Ahlfeld, Friedrich - Zeugnisse - Die mächtigsten Bußstimmen ruhen im Leiden des Herrn.

Ahlfeld, Friedrich - Zeugnisse - Die mächtigsten Bußstimmen ruhen im Leiden des Herrn.

(Am Bußtage, den 9. März 1855.)

Die Gnade unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi, die Liebe Gottes des Vaters, und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch Allen. Amen.

Unser heutiger Bußtext steht geschrieben im Buch des Propheten Jesaja Kap. 43, V. 24 u. 25:

Ja, mir hast du Arbeit gemacht in deinen Sünden, und hast mir Mühe gemacht in deinen Missetaten. Ich, Ich tilge deine Übertretung um meinetwillen, und gedenke deiner Sünden nicht.

In Christo Jesu geliebte Gemeinde. Wenn in dieser Zeit auch kein Bußtag im Kalender stünde und keine Bußglocken geläutet würden, so klingen sie uns dennoch aus allen Gebieten des Lebens an, wenn wir uns anders vom Geist die Ohren haben durchbohren lassen. Die Not umlagert uns auf allen Seiten. Unser Volksleben ist zerrüttet bis in die innersten Tiefen. Der Glaube liegt darnieder, wie ein Kranker, von dem man nicht weiß, ob er wieder aufkommen wird. Aus ganzen Schichten unseres Volkes ist er gänzlich gewichen. Die Zucht Gottes ist zerrissen. Leichtsinn, Fleischeslust, äußerliches Wesen, gedankenloses Hintaumeln im Rausch der Welt feiern ihre Triumphe. Die Lüge und die Feigheit sind mächtig geworden. Alle Züchtigungen Gottes, unter denen wir gelegen haben, vermochten nur Wenige aufzuwecken. Andere öffneten zu Zeiten ihre Augen, schlossen sie aber bald in Trägheit wieder zu. Man will immer noch helfen mit halben und mit blöden Mitteln, Heftpflaster will man auf die Wunden legen. Aber Buße ist Not, ganze, tiefe Buße. Der Prophet sagt: „Pflügt ein Neues, und sät nicht unter die Hecken.“ Das ist die ganze, tiefe Buße. Ohne diese gibt es keine Hilfe, ohne diese werden wir keine Morgenröte sehen. -

Gehen wir von dieser allgemeinen Not über zu der einzelnen. Halb Europa steht bereits in Kriegsflammen, und man hat fleißig geschürt, auch die andere Hälfte in Brand zu stecken. Die Tage sind gekommen, wo über das Wohl oder Wehe dieses Jahres und vielleicht noch vieler anderer Jahre verhandelt werden soll. Du weißt, dass das deutsche Land als die Mitte Europas der Boden ist, auf dem die größten Kriege ausgefochten sind. Und in diesem großen Gebiete ist unser engeres Vaterland wieder die Mitte, in der die feindlichen Mächte so oft mit einander gerungen haben. Wollen wir hier noch einmal die Zeiten des dreißigjährigen oder siebenjährigen Krieges, oder die Tage von 1813 erleben? „Nein“ sagt ihr Alle mit einem Munde. Nun wie ist denn vorzukehren? Nur durch aufrichtige Buße.

Ein, hinein in Gottes Kammer,
Die dir Jesus aufgetan!
Sag' und klag' ihm deinen Jammer.
Schreie ihn um Hilfe an. 1)

Klage ihm deinen Jammer, deine Sünde, deine Halbheit, Mattigkeit. Schreie ihn an: „Straf mich nicht in deinem Zorn, und züchtige mich nicht in deinem Grimm, vergib mir meine Sünden, wecke mich auf zu einem neuen Leben in dir.“ Das ist Buße. Und weiter sehen wir im Einzelnen, wie Gott der Herr so plötzlich und gewaltig einhergeht. Er hat in diesen Tagen den gewaltigsten Monarchen der Erde weggerafft. Woran ist er denn gestorben? An der Grippe, an einer Krankheit, welche Viele nicht einmal eine Krankheit nennen. Dem letzten seiner Knechte hat Gott Befehl getan, und der Mann, dem das mächtigste Reich gehorchte, stieg herunter vom Throne in das Grab. Durch unsere Stadt ist er im Verlauf des Winters mit vielen plötzlichen Todesfällen gegangen. Er hat uns wiederholt in unser Tageblatt geschrieben: „Es ist nur ein Schritt zwischen dir und dem Tode.“ Bei jedem solchen Todesfalle hat dies für uns Alle dagestanden. Bei jeder solchen Botschaft konnten wir fragen: „Warum bin ich es denn nicht gewesen?“

Wozu ruft solch plötzliches Kommen des Herrn auf? Zur Buße. Heraus aus der Trägheit, die wohl immer von der Vergänglichkeit des menschlichen Lebens spricht, aber doch so wandelt, als ob sie wenigstens noch 20 oder 30 Jahre des Lebens gewiss hätte! Endlich kommt zu diesen Drängern und Treibern noch ein anderer, welcher auch zur Buße ruft. Aber er drängt und treibt nicht; er lockt. Ihr wisst, dass wir mitten in der Passionszeit stehen. Ihr wisst, dass der Herr auch dazu unsere Sünden selbst geopfert hat an seinem Leibe, dass wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Er will auch uns versammeln, wie eine Henne ihre Küchlein unter ihre Flügel versammelt. Am Kreuze breitet er seine Arme weit aus nach uns. Wir sollen kommen, an sein Herz will er uns ziehen. Wollen wir diese Liebe verachten? Soll er auch von uns sagen: „Ihr aber habt es nicht gewollt?“ Soll er auch über uns ausrufen: „Wenn du es wüsstest, so würdest du auch bedenken zu dieser deiner Zeit, was zu deinem Frieden dienet. Aber nun ist es vor deinen Augen verborgen?“

O nein, Herr, in solche Verhärtung, in solchen Tod lass uns nicht sinken. Treibe uns durch die Not an dein Herz. Lass uns erkennen alle die Gerichte, welche uns schon getroffen haben, und auch die, welche wir mit unsern Sünden noch verdient haben, welche schon über uns schweben. Wecke in deinem Volke die Frage: „Was soll ich tun, dass ich entfliehen möge dem Zorn Gottes und dass ich stehen möge vor der Zukunft des Menschensohnes?“ Vor Allem aber locke uns durch dein heiliges Leiden. Du hast unsere Schuld und Strafe getragen. Deine Liebe hat hinausgegriffen in alle Zeiten auch in dies Geschlecht und in dies Jahr hinaus bis in die Ewigkeit. Sie hat sich aufgebürdet, was wir hätten tragen sollen. Nun behüte uns vor dem Mutwillen, dass wir es uns nicht selbst aufladen wollen. Ziehe uns an dein Herz, wo wir vor den schwersten Stürmen sicher sind, und wo wir die, so uns unser Vater im Himmel doch nicht erlassen kann, unter deinem Schirme auch im. Sturme im Frieden tragen zu deines Namens Ehre und zum Heil unserer Seelen. Wecke uns zu lebendiger Buße und stärke uns den Glauben um deines bitteren Leidens. und Sterbens willen. Amen.

Aus unserem heutigen Texte behalten wir uns als Grundlage unserer Andacht das Wort:

Die mächtigsten Bußstimmen ruhen im Leiden des Herrn.

  1. Zur Buße ruft die Arbeit, die wir dem Herrn gemacht haben;
  2. Aber noch lauter das Herz, mit dem er sie getragen hat.

I. Zur Buße ruft die Arbeit, die wir dem Herrn gemacht haben.

In dem Herrn geliebte Gemeinde. Es hatte ein Vater einen Sohn, welcher sich von seinem Herzen losriss und ein verlorener Sohn ward. Unter den Augen des Vaters wollte er nicht mehr leben, denn sie waren ihm wie zwei lebendige Tafeln Mosis. Er konnte vor ihnen die träge Ruhe in seiner Sünde nicht behaupten. Da zog er fort in eine fremde Stadt, dem Vater aus dem Auge, und verprasste was er von väterlichen Gütern empfangen hatte. Und als das Eigne verprasst war, lebte er von fremder Leute Geld, er häufte Schuld auf Schuld. Endlich nahmen ihm die Gläubiger den Rest von Habe, welchen er noch hatte, und warfen ihn ins Gefängnis. Da lag er vergessen, verkommen und krank in Folge seiner Sünden. Und der Vater erfuhr von seinem Elend, nahm einen Teil von seiner Habe in die Hand, und ob es schon ein weiter Weg war, und ob dieser Weg schon tief hinunter ging in die Schande, so pilgerte er doch von Station zu Station dahin. Er kam, er fand den Sohn in seinem Elend, er nahm auf sich die Schmach, sich zu solchem Kinde zu bekennen, er tilgte seine Schulden, rief den Arzt zu ihm, saß an seinem Lager, pflegte ihn und reichte ihm die Arznei. Was meint ihr, was bei allem dem in der Seele dieses Sohnes vorgegangen ist? welches Bild täglich in seiner Seele gestanden hat? Das des Vaters, wie er aus der Ferne herwandert, wie er die Wege der Schmach für ihn geht, seine Schulden tilgt, und ihm nun dient an seinem Lager. Es klingen ihm die Worte durch das Herz: „Diese Arbeit habe ich dir gemacht mit meinen Sünden, diese Mühe habe ich dir gemacht mit meinen Missetaten.“ und unter solchen Worten dringt ein Schwert durch seine Seele, ein Schwert, welches alle seine Sünden gegen den Vater bis auf diesen Tag richten und töten möchte. Unter der Arbeit des Alten draußen arbeitet die Reue bei dem Jungen drinnen.

Du Menschenkind, weißt du, wer dieser Sohn ist und wo er wohnt? Du bist es, hier ist er in der Kirche! Wir und unsere Väter haben gesündigt. Wir sind abtrünnig geworden von unserem Vater im Himmel. Wir haben den Blick seines Auges nicht mehr ertragen mögen. Wir sind herausgewandert in die Fremde, in die Gottesfremde. Wir haben unser heiliges Erbgut, das Ebenbild Gottes, verbracht und verprasst. Wir haben uns verschuldet, also dass kein Reiner da ist unter den Unreinen, dass wir Nichts mehr unser Eigentum nennen können. Die Sünde und ihr Fürst haben uns in ihre Ketten geschlagen. Krank sind wir von der Sohle bis zum Scheitel. So lagen wir da in unserem namenlosen Elend. Und unser Vater im Himmel - wir können nicht sagen erfuhr - wusste unser Elend. Er wusste es tiefer als wir selbst. Obgleich wir verlorene Kinder waren, so trug ihm doch seine Liebe alle Tage Botschaft über uns in sein Herz. Er wollte nur die Zeit abwarten, wo die Welt den Sündenkelch bis in die Tiefe geleert, wo sie auch die Bitterkeit seiner Hefen geschmeckt hätte. Da spricht er zu seinem lieben Sohne, wie jener begnadigte Sänger singt:

Geh hin mein Kind, und nimm dich an
Der Kinder, die ich ausgetan
Zur Straf' und Zornesruten.
Die Straf' ist schwer, der Zorn ist groß,
Du kannst und sollst sie machen los
Durch Sterben und durch Bluten. 2)

Und der Sohn, eines Herzens, einer Liebe mit dem Vater, antwortet:

„Ja, Vater, ja von Herzensgrund,
Leg auf, ich will dir's tragen,
Mein Wollen hängt an deinem Mund,
Mein Wirken ist dein Sagen.“ 3)

Und wir bekennen und jauchzen bei diesem seinem Wort:

„O Wunderlieb! o Liebesmacht!
Du kannst, was nie kein Mensch gedacht,
Gott seinen Sohn abzwingen.
O Liebe! Liebe! Du bist stark,
Du streckest den in Grab und Sarg,
Vor dem die Felsen springen. .“ 4)

Der Sohn hat sich aufgemacht und in ihm der Vater. Wer den Sohn sieht, der sieht den Vater.

Doch auch ehe wir eingehen in die Menschwerdung des Sohnes, ehe wir an das Leiden und Sterben des Herrn denken, müssen wir, wenn wir anders in Demut an einen lebendigen Gott glauben, ausrufen: „Dir haben wir Arbeit gemacht mit unsern Sünden, dir haben wir Mühe gemacht mit unsern Missetaten.“ Blickt einmal hinein in einen mit Mutwillen begonnenen Krieg. Tausende werden in demselben zu Krüppeln geschlagen und geschossen. Man tut es auf die Rechnung des barmherzigen Gottes. Er soll sie heilen, er soll ihnen, auch wenn sie nicht arbeiten können, ihr Stück Brot schaffen. Tausende werden in solchem Kriege zu Witwen und Waisen. Wer soll der Witwen Mann und Schutz und der Waisen Vater sein? Du, getreuer Gott, denn du hast dich von jeher den Versorger der Witwen und den Vater der Waisen genannt. Wer soll die verstörten Städte wieder bauen und die zertretenen Felder wieder segnen? Wer hat endlich die Arbeit mit den verwilderten Seelen? Wer anders, als der Herr unser Gott. Man sündigt auf seine Rechnung hin, als ob es sich von selbst verstünde, dass er wieder gut machen müsse, was wir schlimm gemacht haben. So machen wir ihm Mühe mit unsern Sünden. „Wir?“ fragst du. „Ich habe doch keinen Teil an solchen Taten!“ fährst du fort. Wie es dort im Großen geschieht, so tust du es im Kleinen. Die Seelen, die du verwahrlost, die soll dein Gott wieder zurecht bringen. Die Verhältnisse, die du mit Zorn, Lug, Trug, Wollust und andern Sünden verwirrst, die soll er wieder entwirren. Er muss daneben stehen, und überall die Schranken setzen, dass der Schade, der aus deinen Sünden erwächst, in den engsten Schranken bleibe. Tag und Nacht muss er als Hüter neben dir wachen. Groß und gewaltig ist die Sonne am Himmel. Ein Mensch ist seiner Größe nach ihr gegenüber wie ein Staub. Und doch macht ein Menschenherz der Regierung Gottes mehr zu tun, als Sonne, Mond und Sterne. Diese gehen ihren Gang nach festen Gesetzen. Sie weichen und wanken nicht aus ihren Bahnen. Aber unser Herz verlässt alle Tage die Bahn und schlägt krumme Wege ein. Da muss denn die Weisheit und Güte Gottes stets folgen. Da machst du Gotte Arbeit mit deinen Sünden und Mühe mit deinen Missetaten. Du aber fragst: „Gotte Arbeit und Mühe? Gibt es denn bei ihm auch Mühe?“ Du törichter Frager, sauer wird es ihm allerdings nicht wie dir; aber da sich seine Liebe, seine Weisheit und sein treues Gedenken täglich zu dir herablassen und dir auf krummen und geraden Wegen nachgehen muss, so ist es doch Mühe.-

Doch auch Arbeit im schwersten und sauersten Sinne haben wir ihm in der Versöhnung gemacht. Wir kehren wieder zurück zu dem Sohne, welcher im Wesen und in der Kraft des Vaters ausging, den armen verlorenen Kindern zu helfen. Du kennst seine Stationen, seine Tagereisen vom Himmel herab bis in die Stätte unserer tiefsten Not. Die erste geht vom Himmel auf die Erde, in unser Geschlecht. Auf der zweiten beugt er sich im Gehorsam unter das ganze Gesetz. Auf der dritten nimmt er über sich die Arbeit mit dem verhärteten Volke. Auf der vierten höhnen, schmähen und verfolgen sie ihn schon in den Jahren vor seinem großen Leiden. Die fünfte, sechste und siebente sind zusammengefasst in die Worte: „Gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben.“ Da ist er herabgestiegen bis in unsere letzte Elendsstätte. Da hat er uns aufgesucht bis in den Tod. Unsere Sünden, unsere Schuld, unsern ganzen Jammer hat er erkundet. Und was hat er noch getan? Er, der uns nicht verwandt war wie jener Vater seinem Sohne, der nur in unser Geschlecht eingetreten war, um uns helfen zu können, fürwahr er trug unsere Krankheit und nahm auf sich unsere Schmerzen. Er bückte sich unter unsere Schmach, er ward der Allerverachtetste und Unwerteste. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg, dass Pilatus in wüstem Stolze von oben herab über ihn sprach: „Seht, welch ein Mensch ist das!“ Er beugte sich unter unsere Strafe. Er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen; die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. Er bezahlte für uns unsere Schulden und kaufte uns los aus dem Gefängnisse. Die Gefangenen Zions hat er erlöst, so dass sie rühmen können: „Der Strick ist entzwei und wir sind frei.“ Darauf hat er den Kranken im Worte in den heiligen Sakramenten die Arznei bereitet und hier gelassen, mit der ihre Seelen weiter geheilt werden sollen. Aber damit noch nicht zufrieden, er hat auch den Tröster, den heiligen Geist, wiederum sein anderes Selbst, gesandt, uns zu solcher Arznei einzuladen und uns dieselbe zu reichen. So steht denn heute und alle Tage dieser teure Schaffner des Herrn, und in ihm der Vater und der Sohn selbst, neben dem Kranken und krank sind wir Alle und reicht ihm die Seelenarznei.

Wenn du deine Augen aufschlägst und solche Liebe und Pflege siehst: wer tritt dir vor die Seele? Der Sohn, der dir diese Gnaden alle durch sein Kommen, seinen schweren Weg, sein Leiden und Sterben erworben hat. Durch deine Seele klingt das Wort: „Ich habe ihm diese Arbeit gemacht mit meinen Sünden, ich habe ihm diese Mühe gemacht mit meinen Missetaten. Indem ich mir in meiner Sünde Freude machen wollte, arbeitete ich an seinem Kreuze; indem ich die Last meiner Sünde fühlte, dachte ich nicht daran, dass ich ihm eine noch schwerere Last machte.“ Er allein fühlte und büßte ja jede Sünde in ihrer wahren Tiefe. All unser Schmerz geht doch nicht hinunter in den tiefsten Grund, weil wir doch weder die Heiligkeit noch die Liebe Gottes ganz erfassen. Darum sagt auch David: „An dir allein habe ich gesündigt und übel vor dir getan.“ Was er an Menschen getan hatte, das war gegen kein heiliges Herz geschehen. Was sie bei unserer Versündigung an ihnen leiden, kommt gegen das, was der Herr empfunden hat, nicht in Rechnung. Weißt du nun wohl, wann dich bei den Sünden gegen deinen Bruder die Reue zuerst ergreift? Wenn du den Schaden siehst, den du ihm mit deiner Sünde getan hast. Wenn der Mann, der im Zorne zum Mörder wird, das rote Blut seines Widersachers fließen sieht, dann fasst ihn die Reue mit wilder Gewalt. Wenn das Kind die Trauer und die Tränen sieht, welche die Eltern um seine Sünde weinen, dann fallen diese, wenigstens nicht ganz verstockten Kindern, brennend auf das Herz. Wenn der Verräter, wenn Judas das Gericht sieht, welches er über den Unschuldigen gebracht hat, dann erkennt er, dass er Übels getan hat. Nun schaue hinein in das Leiden Christi. Die Tränen im Garten Gethsemane hast du ihm ausgepresst, auch du hast ihn überliefert in seiner Feinde Hände, auch du hast ihm die Wunden auf Golgatha mit geschlagen und sein Blut mit vergossen. Mag das Alles auf dein Herz fallen. Magst du ausbrechen in die Klage: „Wehe und abermals Wehe über die Sünden, um derentwillen der Heilige Gottes ärger leiden musste, als der ärgste Missetäter! Wehe über meine eigenen Sünden, welche dazu mitgearbeitet haben.“- Unsere Reue wird aber in dem Maße tiefer, wie der, dem wir die Leiden bereitet haben, ein lieber Freund, ein treues Herz ist. Einen lieberen Freund als Christum haben wir nun nimmer gehabt. Rief sein Leiden, seine Arbeit schon zur Buße, so ruft

II. Noch lauter das Herz, mit dem er sie getragen hat.

Kehren wir, in dem Herrn geliebte Gemeinde, zurück zu dem verlorenen Sohne, mit welchem wir oben begonnen haben. Sein Vater hat seine Schuld bezahlet und ihn aus dem Gefängnis errettet, er hat ihm den Arzt bestellt und pfleget ihn. Nun wartet der Sohn auf die Stunde, wo sich der Vater zuerst ausspricht. Es wogt in ihm die Ungewissheit, wo der Vater hinauswill. Er kann ja das Alles nur getan haben, um der Ehre seines Namens, um seiner Rechtschaffenheit zu genügen, um den Ruf der Familie nicht sinken zu lassen. Er kann es getan haben, um den Sohn für immer unter seine Vormundschaft zu stellen. Er kann ihm auch sagen: „Alle die Kosten, welche du mir gemacht hast, ziehe ich dir von deinem noch übrigen Erbteile ab.“ Da kommt denn endlich die Stunde. Der Vater bricht sein Schweigen. Er hebet an: „Mein Kind, was ich getan habe, habe ich für dich getan, für mich habe ich Nichts dabei gewollt, dich habe ich herausreißen wollen, deine Schmach habe ich tilgen wollen, die Gruben, die du dir gegraben hast, habe ich ausfüllen wollen. Ich will dich auch nicht für mich haben. Meine Liebe soll ein Versuch sein, ob ich dich deinem rechten Herrn wiederbringen und ob ich dich dir selbst wiedergeben kann. Denn bisher hast du nicht mehr dir gehört, sondern deinen Sünden und deinen Schuldnern. Wenn dich dein Herr wieder hat, und wenn du dich selbst wieder hast, dann habe ich genug. Mehr habe ich nicht gewollt.“ Wo dann auf solche Hammerschläge der Liebe kein Echo der Tränen, des Dankes und der Buße antwortet, da muss die kindliche Liebe ganz gestorben sein, da ist wenig Hoffnung, dass ein solches Kind je seinen Vater und sich wiederfinde. - Und nun lasst uns noch einmal von da hinübergehen zu dem eingebornen Sohn Gottes, welcher zu uns herabkam. Er hätte auch mit seiner Gerechtigkeit etwas Anderes wollen können, als er gewollt hat. Er konnte uns die ganze Treue, wie wir sie gegen Gott und Menschen hätten üben sollen, vorleben, um uns danach zu messen und zu richten. Er konnte uns, deren Schuld er bezahlt hatte, unter ein neues Gesetz tun, uns ein neues Joch auflegen. Er hätte mit uns, als mit seinem Eigentume, schalten und walten können, wie er gewollt hätte. Wer hätte klagen dürfen, dass er uns Unrecht täte? Aber von allem dem Nichts. Für sich hat er Nichts gewollt. Als er sich opferte, hat er sich für uns geopfert.

Es sind keine Hintergedanken dabei. Es ist die reine Liebe, die nicht das Ihre sucht. Ich, Ich tilge deine Übertretung um meinetwillen, und gedenke deiner Sünden nicht. Eine alte Gräfin von Nassau meinte, dieser Spruch sei fünfzig Taler wert. Nein Geliebte, der ist mehr wert. Wer will ihn bezahlen. Lasst uns ihm folgen Wort für Wort. Ich, Ich! Ich, ich bin der Herr, und ist außer mir kein Heiland. Es ist in keinem Andern Heil, ist auch kein anderer Name dem Menschen gegeben, darinnen er könnte selig werden, denn allein der Name unseres Herrn. Jesu Christi. Hier steht der, welcher es aus Liebe allein übernimmt, hier steht ein Damm gegen alle eigene Gerechtigkeit. Ich, ich! Wer will mit seinem Ich neben dieses Ich treten? Wer will sich mit seinem Herzen neben dieses Herz stellen und sagen: „Ich habe auch mitgearbeitet?“ Wir wollen doch lieber Herz und Werk verstecken, und Gott danken, wenn er es nicht ans Licht bringt. Ja der Herr. tut es allein! Was denn? Ich tilge deine Missetat. Freue dich, Christ, das klingt so gründlich, das klingt so ganz. Im nächsten Kapitel spricht der Herr durch den Mund desselben Propheten: „Ich vertilge deine Missetat wie eine Wolke, und deine Sünde wie den Nebel.“ Suche die Wolke, die gestern da war. Suche den Nebel, der vor wenigen Tagen auf der Stadt lag. Du wirst umsonst suchen. Das „ich tilge“ klingt ferner, wie wenn ein solches Tilgen immer noch fortginge. So ist es auch; denn der erhöhte Hohepriester bittet immer noch für uns, und eignet uns die Gnaden seiner ewigen Versöhnung immer noch zu. In Ewigkeit will er der Sünden nicht mehr gedenken. Menschen sprechen: „Vergeben will ich's dir wohl, aber vergessen kann ich's dir nicht.“ Diese höchste Liebe will deine Schuld so hinter sich werfen, wie wenn sie vergessen wäre. Der Herr will sie in seinem Herzen nicht behalten, und noch weniger soll ihrer gegen seine Gläubigen je gedacht werden. Was aber ist die Wurzel solcher Gnade, solcher ganzen Erbarmung? „Um meinetwillen,“ nicht um unseretwillen. Nicht um unserer Werke willen. Auch nicht um unseres Glaubens willen. Der Glaube ist keine Gerechtigkeit und kein Verdienst, er ergreift nur das Verdienst. Christus sucht für uns eine Gerechtigkeit. Er findet sie nirgends, als bei sich selber. Es ist ja außer ihm keiner unserer Brüder gerecht gewesen. O was liegt doch Alles in diesem: „um meinetwillen!“ Von dem Seinen muss er's nehmen, denn er allein hat den Schatz der Gerechtigkeit.

Also um seinetwillen. Er muss es auch geben, denn er allein hat die Liebe, welche Nichts für sich behalten will. Also wieder um seinetwillen. Er allein hat auch die rechte Verbindung mit uns. Er ist unser Bruder geworden. Er kann uns mit sich erben lassen. Kein Engel, wenn er auch einen Schatz der Gerechtigkeit übrig hätte, könnte uns davon geben, weil er nicht zu uns gehört, weil er nicht in unser Geschlecht eingetreten ist. Das hat der Herr getan. Darum heißt es noch einmal: „Um meinetwillen.“ Also Alles um seinetwillen. Um seinetwillen, um seiner Liebe willen, ist er gekommen.

Nichts, Nichts hat dich getrieben
Zu mir vom Himmelszelt,
Als das geliebte Lieben,
Damit du alle Welt
In ihren tausend Plagen
und großer Jammerlast,
Die kein Mund kann aussagen,
So fest umfangen hast. 5)

Um seinetwillen, allein aus dieser Liebe, hat er unsere Schuld getragen. Um seinetwillen, allein aus seiner Gerechtigkeit, haben wir die Vergebung der Sünden und die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt. Um seinetwillen, aus Kraft seiner Auferstehung, schenkt er dir das neue Leben, tut er einst dein Grab auf. Um seinetwillen gehst du einst ein zum Leben, denn er ist die einzige Tür zum ewigen Leben. Aller Friede, welchen du hier schmecktest, kommt aus seinem Frieden. Alle Gottseligkeit, zu der du hier gelangest, kommt von ihm. Alle Blumen, die hier blühen, zieht diese Sonne auf. Und alle diese Gnaden hat er dir am Kreuz erworben. Soll denn nun solche Liebe dein Herz nicht auftun? Wem es unter dem Kreuze nicht aufgeht, dem ist der Schlüssel dazu verloren. Es muss aufgehen in Reue und Tränen über die Sünden, welche Christum an das Kreuz gebracht haben. Was hält dich denn zurück? Das Fleisch, die Welt und ihre Lust? Sie haben Nichts für dich geopfert. Dich nehmen sie im Gegenteil zum Opfer. Oder die Menschenfurcht? Scheust du dich vor den Leuten, mit deiner Sünde zu brechen und mit dem Herrn Ernst zu machen? Denke dich hin an jenen Tag, wo wir Alle vor dem Herrn stehen. Dann werden alle die, vor welchen du dich jetzt scheust, vor dem Herrn beben wie die Blätter im Herbst. Es wird Keiner mehr groß und hoch sein, denn er allein. Du wirst dir dann sagen: „Ich Tor, um den und den habe ich einst den Herrn verleugnet, und nun steht er auch da und hat nicht, womit er seine Blöße decken soll. Allen Rang, alle Mittel und Titel hat er dahinten lassen müssen.“ Brich hindurch. Mag es auch wehe tun. Wenn deine Glieder vom Froste durchkältet sind und du kommst in die Wärme, und Wärme und Kälte ringen mit einander in den Gliedern, dann tut es auch wehe. In der Buße ringt die Liebe des Herrn in dir mit der kalten Welt. Das kann auch nicht ohne Schmerz geschehen. Brich hindurch! Ach wie manche Bußpredigt hast du gehört! Du bist auch zuweilen angefasst worden. Aber bald trat die alte Schlaffheit wieder ein. Woher kam das? Wir wollen nur einen Grund erwähnen. Es fehlte der Buße an ihrer Ordnung. Man kann seine Sünde nicht am Bußtage im Sturme überwinden. Mache es dir zur Regel, dass du die Sünden, mit welchen du den größten Kampf hast, dem Herrn in deinem Kämmerlein laut bekennst. Bekenne sie auch vor Menschen, vor einem Freunde, vor deinem Seelsorger. Wenn du aber dazu noch nicht den Mut hast, so schreibe von Zeit zu Zeit dein Bekenntnis für dich nieder, aber wahr und treu, wie es in deinen besten Stunden im Herzen steht. Solches Bekennen hat seinen Wert. Wir wollen zwar nicht sagen, dass damit schon die Brücke zu denselben Sünden hinter uns abgebrochen wäre; aber schwerer haben wir sie uns doch gemacht, einen Stein haben wir uns in den Weg gelegt. Und nun möchte ich dir am heutigen Tage noch einen Rat geben. Mache oder kaufe dir ein Büchlein mit weißem Papier. Da hefte du vorn das Bild deines Heilandes hinein und schreib darunter: „Jesus Christus, meine Gerechtigkeit und Stärke.“ Hast du kein Christusbild, so schreib diese Worte getrost auf das erste Blatt. Auf das zweite schreib ein Gebt, dass er, der dich in Gnaden angenommen und zu einem Kinde Gottes gemacht hat, dich in dieser Kindschaft erhalten, stärken und fördern wolle. Und dann kämpfe in der Kraft dieses Herrn ritterlich gegen deine Sünden. Wie du vorwärts kommst, so schreib es da nieder. Da mag es denn auf der einen Seite heißen: „In diesem Jahre hat mir der Herr geholfen, dass ich eine rechte Lust bekam zu seinem Worte, mit Freuden darin lesen lernte, und die Meinen daraus erbaute. Herr erhalte mir diese Lust.“ Auf einer zweiten mag stehen: „Das Gebt war mir immer noch eine Pflicht und eine Last; aber in diesem Jahre, oder in diesem Winter, oder in dieser Krankheit ist es mir eine wahre Seelenlust geworden. Ich weiß nichts Lieberes, als den Umgang mit meinem Heilande. Herr erhalte mich in diesem lieben Umgange mit dir.“ Auf einer dritten mag stehen: „In dieser Zeit hat mich der Herr befreiet von der Lüge. Er hat mir Gnade gegeben, dass ich zuerst, wenn ich aus Eitelkeit oder Übereilung oder Gewinnsucht oder bösem Gewissen in Unwahrheit gefallen war, diese widerrufen konnte. Dann hat er mir Demut und Kraft geschenkt, einfältig in der Wahrheit zu bleiben. Herr, stärke und erhalte mich in der Wahrheit.“ Und so mögen recht viele Seiten beschrieben werden. Da mag stehen: „Der Herr hat mich befreiet von dem törichten Sorgen. Ich habe das Wort verstehen lernen: Alle eure Sorge werfet auf ihn, denn er sorgt für euch.“ „Ich habe die alte kalte Selbstsucht weiter überwinden lernen. Ich fühle, wie ich mich aufrichtiger und neidloser am Glücke meines Nächsten freuen kann.“ „Ich habe meine Heftigkeit, meinen Zorn zähmen lernen, ich habe ungerechten Gewinn zurückerstatten können,“ und wie dann die einzelnen Sünden eines Jeglichen weiter heißen. Hinter jeden solchen Satz aber sollst du die Bitte schreiben, dass dich der Herr aus Gnaden stärke und vor dem Rückfall behüte. Auf das letzte Blatt aber wolle er einst selbst aus Barmherzigkeit schreiben: „Er ist auf dem Anfange und Ecksteine geblieben, er hat einen guten Kampf gekämpft, ich habe ihm gegeben die Krone des Lebens um meinetwillen.“ Amen.

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