Bauer, Wilhelm Ludwig - Das Evangelium St. Marki in Bibelstunden behandelt - 4. Stunde.

Bauer, Wilhelm Ludwig - Das Evangelium St. Marki in Bibelstunden behandelt - 4. Stunde.

Herr Jesu, wir sind zusammengekommen, um die heilige Wahrheit deines Wortes, wie die Herrlichkeit deiner Gotteskraft mehr und mehr zu erkennen; damit wir in der Zuversicht des Glaubens gestärkt und danach eifriger werden, mit Furcht und Zittern zu schaffen unsre Seligkeit. So hilf in der Kraft deines Geistes, dass wir nicht bloß Hörer, sondern auch Täter deines Wortes sein mögen, daran uns das ewige Leben gewinnen! Amen.

Lesen wir zu unserem jetzigen Texte: Mark. 1, 40 - 2, 12.

“Und es kam zu ihm ein Aussätziger, der bat ihn, kniete vor ihm und sprach: Willst du, so kannst du mich wohl reinigen. Und es jammerte Jesum, und reckte die Hand aus, rührte ihn an und sprach: Ich will's tun, sei gereinigt. Und als er so sprach, ging der Aussatz alsbald von ihm, und er ward rein. Und Jesus bedrohte ihn und trieb ihn alsbald von sich und sprach zu ihm: Siehe zu, dass du Niemand nichts sagst, sondern gehe hin, und zeige dich dem Priester, und opfere für deine Reinigung, was Moses geboten hat, zu einem Zeugnis über sie. Er aber, da er hinaus kam, hob er an, und sagte viel davon, und machte die Geschichte ruchbar also, dass er hinfort nicht mehr konnte öffentlich in die Stadt gehen; sondern er war außen in den wüsten Orten, und sie kamen zu ihm von allen Enden. Und über etliche Tage ging er wiederum gen Kapernaum. Und es ward ruchbar, dass er im Hause war, und alsbald versammelten sich Viele, also, dass sie nicht Raum hatten auch außen vor der Türe; und er sagte ihnen das Wort. Und es kamen Etliche zu ihm, die brachten einen Gichtbrüchigen, von vieren getragen. Und da sie nicht konnten bei ihn kommen vor dem Volk, deckten sie das Dach auf, da er war und grubens auf, und ließen das Bett hernieder, da der Gichtbrüchige innen lag. Da aber Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gichtbrüchigen: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben. Es waren aber etliche Schriftgelehrte, die saßen allda, und gedachten in ihren Herzen: Wie redet dieser solche Gotteslästerung? Wer kann Sünde vergeben, denn allein Gott? Und Jesus erkannte bald in seinem Geist, dass sie also gedachten bei sich selbst, und sprach zu ihnen: Was gedenkt ihr solches in euren Herzen? Welches ist leichter, zu dem Gichtbrüchigen zu sagen: Dir sind deine Sünden vergeben; oder: Stehe auf, nimm dein Bette, und wandle? Auf dass ihr aber wisst, dass des Menschen Sohn Macht hat, zu vergeben die Sünden auf Erden, (sprach er zu dem Gichtbrüchigen) Ich sage dir, stehe auf, nimm dein Bette, und gehe heim. Und alsobald stand er auf, nahm sein Bett und ging hinaus vor Allen; also, dass sie sich alle entsetzten, und priesen Gott, und sprachen: Wir haben solches noch nie gesehen.“

Der Herr in seinen gewaltigen Taten, wie er zumal am Glauben sie tut; das steht hier vor uns. Dabei auch, wie er dem Ziele seines Wirkens näher tritt, das Reich der Sünde zu zerstören. Lasst uns das dienen, den Gottessohn lebendiger zu erkennen, damit unser Glaube ruht auf unbeweglichem Grunde.

V. 40: „Und es kam zu ihm ein Aussätziger, der bat ihn, kniete vor ihm und sprach zu ihm: Willst du, so kannst du mich wohl reinigen.“

Wenn ich die Last kenne, die Jemandem auferlegt ist, so kann ich auch die Wohltat richtig beurteilen, die der ihm getan, der die Last ihm abgenommen hat. Ein Aussätziger wird von dem Herrn gereinigt. So hört zuerst, welche schauerliche Krankheit der Aussatz ist.

Noch heute kommt diese Krankheit im Morgenlande und mehr oder weniger in allen heißen Ländern vor. Sie beginnt damit, dass die Haut des Menschen heiß und trocken wird, aufspringt und in widrige Beulen sich zusammenzieht, wodurch eine ekle, bald schwarze, bald weiße, bald rötliche Kruste den Menschen bedeckt. Der Aussatz wird danach als weißer, schwarzer oder roter genannt. Dabei verzehrt ein heftiger Durst und glühendes Fieber den Menschen, wie bei der Pest, und ebenso entsetzlich steckt diese Krankheit auch an. Tritt nicht gleich beim Anfange eine rasche Hilfe ein, so ist die Krankheit in der Regel, mehr oder weniger schnell, tödlich; und zwar so, dass oft ganze Glieder vom Leibe abfallen und der Mensch bei noch lebendigem Leibe anfangen soll zu verwesen. Schauerlich! Je gefährlicher und schrecklicher also diese Krankheit, umso härter auch die Maßregeln, die von dem Gesetz dagegen festgestellt waren. Der Aussätzige wurde ohne Erbarmen hinaus in Feld oder Wald verstoßen, nur von Ferne wurde etwa noch ihm Nahrung hingestellt; von einer Verpflegung war keine Rede, und wenn ein Aussätziger einem Gesunden in den Weg treten wollte, so hatte dieser das Recht, ihn gleich einem reißenden Tiere zu behandeln. So blieb diesen aus der menschlichen Gesellschaft Ausgestoßenen nichts übrig, als draußen auf dem Felde mit Unglücksgenossen sich zusammenzufinden, so, wie ihr wisst, dass einmal zehn solcher Armen dem Herrn zugleich entgegen kommen.

Gelobt sei Gott! werdet ihr dankbar in euren Seelen sprechen, dass in unserer Mitte so Entsetzliches nicht erlebt werden muss. Krankheiten suchen uns wohl heim, aber doch keine, die dem Aussatze zu vergleichen wäre. Und liegen wir auf dem Lager der Schmerzen, so werden wir doch nicht hinweggestoßen, sondern eine Hand christlicher Liebe wird immer zu unserer Pflege bereit sein. Des sei der Herr gepriesen!

Ein Aussätziger also naht sich getrosten Mutes dem Herrn, kniet vor ihm nieder und spricht: „Willst du, so kannst du mich wohl reinigen.“ Hier das erste Mal, dass der Glaube dem Herrn so offen und lebendig entgegentritt und Hilfe sucht. Der Aussätzige kniet als vor Einem, der wohl Menschengestalt trägt, doch aber nicht von dieser Welt ist. Das ist Glaube. Und wie er die Überzeugung ausspricht, dass es nur an dem Willen des Herrn liegt, dass die Hilfe ihm werde, und wie er vertraut, dass sein Kommen und Bitten nicht werde abgewiesen werden, so ist das abermals Glaube. Zu einem bloßen Menschen wäre der Aussätzige nicht herangetreten, denn er hätte ja fürchten müssen, dem gewaltsamen Tode geweiht zu werden.

Sehen wir nicht hierin die Grundzüge des wahrhaftigen Glaubens an den menschgewordenen Gottessohn? Des Glaubens, auf den wir leben, auf den wir einst selig zu sterben gedenken. Zuerst die feste Erkenntnis, dass in Jesu nicht ein Mensch, wie wir alle auf Erden, erschienen sei; sondern der Gottessohn, das ewige Wort, dadurch die Welt gemacht ist, und das im Anfang bei Gott war, und Gott das Wort, wie die Schrift sagt. Dann die Zuversicht, dass seine Hilfe uns bereitwillig entgegengebracht wird für alle Not, dass es nur an des Herrn Wille liegt, ob wir die Hilfe empfangen sollen. Darum müssen wir uns ihm hingeben, ganz ihm hingeben, damit er Gnade tue, da wir doch, gleich armen Kranken, nichts zu unserer Errettung tun können, als nur den Herrn suchen und seine Ordnung uns gefallen lassen. Und dieser erste, so ganz hingebende Glaube, der dem Herrn entgegengebracht wird, wie findet er schnell seinen herrlichen Lohn:

V. 41. 42. „Und es jammerte Jesum und reckte die Hand aus, rührte ihn an und sprach: Ich will's tun, sei gereinigt. Und als er sprach, ging der Aussatz alsbald von ihm, und er ward rein.“

Nicht so, wie oft die Reichen und Mächtigen der Erde unsre Bitte hören mit unwilliger Miene, und mit kaltem Angesichte und noch kälterem Herzen auch wohl eine Hilfe gewähren, nicht so der Herr; denn ausdrücklich steht hier: „es jammerte Jesum.“ Tief schnitt in seine göttliche Seele das entsetzliche Elend, das über der Menschenwelt liegt seit der ersten Sünde, die wie aus einem höllischen Füllhorn alle Übel ausgeschüttet hat auf diese Erde, die einst als ein Paradies aus Gottes Hand fertig geworden war. Es ging über das Angesicht des Herrn ein schmerzlicher Zug des Mitleids über die Qual und Trübsal, unter welche wir gestellt sind von unsrer Geburt an, und die uns treffen dürfen, auch wo wir nicht grade selbst gesät haben, was wir ernten müssen. Jesus rührt den Aussätzigen an; ein Anderer, der Menschengestalt trug, durfte es nicht. Sein Wort sagt: „Ich wills tun, sei gereinigt.“ Grade so, wie der Arme geglaubt hat, so soll ihm geschehen. Ja, wie der Herr will, so geschieht es an denen, die ihm glauben! O, dass wir es uns gesagt sein ließen; er will auch uns tun, wie wir glauben. Auch uns will er rein machen von allem Übel, das so gewiss mit dem ewigen Tode uns bedroht, als der Aussätzige von dem leiblichen Tode bedroht war. Ach, dass wir nur unsre Krankheit merkten, und im Glauben Hilfe suchten! Die im Glauben ihm nahen, denen erweist sich Jesus als Gottes Sohn.

Lesen wir weiter:

V. 43. 44. „Und Jesus bedrohte ihn und trieb ihn alsbald von sich und sprach zu ihm: Siehe zu, dass du Niemand Nichts sagst; sondern gehe hin und zeige dich dem Priester und opfere für deine Reinigung, was Moses geboten hat, zum Zeugnis über sie.“

Erkennen müssen wir darin, wie Jesus die heiligen Ordnungen seines Volkes ehrt und auch daran als Sohn Gottes sich erweist.

Jesus heißt die Aussätzigen, sich den Priestern zeigen. Denn so war es im 3. Buch Mose, im 14. Kap., geordnet in Gottes Namen, dass, wenn ein Aussätziger von seiner schrecklichen Krankheit errettet ward, er sich zuerst den Priestern zeigen musste; denn diese waren damals zugleich fast die einzigen Ärzte. Dabei sollten aber auch die Geretteten lernen, des Dankes gegen Gott und des Schuldopfers nicht zu vergessen, da sie durch ihre Krankheit erinnert waren, wie furchtbar Gottes Hand den sündigen Menschen schlagen kann.

Christus hatte mit dem bloßen Worte und der Berührung seiner Hand diesen Aussätzigen geheilt; er wusste, dass er heil war: schien es da der äußern Förmlichkeit zu bedürfen, dass er sich von dem Priester noch rein sprechen lief? Doch seht eben, wie gewissenhaft Jesus die in Gottes Namen geheiligten Ordnungen seines Volkes ehren und es erhalten will. So wunderbar um seines Glaubens willen der Aussätzige gereinigt ist, er soll nicht denken, von dem Gesetze seines Volkes los zu sein. Christus ist nirgends gekommen, das Gesetz aufzulösen, sondern es zu erfüllen.

Aber der Herr sagt auch bedeutungsvoll das Wort dazu: „Zum Zeugnis über sie.“ Aufgehen sollten den Priestern die Augen über den, der gekommen war, zu erretten und zu heilen, wie sie es nicht konnten. Schon mochte, wenn auch bis dahin der Evangelist es nicht erzählt hat, Jesus erfahren haben, dass die Priester mit missgünstigen Blicken auf ihn hinsahen, weil sie fürchteten, dass der Opferdienst, von dem sie Gewinn hatten, durch das Wort Jesu seltener werden würde. Denn er predigte die Buße zum Glauben, und zum Schuldopfer wollte er sich selbst stellen, auf dass allerdings der Opferdienst erfüllt sei. Die Priester sollten merken, dass eine Gotteskraft mit dem Meister von Nazareth sei, vor welcher ihre heimliche List und Bosheit nichts vermöge; sie sollten aber auch einsehen, dass die in Gott aufgerichteten Ordnungen von ihm nicht würden verletzt werden.

O, dass diese Priester das Zeugnis hätten verstehen wollen, was der Herr mit diesen Aussätzigen ihnen zusendete, es wäre besser um Jerusalem geworden; aber wo die Hirten die Hand Gottes nicht erkennen wollten, da musste an der Herde sich das Wort Gottes erfüllen, dass um die Tochter Zion eine Wagenburg geschlagen, es an allen Orten geängstet und von ihm kein Stein auf dem andern gelassen werde.

Haben dort die Priester das Zeugnis nicht nehmen wollen, wir, Geliebte, wir nehmen das Zeugnis: Jesus Christus Gottes Sohn, wie er die heiligen Ordnungen seines Volkes ehrt! Gewiss ein bedeutsames Wort für die Zeit, die wir gesehen haben, wo man so manches Gesetz Gottes, so manche Ordnung, die im Namen des Herrn aufgerichtet steht, nicht mehr achten zu müssen glaubte, sie zertrümmerte, und wohl noch aus der Schrift beweisen wollte, dass man sich selbst zu helfen berechtigt sei, unbekümmert des gewaltigen Wortes: Wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert umkommen.

Es heißt nun zum Schluss dieser Erzählung:

V. 45. „Er aber, da er hinauskam, hob er an und sagte viel davon, und machte die Geschichte ruchbar, also dass er hinfort nicht mehr konnte öffentlich in die Stadt gehen; sondern er war außen in den wüsten Orten, und sie kamen zu ihm von allen Enden.“

Der Aussätzige eilte doch nicht so, wie es der Herr gewollt hatte, zu den Priestern und von denen zurück zu seinem Hause zu kommen. Vielfach erzählte er, was an ihm geschehen war. Die Folge wird uns berichtet: „Der Herr konnte nicht mehr öffentlich in die Stadt gehen.“ Das Gedränge derer, die den Wundermann sehen, und die von den hunderterlei Gebrechen geheilt sein wollten, die die Menschen an sich tragen, wurde so groß, dass der Herr ihnen nicht mehr das Wort sagen, ihnen predigen konnte; und das war ihm mehr, als Wunder zu tun. Denn die Wunder sollten zu einem Teile ja nur dazu dienen, dem Worte Bahn zu brechen, nicht aber sollten, wie einmal Luther sagt, die Zeichen das Wort führen. Die Wunder sollten den Herrn beweisen als mit Gottes Kraft angetan, damit man auf sein Wort höre, seinen Geboten folge, seinen Ordnungen untertan werde. Hier aber wollte man nur sehen, nicht hören; nur geholfen haben, nicht glauben. Der fleischliche Sinn der Juden wurde wieder offenbar, wonach sie nur die Wunderkraft des Herrn sehen wollten, weil sie gedachten, er solle ihnen ein mächtiger König werden, und alle ihre Feinde und weltlichen Herren zu Boden schlagen. Dazu war der Gottessohn nicht gekommen. Er wollte einen Glauben von ganzem Gemüte, nicht einen Glauben nur der Wunder willen, wie ihr euch denn auch erinnert, dass der Herr sagt, auch falsche Christi, auch falsche Propheten würden kommen und große Zeichen tun. Nicht im Wunder allein soll der Glaube seinen Grund haben; wie denn auch das Kind nicht allein durch Bilder unterrichtet wird, sondern durch Wort und Bild. Weil der Herr nicht bloßen Wunderglauben haben will, sondern einen Glauben von ganzem Gemüte, einen Glauben, der sich ganz ihm hingibt, und nicht einen Glauben, der gleichsam immer nur die Hand gegen ihn ausrecket, um der Erde Dinge zu empfangen; darum ziehet sich der Herr für einige Zeit an wüste Orte zurück. Doch auch hier wird er vielfach gesucht, aber die bloß Neugierigen und Schaulustigen mochten schon Weg und Mühe scheuen.

Das Evangelium erzählt uns nun weiter:

Kap. 2, 1-4: „Und über etliche Tage ging er wieder gen Kapernaum. Und es ward ruchbar, dass er im Hause war, und alsbald versammelten sich Viele also, dass sie nicht Raum hatten auch haußen vor der Tür, und er sagte ihnen das Wort. Und es kamen Etliche zu ihm, die brachten einen Gichtbrüchigen, von vieren getragen. Und da sie nicht konnten bei ihn kommen vor dem Volk, deckten sie das Dach auf, da er war, und gruben's auf, und ließen das Bett hernieder, da der Gichtbrüchige innen lag.“

Nach einer nicht langen Zwischenzeit ist also der Herr nach Kapernaum zurückgekehrt; die Kunde davon ist bald durch die Stadt geeilt. Vor dem Hause drängt sich alsbald das Volk, und der Herr redet ihnen sein Wort des Lebens. Doch nicht lange, so wird er unterbrochen, und in besonderer Art. Ein Gichtbrüchiger wird von vieren auf einem Tragbette dahergebracht. Vor dem Gedränge können sie aber nicht zu Jesu herankommen; da schlagen sie einen eigentümlichen Weg ein. Sie steigen mit ihrem Kranken auf das Dach hinauf. Denkt euch nämlich die gewöhnlichen Häuser des Morgenlandes so, wie sie vielfach noch heute gefunden werden. Sie standen in einem Hofe, so dass an der Straße her eine Mauer lief, darin ein Tor. Die Häuser meistens einstöckig, darauf ein plattes Dach, das gewöhnlich so weit vorsprang, dass um das Haus herum ein bedeckter Gang entstand. Auf dieses Dach führte aus dem Hause, oder auch von dem Hofe eine Treppe, weil man dort Morgens und Abends sich gern zum Gebete versammelte. Auf dieser Treppe aus dem Hofe stiegen die viere mit dem Tragbette hinauf, brachen dort den Ziegelboden, aus welchem das Dach bestand, auf, und ließen an Seilen das Bett gerade vor Jesu nieder, der unter dem bedeckten Gange stand und zu dem im Hofe versammelten Volke redete. So also rings umher dichtes Volksgedränge, und plötzlich vor den Füßen des Herrn ein Gichtbrüchiger von Oben herab!

V. 5. „Da aber Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gichtbrüchigen: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.“

So war also der Glaube derer, die den Gichtbrüchigen trugen, dem Herrn mit eine Aufforderung zur freundlichen Hilfe. Wir können mit unserm Glauben, mit unsern Fürbitten auch für Andere Hilfe und Segen schaffen; lasst uns das nicht vergessen!

Aber der Gichtbrüchige ist einer von jenen Beklagenswerten, die durch eigene Schuld, durch Liederlichkeit sich in ihre Krankheit gebracht haben. Sein Glaube muss darum zuerst geprüft werden. Zugleich will der Herr hier bestimmter merken lassen, dass er weniger dazu gekommen ist, das Übel von den Menschen hinwegzunehmen, als dazu, die Quelle des Übels, die Sünde, aufzuheben. Darum das Wort: „Mein Sohn, dir sind deine Sünden vergeben!“ Und der Gichtbrüchige besteht die Probe. Er sucht nicht, die Sünde zu leugnen; er lässt sich im Angesichte alles des Volkes, das umher steht, einen Sünder nennen. So hat er seine Sünde wahrhaft von ganzem Herzen gefühlt, bereut, um Gnade gebetet und geseufzt; darum ist Gnade jetzt ihm nahe.

Aber der Herr weiß auch, dass noch andere Herzen gegenwärtig sind, die von Sünde und Buße noch nichts empfunden haben. Der Herr kennt sie und sie müssen offenbar werden.

V. 6. 7. „Es waren aber etliche Schriftgelehrte, die saßen allda und gedachten in ihren Herzen: Wie redet dieser solche Gotteslästerung? Wer kann Sünde vergeben, denn allein Gott?“

Ja, sie hatten Recht, nur allein Gott kann Sünde vergeben. Aber wer dem Gichtbrüchigen also im Herzen liest, dass er ihm seine Sünde ins Angesicht sagt, ist wohl auch nicht ein Mensch ihres Gleichen! Doch ob der Schriftgelehrten Gedanken nicht in lauten Worten über ihre Lippen gekommen waren, der Herr macht sie offenbar.

V. 8-12. „Und Jesus erkannte bald in seinem Geist, dass sie also gedachten bei sich selbst, und sprach zu ihnen: Was gedenkt ihr solches in euren Herzen? Welches ist leichter, zu dem Gichtbrüchigen zu sagen: Dir sind deine Sünden vergeben, oder: Stehe auf, nimm dein Bette und wandle? Auf dass ihr aber wisst, dass des Menschen Sohn Macht hat, zu vergeben die Sünden auf Erden: (sprach er zu dem Gichtbrüchigen) Ich sage dir, stehe auf, nimm dein Bette und gehe heim. Und alsbald stand er auf, nahm sein Bette und ging hinaus vor Allen, also dass sich Alle entsetzten, und priesen Gott und sprachen: Wir haben solches noch nie gesehen.“

O, wie waren diese Schriftgelehrten geschlagen! Sie hatten in ihrer voreiligen pharisäischen Lieblosigkeit von Gotteslästerung in sich gemurmelt, und nun lässt der Herr sie erkennen, wie er als Gottessohn nicht bloß ihre argen Herzen durchschaut, sondern wie er auch die Macht hat, Sünde zu vergeben, die Sündenschuld hinwegzunehmen, wie er die verhängte irdische Sündenstrafe hinwegnimmt. So spricht er jetzt nicht bloß in die Seele des Gichtbrüchigen hinein: „Dir sind deine Sünden vergeben;“ sondern für Jeden offenbar ruft er: „Stehe auf, nimm dein Bette und gehe heim.“ Vor aller Welt Augen steht der Satz: Wer Macht hat, Sünden zu vergeben, erweist es dadurch, dass er die von Gottes Gerechtigkeit geordnete Strafe aufheben kann; und wer die Sündenstrafe aufzuheben vermag, hat auch Macht, die Sünde zu vergeben, steht als wahrhaftiger Heiland da; das kann nur der sein, der von sich sagt: Ich und der Vater sind Eins; Alles, was der Vater hat, hat er dem Sohne übergeben, auf dass, wer den Sohn ehrt, auch den Vater ehrt.

Dort stand der von seinem Sündenelende, von seiner Sündenstrafe Erlöste, da galt keine Widerrede; da mussten die Schriftgelehrten wenigstens schweigen, wenn sie auch vielleicht nicht glauben wollten. Aber die Herzen, die noch gerührt werden konnten, die waren mächtig erschüttert, priesen Gott und sprachen: „Wir haben solches noch nie gesehen.“

O, lasst auch uns Gott preisen, dass er solches hat vor unsern Augen geschehen lassen. Nun wissen wir, wer auch unsre Sünden hinwegtun und uns Bahn machen kann zum Vater im Himmel. Sein Name ist über alle Namen; denn es ist kein andrer Name den Menschen gegeben, darinnen sie können selig werden, denn allein der Name Jesu Christi, hochgelobt in Ewigkeit! Amen.

Gebet.

Herr Jesus Christus, dein Name ist es, in welchem alle unsre Hoffnung beschlossen ist; denn nur, wo du uns hilfst, da ist uns geholfen. Wir haben ja nichts, unsre Seele zu lösen von der Schuld die wider uns zeuget; wir haben nichts, unsre Seelen zu erretten aus dem Gerichte, das über die Sünde gesetzt ist. Nur wo du, treuer Heiland, unsere Sünde von uns hinwegnimmst, nur wo du dich für uns ins Gericht stellst, kann uns die Gnade werden, dass der Vater im Himmel in dir, dem einigen Gottessohn, uns annimmt. Um solchen Heilandsdienst können wir nur bitten und beten, und selbst zum rechten Beten musst du uns helfen mit deinem Heiligen Geiste. Darum, Herr, höre uns, wenn wir zu dir hinaufrufen: Ziehe unsere Seelen ganz zu dir hin, dass wir halten an dem Glauben an deinen Namen; dass wir uns fest getrösten deiner Gnade, und dir dienen als ein Volk deines Eigentums, fleißig an guten Werken, wie es dir wohlgefällig ist. Herr, so segne uns! Amen.

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