Vinet, Alexandre - Das Lernen ohne Ende. 2. Rede

Vinet, Alexandre - Das Lernen ohne Ende. 2. Rede

2. Tim. III,7.
“Lernen immerdar, und können nimmer zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.“

Zweite Rede.

Die Wahrheit, welche wir so oft in unserer vorhergehenden Rede genannt haben, jedoch ohne sie zu definieren, ist die evangelische Wahrheit.

Eine, und zugleich zusammengesetzt, verbindet diese Wahrheit die Kenntnis von uns selbst und die Kenntnis von Gott; von uns in Beziehung auf Gott, von Gott in Beziehung auf uns; mit andern Worten: die Verdammung und das Heil, den Verfall und die Wiederherstellung.

Diese Wahrheit, das ist die Wahrheit, das ist die vollständige Offenbarung alles dessen, was uns hienieden rücksichtlich unserer selbst und rücksichtlich Gottes zu wissen nötig ist. Sie lässt tausend Gegenstände des Wissens außer sich; aber in Bezug auf ihren Gegenstand, dessen unvergleichliche Wichtigkeit alle andern Gegenstände des menschlichen Wissens vernichtet, lässt sie dem, der sie empfangen hat, nichts Wesentliches zu wünschen übrig. Und, bewundernswürdige Erscheinung! vollständig beim Beginn der Erkenntnis, gleich mit einem Mal ganz hingestellt, geeignet, mit einem einzigen Blick umfasst und mit einem Atemzug ganz aufgenommen zu werden, ist sie deshalb nicht weniger fortschreitend; ihr Licht wächst mit jedem Tag während der längsten Laufbahn; die Ansichten, unter denen sie sich zeigt, vervielfachen sich durch die Ansichten, unter denen das Leben erscheint; immer dieselbe, ist sie immer neu; ein Augenblick reicht hin, um sie zu besitzen, Jahrhunderte reichen nicht hin, um sie zu ergründen: in diesem Sinn findet auch hier ein Lernen ohne Ende statt. Sie genügt also den beiden entgegengesetztesten Bedürfnissen der menschlichen Natur, dem Bedürfnis der Ruhe und dem Bedürfnis des Handelns.

Diese Wahrheit, deren Inhalt eine Tatsache ist, welche wir nicht haben schaffen, ja welche wir nicht einmal begreifen können, ist uns offenbart worden; und eben so wie es uns nicht gegeben ist, sie zu erfinden, eben so hängt es auch nicht von uns ab, sie zu glauben. Die Unmöglichkeit, sie ohne den Beistand des heiligen Geistes wahrhaft zu glauben, ist ein Teil dieser Wahrheit selbst und ein Gegenstand des christlichen Glaubens. Und nichts desto weniger, weit entfernt, in keiner Berührung mit unserer Natur zu stehen, entspricht sie, im Gegenteil verbindet sie sich innigst mit alle dem, was unsere Natur Tiefstes und Unveränderlichstes besitzt. Sie füllt eine Leere in ihr aus, sie erleuchtet ihre Finsternis, sie verbindet die in ihr getrennten Elemente, sie erschafft die Einheit in ihr; sie macht nicht bloß an sich glauben, sie macht sich auch fühlbar, und wenn die Seele sie sich angeeignet hat, so unterscheidet sie sich nicht mehr von den ursprünglichen Glaubensvorstellungen derselben, von diesem natürlichen Licht, das jeder Mensch mit auf die Welt bringt. Mit einem Wort, entstanden in einer unendlich viel höheren Region, als unsere Vernunft und als unsere Natur, verbindet sie sich und bildet sie ein zusammenhängendes Ganzes mit den unleugbaren Wahrheiten, von denen unsere Natur und unsere Vernunft und Zeugnis geben; nur haben sich nicht unsere Gedanken zu ihr emporgehoben, sondern sie ist, um sich unseren Gedanken anzuschließen, aus dem Schoß des unzugänglichen Lichtes zu uns herniedergestiegen.

Hieraus ist es ersichtlich, meine Brüder, dass wir bei dem Erfassen der Wahrheit nicht bloß nicht müßig und neutral bleiben, sondern dass dieses Erfassen vielmehr die lebendigsten und empfindlichsten Teile unserer Natur in Anspruch nimmt und in Bewegung setzt. Das Erfassen der Wahrheit, wenn gleich alle Gnade und alle Ehre davon dem göttlichen Geist dargebracht werden muss, ist dennoch in unserm Leben mehr wie eine Begebenheit, es ist ein Akt, der moralischste, der tiefste Akt, den wir vollziehen können; ein Akt, bei dem es von uns abhängt, ob wir ihn lieber auf die eine als auf die andere Art vollbringen wollen; ein Akt, zu dem wir ermahnt, bei welchem wir geleitet, und in Bezug auf den wir gelobt oder getadelt werden können.

Auch bezeichnet St. Paulus, meine Brüder, wenn er uns von Leuten spricht, die immerdar lernen, ohne je zur Erkenntnis der Wahrheit zu kommen, damit nicht bloß ein Unglück, sondern zugleich einen Fehler. Dieser Fehler ist nicht bloß den Menschen eigen, von welchen wir in der vorhergehenden Rede gesprochen, jenen Menschen, welche, durch natürliche Mittel von so vielen einzelnen Wahrheiten über die menschliche Natur, über sich und über das Leben unterrichtet, es bei diesem Anfang der Erkenntnis bewenden lassen und diesseits der Wahrheit selbst stehen bleiben, welche ihnen dargeboten und verkündet ist; sondern dieser Fehler ist auch einer andern Klasse von Menschen eigen, welche, wenn sie gleich, wie es scheint, weiter vorgeschritten und über die Grenze vorgedrungen sind, welche die natürliche Offenbarung von der übernatürlichen scheidet, welche, wenn, mit einem Wort, sie gleich die übernatürliche Offenbarung angenommen, sie doch nicht so ergriffen haben, wie sie sie hätten ergreifen sollen; welche, anstatt sie ihrem ganzen Wesen innig zu verbinden, sie nur mit ihrem Verstand, d. h. mit dem, was es am meisten Äußeres in ihrem inneren Menschen gibt, aufgenommen haben. Diese Menschen, scheinbar in einer höheren Sphäre als die ersteren, können, wie jene, viel lernen, immerdar lernen, und nicht zur Erkenntnis kommen; sie können, mit einem Wort, in der Wahrheit selbst, der Wahrheit fremd bleiben.

Sollte es Jemand sonderbar finden, dass man sich eine Tatsache durch den Verstand angeeignet haben kann, ohne sie dessen ungeachtet zu erkennen, so würden wir ihn nicht bloß auf das Evangelium verweisen, welches überall das, was wir aufstellen, voraussetzt, welches überall mit dem Namen der Erkenntnis etwas Höheres bezeichnet, als einen Akt oder einen Zustand des Geistes: sondern wir würden uns auch auf die Natur der Dinge und auf den Sinn der Worte berufen. Die Erkenntnis hat verschiedene Werkzeuge und verschiedene Sitze, je nach den verschiedenen Objekten. Man erkennt mit den Augen die Gegenstände des Gesichts, mit den Ohren die des Gehörs, mit dem Herzen die des Herzens, mit dem Verstand die Begriffe aller dieser Gegenstände. Der Verstand gibt uns also nur die Begriffe der Dinge, nicht ihren Eindruck, ihre Wirklichkeit. Und wenn er in der eigentlichen Wissenschaft genügt, welche nur die Begriffe der Dinge und ihre logische Übereinstimmung zum Gegenstand hat, so genügt er nicht in der Sphäre der Tatsachen, deren Zweck ist, mit den lebendigen Kräften der Seele in unmittelbare Berührung gesetzt zu werden, und welche, außerhalb dieser Berührung, ihren Charakter, ja das Vernunftgemäße ihres Vorhandenseins verlieren würden. Allerdings, in dieser Art der Erkenntnis, wie in jeder andern, hat der Verstand Funktionen zu erfüllen, allein die Wahrheit bleibt nicht vor dem Spiegel stehen, den er ihr hinhält: sie dringt durch ihn hindurch, um sich in dem innersten Spiegel der Seele abzuspiegeln; und man kann von den Wahrheiten dieser Ordnung sagen, dass sie nur vernommen, nur verstanden werden, in so fern sie in diesem Teil unseres Ich wiedertönen, welcher der Sitz unserer zarten Gefühle, und folglich der wahre Mittelpunkt unseres Lebens ist.

Man hat sich in der Welt daran gewöhnt, dem Wort „Wahrheit“ einen zu speziellen und zu beschränkten Sinn beizulegen; man versteht darunter gemeinhin nur die Übereinstimmung der Darstellung mit dem dargestellten Gegenstand; allein die Wahrheit kann den Tatsachen wie den Ideen beiwohnen. Die Übereinstimmung des Mittels mit dem Zweck, der Handlung mit dem Prinzip, des Lebens mit der Idee, alles dies ist auch die Wahrheit: das, was man Tugend nennt, ist nichts anderes, als die Wahrheit in der Gesinnung und in der Handlung. In Dingen der Moral trennt sich die Wahrheit nicht vom Leben, da ist sie das Leben selbst; und wenn, anstatt in das Leben überzugehen, sie in dem Gedanken bleibt, so verdient sie nicht den Namen der Wahrheit. Wenn man fragt, ob ich in der Wahrheit bin, wünscht man nicht zu erfahren, was ich weiß, man will wissen, was ich bin.

Wenden wir diese Ideen auf die christliche Wahrheit an, so finden wir, dass in der Wahrheit sein heißt: durch unsere Gesinnungen und durch unseren Wandel Christus immer ähnlicher werden, ihm geistig in Allem, was ihm begegnet ist, nachfolgen: in seinem Tod, indem wir der Sünde absterben, in seiner Auferstehung, indem wir wiedergeboren werden, in seinem unsichtbaren Ruhm, indem wir verborgen mit ihm in Gott leben; wir müssen, mit einem Wort, geistig das ganze Leben Christi wiederleben. Dies nur allein nennt man die Wahrheit erkennen, in der Wahrheit sein.

Wenn die Religion etwas Anderes wie eine Wissenschaft, wenn sie ein von einer Tatsache ausfließendes Leben ist, so ist es klar, dass sie nicht dem Gebiet der Vernunft allein angehört, und dass der, welcher in ihr nur ein Gebäude von Ideen sieht, außerhalb der Wahrheit bleibt. Und widmete er jeder einzelnen dieser Ideen, ihren gegenseitigen Beziehungen, ihrem Ganzen alle nur mögliche Aufmerksamkeit, machte er jeden Tag auf diesem Feld irgend eine neue Entdeckung, alle diese Fortschritte würden ihn der Wahrheit nicht um einen Zoll näher bringen; was er gelernt hat, mag ganz genau wahr sein, aber es ist nicht die Wahrheit.

Werfen wir einen Blick auf das weite Gebiet der religiösen Forschung. Wir finden daselbst zunächst Tatsachen, welche wir unserm Gedächtnis anzuvertrauen haben: die Religion ist verflochten in das Gewebe einer langen Geschichte, die sich von den ersten Tagen der Welt durch mehrere Reichs-Generationen hindurch erstreckt, alle Namen und alle Erinnerungen mit sich führend, die Geschichte des Weltalls umfassend. Wie viel Menschen mit ihren Charakteren, wie viel Einrichtungen mit ihren Prinzipen, wie viel Begebenheiten mit ihren Ursachen zeigt sie unseren Blicken, seit dem Schicksal des ersten Paares bis zu dem gegenwärtigen, so verwickelten und so problematischen, Zustand der menschlichen Gesellschaft! wie viele an jede dieser Tatsachen sich anschließende Tatsachen! wie die Ansichten sich vor unseren Augen vervielfachen! wie das Nachdenken diese Gemälde unaufhörlich verjüngt! Allein diese Geschichte, auf der die Religion begründet ist, will geglaubt und folglich bewiesen sein. Hier öffnet sich der menschlichen Tätigkeit ein noch weiteres Feld. Die Vorsichtsmaßregeln eines wahren und ernsten Vertrauens haben einen Weg gebahnt, der durch die Vorurteile des Unglaubens und die unwillkürlichen, aus den allmähligen Entdeckungen entstandenen, Zweifel erweitert worden ist, und der, bereit sich zu schließen, sich immer wieder öffnet, um sich von Neuem zu schließen, um sich noch wieder zu öffnen. Ein aufgegebener Einwurf lässt einen andern erstehen; das Feld der Diskussion wechselt von Epoche zu Epoche; man greift die Religion in ihrer historischen Grundlage an, mit den Naturwissenschaften, mit den Denkmälern, mit der Metaphysik, oder vielmehr mit allen Widerstrebungen des Herzens, welche von allen Hilfsquellen des Geistes unterstützt werden; und die Wahrheit, nachdem sie tausend Gegner außer Gefecht gesetzt hat, die sich nicht wieder erheben werden, steht tausend andere mit neuen, oder, besser gesagt, in dem Geiste eines neuen Jahrhunderts gestählten Waffen sich erheben, so dass der Glaubende, welcher seine intellektuelle Tätigkeit nach dieser Seite hinwendet, dort, wenn er will, Arbeit für sein ganzes Leben findet. Und geht er von dem Gebiet der Apologetik in das der christlichen Philosophie über, welch ein unendliches Feld tut sich da vor ihm auf! Das System des Christentums, das heißt, die Beziehung seiner Teile unter einander, und die Beziehung aller zusammen zu einer Grund- Idee, zu einem einzigen Zweck; die Vergleichung dieser Religion mit der menschlichen Natur, nach welcher, wenn man sich so ausdrücken darf, Gott das Maß dazu genommen und den Plan dazu gemacht hat; die gegenseitige Erklärung des Christentums durch die Natur und der Natur durch das Christentum; die Definition des christlichen Geistes und seine Anwendung auf die Einzelheiten des Lebens; die Parallele zwischen diesem Systeme und allen anderen, deren jedes, außer Stand, Stich zu halten und Rechenschaft über alle Tatsachen zu geben, irgend eine große Lücke gelassen hat, die Jesus Christus ausgefüllt, irgend eine unendliche Schwierigkeit, die er gehoben hat; mit einem Wort, die durch das Christentum bewirkte Versöhnung aller Widersprüche, aller verzweiflungsvollen Dualismen, aus denen das Leben und unsere Natur selbst gebildet zu sein scheinen: das ist es, meine Brüder, was Euch eine Idee, allein eine sehr schwache Idee, von den unendlichen Forschungen gibt, in welche das Studium der christlichen Philosophie einen beobachtenden und nachdenkenden Geist verwickeln kann; und dies ist noch nicht alles. Die Religion kann als eine Tatsache angesehen werden, welche zwischen au den Tatsachen Platz nimmt, aus denen das menschliche Leben besteht, welche dieselben beherrscht, ihnen seinen Charakter ausdrückt, sie zur Einheit, sei es mit ihr, sei es unter einander, zwingt; Ihr seht sie, bald mit dem Gewicht ihrer Masse, bald mit der Kraft ihrer Bewegung, oder der unwiderstehlichen Sanftmut ihres Einflusses, in die weitesten Räume und in die letzten Schlupfwinkel des menschlichen Daseins eindringen: mächtiger Saft, mit dem der Stamm des Baumes erfüllt ist, und welcher unwahrnehmbar bis in die äußersten und feinsten Spitzen seiner Äste fließt. Das Privatleben und die öffentliche Gesellschaft, die Gesetze und die Sitten, die Literatur und die Künste, Ales, bis zur Leitung der materiellen Interessen hin, wird christlich unter dem Einfluss des Christentums; es verwandelt Alles in seine eigene Substanz; mit ihm wird Alles Religion; eine vollkommene, zugleich logische und moralische Konsequenz bildet sich zwischen allen Teilen des menschlichen Lebens; dieses Leben verliert keines seiner natürlichen Elemente; es opfert nur die gefährlichen, schon durch die Weisen aller Zeiten verdammten Überflüssigkeiten auf; es behält selbst mehr bei, als jene strengen Geister beizubehalten gewünscht hätten, welche die Schwachheit ihrer Mittel zur Übertreibung gezwungen hat, und welche der Natur um so viel mehr aufgebürdet haben, als sie ihr weniger einzuflößen im Stande waren.

Was könnte ich nicht alles sagen, doch ich halte hier inne, aus Furcht, zu spät inne zu halten; ich würde alle Grenzen überschreiten, wollte ich, ich sage nicht, neue Gegenstände des Studiums angeben, sondern nur an die erinnern, welche seit langer Zeit bezeichnet worden sind. Beurteilt hiernach, welche Ideen-Ernte für den Verstand auf diesem letzten Gebiet wächst, und gesteht, indem Ihr in Gedanken diese Sphären vereinigt, von denen jede einzelne einen ganzen Menschen in Anspruch nehmen könnte, dass der Verstand, auf die Religion angewendet, dort finden kann, woran er, nach dem Ausdruck von St. Paulus, immerdar zu lernen hat.

Ja, immerdar lernen, und nicht zur Erkenntnis der Wahrheit kommen! Aber, werdet Ihr sagen, kann das sein? hat man das je gesehen? Meine Brüder, die Beispiele sind unzählig, sind in allen Zeiten unzählig gewesen. Diese Tatsache dient zur Antwort auf Eure beiden Fragen, und wenn Euch die Tatsache unbegreiflich erscheint, so wundere ich mich meinerseits wieder über Eure Verwunderung; denn es ist sehr klar, dass die Schlussfolgerung an und für sich nicht bei dem Gefühl ausläuft, und sobald der Gedanke sich zu sehr mit der Idee einer Tatsache beschäftigt, bleibt ihm die Idee, und die Tatsache entschwindet ihm. Es geht damit wie mit einem Menschen, den das Licht der Sonne verhindert, die Sonne zu sehen. Umsonst sind die sich an das Christentum knüpfenden Ideen zahlreich und schön; ihre Zahl und ihre Schönheit selbst werden zu einem Fallstrick, der uns verhindert, weiter vorzuschreiten, und das Interesse der Neugierde verschlingt alle übrigen Interessen. Umsonst stehen diese Ideen der Wahrheit so nahe, dass sie die Substanz derselben selbst zu sein scheinen; es ist dies nur ein neuer und gefährlicherer Fallstrick, als der vorhergehende; wenn sie weiter entfernt von der Wahrheit, wenn sie derselben gänzlich fremd wären, dann würde die Täuschung nicht möglich sein; auch hat man Gelegenheit gehabt, zu beobachten, dass die von der christlichen Forschung am meisten entfernten Arbeiten, vorausgesetzt, dass sie nicht im Widerspruch mit der christlichen Moral stehen, weniger geeignet sind, die Seele von dem abzuziehen, was hienieden den Haupt-Gegenstand ihrer Tätigkeit bilden soll. Es ist für das religiöse Leben des Herzens oft besser, Kaufmann, Künstler, Geometer, als Theologe zu sein.

Aber was heißt es denn, meine Brüder, was heißt es, außerhalb der Wahrheit stehen, wenn nicht gegen die Wahrheit sein? Sie annehmen, allein in einem Geist, der nicht der ihrige ist, was heißt das anders, als sie Lügen strafen, sie in der Tat leugnen, während man sie im Prinzip anerkennt, als stilschweigend gegen die Absichten und den Plan Gottes protestieren? Er hat die Wahrheit Fleisch werden lassen, und wir entfernen sie aus dem Fleische. Er hat uns Wirklichkeiten gegeben, und wir geben ihm Ideen zurück. Er hat eine Welt erschaffen, und wir machen ein System daraus. Er hat über uns die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen lassen, welche in ihren Strahlen die Gesundheit mit sich führt, und von dieser herrlichen Sonne, die Licht und Wärme zugleich ist, weisen wir die Wärme zurück, und nehmen wir nur das Licht an. Was sage ich! wir nehmen das Licht an? Gott hat uns (und es ist dies hier eine der wichtigsten Seiten seines Werkes) die Idee nehmen wollen, dass wir das Licht erfinden und aus unseren eignen Gedanken die Wahrheit herleiten können; er hat uns in Bezug auf den unbegrenzten Dünkel unserer Vernunft enttäuschen wollen; er hat gewollt, dass wir uns der Wahrheit unterwürfen; aber dadurch, dass wir sie nur mit unserm Verstand betrachten, ist es unser eigenes Ich, dem wir, in letzter Entscheidung, uns unterwerfen. Vermöge der ausschließlichen Anwendung unserer Vernunft auf die Offenbarung, machen wir daraus in gewisser Art unser Werk; wir setzen an die Stelle des Glaubens die philosophische Gewissheit, wir unterwerfen uns, doch nicht diesem Machtbeweis, dessen Urheber der heilige Geist ist, sondern der Beweisführung der Wissenschaft, und Jesus Christus findet in uns viel mehr Anhänger als Jünger, viel mehr Glaubensgenossen als Gläubige. Ausgearbeitet durch unsere Vernunft, wird sein Evangelium unser Evangelium, seine Offenbarung eine Philosophie, seine Mysterien logische Notwendigkeiten, Jesus Christus eine andere Notwendigkeit derselben Art, und Gott selbst ein Produkt unseres Gedanken. Heißt das nicht gegen die Absichten Gottes sein, sich, wenn nicht gegen den Buchstaben seiner Aussprüche, wenigstens gegen den Geist derselben verwahren, Christ auf die am wenigsten christliche Art sein, und das Evangelium zerstören, indem man es zu begründen meint?

Und ich konnte noch fragen, ob diese Gedanken, nur als Gedanken betrachtet, mit denen Gottes recht übereinstimmend sind; ob die Formeln, welche wir zusammengestellt haben, in unserm Geist genau dasselbe bedeuten, wie in dem seinigen? ob sich nicht selbst, unter dieser vollkommenen Sprach-Ähnlichkeit, eine große Ideen-Verschiedenheit verbirgt? Lasst uns in der Tat bedenken, dass, obschon man in der religiösen Wahrheit, wie wir es getan haben, den Anteil des Geistes und den Anteil des Herzens unterscheiden kann, diese Wahrheit nichts desto weniger eine ist, und ihren ganzen Charakter nur aus der Verbindung des auf eine und dieselbe Tatsache angewendeten Gedankens und Gefühls entnimmt, so dass man nur das ganze Gefühl vermöge der ganzen Idee, und ebenso die ganze Idee nur vermöge des ganzen Gefühls besitzt. Die ganze Wahrheit wird nur durch den ganzen Menschen recht begriffen; und obgleich es für den vollständigen Christen und für den Christen der Wissenschaft oft unmöglich ist, zu unterscheiden, worin sie von einander abweichen, obgleich, dem dunkeln Gefühl einer Nichtübereinstimmung zum Trotz, sie in allen Punkten zusammentreffen, obgleich der Sprache die Laute fehlen, um so feine Unterschiede zu bezeichnen, so sind diese Unterschiede, in ihrer Feinheit, doch sehr wichtig, und wenn es Worte gäbe, um dieselben auszudrücken, so würden sie bald sehen, dass ihr Gedanke nicht genau derselbe ist, und dass, selbst in rein spekulativer Hinsicht, der Christ des Gedankens nicht die ganze Wahrheit besitzt, welche der vollständige Christ besitzt.

Wir haben, meine Brüder, noch einen Schritt zusammen zu tun, und vielleicht hat ihn Euch Euer Nachdenken schon tun lassen. Die ausschließliche Anwendung der Vernunft auf die Religion bringt uns der Wahrheit, d. h. dem Leben, nicht nur nicht näher, sondern sie zielt darauf hin, uns immer mehr davon zu entfernen.

Kommen wir auf unseren ersten Satz zurück: in der Wahrheit sein, heißt nicht, Zuschauer der Wahrheit sein, es heißt, leben nach dem Leben von Jesus Christus; und ohne hier alle Kennzeichen dieses Lebens hervorzuheben, beschränken wir uns nur darauf, zu sagen, dass es ein Leben des inneren Sich Sammelns und der Demut ist. Die Wissenschaft aber zerstreut und bläht auf; es sind dies ihre natürlichen Wirkungen; allein um dieselben zuzugestehen, muss man alles das Zerstreuung nennen, was den Menschen von dem wahren Ziele seines Lebens entfernt, und muss Aufgeblasenheit oder Stolz alles das nennen, was ihm einen übertriebenen Begriff von der Kraft und der Unabhängigkeit des Menschen gibt. Wir werden alsdann einsehen, dass das Individuum, welches in den Augen der Welt am gediegensten und am bescheidensten erscheint, in den Augen der Wahrheit stolz und leichtfertig ist; denn, wenn es keineswegs das Ziel vergisst, nach welchem die menschliche Weisheit strebt, so entfernt es sich von dem, welches die göttliche Weisheit vorschreibt, und wenn es sich nicht absichtlich über die andern Menschen erhebt, so erhebt es sich doch mit ihnen über die menschliche Bestimmung, und, man kann es sagen, zur Höhe Gottes selbst.

Nun, ich frage, kann es etwas dem Geist des Evangeliums, welches jenes Individuum geprüft hat und welches es zu kennen glaubt, mehr Zuwiderlaufendes geben? Und ein Lernen, welches, eines Gegengewichts entbehrend, den Menschen jenen beiden Neigungen preisgibt, ein Lernen, bei dem jeder Fortschritt eine verhältnismäßige Zunahme in der Zerstreuung und im Stolz nach sich zieht, führt es nicht mit jedem Tag weiter von der Wahrheit, d. h. von dem Leben ab?

Die Gewohnheiten des Gedankens sind nicht die am wenigsten tyrannischen, und es kommt eine Zeit, wo die Rückkehr, selbst dem festesten Willen, unmöglich ist. Verfolgen wir die moralische Geschichte eines Menschen, welcher der von uns beschriebenen Richtung hingegeben ist. Der Ernst der Seele war seinen ersten Schritten nicht fremd; es ist wohl nicht möglich anzunehmen, dass er von vorn herein in der Religion nur einen Gegenstand der philosophischen Forschung gesehen habe; seine erste Absicht war gewiss, dieselbe seiner Seele anzueignen und ihr sein Leben zu unterwerfen; allein dieser Eindruck war oberflächlich und flüchtig; der Gedanke, lebhaft ergriffen, warf sich auf diese reiche Beute, und verwandte sie ganz zu seinem Nutzen. Diese Neigung wurde beherrschend und tyrannisch; alles, was zur Nahrung der Seele bestimmt war, wurde die Speise der Vernunft. Jeder Gewinn der Vernunft wurde ein Verlust für die Seele, welche, immer mehr außer Frage gestellt, immer mehr zur Untätigkeit verdammt, ihre Spannkraft in dieser verderblichen Ruhe verlor. Da dieser Mensch die Gewohnheit angenommen hatte, alle Dinge nur von der intellektuellen Seite aufzufassen, so wurde er nach und nach unfähig, sie unter andern Gesichtspunkten aufzufassen. Wie seltsam! er lernte immer besser sich Rechenschaft geben über die Wirkungen der Wahrheit auf eine Seele, und wurde immer unfähiger, diese Wirkungen selbst zu empfinden; er sprach, er schrieb vielleicht über die Gnadenordnung, und s ein Herz verhärtete sich immer mehr gegen die Einwirkungen der Gnade; in allen seinen religiösen Betrachtungen stellte sich ihm der Begriff der Sache eher dar, als die Sache selbst, schob sich derselben wie ein Hindernis zwischen ihn und die Tatsache; es blieben ihm bald von allen diesen Tatsachen nur Phantome, welche genau die Oberfläche und die Umrisse derselben angaben, allein die nicht die Substanz derselben enthielten. Er fühlte das Übel und beunruhigte sich deshalb; er wollte versuchen, die Religion zu betätigen, welche so lange sein Studium, zuletzt ein Geschäft, sein Geschäft gewesen; er suchte sich unter die Einwirkung und in die Abhängigkeit der Wahrheit zu stellen; allein bei jedem Versuch trat sein Geist an die Stelle seines Gewissens, und, indem er vergeblich eine Religion in diesem Systeme suchte, fand er immer nur ein System in dieser Religion. In seiner Angst hätte er gern vergessen, hätte er nicht wissen wollen; er beneidete die Leichtgläubigkeit der Einfältigen und der Kinder; er hätte seine ganze Wissenschaft für einen einzigen ihrer Seufzer gegeben, und seinen ganzen Verstand als Tausch für ihre Herzen, denn das seinige hatte aufgehört zu schlagen, das seinige war Geist geworden. Er hätte gewünscht, dass das Christentum seinem Gedächtnis gänzlich entschwunden wäre, dass ihm selbst das Vorhandensein dieser Religion unbekannt würde, damit sie, ein zweites Mal sich ihm darstellend, auf seine, von Neuem verjüngte, Seele mit der ganzen Kraft einer neuen Wahrheit und einer unerwarteten Wohltat wirkte.

Eitle Wünsche! man gibt sich das Auge nicht wieder, welches man verloren hat, man gibt sich den Glauben nicht wieder, welcher das Auge der Seele ist. Seltsamer Zustand, meine Brüder, wo man alles glaubt und zugleich nicht glaubt, wo der Glaube des Geistes uns die Notwendigkeit des Glaubens des Herzens fühlen hilft, uns über sein Nichtvorhandensein seufzen lässt, und ihn uns zu geben nicht im Stande ist! Zustand des Lichtes, allein eines Lichtes, welches keine andere Wirkung hat, als die, unsere Finsternis sichtbar zu machen! Unwissenheit in der Wissenschaft, Irrtum in der Wahrheit, Unglauben in dem Glauben! Fluch unter der Form einer Segnung! sich selbst widersprechende; verkehrte Lage, welche wir der göttlichen Macht als ein grausames Spiel vorwerfen würden, wenn uns der Augenschein nicht zwänge, sie uns selbst zur Last zu legen! Gott ist der Urheber keines Übels, er ist das Mittel gegen alle Übel, und die Heilung desjenigen, welches wir so eben geschildert haben, geht nicht über seine Macht, nicht über seine Güte.

Hier, meine Brüder, scheint es mir, dass ich hören muss, wie Einige von Euch mich fragen: Aber bei alle dem, ist es denn gar nichts, zu wissen? Ist das Wissen nicht der Weg zum Erkennen? und bildet nicht Alles, was wahr ist, einen Teil der Wahrheit?

Allerdings, meine Brüder, und wenn hier der Ort dazu wäre, würde ich auf den Nutzen derselben Kenntnisse bestehen, deren Unzulänglichkeit ich heute hervorhebe; und ich würde, eben aus dem Grund, dass die Religion von dem ganzen Menschen erfasst werden muss, verlangen, dass der Verstand Teil an diesem Werke nähme; und, indem ich die schöne Anordnung der Lehre des Evangeliums, ihre vollkommene, auf ihre absolute Wahrheit begründete, Konsequenz, und die notwendige, daraus folgende Harmonie dieses Werkes Gottes mit allen andern Werken derselben Hand betrachtete, würde ich sagen, dass, wenn man den Menschen an den Anfangspunkt aller richtigen Ideen, auf den Weg aller praktischen Wahrheiten stellen will, es gut ist, ihn die christliche Religion von den Seiten, welche die Vernunft interessieren, ergreifen zu lassen, eine Sache, die vielleicht zu sehr vernachlässigt worden ist, und welche aus der Religion für die Masse der Gesellschaft nicht weniger ein Werkzeug intellektueller Entwicklung als moralischer Bildung machen würde.

Allein die Ideen des Christentums sind nicht das Christentum; und es ist nötig, hier zu bemerken, dass, wenn man von dem wirklichen, lebendigen Christentum fast unwillkürlich wieder zu den Ideen hinuntersteigt, aus denen sein System besteht, doch sehr viel daran fehlt, dass man eben so natürlich von diesen Ideen wieder zu dem Leben hinaufsteige, welches sein Wesen bildet. Noch einmal, es sind dies nur Ideen; Ideen, ich gebe zu, die sich auf moralische Tatsachen beziehen, moralische Ideen, welche sich nur aus irgend einer früheren Dazwischenkunft des moralischen Wesens erklären lassen, allein die dennoch nicht notwendiger Weise diesen tiefsten Grund der Seele zu öffnen brauchen, aus welchem das wahrhafte leben entspringt.

Wenn man die Phänomene der inneren Existenz näher prüft, so ist man fast versucht, in dem Menschen zwei konzentrische Seelen anzunehmen, von denen die äußere nur der Abdruck oder der Wiederschein der inneren ist; jene oberflächliche Seele, die der Verpflichtung, dem Gehorsam und dem Willen fremd bleibt, doch welche alle diese Dinge begreift, empfängt die vertraulichen Mitteilungen der wahren Seele, besitzt das Geheimnis derselben, spricht die Sprache derselben, und gibt sich und nimmt sich, vermöge dieses innigen Verständnisses, für eine Seele, wenn sie gleich nur der Schein der Seele ist, den diese in den Verstand hineinwirft. Welches auch die Natur dieser Fähigkeit und das Geheimnis ihrer Beziehungen zu dem Leben sein mag, so viel ist gewiss, dass wir nicht in ihr den Sitz der religiösen Wahrheit finden, weil sie, obschon fähig, dieselbe zu bewundern und zu schildern, nicht im Stande ist, sie zu erproben und zu verwirklichen. Allerdings würde diese zweite Seele in der Abwesenheit der ersteren nicht existieren; moralische Begriffe setzen in dem, der sie sich bildet, eine moralische Natur voraus, und man hat sogar einige Mühe, zu begreifen, dass nicht jeder Begriff das Gefühl mit sich bringt, welches ihm entspricht; allein zahlreiche Tatsachen sind vorhanden, um zu beweisen, dass diese Begriffe, wenn schon moralische, doch nur Begriffe sind, dass sie dem Gebiet der Vernunft angehören, und dass man nicht in ihnen die Quelle des Lebens suchen muss. Das Leben gehört jenem Teil unseres Wesens an, der gehorcht, der hofft und der liebt.

Ich habe zuerst von gehorchen gesprochen, weil das Pflichtgefühl, das Gewissen, die Wurzel aller Moralität ist. Ich habe zuerst von gehorchen gesprochen, weil, da die Trennung zwischen Gott und dem Menschen den Ungehorsam zum Ursprung gehabt hat, die Rückkehr vom Menschen zu Gott, oder die Religion, auch mit dem Gehorsam beginnen muss; die Religion, welche nichts Anderes bei ihrem Ausgang nennt, spricht von nichts anderem bei ihrem Eingang. Das Gewissen erzeugt die Furcht; die Furcht, verscheucht durch das Anerbieten der Seligkeit aus Gnaden, macht der Freude Platz; die Freude öffnet das Herz der Liebe, und die Liebe ist das Leben, die Liebe selbst ist die Seligkeit; der Gehorsam, welcher , die Ursache unseres Glückes sein sollte, ist die Wirkung, die Folge desselben geworden. Das ist die Genealogie der evangelischen Gefühle und Gesinnungen; sie zeigt uns, in welchem Geist wir das Evangelium empfangen und wie wir es uns aneignen sollen. Mit dem Verstand und dem Gewissen zugleich müssen wir es lesen.

Gibt es etwas Vernunftgemäßeres, etwas der Natur des Evangeliums und dem Zweck, den Gott damit verbunden, indem er es uns gab, Angemesseneres! Sein Zweck ist gewesen, der Seele ein Heilmittel, dem Willen eine Richtschnur darzubieten. Das Evangelium kann, wie alle Tatsachen, den Stoff für eine Wissenschaft liefern; allein bevor es eine Wissenschaft abgibt, ist es eine Tatsache, eine Handlung Gottes. In Bezug auf diese Handlung handelt es sich weniger darum, darüber Rechenschaft zu geben, als sich ihr zu unterwerfen. Wenn ein Vater seinen Kindern Gutes tut, oder wenn er, innerhalb der Sphäre seiner väterlichen Befugnis, rücksichtlich ihrer irgend eine Maßregel ergreift, so ist es gewiss nicht ihre Sache, die Prinzipien, nach welchen er handelt, und die Übereinstimmung des Mittels, das er anwendet, mit dem Zweck, den er damit verbindet, psychologisch zu analysieren; ihre Sache ist, anzunehmen und zu fühlen. Eine Pflanze, vorausgesetzt, sie sei mit Vernunft begabt, würde nicht durch die Kenntnis befruchtet werden, welche sie von dem Ursprung und den Wirkungen des Regens hätte, sondern durch diesen Regen selbst; der Mensch, bevor er Abhandlungen über die Wirkung der Gnade hält, welche der Regen des Himmels ist, der nicht an allen Orten niederfällt, soll dahin laufen, wo er niederfällt, sich daran erquicken und sich davon durchdringen lassen. Dann nur werden sich seine vertrockneten Äste wieder beleben und Früchte tragen.

So erfrischt, befruchtet, lebendig, mag er dann, wenn er will, gelehrte Untersuchungen anstellen; es wird gewiss mit Demut, mit Ehrfurcht geschehen, und in dem Zweck, die Quelle seines Lebens zu verherrlichen. Sein Gedanke, durchdrungen von dem Balsam, der jeder Fäulnis vorbeugt, wird die Gnade mit der Wissenschaft in Verbindung bringen. Dann verliert, unter dem Beifall von St. Paulus selbst, jenes Wort desselben seine Geltung: „Das Wissen bläht auf, die Liebe aber bessert,“ weil das Wissen Liebe geworden ist; dann wird St. Paulus nicht mehr von Euch sagen, dass Ihr immerdar lernt, ohne je zur Erkenntnis der Wahrheit zu kommen, denn Ihr habt erkannt, so zu sagen, bevor Ihr gelernt habt, und die große Wahrheit befand sich in Eurem Herzen, bevor die Wahrheiten der Forschung Euren Geist berührt hatten. Dann werden diese Wahrheiten selbst zu lebendigen Teilen der Wahrheit werden; Eure Theologie wird dann, von Anfang bis zu Ende, Religion sein; Eure Wissenschaft durch und durch Christentum, Euer Licht Wärme, Eure Sonne eine wahre Sonne; indem Ihr von Eurem Verstand den Gebrauch macht, der Euch unter den Gelehrten ehrt, werdet Ihr Niemanden zum Götzendienst des Verstandes anreizen; Eure Vernunft wird dazu dienen, die Grenzen und die Unzulänglichkeit Eurer Vernunft zu zeigen; wie der Bogen den Pfeil trägt, so wird jeder Eurer Gedanken ein Gefühl tragen; durch Euch zugleich unterrichtet und erbaut, wird man sich freuen, dass man so gut versteht, was man liebt, dass man liebt, was man versteht, und man wird Den segnen, welcher, indem er unserm geängsteten Herzen den Frieden vom Himmel sandte, auch in gleicher Art unserer Vernunft den Frieden gesandt hat!

Allein alles dies wird nicht Euer Werk sein; es ist das Werk Desjenigen, dessen, sowohl an die Geister wie an die Herzen gerichtete, Gnade abwechselnd die Wärme in dem Licht und das Licht in der Wärme verbreitet. Er ist es, den ich mich verpflichtet fühle, am Ende dieser abstrakten Rede anzurufen, die ganz und gar aus denselben Forschungen besteht, deren Missbrauch ich verdammt habe. Niemand, hoffe ich, wird Gelegenheit finden, mich der Inkonsequenz zu beschuldigen. Man müsste in diesem Falle alle christlichen Prediger derselben beschuldigen, welche, indem sie Euch Ideen geben (denn am Ende können sie ja doch nur über die Begriffe der Dinge verfügen), ihre Wünsche rücksichtlich Eurer viel weiter ausdehnen, als ihre Macht geht. Der Klippe, welche ich heute bezeichnet habe, bin ich in dieser Rede selbst begegnet. Ich habe daher nötig, Gott zu bitten, diesen trockenen Boden anzufeuchten, diese Schlussfolgerungen zu beleben, diese Ideen zu verwirklichen; in Eurem Herzen jedes der Worte wiedertönen zu lassen, welches ich an Euren Geist richte. Ich erhebe zu ihm aus der Tiefe meiner Schwachheit dies Gebet, welches sie in Kraft verwandeln wird. Wenn Ihr ihn selbst bittet, so wird mein Wunsch im Voraus erfüllt sein, denn man betet nicht mit dem Verstand, sondern mit dem Herzen. Es ist also Euer Herz, welches mich gehört hat. Ach! möchten wir am Ende dieser Forschungen eine größere Abneigung gegen die unfruchtbaren Forschungen in uns fühlen, möchten wir uns selbst ergründen lernen, um zu erfahren, ob wir in uns die Wahrheit haben oder nur ihre Formel, ob wir bloß wissen, oder ob wir leben! Möchten wir uns Alle, welches auch das Maß unseres Wissens und die Größe unseres Verstandes sein mag, berechtigt fühlen, mit Freude und Dankbarkeit diese Worte unseres Heilandes auf uns anzuwenden: „Ich preise dich, o Vater, und Herr des Himmels und der Erde, dass du solches den Weisen und Klugen verborgen hast, und hast es den Unmündigen (Kindern) geoffenbart!“ O, glückliche Kindheit! wahre Reife des Herzens, wahre Vollkommenheit des Menschen, unwandelbares Alter der Gläubigen auf der Erde, ewiges Alter der Seligen und der Engel, möchtest du uns Allen, mit deiner Einfalt, deiner Aufrichtigkeit und deinem Glauben gegeben werden!

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