Bauer, Wilhelm Ludwig - Das Evangelium St. Marki in Bibelstunden behandelt - 1. Stunde.
In Deinem Namen, Herr, unser Anfang; um Deinen Segen unsre Bitte. Herr Jesu, Du hast blinde Augen hienieden wunderbar aufgetan; tue auch unsers Geistes Augen auf, damit wir die Wunder Deines Wortes freudiger erkennen, unsers Glaubens Grund fester gebaut werde, und wir in Deinem Heiligen Geist immer tüchtiger erfunden werden, Rechenschaft zu geben unsrer Hoffnung. Herr Jesu, so segne uns! Amen!
Wir lesen zu dieser Betrachtung: Mark. 1, 1-8.
Dies ist der Anfang des Evangelii von Jesu Christo, dem Sohne Gottes, als geschrieben steht in den Propheten: Siehe, ich sende meinen Engel vor dir her, der da bereite deinen Weg vor dir. Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn, macht seine Steige richtig. Johannes, der war in der Wüste, taufte und predigte von der Taufe, der Buße zur Vergebung der Sünden. Und es ging zu ihm hinaus das ganze jüdische Land und die von Jerusalem, und ließen sich Alle von ihm taufen im Jordan und bekannten ihre Sünden. Johannes aber war bekleidet mit Kamelhaaren und mit einem ledernen Gürtel um seine Lenden, und aß Heuschrecken und wilden Honig. Und predigte und sprach: Es kommt Einer nach mir, der ist stärker, denn ich, dem ich nicht genugsam bin, dass ich mich vor ihm bücke und die Riemen seiner Schuhe auflöse. Ich taufe euch mit Wasser, aber er wird euch mit dem Heiligen Geiste taufen.
Markus will, wie er selbst hier sagt, uns das Evangelium von Jesu Christo, dem Sohne Gottes, schreiben. Verkündigen also will er uns, dass Jesus der Christ, der verheißene Retter und König seines Volkes, dass er der Sohn Gottes selbst sei. Davon will er uns den Beweis liefern, indem er uns sein ganzes irdisches Leben und Schaffen treu vor Augen stellt. Dieses will er uns hinzeichnen, wie ein Gemälde. Darum beginnt er von da, wo der Herr sich öffentlich darstellt, wo die Welt ihn und seine Geschichte schauen kann. So nimmt Markus seinen Anfang nicht, wie Matthäus und Lukas, von der Kindheit Jesu, sondern von da, wo zuerst die Botschaft von dem Heilande öffentlich gehört wird.
Die Botschaft aber, dass ein Heiland kommen werde, war nicht etwas Neues. Ihr wisst, wie dort neben die erste Sünde in der Welt von Gottes Barmherzigkeit auch das Wort der Verheißung gestellt war: Es werde Einer kommen, welcher der Sündenschlange den Kopf zertrete. Ihr wisst, wie diese Verheißung an Abrahams Geschlecht fest angeknüpft wurde; wie dann das Gesetz sich aufrichtete unter der Hand Mosis, damit man lerne auf den Heiland sich bereiten; wie der Apostel sagt, dass das Gesetz ein Zuchtmeister sein soll auf Christum. Dann redeten die Propheten von dem Löwen aus dem Stamme Juda; von dem Davidssohne, der aus Bethlehem kommen und über das Volk Gottes ein Herr sein solle; sie redeten von dem, der aber auch als ein Knecht Gottes für die Sünden seines Volkes, wie ein Lamm, werde zur Schlachtbank geführt werden.
Ja, noch mehr! Dass gewiss Jeder merke, wann die Zeit erfüllt sei, solle noch ein Prophet vor ihm hergehen, ihn ansagen mit starker Stimme, und ihm den Weg in die Herzen bereiten. Sowie hier geschrieben steht aus dem Propheten Maleachi: „Siehe, ich sende meinen Engel vor dir her, der da bereite deinen Weg vor dir.“ Oder, wie im Jesaja steht: „Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn, macht seine Steige richtig.“ Das ist Gottes Freundlichkeit: dem hellen Lichte des Tages sendet er Dämmerung und Morgenröte voraus; dem Tage des Heiles in Christo gehen Propheten und Johannes, der Größte im Alten Testamente, voraus.
Wenn aber Markus das Evangelium von Christo uns schreiben will, warum beruft er sich auf Maleachi und Jesajas? Sie hatten ja doch den Herrn nicht gesehen, sie konnten nicht Zeugen sein für die Sache, die Markus bezeugen will? Und doch, sie sind Zeugen; denn sie redeten getrieben vom Heiligen Geist. Und waren es Gottes Verheißungen, die dort im Alten Testamente niedergelegt sind; so mussten sie in Christo sich erfüllen: denn Gott kann sich selbst nicht leugnen; er trügt nicht, wie Menschen trügen.
So sagt Markus, der Anfang des Evangeliums von Jesu Christo ist geradeso, wie die Propheten geschrieben haben; denn seht, es geht ein Engel, oder, wie es eigentlich in der griechischen Sprache heißt, ein Bote vor ihm her, der den Weg ihm bereite. Dieser Bote ist Johannes der Täufer. Denn seht den an, er ist so, wie Jesaja ihn gezeichnet hat als einen Mann in der Wüste. Denn so lesen wir:
V. 4. Johannes, der war in der Wüste, taufte und predigte von der Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden.
Johannes, Zachariä und Elisabeths Sohn, war, wie Jesaja verheißen hatte, in der Wüste, dort am Jordan, wohin wir auch die Versuchung Jesu verlegen müssen. Und man darf ihn nur ansehen, so erkennt man, dass er nicht für sich selbst, sondern für einen Andern schaffen und wirken will. Er taufte und predigte von der Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden. Damit also will er den Weg bereiten für den, der nur zu einem gereinigten Volke und in heilige Herzen einziehen kann. Was die Art seines Tuns erkennen lassen soll, dass er der sei, von welchem Jesajas geweissagt hat; das wird selbst von Jerusalem erkannt, so wenig es sonst den Propheten geglaubt hat, und so wenig es das ernste Wort der Buße hören mochte. Denn
V. 5. Es ging zu ihm hinaus das ganze jüdische Land und die von Jerusalem, und ließen sich Alle von ihm taufen im Jordan und bekannten ihre Sünden.
Dieser Vers lässt einmal uns erkennen, dass man Johannes für den hielt, der dem Messias, dem Retterkönige Israels, vorausgehen sollte; dann aber auch, dass man wusste, wie man diesem Gottgesendeten gereinigt und geheiligt entgegentreten müsse, wenn man wolle in sein Reich aufgenommen werden. Leider steht es aber auch vor uns, wie die vom jüdischen Lande, zumal die Schriftgelehrten und Pharisäer, die Buße sich gar leicht dachten, und gar leicht es nahmen, reines Herzens zu werden. Es war eben jene unglückselige Verblendung, die Israel fast ganz um das Heil gebracht hat, dass sie sich, jenem Pharisäer gleich im Tempel, gar nicht eigentlich für Sünder hielten. Da sie trachteten, nach dem Buchstaben Mosis Gesetz zu halten, so meinten sie kaum etwa eine unvollständige Erfüllung dieses Gesetzes als Sünde auf sich zu haben. Den entsetzlichen Hochmut, den geistlichen Stolz, in welchem sie sich für besser hielten, als alle Welt; den Judendünkel, nach welchem sie als Abrahams Nachkommen meinten das Himmelreich als ihr Recht fordern zu dürfen: die sahen sie nicht ein.
Doch aus der Bewegung, die der Bußeruf Johannis des Täufers hervorbrachte, sieht man, wie allgemein es geahnt, gefühlt, gehofft ward, dass die Zeit nahe sei, da Gott jene Verheißungen erfülle.
Also Johannes wird von dem jüdischen Lande und von ganz Jerusalem als Vorbote Jesu erkannt, und man musste es auch, wenn man nur ihn ansieht; denn lest:
V. 6. Johannes aber war bekleidet mit Kamelhaaren und mit einem ledernen Gürtel um seine Lenden, und aß Heuschrecken und wilden Honig.
Das raue Kleid, von den Haaren der Kamelziege gemacht, den alten Prophetenrock, trug Johannes, ähnlich wie der Chorrock der Geistlichen, ohne Glanz und ohne Bequemlichkeit, nicht geschickt um darin zu arbeiten für des Lebens Nahrung und Notdurft. Also damit schon angedeutet, dass er nicht für sich sorgen will, sondern Gottes Dienst tun, nicht ums tägliche Brot. „Und einen ledernen Gürtel um seine Lenden“; warum das uns erzählt? Nun, mit gutem Grund! Die Morgenländer trugen und tragen noch heute lange Gewänder, die um die Hüften mit einem Gürtel zusammengehalten wurden. Diese Gürtel waren der Gegenstand des größten Luxus. Man trug sie von Seide, von den schönsten, teuersten Stoffen; man besetzte sie mit Gold und Edelsteinen. Wie fern Johannes davon! Einen armseligen ledernen Gurt hat er um seine Lenden geschnallt; Er ist ja ein Prediger der Buße; er will den Blick für unsre Schulden und Gebrechen, nicht aber für unsre Herrlichkeit uns auftun. Er eine raue Gestalt und seine Nahrung armselig: „Er aß Heuschrecken und wilden Honig.“ Eine Speise, wie sie die Wüste darbot, wie sie noch heute von jenen armen Horden genossen wird, die durch die Wüsten des Morgenlandes streifen. Sie essen die große Wanderheuschrecke entweder an der Sonne getrocknet oder am Feuer geröstet. Wahrlich, das Bild des büßenden Sünders! Seine Gestalt ist ohne Schönheit, sein Herz eine Wüste ohne Freude, darin keine fröhliche Blume; und sein Brot ist bitter in Tränen der Neue, wie der wilde Honig bitter geworden ist durch die Terebinthenbäume, in denen er dort gewöhnlich gefunden wird. Wie wir den uns denken sollen, der dem Herrn seinen Weg zu bereiten hat, so ist die Gestalt des Johannes; und so ist auch, was er weiter selbst von sich sagt, und was er tut.
V. 7. Und er predigte und sprach: Es kommt Einer nach mir, der ist stärker denn ich, dem ich nicht genugsam bin, dass ich mich vor ihm bücke und die Riemen seiner Schuhe auflöse.
Er predigte, also er redete nicht aus eigenem Sinn; nicht um Menschen sich selbst dienstbar zu machen, denn das nennt man nicht Predigen. Predigen heißt reden, was ein Höherer uns gegeben hat, reden aus dem Heiligen Geist. Und das hört man; denn er spricht: Es kommt Einer nach mir, der ist stärker denn ich. Woher weiß er das? Wissen wir, wer nach uns kommt; wissen wir, wer unser Werk fortführen, wer unsre Aussaat ernten; wissen wir, ob er stärker oder schwächer, glücklicher oder unglücklicher sein werde? Da seht, was Johannes predigt, das redet er nicht von sich selbst, sondern aus dem Geiste, der auch die Tiefen der Gottheit erforschet. Gottes Geist hat ihn zum Propheten, und wie unser Herr hernachmals von ihm sagt, zu der Propheten Größtem gemacht.
Aber seht in ihm auch den demütigen Mann; denn nur die Demut erwählt der Herr; nur die Demütigen erhöht Gott. Noch nicht genug, dass Johannes eine Gestalt der Armut und Entbehrung darstellt; er macht sich auch mit seinem Worte noch niedriger, indem er von der Größe dessen redet, der nach ihm kommen wird. Den nennt er so viel stärker, gewaltiger und höher, denn er, dass er nicht wert, nicht genugsam sei, sich vor ihm zu bücken und die Riemen seiner Schuhe aufzulösen, das heißt einen Dienst ihm zu leisten, wozu man damals nur den niedrigsten Sklaven nahm. Aber wie bedeutsam ist solch' Wort der Demut gerade in diesem Munde, denn ihr wisst, vor den Gewaltigen in Jerusalem, vor einem König Herodes war Johannes nicht der Mann, der sich in den Staub vor ihnen bückte, ihnen die Schuhriemen aufzulösen; ihnen sagte er ihre Sünden ins Angesicht. Wie hoch, wie herrlich, wie göttlich muss darum der sein, den Johannes in solcher Demut ansagt! O, dass wir dieser Demut ähnlich würden, wir, denen so oft unser Beruf nicht gut genug, die wir gern mehr sein, höher hinaus wollen, gern glänzen vor den Leuten, wir, die fast niemals uns bescheiden wollen, nur den Samen zu streuen, das Begießen und Ernten aber Andern zu überlassen. Wir wollen unsrer Arbeit Früchte genießen, und werden ungeduldig, wenn Gott nicht sofort geraten lässt, was wir vorhaben. Doch seht auch, der Mann der Demut, der nur den Weg bereiten will, auf dem ein Anderer nach ihm in Königsherrlichkeit ziehen soll, wie ist er erhöht. Wo heute Evangelium gepredigt wird, da nennt, da feiert man auch den Namen Johannes des Täufers bis an der Welt Ende.
So schließt er hier sein Wort der Demut:
V. 8. “Ich taufe euch mit Wasser, aber er wird euch mit dem Heiligen Geist taufen.“
Welch' gewaltiger Abstand! Johannes kann nur mit Wasser taufen. Seine Taufe kann nur ausdrücken, dass Jemand Buße tun, von seinen Sünden sich reinigen wolle, wie das Wasser den Leib reinigt. Aber Johannes kann keine Kraft zum Bußetun, ja könnte nicht einmal eine selige Verheißung zur Vergebung der Sünden sprechen, wenn nicht Einer nach ihm kommt, der die Buße annimmt. Ihr wisst es, Geliebte, mit der Buße ist es, wie mit dem Ausziehen eines befleckten, zerrissenen Kleides. Ob wir auch jedes Mal das Kleid ausziehen wollten, das Flecken und Schaden hat, haben wir dadurch ein neues Kleid, oder stehen wir nicht vielmehr in unsrer Blöße da? Die Buße allein kann darum das Heil, den Himmel nicht schaffen, nicht vor Gott uns wohlgefällig machen; denn in unsrer Blöße bleiben wir; Buße schützt nur notdürftig vor neuen Sünden; aber die Sündenschuld bleibt auch nach der Buße noch auf unsrem Namen und auf unserm Gewissen; und wahrlich ihrer ist genug, dass sie uns zur Hölle verdamme.
Darum selige Botschaft: Es kommt Einer nach mir, der wird euch mit dem Heiligen Geiste taufen! Den Johannes der Täufer ansagen will, der Herr, der Gottessohn, der fordert nicht nur die Buße, sondern gibt selbst auch die Kraft dazu. Ja, er nimmt der Sünde Schuld hinweg, dass wir sehen, die Buße hilft uns Etwas. Und mehr noch, dass nach der Buße ein neu Leben von uns begonnen werden könne, so gibt er uns den Geist der Wiedergeburt, so tauft er uns mit dem Heiligen Geist, damit ein göttlich Leben in uns wach werde, wir in Gottesgemeinschaft treten und in Gottes Vaterhaus eingehen können.
So ist unsers Herrn Taufe ein Sakrament, dadurch der Heilige Geist aus Gnaden gegeben wird; Johannes Taufe aber war nur Sinnbild, und war nur Menschentat, da die Sünde bekannt und angedeutet wird, dass wir gern rein werden wollen.
O, Dankt dem Herrn, der nicht nur unsre Buße annehmen, sondern mit seinem Heiligen Geist die Kraft dazu und den Anfang des himmlischen Lebens uns geben will.
Sehen wir jetzt auf den Inhalt dieser Worte zurück:
Markus will uns das Evangelium von Jesu Christo, dem Sohne Gottes, schreiben, will uns sehen lassen, dass Jesus der Christ, der verheißene Erretter ist. So muss, denn so haben die Propheten angesagt, ihm ein Bote vorhergehen, der den Weg ihm bereite, Johannes, der Täufer, ist dieser Bote; denn er ist in der Wüste, wie verheißen steht; er wird von dem jüdischen Lande und dem ganzen Jerusalem dafür erkannt; seine ganze Art und Gestalt beweisen es; seine eigne Predigt spricht sich so aus.
So haben wir das Zeugnis des Boten, der vor ihm hergeht; lasst uns also Augen des Glaubens zu dem aufheben, der nach ihm kommt, damit wir mit rechter Zuversicht ihm entgegenrufen: Es ist in keinem Andern Heil, ist auch kein anderer Name den Menschen gegeben, darinnen sie können selig werden, denn allein der Name: Jesus Christus, hochgelobt in Ewigkeit. Amen.
Gebet.
Herr, du hast das Wort deiner Verheißung und deiner Gnade vor uns hingestellt; so wecke auch unsere Herzen, dass sie mit rechtem Ernste darauf hören und als ein gutbereiteter Boden es aufnehmen; dann wirst du, treuer Gott, der du so gern segnest, auch das Gedeihen geben, damit dasselbige Wort aufgehe und Frucht bringe an unsern Seelen. So werden wir dann gewisse Tritte tun auf dem Wege des Lebens, nicht aber uns wiegen und wägen lassen von allerlei Wind der Lehre und. Täuscherei der Menschen; sondern fest halten an deinem lauteren Worte: Dann werden wir auch an unsern Herzen erfahren, dass es ist die Kraft Gottes, selig zu machen Alle, die daran glauben. Ob wir dann auch nicht genommen sind aus den Stürmen dieser Zeit und ihrer Versuchung, so haben wir vor uns das feste prophetische Wort, und wir fühlen, dass wir wohltun, darauf zu achten, als auf ein Licht, das da scheinet am dunkeln Orte. Wir erkennen, und dafür, Herr, tue unsre Augen immer mehr auf! - wir erkennen das Ziel, welches vorhält die himmlische Berufung Gottes in Christo Jesu. Zu solchem Ziel wandelt es sich getrost! Gott, Heiliger Geist, wie du angefangen hast das gute Werk in uns, so wirst du es auch vollführen; so segne, Herr, dein Wort an unsern Seelen, dass wir durch dasselbe dir zu einem Volke rechten Gehorsams bereitet und so Erben werden können deines Reiches der Verheißung. Amen.