmen, das ich für meine Scherer geschlachtet habe, und den Leuten geben, die ich nicht kenne, wo sie her sind?“ Was sollen wir uns wundern, dass Davids Herz, weil es sicher und sorglos und nicht wie mit Tor und Riegel verschlossen war, sein altes Wesen wie in einem offenen, furchtbaren Strome hervorbrechen ließ, und das umso mehr, je mehr und länger vorher die alte Lust durch mächtige Dämme zurückgehalten war? Wir begreifen das leicht, weil wir selbst ähnliche Rückfälle in die natürliche Bosheit des Herzens zu oft erlebt haben. So lange wir vor einem Manne standen, dessen Ansehen und Würde uns unwillkürlich zwang, auf der Hut zu sein, uns zu beherrschen, mit Fleiß zu bedenken, was wir redeten und taten, vermochten wir, vielleicht, oft ohne große Mühe, unsere Worte auf die Goldwaage zu legen, und erschienen als besonnene, sanftmütige Leute. Kehrten wir aber in den Kreis der Unsern zurück, in dem wir die Wachsamkeit für unnötig achteten, und uns darum, wie man es ausdrückt, gehen ließen, o welche Worte voll Hass, Zorn und Bitterkeit strömten da schon bei geringfügiger Veranlassung über unsre Lippen! Wo wir Dank gar nicht zu ernten begehrten und auf Undank von vornherein gefasst waren, konnten wir vielleicht einmal den schwärzesten Undank still hinnehmen. Wenn wir aber auf unsere Aussaat der Liebe, Lindigkeit, Demut und des Friedens zwar keine reiche, aber doch eine bescheidene Ernte von Gegen-. liebe sicher erwarteten: wie konnten wir aufbrausen, wie bitter und ungebärdig, oder auch wie niedergeschlagen, kleinmütig, verzweiflungsvoll werden, wenn uns Dornen, Disteln und Nesseln entgegengebracht wurden! Wäre Einer, der uns früher nur in unsern bewachten Stunden beobachtet hat, in solchen unbewachten Augenblicken Zeuge unserer Gebärden und Reden, müsste er nicht entsetzt ausrufen: „Ich kenne den Menschen nicht mehr?“ Aber wer sind wir? Selbst von Paulus und Barnabas wird erzählt, dass sie scharf an einander kamen, und eine Zeit lang Jeder seinen eigenen Weg ging. (Apstlg. 15, 39.) Selbst später noch ließ Paulus, nachdem er doch immer mehr seinem Herrn entgegengereift war, von Gereiztheit und Zorn sich überwältigen. Als er im Gerichte auf Befehl des Hohenpriesters Ananias aufs Maul geschlagen wurde, rief er: „Gott wird dich schlagen, du betünchte Wand! Sitzt du, und richtest mich nach dem Gesetz, und heißt mich schlagen wider das Gesetz?“ (Apstlg. 23, 3.) Rufen uns solche Beispiele nicht ins Ohr: „Behüte dein Herz mit allem Fleiße, denn daraus geht das Leben!“ (Spr. 4, 23.) „Was ich aber euch sage, das sage ich Allen: Wacht!“ (Mark. 13, 37.)
Allen! Und hättest du selbst solche Sanftmut und Selbstbeherrschung bewiesen, wie David gegen Saul, und wärest du so mächtig schon vom Geiste des Herrn gebunden und versiegelt, wie Barnabas, ja wie Paulus: „so du nicht wirst wachen, spricht der Herr, werde ich über dich kommen, wie ein Dieb!“ (Offb. 3, 3.)
Drum hüte deine Zunge wohl! Bald ist ein herbes Wort gesagt. „O Gott! es war nicht bös gemeint!“ Der Andre aber geht und klagt.
O lieb so lang du lieben kannst! O lieb, so lang du lieben magst! Die Stunde kommt, die Stunde kommt, Wo du an Gräbern stehst und klagst!
„Wo du an Gräbern stehst und klagst!“ an Gräbern derer, die dir ans Herz gewachsen, die ein Stück deines eigenen Lebens sind. Wirst du das nicht vergessen, so wirst du darin die Kraft haben, dein Herz zu bewachen, um alle herben und bitteren Worte noch im Entstehen zu töten, gleichwie David Sauls schonte, weil er das Haupt ansah, das der Herr gesalbt hatte.
Die fortwährende Wachsamkeit, die beständige Bereitschaft, von einer Versuchung, als wie von einem Fallstrick, überrascht zu werden, ist eines der schwersten und doch notwendigsten Stücke des Christenlebens. „Ich schlafe, aber mein Herz wachet!“ (Hohel. 5, 2.) sagt die Braut des Herrn. Wir sind zu diesem unaufhörlichen Wachen noch wenig geschickt, noch wenig geneigt, überall, wo wir gehen, stehen oder liegen, auf Versuchungen und Anfechtungen vorbereitet zu sein. Was würde aus uns werden, wenn Gottes Gnade nicht wachte!
II.
Kaum hatte David sein Schwert ergriffen, um an der Spitze seiner Schar das Verderben zu Nabals Hause zu wälzen, als der erbarmungsreiche Gott, dessen Auge über seinem Knechte offen stand, auch schon die Strafe vorbereitete, durch welche er den vom Zorne Berauschten zur Nüchternheit wach rufen wollte. Einer nämlich von den Jünglingen Nabals hatte die unbillige, schnaubende Antwort seines Herrn gehört und Abigail, das verständige Weib desselben, sogleich davon in Kenntnis gesetzt. Diese machte der Herr zur Vollstreckerin seiner Strafe. Gebraucht dich Gott auch einmal als heilsame Rute für Einen seiner schlafenden Knechte, oder hat er dir gar das heilsame Strafamt befohlen, so lerne von Abigail beides, die liebevolle Weisheit und die ernste Wahrheit, womit die Strafe nach Gottes Herzen ausgeübt werden soll.
Ihre Jünglinge mit Brot, Wein, Mehl und andern Gaben vor sich her sendend, eilte sie, das schwache, einsame Weib „im Dunkel des Berges,“ im engen, hohlen Felsentale, David und seinen Leuten entgegen, um durch ihre bittende und zugleich strafende Stimme vierhundert gezückte Schwerter in die Scheide zu führen, und mit dem Hauch ihres Mundes die lodernde Flamme des Zornes auszulöschen, ehe sie Brand und Verwüstung anrichtete. Sie sah David und seine Schar kommen, warf sich von ihrem Tiere auf ihr Angesicht zu seinen Füßen nieder und sprach: „Ach, mein Herr, mein sei diese Missetat! Mein Herr setze nicht sein Herz wider diesen Nabal, den heillosen Mann, denn er ist ein Narr, wie sein Name heißt, und Narrheit ist bei ihm. Ich aber, deine Magd, habe die Jünglinge meines Herrn nicht gesehen, die du gesandt hast!“ Sie bekennt zuerst mit weiser Demut das offenbare Unrecht, wodurch Davids Zorn gereizt war, und nimmt die ganze Schuld auf sich, weil sie, Nabals Härte und Boshaftigkeit kennend, nicht treu genug über ihn und sein Tun gewacht hatte. Dann aber wendet sie sogleich ihre Bitte als ein strafendes Schwert gegen David, dass er, der Weise, der Geliebte Gottes, durch einen heillosen Mann, durch einen Narren, zu noch größerer Narrheit und Sünde sich wolle verführen lassen. „Willst du, so tönt es David und uns aus ihren Worten entgegen, willst du, der nicht mehr ein Neuling in Gottes Wegen ist, durch Torheit und Frevel Eines, der Gott nicht kennt, dich zu seines Gleichen machen? Sollte man nicht billig von dir erwarten, dass du schon fester in Gott eingewurzelt wärst, als dass das spöttische Wort eines Gottlosen dich sofort aus deinem Lebensgrunde losrisse?“
Lass dich nicht das Böse überwinden! denn die da stark sind, sollen der Schwachen Gebrechlichkeit tragen, und so ein Mensch etwa von einem Fehler übereilet würde, hilf ihm wieder zurecht mit sanftmütigem Geist, der du geistlich bist. Und siehe auf dich selbst, dass du nicht auch versucht werdest!
Die Strafe wurde noch bitterer. „So wahr der Herr lebt, redet Abigail weiter, und so wahr deine Seele lebt, der Herr hat dich verhindert, dass du nicht kämst wider das Blut und hat dir deine Hand erlöst!“ „Blut!“ musste es laut und schrecklich durch Davids Seele widertönen. Die Sünde, in die er rannte, war ihm ungeschminkt und ungeschmückt bei ihrem wahren, furchtbaren Namen genannt. Abigail trat mit ihrer Person ganz zurück. „Der Herr, sagte sie mit Bedeutung, der Herr will dich am Blutvergießen verhindern. Darum sendet er mich, das arme, schwache Weib. David! Nicht ich, der Herr stellt sich dir auf deinem gefährlichen Wege strafend entgegen. David! Nicht ich, der Herr ruft dir ins Gewissen: Tauche deine Hand nicht in unschuldiges Blut! Der Herr spricht den furchtbaren Namen deiner noch verborgenen Sünde mit unerbittlichem Ernste aus, stellt, was jetzt in den Tiefen des Herzens noch gärt, als geschehene Tat in ihrer nackten Gestalt vor deine erschrockenen Augen, auf dass er dir deine Hand erlöse! Der Herr tuts!“
Nachdem das schreckliche Wort: Blut! gesprochen ist, hält die Botin Gottes dem immer noch stummen David mit beredtem Munde die Hoheit und Würde des Berufes vor, dass der Herr ihm ein beständiges Haus machen werde, dass er, David, des Herrn heilige Kriege führe und gesalbt sei zum Herzog über Israel. „Darum, fährt sie dann fort, lass kein Böses an dir gefunden werden dein Leben lang!“ Dieser Glorie seines Berufes gegenüber mussten seine Zorn- und Rachegedanken umso schwärzer, mussten die an seinen Händen klebenden Tropfen unschuldigen Blutes umso verdammungswürdiger erscheinen.
Indem Gott durch das Weib seinen Knecht mit dem eisernen Stabe seines Mundes züchtigt, offenbart er ihm zugleich, wie ich schon andeutete, den heiligen Zweck der Strafe, dass seine Hände sollten erlöst werden. Nachdem die Strafe ausgerichtet ist, lässt er ihn den ganzen Segen fühlen, der denen bereitet ist, welche unter die Strafe sich beugen. Denn Abigail sprach weiter: „Die Seele meines Herrn wird eingebunden sein im Bündlein der Lebendigen bei dem Herrn deinem Gott; aber die Seele deiner Feinde wird geschleudert werden mit der Schleuder. Wenn dann der Herr alles das Gute meinem Herrn tun wird, das er dir geredet hat, und gebieten, dass du ein Herzog seist über Israel: so wird es dem Herzen meines Herrn nicht ein Stoß noch Ärgernis sein, dass du nicht Blut vergossen hast ohne Ursache und dir selbst geholfen; so wird der Herr meinem Herrn wohl tun und wirst an deine Magd gedenken!“
Teure Gemeinde, wie lieb muss der Herr seinen Knecht David gehabt haben, dass er solchen Strafer ihm auf seinem Sündenwege entgegenstellte, so voll Weisheit, Lindigkeit, Demut, Ernst, Wahrheit, Liebe! Wir lernen hier das Wort nachsprechen: „Siehe, selig ist der Mensch, den Gott straft.“ (Hiob 5, 17.) Sollen wir, im Bewusstsein unserer Versuchbarkeit, nicht Tag um Tag inbrünstig zu Gott emporrufen: „Lass mich nicht hingehen im Irrtume meiner Wege! Sende mir deinen Strafer entgegen, und o Herr, wenn es möglich ist, solchen Strafer, wie deinem Knechte David!“
Sei getrost, der Herr ist treu. Er züchtigt, die er lieb hat. Er stäupt einen jeglichen Sohn, den er aufnimmt. Er hat auch für die Tage, die noch vor uns liegen, seine Straße für uns schon bereit, nur nicht solche, wie wir sie uns wünschen, solche nur, die Er für uns heilsam findet. Aber dabei sollet ihr Eines nicht vergessen. Nachdem uns der gnädige Gott seinen ganzen Rat und Willen zu unserer persönlichen Seligkeit offenbart hat, gilt uns das Wort: „Alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Strafe, zur Züchtigung!“ Schone deiner nur nicht selber, wo du fehlst, sondern gebrauche das Wort der Schrift, dass du dich selbst damit schlägst. Ist dir's um eine Rute zu tun, deine Torheit aus deinem Herzen zu treiben, in der Schrift kannst du stets die rechte Rute finden. Lass nur Abigail dir immer in den Weg treten. Nenne dir nur mit unerbittlicher Wahrheitsliebe die nackte Tat, zu welcher deine geheimen, sündlichen Lüste und Gedanken ausgeboren werden müssten, wenn sie freien Laus hätten. Rust dir auch Niemand das furchtbare Wort „Blut!“ entgegen, doch nennt dich Gottes Stimme: „Totschläger! Ehebrecher!“ Denn es steht geschrieben: „Wer seinen Bruder hasst, der ist ein Totschläger!“ und „Wer ein Weib ansieht, ihrer zu begehren, der hat schon die Ehe gebrochen mit ihr in seinem Herzen!“
Bist du nicht auch berufen, des Herrn Krieg zu führen, seinen geistlichen Krieg? Kennst du deine Waffen nicht? „So nun deinen Feind hungert, so speise ihn, dürstet ihn, so tränke ihn, wenn du das tust, wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln!“ „Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen!“ Bist du nicht berufen, heilig zu sein und unsträflich vor ihm in der Liebe? dich zu reinigen von aller Befleckung des Fleisches und des Geistes, und demütig zu sein vor deinem Gott? nicht erwählt, Gottes Kind zu heißen und ein Jünger Jesu und zu ererben, was kein Auge gesehen, kein Ohr gehört hat, und was in keines Menschen Herz gekommen ist? Wohl! So halte gegen diesen Beruf deinen Neid, Zorn, Hass, Argwohn, deine Untreue, Hoffart, Bitterkeit und Unreinigkeit, deine Selbstsucht, deine Weltseligkeit! Fühlst du den Strafer nicht, dessen Schläge bis ins Leben dringen.
O meine Mitknechte, lasst mich euch noch einmal das schöne Wort Abigails wiederholen: „Wenn nun der Herr alles das Gute dir tun wird, dann wird es dir kein Anstoß und Ärgernis sein, dass du nicht Blut vergossen hast ohne Ursache und dir selbst geholfen!“ Das ist für uns zornmütige und liebelose Menschen eines der heilsamsten Worte. Stelle dich an den Sarg oder das Grab derer, mit denen du hier arbeitest und zusammen gen Jerusalem pilgerst, gewiss, es wird dich nicht gereuen, wenn du ein herbes, bitteres Wort zurück gehalten und so lange sie bei dir waren, um die Liebe gefleht hast, die alles trägt und glaubt und hofft und duldet! Versetze dich auf dein eigenes Totenbett! Gewiss, es wird dich nicht gereuen, dass du, Auge, oder Hand, oder Fuß, die dich ärgerten, nicht hast in Muhe gelassen, sondern sie abgehauen und von dir geworfen. Stelle dich vor den Richterstuhl Christi! Gewiss, es wird dich nicht gereuen, dass du drunten auf der armen Erde dir nicht hast selbst geholfen, die Hand nicht nach der Weltlust und nach guten Tagen und nach Ehrenkronen ausgestreckt, und deinen Fuß nicht hingewendet auf die breite, leichte, lustige Straße! Es wird dich nicht gereuen, und du wirst an den Knecht gedenken, der sich hier im Namen des Herrn in deinen Weg stellte, um dir solches Alles kund zu tun!
III.
David glühte noch vor Zorn und Rache. Da traf ihn Abigails ernstes, einschneidendes, aber wahres und von Liebe zeugendes Wort. Das fuhr in seine Seele, wie ein Lichtstrahl, die innere Finsternis erhellend. Nein! Es zündete in ihm, wie ein Blitz zündet, und erleuchtete nicht allein seine Nacht, sondern zerschmetterte in einem Schlag seinen stolzen Zorn, seine hochfahrende Rache. „Gelobt, rief David, als Abigail geendet hatte, gelobt sei der Herr, der Gott Israels, der dich heutiges Tages mir hat entgegengesandt. Und gesegnet sei deine Rede, und gesegnet seist du, dass du mir heute verwehrt hast, dass ich nicht wider Blut gekommen bin und mich mit eigener Hand erlöst habe!“ Wenn ich in der ganzen Bibel keine zweite Geschichte zu nennen weiß, in der uns so klar und lieblich, wie in den Worten Abigails, gelehrt wird, in rechter Weisheit, Wahrheit und Liebe zu strafen, so weiß ich auch keine zweite, die, wie dieser Zug aus Davids Leben, uns zeigt, in welcher Weise wir die Strafe aus Menschenmund hinnehmen sollen. Nicht ein Wert der Gereiztheit, der Entschuldigung und Beschönigung oder Anklage Anderer kommt über Davids Lippen. Er gesteht offen und ehrlich seine ganze Schuld, verhehlt sich nicht die tödliche Gefahr des Weges, auf dem er wandelte, den düstern Abgrund, dem er zueilte. „Wahrlich, so wahr der Herr, der Gott Israels, lebt, der mich verhindert hat, dass ich nicht übel an dir täte, wärest du nicht eilend mir begegnet, so wäre dem Nabal nicht Einer übergeblieben auf diesen lichten Morgen!“ Weil er in sich die Sünde und vor sich die furchtbaren Folgen schaute, erkannte er in den Worten des Weibes das gnädige Walten seines Gottes, der seine Hand von Blutschuld und Frevel erlösen wollte. Darum war das erste Wort, in das der Gestrafte ausbrach, ein inniges, dankbares Lob der Gnade des Herrn, die gerade in der Strafe so glorreich sich ihm offenbart hatte, das zweite ein freudiger Segen über das menschliche Werkzeug der göttlichen Züchtigung. Wer so die Strafe hinnimmt, auf den schaut Gottes Auge mit Wohlgefallen. Nabal wurde nach zehn Tagen vom Herrn geschlagen, dass er starb. David stieg höher und höher. Abermals sprach er: „Gelobt sei der Herr, der meine Schmach gerächt hat an dem Nabal, und seinen Knechten enthalten von dem Übel!“ Er gedachte Abigails, wie sie geredet hatte. Sie wurde sein Weib, damit er allezeit eine solche Warnerin, als sein zweites Gewissen, um sich hätte. Er wartete hiernach nicht mehr, bis die Strafe über ihn käme. Weil er beides, ihre Notwendigkeit und ihre Heilkraft, erlebt hatte, tat er später seinen Sohn Salomo unter die Hand Natans, der scharfen Rute in der Hand Gottes, und bat für sich selbst um Strafe in dem schönen, von seinem göttlichen Leben laut zeugenden Worte: „Der Gerechte schlage mich freundlich und strafe mich; das wird mir so wohl tun, wie ein Balsam auf meinem Haupte!“ (Ps. 141, 5). Weil ihm Abigails Strafe so wohl getan, und seine Seele gerettet hatte, ließ es ihm keine Ruhe, bis auch er seinem Nächsten gleiche Barmherzigkeit erwies. Sogleich im folgenden Kapitel wird uns erzählt, dass er trotz eigener, großer Gefahr seinem Feinde Saul, gleichwie Abigail ihm, mit Liebe nachging und mit strafender Sanftmut entgegentrat. Ob er dies getan und jenen schönen Sieg erfochten haben würde, von dem schon die vorige Predigt sprach, wenn er vorher nicht selbst erfahren hätte, welcher Balsam den Zorn heilen kann?
Wie nimmst du die Strafe auf? Die Antwort ist der Prüfstein deines Christentums, eine Offenbarung, wie fern oder nahe du dem Herzen Gottes stehst. Die Jünger des Herrn haben, so lange er mit ihnen wandelte, viel Torheit, Unverstand, Wankelmut, Unglauben bewiesen. Aber so oft der Herr sie gestraft hat, haben sie die Hand auf ihren Mund gelegt, und still und willig mit der Rute seines Mundes sich schlagen lassen. Wollt ihr davon ein einzelnes Beispiel? Die schärfste Strafe hat wohl Petrus erfahren müssen. Als er fast unmittelbar nach seinem fröhlichen Glaubensbekenntnis den Herrn ermahnte, seiner selbst zu schonen, ward ihm auf seine doch gute Absicht die furchtbare Antwort: „Hebe Dich, Satan, von mir, du bist mir ärgerlich!“ Petrus nahm sie schweigend hin. (Matth. 16, 23). Das erste Wort, was der erbarmungsreiche Herr zu den in Traurigkeit ganz versunkenen Emmausjüngern sagte, war die scharfe Zurechtweisung: „O ihr Toren und trägen Herzens, zu glauben Allem dem, das die Propheten gesagt haben.“ Sie hängten sich so fest an den ernsten Züchtiger, dass sie ihn, als er von ihnen gehen wollte, nötigten: Bleibe bei uns! - Als, wie ich vorhin anführte, Paulo ein ungeziemendes Wort gegen den Hohenpriester entfahren war, und die Umstehenden ihn straften, gab er sich ohne Umstände schuldig und sprach: „Liebe Brüder, ich bedachte nicht, dass es der Hohepriester ist. Denn es steht geschrieben: Dem Obersten deines Volkes sollst du nicht fluchen!“ Nehmen wir die Strafe aus Menschenmund auch also willig und unbedingt hin? Meine Brüder, wenn jemand also gegen uns im Unrecht wäre, wie Ananias gegen Paulus, Nabal gegen David war, mit welcher Beredsamkeit und selbst Gereiztheit würden wir die Strafe von uns weisen! Wie sehr würden wir unsere Schuld vergessen und nur die des Nächsten sehen, anstatt die des Nächsten zu vergessen und allein die unsrige zu sehen. Und nun noch mitten in der Strafe Gott danken und ihn loben und den Strafer segnen, und das Beides vom innersten und tiefsten Herzensgrund! Wer von Euch ist soweit in der Nachfolge des Herrn gereift? Ich nicht, das muss ich schamrot bekennen. Das Höchste, wozu ich es bis jetzt gebracht habe, ist dies, dass ich, in der Stunde der Strafe gegen Gott murrend, gegen den Strafer gereizt, nach vielen vergeblichen und qualvollen Anstrengungen, wider den Stachel zu löcken, endlich mich gefangen gab und mir schweigend, aber selten fröhlich gestand, dass ich für die Strafe, als für ein heilsames Gut, hätte danken sollen. Mit euch wird es wohl auch so sein. Sendet Gottes Liebe uns einen Züchtiger, einen Tadler, und will unser Herz sich sträuben und laut oder leise widerbellen, o dass wir dann mit unsern Geistesaugen den zürnenden David und vor ihm die strafende Abigail sähen, vor deren Schlägen der aufbrausende Löwe plötzlich zum Lamme ward! Dass wir fort und fort die heiligen Worte hörten, mit denen er den strafenden Gott lobt und sein Rüstzeug segnet!
Warum sträuben wir uns denn also vor der Strafe? Sie ist wahrlich keine böse Gabe! „Wer sich gerne strafen lässt, wird klug werden, wer aber ungestraft sein will, der bleibt ein Narr.“ (Spr. 12, 1.) Das Buch der Sprüche ist voll solcher gnadenreichen Verheißungen über den Segen der Strafe. Suche sie dir heraus, wie Perlen, und bindet sie, wie eine Schnur, an deinen Hals. Du wirst auch das dort bestätigt finden, dass die Art, wie Einer die Strafe hinnimmt, seine innere Stellung zu seinem Gott offenbaret. Strafe den Spötter nicht, heißt es, er hasst dich! Strafe den Weisen; er wird dich lieben! (Sp. 9, 8.)
Ich bitte euch, achtet mit Ernst auf dieses Merkmal des Unterschiedes, der zwischen dem Spötter ist und dem Weisen!
Ihr kennt Alle das Wort des Herrn: „Wenn der Tröster kommt, der wird die Welt strafen!“ Das süße Trösteramt des Heiligen Geistes beginnt mit der Strafe. Wer sie von sich weist, der wird ewiglich ungetröstet bleiben. Und niemals wird sich vom Heiligen Geiste strafen lassen, wer sich von Menschen nicht strafen lässt.
Darum „bitten wir euch, liebe Brüder, dass ihr erkennt, die an euch arbeiten und euch vorstehen in dem Herrn und euch vermahnen. Habt sie desto lieber um ihres Werks willen, und seid friedsam mit ihnen!“ (1 Thess. 5, 12.)
Lobt Gott und seine Güte, dass er's euch nicht an unbestechlichen Ermahnern fehlen lässt! Segnet die Lippen, durch die er vermahnt! Welche also loben und also segnen, die nennt der Herr die Leute nach seinem Herzen. Bist Du ein Mann nach dem Herzen des Herrn? Amen.
Menschenschläge.
Wenn, Herr, Fleisch und Blut mich blenden,
Dass ich weich von deinem Pfad,
Wollst du dich von mir nicht wenden,
Sondern mir voll Huld und Gnad
Einen Freund und Strafer senden,
Zu verstören meinen Rat!
Waffne ihn mit deinem Lichte,
Lass ihn reden treu und kühn,
Dass aus seinem Angesichte
Deine Flammenaugen glühn,
Und aus seinem Strafgerichte
Deine Feuerworte sprühn!
Aber ich will tief mich beugen,
So du Gnade mir verleihst,
Vor den Schlägen deines Zeugen,
Drob mein Mund dich einst noch preist,
Und nicht schamrot und mit Schweigen
Strafen lassen deinen Geist!