Arndt, Johann Friedrich Wilhelm- Ich bin nicht gekommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert.
Predigt am Reformationsfeste
Herr der Kirche, hilf uns halten, was wir haben, damit uns Niemand unsere Krone nehme. Amen.
Text: Matthäi 10, 34.
Ihr sollt nicht wähnen, dass ich gekommen sei, Frieden zu senden auf Erden. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert.
Wann erhielten diese Worte wohl ihre vollere Deutung, als am Reformationsfeste der Kirche? am 31. Oktober, wo Luther seine fünfundneunzig Sätze an die Schlosskirche zu Wittenberg schlug, am 2. November, wo unsere Stadt zum evangelischen Glauben überging? Im Lichte des Reformationsfestes haben sie einen lauteren Klang, und dieser Klang dringt ergreifender in unsere Herzen. Wohlan, lasst uns Christum, unseren Herrn, betrachten, wie Er nicht Frieden, sondern das Schwert bringt. Wir fragen: was setzt das voraus? was schließt es ein?
1.
„Ihr sollt nicht wähnen, dass ich gekommen sei, Frieden zu senden auf Erden. Ich bin nicht gekommen Frieden zu senden, sondern das Schwert,“ sagt der Herr. Der Zweck Christi ist allerdings der Friede. Er ist ja der Friede und die Liebe selbst. Er ist gekommen, dass wir in Ihm Friede haben sollen, wie die Engel in der Nacht Seiner Geburt die Erde glückwünschend mit den Worten: „Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“ begrüßten. Auch sagt Er keineswegs im Texte, dass Er am Schwerte und an der Zwietracht Wohlgefallen habe; aber das sagt Er, dass die Einführung Seines Evangeliums und die Aufrichtung Seines Reichs auf Erden unausbleiblich das Schwert bringen, Zwietracht erregen, Unruhe und Erbitterung anrichten werde, ja, anrichten müsse, so dass es das Ansehen gewinnen werde, als ob Er nicht Friede, sondern Hass und Feindschaft zu bringen gekommen sei. Und natürlich, indem Jesus das Vereinbare vereinigt, muss Er notwendig alles, was unvereinbar ist, trennen und scheiden. Indem Er Frieden stiftet, muss Er Frieden stören. Indem Er die Guten näher zusammenrückt, muss Er zugleich die Bösen entfernen. Friede mit Ihm und mit der Wahrheit und mit den Gläubigen Seines Reiches zieht unmittelbar nach sich Zwietracht und Veruneinigung mit allen Feinden Jesu Christi. Indem der Herr also erklärt: „Ich bin nicht gekommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert“, bezeichnet er den Krieg nicht als die Absicht und den Zweck Seiner Erscheinung, wohl aber als die unvermeidliche Folge um der Herzensgesinnung willen der Menschen gegen Ihn, die Seine Absicht vereiteln, und setzt damit voraus, dass Er Seine Feinde habe in dieser Welt, und dass diese Feinde Alles aufbieten, damit der von Ihm beabsichtigte Friede nicht eintrete, sondern Krieg. Diese Feinde sind unleugbar da, sind's zu allen Zeiten gewesen, sind's auch noch heute. Sie sind da in unserem Herzen, in unseren Häusern, in dem öffentlichen Leben, sogar in der Kirche Jesu Christi.
Wir treffen zunächst auf Feinde des Herrn Jesu Christi in unserem eigenen Herzen, weshalb auch Luther sagte: „er fürchte sich vor seinem Herzen mehr, als vor dem Papst und allen seinen Kardinälen.“ Das neue Leben, das Jesus in den Herzen weckt, kann nur durch beständigen Kampf zu seiner Vollkommenheit gelangen. Wenn dieser Kampf nicht wäre, wenn im wiedergeborenen Herzen Friede herrschte, so wäre dies ein Zeichen des Todes oder der Erschlaffung und Erstarrung des Lebens, und der Zustand verdiente gar nicht mehr Leben genannt zu werden. Aber so ist es nicht. Wo Leben ist, da ist auch Kampf gegen störende und feindselige Mächte. Bald nämlich erwacht in unserem Herzen der Zweifel, der die Wahrheit des Evangelii nicht mehr will stehen lassen, sondern fragt: Ist's auch wahr? ist's auch möglich? kann und darf ich's glauben? wie? wenn ich mich getäuscht hätte, wenn die Bibel doch nicht Gottes Wort, wenn Christus doch nicht mein Erlöser, wenn meine Sünde mir doch nicht vergeben wäre, wenn mit dem Tode doch Alles aus wäre und es kein ewiges Leben gäbe und keine Seligkeit in jener Welt? Bald regt sich die alte, böse Lust in den Begierden und Trieben des Herzens, die angeborene Liebe zur Welt und zur Sünde, die Trägheit und Bequemlichkeit der sündhaften Natur; längst begrabene Gedanken und Erinnerungen erheben sich wieder aus ihrem Grabe; es ist, als ob der alte Adam noch gar nicht gestorben wäre, und es bewährt sich wieder und wieder, dass Fleischlich-gesinntsein eine Feindschaft ist wider Gott. Bald widerspricht und widerstrebt der Ungehorsam des Herzens und der Eigensinn und Eigenwille dem Willen des Herrn, das Evangelium erscheint als ein Joch und eine Lasst, die man abschütteln möchte je eher je lieber; der Weg ist so schmal und die Pforte so enge, man kommt nicht hindurch, und die alten Gewohnheiten sind so tief gewurzelt und so fest eingelebt, dass sie gar nicht gebrochen zu werden scheinen; hier der Stolz, dort die Wollust, da die Eitelkeit, dann wieder der Zorn und die Selbstsucht: wer kann da beim besten Willen im Frieden leben? Die Feinde Jesu Christi lassen es nicht zum Frieden kommen. Und wie groß ist ihre Zahl! Ein wahres Heer lagert in den Schlupfwinkeln des Herzens wie im Hinterhalt, und dieses Heer ergänzt und verjüngt sich immer wieder, stellt immer neue Kräfte wieder auf; heute geworfen, erscheint es morgen schon von neuem schlagfertig auf dem Kampfplatz, um wieder anzugreifen, nach jeder Niederlage überrascht es mit neuen, ungeahnten Plänkeleien und Überfällen; und es sind alle Kräfte der Wachsamkeit und des Gebets, der Vorsicht und des Eifers auf die Beine zu bringen, um nicht überrumpelt und gefangen genommen, um nicht aufs Haupt geschlagen und getötet zu werden. Wer mag sie nennen und zählen, die große, feindliche Schar, mit der wir es hier zu tun haben? Und meint aber nicht, Geliebte, dass die Reihe der Feinde hiermit zu Ende sei: seht, eine ganz neue Schlachtordnung bildet sich vor euern Augen in den Häusern. Gleich nach unserem Texte fährt Jesus fort: „Ich bin gekommen, den ungläubigen Menschen zu erregen wider seinen gläubigen Vater, und die weltlich gesinnte Tochter wider ihre himmlisch gesinnte Mutter, und die Schnur wider ihre Schwieger, und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein, die aus Hass gegen das Evangelium auch die natürlichsten Pflichten aus den Augen setzen und zu Boden treten.“ Der edelste, teuerste Friede auf Erden und der Grund alles anderen Friedens ist gewiss der Hausfriede und die Familieneintracht; ist diese dahin, so ist auch das Lebensglück dahin; - aber auch dieser Friede wird um des Evangelii willen in der Welt gestört und unterbrochen. Die Familienglieder, welche es annehmen, werden von denen, so es nicht annehmen, angefeindet und verfolgt, dass oft die nächsten Hausgenossen und Freunde die größten Feinde unserer Seligkeit werden. Der Hass gegen die Wahrheit ist einmal so groß in der Welt, dass er alle, auch die natürlichsten Bande zerreißt und oft mehr als heidnisch wütet, und diejenigen, mit denen er bisher in allem guten Vernehmen lebte, weil sie waren wie er, nach ihrer Bekehrung und Sinnesänderung hasst und schmäht. Wie oft stehen ungläubige Eltern gegen ihre eigenen Kinder auf, sobald letztere, vom Herrn ergriffen, Ihm auch allein angehören und dienen wollen, und nehmen ihnen die erbaulichen Bücher weg, oder führen sie an Orte und unter Menschen, welche es geflissentlich darauf anlegen, alles und jedes Glaubensleben bei ihnen wieder zu ersticken! Wie oft belasten die Meister und Herrschaften ihre Lehrlinge und Dienstboten Sonntags dergestalt mit Arbeiten, damit sie nur nicht in die Kirche gehen und etwas tun und treiben mögen, wovon ihr Gewissen ihnen sagt, dass sie es selbst auf die unverantwortlichste Weise unterlassen! Wie oft machen Kinder oder Schüler, die vermeintlich klüger sein wollen als ihre Eltern und Lehrer, diese zum Gegenstande ihres Spottes und Hohns wegen ihrer veralteten Gottesfurcht und Herzensfrömmigkeit! Wer Christi wahrer Jünger sein will, muss darauf gefasst sein, dass die bitterste Feindschaft ihn treffe von Seiten seiner nächsten Angehörigen.
Wie es im Herzen und im Hause zugeht, so geht es auch auf dem Gebiete des öffentlichen Lebens, hier ist namentlich und vor allem der Schauplatz der Feindschaft. Jesus sagt vor unserem Texte: Matth. 10, 16-18.22.24. 25.: „Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe; darum seid klug, wie die Schlangen, und ohne Falsch, wie die Tauben. Hütet euch aber vor den Menschen; denn sie werden euch überantworten vor ihre Rathäuser, und werden euch geißeln in ihren Schulen. Und man wird euch vor Fürsten und Könige führen um meinetwillen, zum Zeugnis über sie, und über die Heiden. Und müsst gehasst werden von jedermann, um meines Namens willen. Wer aber bis an das Ende beharrt, der wird selig. Der Jünger ist nicht über seinen Meister, noch der Knecht über den Herrn. Es ist dem Jünger genug, dass er sei wie sein Meister, und der Knecht wie sein Herr. Haben sie den Hausvater Beelzebub geheißen; wie vielmehr werden sie seine Hausgenossen also heißen?“ Und Luther fügt hinzu: „Das Evangelium muss rumoren; denn dies kann die Welt nicht leiden.“ Eine künstliche, bequeme Moral- oder Gesetzespredigt duldet sie schon, nur kein Evangelium. Denn dieses entkleidet den natürlichen Menschen zu sehr aller seiner Herrlichkeit und Schöne, dieses verwundet zu tief seinen angeborenen Stolz an allen Ecken und Enden, und erklärt seinem Fleischessinn zu unumwunden offenen Krieg, als dass es ihm gefallen könnte: sofort erhebt sich Widerspruch und Widerstand, sowohl gegen die, welche es lehren, als gegen die, welche es üben und befolgen; die Ehrbaren und Selbstgerechten sind in der Regel seine größten und erbittertsten Gegner. So lange die Welt also Welt und Satan Satan bleibt, wird auch zwischen ihr und Christo Feindschaft bestehen; es ist dies ein Stück der Feindschaft, die Gott bereits im Anfange zwischen Satan und Christo, dem Weibessamen, gesetzt hat, und die nicht versöhnt werden kann noch soll. (1 Mose 3, 15.) Kain, der Vater aller Weltkinder und Ungläubigen, muss einmal Abel, den Gerechten, hassen und wird ihn hassen bis ans Ende, ob er auch sein leibhaftiger Bruder ist. Und warum erwürgte er ihn? fragt Johannes. (1 Joh. 3, 12.) Darum, antwortet er, dass seine Werke böse waren und seines Bruders gerecht. Keine Verleumdung ist schrecklich genug, die sich nicht die Welt über wahre Christen erlaubt; kein Urteil scharf genug, das für diese nicht noch zu gelinde wäre; kein Schmähname gemein genug, den sie nicht über die Frommen und Gläubigen ausspräche; kein Stein groß genug, den sie nicht gegen ihre Häupter schleuderte. Seid noch so bescheiden, noch so vorsichtig, noch so milde und duldsam, seid so nachgiebig, als es nur möglich ist, schweigt zehn Mal in Geduld, wo jeder andere sprechen würde, ertragt hundert Mal gelassen das Unrecht, wo jeder Andere sich zur Wehr setzen und zürnen würde: seid ihr wahre Jünger des Herrn, umsonst! ihr entgeht dem Hass und der Feindschaft der Welt nun und nimmermehr. Das Ärgste und Unverschämteste aber ist, dass, wenn sich Feindschaft und Erbitterung erhebt um des Wortes willen, die Ungläubigen von jeher die Gläubigen beschuldigen als die Urheber der Zwietracht und Zerrüttung, gerade wie der gottlose König tat, als er den Propheten Elias ansichtig ward, zu ihm sprach: bist du es nicht, der Israel verwirrt? Der Prophet aber antwortete: „Ich verwirre Israel nicht, sondern du und deines Vaters Haus, damit, dass ihr des Herrn Gebote verlassen habt und wandelt dem Baal nach.“ So nannten sie Christum einen Verführer, einen Gotteslästerer, einen Sabbatschänder, einen Verbündeten Beelzebubs. So schmähten sie die Apostel Schwärmer, eitle Schwätzer und Verführer, und letztere gestanden selbst, sie seien ein Fluch der Welt und ein Fegopfer aller Leute. So streuten die Päpstler Beschuldigungen und Verleumdungen ohne Ende gegen Luther aus, um, wenn es ginge, ihn zu brandmarken vor Mitwelt und Nachwelt, in Zeit und Ewigkeit. Wenn irgendetwas beweist, dass die Welt im Argen und in der Finsternis liegt, so ist es die Anfeindung und Misshandlung, welche sich der Herr der Herrlichkeit und nach Ihm Seine Apostel und wahren Jünger zu allen Zeiten haben müssen gefallen lassen; und es bleibt mithin ewig wahr, das Wort der Schrift: „Der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geiste Gottes, es ist ihm eine Torheit, und kann es nicht erkennen, denn es muss geistlich gerichtet sein. Der Welt Freundschaft ist Gottes Feindschaft; wer der Welt Freund sein will, der wird Gottes Feind sein.“ Auch heut zu Tage wird unter uns Niemand Christo treu sein und bleiben können, wenn er es nicht mit der Welt für immer verderben will. Der Zeitgeist, der in den großen Volksmassen herrscht und von den öffentlichen Tagesblättern Beschlag genommen hat, ist ein für alle Mal ein antichristlicher Geist, und legt es unter dem glänzenden Vorwande der Aufklärung, der Wissenschaft, der Freiheit und Wahrheit, der Unabhängigkeit und des Fortschritts auf nichts anders an, als durch süße Worte und prächtige Reden die unschuldigen Herzen zu verführen, dass sie Christo entsagen und dem Sohne Gottes und Seinem Evangelio den Gehorsam aufkündigen in ihrem Herzen.
O welches Heer von Feinden, mit denen Christus, mit denen Seine Jünger es zu tun haben in dieser Welt! Wollte Gott, wir könnten sagen: wir sind zu Ende; aber leider erblicken wir neue Schwärme in unfreundlicher Absicht, und das auf einem Gebiete, wo wir sie nicht vermuten sollten, in der Kirche des Herrn selber, unter denen, die sich nach Seinem Namen nennen und für seine Jünger ausgeben. Nun freilich, wenn wir daran denken, dass unter den Aposteln schon ein Judas war, und dass in den ersten Gemeinden schon Irrlehrer und falsche Propheten sich Anhang zu verschaffen wussten, dann wundert es uns auch nicht mehr, wenn das Verderben in der Kirche Christi eingerissen ist, da letztere nach Christi eigenem Worte aus Unkraut und Weizen, aus Guten und Bösen zusammengesetzt ist. Die Kirche Christi bleibt auch in dieser Hinsicht eine streitende bis hin zum Friedensreiche. In den Tagen der Reformation waren diese Feinde der Papst und die Oberhäupter der römischen Kirche, sie, die Christum verdrängten durch ihre eigene Macht und Gewalt, die sein Reich machten zu einem Reiche dieser Welt, die die Vergebung der Sünden abhängig machten vom Ablasskauf, und die Rechtfertigung des Sünders vor Gott von dem Verdienst der Werke, und das Evangelium verwandelten in ein neues Gesetz und Gottes Wort auflösten in eine Menge willkürlicher Menschensatzungen. Heut zu Tage sind es die sogenannten Lichtfreunde, und die sich zu ihnen halten in der katholischen und evangelischen Kirche, diese Menschen, die die Göttlichkeit der Heiligen Schrift, die Sündhaftigkeit der menschlichen Natur, die Gottheit Christi, die Versöhnung durch Sein Blut, die Rechtfertigung durch den Glauben allein, kurz, nicht Nebendinge, sondern die Grundwahrheiten des biblischen und kirchlichen Glaubens, mit denen das Christentum selbst steht und fällt, leugnen, verspotten und mit Füßen treten, und dennoch heuchlerisch den Namen der Christen beibehalten wollen, ungeachtet sie Christum alle Tage ins Angesicht schlagen und kreuzigen.
Feinde also überall, wo wir gehen und stehen, wohin wir sehen und hören, geheime und offenbare, listige und gewalttätige, sichtbare und unsichtbare Feinde Jesu Christi, und darum auch Feinde aller Seiner wahren Jünger!
II.
Diesen Feinden gegenüber erklärt nun der Herr im Texte: „Ich bin nicht gekommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert.“
Wie denn? Sagt Er nicht selbst an anderen Stellen: „Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen. Habt Salz bei euch, und Frieden untereinander?“ Sagt Paulus, Sein großer Apostel, nicht: „Ist's möglich, so viel an euch ist, so habt mit allen Menschen Friede. Jagt nach dem Frieden gegen jedermann?“ Sagt nicht das allbekannte Sprichwort: „Friede ernährt, Unfriede verzehrt?“ und ist es nicht sein und lieblich, wenn Brüder einträchtig bei einander wohnen? Allerdings, und wo wäre der wahre Christ, der nicht gern Frieden hielte mit allen Menschen, der sie nicht alle gern von Herzen lieb hätte um Jesu willen? wo wäre der Christ, der nicht auch das Gebot seines Herrn befolgte: „Liebt eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, bittet für die, so euch beleidigen?“ Das gilt von der Gesinnung und Stellung unseres Herzens gegen die Person unbedingt. Etwas Anderes aber ist es, wenn es die Sache betrifft, Gottes Wort und der Seelen Seligkeit. Da deutet schon der Zusatz: „Ist's möglich, so viel an euch ist, haltet mit allen Menschen Friede“ darauf hin, dass es beim besten Willen nicht immer möglich ist noch sein darf, und dass auch die Pflicht der Friedfertigkeit ihre bestimmten Grenzen hat, von denen es heißt: bis hierher und nicht weiter. Noch deutlicher geht das hervor aus dem Wehruf des Propheten: „Wehe denen, die da sprechen: Friede, Friede, und ist kein Friede!“ Es gibt demnach einen Punkt, da hat aller und jeder Friede ein Ende; da dürfen wir um keinen Preis in der Welt Frieden halten, ob wir's auch möchten, ob es uns auch schwer wird, ihn zu brechen und nicht zu halten. Kann, darf denn ein weltlicher König immer Frieden halten? Muss er nicht einen gerechten Krieg einem schimpflichen Frieden vorziehen, der seinem Volke nur Schande und Nachteil brächte? Der Christ ist aber auch ein König; er hat auch ein Vaterland und ein Volk, dem er angehört, und dessen Güter er als treuer Haushalter über Gottes Geheimnisse zu verwalten hat; er hat auch kostbare Schätze und Kleinodien, die er auf keinen Fall preisgeben darf: das ist die Ehre seines Gottes, die Sache seines Glaubens und Gewissens, die ewige Wahrheit des göttlichen Worts. Lieber jede Einigkeit fahren lassen, wenn sie nur erkauft werden kann durch Trennung vom Herrn! Nur auf zweierlei Weise wäre ein Friede möglich mit den Feinden Jesu Christi, nämlich entweder so, dass wir den Feinden nachgeben, die Waffen strecken und uns für überwunden erklären: nun ja, dann ist Friede; denn beide Teile sind nunmehr einverstanden, und die Feinde haben ihren Willen durchgesetzt und Recht behalten; - oder so, dass wir aufhören zu widersprechen, und, ohne ihnen gerade im Herzen Recht zu geben, doch mit dem Munde schweigen, das Schwert in die Scheide stecken, uns anbequemen und zurückziehen, um nur Streit zu vermeiden und die Ruhe uns aufrecht zu erhalten. Ich frage euch aber: wo ist ein Einziger unter uns, der nicht gestehen müsste: Jenes ist offenbare Niederlage, dieses ist die tote Ruhe des Grabes, Moder und Verwesung, beides Schmach und Schande, beides Verrat an der Wahrheit, Verrat an Christo, Verrat an unserem Herzen und Gewissen, Verrat an der Liebe zu den Brüdern; beides ein Zeichen, dass für uns Bibel, Kirche, Evangelium, Christentum, Christus selbst wenig oder gar keinen Wert mehr haben! Wenn du ein Kind hast, das du liebst, und du siehst es in Gefahr, siehst es im Feuer oder Wasser mit dem Tode ringen, würdest du nicht eilen und mit Freuden dein eigenes Leben daran setzen, um nur das Kind deines Herzens zu retten? Und was du für dein Kind tust, und wo du jeden für einen Rabenvater, für eine Rabenmutter hieltest, der's nicht täte, das wolltest du nicht für Christum tun, sobald du Ihn in Gefahr sähest, für Christum, der dir mehr sein soll als Vater und Mutter, als Bruder und Schwester, als Weib und Kind? Die weltliche Klugheit freilich mag dir anders raten, und die falsche Selbstliebe, und die Bequemlichkeit und die Menschen- oder Todesfurcht auch; aber die Liebe zu Christo, und die Dankbarkeit gegen Ihn und das Gefühl der Hochachtung und Begeisterung für Sein Reich und Seine Sache lässt keinen Augenblick eine Wahl übrig. -
Schaue auf Christum und die Apostel und Reformatoren, findest du bei ihnen nicht dieselben Grundsätze und Handlungen, die wir eben ausgesprochen haben? Derselbe Christus, der da sprach: „Daran soll jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, so ihr Liebe untereinander habt,“ und der sowohl das Volk Israel als Seine schwachen Apostel mit großer Geduld und vielem Verschonen trug, rief Wehe über die Pharisäer und warnte vor ihnen alle Seine Jünger, als vor Kindern des Teufels und vor Dieben und Mördern. Derselbe Paulus, der da ermahnt: „Seid fleißig zu halten die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens,“ schreibt auch an Timotheus: „Befleißige dich Gott zu erzeigen einen rechtschaffenen und unsträflichen Arbeiter, der da recht teile das Wort der Wahrheit, und strafe die Widerspenstigen, ob ihnen Gott dermaleinst Buße gebe die Wahrheit zu erkennen, und sie wieder nüchtern würden aus des Teufels Strick, von dem sie gefangen sind zu seinem Willen,“ und an die Römer: „Ich ermahne euch aber, liebe Brüder, dass ihr aufseht auf die, die da Zertrennung und Ärgernis anrichten, neben der Lehre, die ihr gelernt habt, und weichet von denselbigen.“ Derselbe Johannes, der von uns allen der Jünger der Liebe genannt wird und ermahnt: „Lasst uns nicht lieben mit Worten, noch mit der Zunge, sondern mit der Tat und Wahrheit,“ schreibt einige Seiten weiter: „So jemand zu euch kommt und bringt die Lehre Christi nicht, den nehmt nicht zu Hause, und grüßt ihn auch nicht.“ Derselbe Luther, der sich bereit erklärte, nicht mehr gegen den Ablass zu schreiben, sobald keiner der Gegner mehr für denselben schriebe, der sich in einem demütigen Briefe an den Papst den gehorsamsten Sohn desselben nannte, und zu wiederholten Malen alles widerrufen wollte, was man ihm als Irrtum aus der Heiligen Schrift würde nachweisen können, brach sein Schweigen, als die Päpstlichen in ihren Angriffen gegen Gottes Wort immer kecker hervortraten und schrieb: „Verflucht und vermaledeit ist ein solcher Friede, welcher mit Gottes Unehre und der Wahrheit Verlust gemacht und gehalten wird, wenn man menschliche Liebe Gottes Wort vorzieht, dass die erste Tafel der zweiten weichen soll.“ Ein solcher falscher, verräterischer Friede richtet nur Ärgernis an, verwirrt die Unwissenden, entmutigt die Schwachen, bestärkt die Feinde in ihrem Bestreben und ihrer Widersetzlichkeit, gereicht Tausenden zum Verderben, und treibt die ursprüngliche Gleichgültigkeit gegen Gottes Wort zuletzt zur völligen Verachtung desselben. Ein solcher falscher, verräterischer Friede öffnet den Wölfen die Tür zu dem Schafstall, und nötigt sie gleichsam hineinzukommen und die Schafe zu erhaschen und zu erwürgen. Er ist eben dasjenige, was der Lügner und Mörder vor Anbeginn liebt und sucht, und wodurch er dem wahren Christentum mehr Schaden zufügt, als durch blutige und gewaltsame Verfolgungen. Denn wo hat sich die wahre, sichtbare Kirche Jesu Christi in betrübteren Umständen befunden, als in den Zeiten, wo dieser falsche und verräterische Friede sich in derselben verbreitet hatte? Welches waren die betrübtesten Zeiten der Kirche? Offenbar die Tage vor der Reformation, die Tage der Finsternis und des Aberglaubens, der Menschensatzung und der Gewissenstyrannei; aber seht, gerade in jenen Tagen herrschte ein allgemeiner Friede, eine stolze, tote Ruhe in der Kirche. Welches waren dann wieder die betrübtesten Zeiten? Gewiss die Tage, in denen am Ende des vorigen und am Anfang dieses Jahrhunderts auf allen Kanzeln und Lehrstühlen der Unglaube gelehrt und gepredigt wurde; aber gerade in jenen Tagen herrschte auch eine allgemeine Gleichgültigkeit in Sachen des Glaubens, die Kirchen waren leer, die Häuser und die Herzen gottentfremdet. Und wann gingen wieder herrlichere Tage in der Kirche auf? Als das Wort Gottes in der Welt wieder anfing zu rumoren, als Luther seine 95 Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg schlug und das Feuer, das Jesus auf Erden angezündet hatte und von welchem nur noch einige Funken übrig geblieben waren, von neuem anblies zu heller, lichter Flamme. Heil daher auch unserer Zeit, dass der langjährige Tod, die vornehme Gleichgültigkeit, die faule Grabesruhe, der tiefe Schlaf der Sicherheit, in welchem die evangelische Kirche seit Jahrzehnten gefangen lag, in unseren Tagen einem frischen, mutigen Kampf der Geister Platz gemacht hat! Lieber ehrenvoller Krieg, als ehrloser Friede! Lieber mit Abraham zu Lot sprechen: „Alles Land steht dir offen, willst du zur Rechten, so will ich zur Linken, und willst du zur Linken, so will ich zur Rechten,“ als mit denen in lauer Gemeinschaft stehen, die längst den Grund und Boden der Kirche verlassen haben! Lieber sterben und untergehen, wenn es sein müsste, als nachgeben und verleugnen! Es wäre heute noch kein Christentum in der Welt, wenn die Apostel den Grundsätzen dieses falschen Friedens gehuldigt, und als der hohe Rat ihnen gebot, von Christo zu schweigen, sich den Mund hätten binden und das Herz hätten einschüchtern lassen, und es wäre ebenso wenig eine Reformation in der Welt, wenn Luther den Drohungen seiner Feinde oder den schüchternen Zuredungen seiner Freunde nachgegeben, und nicht vielmehr kühn und trotzig gesungen hätte: Das Wort sie sollen lassen stahn und keinen Dank dazu haben, Er bleibt bei uns wohl auf dem Plan mit Seinem Geist und Gaben; nehmen sie uns den Leib, Gut, Ehre, Kind und Weib, lass fahren dahin, sie haben's keinen Gewinn, das Reich Gottes muss uns bleiben.
Es bleibt dabei: „Ich bin nicht gekommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert.“ Das Schwert dient jedoch zu einem doppelten Gebrauche, teils nämlich zum Angriff, teils zur Verteidigung. Zunächst und hauptsächlich zum Angriff: denn der Angreifende ist immer im Vorteil vor demjenigen, der sich zu verteidigen hat. Das wusste Christus; darum sprach Er: „Alle Pflanzen, die mein Vater nicht gepflanzt hat, die rotte ich aus,“ und bekämpfte rücksichtslos, wo sich Lüge und Unwahrheit eingeschlichen hatte ins Judentum. Das wussten die Apostel; darum warnten sie: „Ihr Lieben, glaubt nicht einem jeglichen Geiste, sondern prüft die Geister, ob sie von Gott sind; denn es sind viele falsche Propheten ausgegangen in die Welt. Daran sollt ihr den Geist Gottes erkennen: ein jeglicher Geist, der da bekennt, dass Jesus Christus ist in das Fleisch gekommen, der ist von Gott,“ und ermahnten: „Predige das Wort und halte an, es sei zur rechten Zeit oder zur Unzeit, strafe, drohe, ermahne mit aller Geduld und Lehre; denn es wird eine Zeit sein, da sie die heilsame Lehre nicht leiden werden, sondern nach ihren eigenen Lüsten werden sie ihnen Lehrer aufladen, nach denen ihnen die Ohren jücken.“ Das wusste Luther: darum zog er am 31. Oktober 1517 das Schwert des Geistes gegen den Ablasskram, und so oft er neue Irrtümer der römischen Kirche entdeckte, oder neue Missbräuche im Gottesdienst und Kirchenregiment, gleich hatte er wieder dasselbe Schwert aus der Scheide gezogen, dass es nimmer verrosten konnte. Und wir alle, wollen wir protestantische Christen sein, wir müssen heute noch immerfort protestieren gegen jede Lüge und Abweichung von der einigen Wahrheit, die sich festsetzen will in den Gemeinden, gegen Unglauben und Aberglauben, gegen Lichtfreundschaft und Katholizismus, gegen Heuchelei und Gottlosigkeit, auch gegen die falschen Protestanten, die sich den Namen des Protestantismus anmaßen, um gegen die evangelische Kirche und ihre Lehre selbst zu protestieren, und gegen die lauen Christen, die weder kalt noch warm sind, oder die eine Mittelstraße einschlagen möchten zwischen Glauben und Unglauben, und dadurch es mit Freund und Feind verderben; und dürfen nicht hinter dem Berge halten, dürfen nichts vertuschen, nichts bemänteln, nichts verdecken, gleichviel, ob man uns auch schmähe und anklage des Parteiwesens und der Lieblosigkeit, der Verdammnissucht oder Verketzerung, gleichviel, ob wir gegen Einzelne zu Felde ziehen oder gegen die ganze Zeit in ihrer Verderbtheit und Selbstsucht. Wehe denen, sagt der Herr, die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis machen, die Böses gut und Gutes böse heißen! Wie Israel Krieg führte gegen die Kananiter und Philister, so haben auch wir Krieg zu führen gegen alle Feinde Jesu Christi, sie mögen Namen haben, welchen sie wollen, und dürfen der Wahrheit nichts vergeben, sollten wir darüber auch den Hass der ganzen Welt uns zuziehen, und unser irdisches Wohl, unsere Ehre, unsere Gesundheit, ja, unser Leben aufs Spiel setzen.
Der zweite Gebrauch des Schwerts ist die Verteidigung. Das wäre ja ein schlechter Krieger, der die ihm anvertraute Festung ohne Schwertstreich dem Feinde übergeben wollte, und sich nicht lieber verteidigte bis zum letzten Atemzuge, nicht lieber sich in die Lust sprengen ließe oder über die Klinge spränge, als dass er seinen König und Vaterland verräterisch ins Verderben stürzte. Da seht den Herrn selbst, wie Er, ungerechter Weise misshandelt, Sich verteidigt und spricht: „Habe ich übel geredet, so beweise es, dass es böse sei; habe ich aber recht geredet, was schlägst du mich?“ Da seht die Apostel Petrus und Johannes, zum Schweigen über Christum bedroht, freimütig erwidern: „Richtet ihr selbst, ob es vor Gott recht sei, dass wir euch mehr gehorchen denn Gott; wir können's ja nicht lassen, dass wir nicht reden sollten, was wir gesehen und gehört haben.“ Da hört den alten Märtyrer Polykarpus, auf die Zumutung, die Götter anzubeten und Christo zu fluchen, mit unerschütterlicher Freudigkeit antworten: „Sechs und achtzig Jahre habe ich Christo gedient, und Er hat mir nichts als Gutes erwiesen, wie könnte ich meinem Könige fluchen, der mich hat selig gemacht!“ Da seht Luther stehen auf dem Reichstage zu Worms, einen Helden des Glaubens, mit dem felsenfesten Siegeswort: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen,“ und ein andermal mit scharfem Seherblick die künftige Zeit durchdringend erklären: „Und ob Jemand nach meinem Tode würde sagen: Wo der Luther jetzt lebte, würde er diesen oder jenen Artikel anders lehren und halten, denn er hat ihn nicht genugsam bedacht, dawider sag' ich jetzt als dann, und dann als jetzt, dass ich von Gottes Gnaden alle diese Artikel habe aufs fleißigste bedacht, durch die Schrift hin und wieder hindurch oftmals gezogen. Denn ich kenne den Satan, von Gottes Gnaden, ein groß Teil; kann er Gottes Wort und Schrift verkehren und verwirren, was sollte er nicht tun mit meinen oder eines Andern Worten?“ Und wollen wir evangelische Christen sein, so müssen wir auch halten ob dem Wort des Lebens, und eine gute Klinge führen für unseren evangelischen Glauben und bereit sein allezeit zur Verantwortung jedermann, der Grund fordert der Hoffnung, die in uns ist. Wäre Krieg im Lande, wir würden unbedenklich unsere Heimat verteidigen; nun aber haben wir eine Heimat, von Gott bereitet, das Jerusalem, das droben ist, die freie, unser Aller Mutter, und die wird angegriffen: lasst uns sie mutig verteidigen wie Löwen, denen die Jungen geraubt werden. Wäre Krieg im Lande, wir würden das Schwert ergreifen und kämpfend auftreten für Haus und Herd; jetzt aber haben wir ein stilleres Haus, einen friedlicheren Herd, das ist die Gemeinschaft der Heiligen und Gläubigen, und in die ist eingebrochen worden: lasst uns für sie fallen oder siegen. Wäre Krieg im Lande, wir würden für unser Leben Alles daran setzen; nun aber gilt es das ewige Leben, zu welchem wir berufen und verordnet sind; lasst uns denn einen guten Kampf kämpfen und das ewige Leben ergreifen; denn Niemand wird gekrönt, er kämpfe denn recht. Kampf ist die Losung der Zeit, und das Schwert des Geistes darf nicht eher von unseren Herzen und Lippen weichen, als bis wir es als Sieger in die Scheide stecken können, und es nichts mehr zu bestreiten, nichts mehr zu verteidigen gibt, weil alle Feinde zum Schemel der Füße Christi liegen, und alle Knie sich vor Ihm beugen und alle Zungen bekennen, dass Er der Herr sei zur Ehre Gottes des Vaters, weil auch wir mit Ihm überwunden haben durch des Lammes Blut und durch das Wort unseres Zeugnisses, und unser Leben nicht geliebt haben bis in den Tod. Ist diese Zeit erreicht, dann hat die streitende Kirche ihr Ziel gefunden, und die triumphierende hat Panier ausgeworfen; dann ist Friede eingetreten nach dem langen, blutigen Kriege, der himmlische, der ewige Friede, und die Ruhe, welche jenseits vorhanden ist für das Volk Gottes. Bis dahin aber:
Lass uns beten, lass uns wachen,
Immer stehen auf unserer Hut!
Sei Du mächtig in uns Schwachen;
Hilfst Du, so wird Alles gut.
Kämpfe Du für uns im Streit,
Und verleih' uns Tüchtigkeit,
Dass wir Deine Waffen führen,
Bis wir herrlich triumphieren.
Amen.