Disselhoff, Julius - Die Geschichte König Davids, des Mannes nach dem Herzen Gottes - Siebte Predigt. Wie man die schweren Tage nach dem Herzen Gottes tragen soll.
1 Sam. 22, 1-5; Kap. 23. 24 u. 26.
„Wenn du den Narren im Mörser zerstießt mit dem Stempel, wie Grütze, so ließe doch seine Narrheit nicht von ihm!“ spricht der Geist Gottes durch den Mund Salomos. (Spr. 27, 22.) Ich kenne kein anderes Wort, welches den Unterschied zwischen dem, was die Schrift Narrheit, und dem, was sie Weisheit nennt, uns in so volkstümlich derbem und anschaulichem Bilde vorhält. Saßt Du schon einmal in solcher Enge wie in einem Mörser, und haben die Rutenschläge von der starken Hand Gottes dich schon so getroffen, dass es dir war, als müsstest du mit Hiob sagen: „Gott hat mich beim Halse genommen und zerstoßen; er hat mich zerbrochen um und um“ (Hiob 16, 12 und 19, 10.)? Prüfe Dich! Ist in solchen Stunden oder Tagen deine Narrheit, ich meine, deine Gottesvergessenheit und Weltseligkeit, auch deine gute Meinung über dich selbst dir ausgetrieben? oder haftet sie noch fest in jeder Faser deines Wesens? Wer in sich verspürt, dass er durch die mannigfachen Streiche und Stöße Gottes von sich und der Welt ein wenig losgerissen und zum lebendigen Gott hingetrieben ist, der soll gutes Mutes sein, denn er gehört nicht mehr in die Zahl der Toren, sondern in die Reihe der Weisen, die angenehm sind vor Gott.
Als David Gottes sichere Hütte verließ und im Unglauben zu Lug und Trug seine Zuflucht nahm, wurde er zwar für eine Zeit lang im eigentlichsten Sinne des Wortes zum Narren. Aber in der furchtbaren Kelter der Trübsal ließ er alle Narrheit, alle Gottesvergessenheit und alles Vertrauen auf Menschenwitz sich gründlich auspressen. Darum war und blieb er der Freund und Geliebte Gottes. Erfreuten wir daran unser Herz schon in der letzten Predigt, so wird es von den heutigen Geschichten noch mehr erquickt werden. Denn sahen wir im Beginn der vorigen Predigt, wie die Trübsal dem Erwählten Gottes zum Strick wurde, so können wir heute von ihm lernen:
Wie man die schweren Tage nach dem Herzen Gottes tragen soll.
Drei Hauptpunkte treten uns entgegen:
I. Indem man, auf alle Selbsthilfe verzichtend, gläubig an Gottes Herz flüchtet, um dort Flehen und Danken zu lernen.
II. Indem man in eigener Not Herz und Hand für fremde Not auftut.
III. Indem man mit den Waffen der Sanftmut und Demut gegen die vermeintlichen oder wirklichen Urheber der schweren Tage streitet.
I.
Wie im Wahnsinn sich kollernd, den Bart vom Geifer befleckt, war der Gesalbte Gottes den Händen der Philister entkommen. Er fand endlich Ruhe in den wilden, wüsten Steinklüften von Etham, die vor Jahresfrist auch mein Fuß durchwanderte, und die als das Bild einsamster Öde noch vor meinen Augen stehen. In jenen unwirtbaren Felsenmassen, etwa zwei Stunden südlich von Bethlehem, liegt an kaum zugänglichen Abhängen, die große, mit enger Öffnung versehene Höhle Adullam, die der Hirtenknabe von Bethlehem, wenn er die Schafe seines Vaters hin und her im Gebirge weidete, ohne Zweifel kennen gelernt hatte. Jetzt floh er als Gesalbter Gottes, als ein hoch gepriesener, aber über Alle geplagter Mann, in diesen Schlupfwinkel, wo düstere Nacht Herrschte, die ein angezündetes Hirtenfeuer nur noch schauriger machte. Dort saß er nun in der Einsamkeit, Lug und Trug auf seinem Gewissen. Dort konnte er Einkehr in sein Herz halten. In der äußern Finsternis ging ihm das innere Licht wieder auf. Er erkannte seine Schuld, sah, wovon er gefallen war, und rief zu seinem Gott empor: „Sei mir gnädig, Gott, sei mir gnädig!“ (Ps. 57, 2.) Sofort war auch die Hoffnung auf Heil und Hilfe durch Klugheit und Lüge geschwunden. Er kehrte kindlich gläubig in die verlassenen Arme Gottes zurück und betete: „Auf Dich traut meine Seele, und unter dem Schatten Deiner Flügel habe ich Zuflucht, bis dass das Unglück vorübergehe. Ich rufe zu Gott dem Allerhöchsten, zu Gott, der meines Jammers ein Ende macht. Er sendet vom Himmel und hilft mir von der Schmach meines Versenkers.“ (Ps. 57, 2-4) Gott versuchte, auf solches Flehen hörend, seinen Knecht, ob er nun endlich bei ihm bleiben, oder doch wieder von ihm eilen würde. Denn „da seine Brüder von ihm hörten und das ganze Haus seines Vaters, kamen sie zu ihm hinab daselbst hin. Und es versammelten sich zu ihm allerlei Männer, die in Not und Schuld und betrübten Herzens waren; und er war ihr Oberster, dass bei vierhundert Mann bei ihm waren.“ Zu diesen Männern gehörten die größten und edelsten Helden, Jasabeam, Eleasar und Samma, die auch bereit waren, für David das Leben zu lassen, die, um ihrem Herrn nur einen Trunk Wasser zu holen, mit kühnem Mute bis in die Mitte des philistäischen Lagers drangen, das damals zu Bethlehem war. (2 Sam. 23, 8-16.) Solche Männer hätten für David Alles gewagt. Welche Versuchung für den kaum zum Glauben Zurückgekehrten, Fleisch für seinen Arm zu halten und mit seinem Herzen vom Herrn zu weichen! Aber er blieb dabei: „Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft, denn Er ist mein Hort. Aber Menschen sind doch ja nichts, große Leute fehlen auch; sie wägen weniger denn nichts, so viel ihrer ist. Gott hat ein Wort geredet, das habe ich etliche Mal gehört, dass Gott allein mächtig ist!“ (Ps. 62, 2. 10. 12.) Sein sehnsüchtiges Verlangen, Gott stille zu halten, wurde Tat. Er brachte seine Eltern zum Könige der Moabiter, mit denen seine Familie von der Zeit Naemis und Ruths her vielleicht noch Verbindungen aufrecht erhielt, und sprach das schöne Wort: „Lass meinen Vater und meine Mutter bei euch aus- und eingehen, bis ich erfahre, was Gott mit mir tun wird.“ Er selbst kehrte in die Höhle Adullam zurück.
„Aber der Prophet Gad sprach zu David: Bleibe nicht in der Burg, sondern gehe hin und komme in das Land Juda.“ Eine neue Prüfung. Musste nicht seine Vernunft ihm sagen: „In der Höhle, die mit ihrem engen, steilen Eingange wie eine natürliche, uneinnehmbare Burg ist, bin ich sicher. Hier kann ich mich mit meinen vierhundert Treuen gegen alle Tyrannei Sauls verteidigen! Ist es nicht Torheit, sie verlassen und ins Land Juda ziehen!“ Er hörte nicht mehr, was seine Vernunft sprach, hörte nur, was sein Gott durch seinen Propheten gebot. „Da ging David hin und kam in den Wald Hareth.“ Wie er dort, in der dürren, felsigen Wüste Juda zu seinem Gott stand, zeigt uns der 63. Psalm, den er damals betete: „Gott, du bist mein Gott! frühe wache ich zu dir. Es dürstet meine Seele nach dir, in einem trockenen und dürren Lande, da kein Wasser ist. Daselbst sehe ich nach dir in deinem Heiligtum, denn deine Güte ist besser, denn Leben. Wenn ich mich zu Bette lege, so denke ich an dich; wenn ich erwache, so rede ich von dir. Denn du bist mein Helfer und unter dem Schatten deiner Flügel rühme ich.“ Die Offenbarung Gottes durch das „Licht und Recht“ des Hohenpriesters blieb fortan seine Zuflucht in allen Anliegen und Nöten (Kap. 23, 2. 4. 11. 12.), und wenn er sich ja einmal wieder von der ungläubigen Klugheit seines Herzens verlocken ließ, trieben die Schläge von der Hand Gottes ihn bald in die verlassenen Vaterarme zurück. (Kap. 30, 6. 7.) Darum ist David in seinem Harren und Rühmen nicht zu Schanden geworden. Wohin er auch seine flüchtigen Schritte wenden mochte, überall, im Walde Hareth, in der Wüste Juda, in Kegila, in der Wüste Siph, auf dem Hügel Hachila, in der Wüste Maon und Engedi, im Kampf wider Philister und Amalekiter, überall, wie uns unsere Textgeschichte ausführlich erzählt, sah er es mit seinen Augen, was er in der Höhle Adullam gläubig gesungen hatte: „Seine Güte ist, so weit der Himmel ist, seine Wahrheit, so weit die Wolken gehen!“ (Ps. 57, 11). In immer anderer, aber immer wunderbarer Weise trat der allmächtige Gott zwischen seinen Knecht und dessen Verfolger, und offenbarte es vor aller Welt, dass er viel tausend Wege finden kann, wo die Vernunft nicht einen sieht. In Kegila rettete er seinen Geliebten durch sein Licht und Recht. (1 Sam. 23, 10) Als derselbe, verraten von den Siphitern, in der Wüste Maon von Sauls Soldaten umzingelt war, da mussten die Philister selbst, plötzlich wie durch die Winde des Himmels herbeigeweht, David retten, und sein Wort aus der Höhle Adullum zur Wahrheit machen: „Der Herr sendet vom Himmel und hilft mir!“ Also lernte David, die elenden Krüden des ungläubigen Sorgengeistes hinwerfend, in Gebet und Flehen, auffahren mit Flügeln, wie die Adler. Er lernte jenen unerschütterlichen, köstlichen, im Feuer der Trübsal siebenmal durchläuterten Glauben, der auch in den guten Tagen die Seele im lebendigen Gott festhält, und durch den ein Mensch aus Gottes Macht bewahrt wird zur Seligkeit. Als er aus seinem Hause vor den Mördern geflohen war, hatte er, - wir hörten es schon früher, - gesungen: „Ich will des Morgens rühmen deine Güte. Ich will dir, mein Hort, lobsingen!“ (Ps. 59, 17. 18.) In der Höhle Adullam jauchzte er: „Mein Herz ist bereit, Gott, mein Herz ist bereit, dass ich singe und lobe! Ich will dir danken unter den Völkern, ich will dir lobsingen unter den Leuten!“ (Ps. 57, 8. 10.) und in der Wüste Juda: „Deine Güte ist besser, denn Leben; meine Lippen preisen dich!“ (Ps. 63, 4.) Dieser Geist des Lobens und Dankens, der eins ist mit dem Glauben an die allgegenwärtige, gnadenreiche Nähe Gottes, erhielt seine Seele in allen ihren Bekümmernissen. Als er darum wieder, - war es in dieser oder in einer späteren Zeit, das wissen wir nicht, - im tiefsten Leiden seufzte und keine Hilfe wusste, da zwang er sein Auge, aus seiner elenden Gegenwart in die wunderbare Vergangenheit zu schauen, sah all die Taten der Treue und Liebe, womit sein Herr ihn damals gerettet hatte, und statt zum Jammern öffnete sich sein Mund zum freudigen Danke: Er hat mir ein neu Lied in meinen Mund gegeben, zu loben unsern Gott!“ - als wenn die Sonne des Glückes ihm geschienen hätte, während er doch in einer so tiefen und düstern Not war, dass er sagte: „Es hat mich umgeben Leiden ohne Zahl! Es haben mich meine Sünden ergriffen, dass ich nicht sehen kann!“ Aber jene dankbare Versenkung in die längst erfahrene Liebe Gottes half ihm über alle Not hinweg. Still und getrost schließt er sein Gebet: „Der Herr sorgt für mich! Du bist mein Helfer und Erretter!“ (Ps. 40.)
Nun sagt mir: Ist es nicht seliger für uns, also die schweren Zeiten tragen, als durch Unglauben und Lüge ihnen entfliehen, oder durch Menschenwitz sie leichter machen wollen, was doch unmöglich ist? Alle zwar haben wir's mit Zittern erfahren, dass wir durch Zweifelmut, durch unsere klugen Sorgen, durch die elenden Versuche der Selbsthilfe uns immer mehr verstrickt, die Last verzehnfacht und, was das schwerste ist, das Gewissen mit mannigfacher Schuld beladen haben. Aber haben wir auch Alle unsere Höhle Adullam gehabt, ich meine den einsamen, wenn auch öden Ort, wo unsere, von Gott und seinem Heil abgeirrte Seele endlich wieder zur Einkehr kam, wo es uns wie Schuppen von den Augen fiel, und wir mit Beben sahen, welchen treuen, starken Herrn wir verlassen und welche ohnmächtige, jämmerliche Götzen wir für ihn erwählt hatten, bis das zerbrochene Herz zu Gott empor seufzte: „Sei mir gnädig, Gott sei mir gnädig!“ und wie die Taube Noahs, die geängstet von den großen Fluten nirgend einen Ort zur Ruhe für ihre Füße sah, in die verlassene Arche, den Schoß Gottes, zurückkehrte? Der Herr empfängt uns nicht mit Schadenfreude, wenn wir, zerarbeitet in der Menge unserer Wege, zuletzt wieder mit schüchternem Glauben flehend an seine Türe anklopfen, um in seiner Hütte Zuflucht zu finden, bis dass das Unglück vorüber gehe. Es ist ihm nichts angenehmer, als solches Anklopfen. Er lauscht, bis dass er es höre. - Sobald wir nur unter seinen Flügeln wieder recht heimisch, an seinem Herzen recht warm geworden sind, wird auch der rechte, einfältige, selige Kindessinn wieder stark und lebendig, mit dem wir in großen, wie kleinen Nöten betend unser Anliegen auf ihn werfen, harren und stille sind, bis wir erfahren, was Gott mit uns tun wird.
Was wird denn Gott mit uns tun? Der uns durch seinen Sohn zu Priestern und Königen berufen und gesalbt hat, sollte der nicht den rechten Weg zum Throne und zur Krone wissen? Der auch seines eingeborenen Sohnes nicht hat verschonet, sondern hat ihn für uns Alle dahingegeben, sollte uns der mit ihm nicht Alles schenken? Was Gott mit uns tun wird? Er wird mit der Rute der Zucht wacker zuschlagen, damit er die Torheit, die in unserm Herzen steckt, ferne von uns treibe. Er wird uns, die wir eine kleine Zeit leiden müssen, stärken, kräftigen, gründen, vollbereiten. Er wird uns auserwählt machen im Ofen des Elends. Er wird uns demütigen unter seine gewaltige Hand, damit er uns erhöhe zu seiner Zeit. Wenn wir solches wissen und glauben, haben wir auch die Kraft, nicht allein stille zu sein, sondern auch stille zu bleiben, wenn wir, wie David durch seine Vierhundert, durch mancherlei Umstände sollten gereizt und gelockt werden, aus unserer eigenen Festung wieder zu entfallen, um durch die Hoffnung auf glänzende, verheißungsreiche, aber doch eitle und nichtige Dinge eine Mauer von Sand um uns zu bauen! Wie David dem Propheten Gad und dem Licht und Recht des Hohenpriesters, so lauschen wir der Stimme unsers Hirten, lassen von ihm uns raten, und dem Worte Mariens folgend : „Was er euch sagen wird, das tut!“ beten wir in aller Dunkelheit mit Paulo: „Herr, was willst du, dass ich tun soll?“ Was er auch antworten wird, wir werden ihm noch danken, dass er uns geraten hat. Solche kindlich gläubige Unterwerfung unter seinen Rat, solch unverrücktes, vertrauensvolles Hangen an seinem Mund, das ist's, was er sucht bei seinen Knechten, denen er Tage schickt, die ihnen nicht gefallen. Nur stille! Er weiß Rat. Und ist auf Erden kein Mittel, so sendet er vom Himmel und hilft mir! Darum soll meine Seele stille sein zu Gott, bis ich erfahre, was Er mit mir tun wird! Und bis ich's erfahre, sorge ich nicht, sondern lasse alle meine Dinge in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kund werden. „Mit Danksagung!“ das vergiss nicht, meine Seele, wie seltsam es dem natürlichen Verstande auch klingen mag. Versenke dich in Davids Leidensgebete! Lass den 40sten Psalm nicht vergebens in der Bibel stehen. Weißt du dir gar nicht mehr zu helfen, so danke für Alles, was Gott ehedem an dir getan hat, danke, dass du zu ihm schreien kannst. Du bist nicht der erste, der sein Leid durch Danken vom Herzen fortgewälzt hat. Du kennst das Jubellied: „O dass ich tausend Zungen hätte!“ das wie eine Lerche gen Himmel jauchzt. Der fromme Menzer hat es gesungen, als er Haus und Hof durch die Flammen verloren hatte. Du kennst die süßen Danklieder Paul Gerhards. Sie sind meist alle aus einer Zeit, die ihn, wie Einer gesagt hat, eher zum Schreien, als zum Singen hätte bringen sollen. - Willst du die schweren Tage tragen lernen, so lerne danken. Denn „wer Dank opfert, der preist mich, und das ist der Weg, dass ihm zeige, das Heil Gottes!“ (Ps. 50, 23.)
II.
Hat der Glaube das schwache Menschenherz mit dem starken Vaterherzen Gottes aufs Neue verbunden, und die unruhige Seele stille gemacht, dann hebt sich das niedergebeugte Haupt wieder empor, das Auge, das vorher nur auf das eigene Leid schauen konnte, blickt auf, blickt um sich, schaut viel fremdes Leid und fremde Not, tut das Herz ihr auf und die Hand dazu und vergisst und überwindet die eigene Pein.
Die Philister besaßen damals Bethlehem. Davids Vater und Mutter und mit ihnen viele Andere, die den Unbeschnittenen nicht untertan sein wollten, flohen von dannen. Es gesellten sich Andere zu ihnen, die in jenen, unter Sauls Regierung immer gesetzloser werdenden Zeiten in Schuld und Not gerieten, oder sonst betrübten Herzens waren. Derer Aller nahm sich David an, ward ihr Oberster, ihr treuer Berater und Warner, der sie in strenger, heilsamer Zucht hielt, dass sie an Saul sich nicht vergriffen. Seinen Vater und seine Mutter aber brachte er in Sicherheit jenseits des Jordans, denn er konnte es nicht tragen, dass ihr Leben um seinetwillen täglich sollte in Gefahr sein. Bald darauf wurde ihm gemeldet, dass auch Kegila, eine Stadt im Stamme Juda, von den Philistern hart bedrängt war, und dass die Bewohner, von ihrem rechtmäßigen Könige Saul im Stiche gelassen, ihre ganze Ernte an die unheiligen Feinde verloren hatten. David, seine eigene Not kaum noch fühlend, glühte vor erbarmender Liebe und Begier, den Bedrängten zu helfen. Er fragte den Herrn, um nicht in fleischlichem Eifer eigene Wege zu wählen. Der, an solchem Mitleiden sich erfreuend, hieß ihn ziehen. Aber die Vierhundert, an sich nur und ihre Sicherheit denkend, sprachen murrend: „Siehe, wir fürchten uns hier und wollen hingehen gen Kegila zu der Philister Zeug?“ Zum zweiten Male fragte David seiner Freunde wegen den Herrn um auch den Schein eigenmächtigen Dreingreifens von sich abzuwenden. Zum zweiten Male antwortet der Herr: „Auf! ziehe hinab gen Kegila, denn ich will die Philister in deine Hände geben!“ Und er eilte hin, frisch und fröhlich, mit klaren Augen und festem Angesichte, als wenn kein Kummer ihn gedrückt hätte, schlug die Philister in einer großen Schlacht und errettete die zu Kegila.
Begehren wir, liebe Gemeinde, auch also unsere schweren Tage zu tragen? Ihr wisst, die Trübsal macht leicht sehr selbstsüchtig. Sie verschließt das Herz gegen die Bedrängnis der Brüder und die großen Angelegenheiten des Reiches Jesu Christi. Der Angefochtene pflegt nur ein Auge für sein eigenes kleines, unbedeutendes Leid zu haben, das ihm bergegroß erscheint, während alles fremde Weh ihm nichts dünkt. Ihr aber sollt wissen, dass eben dieselbigen Leiden, wie über euch, über eure Brüder in der Welt ergehen. Schauet aus sie hin. Nehmet getrost zur eigenen noch fremde Bürde, sammelt allerlei Leute betrübten Herzens um euch, und wenn ihr selbst weint, so geht zu den Weinenden. Ihr werdet mit erstauntem Herzen merken, dass es besser ist, in das Klaghaus gehen, denn in das Trinkhaus. (Pred. 7, 3.) Lasst mich hier eine Geschichte erzählen, die ich aus dem Munde des Bischofs Gobat von Jerusalem habe. Als dieser teure Mann noch Missionar in Abessinien war und auf einer Reise in die Heimat auch in Straßburg verweilte, berichtete er in einer Abendgesellschaft mancherlei von den Leiden und Freuden seiner Arbeit. Ein gelehrter und frommer Mann - ich könnte seinen Namen auch nennen, der in tiefem Schweigen da gesessen hatte, fragte ihn plötzlich, doch schüchtern: „Und was taten Sie, wenn Sie in ihrem Amt in Not und Bedrängnis waren?“ „Ich flüchtete mich, antwortete Gobat, an einen einsamen Ort, oft in eine Höhle, suchte mein eigenes Leid zu vergessen, und ließ alle die, welche ich näher kannte, an meinem Geiste vorüber gehen, stellte mir ihre Bedürfnisse und ihre Betrübnis vor, betete für sie, und ehe ich zu Ende war, hatte die Beschäftigung mit fremder Not meine eigene siegreich vertrieben, wie die Sonne den Nebel verscheucht.“ Der Professor schwieg nachdenklich. Als Gobat später ihn wiedersah, erzählte ihm derselbe: „Ich war damals sehr schwermütigen Herzens. Ich habe es gemacht, wie Sie, und auch an fremdes Leid gedacht. Jetzt ist mein Herz frisch und fröhlich.“ Der freudig erstaunte Gobat erzählte dieses Ereignis seiner Schwester, die in der Schweiz in der Pflege Schwermütiger tätig war, und diese sprach davon zu einem schwer betrübten Herzen, das durch kein Licht zu erhellen gewesen war. Auch diese, schloss Gobat seine Erzählung, hat durch Mitleiden und Mittragen fremder Lasten ihre Last von der Seele geworfen. Sie ist, schreibt mir meine Schwester, voll geistiger Freude, und findet jetzt selbst ihre Lust daran, in Württemberg Schwermütige zu pflegen.“
Was soll ich zu dieser Geschichte noch viel hinzusetzen? Nur, das Eine will ich bekennen. Mein Herz war oft unzufrieden und mürrisch. Vermeintliche oder wirkliche Not machte mich sauer. Mein Amt führte mich in das Klagehaus zu vielen und schweren Leiden Leibes und der Seele. Da stand ich bald schamrot über mein murrendes, undankbares Herz. Getrost und in Frieden und Freuden kehrte ich von den Stätten des Elends in mein Haus zurück, das ich ungebärdig verlassen hatte. Ich bin der guten Zuversicht, dass ich euch nichts Unbekanntes gesagt habe, dass ihr vielmehr oftmals dasselbe erlebt habt. Darum wollen wir unser Amt preisen, das uns, wenn Ungemach oder Beschwerde unser Herz selbstsüchtig verengen wollen, mit Gewalt zu denen hinausschickt, die da trauern, und uns zwingt, ihnen ein Tröpflein Erquickung zu reichen. Wozu uns zuerst vielleicht nur das Amt dringt, dazu wird uns nach solchen beschämenden und doch seligen Erfahrungen das Gewissen und die Liebe treiben, und uns also lehren, dem Herrn zu einer Lust und uns zum Segen unser Joch tragen.
III.
Noch ein dritter, wichtiger Punkt bleibt uns zu betrachten übrig. Davids größte Not kam nicht von den Feinden, den Philistern, sondern von Saul, seinem Nächsten, dem Vater seines Weibes, der sein Freund hätte sein sollen. Eben hierin lag der schmerzhafteste Stachel seiner Trübsal. Gott, nach dessen Herzen er auch im dunklen Tal zu wandeln begehrte, lehrte ihn die Kunst, auch diesem Stachel seine verwundende Schärfe zu nehmen. Abermals nämlich von Saul und dreitausend seiner jungen Mannschaft gejagt, war David mit den Seinen in eine Höhle in der Wüste Engedi geflohen. Gott fügte es, dass Saul, müde von seiner Verfolgung. vorn in der Höhle zum Schlafen sich niederlegte. David, von den Seinen gereizt, die von Gott selbst gegebene Gelegenheit, seines Feindes sich zu entledigen, rasch zu benutzen, schnitt leise einen Zipfel vom Rocke Sauls. „Aber danach schlug ihm sein Herz, dass er den Zipfel Sauls hatte abgeschnitten.“ Wenn er bis zu dieser Stunde etwa noch Hass und Bitterkeit gegen den Urheber seiner Not in der Seele verborgen hatte, so wurde er jetzt mit Schmerzen inne, dass auch das leiseste Nachgeben einer geheimen Rachsucht das Gewissen mit einer unerträglichen Last beschwerte und das Herz schmerzhafter klopfen machte, als wenn er wie ein Hund oder Floh sich jagen ließ. Jede persönliche Gereiztheit, jeden Versuch, sich selber Recht zu schaffen, jede Reizung, dem Gefühle der Bitterkeit freien Lauf zu lassen, wies er jetzt mit beharrlicher Festigkeit von sich. „Das lasse der Herr ferne von mir sein, dass ich meine Hand an den Gesalbten des Herrn legen sollte!“ Saul selbst wurde von solcher verschonenden Sanftmut für einen Augenblick ergriffen. Er hub seine Stimme auf und weinte und sprach: „Du bist gerechter, denn ich! Du hast mir Gutes bewiesen, ich aber habe dir Böses bewiesen!“
Nachdem David einmal die Süßigkeit der Sanftmut und verschonenden Liebe und ihre Macht über den Widersacher erfahren hatte, wartete er nicht mehr, bis ihm Gott etwa wieder Gelegenheit gab, den Fluch Sauls mit Segen zu vergelten. Sein Gewissen trieb ihn, den Urheber seiner Not mit Liebe, Wohltun, Lindigkeit und Sanftmut gleichsam zu verfolgen, um mit diesen mächtigen Waffen den Hass desselben zu überwinden und dadurch seine und die eigene Pein zu enden. Der sonst vor Saul floh, wie eine gejagte Hindin, derselbe geht, - so erzählt das 26. Kap. - als er gewiss erkundet hatte, dass er von Saul mit dreitausend Mann umstellt war und erwürgt werden sollte, des Nachts hinab zur Wagenburg seines Feindes, um den mit den Waffen der Sanftmut zu schlagen, der ihn mit der Schärfe des Schwertes zu schlagen gekommen war. Das ist angenehm vor Gott. Um seinem Knechte in diesem heiligen Streite zu helfen, hatte er, so wird ausdrücklich berichtet, einen tiefen Schlaf auf Saul und seine Mannschaften fallen lassen. -
Zur schonenden Sanftmut fügte David noch eine heilige, mächtige Waffe, die bußfertige, zur Versöhnung bereite Demut. Denn David sprach zu Saul: „Warum verfolgt mein Herr also seinen Knecht? Was habe ich getan? Und was Übels ist in meiner Hand? Reizt dich der Herr wider mich, so lasse man ein Speisopfer riechen!“ Mit den letzten Worten wollte er sagen: „Ich bin mir zwar keiner Sünde gegen dich bewusst. Sieht aber Gottes helles Auge dennoch verborgenes Unrecht in meiner Seele, und gebraucht er deine Sünde, um mir die verborgene Missetat unter die Augen zu stellen, so wollen wir dem Herrn ein Opfer bringen, dass er uns versöhnt, und unsere Missetat von uns genommen werde!“ Das ist die rechte Demut, welche durch das Unrecht, das ihr geschieht, sich treiben lässt, das Auge in das eigene Herz zu schlagen, um in der verborgenen Sünde die Ursache der Not zu entdecken. Diese Waffe im Verein mit jener nachgehenden, schonenden Sanftmut, trifft auch das Herz Harter Feinde. „Ich habe gesündigt, rief selbst der versteinte Saul, komm wieder, mein Sohn David, ich will dir kein Leid fürder tun, darum, dass meine Seele heutiges Tages teuer gewesen ist in deinen Augen. Siehe, ich habe töricht und sehr unweise getan. - Gesegnet seist du, mein Sohn David, du wirst es tun und hinausführen.“ Und wie David betete: „Wie heute deine Seele in meinen Augen ist groß geachtet gewesen, so werde meine Seele groß geachtet vor den Augen des Herrn, und errette mich von aller Trübsal!“ so ist es von diesem Tage an herrlich geschehen. Davids Trübsal, die ihm von Saul bereitet wurde, war geendet. Sie schloss damit, dass der Feind, der ihn vernichten wollte, ihn segnen musste, und der gnädige Gott den Segen zur Wahrheit machte.
Wer diese Geschichte sich ins Herz schreibt, der wird die selige Kunst lernen, alle Nöte nach dem Herzen Gottes zu überwinden. Sagt mir, die ihr im Dienste des Herrn steht, woher kommen eure meisten Bekümmernisse, die meisten schweren Stunden und Tage und Wochen? Nicht von den Feinden! von denen vielmehr die uns die Nächsten sind und unsere Freunde. Die zusammen arbeiten und streiten und siegen und ihres Herrn sich freuen sollten, die bereiten sich gegenseitig geheime und öffentliche Plagen, und laden sich einander unerträgliche Lasten auf, der Bruder dem Bruder, die Schwester der Schwester, die Kinder den Eltern, der Vater dem Sohne, der Mann dem Weibe und das Weib dem Manne! Die Fälle, wo der Eine unschuldig ist, wie David, sind die selteneren; zu allermeist tragen Beide Schuld. - Soll das unter uns so fort gehen? Gibt's gegen solche Trübsal kein Mittel? Mein Freund, gibt Gott dir Gelegenheit, deinem Unwillen, deiner Gereiztheit, deiner Schadenfreude gegen deinen Nächsten Lust zu machen, ihm in spitzer, scharfer Rede einen Hieb, oder wenigstens einen Seitenhieb zu versehen, so überwinde, solltest du gleich von falschen Freunden zur Rache gelockt werden, die natürlichen, aber sündhaften Gefühle der Bitterkeit durch schonende Sanftmut. Gibst du jenen auch nur leise nach, so wirst du's mit Schmerz erfahren, dass du dein Herz, statt von der Last es zu entladen, nur zur quälenden Unruhe und dein Gewissen zum Schlagen bringst. - Aber, fragst du mich, wie vermag ich's, für Bitterkeit meinem Nächsten Lindigkeit zu beweisen? Hast du nicht gehört, was David sagte: „Ich will meine Hand nicht an ihn legen, denn er ist der Gesalbte des Herrn!“ Erkenne nur in deinem Nächsten den Gesalbten Gottes, den auf den Namen des dreieinigen Gottes Getauften, den, um dessen willen Christus gestorben ist! Du wirst dich zu derselben schonenden Liebe durchkämpfen, die so wunderbar aus dem Worte Pauli redet: „Lieber, verderbe den nicht mit deiner Speise aber auch nicht mit deinem Worte, um welches willen Christus gestorben ist.“ (Röm. 14, 15.) Auch wenn wir zur Einsicht gekommen sind, dass wir uns gegenseitig Trübsal zugewendet haben, gehen wir so leicht Jeder seines Weges, der Zeit und den Umständen die Heilung überlassend. Das mag Gott nicht gefallen! Er will, dass, wie David dem Saul, Einer dem andern in versöhnlicher Liebe und Lindigkeit nachgehe, ob er ihn überwinden möge. Solche Gänge sind freilich vor vielen andern schwere und saure, wie auch Davids Gang zur Wagenburg. Aber Gott hilft; denn diese Gänge sind nach seinem Herzen. Nur vor Einem hüte dich, wozu deine Natur dich treiben wird, vor der unmerklich auskeimenden und rasch wachsenden Lust, dich zu entschuldigen und die Ursache der Trennung und Trübsal auf den Nächsten zu wälzen. Hier muss mit jener Demut gekämpft werden, die durch das wirkliche Unrecht, was Gott zu tragen gibt, die verborgenen Sünden erkennt, um derer willen Gott in diese Trübsal gestoßen hat. Als Joseph zu seinen Brüdern sagte: „Ihr seid Kundschafter! Kundschafter seid ihr!“ und sie als solche behandeln ließ. waren sie freilich in diesem Punkt unschuldig. Aber eine andre, größere Schuld lag schon über zwanzig Jahre, ohne sie zu drücken auf ihrem Gewissen. Diese erkannten sie plötzlich durch jene unverdiente Trübsal. So lässt es Gottes Güte zu, dass unser Nächster mit einem unverdienten Worte uns das Herz trifft. Nur keine Erbitterung dann! Verdient ist's doch wenn auch einer andern, vielleicht lange vergessenen Sünde wegen. „Der Herr hat es ihm geheißen!“ sagte David, als Simei ihn fluchend einen Bluthund nannte, und sein Gewissen wurde vom treuen Herrn an alte, bereute und längst vergebene Schuld erinnert. So väterlich wacht Gott auch über dich wenn wirklich oder vermeintlich die Zunge des Nächsten dir Unrecht tut. Lasst, die ihr durch Tat oder Wort euch gegenseitig Pein bereitet habt, vielleicht eine lange qualvolle Zeit hindurch, lasst endlich beide ein Speisopfer riechen! Versöhnt Euch beide mit Eurem Gott. Was gilts, Ihr werdet noch den gegenseitigen Fluch, das. Seufzen wider einander in Segen und Fürbitte verwandeln, werdet Einer vor dem Andern weinen und bekennen: „Ich habe gesündigt! Komm wieder! Ich will dir fürder kein Leid mehr tun!“ - So trägt und überwindet man die Trübsale nach dem Herzen Gottes!
„Bist Du ein Mann nach dem Herzen Gottes?“ Amen.
Unterwerfung.
Mein armes Herz, was murrst du doch,
Dass du in deinen Tagen,
Das Gott bestimmt dir hat, das Joch,
Von früh bis spät musst tragen?
Wie du dich sperrst, wie du dich sträubst,
Du machst, wo du nicht stille bleibst,
Nur größer deine Plagen.
Es wird dir wahrlich allzuschwer,
Gen Gottes Stachel löcken.
Gott ist zu treu, liebt dich zu sehr,
Lässt ihn im Fleisch dir stecken.
Drum, Herz, willst du in Frieden ruhn,
Harr, bis was Gott mit dir wird tun,
Du schauen wirst und schmecken!