Diedrich, Julius - Der neunte Psalm.
Dieser Psalm ist mit dem folgenden zu einem Paare verbunden und in der alten griechischen Übersetzung der siebenzig Dolmetscher sowohl als in der lateinischen für Einen mit dem zehnten gerechnet. In beiden Psalmen nimmt der Sänger während schwerer Verfolgung seine Zuflucht zur Gnade des HErrn. Doch fängt er in dem ersteren mit dem Lobe Gottes an, dass Er ihm bisher schon herrliche Siege verliehen hat, während er im zweiten zuerst aus großer Anfechtung zu Gott fleht und dann zum Schlusse vollen Frieden in der Gnade wiedergewinnt. Der Sänger spricht in beiden Liedern das aus, was Gottes Gemeinde zu allen Zeiten erfährt, und darum empfangen wir hier Unterweisung, wie wir die Angst in dieser Welt durch den Glauben überwinden sollen.
Dem Sangmeister ist das Lied übergeben es singen zu lassen im Tempel, und es handelt von „Mut-Labeen“, ein rätselhafter Ausdruck, welcher vielleicht „Tod des Toren“ bedeuten soll, weil im Psalm der Untergang der Gottesfeinde, die auch sonst „Toren“ in den Psalmen genannt werden, anschaulich beschrieben wird. Ein Lied Davids.
Zuerst spricht der Sänger seinen freudigen Dank aus für die Siege, welche ihm Gott schon bisher verliehen hat. Preisen will ich den HErrn von ganzem Herzen, das soll jetzt und immer mein Geschäft sein, denn Er hat Alles wohl gemacht und von mir will ich nichts rühmen. Aber das Herz ist so voll des HErrn, dass der Sänger sich zu Gott selber wendet: ich will erzählen alle Deine Wunder.
Indem ich Gottes Taten erzähle, wird es lauter Preis Seines Namens, denn Gott tut nur preisenswertes, und Wunder heißen mit Recht Seine Taten, weil Er an uns über all unsre Würdigkeit und über all unser Erwarten Gutes getan hat: wir hatten wohl verdient, von Ihm verlassen zu sein, und nun hat Er uns so viele Siege beschert, dass wir noch sind und Sein Wort noch haben. Freuen 3. will ich mich und frohlocken in Dir und lobsingen Deinem Namen Du Höchster! Nachdem sich Gott wieder an uns geoffenbart, wie gnädig Er ist, sollen wir auch mit Freuden und gar selig in Ihm ausruhen, in Ihm sollen wir uns nun auch wohl sein lassen, und die Weise, wie Er Sich bei uns kund tut und Sich bei uns einen Namen gemacht hat, von Herzen erheben: so werden wir Seines Liebeswesens uns immer bewusster werden und in künftigen Nöten desto besser Glauben halten. Darüber will ich 4. Gott lobsingen, dass meine Feinde zurückweichen, sie straucheln und kommen um vor Deinem Angesichte. Dass die Feinde uns noch Raum geben müssen, kommt allein von Gottes Hilfe, denn wir würden ihrer nimmer mächtig sein. Haben wir aber Gottes Wort bei uns wohnen und leben wir daraus, so ist auch Gott in uns und gewiss auf unsrer Seite, und dann müssen die Feinde wohl verloren sein: wir sind ihnen nur zuwider um des HErrn willen, dessen Wort und Ordnung sie nicht mögen. Denn Du hast mein Gericht und mein Recht vollbracht, 5 Du saßt auf dem Throne ein gerechter Richter. Unsre Sache meint Gott, derselben will Er helfen, da Er die Feinde schlägt; und damit beweist Er sich als der treue Bundesgott, welcher Seinen Bekennern um Seines Wortes willen hilft. Du 6. schaltest Heidenvölker, wovor sie fliehen mussten gleich der Spreu vor dem Winde, und so siegten wir. Hinter den Vorgängen auf Erden müssen wir Gottes unsichtbares Wirken erkennen, denn Er tut alles, und es so erkennen, dass man Seine Führung zur Seligkeit darin ersieht, das ist die wahre Weisheit, Du brachtest die Gottlosen um, ihren Namen vertilgtest Du auf immer und ewig: so geht's bei Gott immer zu, von Ihm sind die Gottlosen samt ihrem Gedächtnisse schon ausgerottet, so ruft Er sie auch in dieser Zeit zum Gedächtnisse dessen hin, 7. und wir sollen sie nimmer fürchten. Der Feind! Ach was will der nun noch machen? Zu Ende gebracht sind die Trümmer auf immer, und Städte zerstörtest Du, umgekommen ist ihr Gedächtnis, ja sie kamen um, die zuvor so mächtig schienen. Das ist auch sonst wohl in der Weltgeschichte geschehen; bei Israel hat es aber besondre Bedeutung und weissagt von dem ewigen, unüberwindlichen Volke und Reiche Christi, in das alle Völker aufgenommen werden, und wider welches alle andern verloren und bald ewig verschollen sind.
8. Ist es nun den Feinden des Volkes Gottes also ergangen, so thront dagegen der HErr in Ewigkeit; aufgerichtet zum Gerichte hat Er Seinen Thron. Jene dachten wohl in uns Gottes Wort und Gedächtnis zu besiegen und auszurotten; nun sind sie selbst gefallen, und Gott waltet als höchster König fort in dieser Menschheit, 9. in Seinem Volke: Er thront über aller Geschichte und richtet die Feinde Seines Volkes immer hin, darum sollen wir auch nicht dem historisch hergebrachten, sondern Seinem Worte dienen, wenn wir darüber auch wieder Kampf hätten. Und Er richtet den Erdboden in Gerechtigkeit, spricht den Völkern Urteil in Rechtschaffenheit immer nach Seinem Worte, Dessen Bekenner ewig triumphieren 10. müssen. Und der HErr ist Zuflucht dem Bedrängten, Zuflucht für Zeiten, da man in Not: also ist Er Zuflucht, dass Er einem mitten in der Not den ewigen Sieg gewiss macht um Seines Wortes willen und in 11. den Zeugnissen voriger Siege Trost darbietet.
12. Und es vertrauen auf Dich, die Deinen Namen kennen, wie Du ihn Dir in Deinem Worte durch alle Zeiten gemacht, denn das sehen sie aus all Deinem bisherigen Regieren - Du verlässt nicht, die Dich suchen, HErr! So suche denn nur den HErrn, Seiner Vergebung und Seiner Gemeinschaft zu genießen und du wirst an Ihm den treusten Helfer finden in allen Nöten; der Gnadengott ist es auch, der in allen Ereignissen regiert.
Singet deshalb dem HErrn, der zu Zion unter Menschenkindern, unter Seinem erwählten Volke Israel, verkünde unter dem Volke Seine Großtaten, dass alle Menschheit diesen ewigen Menschenfreund mit Freuden erkenne, denn alles, was Mensch heißt, ist doch zu Erkenntnis Seines Wesens berufen, dass es Ihn preise. Denn 13. der Rächer des unschuldig vergossenen Blutes gedenkt desselben und als Bluträcher und nächsten Verwandten der Gerechten hat sich Gott von Anfang kund gemacht, so muss Er auch wohl Seines Amtes warten; nicht vergisst Er der Elenden Geschrei: so sollen sich dessen wohl alle unrecht leidenden getrösten und alle wissen, wo sichre Zuflucht in den Nöten dieses armen Lebens zu finden sei.
Und nun sieht der Sänger, welcher bisher hoch über der 14. Gegenwart in Gottes Gnade geschwebt hat, auf seine augenblickliche Not hinab. Er ist des Sieges im Ganzen gewiss durch den Glauben an den wahren Gott; aber hier auf Erden und in dieser Zeitlichkeit ist er noch von Drangsalen umgeben. So nimmt er nun, was er in Gott geschaut, mit in seinen Lebenskampf hinein und wird zum Sieger. Durch den Glauben werden wir das in der Zeit, was wir über alle Zeit ewig in Gott sind durch Seine Gnade. Wir werden aber dieses alles unter beständigem Gebete. Sei mir gnädig, o HErr, siehe mein Elend von meinen Hassern, der Du mich erhebest aus den Toren des Todes. Ich bin wohl dem Tode verfallen, meine Feinde sind mir zu mächtig; aber Du, o Gott, hast Dich meiner zum Helfer zugesagt, so beweise nun Deine Gnade an mir. Solche zuversichtliche Bitte soll man tun, wenn man seinen Glauben durch Betrachtung der ewigen Treue des HErrn aufgerichtet hat. Hilf mir, damit ich all Dein Lob in den Toren der Tochter Zion erzähle, damit ich fröhlich sei über Dein Heil. Gott will, dass Seine Hilfe zu Seinem Preise diene, so sollen wir derselben auch nur dazu begehren; verloren wäre sie aber an uns, wenn wir des Dankes vergäßen, denn alles äußerliche Wohl nützt uns zu nichts, wenn mir nicht geistlich dadurch gefördert und in Gott befestigt werden. Und nun sieht der Sänger seine Bitte auch schon erhört, 16. im Geiste schaut er schon den Sieg: Versenkt sind die Heiden in die Grube, die sie gemacht, in dem Netze, das sie verborgen, ward ihr Fuß gefangen: ihr Kampf gegen uns muss wohl durch Gott ihre sichre 17. Niederlage werden, denn wir haben Gottes Wort. Kund machte sich der HErr, Er hielt Gericht, in dem Tun Seiner Hände verstrickte sich der Gottlose, denn Gott lenkte all sein Tun in der Art, dass er sich endlich selbst zu Grunde richten musste, und das sind Gottes immer waltende Gerichte, denen wir schon zuvor im Glauben gewiss sein sollen. Nachdenken - ist hier not, dass man Gottes Weisheit und Treue erkenne. Selah!
18. Zurückweichen werden die Bösen zur Hölle hin, ja dessen bin ich zuvor gewiss! alle Heiden, 19. Die Gottes vergessenen stürzen so hinab! - Denn nicht für immer wird des Armen vergessen, die Hoffnung der Sanftmütigen geht nicht auf ewig verloren, denn deren Hoffnung, die hier nicht andre verwunden wollten, ist Gott selber, und wenn Er sie auch manche Zeit arm erscheinen lässt, so zeigt Er's doch durch den Untergang ihrer Dränger und Verächter, dass Er sie sich immer die liebsten sein ließ und dass sie wohl taten sich allein auf Ihn zu verlassen.
20. Stehe auf, o HErr! nicht gelte für stark der Mensch, die eitle Kreatur! Mögen die Heiden vor Deinem Angesichte gerichtet werden, dass Deine 21. Gnade an Deinem Volke ganz offenbar werde. See o HErr ihnen einen Schrecken, darüber sie verwirret hinfallen: Mögen die Heiden erkennen, dass sie Menschen sind und nicht Gott, wie sie in ihrer Hoffart sich gebärden. Sie meinen, sie könnten alle, was sie wollen, so zeige ihnen ihre Ohnmacht an Deinem Volke. Selah!
So gehen bei dem Gläubigen Zuversicht und Bitte Hand in Hand, im Glauben sieht man alles erfüllt, was Gott je verheißen hat und dadurch überwindet man getrostes Mutes die Drangsale der Gegenwart. Was wir so im Glauben bitten, ist zuvor gewiss, darum können wir wohl das Höchste bitten.
Gebet. HErr, gib uns also Deines Wortes zu gebrauchen, dass wir Deine Gnade und Deine Allmacht zugleich erkennen und in der Trübsal schon vom Siege sagen, zum Lobe Deines herrlichen Namens: durch Jesum Christum. Amen.