Anselm von Canterbury - Homilien und Ermahnungen. Fünfzehnte Homilie.
Über das Evangelium nach Johannes: Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirt setzt seine Seele (Leben) für seine Schafe ein. Der Mietling aber und der, welcher nicht Hirt ist, und dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht; und der Wolf erhascht und versprengt die Schafe. Der Mietling aber flieht, weil er ein Mietling ist, und er sich um die Schafe nicht kümmert. usw. (Joh. 10,11.)
Weil die Meisten sich selbst nicht beobachten, noch ihre Fehler betrachten, so hören sie in der kleinen Abhandlung dieses Abschnitts zu ihrer Freude von der Verunglimpfung des Lebens der Kirchenfürsten: wir haben eine andere kleine Auseinandersetzung davon gemacht, die uns ganz zu uns selbst bringen mag, damit es Niemand wage, das Leben des Vorgesetzten anzugreifen, das Christus selbst untersuchen wird; noch mehr aber jeder so beschaffen zu sein sich bestrebe, wie ihn die Lektion mit Billigung darstellt, und das Böse meide, das sie tadelt. Der Herr redet aber zu den Pharisäern, die sich rühmten, nicht blind zu sein, und bezeichnet mit ihrem Vorbilde die Blindheit aller Scheinheiligen. Das aber, was er spricht, muss man, wenn man es verstehen will, nicht auf das Haupt selbst, sondern auf irgendein Glied desselben beziehen. Denn gar oft beziehen sich die Worte des Herrn in den Schriften auf den Herrn selbst, und hernach auf die Kirche, welche sein Leib ist, oder auf einen seiner Auserwählten, der sein Glied ist, wie da er sagt: Richte, Herr, die, die mich beschädigen, bekämpfe die, die mich bekämpfen (Ps. 34,1) und dergleichen.
Für jetzt wollen wir also das, was er spricht, so verstanden wissen, als ob es einer seiner Heiligen redete; denn er sagt: Ich bin der gute Hirt. Und ein Jeder von uns soll ein Hirt, nicht von beliebiger Beschaffenheit, sondern ein guter sein: denn er hat eine Schafherde, nämlich von reinen und unschädlichen Gedanken und Tugenden, um sie auf der Weide der Schriften groß zu ziehen, um von ihr gleichsam Gott Rechenschaft zu geben und sie daher zu hüten. Ein tüchtiger Hirt solcher Schafe war der heilige David, als er zum Könige gesalbt wurde, so dass er, da er es wohl verstand, sein Betragen und sich selbst zu regieren, ein Regent über Andere wurde. Solcher Schafe besaß der heilige Job siebentausend, weil er vollkommen reich gemacht war mit den Tugenden der siebenfachen Gnade. Es gibt aber Manche, die das Gute, das sie tun, durchaus nicht nach dem Sinne und den Vorschriften der Aussprüche Gottes weiden, sondern demgemäß nähren, wie es ihnen recht scheint. Und das sind fürwahr keine gute Hirten, weil sie die Herden ihrer Handlungen nicht gut weiden, da geschrieben steht: Lernt Gutes tun. (Jes. 1,17.)
Der gute Hirt aber setzt seine Seele für seine Schafe ein; weil er sein gegenwärtiges Leben, das mit dem Namen der Seele bezeichnet wird, Drangsalen aussetzt, das heißt, er kreuzigt es freiwillig, zum Frommen geistlicher Tugenden und Handlungen. Der Mietling aber und der nicht Hirt ist, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht. Und der Wolf hascht die Schafe und versprengt sie. Der Mietling aber flieht, weil er ein Mietling ist, und sich um die Schafe nicht kümmert. Es war von dem die Rede, der lobenswert handelt; es ist auch von dem die Rede, der in Trägheit lebt: es war, sage ich, von dem Hirten die Rede gewesen, der sich nicht weigert, seine Seele für die Schafe einzusetzen; es ist auch von dem Mietlinge die Rede, der dem Wolfe nicht zu widerstehen wagt. Denn er ist ein Mietling, der um den Lohn zeitlicher Dinge das Gute tut, der Gott nicht umsonst ehrt, der bei dem, was er aus frommem Sinne zu tun scheint, entweder einen Preis des Lobes oder der Vergeltung in dieser Welt sucht. Und das ist kein Hirt; weil er die Schafe seiner Handlungen nicht auf die Weide der Schriften treibt, um sie auf diese Art oder mit diesem Eifer, wie die heiligen Aussprüche es lehren, zu verrichten. Ihm gehören die Schafe nicht; weil die Tugenden, die er in sich zu wahren scheint, ihm fremd sind, und er sie nicht wie sein Eigentum liebt, während er sie wegen vorübergehender Vergeltung wahrt. Wer nun so im Glücke handelte, hören wir, wie er im Unglück handelt.
Er steht den Wolf kommen und verlässt die Schafe; weil er entweder bei einem verkehrten Menschen, oder bei einem sich erhebenden Sturm von Drangsalen merkt, es sei ein wildes Tier da, das die Schafe guter Werke zu verschlingen sucht, das heißt der Teufel, der sich Mühe gibt, mit den Versuchungen von Widerwärtigkeiten den Schafstall der Tugenden zu vernichten. Und er, der erst deshalb Gutes tat, um dafür Lohn in der Gegenwart zu bekommen, jetzt aber wahrnimmt, dass ihm Widerliches dafür bevorstehe, verlässt die Schafe, er verlässt die Tugenden, die er wahrte, verlässt das Gute, das er tat, um dafür nichts Böses leiden zu müssen; und flieht, das heißt er entzieht sich der Widerwärtigkeit. Denn er flieht nicht sowohl dem Orte, als der Veränderung der. Werke nach. Und der Wolf hascht, weil der Teufel das verdienstliche Gute, das er zu haben schien, raubt. Und verstreut die Schafe, jagt gleichsam seine Handlungen, dass Alles, was er nun tut, ungeordnet, und unpassend und nachlässig ist. Der Mietling aber widersteht dem Wolfe nicht, der seine Herde verschlingt, sondern flieht; denn der, der den Schafstall der Tugenden oder guter Handlungen nicht um der Tugenden selbst, sondern um des zeitlichen Gewinns willen wahrte, verlässt ihre Behütung, und lässt sie im Maule des Verschlingers, um keine Gefahr von Widerwärtigkeit fühlen zu müssen. Dieser flieht deshalb so, weil er ein Mietling ist, das heißt, weil er die Werke der Tugenden dem Lohne fleischlichen Nutzens zu lieb zu beobachten gewohnt war; und er bekümmert sich um die Schafe nicht, weil die Tugenden und Handlungen, die er hütet, nicht ihm gehören, sondern der Gewinn, den er dafür begehrt; und ihr Verlust berührt seinen Geist nicht schmerzlich, weil er nicht sie, sondern den Lohn liebt.
Bisher deutet die göttliche Rede die Verkehrtheit derer an, die mit heuchlerischem Herzen, wie die Pharisäer, das Gute tun, mit dem Bild des Einen an; und hernach beginnt sie von Neuem die Reinheit derer, die ganz von Herzen das Gute tun, zu beschreiben, indem sie mit der Stimme eines jeden von dieser Beschaffenheit sagt: Ich bin der gute Hirt. Als wollte sie sagen: Ich weide gut und mit aufrichtiger Sorge hütend nähre ich die Schafe guter Gedanken und Tugenden, wie sie mir von Gott übergeben worden sind. Und ich kenne meine Schafe, das heißt ich vernachlässige nicht meine Tugenden und liebe sie; und sie kennen mich, das heißt sie hängen mir an, wie einem Geliebten, und trennen sich auch von mir selbst in Widerwärtigkeiten nicht. Denn den kennen die Tugenden, der ihnen nicht unbekannt wird durch einige Lasterverübungen.
Sowie mich der Vater kennt, anerkenne auch ich den Vater; denn sowie mich jener himmlische Vater um meiner willen liebte, das heißt um meines Heils und nicht um etwas Anderen willen; so liebe auch ich ihn um seiner und nicht um etwas Anderen willen. Denn weder er suchte etwas Anderes für diese Liebe, als mich, noch suche ich etwas Anderes für diese Liebe, als ihn. Daher sagt auch Johannes in seinem Briefe: Denn sowie er es ist, so sind auch wir in dieser Welt (1. Joh. 4,17). Sowie bedeutet nämlich jetzt keine Gleichheit, sondern eine Ähnlichkeit; weil wir nicht vom Erlöser reden, welcher der Gottheit nach dem Vater gleich ist, sondern vom Erlösten, der ein Glied des Erlösers ist. Dieser Erlöste fügt nämlich bei: Und ich setze meine Seele (Leben) für meine Schafe ein. Das heißt ich demütige das zeitliche Leben mit Mühsalen und dulde, um die Schafe meiner Tugenden und Handlungen nicht zu verlieren, sondern zu mehren und zu pflegen. Weil aber der Gerechte nach den Mühen eines tätigen Lebens zur Lieblichkeit des Beschaulichen zu gelangen pflegt, fügt er passend bei: Und ich habe noch andere Schafe, die nicht aus diesem Schafstalle sind, das heißt Tugenden der Betrachtungssüßigkeit, die nicht zur Herde der Tugenden der tätigen Übung gehören. Denn der Gerechte hat im tätigen Leben andere Tugenden und andere im beschaulichen. Und jene, sagt er, die Sache der Betrachtung sind, muss ich herbeiführen zum Grunde meiner Macht, um sie in meinem Umgange denen zuzugesellen, welche Sache des Handelns sind.
Und sie werden meine Stimme hören; weil sie das Wort meines Willens tun werden, das heißt auf den Wink meines Herzens gehen werden. Denn auch das Herz hat seine Sprache und seinen Ausdruck. Und es wird ein Schafstall werden aus den Tugenden des beiderseitigen Lebens; und für beide wird ein Hirt werden, meine Seele nämlich, dass sie sorgfältig beide bewache. Wenn nun Einer sorgfältig auf dieses achten und darauf sehen mag, ob er selbst so gehandelt oder nicht gehandelt habe, so wird er davon ablassen, das Leben der Kirchenhirten zu verunglimpfen.