Arndt, Friedrich - Die Gleichnis-Reden Jesu Christi - Vor dem Ärgernis

Arndt, Friedrich - Die Gleichnis-Reden Jesu Christi - Vor dem Ärgernis

Vier und vierzigste Predigt.

Herr, sei uns gnädig; denn wir sind schwach. Amen.

Text: Matth. XVIII., V. 8. 9.

So aber deine Hand oder dein Fuß dich ärgert, so haue ihn ab, und wirf ihn von dir. Es ist dir besser, dass du zum Leben lahm, oder ein Krüppel eingehst, denn dass du zwo Hände oder zwei Süße hast, und wirst in das ewige Feuer geworfen. Und so dich dein Auge ärgert, reiß es aus, und wirf es von dir. Es ist dir besser, dass du einäugig zum Leben eingehst, denn dass du zwei Augen hast, und wirst in das höllische Feuer geworfen.

Das verlesene Wort muss wohl eins der wichtigsten Worte im Munde unsers Herrn sein, da Er es nicht ein, sondern mehrere Male, bei verschiedenen Gelegenheiten, in feierlicher, nachdrucksvoller Rede ausgesprochen hat. Und allerdings, es ist ein sehr ernstes, entscheidendes Wort; ein Wort, das Gericht über die Seelen hält! Lasst uns das Gottesgericht nicht scheuen; es gilt unsere Seligkeit. Jesus warnt vor dem Ärgernis. Lasst uns 1) die Warnung selbst verstehen lernen, und dann 2) nach ihrer Textbegründung uns umsehen.

I.

„So aber deine Hand oder dein Fuß dich ärgert, so haue ihn ab, und wirf ihn von dir; und so dich dein Auge ärgert, reiß es aus, und wirf es von dir.“ Das Wort ärgern kommt her von arg, und heißt in der Bibel so viel als: arg machen, verführen, zum Bösen verleiten, Gelegenheit zur Sünde geben. Dergleichen Reizung zur Sünde kann nun durch Mancherlei geschehen; Jesus nennt im Text Auge, Hand und Fuß. Offenbar aber versteht Er darunter nicht eigentlich und buchstäblich die drei genannten Glieder des menschlichen Körpers, wie es manche Ausleger der Schrift gedacht haben. Das geht schon darum nicht, weil Er nur von einem Auge, einer Hand, einem Fuß redet, nicht von beiden; würde aber auch das eine anstößige Glied entfernt, so bliebe doch noch immer das andere und damit zugleich auch die Versuchung des andern; sollte also diese Reizung aufhören, so müsste Er das Ausstechen beider Augen und das Abhauen beider Hände und Füße verordnet haben. Das geht ferner darum nicht, weil, wenn Auge, Hand und Fuß sollten vernichtet werden, sobald sie uns Veranlassung oder Mittel zur Sünde würden, dann folgerecht auch alle anderen Glieder müssten entfernt werden, sobald sie uns Ärgernis bereiten, also bei allen Lügnern und Verleumdern die Zunge, bei Allen, welche gern schlechte Reden hören und glauben, das Gehör. Wohin sollte solche grausame Verstümmelung, solcher feine Selbstmord des Menschen zuletzt noch führen? Überdies aber erreichte diese Verstümmelung gar nicht einmal den Zweck, um Deswillen sie vorgenommen wird. Der Zweck ist die Vernichtung der bösen Lust im Herzen; aber die bliebe doch, wenn auch alle äußeren Veranlassungen und Mittel weggenommen wären, so wie von der andern Seite, wenn die böse Lust aus dem Herzen entfernt ist, weder Auge, noch Hand, noch Fuß mehr sündigen werden. Die Sünde ist nichts Körperliches, sondern etwas Geistiges; sie setzt daher auch einen innerlichen, geistigen Kampf voraus, und kann nur durch diesen getötet und überwunden werden. Was hat es den Einsiedlern und Mönchen geholfen, dass sie den Umgang mit der Welt vermieden und in die Einsamkeit der Wüsten und des Klosterlebens sich zurückzogen? Die Versuchungen zur Sünde wurden dort nur viel tiefer und geistiger, denn sie nahmen ihr böses Herz mit in ihre stillen Klausen und Klostermauern, und die Gedanken- und Begierdenwelt ihres inneren Menschen.

Solcher fleischlichen Auslegungsweise schnurstracks entgegen, betet Jesus vielmehr im hohenpriesterlichen Gebet: „Vater, ich bitte nicht, dass Du sie aus der Welt nimmst, aber dass Du sie bewahrst vor dem Übel.“

Wir sehen demgemäß ab von der buchstäblichen Auffassung unserer Textwarnung. Auge, Hand und Fuß sind dem Herrn Bilder der Güter und Vermögen, welchen wir entsagen sollen, sobald sie uns hindern am Glauben, Bekenntnis und an der Übung des wahren Christentums.

Aber wenn wir diese Ausdrücke auch bildlich auffassen, so ist doch noch eine verschiedene Deutung möglich, ja sie ist sogar den Worten gegeben worden. Wahr und notwendig ist die eine, wie die andere; aber die eine liegt in den Worten des Texts, die andere ist künstlich und gewaltsam ihnen untergeschoben worden. Es hat nämlich Ausleger gegeben, welche unter Auge, Hand und Fuß verstanden wissen wollten die böse Lust unseres Herzens als solche, so dass der Herr im Text von uns verlangte Verleugnung und Überwindung aller und jeglicher bösen Neigungen und Begierden, so dass die Textwarnung dasselbe aussagte, was die apostolische Ermahnung: „Welche aber Christo angehören, die kreuzigen ihr Fleisch samt den Lüsten und Begierden. Lasst die Sünde nicht herrschen in euren Gliedern, ihr Gehorsam zu leisten in ihren Lüsten. Begebt eure Glieder nicht zum Dienst der Unreinigkeit und von einer Ungerechtigkeit zur andern; tötet vielmehr die Geschäfte des Fleisches; tötet die Glieder, die auf Erden sind, Hurerei, Unreinigkeit, schändliche Brunst, böse Lust, Geiz.“ (Röm. 6, 12. 19. Gal. 5, 24. Kol. 3, 5.) Zum Beispiel, du fühlst, dass eine böse Lust in dir aufsteigt, ins Trink- oder Spiel- oder Hurenhaus zu gehen: da ärgert dich dein Fuß; dass aufsteigt eine Begierde, zu weit zu greifen und den Nächsten im Handel zu übervorteilen: da ärgert dich deine Hand; dass sich regt in dir eine Lust, fremde Weiber anzusehen und ihrer zu begehren, da ärgert dich dein Auge. Wenn du nun diese Lüste und Begierden mit Unlust empfindest, und tust, als hättest du keine Glieder zu ihrem Dienst, als wärest du blind, lahm und ein Krüppel, entziehst auch deinen Sinnen und Gliedern, was die Lust erwecken und vermehren kann: so hast du getan, was der Herr gebietet, dein Auge ausgerissen, deine Hand und deinen Fuß abgeschnitten. Diese Forderung ist an sich durchaus richtig und kann nimmer in Abrede gestellt werden. Jede böse und verbotene Lust, jede Sünde, grob und fein, die wir in uns hegen, ist ein Bann, und so lange dieser Bann auf uns ruht, hat der Herr kein Wohlgefallen an unserem Wesen, unser Leben ist ein gequältes Dasein, und wir haben weder Frieden, noch Kraft vor unserer Sünde. Es gibt aber der verbotenen Lüste gar mancherlei, welche der Mensch so wichtig hält als Auge, Hand und Fuß, und welche er nicht lassen mag, ungeachtet sie ein Bann sind im Glauben und inneren Leben. Bei den Einen ist es eine heimliche Sünde, namentlich die Wollust, unreine Gedanken, unkeusche Bilder; er weiß, sie sind Sünde, und doch lässt er von ihnen nicht; er hütet sich vor groben Taten und Lastern, aber könnten die Wände seines Zimmers, die Wände seines Herzens reden, was würden sie enthüllen! Armer, betrogener Mensch, fühlst du denn nicht den Bann, der auf deiner Seele ruht, so lange du nicht tötest diese brennende, böse Lust in deinem Herzen? Gehe noch so fleißig in die Kirche, genieße täglich das Abendmahl, bekümmere dich um alle Ereignisse im Reiche Gottes, rede, wirb für dasselbe, was du kannst: so lange nicht der Bann von deiner Seele genommen wird, bist du verloren!

Bei einem Andern ist es ein stehender Groll, den er im Herzen trägt und nährt gegen einen Mitmenschen, mit welchem er in Feindschaft und Unversöhnlichkeit lebt; er weist die dargebotene Hand zur Versöhnung zurück, er verweigert jeden Liebesbeweis und spricht: Vergeben will ich's wohl, aber vergessen kann ich es nicht. O eile, versöhne dich mit deinem Bruder, dieweil du noch mit ihm auf dem Wege bist; sonst hilft dir alles Andere nicht, und wenn du noch so liebenswürdig wärest im Umgang, noch so wohltätig gegen die Armen, noch so freundlich gegen Jedermann, noch so geduldig im Leiden.

Bei einem Dritten ist es ein unrechtes Gut, das er besitzt und das er sich sträubt an den rechtmäßigen Eigentümer zurückzugeben. Er weiß recht gut, dass Gott gesagt hat: „Wenn der Gottlose das Pfand wiedergibt und bezahlt, was er geraubt hat, und nach dem Worte des Herrn wandelt, dass er kein Böses tut, so soll er leben und nicht sterben, und aller seiner Sünden, die er getan hat, soll nicht gedacht werden;“ er weiß, dass ohne Wiedererstattung keine wahre Reue und Besserung möglich ist, und dass, so lange er im Besitz des unrechten Gutes bleibt, er keinen Teil hat an dem versöhnenden Blute Jesu Christi, noch an Seiner. hohenpriesterlichen Fürbitte und Seinem himmlischen Segen; er weiß recht gut, dass auf Unrecht der Fluch folgt und die Sprüche der alltäglichen Erfahrung es ihm an Millionen Beispielen klar machen und in die Seele hineindonnern: „Unrecht Gut gedeiht nicht; es kommt nicht an den dritten Erben; wie gewonnen, so zerronnen; ehrlich währt am längsten!“ dennoch schämt er sich, seine Schuld zu bekennen und das geraubte Gut wiederzuerstatten. O mache mit dem Judasgelde, was du willst, baue Kirchen, stifte Schulen, gründe Vereine, errichte Waisenhäuser und milde Stiftungen aller Art, unterstütze durch solches Diebesgut das Missionswerk reichlich, bewirb dich um den unverdienten Ruhm eines großen Wohltäters und Vaters der Armen: umsonst! So lange der Bann bleibt und er bleibt, bis er gesühnt ist, so lange hast du keine Ruhe und Gnade bei Gott und Menschen. Denke an Judas, wie es ihm ging mit seinem Sündengelde! Denke an Achan, wie seine Tat ganz Israel mit ins Verderben zog! Denke an das Wort des Propheten: „Wehe dem, der sein Gut mehrt mit fremdem Gut! Wie lange wird es währen? Er lädt nur viel Schlamm auf sich.“ Denke an Jeremias Wort: Wehe dem, der sein Haus mit Sünden baut und sein Gemach mit Unrecht!“ Reiß aus dein Auge, haue ab Hand und Fuß, und lege sie zum Opfer auf den Altar des Herrn, erstatte wieder, was nicht dein ist; lebt er nicht mehr, dem es gehört, gib's seinen Kindern und Erben; hat er keine Kinder hinterlassen, gib's den Armen; hast du selbst es schon durchgebracht oder verloren, bekenne, bitte ihn um Vergebung, damit der Fluch von dir genommen werde.

Bei einem Vierten sind es falsche Lehren, die er gepredigt, heillose Bücher, die er geschrieben, leichtsinnige Reden, die er geführt und durch die er Andere um ihren Glauben und Frieden gebracht, vielleicht zu Zweiflern und Spöttern gebildet hat. Wie hat das ausgestreute Unkraut gewuchert! Wie hat das seelenmörderische Gift Hunderte und Tausende vergiftet! Du siehst jetzt dein Vergehen ein, wie? willst du das Gift fortwirken lassen, ohne ihm entgegenzutreten, ohne zurückzunehmen die Satanslehren, die du verkündigst? Um Gotteswillen, nein! Widerrufe öffentlich, bekenne dich entschieden zum Gegenteil, widerlege die Scheingründe, mit denen du früher dem Reich des Bösen gedient hast, und baue, baue am Reiche der Gnade, damit dein Gewissen nicht einmal fürchterlich erwache und Gottes Gericht dir gebe nach deinen Werken. Es fehlt sogar nicht an Solchen, die geheime Verbrechen begangen haben, welche ihnen, wenn sie bekannt würden, schwere bürgerliche Strafe zuziehen müssten. Sie scheuen sich daher, dieselben bei der Obrigkeit freiwillig anzugeben, und tragen ein scheues Gewissen und die Angst, dass dennoch einmal Alles an den Tag kommen möchte, schwerlastend wie ein Gebirge mit sich herum. Wahrlich, keine Buße und kein Glaube ist möglich im Herzen des also gepeinigten Sünders, so lange nicht die falsche Scham überwunden, und um die unsterbliche Seele zu retten, lieber das ganze äußere Lebensglück, ja, sollte es sein, das Leben selbst daran gegeben wird. O wie viele Augen in der bürgerlichen Gesellschaft, die da müssen ausgestochen, wie viele Hände und Füße, die da müssen abgehauen werden, wenn es weiter kommen soll mit Glauben und Gottseligkeit! Viel ist in solchen Fällen schon getan, wenn das Unrecht bekannt und die apostolische Ermahnung befolgt wird: Bekenne ein Jeglicher dem Andern seine Sünde;“ und ein bewährter Hieb in ein ärgerndes Glied ist: Offenbare deine Heimlichkeit; aber dieses Bekennen ist nur der erste Schritt; gehoben wird das Übel erst durch die Tat, durch das Zurücknehmen und Wiedergutmachen.

Doch wir kehren zu unserem Texte zurück. Was wir bisher sagten, betraf die Auslegung, welche unter Auge, Hand und Fuß die verbotene Lust und die geheime Herzenssünde versteht, und da ist es im vollsten Sinne also wahr, sie muss weichen und getötet werden. Allein die richtige Auslegung ist das nicht. Denn Auge, Hand und Fuß sind ja keine kranken und unedlen, sondern gesunde und sehr edle und unentbehrliche Teile des menschlichen Leibes; die böse Lust aber ist etwas Krankes und Unedles! Auch deutet das Ausreißen und Abhauen auf eine plötzliche, entschlossene Tat hin; die böse Lust aber weicht nicht mit einem Hiebe, sie kann nur allmählig, nach und nach, überwunden und verleugnet werden. Das Auge ist uns Allen Bezeichnung des Liebsten und Angenehmsten, Hand und Fuß Bezeichnung des Nützlichsten, der stärksten Stütze. Auch sagt Jesus ausdrücklich: „so es dich ärgert,“ worin liegt, dass es an sich uns nicht ärgerlich ist, aber unter Umständen werden kann, und Er verlangt nun von uns, dass wir selbst die wichtigsten und teuersten Güter, auch wenn sie uns noch so lieb sind und noch so unentbehrlich vorkommen, auch wenn wir sie ganz rechtmäßig besitzen und von Gott selbst erhalten haben, sobald sie uns hindern am Seligwerden oder uns verleiten zu längerem oder häufigeren Sündendienste, selbst mit den größten Schmerzen wegwerfen und uns davon losmachen sollen, es koste, was es wolle, und unserer selbst nicht schonen, sonst blieben wir unselig und gingen verloren.

Nun, und was sind das für teure, kostbare Güter, die geopfert werden sollen? Lasst mich euch einige nennen; wer mag sie alle angeben, da sie für jeden Einzelnen andere und ganz verschiedene sind? Es ist für den Einen das Gut der Erkenntnis und der Wissenschaft, die Weisheit dieser Welt. Ein teures, kostbares Gut, hochgeachtet in den Augen der Menschen, reich an geistigen Freuden und Genüssen! Es gibt aber eine Wissenschaftlichkeit, die zum Guten nicht fördert, sondern hindert, die nicht zu Christo hinführt, sondern von ihm abführt: sie ist das ärgerliche Auge, die verderbliche Hand und der Fuß, der weggetan werden muss um des Himmelreichs willen. So tat es Paulus und sprach: „Ich halte mich nicht dafür, dass ich etwas wüsste unter euch, ohne allein Jesum Christum, den Gekreuzigten. Und welcher sich unter euch dünkt, weise zu sein, der werde ein Narr in dieser Welt, auf dass er möge weise sein,“ und Jesus selbst dankt Seinem himmlischen Vater, dass Er das Evangelium den Weisen und Klugen verborgen habe, und habe es den Unmündigen offenbart. Bei einem Andern ist das Gut, das der Herr zum Opfer verlangt, die eigene Tugend, die Gerechtigkeit vor Menschen, das ganze Heer der Verdienste und der guten Werke, mit denen sich die Seele geschmückt hat. Dieser Ruhm eines herrlichen, untadelhaften Lebens kann ein ungeheures Hindernis für die Seele sein im Fortschreiten auf dem Wege zum Himmel. Nur die Demut, das Gebeugtsein des Herzens, das Armesündergefühl, das Kleinsein vor sich selbst macht fähig und empfänglich für die göttliche Gnade. Immer und überall sind die Zöllner eher eingegangen ins Reich des Herrn, als die Pharisäer. Weg denn mit aller Selbstgerechtigkeit und Werkheiligkeit, sie habe Namen, wie sie wolle! Weg mit allem Selbstwirkenwollen in der Heiligung und Besserung! Nichts hält mehr auf und ab, als die Selbstsucht. Weg mit jedem Stolze und jeder Selbstzufriedenheit, die sich an solche Werke hängt! Hier gilt es, die Mangelhaftigkeit und Unvollkommenheit aller unserer guten und edlen Taten zur Seligkeit zu erkennen; hier gilt es, mit Augustinus zu sprechen: „Vergib mir, Herr, auch meine guten Werke!“ hier gilt es, zu bekennen: „Mein Werk ist, Deine Werke zu betrachten und meine Werke zu verachten;“ hier gilt es, sich selber geistig zu sterben und allein von Gnade zu leben; hier gilt der Seufzer: „Hier kommt ein armer Sünder her, der gern ums Lösegeld selig wär';“ hier gilt es, so viele guten Werke tun, als wollte man mit ihnen die Seligkeit verdienen, und doch alles Verdienst fahren lassen und nur um Christi willen selig werden wollen. So machte es Paulus, der große Apostel, der da war nach dem Eifer ein Verfolger der Gemeinde und nach der Gerechtigkeit im Gesetz untadelig, der aber alle seine Vorzüge und den Ruhm eines heiligen Wandels und einer unbescholtenen Gerechtigkeit, der Alles, was ihm Gewinn war, für Schaden achtete gegen die überschwängliche Erkenntnis Jesu Christi, seines Herrn, und nicht mehr haben wollte seine Gerechtigkeit, die durch das Gesetz kommt, sondern die Gerechtigkeit, die von Gott dem Glauben zugerechnet wird. - Ein solches Gut, das uns ärgerlich und hindernd werden kann im Glauben und christlichen Wandel, ist bei einem Dritten der sogenannte Notpfennig für die Tage der Krankheit und des Alters. Wie oft ist das Streben nach demselben und der dabei an den Tag gelegte Fleiß, die mit dem Fleiß verbundene Sparsamkeit und Ordnungsliebe, der Götze, welcher den Bau des Reichs Gottes im Herzen aufhält und hintertreibt, und durch die Sorgen der Nahrung und Habsucht die Seele so martert, dass sie vor lauter Druck nach unten nicht frei aufschauen und aufatmen kann nach oben! Wie soll die Schnecke, die langsam am Boden schleicht, jemals zum Adler werden, der kühn durch die Lüfte gegen die Sonne emporsteigt! Am reichen Jüngling im Evangelium sehen wir, wie zähe Geld und Gut anklammern kann an die Seele, und hindern, dass man ins Reich Gottes komme. Scheue aber die Operation des Augenausreißens und Handabhauens nicht; opfere willenlos und innerlich diesen Götzen dem Herrn und übe dich je mehr und mehr in der Wohltätigkeit, wie schwer es dir auch falle. Ein alter Kirchenlehrer (Hieronymus) sagt schon, er habe nie gesehen oder erfahren, dass solche Leute eines bösen Todes gestorben wären, die gern Almosen gegeben haben; denn sie hätten viele Fürbitter, und es sei unmöglich, dass vieler Gläubigen Gebet nicht sollte erhört werden. Bei einem Vierten ist das geliebte Auge, Hand und Fuß, die Ehre vor der Welt, welche sie hindert in ihrem Christentum. Im Herzen sind sie gläubig; aber mit dem Munde scheuen sie sich zu bekennen. Warum? Sie sagen: Was werden die Menschen von mir denken, wenn ich es tue? und diese Ehre vor der Welt ist ihnen wichtiger, als die Ehre bei Gott. Im Herzen lieben sie den Herrn; aber zu den Gläubigen und Frommen wollen sie sich nicht rechnen lassen. Warum nicht? Sie scheuen den Hass und die Verfolgungen der Welt, welche eine solche Gemeinschaft nach sich zieht. O zertrümmert den Baal des Beifalls vor den Menschen, tötet ihn, besprecht euch nicht länger mit Fleisch und Blut, fahrt zu und gebt dem Herrn die Ehre, die Ihm gebührt. Nur wenn wir glauben, werden wir gerecht, und wenn wir bekennen, werden wir selig. Bei noch Andern sind das Auge, Hand und Fuß, andere Menschen, die sie liebhaben, und gegen welche Verbindlichkeiten zu erfüllen ihnen obliegt. Hier die alten Freunde, die ihnen so nötig sind, wie ihre Füße, weil sie in Nöten ihnen beistehen und allezeit rennen und laufen; die ihnen so nützlich sind, wie ihre Hände, weil sie ihnen allerlei Handreichung tun, sie speisen und tränken, sie heben und tragen; die ihnen so lieb sind als ihre Augen, weil sie ihnen statt des Lichts dienen, ihnen guten Rat geben und ihr Bestes allezeit sehen und suchen. Siehe, wenn diese dich vom Glauben abhalten, dich zweifelhaft, schwankend, ungewiss machen wollen in deiner Seelen Seligkeit, sage ihnen lieber die Freundschaft auf, als dass du in eine Sünde willigst. Es ist wahr, es tut wehe, wenn man einen Freund verlieren soll; aber noch weher tut es, wenn man in der Hölle ewig brennen soll, und Menschen, die es nicht gut meinen mit deiner Seele, sind, wenn sie auch noch so sehr für deinen Leib sorgen, auch wahrhaftig nicht deine guten Freunde, sondern zuletzt doch deine Feinde. Dort sind es vielgepriesene Lehrer und Gönner, denen man viel zu verdanken hat, die zu unserer Ausbildung reichlich beigetragen haben, die uns in Zukunft gewiss noch viele Vorteile bringen und unser Lebensglück fördern können; aber sie meinen es nicht treu mit der Wahrheit, sie buhlen mit dem Zeitgeist und dem Weltsinn, sie könnten durch ihre Macht und ihren Einfluss höchst nachteilig auf deinen Glauben wirken, sie haben es vielleicht schon getan: halte dich nicht länger mit ihnen auf, kündige ihnen vielmehr allen und jeden Umgang auf; du weißt, was Jesus sagt kurz vor unserem Text: Wehe der Welt, der Ärgernis halber, es muss ja Ärgernis kommen; doch wehe dem Menschen, durch welchen Ärgernis kommt; es wäre ihm besser, dass ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft würde im Meer, da es am tiefsten ist.“ Vielleicht sind's gar deine Hausgenossen, deine nächsten Verwandten, die dir ein Band und eine Kette werden, dass du dich nicht frei in Christo bewegen kannst, die eine Richtung haben wider Gottes Wort, die dir raten, dem göttlichen Rufe nicht zu folgen, und, selbst ohne Wahrheit, Geist und Leben, dich nur noch mehr entmutigen. Jesus spricht: „Wer Vater oder Mutter, Weib oder Kind mehr liebt, denn mich, der ist mein nicht wert.“ Jesus spricht: „Wer die Hand an den Pflug legt und schaut zurück, der ist nicht geschickt zum Reiche Gottes.“ Als Petrus Ihn hindern wollte, nach Jerusalem zu gehen und zu leiden, und rief: Herr, das widerfahre dir nur nicht! antwortete ihm der Herr: „Hebe dich weg von mir, Satan, denn du bist mir ärgerlich; du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist.“ Als Seine Mutter und Brüder, von natürlicher Liebe zu Ihm gezogen, vernehmend, wie gewaltig Er rede gegen die Obersten und Pharisäer, und von Angst ergriffen, Ihm sagen ließen: Komm heraus, Mutter und Brüder wollen dich sprechen! und Ihn hindern wollten in Seiner göttlichen Tätigkeit, erwiderte Er: „Wer ist meine Mutter? und wer sind meine Brüder? Wer den Willen tut meines Vaters im Himmel, derselbige ist mir Bruder, Schwester und Mutter.“ Kurz, das Auge, die Hand, der Fuß heiße, wie er wolle: hindert er am Seligwerden, weg damit!

II.

Solche Operation ist nun freilich nicht leicht; im Gegenteil, sie ist schwer, sie setzt großen Mut voraus. Zum Abhauen und Ausreißen gehört Gewalttätigkeit und ein entschlossener Eingriff in alte, oft verjährte Rechte und Liebhabereien. Fleisch und Blut sträubt sich dagegen und macht tausend Einwendungen, um die gefährliche Operation aufzuschieben und zu hintertreiben. Es spricht: „Es sind ja lauter unschuldige Güter, ja, das nicht allein, es sind Teile unseres besseren Selbst, es ist unsere edelste Wirksamkeit: sollen wir die fahren lassen und einen Verlust erdulden, der vielleicht durch Nichts wieder entschädigt werden kann?“ Aber wie kann unschuldig und gut sein, was deine Seele morden will und an dir handelt wie ein Feind? Es spricht: „Ich hoffe aber diese Güter festzuhalten und in dieser Gemeinschaft bleiben zu können; es kommt nur darauf an, wie man sie fasst und behandelt.“ Aber weißt du nicht, dass Sicherheit und Hochmut vor dem Falle kommt? Wer sich dünken lässt zu stehen, der sehe wohl zu, dass er nicht falle. Und willst du klüger sein, als der Herr, der ausdrücklich sagte, man könne Gott und Welt, Christus und Belial nicht miteinander verbinden? Es spricht: „Es ist aber doch schon so lange gegangen, warum soll es nicht länger gehen!“ Wohl ist es gegangen; aber wie ist es gegangen? Diese Halbheit, diese Lauheit, diese Zerrissenheit, dieses Unterhandeln mit Welt und Sünde, dieses ewige Verleugnen deines Herrn, dieses scheue Gewissen, diese Gebetsunlust und Mattigkeit willst du Christentum nennen? Bittere und fürchte dich! Es spricht: „Ist ein solches Darangeben aller Güter um des Herrn willen nicht gefährlich? muss es nicht zur Einseitigkeit und Schwärmerei verleiten, und die Welt zurückstoßen und erbittern?“ Dafür lasst Den sorgen, der das Gebot gegeben hat und der solche Treue im Kleinen überschwänglich lohnt. Es spricht: „Ich kann's mir nicht denken, dass Gott, der die Liebe ist, es so genau nehmen sollte.“ Nun, was soll entscheiden? deine Gedanken, die du über Gott hast, oder Gottes untrügliches Wort? Nach diesem Worte nimmt Er's aber sehr genau, so genau, dass Moses, der treue Knecht des Herrn, weil er einen Augenblick am Haderwasser Kleinglauben bewiesen, nicht darf das gelobte Land betreten; dass Saul, weil er selbst opfert, statt Samuel abzuwarten und opfern zu lassen, mit dem Verlust der Königskrone bedrohet wird; dass Usa, weil er die Bundeslade anfasst, um sie zu stützen und vor dem Fallen zu bewahren, sofort zu Boden. niederstürzt, und die Einwohner von Bethsemes, die nur in sie hineinblicken, dasselbe Schicksal übereilt. Man weiß manchmal nicht, wo alle Strafe und alles Unglück über manches Land und Haus herkommt, und warum es mit einem Menschen niemals fort will; und der Grund liegt zuletzt in einem Bann, der auf solchem Menschen und Hause lastet; denn der Herr kann nicht mit uns sein, noch Israel stehen gegen seine Feinde, so lange Bann bei ihm ist; Christus sagt: „Wer nicht absagt Allem, was er hat, der kann nicht mein Jünger sein.“

Der Entschluss, Auge, Hand und Fuß zu opfern um des Herrn willen, ist umso schwerer, als die Welt Jeden verlacht und verspottet, der dem Herrn im Kleinen treu sein und nachfolgen will. Sie nennt ihn einen Narren, Toren, Schwärmer, Wahnsinnigen, und tut ihm alles nur gebrannte Herze leid an. Ja, der Entschluss ist sogar unmöglich so lange, als wir nicht ein Gut besitzen, das uns höher steht, als die höchsten Güter der Erde, das uns lieber ist, als die liebsten Menschen, das uns unentbehrlicher ist, als die unentbehrlichsten Bedürfnisse der Welt, das uns das Gut aller Güter, unser Ruhm und unsere Lust, unser Stern und Kern, unsere Sonne und Wonne, unser Höchstes und Liebstes, unser Eins und Alles ist. So liebte Abraham seinen Herrn; darum konnte er Ihm, als Er's verlangte, seinen einigen Sohn, den er lieb hatte, zum Opfer bringen. So liebte Assaph seinen Herrn; darum konnte er sprechen: „Herr, wenn ich nur Dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde, und wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist Du doch allezeit meines Herzens Trost und mein Teil.“ So liebten Petrus und Johannes; darum konnten sie vor dem hohen Rate, als derselbe ihnen Schweigen gebot vom Namen Jesu, heldenmütig und freudig antworten: „Wir können's ja nicht lassen, dass wir nicht reden sollten, was wir gesehen und gehört haben.“ So liebten die Märtyrer Christum; darum überwanden sie durch des Lammes Blut und durch das Wort ihres Zeugnisses, und haben ihr Leben nicht geliebt bis in den Tod. Liebst du Jesum wahrhaft und über Alles, dann heißt es auch von dir: An demselbigen Tage werdet ihr mich Nichts fragen;“ alle anderen Rücksichten und Schranken fallen zu Boden, die Liebe Christi dringt dich also, dass du nicht mehr dir selber lebst, sondern Ihm, der für dich gestorben und auferstanden ist, und du sprichst: „Wem sollt' mein Herz ich lieber gönnen, als Dem, der mir das Seine gibt? Dich kann ich meinen Heiland nennen, Du hast mich bis zum Tod geliebt. Mein Herz, Dein Herz, Ein Herz allein, soll Dein und keines Andern sein.“

Damit aber jedes Schwanken aufhöre, setzt der Herr hinzu: „Es ist dir besser, dass du zum Leben lahm oder ein Krüppel eingehest, denn dass du zwei Hände und zwei Füße habest, und wirst in das ewige Feuer geworfen. Es ist dir besser, dass du einäugig zum Leben eingehest, denn dass du zwei Augen habest, und wirst in das höllische Feuer geworfen.“ Ist dir dein Leib und irdisches Leben schon so lieb, dass du, um es zu erhalten, dich der schmerzhaften Operation am Auge, an der Hand und am Fuße unterwirfst: wie viel nötiger ist solche Operation an der Seele, kostete sie auch unser Vermögen, unsern Ruhm, unsere bisherige glückliche amtliche Tätigkeit, unser häusliches Glück, unsere besten Freunde und Verwandten, ja selbst Gesundheit und Leben, wenn wir damit erkaufen können den Gewinn eines inneren, bleibenden Seelenfriedens, den Trost der Gemeinschaft der Heiligen, das Bewusstsein der göttlichen Gnade und die Gewissheit der künftigen Herrlichkeit und Seligkeit. Besser, ein Auge, das auf Gott sieht, als zwei Augen, von denen das eine sich dem Himmel, das andere sich der Welt zuwendet. Besser, wie es Jemand einmal kräftig und bündig ausdrückte, im Kerker oder am Galgen selig sterben, als auf dem Paradebette zum Teufel fahren.

Herr, Du hast gesprochen. Deine Worte sind klar und bestimmt, und wir können nicht daran markten und dingen, und Nichts davon herunterhandeln. Öffne uns denn die Augen, dass wir erkennen, was an uns hinderlich ist zur Seligkeit, und dann mache uns freudig und bereit, das Opfer zu bringen, das Du verlangst. Zerbrich, verbrenne und zermalme, was Dir nicht ewig wohlgefällt; ob mich die Welt an einem Halme, ob sie mich an der Kette hält, ist Alles gleich in Deinen Augen, da nur ein ganz befreiter Geist, der alles Andere Schaden heißt, und nur die lautere Liebe taugen. Amen.

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