Caspari, Karl Heinrich - Antrittspredigt über Jer. 15. 19. am 2. Advent 1855 in der evangelischen Stadt-Pfarrkirche zu München

Caspari, Karl Heinrich - Antrittspredigt über Jer. 15. 19. am 2. Advent 1855 in der evangelischen Stadt-Pfarrkirche zu München

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesu Christo! Amen!

Text: Jer. 15. 19. „Darum spricht der Herr also: Wo du dich zu mir hältst, so will ich mich zu dir halten und sollst mein Prediger bleiben. Und wo du die Frommen lehrst sich sondern von den bösen Leuten, so sollst du mein Lehrer sein. Und ehe du solltest zu ihnen fallen, so müssen sie eher zu dir fallen.

In dem Herrn geliebte evangelische Gemeinde von München!

Nachdem ich hierher in eure Stadt bin versetzt worden, um neben ehrwürdigen Vorgesetzten und teuren Brüdern im Amt auch ein Prediger des Evangeliums zu sein, trete ich in Gottes Namen heute meine neue Stelle an mit der ersten Predigt. In Gottes Namen! Gottlob, dass ich so sagen darf vor Gott und Menschen. Ich habe diese Stelle nicht erstrebt und nicht gesucht: sie ist mir übertragen worden durch meiner kirchlichen Vorgesetzten Berufung und meines Königs Bestätigung - somit durch Gottes Willen.“

Daraufhin habe ich ein Herz gefasst, mancherlei Bedenken zu überwinden, und in dem guten Mut, den einem Menschen das Bewusstsein gibt, nicht einen selbstgewählten, sondern einen gewiesenen Weg vor sich zu haben, bin ich nun mit Freudigkeit gegangen, wohin man mich gesendet. Dass auch ihr, soweit dies bei einem euch noch unbekannten Menschen möglich ist, willig und mit einem guten Vertrauen mich aufnehmt, das ist mein Wunsch und mein Gebet an diesem Tage.

Ihr seid eine Gemeinde evangelischen Bekenntnisses, an der je und je treue Männer gearbeitet haben, unter denen solche, deren Name und Werk länger gesegnet bleiben wird, als ein Menschenleben währt. Ihr seid somit treulich unterwiesen, woran euer Glaube hält, und müsst wohl wissen, was ihr zu fordern habt von einem Manne, der an einer Gemeinde eures Bekenntnisses das geistliche Amt antreten will, - so muss es nun hinwiederum mir am Herzen liegen, einer solchen Gemeinde zu versichern, dass ich auch weiß, was es mit diesem Amte auf sich hat, und dass ich wenigstens den redlichen Willen habe, das Amt der Kirche zu führen, wie sich's gebührt.

Dass das eigentliche gesegnete Band zwischen Seelsorger und Gemeinde nicht schon geknüpft wird am ersten Tage, da sie zusammenkommen, weiß ich wohl: das braucht Zeit und Weile sich zu bilden und gemeinsamer Erlebnisse sich zu festigen. Wo man in guten und bösen Tagen, in Freud' und Leid, in Hoffen und Zagen, in Gesundheit und Krankheit, in Not und Tod bei einander gestanden ist, auf einerlei Stab sich stützend, da allein kann von diesem Bande die Rede sein; ob aber ein solches Band zwischen euch und mir überhaupt sich knüpfen kann, darüber müssen wir beide, ihr und ich, bald mit einander ins Reine kommen, und soweit ich mit meinem Bekenntnis dabei in Frage komme, will ich euch gleich heute darüber Rede und Antwort stehen. Dich tue ich nun auf Grund unsres Textes, indem ich mich feierlich bekenne zu den Worten, welche der Herr spricht zu einem, der Sein Prediger sein will. Diese Worte handeln

1) von dem festen Halt,
2) von dem heiligen Ernste,
3) von der freudigen Zuversicht,
womit ein Prediger Gottes zu einer evangelischen Gemeinde kommen muss.

I.

„Wo du dich zu mir hältst,“ beginnt der Herr in unserem Texte, „so will ich mich zu dir halten und sollst mein Prediger bleiben.“

Geliebte in dem Herrn! Man hat es oft als einen großen Gedanken gepriesen, dass das Suchen nach der Wahrheit mehr wert sei, als der Besitz der Wahrheit selber. Mag sein auf dem Gebiet irdischen Wissens; auf dem Gebiet, da Seelsorger und Gemeinde sich begegnen, wahrlich nicht. Es sind leere Worte und darum Worte traurigen Irrtums, wenn man sagt: Gleich wie dem evangelischen Christen eigentümlich sei, fortwährend nach der religiösen Wahrheit zu suchen und niemals seines religiösen Glaubens als der gewissen und vollen Wahrheit froh und sicher zu werden, so bestehe eines evangelischen Predigers Aufgabe darin, dass er mit seinem besseren Wissen und seiner tieferen Gelehrsamkeit in der Schrift den ihm anvertrauten Seelen im Suchen vorangehe, zufrieden, wenn er vom Guten zum Bessern, von der halben zur volleren Wahrheit sie hinanbringe und sich selbst mit ihnen, - dass er je nach Zeit und Ort oder auch nach der Bildungsstufe seiner Gemeinde den Standpunkt sich aussuche, von dem aus er seines Amtes Notwendigkeit oder Nützlichkeit der Gemeinde einleuchtend mache. Ich dächte, um einen Prediger, der darin von vornherein seine Aufgabe sieht, sei es übel bestellt und um die Gemeinde, die einen solchen Prediger hat, nicht minder. Das Leben ist kurz und die Ewigkeit ist ernst. Wer für sich oder andere suchen will, ist darum des Findens noch nicht gewiss; wo, was unten gefehlt worden, droben gerichtet wird, da ist zum Suchen und Probenmachen keine Zeit. Nicht umsonst sagt die Schrift: Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe das tiefere Gemüt, das die Eitelkeit der Welt durchschaut und etwas Bleibendes begehrt, das angefochtene Gewissen, das nach Frieden verlangt, das verwundete Herz, das geheilt sein möchte, der Sünder, der zur Besinnung kommt, der Arme, der Tag für Tag das Joch trägt, der Kranke, dem das Leben verleidet ist, der Sterbende, der in die Todesnacht hineinblickt - die brauchen und begehren etwas, woran sie sich halten, woran sie sich aufrichten, womit sie ihre Seele stille machen können, und der Mann, der das Predigtamt unter ihnen führt, ist da, nicht um ihnen suchen zu helfen, sondern um es ihnen zu geben. Welchen Halt wird er geben, wenn er selbst den Halt noch nicht gefunden? wie wird er es wagen, den Schwankenden eine Rettungshand zu reichen, und wer wird seine Hand als eine helfende ergreifen mögen, wenn er sich selbst nicht auf festem Grunde stehen weiß? Darum das kann, darf und muss eine Gemeinde von ihrem Seelsorger verlangen, dass er den festen Halt bereits hat, wenn er ihr etwas nütze sein will.

Wo ist nun dieser Halt zu finden? Diesseits d. i. in dem, was auf dem Boden dieser Welt erwachsen kann, und wenn es noch so trefflich und heilsam und des Wünschens und Preisens wert wäre, diesseits nicht! „Alles Fleisch ist Heu und all seine Güte wie eine Blume auf dem Felde, das Heu verdorrt, die Blume verwelkt.“ Nicht des Predigers Wissen und Verstand, nicht sein Wohlmeinen und Wohlwollen, nicht sein Eifer und seine Uneigennützigkeit, nicht einmal seine Frömmigkeit und Treue gibt seiner Predigt diesen festen Halt. „Das Wort des Herrn bleibt in Ewigkeit!“

„Wenn du dich zu mir hältst,“ spricht der Herr, „so will ich mich zu dir halten und sollst mein Prediger bleiben.“ Von jenseits wird uns dieser Halt geboten, Sein Licht hat der Herr hereingehen lassen in diese Welt, auf das Wort, worin er sich offenbart hat, deutet seine Hand als auf das, woran sein Prediger sich halten soll, und der Mann, der unter dies Wort sich gebeugt hat, der nichts weiter begehrt, als diesem Wort zu dienen, diesem Wort vor - und diesem Wort nachzuarbeiten, der allein an dieses Wort sich hält, wo er die Unmündigen unterweisen, die Irrenden auf den rechten Weg leiten, die Abgefallenen wieder herzubringen, die Gottlosen strafen, die Bußfertigen trösten, die Angefochtenen stärken, die Gebeugten aufrichten soll, der ist ein Prediger Gottes, der hat mehr zu bieten denn Worte, die dem Ohr wohlklingen, aber die Seele matt und leer lassen - „zu ihm will Gott sich halten,“ in seinen Worten soll eine Kraft Gottes sein, die an den Seelen sich nicht unbezeugt lässt, die sie heranzieht zu demselben Wort, in dem auch er seinen Halt hat. Nun mag das Suchen stattfinden, das Suchen der Gemeinde und des Predigers, ein Suchen nicht nach einem Worte des Lebens, sondern ein Suchen im Worte des Lebens, das „Suchen in der Schrift“, und nun werden sie beide davon Segen um Segen nehmen nach jener Verheißung des Herrn: „Wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe.“

Ob meine Predigt nun diesen festen Halt hat? - Nach meinem besten Wissen und Gewissen soll sie ihn haben. Zu dem Wort Gottes, wie es niedergelegt ist in der Heiligen Schrift Alten und Neuen Testaments, zu dem Wort Gottes, wie unsre Kirche sich dazu bekennt in ihrem guten Bekenntnis - zu dem Wort will ich mich halten. Was mit oder ohne meine Schuld von dem Meinigen meinen Worten sich beimischen sollte, was von dem Meinigen an die Stelle jenes Wortes treten wollte, das möge Gott verwehen und vergehen lassen, denn es wäre euch kein nütze; was aber heranziehen und gründen kann auf den festen Grund, den Er gelegt hat, dazu solle er sich bekennen in Gnaden: da wolle er nicht ansehen den unwürdigen Knecht, den sündigen Menschen mit unreinen Lippen, sondern wolle meine Worte segnen, dass sie euern Gang sicher und euer Herz fest machen.

So viel von dem festen Halt, nun lasst uns

II.

reden von dem heiligen Ernst, den ein evangelischer Prediger haben muss. Wo Gottes Wort gepredigt wird vorzugsweise als der Fels, an den man sich halten kann, wo es als das feste unbewegliche Wort den Leuten ans Herz gelegt wird, in dem allein zuletzt ein Grund von Trost und Frieder zu finden, erfährt es wenig Widerspruch. Nur oberflächliche, leichtsinnige, durch die Schule des Lebens noch gar nicht, oder nur vergeblich gegangene Menschen, oder die stolzen Geister, denen der Dünkel irdischen Wissens das Auge verdüstert, wagen zu sagen, dass sie dieses Wortes gar nicht begehren - sonst können die meisten Menschen sich gar wohl denken, warum etwa diese Welt ein Jammertal genannt wird, und was ihnen dawider einen Trost verheißt, das wollen sie so schnell nicht von der Hand weisen. Es trägt aber die Welt nicht bloß das Gepräge der Eitelkeit, der Nichtigkeit, der Armseligkeit, der Unruhe und Unzuverlässigkeit an sich - das sind nur die schwarzen Schatten des ersten und letzten Übels, unter dem sie seufzt, und dies Übel ist - die Sünde. Davon hören die Menschen nicht gerne, wo davon recht d. i. nach dem Wort Gottes geredet wird, fühlt jeder das zweischneidige Schwert an die eigene Seele rühren - aber schweigen darf ein Prediger Gottes nicht davon, und darum braucht er eines heiligen Ernstes.

Nun spricht der Herr in unserem Texte weiter: „Und wo du die Frommen lehrst sich sondern von den bösen Leuten, so sollst du mein Lehrer sein.“ Sonderung also muss ein Prediger Gottes lehren. Und wiederum eben diesem Worte ist die Welt gram. Sie lässt sich's gefallen, dass von „gut“ und „böse,“ von „wahr“ und „falsch“ geredet wird, wenn nur zwischen beidem keine trennende Kluft aufgerichtet werden soll. Wenn die Trennung fortgeführt wird bis zum entscheidenden „Entweder-Oder,“ wenn die scharfe, unwiderruflich scheidende Grenze gezogen wird und es heißt: hier Licht und dort Finsternis, hier Frömmigkeit und dort Bosheit, hier Seligkeit und dort Verdammnis, da mag sie nicht mithalten und verwahrt sich dagegen, als gegen Lieblosigkeit und Verdammungssucht. Immerhin!

Das darf den Prediger nicht irren!

Das Wort, darauf seine Predigt gegründet ist, sagt: „Was hat das Licht für Gemeinschaft mit der Finsternis, wie stimmt Christus mit Belial, was für einen Teil hat der Gläubige mit dem Ungläubigen?“ Wie sich die Finsternis mit dem Licht mengen will, sei es, dass sie die reine lautere Lehre des göttlichen Wortes trübt, sei's, dass sie das scharfe Licht dämpft, das Gottes Wort unerbittlich auf den Gräuel der Sünde fallen lässt, wo sich das Licht mit der Finsternis mengen will, sei's in den höheren, sei's in den niederen Kreisen des Lebens, sei's wo Rang, Reichtum, Wissenschaft und Bildung daheim ist, sei's, wo man der Armut, dem Elend, der Unwissenheit zu begegnen gewohnt ist: überall gebietet dem Prediger sein Amt, Licht Licht und Finsternis Finsternis zu nennen, und ein erschreckendes Wehe ist ausgesprochen über die, welche Böses gut und Gutes böse nennen, die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis machen.

Bewahre mich Gott, dass dieses Wehe mich nicht treffe. Er halte mir stets vor Augen, dass ich berufen bin das Reich Christi zu bauen, und dass dies Reich nicht gebaut wird mit schmeichelnden oder zweideutigen Worten, die Niemand das Auge öffnen und Niemand wehe tun. Er lasse mein Wort ein gerades und wahres sein. Er lasse mich in euch Seelen sehen, durch das Blut Christi teuer erkauft, die geheiligt sind für das Reich der Gnade und berufen zum Reich seiner Herrlichkeit, Heilige Gottes, die das Ehrenkleid, welches ihr Herr und Heiland ihnen angezogen in der heiligen Taufe, unverdorben bewahren sollen auf dem Weg durch diese Welt, auf dass ich mit Ernst die Sünde strafe, er lasse mein Wort aber auch niemals bitter sein, sondern allzeit quellen aus dem rechten Ernst, dem Ernst der Liebe, welche warnt und straft, weil sie sich ängstiget, dem Herrn Seelen zu verlieren, auf dass mein Ernst ein heiliger Ernst sei. Er gebe mir Weisheit, die „Frommen,“ d. i. die, in welchen der Herr das Werk der Heiligung angefangen, zu lehren, wie sie ihre Beilage sollen bewahren, halten, was sie haben und ihre Krone sich nicht rauben lassen dass sie nämlich, wie unser Text sagt, sich sondern von den bösen Leuten.“ Er gebe meinem Wort einen Segen auch für die „bösen Leute,“ dass, wo sie sich erkennen als die, von welchen Gottes Volk sich sondern muss, nicht Groll und Grimm sie verhärte wider das Wort, das sie richtet, sondern dass jenes heilsame Erschrecken sie ergreife, welches dem Wort des Lebens Bahn macht in verlorene Seelen, dass jener Schrecken Gottes über sie falle, in welchem der Sünder, der endlich seinen Meister gefunden, fragt: „Was muss ich tun, dass ich selig werde?“ und die Antwort empfängt: „Glaube an den Herrn Jesum Christum, so wirst du und dein Haus selig.“

Wird solches geschehen?

Geliebte in dem Herrn! Schon in den bisher betrachteten Worten unseres Textes ist Verheißung enthalten: „Wo du dich zu mir hältst, so will ich mich zu dir halten und sollst mein Prediger bleiben, und wo du die Frommen lehrst, sich sondern von den bösen Leuten, so sollst du mein Lehrer sein.“ Jedem Befehl ist schon seine Verheißung beigegeben: „Du sollst Mein Prediger bleiben, du sollst Mein Lehrer sein.“ Ein Prediger, ein Lehrer zu sein, zu dem Gott sich bekennt wer dies Bewusstsein hat, der kann getrosten Mutes an die Ausrichtung seines Amtes gehen, wenn wir aber nun endlich

III.

reden von der freudigen Zuversicht, die ein evangelischer Prediger haben muss, so gibt dafür unser Text noch ausdrückliche Veranlassung in einem besonderen Wort:

„Und ehe du solltest zu ihnen fallen, so müssen sie eher zu dir fallen.“

Gott redet von den „bösen Leuten,“ von welchen die Frommen sich sondern sollen, von denen die das Widerspiel, das gerade Gegenteil sind derer, die nach seinem Wort recht glauben und recht leben wollen, und er gibt dabei Antwort und Entscheidung auf eine Frage, die wohl jeder Christ auf dem Herzen trägt, der sich den Kampf ansieht zwischen Glauben und Unglauben, Gottseligkeit und Gottlosigkeit: auf welcher von beiden Seiten wird denn der Sieg sein, wer wird denn zuletzt das Feld behalten?

Der Feinde Gottes und seines Wortes sind heutzutage viele, und sie sind so rührig und so listig und so siegesgewiss und haben so viel Boden gewonnen und zählen so viel offene und versteckte Anhänger, die ihnen den Sieg wünschen, unter Gebildeten und Ungebildeten, dass sie das Wort des Herrn bereits als tot und überwunden betrachten und mit Hohnlächeln auf die hernieder sehen, die zu diesem Wort stehen und auf dies Wort leben und sterben wollen. Werden sie wirklich dies Wort dämpfen, werden sie's verlästern und verleiden den Seelen, die danach fragen?

Auch wenn den Predigern nicht ausdrückliche Verheißung gegeben wäre schon nach dem, was wir überhaupt von diesem Worte wissen, würden wir sagen: dies Wort wird bleiben und wird Freunde haben allezeit, Freunde wie lang? So lang etwa ein Prediger dasselbe recht zu predigen versteht? Nein, länger! - So lang die Welt Welt bleibt, so lang es auf dieser Welt noch ein Elend gibt zu tragen, so lang es noch eine Sünde gibt zu sühnen und so lang es noch einen Tod gibt zu sterben, so lang der Mensch Mensch bleibt, so lang der Mensch noch ein Gemüt hat, Freud und Leid zu spüren,

so lang der Mensch noch eine Seele hat, die sich sträubt in ein Nichts zu verlöschen, so lang der Mensch noch ein Gewissen hat, vor dem gerechten Richter sich zu fürchten, so lang es eben noch einen Menschen gibt und jeder Mensch ein Herz hat, und jedes Herz sein Bedürfnis, und jedes Bedürfnis seine Stillung begehrt, - so lang wird dies Wort bleiben, und so lang wird's Seelen geben, die dies Wort gerne hören und lernen und es lieb und wert haben, und ihr Ein und Alles in ihm erkennen. Dies ein Grund, mit Freudigkeit diesem Wort zu dienen, mit Zuversicht das Amt zu führen, durch welches dies feste prophetische Wort gepredigt wird.

Fassen wir aber die Verheißung unsers Textes ins Auge, wie sie ausdrücklich dem Prediger gegeben ist. Das dürfen wir uns nicht bergen, wer ein Feind dieses Wortes ist, der ist auch unser Feind, die wir dies Wort predigen. Wo wir bauen, sind solche, die niederreißen, und wo wir pflanzen, sind solche, die verwüsten wollen, und die kehren sich wie gegen Gottes Werk, so auch gegen uns selber. Darf der Prediger ihnen gegenüber eine freudige Zuversicht haben? Ja, um dieses Wortes willen! „Ehe du solltest zu ihnen fallen, so müssen sie eher zu dir fallen.“ Damit ist dem Prediger, zu welchem Gott sich bekennt, zwar nicht verheißen, dass er keine trübe Erfahrung zu machen, keine Schmach zu leiden, keinen Kampf zu kämpfen, keine Seelen werde zu betrauern haben, das nicht! - aber so viel: zu Schanden soll er nicht werden mit seinem Wort vor denen, die es hassen. Niedergeworfen, der ihm verliehenen Wehre, des ihm anvertrauten Segens beraubt, hilflos den Feinden Gottes zum Spott und den Freunden Gottes zum Ärgernis werden, als einer, der Niemand kann nütze sein - das soll er nicht. Eher sollen sie zu Schanden werden vor ihm und sich beugen müssen vor dem Wort, das er verkündigt - „eher müssen sie zu dir fallen“ die Verheißung bleibt aufrecht. Wie sie in Erfüllung gehe an Vielen oder Wenigen, sichtbar oder im Verborgenen - wann sie in Erfüllung gehe bald, spät, ob vielleicht erst dann, wenn der Prediger für diese Welt seine Augen geschlossen hat, und seine Stimme längst verhallt ist, das steht in Gottes Hand. Genug! die Verächter sollen zu Schanden werden. „Es soll das Wort, so aus meinem Munde geht, nicht wieder leer zu mir kommen,“ spricht der Herr, „es soll tun, das mir gefällt und soll ihm gelingen, dazu ich es sende.“

So nun trete ich mein Amt unter euch an mit freudiger Zuversicht nicht auf mein Wort das ist das Wort eines schwachen blinden Menschen - sondern mit der Zuversicht auf das Wort des Herrn, als den Hammer, der zerschmeißt, als das Schwert, das durchdringt, als das Feuer, das zerschmilzt und läutert, als den Tau, der befruchtet, als das Licht, das erleuchtet. Ich bitte euch, Geliebte in dem Herrn, dass ihr dies Wort aufnehmt mit Sanftmut, als das eure Seelen kann selig machen, und um dieses Wortes willen auch mich mit Freundlichkeit und Vertrauen. Ich bitte meine teuren Amtsbrüder, dass sie in brüderlicher Liebe mit Rat und Tat mir zur Seite stehen, als einem Mitarbeiter, der, ob mit weniger Erfahrung oder geringeren Gaben, doch sich mit ihnen Eins weiß in Bekenntnis und Glauben und mit ihnen Hand anlegt an ein und dasselbe Werk. Ich bitte vor Allem den Herrn, dass er mir Weisheit, Kraft und Treue geben möge, in allen Stücken zu tun das Werk eines evangelischen Predigers und mein Amt redlich auszurichten. Dann wird sich's beweisen, dass wir zusammengeführt worden sind in Gottes Namen, dann wird das rechte Band zwischen uns sich knüpfen, und unser Zusammensein wird uns beiden zum Segen werden, zum Segen, welcher bleibt ins ewige Leben. Das walte Gott!

Amen.

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