Bender, Ferdinand - Geschichte der Waldenser - Zweites Kapitel. Widerspruch und Kampf gegen die Missbräuche der herrschenden Kirche.
Agobard von Lyon. Claudius von Turin. Peter von Bruys (Pierre de Bruys). Heinrich. Arnold von Brescia. Ursprung und Name der Waldenser. Die ältesten Schriften derselben.
„Das Leben bricht der Kirche düstre Schranke.“ Lenau: Die Albigenser.
Gott, der die Nacht durch Mond und Sterne erhellt, lässt es auch in den Zeiten geistiger Finsternis nie an Menschen fehlen, welche das Kleinod seiner Wahrheit in sich bewahren und es hinaus strahlen lassen in die Welt. An dem nächtlichen Himmel des Mittelalters zieht sich bald größer, bald kleiner ein unverwischbarer Lichtstreif christlichen Geistes hin. Die Heilige Schrift, ob auch für die Meisten so gut wie nicht vorhanden, wird doch fort und fort von Einzelnen gelesen und verkündigt. Es kann nichts Unevangelisches in die Kirche sich eindrängen, ohne dass es einen mehr oder weniger heftigen Widerspruch findet. Die römische Kirche bezeichnete Alle, welche Ansichten vortrugen und verbreiteten, die ihrer festgestellten Lehre widersprachen, mit dem berüchtigten Namen „Ketzer“. Man nahm es weniger genau, wenn diese Ansichten mehr gelehrter Natur, also weniger geeignet waren, unter die Masse des Volkes zu dringen, oder wenn sie keine Gefahr für das Ansehen und die Macht der Kirche fürchten ließen. Wo aber das Letzte der Fall war, da verfuhr man mit immer blutigerer Grausamkeit.
Da der Verfall der Kirche kein plötzlicher war, sondern ein allmähliges immer tieferes Versinken, so treten auch zuerst nur Einzelne gegen Einzelnes auf, in welchem sich die Verirrung besonders augenfällig herausstellte. Diese Zeugen der Wahrheit bilden die immer wachsende, vom Licht des Evangeliums vergoldete Wolke, welche, als der höhere Genius, über dem sinkenden Dom der Kirche dahinzieht. Erhebend ist der Blick nach solchen, auf dem dunklen Grunde der Geschichte hervortretenden lichtvolleren Erscheinungen. Wir können jedoch dieselben, um uns nicht allzu sehr von unserem Ziele zu entfernen, nur flüchtig und nur so weit betrachten, als sie nach Ort oder Zeit mit dem Auftreten der Waldenser in nähere Beziehung gebracht worden sind.
Um die Mitte des neunten Jahrhunderts lebte, unter der Regierung Ludwigs des Frommen, Agobard als Erzbischof von Lyon. Er war von bedeutsamem Einfluss bei den Streitigkeiten dieses Kaisers mit seinen Söhnen und soll, auf der Seite der Letzteren, in einer zwischen beiden Parteien stattgefundenen Schlacht seinen Tod gefunden haben.
Agobard hielt zwar an der katholischen Kirche, als dem Hause Christi, wie er dieselbe nannte, fest und war der Überzeugung, die geistliche Macht sei über der weltlichen hoch erhaben. Aber dennoch finden sich in seinen Schriften auch wieder die freiesten Ansichten und rein evangelische Wahrheit. Er hatte sich bereits zur Idee eines Priestertums aller wahren Christen emporgeschwungen, so sehr er auch die Verachtung des Priesterstandes, welchem allein das Recht zukomme, geistliche Handlungen zu verrichten, als ein vor Gott höchst strafwürdiges Verbrechen tadelte. Ihm ist Christus der alleinige Mittler zwischen Gott und den Menschen, und nur der lebendige Glaube, aber nicht äußere Werke können uns selig machen. Er scheut sich nicht, auch diejenigen Ketzer und Ehebrecher zu nennen, welche nach geistlichen Ämtern aus Ehrgeiz, Habsucht und anderen irdischen Endzwecken streben. Er empfahl das Studium der Bibel und reinigte den Gottesdienst durch Verbesserung der Kirchenlieder und Kirchengebete, in welche er, so viel wie möglich, biblische Sprüche verwebte. Mit dem nachdrücklichsten Ernste und wahrhaft reformatorisch eiferte der edle Erzbischof gegen die Bilderverehrung, welche bei dem sinnlichen, ununterrichteten Volke immer mehr um sich griff. Er widmete diesem Gegenstande eine besondere Schrift und sagt in derselben unter Anderem: „Gott allein muss angebetet und verehrt werden von den Gläubigen; ihm allein muss das Opfer eines gedemütigten und zerknirschten Herzens dargebracht werden; Engel, oder heilige Menschen mögen geliebt, geehrt, aber nicht verehrt werden. Nicht auf Menschen, sondern auf Gott allein müssen wir unsere Hoffnung sehen, damit uns nicht jenes prophetische Wort treffe: Verflucht ist der Mann, der sich auf Menschen verlässt.“
Noch kühner als Agobard trat Claudius auf. Er war, wie Jener, von Geburt ein Spanier und lebte anfangs als Geistlicher am Hofe Ludwigs des Frommen. Als dieser nach dem Tode seines Vaters, Karl des Großen, im Jahre 814 die Kaiserkrone erhielt, wurde er zum Bischof von Turin, der Hauptstadt Piemonts, ernannt, um an der Verbesserung der durch weltlichen Sinn, Unwissenheit und Aberglauben tief gesunkenen Kirche dieses Landes zu arbeiten. In der Heiligen Schrift wohl bewanderter schrieb treffliche Erklärungen zu den Briefen des Apostels Paulus - ging Claudius mit wahrem, manchmal vielleicht allzu stürmischem Eifer an sein Reformationswerk und ließ sich, unter dem Schutz seines Kaisers, durch den Unwillen des Papstes Paschalis I. nicht stören. Er verbannte die Bilder und Kreuzeszeichen aus den Kirchen, eiferte gegen das Wallfahrten nach Rom und legte dem Volke die Bibel aus. „Wenn diejenigen,“ sagte er, „welche den Götzendienst verlassen haben, die Bilder der Heiligen verehren, so haben sie nicht die Götzen verlassen, sondern den Namen verändert.“ Kein Mensch verlasse sich auf das Verdienst und die Fürbitte der Heiligen. „Wer nicht denselben Glauben und dieselbe Tugend an den Tag legt, welche die Heiligen bewiesen haben und wodurch sie allein Gott wohlgefielen, der kann nicht selig werden.“ „Durch das Heil eines Andern wird keinem das seine zu Teil, so wenig, als durch die Klugheit, oder den Mut, oder die Mäßigkeit eines Anderen wir unmittelbar klug, tapfer oder mäßig werden können.“ „Unsere Religion soll nicht in Verehrung toter Menschen bestehen, welche, wenn sie fromm gelebt, nicht nach solcher Ehre verlangt haben; durch Nachahmung sollen wir sie ehren, keineswegs aber sie zu Gegenständen unserer Anbetung machen.“ „Warum beugst du deinen unfreien Körper vor sinnloser irdischer Menschenarbeit? Siehe, Gott hat dich aufrecht erschaffen und während die übrigen lebenden Wesen zur Erde sich neigen, gehst du erhaben, und dein Antlitz erhebt sich zum Himmel und zu Gott. Da blicke hin, dahin hebe dein Auge empor, suche Gott in den Höhen, damit du die niedrigen Erdendinge entbehren lernst. So bewahrst du dir deinen ursprünglichen Adel, und du bleibst so, wie der Herr dich geschaffen hat.“ - „Wenn man jedes Holz in der Form eines Kreuzes anbeten will, weil Christus am Kreuze gehangen, so muss man auch vieles Andere anbeten, womit er, im Fleische lebend, in Berührung gekommen. So muss man auch alle Jungfrauen anbeten, weil eine Jungfrau ihn geboren; so muss man auch die Krippen anbeten, weil er in eine Krippe gelegt worden; so muss man auch die Esel anbeten, weil Jesus auf einem solchen gesessen, und die Schiffe, weil er oft von ihnen aus zu dem Volke sprach. Gott hat geboten, das Kreuz zu tragen, nicht es anzubeten; sie wollen es anbeten, indem sie es weder auf geistige noch leibliche Weise tragen wollen.“ „Ihr Blinden,“ ruft er in heiligem Eifer aus, „kehrt zum wahren Lichte zurück, welches Licht in der Finsternis leuchtet, und die Finsternis begreift es nicht; die ihr, jenes Licht nicht erblickend, in der Finsternis wandelt und nicht wisst, wohin ihr geht, weil die Finsternis eure Augen verblendet hat!“
Noch klarer und bestimmter als Agobard unterscheidet Claudius die unsichtbare Kirche, als die reine heilige Gemeinde des Herrn, von der sichtbaren, welche der Geist Christi noch nicht vollkommen durchdrungen hat. Noch entschiedener, wie Jener, hebt er (in seinen Erklärungen des Briefes an die Galater) den Grundgedanken des Evangeliums hervor, dass der Mensch vor Gott gerechtfertigt wird - nicht aus den Werken des Gesetzes, sondern aus Gnaden durch den Glauben an Jesum Christum. Ernst tritt er gegen den Wahn auf, dass nur in Rom wahre Vergebung der Sünden zu finden, und dass man, um Buße zu tun, notwendigerweise nach dieser Stadt wallfahrten müsse. Claudius leugnet sogar an manchen Stellen, dass dem Bischof in Rom die Würde eines Statthalters Christi zukomme. Er sagt, nicht derjenige sei ein Apostolischer Herr zu nennen, welcher bloß auf dem Apostolischen Stuhle sitze, sondern nur der, welcher auch die Pflichten eines Apostels Christi gewissenhaft erfülle; von dem Ersteren gelte das Wort des Herrn (Matth. 23, 2): Auf dem Stuhle Mosis sitzen die Schriftgelehrten und Pharisäer. Da, wo er vom Wallfahrten spricht, erklärt er geradezu: „Wir wissen, dass dieser Missbrauch seinen Ursprung hat in den unverstandenen Worten des Erlösers, da er zu Petrus sprach (Matth. 16, 18): Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen, und dir übergebe ich die Schlüssel des Himmelreichs. Darum wollen die Törichten, unbekümmert um alle geistige tiefere Einsicht, nach Rom reisen!“ Wir können uns denken, dass dieser würdige Vorläufer der Reformatoren gar mancherlei Anfeindungen zu erdulden hatte. „Meinen Nachbarn,“ schreibt er, „bin ich ein Ärgernis geworden und meinen Bekannten ein Schrecken, so sehr, dass, wer mich sieht, mich nicht allein verhöhnt, sondern Alle mit Fingern auf mich zeigen. Der Vater des Erbarmens und des Trostes aber hat mich gestärkt in meiner Not, und durch ihn werde ich fortbestehen in aller Anfechtung, angetan mit den Waffen der Gerechtigkeit und geschützt durch den Helm des Heiles.“ Mutig kämpfte Claudius fort, und der Gott, auf den er vertraut hatte, schenkte ihm im Jahre 839 einen friedlichen Tod nach einem so bewegten Leben. Mit seinem Dahinscheiden ging der Segen seines Wirkens nicht verloren: in vielen empfänglichen Gemütern lebten seine Lehren fort und verpflanzten sich still von Geschlecht zu Geschlecht.
Gegen den Anfang des zwölften Jahrhunderts trat im südlichen Frankreich der Priester Peter von Bruys als Reformator auf. Er verwarf die Autorität der Kirche, und wollte nichts als verpflichtend für den Glauben annehmen, was sich nicht aus der Heiligen Schrift beweisen ließe. Nachdem er zwanzig Jahre als Prediger gewirkt, wurde er bei St. Gilles in Languedoc von einem wütenden Volkshaufen ergriffen und zum Scheiterhaufen geschleppt.
Noch größeren Zulauf und noch höheres Ansehen erwarb sich sein Jünger und Nachfolger der Cluniacensermönch Heinrich. Er verließ, als feuriger Jüngling, die verhasste Einsamkeit des Klosterlebens und zog in Mönchstracht und barfuß als Bußprediger unter dem Volke umher, zufrieden mit Allem, was ihm von Bürgern und Landleuten zum Lebensunterhalte dargereicht wurde. Begabt mit großer Gewalt der Rede und in der Bibel bewandert, eiferte er gegen die herrschenden Gebrechen, besonders gegen die Laster der Geistlichkeit. Die Leute fühlten sich durch seine Bußpredigten so betroffen, dass sie ihn als einen Propheten verehrten, der in das Innere der Menschen blicken könne und behaupteten, auch ein steinernes Herz müsste durch ihn erweicht werden.
Auch Heinrich erkannte keine Lehre an, welche sich nicht ausdrücklich aus den Worten der Heiligen Schrift nachweisen ließe und benutzte die Gaben, welche ihm dargereicht wurden, um Männer und Frauen aus der Leibeigenschaft zu befreien, Arme zu kleiden und zu ernähren. Sein Anhang bei Vornehmen und Niederen war so groß, dass sein Gegner, der schon erwähnte Bernhard von Clairveaux klagen musste: „die Kirchen sind ohne Gemeinden, die Gemeinden ohne Priester, die Priester ermangeln der schuldigen Ehrerbietung, die Kirchen werden den Synagogen gleichgesetzt, die Sakramente nicht für heilig gehalten, die Feste werden nicht mehr gefeiert!“ Nachdem er längere Zeit in der Provence, den Gegenden von Toulouse und Albi gewirkt, bemächtigte sich der Erzbischof Samson von Rheims seiner Person, und das 1184 in dieser Stadt gehaltene Konzil verurteilte ihn zu lebenslänglicher Gefangenschaft bei dürftiger Kost. Er starb nicht lange darauf.
Mit derselben Strenge, jedoch mehr vom politischen als religiösen Standpunkte aus, erhob sich zu Brescia, in Oberitalien, ein Geistlicher, Namens Arnold, gegen die Entartung der Kirche und die Macht des Papstes in weltlichen Dingen. Selbst eine sehr strenge Lebensweise führend, verlangte er, die Bischöfe und Äbte sollten, den Lehren der Heiligen Schrift folgend, von weltlichen Besitzungen und allen weltlichen Geschäften sich lossagen und alles dies den Fürsten übergeben. Die Geistlichen sollten mit dem zufrieden sein, was die Liebe der Gemeinden zu ihrem Lebensunterhalt ihnen darreiche. Innocenz II. nötigte den gefährlichen Mann, Italien zu verlassen; aber seine Ideen blieben zurück. Die Bürger Roms verlangten endlich vom Papste geradezu, er solle sich auf die Verwaltung des Geistlichen beschränken und übertrugen einem Senate die Leitung der bürgerlichen Angelegenheiten. Ja, sie gingen so weit dass sie dem Heiligen Vater feierlich den Gehorsam aufkündigten, und sich gegen denselben mit dem deutschen Kaiser zur Wiederherstellung des römischen Freistaates zu verbinden suchten. Die Unruhen dauerten lange fort, bis endlich Kaiser Friedrich I., im Jahre 1156, sich Arnolds bemächtigte und ihn dem Papste Hadrian IV. auslieferte, mit welchem er gerade in Unterhandlungen stand. Arnold wurde erhängt, sein Leichnam verbrannt und die Asche in die Tiber geworfen, damit seine Gebeine von den für ihn hochbegeisterten Römern nicht als Reliquien eines Märtyrers verehrt werden könnten.
Gefährlicher als alle diese Erscheinungen war für Rom das Auftreten einer Gemeinde, welche fern von allen Ausschweifungen und Übertreibungen, den Schatz des ursprünglichen einfachen Christentums bewahrte, und mit der geheimnisvollen Kraft eines echt evangelischen Glaubens den Keim zu einer gänzlichen Umgestaltung der Kirche in ihrem Schoße trug. Es ist die Gemeinde der Waldenser.
Über den Namen und Ursprung dieser Sekte haben die Gelehrten viel gestritten und geschrieben. Selbst die Waldensischen Schriftsteller sind darüber durchaus nicht einig1). Nach der gewöhnlichen, auch von neueren Geschichtsschreibern beibehaltenen Annahme sind die Waldenser ins Leben gerufen und benannt worden von dem Lyoner Kaufmann Peter Waldus, welcher in der letzten Hälfte des zwölften Jahrhunderts lebte. Dem widerspricht aber der Umstand, dass die ältesten Schriften der Waldenser sicherlich aus dem Anfange dieses Jahrhunderts stammen, und in einer derselben bereits der Name „Waldenser“ zur Bezeichnung einer bestimmten, von der römischen Kirche abweichenden Religionsgemeinschaft vorkommt.
Schon seit alter Zeit hat man darum die sehr wahrscheinliche Behauptung aufgestellt, der Name Waldenser, oder Vallenser, komme nicht von einem Stifter her, sondern bezeichne die Täler (Val, Vaux), welche dieses Völkchen seit den ältesten Zeiten in Frankreich und Italien bewohnt habe. Waldenser heiße so viel als Talleute, Talbewohner2). Bereits, der gelehrte Reformator und Freund Calvins, Theodor Beza, sagt in seinen „Schilderungen ausgezeichnet frommer und gelehrter Männer“: „Die Waldenser haben ihren Namen von den Tälern und den Engpässen zwischen den Alpen, die sie sich zu ihrer Wohnung ausersehen“. Unmittelbar darauf äußert er sich über das Alter derselben: „Man kann mit Recht sagen, dass sie die wahren Überreste der reinen ursprünglichen christlichen Kirche sind. Denn es ist bekannt und gewiss, dass der allmächtige Gott sie nach seiner unerforschlichen Weisheit mitten unter so vielen Stürmen dergestalt erhalten hat, dass sie schon seit vielen Jahrhunderten die durch die List der römischen Päpste irregeleitete Welt erschüttert haben.“
Der Waldenser Leger ist der Meinung: seine Vorfahren hätten ihren Glauben von dem Apostel Paulus empfangen. Dieser sage nämlich in seinem Briefe an die Römer (Cap. 15, V. 24): „Wenn ich reisen werde in Hispanien, will ich zu euch kommen. Denn ich hoffe, dass ich da durchreisen und euch sehen werde, und von euch dorthin geleitet werden möge; so doch, dass ich zuvor mich ein wenig mit euch ergötze.“
Auf seiner Reise nach Spanien sei der Apostel durch Piemont gekommen und habe das Evangelium daselbst gepredigt; unverfälscht durch Menschensatzungen habe sich in diesen abgeschlossenen Tälern der reine apostolische Glaube durch alle Jahrhunderte hindurch erhalten, und von hier aus, wie von einem geistigen Feuerherde, seine Strahlen in die Nacht der immer tiefer sinkenden Kirche geworfen. Das Verderben der Kirche beginne mit der Zeit Sylvesters, welcher zu Anfang des vierten Jahrhunderts Bischof zu Rom gewesen. Dieser habe die Lebensweise eines wahren Priesters verlassen, in Pracht und Herrlichkeit gelebt und viele Irrlehren aufgebracht. Dagegen wäre aber ein gottesfürchtiger Mann mit Namen Leon aufgetreten und habe viele Anhänger gesammelt, welche sich nach ihm Leonisten nannten. Diese Leonisten seien bereits Waldenser gewesen, und die nachfolgenden Glaubenskämpfer, Claudius von Turin, Peter von Bruys, Heinrich, Arnold von Brescia, seien aus ihrer Gemeinde hervorgegangen.
Einige Schriftsteller betrachten endlich die Waldenser als die Nachkommen von Christen, welche unter den grausamen Verfolgungen der römischen Kaiser Nero und Domitian sich in die Gebirge des nördlichen Italiens und des südlichen Frankreichs gerettet.
Bis jetzt sind wir nicht im Stande, über die äußere Entstehung der Waldensersekte mit unzweifelhafter Bestimmtheit zu entscheiden. Nur das ist gewiss: der Geist, der sie ins Dasein gerufen, der in allen ihren Schriften weht, dieser ist älter als jener Bürger von Lyon; er ist der Geist der Wahrheit, der zu keiner Zeit die Kirche ganz verlassen hat, der Geist des Stifters unserer Religion und seiner Jünger. Dieses inneren Zusammenhangs der Waldenser mit den Aposteln wollen wir uns freuen; ihn äußerlich nachweisen zu wollen, wäre eine vergebliche Mühe. Hier gilt das Wort: „Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Saufen wohl; aber du weißt nicht, von wannen er kommt und wohin er fährt. Also ist ein Jeglicher, der aus dem Geist geboren ist“ (Joh. 3, 8.). Als ausgemacht kann aber auch betrachtet werden, dass die ältesten Religionsurkunden dieser Talleute vor Peter Waldus entstanden sind. Besonders gilt dies von einem sehr schönen Lehrgedichte, der edle Unterricht (Nobla Leyczon) genannt; ferner von einem Katechismus und einem Glaubensbekenntnisse der Waldenser, welche jedenfalls in den Anfang des zwölften Jahrhunderts zu sehen sind.
Damit unsere Leser sich schon jetzt ein selbstständiges Urteil über diese „Reformatoren des Mittelalters“ bilden können, und dann mit doppelter Liebe bei den Großtaten eines Heldenmutes verweilen, der nur wahrhaft gewürdigt werden kann, wenn man das Kleinod kennt, für welches gekämpft wurde, so teilen wir hier einige Bruchstücke mit aus diesen ältesten Urkunden des Waldensischen Glaubens.
Aus dem edlen Unterrichte vom Jahre 1100.
O Brüder, hört einen edlen Unterricht:
Wir müssen wachen und fleißig sein im Gebete,
Denn wir sehen, dass die Welt ihrem Ende nahe ist.
Schon sind tausend und einhundert Jahre verflossen,
Seitdem geschrieben ist: es ist die letzte Zeit.
Da aber kein Mensch das Ende wissen kann,
So haben wir uns desto mehr zu fürchten; verborgen ist es,
Ob heute oder morgen der Tod uns ruft.
Wenn aber Christus kommen wird am Tage des Gerichtes,
So wird ein Jeglicher seinen Lohn empfangen,
Sowohl wer da Böses als auch wer Gutes getan hat.
Ein Jeder nun, welcher gute Werke vollbringen will,
Fange damit an, Gott zu lieben und zu verehren;
Er bitte, dass der Sohn Gottes und der heiligen Maria ihm helfe,
Und nehme sich den heiligen Geist zum Führer.
Diese drei sind die heilige Dreieinigkeit.
Zu dem einigen Gotte, welcher allein anzubeten ist,
Zu ihm, dem Allmächtigen, Allweisen und Alliebenden,
Sollen wir oft uns wenden,
Dass er uns Kraft geben wolle wider unsere Feinde:
Die Welt, den Teufel und unser eigen Fleisch und Blut,
Dass er uns Weisheit und Gnade verleihe,
Den Weg der Wahrheit zu erkennen,
Und unbefleckt zu bewahren die Seele, die er uns gegeben hat.
Wollen wir Christum lieben und seine Lehre kennen lernen,
müssen wir wachen und in der Schrift forschen.
Wenn wir diese lesen, dann werden wir finden,
Dass Christus nur darum verfolgt wurde, weil er Gutes getan hat.
Es gibt auch heut zu Tage noch Viele,
Die den Weg Christi zeigen wollen,
Aber darüber so verfolgt werden, dass sie wenig ausrichten können.
Die falschen Christen sind dergestalt durch Irrtum verblendet,
Und zwar vor allen Anderen die Lehrer selbst,
Dass sie diejenigen, welche besser sind, als sie, misshandeln und töten,
Dagegen die Schlechten in Ruhe leben lassen.
Daran kann man erkennen, dass sie keine gute Hirten sind:
Sie lieben die Schafe nur wegen der Wolle.
Ist Jemand, welcher Gott liebt und Jesum Christum fürchtet,
Nicht verleumdet, nicht schwört, nicht lügt,-
Nicht die Ehe bricht, nicht tötet, nicht stiehlt,
An seinen Feinden sich nicht rächt
So sagen Jene: dieser ist ein Waldenser und verdient den Tod.
Wer aber verfolgt wird wegen seiner Gottesfurcht, der kann sich trösten;
Denn nach seinem Ausgang aus der Welt wird sich der Himmel ihm öffnen,
Und dort wird er statt der Schande große Ehre haben.
Ich wage es zu sagen, und man wird finden, dass es wahr ist:
Alle Päpste, von Sylvester3) an bis jetzt,
Alle Kardinäle, Bischöfe und Äbte zusammengenommen.
Haben nicht die Macht, irgend Jemand loszusprechen
Und ihm für Todsünden Vergebung zu erteilen.
Gott allein vergibt die Sünde, sonst Niemand.
Dagegen ist es die Pflicht der Lehrer,
Zu beten und dem Volke zu predigen,
Es oft zu speisen mit dem Worte Gottes,
Die Sünder mit guter Zucht zu strafen
Und durch ernste Vorstellungen zur Buße zu ermahnen,
Damit sie dem Herrn Jesu nachfolgen, seinen Willen tun
Und getreulich seine Gebote halten.
Aus dem Katechismus der Waldenser vom Jahre 1100.
(Derselbe wurde bei dem Jugendunterrichte gebraucht, ist in Frage und Antwort eingeteilt und zerfällt in drei Abschnitte, wovon der eingeteilt den Glauben, der zweite die Liebe, der dritte die Hoffnung behandelt.)
Frage. Was ist der Glaube?
Antwort. Derselbe ist, nach Hebr. 11, 1, eine gewisse Zuversicht des, das man hofft, und nicht zweifelt an dem, das man nicht sieht.
Fr. Was ist der lebendige Glaube?
Antw. Derjenige, welcher tätig ist durch die Liebe.
Fr. Was ist der tote Glaube?
Antw. Nach Jakobus: der Glaube, welcher nicht Werte hat, ist tot.
Fr. Welches Glaubens bist du?
Antw. Des wahren katholischen und apostolischen Glaubens.
Fr. Welcher ist dieser Glaube?
Antw. Derjenige, welcher in den zwölf Artikeln des apostolischen Glaubensbekenntnisses enthalten ist.
Fr. Worin sind alle Gebote zusammengefasst?
Antw. In den zwei Hauptgeboten: Du sollst Gott lieben über Alles und deinen Nächsten als dich selbst.
Fr. Welches ist der Grund, auf welchem diese Gebote ruhen, durch welchen Jeder zum wahren Leben kommen, und ohne welchen Grund man die Gebote nicht wahrhaft erfüllen kann?
Antw. Der Herr Jesus Christus, von dem der Apostel sagt: Einen andern Grund kann Niemand legen, außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.
Fr. Woran merkst du, dass du an denselben glaubst?
Antw. Daran, dass ich ihn erkenne als wahren Gott und wahren Menschen, welcher geboren ist und gelitten hat zu meiner Erlösung und Rechtfertigung; dass ich ihn liebe und danach strebe, seine Gebote zu erfüllen.
Fr. Wodurch gelangst du zu den Haupttugenden: dem Glauben, der Hoffnung und der Liebe?
Antw. Durch die Gabe des Heiligen Geistes.
Fr. Glaubst du an den heiligen Geist?
Antw. Ja ich glaube an ihn. Denn der Heilige Geist geht aus vom Vater und vom Sohne, ist eine Person der Dreieinigkeit und der Göttlichkeit nach gleich mit dem Vater und dem Sohne.
Fr. Auf welche Art betest du an und verehrst du den Gott, an welchen du glaubst?
Antw. Ich verehre ihn äußerlich und in meinem Innern. Äußerlich: durch Beugung der Knie, Erhebung der Hände, Verneigung, durch Lobgesänge und geistliche Lieder, durch Fasten und Anrufungen. Im Innern aber verehre ich Gott durch Ergebung und Geduld, durch Bereitwilligkeit zu Allem, was ihm wohlgefällt, durch Glaube, Hoffnung und Liebe nach seinen Geboten.
Fr. Betest du noch sonst Etwas an und verehrst es wie Gott?
Antw. Nein. Denn es ist sein ausdrückliches Gebot: Du sollst anbeten Gott deinen Herrn und ihm allein dienen. Desgleichen: Ich will meine Ehre keinem Andern geben. Und Jesus Christus sagt: Das sind die wahren Anbeter, die den Vater im Geist und in der Wahrheit anbeten.
Fr. Wie betest du?
Antw. Ich bete, wie mich der Sohn Gottes gelehrt hat: Vater unser, der Du bist in dem Himmel usw.
Fr. Was glaubst du von der heiligen Kirche?
Antw. Ich glaube, dass die Kirche auf zweierlei Art zu betrachten ist: einmal ihrem Wesen nach, und sodann nach dem Dienste, welcher in ihr zu versehen ist. Dem Wesen nach gehören zur heiligen katholischen Kirche alle Auserwählten, von Anfang bis zu Ende, welche, von Gottes Gnade durch das Verdienst Jesu Christi und die Kraft des Heiligen Geistes gesammelt und zuvor bestimmt zum Heile, nach Zahl und Name nur dem bekannt sind, der sie erwählt hat. In Beziehung aber auf den Dienst bilden die Kirche die Prediger Christi, mit dem ihnen anvertrauten Volke, welche ihr Amt verwalten in Glaube, Hoffnung und Liebe.
Fr. Woran erkennt man die wahren Lehrer?
Antw. An dem echten Glauben, der gesunden Lehre, an dem musterhaften Wandel, an der Verkündigung des Evangeliums und der richtigen Verwaltung der Sakramente.
Fr. Welches sind die geistlichen Geschäfte?
Antw. Die Predigt und die Austeilung der Sakramente.
Fr. Wie viel Sakramente gibt es?
Antw. Zwei: die Taufe und das Abendmahl.
Fr. Was ist die Hoffnung?
Antw. Die sichere Zuversicht der Gnade und künftigen Herrlichkeit.
Fr. Durch wen hoffst du auf Gnade?
Antw. Durch den Mittler Jesus Christus, von welchem Johannes sagt: die Gnade und Wahrheit ist durch Jesum Christum geworden (Ev. Joh. 1, 17.); wir sahen seine Herrlichkeit voller Gnade und Wahrheit (Joh. 1, 14.); I aus seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade (Joh. 1, 16.).
Fr. Worin besteht diese Gnade?
Antw. In der Erlösung, Vergebung der Sünden, Rechtfertigung, Annahme an Kindes Statt und in der Heiligung.
Fr. Wodurch kannst du hoffen auf die Gnade in Christo?
Antw. Durch lebendigen Glauben und wahre Reue, wie Christus sagt: tut Buße und glaubt an das Evangelium (Mark. 1, 15.).
Fr. Was glaubst du von der Jungfrau Maria? Ist sie doch voller Gnade? Denn der Engel spricht zu ihr: gegrüßt seist du Holdselige (Luk. 1, 28.).
Antw. Die heilige Jungfrau ist voll Gnade, aber nur für sich selbst, nicht so, dass sie dieselbe Anderen mittheilte. Ihr Sohn allein ist voll Gnade, um sie Anderen mitzuteilen, wie von ihm gesagt ist: aus seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade.
Fr. Worin besteht das ewige Leben?
Antw. Im lebendigen, tätigen Glauben und in dem Beharren bei demselben. Der Heiland sagt (Joh. 17, 3): das ist das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesum Christum, erkennen; und wer bis ans Ende beharrt, der wird selig (Matth. 10, 22.) Amen!
Aus dem Glaubensbekenntnisse der Waldenser vom Jahre 1120.
Wir glauben und halten fest an Allem, was enthalten ist in den zwölf Artikeln des apostolischen Glaubensbekenntnisses. Wir glauben an einen Gott, Vater, Sohn und heiligen Geist.
Die Bücher der Heiligen Schrift lehren uns: Es ist ein Gott, welcher allmächtig, allweise, allliebend, nach seiner Güte die ganze Welt erschaffen hat. Er hat Adam nach seinem Bild gemacht; aber durch die List des Teufels und den Ungehorsam Adams ist die Sünde in die Welt gekommen, und wir sind nun Sünder in Adam und durch Adam.
Christus ist verheißen worden den Vätern, welche das Gesetz empfangen haben, damit sie durch das Gesetz zur Erkenntnis ihrer Sünden und ihres Unvermögens gelangen und mit Sehnsucht nach der Ankunft Christi erfüllt werden möchten, welcher für ihre Sünden genugtun und selber das Gesetz erfüllen sollte.
Christus ist geboren worden zu der von Gott, seinem Vater, bestimmten Zeit, als die Ungerechtigkeit immer mehr überhandgenommen hatte. Nicht allein der guten Werke wegen ist er gekommen denn Alle waren Sünder sondern damit er, der Wahrhaftige, uns Gnade und Erbarmung bringe.
Christus ist unser Leben und Friede, unsere Gerechtigkeit, unser Hirt, unser Fürsprecher, Opfer und Priester, der gestorben ist zum Heil aller Gläubigen, und auferstanden zu unserer Rechtfertigung.
Wir halten daran fest, dass es keinen andern Mittler und Fürsprecher bei Gott, dem Vater, gibt, als Jesus Christus; dass aber die Jungfrau Maria heilig, demütig und voller Gnade ist. Ebenso glauben wir von allen anderen Heiligen, dass sie im Himmel die Auferstehung ihres Leibes zum Gerichte hoffen.
Ebenso glauben wir, dass es für die Verstorbenen nur zwei Orte gibt: einen, das Paradies genannt, für die Seligen; den anderen, welchen man die Unterwelt nennt, für die Verdammten. Wir leugnen ganz und gar das Fegfeuer als einen Traum des Widerchrists und eine leere Erdichtung.
Wir haben immer verworfen alle Menschensatzungen, von welchen man vor Gott nicht reden sollte; nämlich die Feste und Vigilien der Heiligen, das sogenannte Weihwasser, das Enthalten von Fleisch und anderen Speisen zu gewissen Tagen, und besonders die Messen.
Wir verachten, als widerchristlich, alle menschlichen Überlieferungen, welche nur irre leiten und die Freiheit des Geistes beeinträchtigen.
Wir glauben, dass die Sakramente Zeichen, oder sichtbare Formen heiliger Dinge sind, und halten für gut, dass sich die Gläubigen, wenn es sein kann, öfters dieser Zeichen oder sichtbaren Formen bedienen. Jedoch glauben und behaupten wir auch, dass die Gläubigen selig werden können, ohne diese Zeichen empfangen zu haben, wenn es ihnen dazu an Zeit und Gelegenheit gefehlt hat.
Wir haben niemals andere Sakramente anerkannt als die Taufe und das Abendmahl. Der weltlichen Obrigkeit sind wir Ehrfurcht, Unterwerfung, Gehorsam, Dienstwilligkeit und Zahlung der Abgaben schuldig.
Außer diesen ältesten Denkmälern des waldensischen Glaubens haben wir noch einige andere Schriften, welche, wenn auch etwas später verfasst, doch sicherlich in das zwölfte Jahrhundert fallen. Hierher gehören z. B. die Schriften über den Antichrist, über das Fegfeuer, die Anrufung der Heiligen, die Sakramente; eine Auslegung der zehn Gebote, des Vater unsers, des apostolischen Glaubensbekenntnisses; der geistliche Kalender, welcher über verschiedene Gegenstände (die Sakramente, den Ehestand, das Fasten, die Krankenbesuche usw.) handelt4). In allen diesen Schriften begegnet uns ein echt biblischer Geist und der immer klarer und entschiedener sich entwickelnde Widerspruch gegen die Irrlehren und Missbräuche der herrschenden Kirche.5)
Lange konnten die Waldenser in ihren abgeschiedenen Tälern ihres Glaubens leben, ehe sie von den Häuptern der römischen Kirche bemerkt und verfolgt wurden. Das Letztere fällt mit dem Auftreten eines Mannes zusammen, welcher, sei er auch nicht der Begründer ihres Glaubens und ihrer Lehre, an der Spitze ihrer Geschichte steht. Das öffentliche Hervortreten und damit die Kämpfe und Leiden der Waldenser beginnen mit Peter Waldus, diesem treuen Zeugen evangelischer Wahrheit.