Baggesen, Carl Albrecht Reinhold - Abraham, der Vater der Gläubigen - III.
Genes. XIII.
Abram hatte während seines Aufenthaltes in Ägypten drei wichtige Erfahrungen gemacht. Erstlich, dass wenn er selbstgewählte Wege ging, statt auf den Ruf seines Gottes zu warten, er sich in unvorhergesehene Verlegenheiten und Gefahren begab. Zweitens, dass weltliche Klugheit zur Unlauterkeit und Unwahrheit verführt und auch der Fromme, wenn er sich dünken lässt, er stehe, wohl zusehen mag, dass er nicht falle. Drittens aber dass Gott treu ist, und selbst ungeachtet unserer Untreue seine Verheißungen hält.
Wir haben wohl Alle, meine Freunde, in dem neulich verflossenen Jahre ähnliche Erfahrungen gemacht. Die ohne Gottes Rat gefassten eigenwilligen Entschlüsse und Anschläge eigener Klugheit, um irgendeinem Übel zu entgehen, dem wir uns mit Ergebung in Gottes Wille hätten unterwerfen sollen, haben uns oft in größere Not gebracht. Wir haben auch die Erfahrung unserer Schwachheit und Sündhaftigkeit gemacht, und uns schämen müssen unsers Mangels an Gottvertrauen und Standhaftigkeit. Und dennoch hat uns Gott mit väterlicher Geduld und Langmut getragen, uns aus der Not, in die wir uns selbst gebracht, gezogen, und gnädig unsere Übertretungen seines heiligen Willens verziehen und durch seine Treue unsere Untreue beschämt. Mit solchen Erfahrungen bereichert, und durch sie im Glauben befestigt, kehrte Abram aus Ägypten nach Kanaan zurück. Möchten wir so wie Er, reicher an Erfahrung, an Selbsterkenntnis und Gottvertrauen ins Neue Jahr eingetreten sein!
„Also zog Abram herauf aus Ägypten mit seinem Weibe, und mit Allem, was er hatte, und Lot auch mit ihm, gegen „Mittag““ d. h. in den mittäglichen Teil des Landes Kanaan. „Abram aber war sehr reich an Vieh, Silber und Gold, Und er zog immer weiter von Mittag bis gen Bethel, an die Stätte, da am ersten seine Hütte war, zwischen Bethel und Ai; eben an den Ort, da er vorhin den Altar gemacht hatte. Und er predigte allda den Namen des Herrn.“
In dieser Zeit seines Lebens hatte Abram diesen Ort zwischen Bethel und Ai zu seinem Wohnsitz erkoren, daher er nur kurze Zeit sich in dem mittäglichen Teil des Landes aufhielt. Der Altar, den er da seinem Gott erbaut hatte, bezeichnete die Stätte seiner Wohnung, und wie schon früher verkündete er allda den Namen des Herrn, an den er glaubte.
Doch Gottes Führungen, wie wir nun sehen werden, bewogen ihn, nach einiger Zeit eine andere Gegend zum bleibenden Wohnsitze zu wählen.
„Lot aber, der mit Abram zog, hatte auch Schafe und Rinder und Hütten. Und das Land mochte es nicht ertragen, dass sie beieinander wohnten; denn ihre Habe war groß, und konnten nicht beieinander bleiben. Und es war Zank zwischen den Hirten über Abrams Vieh, und zwischen den Hirten über Lots Vieh. So wohnten auch zu der Zeit die Kanaaniter und Pheresiter im Lande.“
Wenn wir uns die Lebensweise der Hirtenstämme jener Zeiten vergegenwärtigen, so können wir's begreifen, dass bei der Zunahme des Reichtums an Herden jener beiden Hirtenfürsten, Abrams und Lots, es ihnen schwer wurde, in einem Lande, das auch von andern Stämmen, Kanaanitern und Pheresiter, bewohnt war, hinlängliche Weideplätze zu finden, wenn sie beieinander blieben, und dass die Hirten ihres Viehes untereinander in Streit geraten konnten, bald über die Weiden, wo sie das Vieh hintrieben, bald über die Brunnen, aus denen sie es tränkten, bald sonst über irgend ein Recht oder einen Besitz und Vorteil.
Abram aber war ein friedliebender Mann, und die Streitigkeiten, die er als Oberhaupt des Stammes zu schlichten berufen war, und die immer von Neuem vor ihn gebracht wurden, ohne dass er ihnen ein Ende machen konnte, wurden ihm unerträglich.
„Da sprach Abram zu Lot: Lieber, lass nicht Zank sein zwischen mir und Dir, und zwischen meinen und deinen Hirten; denn wir sind Gebrüder. Steht Dir nicht alles Land offen? Lieber, scheide Dich von mir. Willst Du zur Linken, so will ich zur Rechten, oder willst Du zur Rechten, so will ich zur Linken.“
Hier gefällt uns Abram besser als in seiner unlauteren Klugheit, da er seine Frau für seine Schwester ausgab, hier ist er in Wahrheit ein bewunderungswürdiges und nachahmungswürdiges Vorbild. Wie friedfertig, wie edel und großmütig um des Friedens willen! Er hätte als der Ältere und Höhere, als der eigentliche Häuptling des Stammes gebieten und verlangen können, dass die Hirten und Herden seines Neffen sich seinen Anordnungen in allen Dingen, die zum Streit Anlass geben könnten, unbedingt unterwerfen. Oder, wenn er es nötig fand, dass Lot sich von ihm scheide, so hätte er sich die Wahl der Gegend, des Wohnorts und der Weideplätze vorbehalten können, dieweil Lot alsdann sich hätte begnügen müssen mit dem, was ihm Abram überließ. So herrschsüchtig, rechthaberisch und eigennützig war er aber nicht. Mit freundlichem Ernst, mit selbstverleugnender Nachgiebigkeit, mit liebreicher Friedensliebe stellte er sich vielmehr seinem Neffen gleich, ja ordnete sich ihm unter und sprach zu ihm: „Lieber, lass nicht Zank sein zwischen mir und Dir, und zwischen meinen und deinen Hirten; denn wir sind Gebrüder. Steht Dir nicht alles Land offen? Lieber, scheide dich von mir. Willst Du zur Linken, so will ich zur Rechten, oder willst Du zur Rechten, so will ich zur Linken.“
O meine Lieben! ist uns hier Abram nicht ein Vorbild, wie wir uns verhalten sollten, wenn Streitigkeiten zwischen uns und unserm Nächsten entstehen, namentlich Streitigkeiten mit Verwandten über Mein und Dein, über Vermögen und zeitliche Interessen? Oft ist es, wie bei Abram und Lot, das Gesinde, die Knechte und Mägde, welche den Anlass zur Uneinigkeit zwischen Familiengliedern geben. Da sollten wir auch, ohne alle Rechthaberei, wie Abram, zu einander sprechen: „Lieber, lass nicht Zank sein zwischen mir und Dir, und zwischen unsern Dienern!“ - Aber noch öfter sind es Fragen über Mein und Dein, namentlich Erbschaftsfragen, welche zu Rechtsstreitigkeiten Anlass geben und Brüder und Verwandte entzweien. wie traurig, wenn dann Jeder auf seinem vermeintlichen Rechte beharrt, nur auf seinen Vorteil und Nutzen sieht, Keiner dem Andern nachgeben will, und man nicht Anders aus einander kommen kann, als durch einen richterlichen Entscheid, oder durch einen unheilbaren Bruch! das Beharren auf seinem Recht mischt sich in solchen Fällen immer etwas Sündliches und Verwerfliches: Eigensinn, Eigennutz, Stolz, Lieblosigkeit. Was dem Christen in solchen Fällen einzig geziemt, ist die Nachahmung von Abrams Beispiel. Der Herr hat gesagt: „Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ Er hat geboten: „Ich sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel; sondern so Dir Jemand einen Streich gibt auf den rechten Backen, dem biete den andern auch dar; und so Jemand mit Dir rechten will und deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel; und so Dich Jemand nötigt eine Meile, so gehe mit ihm zwei.“
Und der Apostel ermahnt: (Phil. 10.) „Nichts tut durch Zank oder eitle Ehre, sondern durch Demut achtet Einer den Andern höher denn sich selbst; und ein Jeglicher sehe nicht auf das Seine, sondern auf das was des Andern ist.“ (Gal. VI, 2.) „Einer trage des Andern Last, so werdet Ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ - (Röm. XII, 10.) „Einer komme dem Andern mit Ehrerbietung zuvor.“
O wenn nur immer in allen Streitigkeiten zwischen Brüdern, wenn auch nicht Beide wissen, was das Beste wäre - doch der Eine wenigstens den Sinn und Charakter Abrahams hätte, zu sagen: Lieber, lass nicht Streit und Zank sein zwischen dir und mir; denn wir sind Brüder. Ich lasse dir die Wahl: willst du das Eine, so will ich das Andere; ich will mich begnügen mit dem, was du mir lässt; nur dass wir im Frieden bleiben, oder wenn wir von einander müssen, im Frieden scheiden! Wie viel ärgerliche Prozesse, wie viel Bitterkeit und Herzeleid, wie viel unversöhnliche Feindschaft, wie viel Ungerechtigkeit und Sünde würde damit erspart!
Wir bewundern Alle eine solche Handlungsweise wie Abrams; wir nennen sie schön, edel und großmütig. Warum ahmen wir sie denn nicht nach? Warum schätzen wir die Befriedigung unserer Rechthaberei und einen vergänglichen Vorteil höher als den Ruhm des Edelmuts, als den Frieden des Gewissens, als das Wohlgefallen Gottes, als die Nachfolge Christi, als die unverwelkliche Krone der Gerechtigkeit vor Gott? O lasst uns doch unser selbstsüchtiges Herz überwinden, um als wahre Christen die Liebe zu üben, die Alles verträgt, Alles glaubt, Ales hofft, Alles duldet, um auch, wo es ein Opfer erfordert, friedfertig und großmütig zu sein, wie Abraham.
Durch Abrams Güte und Freundlichkeit kamen Lot und er im Frieden auseinander.
„Da hob Lot seine Augen auf und besah die ganze Gegend am Jordan, wie sie gar wasserreich war, (ehe der Herr Sodom und Gomorra verdarb) als ein Garten des Herrn, gleich wie Ägyptenland, bis man kommt gen Zoar. Da erwählte ihm Lot die ganze Gegend am Jordan und zog gegen Morgen. Also schied sich ein Bruder von dem Andern; dass Abram wohnte in dem Lande Kanaan, und Lot in den Städten derselben Gegend, und setzte seine Hütten bis geu Sodom.“
Dem äußerlichen Anschein nach wählte Lot das bessere Teil. Das Jordantal, in das er zog, und das sich damals, vor der furchtbaren Katastrophe, welche die Städte Sodom und Gomorra zerstörte und die ganze Gegend verwandelte, dem Jordan nach hinunter erstreckte, und wo jetzt das Tote Meer liegt, erweiterte und bis nach Zoar ausdehnte, muss in der Tat eine wunderschöne Gegend gewesen sein: wasserreich und warm, weil sehr tiefliegend und auf beiden Seiten durch Gebirge geschützt, daher außerordentlich fruchtbar. Auch scheint es einer der ersten Wohnsitze der Menschen nach der Sündflut geworden zu sein, damals schon von Völkerstämmen bewohnt, welche mehrere Städte darin gebaut hatten. Lot ließ sich durch diese Vorzüge blenden und anziehen; hatte wahrscheinlich auch die Absicht, das herumziehende Hirtenleben nach und nach mit dem Ackerbau umzutauschen, daher er in einer der Städte des Tales, in Sodom, sich ansiedelte.
Abram aber blieb in den weniger fruchtbaren und weniger bewohnten und bebauten gebirgigen Teilen Kanaans, die seinen Herden ausgedehntere Weideplätze darboten.
„Aber die Leute zu Sodom waren böse und sündigten sehr wider den Herrn.“
Hierauf achtete leider Lot nicht, und wir werden sehen, dass es ihm zum Verderben gereichte. Ohne dass wir anzunehmen hätten, Er selbst sei vom Glauben abgefallen und habe an den Sünden und an der Gottlosigkeit der Leute zu Sodom Teil genommen, war es doch offenbar ein tadelnswerter Leichtsinn und eine fleischliche Sicherheit, sich um des bequemeren und reichlicheren Wohllebens willen von der Gemeinschaft des frommen Abrams zu trennen und in die Gemeinschaft der sündlichen Weltleute zu treten. Dies konnte nicht anders als ihm selbst und seiner Familie geistlich und sittlich gefährlich werden.
O wie Viele, meine Freunde! machen sich desselben Leichtsinns schuldig, indem sie nur zeitlichen Vorteil und sinnlichen Genuss suchen, und sich daher von der Gemeinschaft der Frommen zurückziehen, um mit den Weltkindern das Leben zu genießen. Sie laufen alsdann, wie Lot, Gefahr, entweder am Glauben Schiffbruch zu leiden, oder in das Verderben hineingezogen zu werden, das mit den Strafgerichten Gottes über die Gottlosen hereinbricht. Nicht so der Vater der Gläubigen.
„Da nun Lot sich von Abraham geschieden hatte, sprach der Herr zu Abram: Hebe deine Augen auf, und siehe von der Stätte an, da du stehst, gegen Mitternacht, gegen Mittag, gegen Morgen und gegen Abend. Denn alles das Land, das Du siehst, will ich Dir geben und deinem Samen ewig. Und ich will deinen Samen machen, wie den Staub auf Erden. Kann ein Mensch den Staub auf Erden zählen, der wird auch deinen Samen zählen. Mache dich auf und zieh durch das Land, in die Länge und Breite; denn Dir will ich's geben.“
Das war der Lohn für Abrams Edelmut, den er gegen Lot bewiesen hatte; dass Gott ihm die schon einmal gegebene Verheißung wiederholte, und zwar noch bestimmter und umfassender. Denn seine Friedfertigkeit und seine edle Uneigennützigkeit beruhte auf dem Glauben, auf dem Vertrauen zu seinem Herrn und Gott, dass wo er auch nach der Wahl, die er Lot überließ, bleibe oder hinziehe, der Herr mit ihm sein und ihn schützen und segnen werde, nach seiner Verheißung.
Seht, das ist immer des Glaubens Verlauf. Je mehr wir den Verheißungen Gottes trauen, desto reichlicher werden auch seine Verheißungen, je länger wir im Glauben wandeln, desto größer werden auch Gottes Segnungen.
Ich will Dich zum großen Volke machen, und deinem Samen will ich dies Land geben, hatte der Herr zu Abram gesagt, als er in Kanaan einzog; jetzt heißt es: Ich will deinen Samen machen, wie den Staub auf Erden; und alles Land, das Du siehst, will ich Dir geben und deinem Samen ewig.
Und diese wunderbare Verheißung, nur Gott selbst konnte sie Abram geben, und nur der ausdrücklichen Zusicherung Gottes selbst konnte Abram sie glauben. Seinem menschlichen Verstand, seinem Ahnungsvermögen, seiner Phantasie, konnte ein solcher Gedanke schlechterdings nicht entspringen. Denn noch besaß er keinen Fußbreit des Bodens eigentümlich in diesem Lande, noch war es von Völkerstämmen bewohnt, die ihm fremd waren, und noch hatte er keinen Sohn und Erben. Wie hätte er da von sich aus auf den Gedanken kommen können, dass sein Same sein werde, wie der Staub auf Erden, und dass dies ganze Land sein und seines Samens Eigentum werden solle?
So verhält es sich alle Zeit mit Gottes Offenbarungen und Verheißungen. Was alle natürlichen Geisteskräfte des Menschen nicht zu erkennen vermögen, gerade das offenbart uns Gott, und was uns zu erwarten und zu hoffen undenkbar scheint, das verheißt uns Gott. Von den Gnadengaben Gottes, von der Vergebung der Sünden und vom ewigen Leben, könnten wir nichts wissen, wenn es uns nicht offenbart und verheißen wäre. Aber Abraham glaubte dem Herrn; denn der Glaube ist eine gewisse Zuversicht des, das man hofft, (weil es verheißen ist) und nicht zweifelt an dem, das man nicht sieht, (weil es offenbart ist).
In diesem Glauben durchzog nun Abram das Land, wie wenn es schon sein wäre, und der Herr ebnete gleichsam den Weg vor ihm her, wohin er zog.
„Also erhob Abram seine Hütten, kam und wohnte ine Hain Mamre, der zu Hebron ist, und baute daselbst dem Herrn einen Altar.“
Tief war nun im Süden des Landes, und von nun an war hier der bleibende Wohnsitz Abrams, von wo aus er seine Herden bis weit nach Norden zur Weide sandte. Wo er sich aber niederließ, da baute er auch dem Herrn einen Altar, das Land dem Herrn zu heiligen.
O meine Freunde! möchte doch unsere ganze Pilgerschaft hienieden den Zügen Abrams durch das ihm verheißene Land und seinen Niederlassungen in demselben ähnlich sein, ein Wandern und ein Wohnen im Glauben!
Wir sind Fremdlinge und Pilgrime auf Erden, wie Abram im Lande Kanaan, nur mit dem Unterschied, dass uns eine höhere Heimat verheißen ist, als die, in welcher wir hienieden unser Zelt ausschlagen. Denn wir wissen, dass wenn das Haus dieser Hütte zerfällt, wir einen Bau haben von Gott erbaut, ein Haus nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel. Aber so wie Abram glaubte, was er noch nicht besaß und noch nicht schauen konnte, es glaubte, weil er Gottes Verheißung vertraute und ihm aufs Wort gehorchte; so wandeln auch wir im Glauben und nicht im Schauen.
Und wie er, wo er sich für eine Zeit lang wohnhaft niederließ, dem Herrn einen Altar baute und predigte von dem Namen des Herrn; so soll auch jede Lebensstation eines Christen und jedes christliche Haus als ein Ort der Anbetung Gottes bezeichnet sein, als ein Altar, wo das Opfer der Lippen, das Gebet, und das Opfer des Herzens, der Gehorsam, Gott dargebracht wird; und unser ganzes Leben soll predigen von dem Namen des Herrn, der da heißt Jehovah, der Ewige, der da ist und der da war und der da sein wird, und Jesus Christus, der Heiland, der Gesalbte, hochgelobt in Ewigkeit! Amen.