Beets, Nicolaas - Strenge und barmherzig.
Gen. 3, 14-24.
Da sprach Gott der Herr zu der Schlange: Weil du solches getan hast, seist du verflucht vor allem Vieh, und vor allen Tieren auf dem Felde; Auf deinem Bauche sollst du gehen, und Erde essen dein Leben lang. Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe, und zwischen deinem Samen und ihrem Samen. Derselbe soll dir den Kopf zertreten; und du wirst ihn in die Ferse stechen. Und zum Weibe sprach er: Ich will dir viele Schmerzen schaffen, wenn du schwanger wirst; du sollst mit Schmerzen Kinder gebären; und dein Wille soll deinem Manne unterworfen sein, und er soll dein Herr sein. Und zu Adam sprach er: Dieweil du hast gehorcht der Stimme deines Weibes, und gegessen von dem Baum, davon ich dir gebot, und sprach: Du sollst nicht davon essen; verflucht sei der Acker um deinetwillen; mit Kummer sollst du dich darauf nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen, und sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiß deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis dass du wieder zur Erde wirst, davon du genommen bist. Denn du bist Erde, und sollst zur Erde werden. Und Adam hieß sein Weib Heva, darum, dass sie eine Mutter ist aller Lebendigen. Und Gott der Herr machte Adam und seinem Weibe Röcke von Fellen, und zog sie ihnen an. Und Gott der Herr sprach: Siehe, Adam ist worden als unser einer, und weiß, was gut und böse ist; nun aber, dass er nicht ausstrecke seine Hand, und breche auch von dem Baume des Lebens, und esse, und lebe ewig: Da ließ ihn Gott der Herr aus dem Garten Eden, dass er das Feld baute, davon er genommen ist. Und trieb Adam aus, und lagerte vor den Garten Eden die Cherubim mit einem bloßen hauenden Schwert, zu bewahren den Weg zu dem Baume des Lebens.
In dem Urteilsspruch über die ersten Sünder leuchten zugleich die Strenge und die Barmherzigkeit des höchsten Richters hervor.
Seine Strenge in dem entsetzlichen Inhalt, in der unmittelbaren Ausführung, in der schrecklichen Übertragung auf alle folgenden Geschlechter. Seine Barmherzigkeit in den gnädigen Zugaben zur Linderung der auferlegten Strafe; in den Segnungen, die sie mit sich bringt; in dem liebreichen Zweck, dem sie dienstbar ist.
Wie entsetzlich muss der Inhalt des Urteils unsern zitternden Eltern ins Ohr geklungen haben, wie sie so dastanden, aus ihrem vergeblichen Versteck zum Vorschein gerufen und vergebens bemüht, ihre Missetat zu verhehlen, sie vom Halse zu schieben, ja einigermaßen ihrem Schöpfer selbst zuzuweisen: „das Weib, das du mir zugesellet hast, gab mir von dem Baume und ich aß; die Schlange betrog mich also und ich aß.“ Mit diesen Worten haben die Schuldigen, jeder auf seine Weise, ihre Sache verteidigt. Nun ist das Verhör geschlossen. Sie mögen den Ausspruch erwarten. Schrecklicher Augenblick!
Weil du solches getan hast… so heißt es aus dem Munde des Herrn mit entsetzlichem Ernst, mit furchtbarem Nachdruck; aber noch gilt es den todesbleichen Adam, noch sein zusammensinkendes Weib nicht. Das Wort, das wie ein Donner dröhnt, das wie ein Blitzstrahl trifft, das Wort der Verfluchung, das durch das verwelkende Paradies wiederhallt, geht an ihren Häuptern vorbei und fährt nieder auf den Verführer, auf den Betrüger, in dem die Unglücklichen die Ursache ihrer Übertretung und ihres Elends betrachten; in dem erst spätere Geschlechter bloß das Werkzeug des für sie entlarvten „Menschenmörders“ erkennen sollten.
So lautet das Wort Gottes zu der Schlange: Weil du solches getan hast, seist du verflucht vor allem Vieh und vor allen Tieren auf dem Felde; auf deinem Bauche sollst du gehen und Erde essen dein Leben lang. Straft Gott also ein Tier des Feldes, wie wird er den Menschen strafen, der nach seinem Bilde geschaffen ist?
Und schon beginnt dieser in dem Urteilsspruch über die Schlange einen Teil der Strafen zu vernehmen, die seiner warten.
Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe und zwischen deinem Samen und ihrem Samen; derselbe soll dir den Kopf zertreten und du wirst ihn in die Ferse stechen. Feindschaft also und blutiger Streit, in dieser Schöpfung, wo ungestörter Friede herrschte; Empörung und Bedrohung von Seiten des Geschöpfes, das geschaffen war, gehorsam zu sein und zu dienen. Der gefallene König genötigt für sein Leben zu kämpfen oder es teuer zu verkaufen!
So viel vernehmen sie schon mit Zittern; aber der Augenblick ist jetzt gekommen, wo der heilige Richter sich unmittelbar zu ihnen wendet. Von der Schlange, die das Weib betrogen hat, wendet er sich zu dem Weibe, das diesen Adam verführt hat und entsetzlich ist die Last des Urteils, welches auf dieses gebeugte Haupt gelegt wird.
Und zum Weibe sprach er: ich will dir viele Schmerzen schaffen, wenn du schwanger bist; du sollst mit Schmerzen Kinder gebären und auf ihn soll deine Begierde gerichtet sein und er soll dein Herr sein. Schmerz und abermals Schmerz; Vervielfältigung von Schmerz; Schmerz für das schwangere, für das gebärende Weib; Schmerz für das liebende, Schmerz für das dienende; ja für das liebende, denn die Liebe ist Leidenschaft geworden; ja für das dienende, denn die Hilfe wird Dienst. Zitterten beide bei der Verfluchung der Schlange, was muss ein Adam gelitten haben bei diesem Urteil über das Weib, das unter seinem Herzen weggenommen und noch ein Teil seiner selbst war.
Aber die Reihe ist an ihn selbst gekommen. Ihm, dem Manne, dem Bilde Gottes, dem König der Schöpfung; ihm, der aus des Herrn eigenem Munde das Gebot vernommen hat, welches die schmeichelnde Stimme eines Weibes ihn hat übertreten lassen; ihm muss vor der Strafe die Schuld, seine ganze unverantwortliche Schuld vorgehalten werden: Und zu Adam sprach er: Dieweil du hast gehorcht der Stimme deines Weibes und gegessen von dem Baume, davon ich dir gebot und sprach: du sollst nicht davon essen; verflucht sei der Acker um deinetwillen; mit Kummer sollst du dich darauf nähren dein Leben lang; Dornen und Disteln soll er dir tragen und du sollst das Kraut auf dem Felde essen; im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis dass du wieder zur Erde wirst, davon du genommen bist; denn du bist Erde und sollst wieder zur Erde werden. Fluchwürdig und, obgleich selbst nicht verflucht, den Nebel seiner Fluchwürdigkeit rings um sich ausbreiten, die Last des Fluches, den er verdient hatte, auf der Erde, die ihn trägt und nährt, ruhen sehen; ein peinliches Fristen des peinlichen Lebens durch Speise, kümmerlich von dem öden Acker gesammelt; die Tierwelt nicht bloß, auch die Pflanzenwelt widerstrebend und feindlich ihm gegenüber; nagende Täuschung bei unaufhörlicher Anspannung: das soll fortan das Teil dessen sein, der seine Hand von der ihm so ernstlich, so liebreich verbotenen Frucht nicht zurückhielt. Bild Gottes wollte er Gott gleich sein, aber sein Gott erinnert ihn daran und alles soll fortan es ihm zurufen, dass er Erde ist, aus Erde genommen und jetzt bestimmt zur Erde wiederzukehren. Sein in den Staub gebücktes Leben ist ein Leben am Rande des Grabes, eine Vorbereitung zum Tode, der ihm gedroht ist, ja ein beständiges Sterben.
Wer mag uns sagen, unter welchen Empfindungen die ersten Sünder ihr Urteil angehört, mit welchen Gedanken sie ihm nachgeforscht haben werden? Wie, inwiefern und inwiefern nicht sie beim ersten Vernehmen der entsetzlichen Worte in ihre Bedeutung und Kraft eindrangen? Ach, es war keine Zeit zu vielem Nachdenken und gar schnell ward alles deutlich genug. In diesem Garten Eden, der durch seine Schönheit, Lieblichkeit, Fruchtbarkeit und Fülle ihnen die Liebe Gottes, und nichts anderes als diese, versinnlichte, in diesem Paradiese ist für die Schuldigen keine Stätte mehr. Das Land der Fremde wartet ihrer. Die Frucht des Lebensbaumes ist verscherzt, seit der Baum der Erkenntnis gut zu essen, eine Lust für die Augen, ja lieblich anzusehen schien. Siehe, sagt Gott der Herr, der Mensch ist geworden als unser einer und weiß, was gut und böse ist; nun aber, dass er nicht ausstrecke seine Hand und breche auch von dem Baume des Lebens und esse und lebe ewig so ließ ihn Gott der Herr aus dem Garten Eden, dass er das Feld baute, davon er genommen war; aber nicht bevor er ihm das Kleid angezogen, dessen er in seiner Nacktheit bedarf; ach dessen er bedarf auf dem Erdboden, der um seinetwillen verflucht ist, im Streite mit den Elementen, mit den Tieren des Feldes, mit den Dornen und Disteln; das ihm eine Haltung geben muss, da die „nackte Herrlichkeit“ verloren gegangen ist, wobei er keines Zierrats bedurfte! Ein Kleid und welch ein Kleid? Das blutige Fell eines Tieres, worin er die Schrecklichkeit des Todes, der seiner wartet, angeschaut hat, siehe das ist die Bekleidung des gefallenen Gottesbildes; das seine Ausrüstung für das Land der Fremde; das muss seine Feigenblätter ersehen; das soll den erniedrigenden Putz- und den widerlichen Waffenprunk seiner Nachkommenschaft einleiten! Und Gott der Herr machte Adam und seinem Weibe Röcke von Fellen und zog sie ihnen an.
Und als sie in dem Kummer ihrer Herzen gleichsam festgewurzelt stehen bleiben an der teuren Stätte, wo sie so großen Frieden gekannt und verbreitet haben; als sie zögern der ausgestreckten Hand zu gehorchen, welche ihnen den Weg nach Osten anweist; als der Mensch sich nicht aus diesem Garten fortsenden lässt, außer dessen Bereich ihm die Welt wüste scheint, da wird er hinausgetrieben; denn das Urteil ist unwiderruflich. Und als er wohl hundert Mal umschaut nach der Stätte, wo er sein Glück und sein Herz lassen muss; als ihn die Versuchung anwandelt, auf seinem Wege umzukehren und zu erfahren, ob denn keine Milderung für das Angesicht seines Richters da ist; als er schmachtend umschaut nach dem verlorenen Paradiese und dem verbotenen Lebensbaum und die Hoffnung in seinem Herzen aufsteigt, dass er noch einmal, noch einmal wieder werde einkehren dürfen und seine unentbehrlichen Früchte pflücken… da stellen sich die Kräfte des Himmels und die Kräfte der Erde zwischen ihn und diesen Garten, zwischen ihn und diese seine Hoffnung… Ach, das Paradies ist verloren, für ewig verloren. Gott der Herr trieb den Menschen hinaus und lagerte gegen den Osten des Gartens die Cherubim mit der Flamme des hin- und herfahrenden Schwertes, zu bewahren den Weg zu dem Baume des Lebens.
Er wandert aus; er reist fort; fern von Eden setzt er sich nieder. Die Schlange schleicht ihm nach, ihn in die Fersen zu stechen und seinen Weg mit Blut zu zeichnen. Schnell ist der entsetzliche Augenblick da, wo, nach so vielen Schmerzen, ein unaussprechlicher, ein unbeschreiblicher Schmerz das Weib überfällt. Ihre Monden sind erfüllt; die Stunde namenloser Wehen ist gekommen. Sie gebiert ihren Erstgeborenen mit Schmerz; sie sieht ihn aufwachsen, einen Sünder! nach jeder verbotenen Frucht die kleinen Hände ausstrecken; bald die ausgewachsenen Hände in das Blut seines Bruders tauchen; sieht ihn, mit einem Herzen voll Frevel und Empörung wider Gott, aus ihren Augen fortziehen. Und Adam benetzt Tag für Tag den Staub der Erde mit dem Schweiße eines Angesichts, worin Sorge und Mühe tiefe Furchen prägen.
Und Adam erfährt, dass Dornen und Disteln nicht bloß auf dem Acker des Erdbodens, sondern auf jedem Acker wachsen und dass es Vervielfältigung der Schmerzen, dass es Geburtswehen auch für den Mann gibt. Unaussprechlich leidet er in seiner eigenen Seele; unaussprechlich in seinem Eheweibe; unaussprechlich in seinen Kindern; unaussprechlich in den acht Geschlechtern, die er vor sich sieht, Erbgenossen seiner Sünde und seines Elends, und durch ihn des Glückes enterbt. Viel und böse sind die Tage seines Lebens und sie ziehen sich hin, um die Erde mit Frevel überdeckt zu sehen, bis dass endlich das Wort in Erfüllung geht: Du sollst zur Erde wiederkehren! und der mit Fluch und Wehe belastete Erdboden ihm unter seinen Disteln und Dornen eine Ruhestätte verleiht.
Und sechzig Jahrhunderte sind vorübergegangen, seit jener entsetzliche Urteilsspruch über die ersten Sünder ausgesprochen und vollstreckt ist. Er ist nicht zurückgenommen. Sechzig Jahrhunderte haben nur gedient, ihn zu bestätigen. Was für Leiden, was für Drangsale, was für Kämpfe hat diese Erde schon geschaut! Was ist nicht schon in diesem großen Bethesda vor sich gegangen! Was nicht gelitten durch Brüder, Väter, Ehegatten, Kinder, ach Kindlein! Was für Geburtsschmerzen, was für Todesschmerzen; was für Tode, um zu dem Einen Tode zu kommen! Was ist nicht geschehen in diesem ausgedehnten Zeitraum, auf diesem blutigen Schlachtfelde! Was für Streit auf Leben und Tod mit aufrührerischen Elementen, mit wilden Bestien, mit verwilderten Naturgenossen und mit der alten Schlange! Wie haben auf jedem Acker die spitzesten Dornen Spott getrieben mit dem zähesten Fleiße, mit der erfinderischsten Hoffnung! Wie hat sich auf diesem unermesslichen Totenfelde der Staub der zum Staube Wiedergekehrten aufgehäuft; welche bitteren Tränen sind auf zahllosen Gräbern geweint! Durch alle Jahrhunderte hin lebte alles, was vom Weibe geboren ward, nur kurze Zeit und war voll Unruhe1); und ein Geschlecht nach dem andern welkte hin unter der bleiernen Last eines Urteils, das immer auf ihm lastete, wie die Sünde ihm immer anklebte, und das die Wahrheit ins Licht stellte: der allerhöchste Gott ist ein heiliger Gott; er ist strenge in seinen Gerichten.
So ist es. Der Gott, der da ist, ist strenge oder es ist kein Gott. Tor, der in seinem Herzen spricht: „es ist kein Gott“; größerer Tor, der da spricht: „der Gott, der da ist, ist zu groß und zu erhaben, oder zu gut und zu nachgiebig, als dass er das nichtige Geschlecht der Menschen auf diesem kleinen Planeten um ein wenig Sünde verfolgen sollte; er sieht sie nicht, der Allerhöchste achtet ihrer nicht“; oder wenn er sie sieht, und darauf achtet, er rechnet sie ihnen, deren Werk sie ist, so schwer nicht an und gedenkt daran, dass sie Staub sind. Sollte Gott strafen, sollte Gott zürnen, er, der barmherzig und gnädig ist, geduldig und von großer Güte? Er strafen, Er zürnen, von dem geschrieben steht: Gott ist die Liebe?“ Ja, er strafet; ja, er zürnt, oder, sündige Menschheit, dein trauriger Zustand ist unerklärlich. Ja, er strafet, er zürnt; und wenn du es solltest verkennen, es leugnen wollen: dein Leiden und dein Kämpfen, dein Blut, deine Tränen, die Schmerzen der Gebärenden und die Seufzer der Bedrängten würden es ausrufen; wenn du schwiegest, so würden die stillen Gräber schreien: „Gott ist ein gerechter Richter und ein Gott, der täglich droht.2)“
Dennoch ist es nicht nötig bei der Erkenntnis, dass der gerechte Richter täglich zürnt, die teure Überzeugung, die ewig gepriesene Wahrheit einzubüßen: Gott ist die Liebe. Lerne zu einer anderen Folgerung kommen; lerne einen Schluss ziehen, der sich wider die Sünde kehrt, der sich wider dich kehrt. Sage, Gott ist die Liebe, und er straft so strenge: welch ein entsetzliches Übel muss dann die Sünde sein! Höre auf sie zu beschönigen, höre auf sie für eine entschuldbare Schwachheit zu halten. Wäre Adams Fehltritt die leichte Übertretung gewesen, welche Du darin siehst: fürwahr, so hätte der Gott, der die Liebe ist, den Liebling seiner Schöpfung nicht entsandt, nicht vertrieben aus dem Paradiese! War eine sündige Menschheit entschuldbar, er würde sie nicht also belasten; war ihre Verderbnis eine zu vergebende Schwachheit, er würde sie nicht also mit seinen strengsten Strafen sechzig Jahrhunderte lang in allen Geschlechtern heimsuchen. Die Schwere der Strafe beweist die Schwere der Schuld. Betäube die Stimme deines Gewissens, zerreiße dieses Blatt deiner Bibel und die ganze Bibel; dämpfe, Ungläubiger, die Flammen des ewigen Feuers, wovon diese Bibel spricht, mit Spott: dein Los und dein Leben, der Schweiß deines Angesichts, die Runzeln auf deiner Stirn, und wo nichts von dem allen, so ruft das Grab, das zu deinen Füßen gähnt, dir zu: „du bist schuldig, schuldig vor Gott; eine schwere Schuld ruht auf dir.“
Komm denn selbst zu dieser Erkenntnis, Mensch, wer du bist! der du nicht verkennen kannst, was ist, und nicht zweifeln magst, dass Gott gerecht, dass er die Liebe ist. Wehklagende Mutter, geplagter Hausvater; Armer, der seine Hand voll Korn kümmerlich zwischen den Disteln aufrafft; Reicher, den der Müßiggang nicht gegen den Schweiß des Angesichts schützt; Kranker, der den langsamen Tod an seiner Herzader nagen fühlt; du, liebes Kind, das keinen scharfen Dorn aus seinem Blumenkranze bannen kann; und du, ergrauter Streiter, von dem langen blutigen Kampfe erschöpft - schreibt eurem Gotte nichts Ungereimtes zu; murret nicht; sondern sprecht: „ich bin schuldig; ich bin ein Sünder und die Sünde ist ein Gräuel vor Gott.“ Und ich will euch die Barmherzigkeit des Gestrengen zeigen.
Diese leuchtet hervor in dem, was in das auferlegte Urteil zur Milderung und Ermutigung eingemischt ist; leuchtet hervor in der gesegneten Art der strengen Strafen; leuchtet hervor in dem liebreichen Zweck der Strafe, in ihrer Zweckmäßigkeit.
Als Adam vor seinem Richter stand und das Urteil anhörte, das über die Schlange, das Weib, über ihn selbst gesprochen wurde, hatte er wohl nur für die Schrecklichkeit desselben ein Ohr; aber sein Herz sagte ihm: es ist gerecht; und sich in den Händen eines Gerechten zu fühlen, das hat etwas Wohltuendes, auch bei dem strengsten Recht. Das Urteil wurde vollzogen; er wurde aus dem Garten vertrieben. Gebeugten Haupts ging er hin, das Auge auf die Erde gerichtet, von welcher er genommen war und zu der er wiederkehren musste. Aber sobald er einige Ruhe fand und den ganzen Rechtshandel und den ganzen Ausspruch wieder bei sich überdachte, musste ihm auch zum Bewusstsein kommen, was zugleich zur Aufrichtung für ihn in seiner so tiefen Betrübnis darin lag. Diese entsetzliche Verfluchung der Schlange, womit Gott der Herr angefangen hatte, dieses schreckliche „dieweil du dieses getan hast“, welches sein erstes Wort gewesen war, bewies es nicht seine große Teilnahme an dem Glück, an dem durch die Schlange verwüsteten Glück seiner Menschenkinder? Die Feindschaft, die Gott der Herr sich beeilt hatte, zwischen den Betrogenen und den falschen Freund zu sehen, obschon sie auf blutigen Streit zu stehen kommen sollte, war sie nicht eine Wohltat? Und dieser Streit sollte ja am Ende zum Siege führen: des Weibes Same sollte der Schlange den Kopf zertreten! Des Weibes Same… Nein, jenes Wort war nicht eingetroffen: seid fruchtbar und mehrt euch und füllt die Erde! Das Weib sollte Mutter werden. Mit Schmerz, mit großem Schmerz; doch sie soll Mutter und Adam Vater sein. So viel Wonne, so viel unaussprechliches Glück liegt in diesem Gedanken, dass er selbst einem aus dem Paradiese verwiesenen Adam in Tränen ein Lächeln abgewinnt; dass darüber ein Mensch, zu dem gesagt ist: „du bist Erde und sollst wieder zur Erde werden“, den Tod vergisst und er die sterbliche Mutter aller Sterblichen nach dem Leben und Wiederleben in ihren Kindern benennt. Und Adam hieß sein Weib Heva, darum dass sie eine Mutter aller Lebendigen ist.
Und als nun der schreckliche Augenblick überstanden ist, wo diese Mutter aller Lebendigen in Todesschmerz und Angst ihren Erstgeborenen gebiert; als dieses Weib nicht mehr denkt an die Angst um der Freude willen, dass ein Mensch zur Welt geboren ist3): da erfährt sie es, bei dem Vergessen und doch Nimmervergessen dieser schrecklichen Stunde, dass auch in diesen Schmerzen selbst ein Segen liegt. Das Band, welches der Mutter Herz an ihr Kind bindet, ist umso inniger und stärker, weil sie es mit Wehen und Schmerzen geboren hat. Alle Mütter, alle Kinder wissen es. Auch in dem gemeinsamen Leiden sollte für die eheliche Liebe sündiger Menschen ein Segen sein. Sünde trennt, Schmerz vereinigt. Dieses Weib gab mir und ich aß: welch ein böser Hintergrund von gegenseitigem Hass lag in diesem Worte. Aber die Vervielfältigung des Schmerzes, besonders ihrer Schwangerschaft, aber der Schweiß des Angesichts bei den Dornen und Disteln: welch eine Zärtlichkeit der Liebe, falls noch Liebe da ist, rufen sie hervor! Zu deinem Manne soll deine Begierde sein und er soll dein Herr sein: wie traurig, dass das Verhalten zwischen dem Manne und seiner Männin fortan bestimmt und geregelt zu werden verdient und nicht mehr alles und genug gesagt ist in jenem Worte: eine Gehilfin dir gegenüber, Fleisch von deinem Fleisch, Bein von deinem Bein; aber welch ein Segen in diesem wohltuenden Gleichgewicht von Begierde und Beruf; von willigem Dienen und beschirmendem Herrschen.
Mühevoll, erschöpfend und vielfach verdrießlich ist die Arbeit, welche Adam und seinen Söhnen auferlegt wird, aber welch eine segensreiche Strafe ist es, mit Arbeit gestraft zu werden! Bezeugt es, die ihr den Segen dieser Strafe erfahret; alle, die ihr im Schweiße eurer Arbeit euer Brot esst und deren „Schlaf süß ist, haben sie nun wenig oder viel gegessen.4)“ Stärkung des Leibes, Übung des Geistes, Dämpfung der sündlichen Begierden, Trost bei dem vielen Leid: das alles liegt in der Arbeit, die Gott auferlegt hat, die zu Gott aufsehen lässt, die nie ungesegnet sein kann, weil sie schon an sich selber ein Segen ist.
Du bist Erde und sollst wieder zur Erde werden; der Weg zum Baume des Lebens abgeschnitten: aber wie der Mutterschmerz der Kinderlosigkeit und die mühsamste Arbeit dem Müßiggange, so ist einem ewigen Leben auf der Erde und in dem Zustande, worin der Mensch durch die Sünde gekommen ist, der Tod vorzuziehen. Aber wie? wenn bei dem Wiederkehren des Staubes zum Staube, von dannen er genommen ist, der Odem des Lebens, der den Menschen zu einer lebendigen Seele gemacht hat, bewahrt bleibt? Wie, wenn nach dem Wiederkehren zum Staube eine Auferstehung aus dem Staube zu einem neuen Leben folgen wird?
Doch aus dem liebreichen Zweck der Strafe und ihrer Zweckmäßigkeit leuchtet die Barmherzigkeit Gottes aufs höchste hervor. Denn welchen andern Zweck hat er bei der Strafe und ihrer Strenge als die Wiederkehr des Übertreters zu Ihm, das heißt, zu seinem verlorenen Glück.
Die natürlichen Folgen der Sünde, Scham und Angst, vermochten nicht dies zu Wege zu bringen. Sie ließen nach Feigenblättern umsehen, den dichten Schatten suchen; sie führten nicht zur Demütigung, sondern zu List und Lügen; sie machten das Herz nicht gebeugt, sondern erbittert und drohten den unglücklichen Menschen der Verhärtung und Verzweiflung hinzugeben. Aber diese strenge Handhabung des Rechts, wobei ihnen ihre Missetat so nachdrücklich unter die Augen gestellt wird, als Missetat gegen Gott, den heiligen, den liebreichen, der noch mitten in seinen gerechten Gerichten das Angesicht seiner Liebe nicht ganz verbarg; aber diese täglich an seinen heiligen Zorn gegen die Sünde erinnernde Erfahrung von allerlei Schmerz und Mühe, mit keinem andern Troste, als der bei dem hohen Richter selber gesucht wird sie sind wohl darauf berechnet, den Menschen dahin zu bringen, wohin er kommen muss; ihn absehen zu lassen von seiner heillosen Flucht, von seinen nichtigen Vertröstungen; auf seinen Lippen die Worte verstummen zu lassen, denen sein Gewissen widerspricht und die seine Sünde vergrößern; ihn schweigen und die Augen niederschlagen zu lassen vor dem Gott, in dessen Hand er sich fühlt; ja ihn seine Schuld bekennen, beweinen zu lassen; in ihm statt der Traurigkeit der Welt, die den Tod wirkt, die göttliche Traurigkeit entstehen zu lassen, die da wirkt eine Reue zur Seligkeit, die Niemanden gereut.5)“ Sich bloß elend zu fühlen, führt zur Verzweiflung; aber sich unter der züchtigenden Hand Gottes zu wissen, das schließt jenes Maß von Hoffnung nicht aus, ohne welche keine Bekehrung geschieht.
Wir lesen nicht, dass der Mann, der eben noch erklärte, er habe sich nur versteckt, weil er nackend wäre, und der die Schuld seiner Übertretung nicht bloß auf das Weib schob, sondern daneben sogar auf den, der ihm das Weib gegeben hatte; wir lesen nicht, dass er ein einziges Wort gegen das strenge Urteil eingebracht hat, welches über ihn ausgesprochen und sogleich ausgeführt wurde. Wir sehen diesen Adam hingehen aus jenem Eden, wohin keine Rückkehr vergönnt, wohin zurückzublicken fruchtlos ist; sehen ihn schweigend der harten Arbeit, der bangen Geburtsnot seines Weibes, schweigend dem Grabe entgegen gehen. Ich irre mich, Ein Wort spricht er aus, ein einziges; ein Wort, aus dem deutlich hervorgeht, dass er dem Weibe, welches ihm von dem unseligen Baume gegeben hat, nichts mehr vorwirft, und dass er mit einem dankbaren Herzen den Strahl des Trostes aufgefasst hat, der durch die düstere, auf ihn hereinbrechende Nacht hin schimmert; „und alsbald nannte Adam den Namen seines Weibes Heva, weil sie eine Mutter aller Lebendigen ist.“ Nein, dieser Gefallene soll nicht ganz fallen, er, der das Bild Gottes verloren hat, soll nicht zu einem Bildträger des Satans entarten. Sein Herz ist gebrochen. Liebreich sehe ich ihn der „Mutter aller Lebendigen“ die Hand reichen und ihre wankenden Schritte stützen. Sie weinen mit einander; sie demütigen sich mit einander; auch ohne Worte sagen sie einander: „wir empfangen, was unsere Taten wert sind“6); zusammen wollen sie die Missetat büßen, die Strafe tragen; zusammen auf die Barmherzigkeit Gottes hoffen und auf die Erfüllung warten, auf die Erfüllung des Wortes: des Weibes Same wird der Schlange den Kopf zertreten. Wie viel wohler ist ihnen jetzt, als da sie sich vor dem Angesichte Gottes des Herrn mitten unter den Bäumen des Gartens versteckten. Und doch sind sie aus dem Garten vertrieben; und doch ist sogar der letzte Baum des Gartens ihren Augen entrückt; und doch sind sie mitten unter Dornen und Disteln einer von Gott verfluchten Erde angelangt! Aber das bußfertige Herz, das sich in die strengen Gerichte Gottes ergeben hat, kann sich an dem Troste seiner Barmherzigkeit erquicken und schmeckt mitten in seinen Schmerzen einen Frieden, worin es gleichsam einen Nachgeschmack der verlorenen Freude genießen darf. Gesegnet die Strafe, gesegnet die Strenge, die Solches zu Wege bringt; gesegnet die Liebe, wodurch sich in dem Vater der Richter so wenig als in dem Richter der Vater verleugnet.
Ach, dass diese barmherzige Härte der heiligen Liebe Gottes bei keinem von Adams Nachkommen den Zweck verfehlte, den sie mit ihren strengen Strafen im Auge hat: „nicht dass der Sünder sterbe, sondern dass er sich bekehre und lebe.“ Der Hoffnungsschimmer, der für die ersten Sünder aufging, hat sich ausgebreitet zu einer hellen Glut, die das ganze Schauspiel von dem Streit und Leid der Menschheit beleuchtet. Das Wort von dem unermüdlichen Kampfe mit dem Schlangensamen, aber auch von dem zu gewinnenden Siege über den Schlangensamen hat sich in einer ganzen Reihe von Verheißungen entwickelt, die, mit wachsender Klarheit und Kraft, von Erlösung und Wiederherstellung zeugten. Endlich wird ein Lied gehört, ein himmlisches Lied, das „Frieden auf Erden“, das „ein Wohlgefallen Gottes an den Menschen7)“ verkündigte. Es war der erwünschte Augenblick, wo der Schlangentreter auf Erden erschienen, von einem Weibe geboren war. Wie entsetzlich jener spätere Augenblick, wo er den Sieg gewann, wo er mit zerstochenen Fersen ihr den Kopf zertrat; wo er, mit der Erde schärfsten Dornen gekrönt, unter der unaussprechlichsten Vervielfältigung von Schmerzen, das Heil einer verlorenen Welt gebar; durch seinen Tod den Tod zunichtemachte und für die aus dem irdischen Paradiese Vertriebenen ein himmlisches Paradies öffnete. Seit jener wichtigen Stunde, welche seligen Mütter, ja „selig im Kindergebären!8)“ Welche glücklichen Väter, welch eine Heiligung der ehelichen Liebe, die nun Bild und Spiegel geworden von den höchsten und teuersten Dingen9)! Welch ein Trost bei allen Schmerzen, welcher Balsam in jeder Wunde; welche Stütze bei jeder Arbeit, welche Kraft zu jedem Streite! Gewiss; aber nur für diejenigen, die das strenge Gericht Gottes über ihre schuldigen Seelen ergehen ließen; die in den Schmerzen des Lebens die strafende Hand eines gerechten Gottes erkannten und küssten; und die ihre Verherrlichung der Liebe Gottes gern in den Worten ausdrücken: „Ich danke dir, Herr, dass du zornig bist gewesen über mich und dein Zorn sich gewendet hat und tröstest mich.10)“