Arndt, Friedrich - Die Gleichnis-Reden Jesu Christi - Von der Heuchelei
Gnade sei mit euch und Friede von Gott dem Vater, und unserm Herrn Jesu Christo. Amen.
Text: Matth. XXIII., 27-28.
Wehe euch Schriftgelehrten und Pharisäern, ihr Heuchler, die ihr gleich seid wie die übertünchten Gräber, welche auswendig hübsch scheinen, aber inwendig sind sie voller Totenbeine, und alles Unflats. Also auch ihr; von außen scheint ihr vor den Menschen fromm, aber inwendig seid ihr voller Heuchelei und Untugend.
Eine zweite Warnung, die mit der erstbetrachteten ungemein nahe verwandt ist! Es ist die Warnung vor einem allgemein verabscheuten und doch weit verbreiteten Laster, vor der Sünde der Heuchelei. Lasst uns diese Sünde 1) näher kennen lernen, und 2) von der Dringlichkeit der Warnung uns überzeugen.
I.
Das ganze drei und zwanzigste Kapitel Matthäi ist nur eine Warnung vor den Pharisäern und Schriftgelehrten. Achtmal hintereinander ruft Jesus Wehe über sie aus, über ihre Herrschsucht, ihre Bekehrungssucht, ihre Kleinigkeitskrämerei, ihre Buchstäbelei, ihre Heuchelei. Zur Schilderung ihrer Heuchelei bedient Er sich insbesondere des Textbildes: „Wehe euch Schriftgelehrten und Pharisäern, ihr Heuchler, die ihr gleich seid wie die übertünchten Gräber, welche auswendig hübsch scheinen, aber inwendig sind sie voller Totenbeine und alles Unflats.“ Eine starke, aber passende Vergleichung! Zu Jesu Zeit wurden nämlich die Gräber entweder in natürlichen oder künstlichen Höhlen und Bergen angelegt, und wurden oft mit Kalk übertüncht, teils zum Zierrat, teils zur Warnung, damit Niemand sich unvorsichtiger Weise durch Berührung derselben verunreinigen möchte; denn wer Leichen oder Gräber berührte, war nach den pharisäischen Satzungen levitisch unrein. Mit solchen übertünchten Gräbern vergleicht nun Jesus die Heuchelei. Und allerdings, auch sie offenbart äußerlich Glanz, inwendig Moder; äußerlich Leben, inwendig Tod; äußerlich Freude, inwendig Entsetzen; äußerlich ist Alles anziehend, innerlich Alles verpestend. Der Heuchler trägt äußerlich das unverkennbare Gepräge des Christentums, und wer nicht scharf sieht, gerät in Versuchung, dasselbe für gute Münze zu halten. Er tut Buße, er glaubt an Jesum, er ist reich an guten Werken, er zeigt die Früchte des Christentums, er treibt die Übungen des Christentums, er geht in die Kirche, liest die Bibel, feiert das Abendmahl, hält seine Morgen, Tisch- und Abendgebete, unterstützt die frommen Vereine, enthält sich des weltlichen Lebens und aller anstößigen Genüsse und Freuden; er ist kein Säufer, kein Spieler, kein Dieb, kein Hurer, kein Ehebrecher, kein einziges, offenbares Laster kann ihm nachgesagt werden; im Gegenteil seht er eine große Ehre darin, bürgerlich unbescholten und ehrbar erfunden zu werden vor Jedermann. Dennoch ist das Alles nur übertünchter Kalk, Schein ohne Wesen, Schale ohne Kern, Buchstabe ohne Geist, tönend Erz und klingende Schelle, Jacobs Stimme und Esaus Hände.
Wir müssen indes zwei Arten von Heuchlern unterscheiden: Die Einen wissen recht gut, dass sie keine Christen sind; es ist ein absichtlicher, wissentlicher Betrug, wenn sie mit dem übertünchten Kalk sich überwerfen. Sie arten darin ihrem Vater, dem Teufel, nach, welcher auch, um desto sicherer zu verführen, sich geflissentlich in einen Engel des Lichts verkleidet. Die Andern dagegen verhehlen sich selbst ihr grundlos verdorbenes Herz mit allen seinen Schleich- und Trugwegen, und bilden sich alles Ernstes ein, sie seien, was sie scheinen, wahre, aufrichtige Christen, und nehmen es gar übel, wenn man sie bei ihrem rechten Namen nennt. Und dennoch ist ihr Christentum nur ein neuer Lappen auf ein altes Kleid; das, was in Christo allein gilt, die neue Kreatur, ist in ihnen nicht geboren. Es hat sich bloß ihr alter Mensch bekehrt, ohne dass ein neuer da ist. Es hat der alte Mensch bloß das Kleid und die Uniform des neuen über sich geworfen; aber er selbst ist geblieben, was er war, der alte Adam, Totengebein und Unflat unter der Übertünchung. Die Einen wollen Andere betrügen, die Andern betrügen sich selbst am allermeisten. Die Einen tun offenbar Böses und benutzen die Frömmigkeit und Religion nur zum Deckmantel ihrer Bosheit und Heuchelei, gerade wie die Pharisäer und Schriftgelehrten, die die Christen töteten, unter dem Vorgeben, Gott damit einen Dienst zu tun. Dieser offenbare Mord ist in ihren Augen eine gerechte Tat; denn Jesus ist ein Gotteslästerer, und der muss sterben nach dem Gesetz. Ihr Neid ist ihnen löbliche Wachsamkeit über das Gesetz, ihr Hass Eifer für Gottes Sache, ihre Schadenfreude und ihr Hohn Freude über den Sieg des Judentums. Ihr Grundsatz ist: Der Zweck heiligt die Mittel; Grausamkeit und Blutdurst, Feuer und Schwert, Ketten und Banden, Ströme von Blut, Alles in ihren Händen gerechte Strafen der Ketzerei und Opfer, die Gott wohlgefallen und zu seiner Ehre gereichen. Die Andern tun offenbar Gutes, unter dem Scheine der Gottseligkeit; sie bekennen sich zu Christo, sie nahen dem Erlöser mit scheinbarer Demut, sie lassen ihr Licht leuchten vor den Menschen, damit sie ihre guten Werke sehen und den Vater im Himmel preisen; und doch ist das Alles nur aufgetragene Schminke, welche ein blasses, krankes Gesicht bedeckt, und Haut und Säfte noch mehr verdirbt, keine anmutreiche, muntere Gesichtsröte, die von innen herauskommt und Zeugnis ablegt von der Gesundheit des Bluts und der Säfte. Alles Kniebeugen, alle Zöllnergebete, alle frommen Gebärden, alle Sündenbekenntnisse, alles Herr, Herr, sagen, alles Rühmen des Bluts und der Wunden Christi nur Überfärbung des tot-kalten Herzens; aller Gottesdienst Gotteslästerung; Christus im Munde, Satan im Herzen. Was vor Menschenaugen recht ist, tun sie; wissen sich aber viel damit, und sind stolz. Sind sie einmal zu weit gegangen und haben sich versündigt: gleich eilen sie, ihre Sünde einzugestehen, und es bleibt ihnen tief innerlich die selbstgenugsame Freude, dass sie demütig gewesen, und eben damit vor der Gemeinde größer geworden, als vorher. Und erwacht einmal ihr Gewissen, schlägt es sie wie ein Cherub mit hauendem Schwert: sofort beschwichtigen sie es mit der selbst gemachten Hoffnung, dass wohl ihr Name bei Gott besser angeschrieben sei, als bei ihnen selbst, dass der Allerheiligste sich ihrer Demut freue. So haben sie überall den Schein des gottseligen Wesens, aber seine Kraft verleugnen sie. Genau besehen, ist es eigentlich die Ehre und das Lob der Menschen, das auf sie bestimmende und entscheidende Kraft ausübt, und ihr Christentum dem innersten Wesen nach nichts als Selbstgerechtigkeit und Werkheiligkeit. Sie tun das Äußere eben nur als ein Äußeres, ohne Liebe zu Gott, ohne Verleugnung der Welt, ohne Barmherzigkeit, ohne Demut, ohne Entsagung ihrer selbst, und sind zufrieden, wenn sie nur eine gewisse Anzahl guter, regelmäßig getaner Werke vor sich haben; und es gewährt ihnen die größte Lust, sich gerecht zu sehen, sich stark zu fühlen, sich in ihrer Tugend zu spiegeln, wie der Pharisäer im Evangelium, der sogar im Tempel vor Gott sich eine Lobrede hielt und sprach: „Ich danke Dir, Gott, dass ich nicht bin, wie andere Leute, Räuber, Ehebrecher, Ungerechte, oder auch wie dieser Zöllner; ich faste zweimal in der Woche, und gebe den Zehnten von Allem, was ich habe.“ Ein in den Gebieten des inwendigen Menschen sehr erfahrener und bewährter Christ1) schildert sie also: „Die Heuchler nennen erweckt sein einen Blick in sein natürliches Verderben tun und die Notwendigkeit der Wiedergeburt erkennen; sie suchen darauf in beständigen Gedanken an Gott, in frommen Betrachtungen, in Übungen im Lesen, Beten und Singen und in Verbindung zu engeren Gesellschaften untereinander die ganze Erfüllung ihrer Religionspflichten. Sie vermeiden die groben Ausbrüche der Sünden, aber hegen und pflegen nicht allein die feineren, viel schlimmeren Unarten, geistlichen Stolz, erheuchelte Demut, Verachtung und Verurteilung derer, die besser sind, als sie, sondern sehen sie als Eifer um das Haus Gottes an. Sie bemühen sich immer, zu wissen, was man tun müsse, um Gott zu gefallen, und dies Wissen sehen sie anstatt des Tuns. Sie bilden sich ein Religionssystem aus Wahrheit, Unsinn, Empfindelei und Phantasie; dieses ausbreiten, nennen sie dem Herrn Seelen zuführen, und darin suchen sie die Erfüllung der Liebespflichten gegen den Nächsten; wer es nicht annimmt, den halten sie des Reichs Gottes nicht würdig. Sie finden in der Befolgung der Forderungen ihres falschen Gewissens eine Art Beruhigung, und nennen dies Zeugnis die Kindschaft Gottes durch den Heiligen Geist.“ Wie treffend daher das Textbild: „Wehe euch, Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr gleich seid wie die übertünchten Gräber, welche auswendig hübsch scheinen, aber inwendig sind sie voller Totenbein und alles Unflats. Also auch ihr: von außen scheint ihr vor den Menschen fromm, aber inwendig seid ihr voller Heuchelei und Untugend.“ Wie die gezierten Gräber nicht besser sind, als andere Gräber, und in ihnen eben sowohl nichts als ein toter Körper liegt und verwest: so sind die Heuchler auch nicht besser, als andere grobe Sünder und Missetäter; sie sind nur ein schön angestrichenes Totenbehältnis.
Indem sie aber ihr inneres Verderben durch äußerlich schönen Schein zu verdecken suchen, bestätigen sie zweierlei, nämlich einmal die ungeheure Macht der Wahrheit über das menschliche Herz, andererseits ihre eigene hohe Schlechtigkeit, die es lediglich bei der äußeren Larve bewenden lässt, und zur inneren Schönheit und Veredlung der Seele nicht übergeht. Wohl muss die Macht der Wahrheit groß sein, dass die Menschen immer besser scheinen wollen, als sie sind, und Niemand sich in seiner Armut und Sünde bloßstellen mag, selbst der Bösewicht lieber fromm und gut scheint, als schlecht und böse. Nur der Verstockte, nur der die Sünde gegen den Heiligen Geist begangen hat, ist im Stande, sich dieser Macht gänzlich zu entziehen. So tief sitzt der Stachel der göttlichen Wahrheit im Herzen der Menschen, dass, wer den Herrn nicht anbeten mag, sich wenigstens Abgötter sucht, vor denen er seine Knie beugt; dass, wer das Evangelium verwirft, sich wenigstens einen Ersatz sucht in der Wissenschaft, oder der Kunst, namentlich der Dichtkunst, der Malerei, der Musik, indem er die unverleugbaren, religiösen Gefühle seines Innern auf sie überträgt, in ihr eine unnatürliche Versöhnung heranzieht, und Ausdrücke und Redensarten auf sie anwendet, die vom Gebiete des Glaubens und der Religion hergenommen sind. So tief sitzt der Stachel der göttlichen Offenbarung im Herzen des Menschen, dass selbst der Zweifler und Spötter, der mit dem Munde über das Heilige höhnt und lacht, im Herzen still und unheimlich den Gedanken nicht los werden kann: Wie? wenn es doch wahr wäre? und es nur wenige Menschen gibt, die ehrlich genug sind, die offene Sprache des Unglaubens und der Lasterhaftigkeit zu reden und sich geradezu frech und entschlossen zu den Gottlosen zu bekennen. Wäre diese Macht nicht so groß, es würde niemals die Lüge sich in ihre Farben tauchen und ihr Gewand anlegen wollen; es würde keine Heuchler auf Erden geben. Aber wie groß muss zugleich die Verderbtheit des menschlichen Herzens sein, dass es selbst das Heiligste entweihen und missbrauchen, selbst die Gottesfurcht nur zum Deckmantel der Gottlosigkeit erniedrigen kann! Wie tief entartet muss ein Gemüt sein, wie böse, wie grundverdorben, wie verabscheuungswürdig, dass es darauf hinausgeht, das Gegenteil von dem zu scheinen, was es ist; anders zu reden, als es denkt; anders zu handeln, als es redet; dass es nicht fromm ist, noch sein will, sondern sich nur fromm gebärdet, das heißt: frömmelt! wenn es vor den Menschen sich gottesfürchtig, aufrichtig, wahrheitsliebend, gerecht, mäßig, keusch, demütig, barmherzig stellt, indes die Seele von dem Allen fern ist und an Falschheit, Lüge, Ungerechtigkeit, Wollust, Hoffart, Unmenschlichkeit Wohlgefallen hat. Wahrlich, offenbare Bösewichter, Lasterhafte ohne Schminke, so schlecht und abscheulich sind sie nicht, wie die Heuchler!
Und warum heuchelt man in der Welt? Was ist der Zweck, den die Heuchelei bei ihrem frevelhaften Spiel mit dem Heiligen verfolgt? Es ist nicht selten äußerer Vorteil und Gewinn. Es gelingt den Heuchlern, mancherlei äußere Vorzüge und irdische Güter sich zu verschaffen, die sie auf geradem, offenen Wege schwer gewonnen hätten und nach denen der fromme, einfältige Christ vergeblich trachtet; die Erfahrung bestätigt es wieder, dass diejenigen, welche am meisten lügen und betrügen, heucheln und schmeicheln können, am besten ihr Durchkommen in der Welt finden. Oft aber ist gerade kein irdischer Vorteil mit der Heuchelei verbunden; wozu müht und arbeitet sich dann der Heuchler mit Dingen ab, für die ihm jeder Sinn und jede Neigung fehlt? Dann ist es die Täuschung an sich, welche ihm wohlgefällt, und die Ehre und der gute Name vor der Welt, die er nur auf diesem Wege sich verschaffen kann. Wenn Alle fromm sind, mag er nicht die alleinige Ausnahme von der Regel bilden. Wenn Gottesfurcht noch etwas gilt in der menschlichen Gesellschaft, will er nicht auffallend grob gegen sie sich verstoßen. Er weiß es aus Erfahrung: die Menschen beurteilen einmal die Dinge nicht nach dem, was sie wirklich sind, sondern nach ihrem Schein und ihrer Außenseite; so hüllt er sich denn in diesen Schein, damit sie besser von ihm denken, als er ist. Sein Ehrgeiz, sein Selbstruhm, seine Sucht, gesehen und gepriesen zu werden, verlangt durchaus Befriedigung, und seine Eitelkeit maßt sich daher Vorzüge an, die er in der Tat und Wahrheit gar nicht besitzt. Die Heuchelei ist nichts als Lüge durch und durch.
II.
Lasst uns nun zweitens die Warnung beherzigen: Warum ruft Jesus achtmal hintereinander Wehe über die Heuchelei? Warum warnt Er vor keiner Sünde so oft, als vor der Heuchelei? Warum kann Er vom Fasten, Beten, Almosengeben gar nicht reden, ohne gleich einen Zusatz zu machen, doch ja nicht dabei zu heucheln? (Matth. 6.) Warum schließt Er sein öffentliches Auftreten in Israel mit der nachdrucksvollen Zurückschreckung vor diesem Laster in unserm Textkapitel?
Zunächst offenbar schon darum, weil die Heuchelei eine sehr weit verbreitete Sünde ist. Nicht gerade die offenbare Scheinheiligkeit; zur Ehre der Menschheit möchten wir hoffen, dass solcher Leute auf Erden sich nur wenige finden. Wohl aber die Heuchelei. Es gibt viele Gleißner und Heuchler in der Welt. Es hat ihrer zu allen Zeiten gegeben. Denkt an Kain, der Gott heuchlerisch opferte; aber an dessen Opfer Gott kein Wohlgefallen hatte. Denkt an Saul, wie er nach seinem Abfall vor Samuel ein Sündenbekenntnis heuchelt, damit der Prophet nur bleiben und das Opfer bringen und ihn ehren möchte vor dem Volk, weil ihm an der Ehre der Menschen mehr lag, als an dem Beifall seines Gottes. Denkt an Judas, wie er dem Herrn naht mit einem Kuss, als wäre er sein bester Freund; und er ist ein Verräter. Denkt an Ananias und Saphira, die ihr Gut verkaufen und einen Teil des Erlösten zu den Füßen der Apostel legen, als ob das das Ganze wäre, was sie gelöst, um in dem Rufe zu stehen, sie hätten all ihr Hab und Gut der Gemeinde zum Opfer gebracht. Denkt an Simon den Zauberer, über den Petrus ausrief: „Dein Herz ist nicht rechtschaffen vor Gott, denn ich sehe, dass du bist voll bitterer Galle und verknüpft mit Ungerechtigkeit!“ Denkt an Elymas, den Paulus voll Heiligen Geistes ansah und sprach: „O du Kind des Teufels, voll aller List und aller Schalkheit, und Feind aller Gerechtigkeit, du hörst nicht auf, abzuwenden die rechten Wege des Herrn!“ Ach, wenn unter den Zwölfen Einer, der mit den Andern Wundertaten getan hatte, der vor ihnen Allen mit dem Amt der Kassenverwaltung beehrt worden war, das in ihn gesetzte Vertrauen so schnöde missbrauchen und ein Teufel werden konnte, ob auch lange Zeit keiner seiner Mitjünger es sah und merkte; wenn die erste Sünde, die sich in die christliche Kirche einzuschleichen drohte, die Heuchelei war: so ist Keiner von uns vor diesem Laster sicher, es kann Jeden überfallen, wie ein Dieb in der Nacht, und die Warnung ist wohl an ihrer Stelle: Wer sich dünken lässt zu stehen, der sehe wohl zu, dass er nicht falle. Dass wir die Jüngersprache rein und fertig sprechen, dass wir mit Menschen- und mit Engelzungen nachreden, was uns vorgeredet ist: es beweist noch nicht, dass wir wahre Jünger sind. Fliehen wir daher jedes Heucheln vor Andern als Sünde! Fliehen wir als siebenfache Sünde jedes Heucheln vor uns selbst! Es ist unleugbar, dass die Heuchelei sehr Vieles mit der wahren Gottseligkeit gemein hat, und dass es ein Scheinchrist manchmal in christlichen Übungen und Sitten so weit bringen kann, dass er selbst und Andere sich völlig versichert halten, dass ein rechtschaffenes Wesen in Christo sich bei ihm finde; er kann den Weg der Wahrheit und Gerechtigkeit wissen und erkannt haben; er kann Gottes Wort gern hören, wie Herodes Johannem gern hörte; er kann seine Sünde erkennen, Andere um Verzeihung bitten, sich dem Gebet und der Fürbitte der Frommen befehlen, wie Simon der Zauberer; er kann ein ehrbares Leben führen, viele Almosen geben, fleißig beten und die Kirche besuchen und sich vor groben Sünden hüten, wie der Pharisäer im Tempel, und dennoch ein Heuchler sein und bleiben. Es liegen viele Tausende in der Hölle und schreien Ach und Weh über ihre armen Seelen, die das Alles und vielleicht noch mehr getan haben.
Die Warnung vor der Heuchelei ist umso dringender, als diese Sünde so leise und fein das Herz beschleicht, klein und unmerkbar anfängt und oft schon da ist, noch ehe man ihr Dasein ahnt. Selbstbetrug liegt bei der angeborenen Eigenliebe und Dünkelhaftigkeit uns Allen außerordentlich nahe. Wir sind ja Alle geneigt von Natur, von uns das Beste, von Andern das Schlechteste zu denken, und uns für unfähig der Sünden zu halten, welche wir an Andern wahrnehmen oder ihnen auch nur zutrauen. Sage daher Niemand: „Ein Heuchler bin ich nicht, und will auch keiner werden, dahin kann's mit mir nun einmal gar nicht kommen.“ Ach, vielleicht bist du nur einen Schritt noch davon entfernt! Jede Sünde fängt klein an und endet groß; auch die Heuchelei. Sei ehrlich, gib der Wahrheit die Ehre; ist's nicht schon eine feine Heuchelei, in gewöhnlichen, alltäglichen Verhältnissen vor Menschen besser scheinen zu wollen, als man ist? und ist das nicht eine allgemeine, wenig beachtete Unsitte in der Welt, mit der Einer den Andern, Alle sich untereinander betrügen? Die reichen Leute, die da prangen in Gold und Seide, in Juwelen und Bedienten, was wollen sie anders, als scheinen, was sie nicht sind, nämlich unermesslich reich an Hab und Gut, da sie doch oft so bettelarm sind an dem wahren Geld und Gut, dem Reichtum in Gott, dem Ehrenschmuck Jesu Christi? Die Gelehrten, die Dichter, die Schriftsteller, die Künstler und Kunstfreunde, was wollen sie meist anders, als scheinen, was sie nicht sind, nämlich reich begabt mit Geist und Kenntnissen, da sie doch oft bettelarm sind am höchsten Wissen und am rechten Geist, dem Heiligen Geist? Die Moralmenschen und Tugendhelden unter uns, was wollen sie anders, als scheinen, was sie nicht sind, nämlich reich an guten Werken und Tugenden, da sie doch meist bettelarm sind an der wahren Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, an der Gerechtigkeit Jesu Christi? Selbst die Armen und Elenden unter uns, wollen sie nicht auch anders scheinen, als sie sind, nämlich recht arm und elend, um das Mitleid Anderer desto mehr zu erregen und ihre Unterstützung zu gewinnen, während sie innerlich meist recht arm und elend sind an Glauben, Geduld und Ergebung? Ferner, was sind die meisten auswendig gelernten, nachgesprochenen, und durch ihre schamlose Übertreibung und Vergötterung des Menschlichen widerlichen Höflichkeitsformeln und Schmeicheleien der Menschen untereinander anders, als Lug und Trug und Heuchelei? Man freut sich mit dem Munde und mit freundlicher Gebärde über Anderer Glück, und das Herz ist voll Neid und Eifersucht, voll Hass und Rache, und sähe lieber des Andern baldigen Untergang und Verderben. Man bezeugt dem Nächsten mit dem Munde sein Beileid; aber das Herz lacht insgeheim, oder wenn es trauert, so geschieht's deshalb, dass das Unglück, das den Andern betroffen hat, nicht ärger ist. Mit der Zunge ist man unerschöpflich in guten Wünschen, wenn der Nächste krank daniederliegt, und hofft seine baldige Genesung; und im Herzen denkt man: Möchte er doch bald sterben! Man grüßt einander mit freundlichem Angesicht, und trachtet doch, ihm das ärgste bei erster bester Gelegenheit zuzufügen. Wie viel wird in der Welt versprochen, und wie wenig wird gehalten! Berge verspricht man, Körnlein hält man. Wie reden die meisten Menschen hinter dem Rücken ganz anders, als unter vier Augen! Wollte man sie bei jedem Worte nehmen, das sie über Andere sich erlauben, richtend, verleumdend, verunglimpfend, kränkend: welche Schande würde auf ihre Häupter fallen! Ehe man sich's versieht, ist man berückt auch von den vermeinten allerbesten Freunden. Ach, liebe, alte, deutsche Redlichkeit und Treue, wo bist du geblieben? Weil du verschwunden bist, ist Liebe und Freundschaft mit dir verschwunden! Farbe ist keine Liebe, Trug ist keine Treue. Wer aber fähig ist, schon vor Menschen zu heucheln, die er sieht, und die ihn auf seiner Heuchelei gleich ertappen können: wie sollte der nicht auch vor Gott heucheln, wenn's ihm was einbringt, den er nicht sieht und dessen Gericht er meint entschlüpfen zu können? Aber noch weiter müssen wir gehen, noch tiefer in die geheime, verborgene Werkstatt der Heuchelei eindringen, damit uns des Herrn Warnung immer mehr aufs Herz falle. Es gibt nämlich so ein Verheimlichen und Beschönigen und Ausschmücken gewisser Verbrechen und Schwächen, unedler Gesinnungen und Taten, wie wenn man den Stolz Ehrgefühl, die Wollust Liebe, den Geiz Sparsamkeit, den Zorn Eifer für Wahrheit und Recht nennt: ist dieses Beschönigen nicht Verstellung der Sünde, nicht Heuchelei? Es gibt so ein zur Schaustellen und Staattreiben mit Großmut, mit Wohltätigkeit, mit Kirchlichkeit, mit Bildung, mit feinem Geschmack, so ein Haschen nach Ruhm und Kredit, das immer mit dem großen Messer aufschneidet und sich das Gute beilegt, welches Andern zukommt: ist diese Täuschung Anderer nicht Heuchelei? Und was ist jede fromme, gottesdienstliche Übung, von der der Herr sagen muss: „Dies Volk naht sich mir mit seinen Lippen, aber ihr Herz ist fern von mir;“ was ist jedes Gebet des Vater Unser, bei dem man sich nichts denkt, oder selbst beständig das Gegenteil von dem wünscht und - tut, was man erfleht; was ist jeder Kirchenbesuch, nicht um sich zu erbauen und zu stärken, sondern um die Predigt zu richten und zu kritteln; was ist jeder Abendmahlsgenuss, der nur aus Gewohnheit oder Aberglauben geübt wird; was ist jede Ablegung des Glaubensbekenntnisses ohne Glauben daran; was ist jedes Auftreten als Zeuge bei einer heiligen Handlung, ohne inneres Eingehen in dieselbe durch Gebet und Gesinnung; jede Wohltätigkeit, nicht aus Mitleid und Liebe, sondern aus Ehrgeiz und Ruhmsucht; jedes Prahlen mit seinem Protestantismus, während man im Herzen gegen die Hauptlehren der evangelischen Kirche selbst protestiert und nicht frei im Glauben, sondern frei vom Glauben sein will, zuletzt und am Ende anders, als Heuchelei? Spreche daher Keiner: „Nein, ein Heuchler bin ich nicht, und kann es niemals werden;“ vielleicht bist du es schon, ohne zu wissen, dass du es bist!
Die Warnung Jesu vor Heuchelei wird noch dringender, wenn wir an die Nachteile und Gefahren denken, welche sie in der Welt anrichtet. Wie widrig und zurückstoßend wirkt der Heuchler auf jedes unbefangene und offene Gemüt! Wer möchte einen Menschen zum Freunde haben, dem er nicht trauen kann? Wen empört nicht das heuchlerische Wesen? Lieber mit ganz natürlichen, aber ehrlichen Menschen umgehen, bei denen ein Wort ein Wort und ein Handschlag ein Handschlag ist, als mit solcher Natternbrut, die Honig im Munde und Galle im Herzen führt! Und wie verderben sie die Seelen, die mit ihnen in Berührung kommen! Wie suchen sie aus ihnen auch Heuchler zu bilden, doppelt so schlecht, als sie selber sind! Zu bedauern ist Jeder, der in ihre Hände gerät. Er hoffte Leben zu finden, und findet den Tod. Er dachte den Himmel zu ererben, und stürzt in die unterste Hölle. War er vorher schon lasterhaft, so wird er nun erst ein rechter Ausbund der tiefsten Gräuel, ein echter Schüler und Genosse Satans, ein Helfershelfer der Hölle; der Verführte zwiefach ärger, als der Verführer. Und wie wie viel Anstoß und Ärgernis bereiten die Heuchler dem Christentum! Dass der wahre Glaube und das reine Bekenntnis des Evangeliums in der Welt so sehr verschrien ist, und letztere Frömmigkeit und Frömmelei nur zu oft verwechselt und zusammenwirft, das Christentum hat es meist den Heuchlern zu verdanken, die durch ihre Scheinheiligkeit und Gleisnerei es in üblen Ruf gebracht haben.
Doch nicht immer währt solch Verstecktreiben und Taschenspielen mit dem Allerheiligsten. Es kommt eine Zeit, wo Gott ans Licht bringt, was im Finstern verborgen ist. Er liest in unserm Herzen, wie in einem Buche; Er liest da auch zwischen den Zeilen; Er liest auch das, was wir gern überschlagen und Ihn nicht lesen lassen möchten; und wie Er einmal alle Gräber öffnen wird, wird Er auch diese übertünchten Gräber öffnen und kund und offenbar machen, was in denselben verborgen ist, auf dass ihre Pestluft qualmend emporsteige und Zeugnis gebe von dem Moder und der Verwesung, die in ihnen gehaust hat. Zittert denn, ihr Heuchler, vor Seinen alldurchdringenden Augen! Zittert vor Seinem unbestechlichen Gericht! Er reißt einst alle Masken und Schleier von eurem Angesicht, und enthüllt euch und der Welt, wer ihr seid und wie ihr innerlich ausseht. Dann werden alle eure Bibelstellen euch nichts helfen, und wenn ihr sie zu hunderttausenden schnell und geläufig im Munde geführt. Dann wird euch das Sakrament nichts helfen, und ob ihr es alle Sonntage genossen hättet: ihr habt es nur zum Gericht genossen. Dann werden euch alle eure guten Werke nichts helfen, und ob ihr deren so viel getan, dass ihr das Meer damit zudämmen könntet: sie waren nicht in Gott getan. Dann werdet ihr euch heiser schreien an der verschlossenen Gnadentür: „Herr, Herr, tue uns auf!“ eine furchtbare Stimme wird drinnen antworten: „Ich sage euch, ich kenne euch nicht, wo ihr her seid; weicht Alle von mir, ihr Übeltäter!“ Wahrlich, es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe; leichter, dass Berge ins Meer versetzt werden; leichter, dass Wasser und Feuer sich vermischen, als dass ein Heuchler wahrhaft Buße tue und sich bekehre. Jesus sagt: „Die Hurer und Zöllner werden eher ins Himmelreich kommen, als die Pharisäer und Schriftgelehrten!“ Ein frommer, tieferleuchteter Bischof2) fügt hinzu: „Ein Heuchler ist der lasterhafteste aller Menschen, weil er sich nicht begnügt, böse zu sein, gleich den übrigen Gottlosen, sondern auch noch für gut gelten will, und so durch seine falsche Tugend es dahin bringt, dass die Menschen auch der wahren Tugend nicht mehr zu trauen wagen.“ Die erstaunte Hölle ruft solchen Ankömmlingen zu: „Ihr Elenden! gab es denn keinen bequemeren Weg zu diesem Orte der Qual? Musstet ihr einen Teil der Beschwerden der Tugend vereinen mit dem bitteren Trank des Lasters, um euch euer Verderben zu bereiten?“3) Ach, es kann Einem die Haut schaudern und die Haare möchten sich zu Berge sträuben, wenn man an die Folgen der Heuchelei denkt in Zeit und Ewigkeit!
Flieht, flieht die Heuchelei! Zwar den Heuchlern selbst aus dem Wege gehen, können wir nicht; es steht den Menschen nicht an der Stirn geschrieben, was sie sind; den Heuchlern am wenigsten. Böses Spiel und gute Miene können bis zum Erstaunen verschmolzen sein, so sehr, dass wir in Gefahr kommen, für Heuchelei zu halten, was keine ist, und offenbare Heuchelei als wahre Frömmigkeit zu preisen. Gott bewahre uns, dass wir jemals einen Menschen in ungerechtem Verdacht der Heuchelei haben! Lasst uns also vorsichtig sein in unserm Urteil über Andere, um so gewissenhafter aber uns selbst richten und Gott täglich um Selbsterkenntnis bitten, dass wir nicht in die Schlingen dieses scheußlichsten und unnatürlichsten aller Laster hineingeraten, dass Er mit unsern Fehlern Geduld haben und allen unsern Mangel durch den Reichtum Seiner Güte ersehen wolle. Lasst uns Gott täglich bitten: „Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz, und gib mir einen neuen gewissen Geist; verwirf mich nicht vor Deinem Angesicht und nimm Deinen Heiligen Geist nicht von mir.“ - Fürchtest du aber, selbst ein Heuchler zu sein, mein Christ, und ängstigst du dich darüber: so sei getrost; diese Furcht ist ein Beweis, dass du es nicht bist. Der Heuchler fürchtet nicht, dass er Heuchler sei. Er wandelt sorglos, voll Zuversicht, dass er richtig wandele. Schaffe denn fort und fort, mit Furcht und Zittern, dass du selig werdest, und halte dich fest an des Herrn Verheißung, dass Er es den Aufrichtigen wolle gelingen lassen.
Herr, wir sehen den Geist der Hölle, wie er über die Erde wandelt. Banne ihn aus unserer Mitte; der Sünder müsse ein Ende werden auf Erden, und die Gottlosen nicht mehr sein. Amen.