Bard, Paul - „Christ ist geboren.“

Bard, Paul - „Christ ist geboren.“

Am 1. heiligen Weihnachtsfesttage.

Ehre sei Gott in der Höhe, Friede auf Erden, den Menschen ein Wohlgefallen!

Vater unser rc.

Unser Weihnachtsevangelium steht bei St. Lukas am 2.:

Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augusto ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste, und geschah zur Zeit, da Cyrenius Landpfleger in Syrien war. Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt. Da machte sich auf auch Joseph aus Galiläa aus der Stadt Nazareth in das jüdische Land zur Stadt David, die da heißt Bethlehem, darum, dass er von dem Hause und Geschlechte David war, auf dass er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe, die war schwanger. Und als sie daselbst waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn, und wickelte ihn in Windeln, und legte ihn in eine Krippe, denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge. Und es waren Hirten in derselbigen Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihrer Herde. Und siehe, des Herrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht, siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt David. Und das habt zum Zeichen, ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe, und Friede auf Erden, und den Menschen ein Wohlgefallen.

Wir feiern Weihnacht! das Fest der Geburt unsers Königs Jesu Christi. - Welch ein Fest, Geliebte! Weihnacht! welche Majestät, welcher Duft, welch ein Zauber liegt in dem Klange dieses Namens!

Sprich ihn hinein in die Kinderwelt und du begegnest leuchtenden Augen und strahlenden Angesichtern. Gedenke der eigenen Kinderzeit - wie oft, wie hat jedes Mal der Klang dieses Namens, der Schein dieses Festes, der Ton seiner Glocken, das Brausen seiner Lieder dir das Herz geschwellt im engen Busen, die Lippen geöffnet zu hellem Jubel! Das muss wahr sein, Geliebte, für die Kinderwelt ein Fest ohne Gleichen, das liebe Weihnachtsfest!

Aber nur für die Kinder? für uns Große und Alte nicht? Büßte wirklich - sie sagen es ja! - Weihnacht seinen Zauber, seinen Duft, seinen Glanz, seine Macht ein an der Grenze der Kinderzeit? ließe uns nichts als den Wiederschein der Christbaumkerzen in den strahlenden Augen unserer Kinder? zusammen mit dem wehmütigen Gedächtnis des goldenen Traums der eigenen, längst entschwundenen, nie wiederkehrenden, seligen Kinderzeit? Das wäre entsetzlich, Geliebte! Aber die Meinung, die Schuld des Festes ist das nicht, wenns so ist. Vielmehr - „große Freude allem Volk“, das ist sein Programm, die mächtige Gabe, die es erbietet und vermittelt aller Welt, den Kleinen und den Großen, den Alten und den Jungen, auch dir, auch mir! Freilich, wenn seine Bedeutung aufginge in der Bescherung mit Gaben der Liebe, mit denen wir am Christabend einander zu bedenken pflegen nach alter schöner Sitte und wer will sie zählen in der Christenheit, denen die heilige Weihnacht sonst nichts bedeutet! seine Frucht könnte nicht die große Freude sein, die es in Aussicht stellt. Mag auch das Kindesauge in dem armen zerbrechlichen Tand eine unvergleichliche Herrlichkeit sehen - wir kennen nachgerade die Flüchtigkeit auch der edelsten Gaben dieses armen Lebens und habens tausendmal mit Schmerzen erfahren, dass sie zur Stillung des tiefen Leids im Busen nichts vermögen. Die „große Freude“, welche Weihnacht in Aussicht stellt, die Freude, welche das klopfende Menschenherz bis in den untersten Winkel füllt, welche der verzehrenden Macht der Zeit gewachsen ist, welche auch das schwerste Leid bewältigt, die heißesten Tränen trocknet sie kann nur die Frucht einer reicheren, edleren Gabe sein, als die diesseitige Welt sie bietet. Weihnacht schenkt sie mit seiner Botschaft: „Euch ist der Heiland geboren“.

„Siehe, ich verkündige euch große Freude“ das ist das Amt, das mir heute obliegt. Die Frucht meiner Lippen soll die „große Freude“ eures Herzens sein. Wirds gelingen?

Geliebte, ich würdige ganz das Gewicht der Aufgabe, die mir gestellt ist. Ich weiß, wie schwer es ist, ein Menschenherz, auch nur ein einziges, bis in die Tiefe fröhlich zu machen. Und nun seid ihr hierhergekommen zu Hunderten, jeder mit seinem besonderen Leid, seiner besonderen Sorge, seinen besonderen Gedanken, aber einig in dem Begehr, in der Forderung an mich, dass ich euch fröhlich mache, dass das Wort meines Mundes die Flamme der Freude in euren Herzen entzünde, die in der Lohe des Jubels der Lippen gen Himmel schlage. Werde ich es können? Wird die Frucht meiner Verkündigung wirklich die sein, dass, wenn ihr nun heimgeht von dieser heiligen Stätte in eure Häuser, ihr brennende Herzen und jubelnde, lobende Lippen heimbringt? Darf ichs hoffen?

Gemeinde Jesu Christi! Wenn ich nichts hätte als meine armen Gedanken, und wären sie hoch wie der Himmel und tief wie das Meer wenn ich nichts bieten könnte als die armen Worte meiner sündigen Lippen - und könnte ich mit Engelszungen reden nimmermehr! Wie sollte ich einen armen Menschen fröhlich machen können!

Aber ich habe heute das Machtmittel, den Zauber, welcher Menschenherzen zu heller Freude entzünden kann, auch wenn sie noch so stumpf und hart, auch wenn sie zum Brechen traurig sind. Das Wort ists, das alte und ewig neue, das schlichte, so schlicht, dass eines Kindes Einfalt es fasst, und doch so unergründlich tief, dass auch der Verstand der Großen dieser Erde es nicht erschöpft, das Wort, vor 19 Jahrhunderten auf Bethlehems Fluren in stiller heiliger Nacht zuerst geredet von Engelslippen, von dort weiter gegeben von Volk zu Volk als teuerstes Kleinod, als heiliges Erbe unseres Geschlechts, mit wachsendem Brausen die Welt durchtönend, heute von den Lippen Unzähliger geredet, gebetet, gejubelt, das Wort ohne Gleichen: „euch ist der Heiland geboren!“

Ein Herold dieser Botschaft stehe ich vor dir, Gemeinde Jesu Christi, im Namen und Auftrag des lebendigen Gottes, bezeugend und bittend mit der ganzen Inbrunst meines Herzens:

Welt war verloren,
Christ ist geboren:
Freue dich, freue dich, Christenheit!

Welt war verloren! ein trüber Anfang einer Freudenbotschaft. Aber der dunkle Grund, auf dem die Geschichte heiliger Weihnacht strahlend sich abhebt. Die Würdigung der Tatsache: „Welt ist verloren“ ist die Voraussetzung der Würdigung der anderen: „Christ ist geboren.“ Dass man jene verkennt, ist bei Tausenden die Ursache, dass sie diese verachten. Erst musst du klagen mit erschrockenem Herzen: „Welt ist verloren“, wenn du jubeln willst mit schwellendem Herzen: „Christ ist geboren.“

Welt war verloren! - ist das dein Bekenntnis? weißt du das? glaubst du das? stehst du in der lebendigen Erfahrung und Empfindung, dass dem so ist? dass die Welt ohne Christum verloren ist? dass, wenn Er nicht kam, wenn der Himmel sich nicht öffnete, wenn das Weihnachtsevangelium nicht ertönte, wenn es Weihnacht nicht gäbe, dass dann die Welt, unser Leben eine Stätte des Jammers, des Grauens, des Entsetzens, der Verzweiflung wäre? weißt du das? Sie zählen nach vielen, vielen Tausenden, die das nicht wissen oder nicht wissen wollen. Sie verlachen uns, sie nennen uns trübe, sauersehende, kopfhängerische Narren, wenn wir so sagen. Sie preisen die Welt, das Menschenleben auch ohne den Schein des Weihnachtslichts, auch ohne den Ton der Weihnachtsbotschaft, auch ohne das Kind in Windeln und Krippe, schön, reich, gut genug, sich seiner ohne Bedenken zu freuen. Ja, sie schelten die Botschaft von Bethlehem den Störenfried, das Grab ungemischter Freude an der schönen Welt. Sie lachen der Weihnachtsbotschaft und gehen trotzdem so scheint es! durchs Leben mit fröhlichem Herzen, gutem Mut, lachendem Angesicht und scherzenden Lippen; als vermissten sie nichts, auch gar nichts; als wäre an der heiligen Weihnacht nichts, auch gar nichts gelegen; mit ihr nichts, auch gar nichts verloren, als wäre das Menschenleben auch an sich selber eine ewig sprudelnde, nie versagende Quelle ausgelassener Freude.

Geliebte, ich habe das nie verstehen können. Das wohl, dass ein armes Menschenherz einmal erschüttert wird in seinem Christenglauben, dass einmal die wilden Wogen des Zweifels und der Anfechtung das Schifflein des Glaubens bedecken, auch dass einer, wenn er mit seinem Gott und Herrn durch Gebet und Schriftwort nicht in Rapport bleibt, schließlich an seinem Glauben Schiffbruch leiden kann. Das wohl. Aber das nie, wie Jemand, wenn er nun irre ward an seinem Herrn, wenn ihm das Licht in Bethlehem erlosch und das ganze Gebäude der großen Heilstaten Gottes von Bethlehem bis Golgatha in Trümmer stürzte, auch da noch den Mut behält, fröhlich zu sein, dass er auf dem schaurigen Grabe allen Trostes, aller Freude, aller Hoffnung noch lachen, scherzen, guter Dinge sein, ja wohl gar spotten und lästern kann das ist mir immer erschienen wie das gellende Lachen eines Irren, der, ein Elender ohne Gleichen, sich einen König dünkt, wie das Prahlen des Narren: „ich bin reich und habe gar satt und bedarf nichts“ und ist doch blind und bloß und elend ohne Maßen! Das habe ich nie verstehen können. Ich las in diesen Tagen ein Wort des bekannten frivolen französischen Schriftstellers Ernst Renan, der mit seiner berüchtigten Karikatur des „Lebens Jesu“ Tausenden das Kleinod ihres Glaubens nahm. Er hat kein Hehl, zu bekennen: „in der Stunde, da mir die Wahrheit des Christentums erschüttert ward, konnte ich mich nirgend mehr zurechtfinden; es gab nichts mehr, was mir der Freude wert schien.“ Hat er nicht Recht, Geliebte? Erlischt mit der Sonne des Christenglaubens nicht wirklich auch das Licht der Freude, des Friedens, des Trostes, der Hoffnung? Sind wir nicht wirklich, wenn es das Christkind, wenn es Weihnacht, wenn es das Evangelium nicht gäbe, die elendesten unter allen Kreaturen? wüsstest du, wenn es so wäre, in der schaurigen Todesnacht, die uns dann einhüllte, anderen Rat, als dass wir arme, freudelose, hoffnungslose, trostlose, lichtlose Menschen uns zusammensetzten, unsere Häupter verhüllten und weinten bittere, heiße Tränen, die Klage auf bebenden Lippen: „es wäre uns besser, wir wären nie geboren!?“

Oder ist das zu hart, zu übertrieben, zu pessimistisch gedacht und geredet? Muss ich denn heute der Bote deines eigenen Jammers sein?

Weißt du wirklich nicht, siehst du es nicht, dass es der Weg des Todes ist, den du gehst? dass der Boden unter deinen Füßen unterhöhlt ist? dass du mit jedem Pulse deines Herzens der fürchterlichen Stunde näher rückst, wo die ganze diesseitige Welt dir zusammenbricht, wo der Sonne Schein und der Sterne Glanz dir erlischt, wo die süße Gewohnheit des Daseins versagt, wo du Alles, Alles, was du hast, auch das, woran du hängst mit tausend Banden, auch das Weib deiner Liebe, auch die Kinder deines Herzens lassen musst, um durch das grausige Dunkel des Todes vor das blendende Licht der Majestät des heiligen Gottes gerissen zu werden und aus Seinem Munde das Donnerwort des vernichtenden Urteils einer lichtlosen, hoffnungslosen Ewigkeit zu hören? Das weißt du, erlebst du; und angesichts dieser entsetzlichen Katastrophe, die dir in jedem Augenblicke droht, einmal unentrinnbar dich trifft, hast du noch den Mut, auch nur eine Stunde guter Dinge zu sein?

Weiter. Merkst du denn nicht, dass das Gepräge auch dieses Lebens, des Weges zu solchem Ziele, selbst wenn es „köstlich war, doch Mühe und Arbeit“, und wie oft tausendfach trüber, ein Weg enttäuschter Hoffnungen, vereitelter Wünsche, begrabener Güter, zerrissener Herzen, verzehrenden Kummers, strömender Tränen ist? dass auch die nächste Stunde dich aus einem reichen zu einem armen, aus einem gesunden zu einem kranken, aus einem lachenden zu einem weinenden Menschen machen kann? Das weißt du und bist doch guter Dinge?

Noch einmal: Spürst du nichts davon, dass du die schmachvollen Ketten der Sünde trägst, dass du, selbst wenn du das Gute willst, doch immer wieder das Böse tust, dass du ungeachtet aller edlen Vorsätze, aller Kraft deines Willens immer wieder schmählich bezwungen am Boden liegst? Du, berufen, ein Kind Gottes Seinen Willen mit brennendem Herzen zu tun, suchst in gemeinen Ketten immer nur das Eigene? Diesen schmachvollen Stand deines Herzens kennst du und kannst fröhlich sein?

Und endlich: fühlst du es wirklich nicht, dass auf deinem Gewissen eine Zentnerlast der Schuld sich gehäuft hat, die stündlich wächst und gen Himmel schreit? dass der lebendige Gott, der dich schuf und trägt mit der Macht Seines Wortes, dir gram und wider dich ist? unausgesetzt die Klageschrift dir vorhält: mir hast du Arbeit gemacht in deinen Sünden und Mühe in deinen Missetaten? unablässig fordert: bezahle, bezahle was du mir schuldig bist? erfuhrst du es nie, wie entsetzlich es ist, zu erkennen, dass alle Versuche, dieses gespenstischen Genossen, der je länger je zudringlicher wird, dich zu entledigen, Arbeit oder Zerstreuung oder Selbstbelügung schmählich zu Schanden werden? Das erfuhrst du und hast trotz Allem den Mut, guter Dinge zu sein?

Hinter dir die heulende Anklage deines Gewissens, in dir die Sklavenketten eines gebundenen Willens, über dir das Wetter des Zornes Gottes, vor dir die Nacht des Todes, hinter welcher Gericht und die lichtlose Ewigkeit lauert das ist unsere Lage, Geliebte; lässt sie Raum zur Freude, für fröhliche Herzen, jubelnde Lippen und lachende Angesichter?

Gewiss, das Menschenleben hat auch freundliche, lichte Züge und Seiten. Der helle Schein der Sonne, der blitzende Glanz der Sterne, die entzückende Wonne des Lenzes, der liebliche Sang der Vögel, die Erquickung an Beruf und Arbeit, an Kunst und Wissenschaft, an Weib und Kind wer kanns leugnen, dass die Erde trotz Allem und Allem „voll ist der Güte des Herrn“, dass es tausend Dinge gibt, mit denen Gottes Freundlichkeit dies arme Leben schmückte zwischen Wiege und Grab? Aber reichen denn alle diese Dinge aus, uns über das grausige Grundgepräge des Lebens zu trösten, geschweige es zu wandeln? hört die Welt dadurch auf, verloren zu sein? Kann der Sonne Glanz und der Sterne Schein die Nacht deines bösen Gewissens erhellen, auch nur einen einzigen Flecken begangener Schuld tilgen? kann des Lenzes Wonne und der Vögel Sang die Sklavenketten der Sünde brechen und das Herz wandeln aus einem wüsten Acker voll Unkraut in einen lachenden Gottesgarten, der die Früchte trägt, die Ihm gefallen? kann Beruf und Arbeit, Kunst und Wissenschaft dich trösten um den Kummer und Gram deiner Seele und dir die Tränen trocknen von den brennenden Wangen am Sarg und Grab deines heißgeliebten Toten? kann die Liebe deines Gatten, deiner Kinder Zärtlichkeit dich schützen vor des Todes kalter Faust, der in ihren Armen zwiefach entsetzlich ist? Und wenn das nicht, ist denn nicht trotz all der lieblichen Strahlen der Freundlichkeit Gottes, welche die Todesnacht unseres Lebens eine Weile erhellen, sein Grundgepräge Mühsal, Kummer und Elend, die Welt ohne das Christkind, ohne Weihnacht, ohne das Heil Gottes eine Stätte des Jammers, des Grauens und Entsetzens und die Klage im Recht: „Welt war verloren?!“

Aber weils so ist, gerade weils so ist, Geliebte, weil unser armes Leben „in die Tiefe gesehen“ so trostlos, freudelos, lichtlos, hoffnungslos ist, darum lauschen wir mit schwellendem Herzen, mit klopfenden Pulsen den Himmelstönen „mächtig und gelind“: Christ ist geboren; darum wird unser Mund voll Lachens und unsre Zunge voll Rühmens, wenn an heiliger Weihnacht hinein in die düstre Nacht des Lebens das süße Lied uns grüßt von Engelslippen: „vom Himmel hoch da komm' ich her“, darum zieht es uns vor der heiligen Geschichte in Bethlehem mit Gewalt auf die Knie und können uns nicht satt sehen an dem Kinde ohne Gleichen. Was dem Schuldner der Erlass seiner Schuld, was dem Gefangenen die Freiheit, was dem Kranken die Genesung, was dem Blinden das Licht, was dem Verbrecher auf dem Todesgange die Begnadigung, was dem verlorenen Sohne das wiedergefundene Vaterherz, das und noch viel mehr ist uns die Geschichte, die in Bethlehem geschah. Denn: Christ ist geboren, stark und Willens, den Wurm unseres bösen Gewissens zu zerdrücken, der nicht sterben will, die Ketten der Sünde zu brechen, die nicht fallen wollen, die Wunden des Leides zu heilen, die sich nicht schließen wollen, den Tod zu erwürgen, dem keine Macht gewachsen ist.

Nun würdigen wir's, wenn die Gläubigen alten Bundes mit stockendem Atem der seligen Verheißung vom kommenden Heiland lauschten; wenn der sterbende Jakob sehnend betet: „Herr, ich warte auf dein Heil!“ wenn David ruft: „wann werd' ich dahin kommen, dass ich Gottes Angesicht schaue!“ und Jesaias: „ach, dass du den Himmel zerrissest und führest herab!“, dass die ehrwürdigen Gestalten an der Schwelle neuen Bundes, ein Simeon, eine Hanna, mit seligem Entzücken das Christkind auf zitternden Armen halten, bereit, in Frieden zu fahren, dass die Hirten des Feldes eilten, die Geschichte zu sehen, die da geschehen war, dass die Magier aus fernem Osten kamen, nur um anzubeten vor dem neugeborenen König der Juden, dass Maria selig bekennt: „meine Seele erhebt den Herrn und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes“, dass die Jünger jubelnd einander grüßen mit der Botschaft: „wir haben den Messias gefunden“, dass selbst die Engel Gottes Genossen unserer Freude sein müssen, über die begnadete Erde hin das hohe Lied singend von der Ehre Gottes und dem Frieden der Erde.

Aber das fasse ich nicht, wie einer, der es würdigt, was das heißt, „Welt ist verloren“, unbewegt, ohne Rührung, ohne Freude, ohne Jubel es hören kann: „Christ ist geboren“. Wäre wirklich einer hier, der's könnte, der's zu Wege brächte, am Christfest, am Fest der „großen Freude“ traurig, finster, misslaunig zur Seite zu stehen, der ein Herz hätte so hart, stumpf, steif und kalt, dass der süße Klang der Weihnachtsbotschaft an ihm machtlos abprallte? Dem möchte ich beide Hände fassen, tief in die Augen sehen und fragen: „du lieber, armer Mensch, ist dir's denn wirklich gar nichts wert, dass die Lasst deiner Schuld vergeben, die Ketten deiner Sünde gebrochen, die Wunden deines Herzens geheilt, Tod und Grab in eine lichte Ewigkeit gewandelt werden sollen? Ist das wirklich gar nichts wert? Ist dir's ganz gleich, ob du Schuld und Sünde und Leid und Tod behältst oder ihrer ledig gehst?“ Geliebte, heut ist kein Raum für Traurigkeit. Nichts, nichts gibt dir Recht oder entschuldigt dich, heute trübe oder bange oder verzagt oder kummervoll zu sein. Denn „Christ ist geboren“ - darauf gehört in jedem Fall die Mahnung: „Freue dich Christenheit“, die Antwort: „o du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit“, das Loblied der Engel: „Ehre sei Gott in der Höhe!“

Noch einmal: Christ ist geboren. Er ist geboren das sagen wir denen zum Trotz, welche der Christenheit die Tatsache verdächtigen möchten, denen zum Trost, welche durch das zuversichtliche Geschrei der Widersacher sie sich haben erschüttern lassen. Eine Tatsache ist die Geburt des Christkindes, kein Märchen, Wahrheit, nicht Dichtung, Geschichte, nicht Mythos. Er ist geboren.

Gewiss, es liegt was dran, dass das Tatsache, Wahrheit, Geschichte ist. Es ist eine unverantwortliche Taktik des s. g. liberalen Protestantismus, dass er die Christenheit über das Gewicht des Tatsächlichen im Christentum täuscht. Wie kann man die Stirn haben, die Leute zu lehren: wenn auch die Geschichte fällt, es bleibt doch die Idee? wenn auch der wunderbare Charakter des Lebens Jesu fällt, es bleibt doch die Lehre? wenn auch der Sohn Gottes verloren geht, es bleibt doch der weise, edle, menschenfreundliche Rabbi von Nazareth?! Treiben sie nicht Hohn mit unserem Jammer? Kann denn dem Hungrigen der Begriff des Brotes, dem Nackenden das Bild eines Kleides, dem Gefangenen die Idee der Freiheit helfen? Was soll uns die Idee der Versöhnung und Erlösung, die Idee des Lebens, der Seligkeit, die Idee der Menschwerdung Gottes? Die Forderung und das Vorbild, dem du nicht folgen kannst? Wider die Tatsache der Schuld kann nur die Tatsache der Sühne, wider die Tatsache des Todes nur die Tatsache der Auferstehung, wider die Tatsache unserer Verlorenheit nur die Tatsache der Menschwerdung Gottes helfen. Wäre es mit den Tatsachen nichts, wären sie Mythos, Dichtung, Märlein, was hält man uns mit hohlen Phrasen auf? wir sind dann elende verlorene Leute ohne Trost, ohne Rettung, ohne Hoffnung, ohne Licht in Zeit und Ewigkeit. Alles, Alles hängt an der Tatsächlichkeit der evangelischen Geschichte, in erster Linie der Menschwerdung Gottes. Es ist Falschmünzerei, das zu leugnen.

Aber gottlob! wir dürfens fröhlich, getrost, mit Zuversicht sagen: Christ ist geboren.

Nicht bloß weil wir für die Tatsache eine Wolke von Zeugen haben. Die haben wir. Oder soll die Versicherung Mariä, St. Lukä, der anderen Evangelisten, aller Apostel, welche mit Wort und Wandel, mit Leben und Sterben die Gottessohnschaft Jesu Christi bezeugten, gar nichts gelten?

Aber der Charakter unsers Evangeliums selbst ist ein unwillkürlicher Zeuge seiner Geschichtlichkeit. Zwar, man will gerade aus seinem wunderbaren Charakter einen Strick drehen, seine Geschichtlichkeit zu erwürgen. Aber wer kann so unverständig sein, an dem wunderbaren Charakter einer Tatsache, wie der Menschwerdung Gottes, sich zu stoßen? Hast du dir nicht so viel Unbefangenheit des Urteils, soviel Klarheit des Blicks bewahrt, dass du erkennst: so erfindet man nicht?! dass eine erfundene Geschichte der Geburt des Weltheilandes ganz, ganz anders ausgefallen sein würde? dass der Dichter mit dem kurzen schlichten Wort: „sie gebar ihren ersten Sohn, wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe“ sich nimmer würde zufrieden gegeben haben? Klingt denn das Wort: „siehe ich verkündige euch große Freude, denn euch ist heute der Heiland geboren“ und das Lied der Engel: „Ehre sei Gott in der Höhe, Friede auf Erden“ wie die Erfindung eines menschlichen Geistes? trägt nicht beides, ja trägt nicht der Charakter des ganzen Evangeliums von der Schätzung Augusti an bis zum Engelliede hin in seiner Mischung von Hoheit und Einfalt, von Tiefe und Schlichtheit, von göttlicher Herrlichkeit und menschlicher Niedrigkeit die unverkennbaren Züge treuer Wiedergabe einer Geschichte Gottes, wie sie nie in eines Menschen Herz geboren ist? eignet denn einem Werk menschlicher Erfindung die Zaubermacht, durch fast 18 Jahrhunderte Jahr für Jahr die ganze christliche Welt zu elektrisieren, bewegen, erschüttern, trösten, beseligen? Das Weihnachtsevangelium bedarf keiner legitimierenden Zeugen seiner Geschichtlichkeit, es legitimiert sich selbst als Bericht einer Gottesgeschichte, als Gottes eignes Wort.

Aber freilich, die Sicherheit der Menschwerdung Jesu Christi vermittelt sich schließlich erst und nur durch die tatsächliche Erlebung Seiner Heilkraft. Der Herr beruft sich selbst den Juden gegenüber, die sein Wort nicht ausreichlich achten, auf Seine Werke als Zeugen Seiner Gottessohnschaft. „Wenn ihr meinen Worten nicht glaubt, so glaubt mir doch um meiner Werke willen“ und dem einen Augenblick wankenden Johannes bietet er als Hilfe die Würdigung seiner Werke. Bis heute führt der Herr den Erweis Seiner Gottessohnschaft, Seiner Heilandschaft mit Seinen Werken. Auf die Erprobung Seiner Werke bist du immer gewiesen, wenn du Seiner Heilandschaft sicher sein willst. Musst dich in Seine Kur geben. Heilt er dich von den Wunden deiner Schuld, deiner Sünde, deiner Not und deines Todesgrauens so weißt du es, und das Geschrei der ganzen Welt wird dich darin nicht erschüttern können, Er ist, der Er sagt und den das Evangelium Ihn bezeugt, der Heiland, der Sohn Gottes. Aufgrund solcher Erfahrung bekannte Petrus: „Du hast Worte ewigen Lebens, und wir haben geglaubt und erkannt, dass Du Gottes Sohn bist“, auf Grund der Erlebung der Genesung Thomas' „mein Herr und mein Gott!“ Die mittelst Seines Wortes erlebte Genesung von den Schäden unseres Herzens und Lebens garantiert unerschütterlich Seine Heilandschaft, Seine Gottessohnschaft, damit aber die Geschichte der Menschwerdung Gottes in unserem Evangelium. Entschließe dich und mache die Probe, ich verbürge dir, du wirst mit jenen Samaritern bekennen (Joh. 4, 42): „wir glauben nun nicht mehr bloß um Deiner Rede willen; wir haben selbst gehört und erkannt, dass dieser wahrhaftig der Welt Heiland ist“; wirst nicht mehr misstrauisch zur Seite stehen, auf den Lippen die düstere Klage: „Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube“; vielmehr wider alle Verdächtigung des großen Haufens aus eigener persönlicher Erlebung Seiner Heilskraft mit der ganzen Christenheit jubelnd bekennen: „Ehre sei Gott in der Höhe: Christ ist geboren“.

Noch einmal: Christ ist geboren. Geboren, Geliebte, geht auch an dem Worte nicht achtlos vorüber. Geboren, nicht gekommen nur! Das hätte uns nicht helfen können, wenn Er kam und ein Fremder, Ferner blieb. Geboren, Einer unseres Geschlechtes musste sein, wer uns helfen wollte. Wer die Schuld unseres Geschlechts sühnen, sein Leid fühlen, seinen Tod überwinden wollte, musste ihm gliedlich angehören. Darum: das Wort ward Fleisch - in das Zeugnis fasst St. Johannes seinen Bericht der Geburt des Heilandes. Gott ward Mensch - Geliebte! welch ein Begebnis! Zwar, wie es geschehen konnte wer will es fassen? Dass der die Welt schuf mit einem Wort Seines Mundes, der die Sterne lenkt am Himmelszelt, der allem Fleische Leben und Odem gibt, vor dessen Schelten die Felsen beben und die Erde zittert, dass der ein Kind wird, geboren von der armen Magd in Bethlehems Stall, in Windeln und in der Krippe - uns schwindelt bei dem Versuch, das zu verstehen. Aber es zu verstehen ist uns auch nicht aufgegeben. Nur an der Krippe des menschgewordenen Gottes den stolzen Nacken zu beugen und vor dem Wort: Gott ward Mensch im Staube, in Demut und Scham anzubeten. Christ ist geboren der mächtigste Appell Gottes an unser Herz. In der Gestalt eines Kindes tritt Er dir in den Weg, der lieblichsten, unwiderstehlichsten, rührendsten, die es gibt. Wer kennt nicht den Zauber im Antlitz, im Auge, im Wort, in den ausgestreckten Armen eines Kindes! Ihm widersteht kaum das roheste, wildeste Herz. In Kindesgestalt tritt Gott dir entgegen; mit freundlichem Kindesangesicht, mit bittendem Kindesauge sieht Er dich an, streckt die Kindesarme nach dir aus, auf den süßen Kindeslippen die flehende Bitte: „gib mir dein Herz! hab' mich lieb!“

Wirst du es über dich bringen, Ihm Widerstand zu leisten, Seine Bitte zu versagen, deinen Gott zu verschmähen auch in der Gestalt des Kindes, welches sich zu Gaste bittet mit dem Reichtum Seiner Schätze in deinem armen, öden, unsauberen Herzen? Ach tu's nicht, lieber Mensch! Es gehen so viele vorüber an dem Kinde, das um ihretwillen seine Herrlichkeit verließ und in die Armut und Niedrigkeit ging - tu's nicht! heute nicht! Halte dem Zauber Seines Angesichts, der stillen Gewalt Seines Auges still, beuge deine Knie vor Ihm, tausche mit Ihm aus Seine Seligkeit mit deinem Jammer, dann ist dir endlich geholfen für Zeit und Ewigkeit.

Im fünften Jahrhundert lebte ein durch Gelehrsamkeit und Frömmigkeit gleich ausgezeichneter Kirchenlehrer Namens Hieronymus. Der folgte im hohen Alter dem Drang seines Herzens, zog nach Bethlehem und nahm dort Wohnung gegenüber der Stätte der Geburt des Christkindleins. „Da sitze ich denn“, erzählt er, „oft stundenlang und sehe hinüber nach der heiligen Stätte, und es ist mir, als sehe ich das Kindlein und muss ihm sagen: Du liebes Kind, wie hart liegst du in deiner Krippe um meinetwillen! Wie kann ich dir Solches danken!“ Da ist mir's als höre ich das Kind sprechen: „singe du nur: „Ehre sei Gott in der Höhe!“ ich will noch viel geringer werden am Ölberg und auf Golgatha“. „Aber was soll ich dir schenken, liebes Kind,“ erwidere ich, ich will dir all mein Gold schenken“. Das Kind: „Die Erde ist mein und der Himmel ist mein, was soll mir dein Gold, gibs den Armen, dann will ichs ansehen, als mir geschenkt“. „Aber dir, dir, liebes, heiliges Kind, muss ich was schenken, sonst muss ich vor Leide sterben.“ „Wohl“, spricht das Kind, „weil du denn so freigebig bist, lieber Hieronymus, so will ich dir sagen, was du mir schenken sollst. Gib mir deine Sünden, dein Elend, deine Sorgen, deinen Kummer, deine Tränen, und ich will dir meine Freuden, meine Seligkeit, meine Heiligkeit, meine Herrlichkeit schenken hier und drüben“. Da fange ich denn an, erzählt Hieronymus, bitterlich zu weinen und sage: „Du geliebtes Kind, ich dachte, ich wollte dir was Gutes geben und du willst das Böse haben! Wohl, nimm, was mein ist und gib mir was dein ist, so bin ich der Sünden ledig und des ewigen Lebens gewiss!“„

Gemeinde Jesu Christi! Wir stehen an der Krippe des Christkindes. Es erbietet dir den gleichen Tausch wie einst dem greisen Hieronymus. Sollte sein Tauscherbieten nicht uns wie jenem Alten das Herz bewegen, dass wir endlich uns entschlössen zu dem Bekenntnis, um das Er warb lebenslänglich: „nimm was mein ist und gib mir was dein ist, so bin ich der Sünden ledig und des ewigen Lebens gewiss!?“ Täten wir's, wir würden aus der Fülle eines endlich zur Ruhe gelangten Herzens mit der Christenheit aller Zeiten und Orte jubeln dürfen und können: „Ehre sei Gott in der Höhe, Friede auf Erden, den Menschen ein Wohlgefallen“. Gott walt's! Amen.

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