Theremin, Franz - Gottes überschwängliche Wohlthaten.

Theremin, Franz - Gottes überschwängliche Wohlthaten.

Am ersten Weihnachtsfeiertage 1831.

Epistel an die Epheser, K. 3. V. 20 und 21.
Dem aber, der überschwänglich thun kann über alles, was wir bitten oder verstehn, nach der Kraft, die da in uns wirket, dem sey Ehre in der Gemeine, die in Christo Jesu ist, zu aller Zeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Als wir das Weihnachtsfest im vorigen Jahre feierten, waren unsere Gemüther mit Unruhe und Besorgniß erfüllt, weil der Friede von Europa bedroht schien, und weil eine der größten Landplagen, von Osten her, langsamen Schrittes sich uns nahte. Wir mußten deshalb, als wir damals zu Euch redeten, Euch erinnern, daß die Welt nicht durch ihre eigenen Kräfte, nicht durch die Leidenschaften der Menschen, sondern durch Gott regiert wird, der mit einem frommen und gehorsamen Volke ein Bündniß, es zu beglücken, geschlossen hat.

Als in diesem Jahre die gefürchtete Plage uns näher und näher gekommen, und auch in unserer Stadt ausgebrochen war, da konnte das bevorstehende Weihnachtsfest, wenn wir unsern Blick auf dasselbe richteten, uns nicht mit derselben Freude, wie gewöhnlich, erfüllen. Es wird erscheinen, so dachten wir, das schöne Fest; aber in welchem Zustande allgemeiner Noth wird es unsere Stadt, in welcher tiefen Trauer oder bangen Besorgniß wird es die mehresten Hauser in derselben finden! Vielleicht werden wir es nicht mehr erleben; und wenn wir es feiern: ach! wie verschieden wird diese Feier von allen früheren seyn!

Dieses Fest ist gekommen, und - o wie wunderbar! - es ist unter allen Weihnachtsfesten, die wir jemals gefeiert haben, vielleicht das schönste. Die Unruhe und Besorgniß, die im verfloßnen Jahre unsere Herzen bewegten, sind größtentheils gestillt. Die Plage, die wir in der Mitte dieses Jahres fürchteten, ist gekommen, sie ist milder, viel milder gewesen, als unser kühnstes Vertrauen es zu hoffen wagte; sie scheint beinahe vorübergegangen. Die Herrlichkeit der göttlichen Gabe, die wir heute empfangen, wird uns durch kein allgemeines, kein drückendes Erdenleid verdunkelt, sondern große irdische Segnungen bilden gleichsam für sie eine würdige Umgebung. Werden also, ich frage Euch, meine Brüder, werden die Worte unseres Textes uns nicht unwillkürlich auf die Lippen und in das Herz gelegt: Dem aber der überschwänglich thun kann über alles, was wir bitten und verstehn, dem sey Ehre in der Gemeine die in Christo Jesu ist, zu aller Zeit und von Ewigkeit zu Ewigkeit? Wovon könnte daher unter uns die Rede seyn, als erstlich von den überschwänglichen Wohlthaten Gottes; und zweitens von der Ehre, die wir schuldig sind ihm dafür zu erweisen? O Herr, der du heute so viel geistige Güter bringest und so viel irdische Noth hinwegnimmst, der du uns so liebreich erscheinst, aber auch so ernst und so mahnend, gib uns die eigenthümliche Andacht, die einem so eigenthümlichen Feste geziemt, gib uns freudige Rührung, herzliche Dankbarkeit, und tiefen, tiefen Ernst!

I.

Erstlich: Gottes Gaben sind überschwänglich; er kann thun und er thut, über alles was wir bitten oder verstehn; seine Wohlthaten sind höher als die Vernunft, welche sie nicht begreifen, als das Verlangen des Herzens, das sich nicht bis zu ihnen emporschwingen kann.

Dies gilt zuerst von der Wohlthat, die allen übrigen zum Grunde liegt, von der Erschaffung der Welt, und von dem Daseyn, das er uns gab. Die Welt war einmal nicht, einmal war Keiner als Gott allein, aber er wollte nicht allein bleiben, er erschuf. Wer begreift und wer faßt sie, diese That der Allmacht, die Etwas aus dem Nichts hervorruft; diese That der Liebe, die unzähligen Geschöpfen, in den verschiedensten Abstufungen, Leben und alles wofür ihr Leben empfänglich ist, mittheilen will? Himmel und Erde hatte Gott erschaffen, hatte die Erde zum Wohnplatz für lebende Wesen zubereitet; hatte sie schon mit mannigfaltigen Geschöpfen bevölkert; da schuf er auch am sechsten Tage den Menschen; schuf ihn - schon wieder begreifen und fassen wir es nicht - schuf ihn nach seinem Ebenbilde, das Geschöpf nach dem Bilde des Schöpfers, den Endlichen nach dem Bilde des Unendlichen, Den, welcher auf Erden wandeln sollte, nach dem Bilde Dessen, der im Himmel ist; schuf also auch - das läßt sich erwarten, die Erde um ihn her, dem Himmel ähnlich. Und so war denn der erste Zustand des Menschen durch Heiligkeit und Unschuld, durch irdische Unsterblichkeit und selige Gemeinschaft mit Gott überschwänglich.

Freilich blieb er es nicht; die Menschen sündigten: dahin war Heiligkeit, Unschuld, irdische Unsterblichkeit; das göttliche Ebenbild war zerrüttet. Vor dem Angesichte ihres Richters standen sie bleich, zitternd, mit Scham erfüllt - die armen Sünder; wußten aus ihrem sonst so reichen Herzen nichts mehr hervorzubringen als armselige Entschuldigungen, lieblose Anklagen; - der Mann klagte das Weib an; das Weib warf die Schuld auf die Schlange; - hörten , aus dem Munde des Herrn - sonst mochte er ganz andere Worte zu ihnen gesprochen haben - das Urtheil: Verflucht sey der Acker um deinetwillen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis daß du wieder zur Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde, und sollst zur Erde werden. Da mochten sie wohl zittern, als sie diesen Fluch hörten, bei dessen Anhörung wir jetzt ja wohl noch zittern, nachdem er schon sechstausend Jahre gewirkt hat; da mochten sie wohl nicht beten können, wenigstens lesen wir nichts davon, und wenn es geschah, was mochte ihr Gebet anders seyn als ein durch Seufzen ersticktes Flehn um Erbarmen! Um die Aufhebung ihrer Schuld und aller Schulden, welche sie nach sich ziehen würde, um eine Wiederherstellung in ihren früheren Zustand, um eine Erhöhung ihrer Herrlichkeit zu bitten, das fiel ihnen schwerlich ein. Gott versprach es; er verhieß ihnen den Nachkommen des Weibes, welcher der Schlange den Kopf zertreten würde. Er that über alles, was sie bitten, und auch über alles, was sie verstehen konnten; denn etwas verstanden sie wohl davon; ganz faßten sie es gewiß nicht.

Das Verständniß von der zu erwartenden Erlösung ward jedoch immer vollkommner und umfassender durch die göttlichen Verheißungen, die im Laufe der Zeiten zu jener ersten hinzukamen; und das Bild, welches man sich nach denselben von dem Erlöser entwarf, war herrlich und glänzend genug. Es ist ein König auf dem Stuhle Davids, ja ein König, der zur Rechten Gottes sitzt, dessen Herrschaft sich erstreckt bis an der Welt Ende, und gegen den die Völker vergeblich sich empören. Er heißet Wunderbar, Rath, Kraft, Held, Ewig-Vater, Friedefürst. Der Geist der Weisheit und der. Stärke ruhet auf ihm, aber auch der Geist der Milde und der Barmherzigkeit. Das zerstoßene Rohr wird er nicht zerbrechen, und das glimmende Tocht wird er nicht auslöschen. Er wird seine Heerde weiden wie ein Hirte; er wird die Lammer in seine Arme sammeln, und in seinem Busen tragen. Ja noch mehr: Er ist selbst das Lamm, das zur Schlachtbank geführet wird; die Strafe liegt auf ihm, auf daß wir Frieden hatten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. Aber er ist aus der Angst und dem Gericht genommen, und wer kann seines Lebens Länge ausreden? So weit ging das Verständniß der heiligen Männer unter dem alten Bunde, und so weit als dieses reichte auch ihr Wunsch, ihre Bitte. Viele Könige und Propheten wünschten ihn zu sehn! Gesetzt, dieser Wunsch wäre erfüllt worden, sie hätten einen Tag des Menschensohnes gesehen, hätten ihn gesehen, wie er die Kranken heilte, hätten gehört, wie er die Mühseligen und Beladenen zu sich rief; hätten aus seinem holdseligen Munde die Lehre vernommen, welche Hunger und Durst des Herzens stillet: Das ist unsere Hoffnung, würden sie gesagt haben, sie ist in Erfüllung gegangen! Aber es ist zugleich mehr, viel mehr als alles, was wir zu hoffen und zu wünschen wagten! Denn wenn man nicht eine solche Herrlichkeit und Größe gesehen hat, wie sollte man sie sich vorstellen können? Und wenn sie ihn an seinem Kreuze, wenn sie ihn nach seiner Auferstehung erblickt hätten! Von beidem hatten sie eine Ahndung; denn David hatte ihm die Worte in den Mund gelegt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Und auch jene anderen: Du wirst nicht zugeben, daß dein Heiliger verwese. Aber sie würden die Ahndung mit der Erfüllung verglichen, und aus einem tief staunenden Herzen die Worte gestammelt haben: Gott, du kannst thun über Alles, was wir bitten und verstehn!

Doch wir blicken jetzt noch nicht weiter in das Leben Jesu, wir bleiben stehn bei dem Wunder des heutigen Tages. Was ist es denn eigentlich? Wir fragen den Johannes; der redet von dem Sohne Gottes; er nennt ihn das Wort, und sagt: Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. Und dann setzt er hinzu: Das Wort ward Fleisch; der Sohn Gottes ward Mensch: einfache Worte, aber ein ungeheurer Gedanke! Das Uebergroße kann sich überhaupt nur in den einfachsten Worten ausdrücken. Das Wort ward Fleisch, der Sohn Gottes ward Mensch. Geht nun, Ihr Menschen, bewegt es Euer Leben lang in Euerm Herzen, und versieht es, wenn Ihr könnt. Hätte Gott Euch ein Zeichen seiner Huld versprochen, ein wunderbares, das hinausginge über Alles, was im Laufe der Natur geschehen kann: hattet Ihr gerade ein solches, die Verbindung der Gottheit und Menschheit in Einer Person, erwarten dürfen? Das ist so seine Weise, eine wahrhaft göttliche Weise. Erst erregt er ungemessene Erwartungen, und dann - täuscht er sie etwa? Freilich, täuscht er sie, aber nicht indem er Geringeres, sondern immer er noch Größeres gibt. Wir haben sie oft auf unerwartete Trübsale angewendet, jene bekannten Worte Gottes bei dem Propheten; aber wir könnten sie noch schicklicher auf seine alle Erwartung übertreffenden Gaben und Wohlthaten beziehn: Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege. Sondern so viel der Himmel höher ist denn die Erde, so viel sind auch meine Wege höher denn eure Wege, und meine Gedanken höher denn eure Gedanken.

Und wenn wir zu dem Bericht des Johannes, den der andern Evangelisten hinzunehmen, so wird unser Erstaunen noch größer. Denn da erfahren wir, daß im jüdischen Lande eine arme Jungfrau lebte, die hieß Maria, die machte sich auf, um der Verordnung einer heidnischen Obrigkeit zu genügen, nach einem Ort, genannt Bethlehem. Hier fand sie keinen Raum in der Herberge, sondern begab sich in eine Höhle, die auch den Thieren zum Aufenthalt diente. Dort gebar sie ihren Sohn - nämlich eben den Jesus Christus, der mit dem Vater eins ist; - sie wickelte ihn in Windeln, und legte ihn in eine Krippe, denn ein anderes Bette war nicht vorhanden. Da also der Sohn Gottes sich hingibt, so gibt er sich ganz; und da er Mensch wird, so stellt er sich nicht auf die oberste, sondern auf die unterste Stufe unter den Menschen. Was sollen wir dazu sagen? Nichts! Worte schwächen nur den Eindruck! Auch Maria und Joseph antworteten nichts auf die Anrede des Simeon; sie wunderten sich nur deß, das von ihm geredet ward.

Wir sind jedoch noch nicht zu Ende mit den Wundern, die wir Euch am heutigen Tage zu verkündigen haben, und redeten wir von der Geburt Christi in Bethlehem, so müssen wir auch von seiner Geburt in unserm Herzen reden. Welche von beiden ein größeres Staunen erregen müsse, weiß ich nicht. Denn als der Herr dort, in Bethlehem, geboren ward, als er die menschliche Natur annahm, da war dies eine reine, durch keine Sünde befleckte, und zu der ursprünglichen Würde, die sie bei dem ersten Menschen vor dem Falle gehabt hatte, wiederhergestellte Natur; eine heilige Hütte war es, welche die Gottheit sich selber auferbaut hatte; und warum hätte die Gottheit nicht darin wohnen sollen? Aber unser Herz ist nicht solch ein reiner, heiliger Tempel; es ist angesteckt von natürlichem Verderben, es ist entweiht durch Götzenbilder, die wir darin aufgerichtet und die wir verehrt haben; durch den Schlamm der Welt, der hindurchfloß und sich darin festsetzte, durch böse Begierden, Gedanken und Thaten, die daraus entsprungen und hervorgegangen sind. Und in diesem entweihten, befleckten Herzen wird ein göttlicher Keim niedergelegt, der sich darin entwickelt, und der es schnell oder allmählig verwandelt. Sonst liebte es die Welt, jetzt fängt es an Gott zu lieben; sonst verlangte es nach Erdenlust, jetzt verlangt es nach himmlischer Seligkeit; sonst fand es Wohlgefallen an all den unreinen Trieben, die es in sich hegte, jetzt haßt, jetzt verabscheut es sie, seufzt nach Entledigung von seinen Banden, um zur herrlichen Freiheit der Kinder Gottes zu gelangen. Es geschieht, die Bande fallen von ihm ab; die Unreinigkeit verschwindet; ein schönes Bild tritt mehr und mehr an das Licht hervor. Es ist das Ebenbild Gottes; ursprünglich war es dem Menschen angeschaffen, dann war es zerrüttet worden, war verloren gegangen, jetzt wird es wieder hergestellt. Es ist das Bild Jesu Christi; ja noch mehr - warum soll ich nicht sagen, mit Staunen sagen, was die Schrift uns lehrt - es ist Christus selbst, der in uns geboren wird, der in uns eine Gestalt gewinnt, der unser entweihtes Herz aufs neue weihet zu einem heiligen Tempel, darin er wohnen könne; der uns theilhaftig macht der göttlichen Natur. Ist dies nicht über Alles was wir bitten und verstehn? Wer hätte gewagt darum zu bitten? Wer darf sagen, daß er es ganz verstehe? Möchten wir es, wenn es auch Keiner versteht, dennoch Alle erfahren; möchten wir sie fühlen die göttliche Kraft, die in uns wirkt, es fühlen das Regen des Geistes, durch den wir wiedergeboren und Kinder Gottes werden nach dem Ebenbilde Jesu Christi!

Daß dies geschehe, daß der himmlische Keim, der in unserm Geschlechte niedergelegt ward, sich entwickele und es durchdringe, daß das Reich Gottes komme, das ist der Rathschluß des Herrn, sein letzter Zweck in der Weltregierung. Dem Reiche Gottes entgegen wirkt das Reich der Finsterniß. Es ist mächtig durch die in dem Menschen herrschende Sünde; es erzeugt den Unglauben, damit die von Gott Abgefallenen den Weg nicht finden mögen, der zu ihm zurückführt; es blüht in den größeren und schrecklichen Vergehungen, deren seine Diener sich schuldig machen; es möchte die ganze Welt verschlingen, möchte unser ganzes Geschlecht in seinen Schooß aufnehmen und es verderben. Zeiten gibt es, wo man denken möchte, es werde ihm gelingen. Da verbreitet sich der Unglaube, schon die Jugend lernt ihn als Weisheit verehren; man zählt diejenigen, und weiset mit Fingern auf sie, die in Christo noch den Sohn Gottes erkennen. Da wird jedes Gesetz unerträglich; mit dem, welches ins Gewissen geschrieben ist, sucht man ein Abkommen zu treffen. Auch die in der Gesellschaft herrschende Ordnung ist verhaßt, denn sie ist doch ein Abbild derjenigen, die im Reiche Gottes besteht. Sie werde umgeworfen; nichts regiere, als die Willkühr dessen, der jedesmal der Stärkste ist! O wir blöden Gemüther! Auch wir haben etwas Aehnliches zu unsern Zeiten gesehen; da haben wir gemeint, nun könne es nicht länger halten, nun breche Alles zusammen, nun würde ein Krieg Aller gegen Alle entstehn; alle Ordnung, alle Wohlfahrt würde zusammengestürzt und vernichtet werden. Wir bedachten nicht, als wir so fürchteten, daß Gott die Welt regiert, und daß dieser Gott thut über Alles was wir bitten und verstehn. Er läßt die Wogen anschwellen; dann spricht er: Bis hieher und nicht weiter, und sie legen sich zu seinen Füßen. Von einem Augenblick zum andern scheint das Unheil verderblich hervorbrechen zu wollen; aber er erhebt seine gewaltige Rechte, und zwingt es in seine Schranken zurückzukehren.

Die Folgen der Sünde sind Leiden und Tod; und da die Sünde so groß und so allgemein verbreitet ist, wen darf es befremden, daß es auch überall Leiden gibt, und daß diese Leiden nicht selten groß und furchtbar sind? Wenn oft durch die geistige Welt ein giftiger Hauch der Ansteckung weht, wenn ein böses Beispiel, an einem Orte gegeben, oft schnell an einem andern weit entfernten nachgeahmt wird: so stimmt es damit nur zu sehr überein, daß auch verheerende Krankheiten die Länder durchziehen und eines nach dem andern verwüsten. Eine solche Plage war auch über uns verhängt; sie kam; und als ihre ersten Opfer fielen, als die Zahl dieser Opfer so schnell und so furchtbar sich steigerte, da waren unsere Herzen tief gebeugt und erschüttert durch den Schmerz über das Geschehene, durch die Erwartung dessen, was geschehen könnte. Alle waren bedroht, Viele sind freilich dahingerafft, aber doch noch Mehrere sind errettet; wir Alle sind es bis jetzt. Und in dem feierlichen Augenblick, wo wir uns dies sagen: Ich bin errettet! sollten wir da nicht auch aller anderen Errettungen gedenken, an denen vielleicht unser Leben so reich ist; aller Gefahren, die von uns abgewendet wurden; aller Verwickelungen unseres Schicksals, die einen so traurigen Ausgang hätten nehmen können, und die einen so viel günstigeren als wir es dachten, genommen haben; aller unserer Gebete, die gleich denen, welche wir beim Ausbruche dieser Krankheit an Gott richteten, in einem viel größeren Umfang, als wir es erwarteten, erhört worden sind? Sollte dies nicht auch eine Gelegenheit seyn zu bekennen, daß Gott thut über Alles was wir bitten und verstehn?

Doch ein Augenblick wird kommen - ja ich hoffe es, er wird für uns Alle kommen! - wo wir eben dies in einem noch viel höheren Sinne, als es hier auf Erden geschehen kann, bezeugen werden; das wird der Augenblick seyn, wo Gott uns Unwürdige, aber Begnadigte in seine himmlische Freude aufnimmt. Wir vertiefen uns oft in die Vorstellung dieser Seligkeit; was könnte, was sollte uns wohl mehr anziehen als sie? Wir fragen nach ihrem Wesen, wir halten uns an die Aussprüche der Schrift, welche uns sagt, daß wir alsdann von Tod, Leid und Sünde befreit, versammelt um Christum, ihn wie er ist, seine Herrlichkeit schauen, und erkennen werden, wie wir erkannt find. Nach diesen Grundzügen, die wir weiter ausmalen, entwerfen wir uns ein Bild, das oft unserm Geiste vorschwebt, das in mancher frohen Stunde uns entzückt, in mancher traurigen Stunde uns tröstet. Wenn wir nun aber vom Glauben zum Schauen gelangen, wenn wir wirklich frei sind von Sünde, Leiden und Tod, wirklich Christum sehen wie er ist, und seine Herrlichkeit schauen, wirklich erkennen, wie wir erkannt sind: wir haben uns nicht geirrt, werden wir sagen; es ist das, was wir erwarteten; aber es ist doch ganz anders; das Bild war richtig, aber wie wird es durch die Wirklichkeit übertroffen! Wie hätten wir denn auch, in den Schranken des früheren Lebens, diese Fülle, die uns jetzt überströmt, zu fassen und zu ahnen vermocht? Gott ist unermeßlich reich, unermeßlich gnädig; er kann thun, und er thut über Alles, was wir bitten und verstehn. So - wenn man das Kleine mit dem Großen vergleichen darf - so sprach zu Salomo jene Königin Arabiens, welche gekommen war, seine Herrlichkeit zu sehn: Es ist wahr, was ich in meinem Lande gehöret habe von deinem Wesen und von deiner Weisheit. Und ich habe es nicht wollen glauben, bis ich gekommen bin, und habe es mit meinen Augen gesehn. Und siehe, es ist mir nicht die Hälfte gesagt.

II.

Und wer ruft jetzt nicht mit dem Apostel: Dem aber, der überschwänglich thun kann über alles, was wir bitten und verstehn, dem sey Ehre in der Gemeine, die in Christo Jesu ist, zu aller Zeit und von Ewigkeit zu Ewigkeit! Wer fühlt nicht, daß Gott Ehre zu erweisen, seinen Ruhm zu verkündigen, unsere höchste, ja unsere einzige Pflicht und Bestimmung sey? Gott Ehre erweisen? fragt hier vielleicht Jemand. Wie wäre das möglich, da wir so gering, da wir, ohne ihn, nichts sind; da wir das Leben und alles was das Leben schmückt, verschönt und heiliget, nur von ihm empfangen haben? Nun, so laßt uns denn mit eben diesem Bekenntniß den Anfang machen, laßt uns mit dem Munde bezeugen und mit dem Herzen recht lebhaft empfinden, daß wir nur durch Gott allein das Leben und alle Güter und Freuden desselben haben und besitzen; laßt uns alle seine Wohlthaten, von den größten bis zu den geringsten, als solche anerkennen, laßt uns keine derselben ableugnen: schon dadurch werden wir ihm Ehre erweisen. Erzählen doch die Himmel die Ehre Gottes; verkündigt doch die Beste seiner Hände Werk; liefern doch selbst die geringsten Geschöpfe, deren Leben sich am Boden hinwindet, ihren nicht geringen Beitrag zu seinem Ruhm; verkündigen doch selbst diese mit einer Stimme, die freilich nur unser Geist vernimmt, die Allmacht und Weisheit Dessen, der sie aus dem Nichts hervorgerufen und in eine bewunderungswürdige Ordnung gestellet hat: und die Gemeine, die in Christo Jesu ist, die sollte ihm nicht Ehre zollen können? Sind ihre Mitglieder denn nicht mit Verstand begabt, um die Wohlthaten Gottes zu erkennen, mit einem Herzen sie zu fühlen, mit einer Stimme sie auszusprechen? Haben sie, die Mitglieder dieser Gemeine, nicht eine Wohlthat empfangen, die größer ist als alles, was Himmel und Erde, als alles, was die übrige Schöpfung, ja als alles, was die herrlichsten Engel, die vor seinem Throne stehn, von ihm erhielten? Haben sie nicht von ihm seinen Sohn, der ihres Gleichen geworden ist - diese große Weihnachtsgabe - und in ihm Vergebung der Sünden und Seligkeit erhalten? Deshalb vermögen sie auch dem Ewigen ein Loblied zu singen, welches ihm lieblicher tönt als alle übrigen Chöre der Schöpfung, das große Halleluja: Also hat Gott die Welt geliebet, daß er seinen eingebornen Sohn gab, auf daß alle die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Welcher auch seines eigenen Sohnes nicht verschonet hat, sondern hat ihn für uns alle dahin gegeben: wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? Ein Loblied, das seinen höchsten Schwung in den Worten erreicht, wenn sie mit einem tiefen Gefühl des Herzens ausgesprochen werden: Gott ist die Liebe! Wer diese Liebe, dies sein eigentliches Wesen, diesen seinen höchsten Ruhm, auf den er selber eifersüchtig ist; wer die höchste Wohlthat, welche uns diese Liebe erwiesen hat, die Menschwerdung des göttlichen Sohnes, anerkennt, und sie gerührt in seinem Innern preiset, der zollet Gott eine ihm wohlgefällige Ehre. Das können Himmel und Erde nicht, das können die Völker nicht, die noch kein Bestandtheil der Gemeine des Herrn geworden sind; das kannst du allein, Gemeine, die in Christo Jesu ist: o möchtest du, möchten alle deine Mitglieder diese heilige Pflicht erfüllen!

Ach! sie thun es nicht alle. Da gibt es viele, mitten in der Gemeine Jesu Christi, die behaupten von der größten und höchsten Wohlthat Gottes, daß sie überhaupt nicht ertheilt und empfangen worden sey; die wollen alle die andern wahren Güter, die der Mensch besitzen kann, nicht von der Gnade des Höchsten, sondern von der Kraft des Menschen herleiten. Was heißt das nun? Heißt das: Gott die schuldige Ehre zollen? Heißt es nicht vielmehr, sie ihm nehmen? Gesetzt ein Volk beginge das Fest eines glänzenden Sieges über einen furchtbaren Feind, und unter der jubelnden, freudetrunkenen Menge ginge ein Mensch umher und spräche: Ihr glaubt, meine Brüder, daß Euch ein solches Glück zu Theil geworden? Ihr irret; es ward überhaupt kein Sieg errungen. Ihr danket Gott für seinen allmächtigen, gnädigen Beistand? Ihr irret; Gott hat nichts für Euch gethan. Einige Vortheile habt Ihr zwar erhalten; aber davon gebühret Euch und - mir selber die Ehre. Wenn Einer so spräche, sage ich, wofür würde man das halten; nicht für Thorheit, Wahnsinn, Lästerung? Wie soll man es denn nun aber nennen, wenn Menschen, wenn Christen die Menschwerdung des göttlichen Sohnes ableugnen, und den Sieg, den wir durch ihn über Sünde, Tod und Hölle davon tragen; wenn sie den Menschen selbst für den Urheber seiner Heiligung und Seligkeit ausgeben? Gott bewegt Himmel und Erde; das größte aller Wunder wird vollbracht; der welcher zur Rechten Gottes sitzt, der vor welchem alle himmlische Heerschaaren ihre strahlenden Kronen niederwerfen, der liegt, in , Windeln gewickelt, in der Krippe zu Bethlehem. Und da zehn sie vorüber und sprechen: Das ist ein gewöhnliches Kind; ein Kind wie die unsrigen; etwas höher begabt, nichts weiter! Gott bietet ihnen durch diesen seinen Sohn Heiligung und Seligkeit. Wir bedürfen es nicht, sprechen sie, das haben wir Alles schon durch uns selbst. Wie soll man das nennen? Ist das die Ehre, die man Gott erweisen soll; ist das der Dank, den man ihm schuldig ist; ist das ein Loblied, das ihm Wohlgefallen kann; ist es nicht eine Lästerung, die seinen heiligen Zorn entflammen muß?

Doch ich kann Euch, ihr Glieder der Gemeine, die in Christo Jesu ist, ich kann Euch außer dem Glauben noch einen andern köstlichen Weg zeigen, Gott Ehre zu erweisen; das ist der, ihn zu lieben von ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzem Gemüthe; Euch ihm ganz zum Eigenthum hinzugeben; und anstatt, wie Ihr es bisher gethan haben mögt, der Welt und Euch selbst zu dienen, Euch nun ganz und entschieden seinem Dienste zu weihen. Erwäget doch selbst, ob dies nicht eure Pflicht sey. Er hat Euch geschaffen, und da Ihr ohne ihn nichts gewesen und nichts geblieben wäret, so seyd Ihr durch ihn ein unsterbliches Wesen geworden; nach seinem Ebenbilde hat er Euch geschaffen, damit zwischen Euch und dem Urbilde, welches er selbst ist, eine ewige, heilige Verbindung bestehen möchte. Und da diese Verbindung durch die Schuld des Menschen aufgehoben war, da hat er sie wiederhergestellt, an einem Tage wie der heutige hat er es gethan, indem sein Sohn die menschliche Natur annahm, und sich in die Tiefen ihrer Leiden und ihres Elends versenkte. Er hat Euch alles gegeben; erwägt nun selbst, ob er weniger von Euch fordern kann als alles - nämlich Euer Herz; ob er noch dulden kann, daß irgend ein anderer Gegenstand es mit ihm theile? Nein, meine Brüder, wenn Ihr Euch freuet, so sollt Ihr euch freuen in ihm, und jedes Glück soll das Gefühl des höchsten Glückes in Euch erwecken und vermehren, einen Vater im Himmel, und in seinem Sohn, einen Erlöser zu haben. Wenn Ihr leidet, so sollt Ihr in ihm leiden, und eure Schmerzen Dem zum Opfer bringen, der durch seine Leiden und seinen Tod Euch ein so unermeßliches Opfer dargebracht hat. Wenn Ihr an eurer Heiligung arbeitet, so soll es um Seinetwillen geschehen, damit euer Inneres ihm zu einem heiligen Tempel, wo er gern wohnen möge, , zubereitet werde. Wenn Ihr die Pflichten euers Berufes erfüllt, wenn Ihr euern Feinden verzeihet, wenn Ihr Oehl und Wein in die Wunden der Leidenden gießt, so sollt Ihr es thun, nicht damit die Menschen Euch ein gutes Zeugniß geben, oder damit Ihr selbst Euch ein solches ertheilen könnt; sondern damit Er es Euch ertheile; damit es an Eurem Beispiel offenbar werde, zur Beschämung der ungläubigen Welt, sein blutiger Tod sey nicht umsonst geblieben für das Heil Derjenigen, die an ihn glauben; damit Ihr verkündiget die Tugenden deß, der Euch berufen hat von der Finsterniß zu seinem wunderbaren Licht. Während Ihr lebt, sollt Ihr in ihm leben, und in seiner Gemeinschaft; wenn Ihr sterbet, sollt Ihr eure Seele in seine Hände befehlen, damit auch durch Euch sich bestätige, daß er über Lebende und Todte Herr ist.

Ist dies nicht, sagt Ihr vielleicht, eine übertriebene Forderung? Wenn der Mensch, der alles auf sich bezieht, eigennützig ist, so heißt es ja wohl Gott als eigennützig darstellen, wenn man verlangt, daß alles auf ihn bezogen werde? - Aber Einen Mittelpunkt muß es doch geben, meine Brüder, in welchem alle Bestrebungen zusammen laufen; einen Gegenstand, ein Wesen, ein Gut, um deßwillen alles gethan werde, was gethan, alles gelitten werde, was gelitten wird. Wer soll es nun seyn? Ihr etwa? Dürft Ihr euch zum höchsten Gegenstand der Liebe machen für Euch selbst; dürft Ihr verlangen, es für andere zu seyn? Ihr dürft es nicht; der höchste Engel darf es nicht, denn auch er ist nur ein endliches Wesen. Einer der höchsten Engel that es, ob er es gleich nicht durfte, und dadurch ward er ein Teufel. Ihr dürft es noch weniger, denn Ihr seyd nicht nur endlich, ihr seyd auch sündlich und elend. Was Ihr nicht ohne Sünde thun dürft, eurer Unvollkommenheit wegen, das muß Gott thun, um seiner Vollkommenheit willen; er muß fordern, daß seine Geschöpfe ihn über alles lieben, daß sie nur für seine Ehre leben. Ist er deshalb eigennützig? Seiner Gnade und Erbarmungen höchste ist vielmehr, daß er von uns Ehre und Lob annehmen will! Bedarf er es? Hat er es entbehrt, ehe die Welt geschaffen war, und ist er damals weniger selig gewesen? Würde er es weniger seyn, wenn auch kein einziges Loblied weder im Himmel noch auf Erden ihm ertönte, kein einziger Mund ihn rühmte, kein einziges Herz für ihn schlüge? Er bedarf nicht des Himmels und nicht der Erde, nicht der Engel und nicht der Menschen; er ist selig in sich selbst. Aber wir bedürfen Sein; wir sind unselig in uns selber, und sind nur selig in ihm; und diese Seligkeit finden wir nur, wenn wir uns losreißen von der Welt, von uns selber, um für ihn zu leben, uns in ihn zu versinken, von allen Seiten aus zu ihm hin zu streben. Seine Ehre ist unsere Seligkeit, und er verlangt die eine, weil sie mit der andern Eins und dasselbe ist.

O wir Unglücklichen, daß wir durch unsere verderbte Natur, durch unsere Erziehung, durch alle Eindrücke, die wir empfangen, niemals auf Gott, immer nur auf uns hingewiesen werden! Der Mensch ist um sein Selbst willen in der Welt; so predigt man uns von Jugend auf; und sagte man es anders, so glaubten wir es nicht. Er soll zuerst glücklich, sich und andern nützlich, zuletzt, und wenn es hoch kommt, tugendhaft werden; und wofür auch dieses? Für sich, seinen Vortheil, seine Ehre. Diese thörichte Predigt wird denn auch von den thörichten Menschen, die sich dabei recht klug dünken, eifrig befolgt. Die gemeinen Naturen stürzen sich in die Sinnenlust, und haschen nach einem armseligen, irdischen Gewinn. Warum sollten sie es nicht/ vermöge des Grundsatzes, den sie befolgen, und den man billigt? Sie sind da für sich selbst, für ihr Glück, sie suchen es auf ihre Weise; was ist dagegen zu sagen? Die höher strebenden Gemüther suchen sich Genüsse feinerer Art; nicht irdische Güter, sondern Schatze des Wissens wollen sie sammeln; nicht in grober sinnlicher Lust, sondern in dem Becher des Ruhmes und des Lobes, der ihnen von den Hohen und von der Menge gereicht wird, und den sie in kleinen und bedächtigen Zügen trinken, wollen sie sich berauschen; wenn keiner sie lobt und ehrt, so wollen sie ein um so größeres Recht haben sich zu loben, sich uneingeschränkt zu verehren. Also immer Eigennutz, er sey gröber oder feiner, und der feinste ist vielleicht der schlimmste; immer Vergötterung des Ich, und Verachtung Gottes. Immer Unseligkeit! Denn wo in einem Leben kein Augenblick der Berührung mit Gott war, da ist auch in solchem Leben kein Augenblick der Ruhe und des Friedens gewesen. Unseligkeit hier, auf welche auch dort Unseligkeit folgen wird; denn wer sich nicht entschließt, sich selber aufzugeben, und Gott allein zu suchen, der würde auch, wenn ihm der Himmel sich öffnete, im Himmel selbst nicht selig seyn können.

So wollen wir denn heute den Entschluß fassen, nicht mehr für uns, sondern allein für Gott zu leben; heute wollen wir ihn fassen, wo der Sohn Gottes sich hingibt für uns zu leben und zu sterben; in der jetzigen Zeit wollen wir ihn fassen, wo das Leben uns gleichsam neu geschenkt worden ist: wer widmete das neu geschenkte nicht gern dem, welcher es geschenkt hat? Der Tod ist nahe an uns vorübergegangen, so nahe, daß wir ihm in sein ernstes Angesicht haben schauen können. Er hat nicht fern von uns, er hat vielleicht an unserer Seite Manchen dahingerafft. Warum nicht uns? Hätte der Schlag uns nicht eben so gut treffen können; waren wir besser als Die, welche er getroffen hat? Wenn es geschehen wäre, so wäre nun unser Leben geschlossen; nichts könnte hinzugethan, nichts könnte davon hinweggenommen werden; über den Inhalt desselben, so wie er bis jetzt beschaffen ist, wären wir zur Rechenschaft gezogen worden, und was sich daraus ergeben hätte, das weiß Gott allein. Uns geziemt hier Besorgniß mehr als Sicherheit; und wir selbst haben es ja vielleicht empfunden unter den Gefahren die uns drohten, daß wir noch keinesweges reif waren zu einem gottseligen Sterben, keinesweges fähig, dem Tode mit Freudigkeit entgegen zu gehn. Nun, meine Brüder, der Herr hat uns das Leben gefristet; das ist eine Gnade; denn er schenkt uns eine Zeit, die wir noch alle bedürfen. Vielleicht ist sie nur kurz; vielleicht wird Der, welcher der Seuche entging, durch andere Unfälle heute oder morgen abgerufen. Laßt sie uns, diese Zeit, so lang oder so kurz sie seyn mag, anwenden zu dem Zweck, wofür der Herr sie uns geschenkt hat: in ihm zu leben, und uns dadurch für den Himmel vorzubereiten!

Indem ich diese Ermahnung an Euch richte, kann ich nicht umhin, in Beziehung auf unsere Stadt im Allgemeinen einen Wunsch zu äußern, der Euch gewiß allen aus dem Herzen genommen ist. Seht! Unsere Stadt ist der Schauplatz strenger Gerichte gewesen; und auf dieselben sind schnell und unerwartet Beweise großer, göttlicher Milde und Schonung gefolgt. Sollte nun das Leben ihrer Einwohner, das öffentliche und das in den Häusern, nicht bezeugen, daß so wohl diese Strenge als diese Milde an uns nicht vergeblich geblieben sind? Ach! es wäre traurig, unbeschreiblich traurig, wenn wir jetzt, bei der Rückkehr zu unsern früheren Gewohnheiten, auch diejenigen wieder annähmen, die immer Tadel verdient haben, und die ihn jetzt mehr als je verdienen würden: wenn die irdische Lust, für den lästigen Zwang, den die Todesfurcht ihr auferlegte, sich durch verdoppelte Genüsse zu entschädigen suchte; wenn eben die Menschen, die so nahe an dem Grabe vorübergestreift sind, sich nun sogleich wieder in eitelen Zerstreuungen umherdrehen, und darin vergessen wollten, daß auch sie gezittert haben, daß auch sie gerettet wurden. Sollte man hierauf erwiedern: Es geschehe ja nichts, wenigstens unter den Gebildeten, als was dem Anstande gemäß sey; so antworte ich, daß der öffentliche Anstand selbst, in einer Stadt, wo die Pest geherrscht hat, manches untersagt, was er sonst gestattet haben mag. Sollte man einwenden, daß man sich ja nur erlaubten Zerstreuungen hingegeben habe, sich auch nur solchen jetzt hingeben wolle: so frage ich: Was ist erlaubt, was unerlaubt? Für den irdischen, unbußfertigen Menschen, der nach einem bloß bürgerlichen Maßstabe will gemessen seyn, für. den ist freilich alles erlaubt, was nicht der Ahndung der Gesetze anheimfällt. Aber für den frommen, gottesfürchtigen Menschen, ja selbst für den, der nur strebt, es zu werden, - und solche Menschen, wünschte ich, wären wir alle, - für den ist nur das erlaubt, was zur Ehre Gottes dient; und alles, was nicht dazu dient, alles, wobei er nicht Gottes sich freuen, nicht seine Gegenwart empfinden kann - das ist für ihn unerlaubt.

Ach! Geliebte in dem Herrn! Noth sind nicht alle Prüfungen, die Gott uns zugedacht haben mag, bestanden; die einen haben ein Ende genommen, die andern können sich schnell und plötzlich erheben. O laßt uns also wandeln vor dem Angesichte des Herrn, daß, wenn neue Ungewitter uns drohen, wir getrost auf Gottes Gnade und Barmherzigkeit hoffen dürfen; daß wir, wenn die ganze Prüfung dieses Erdenlebens vorüber ist, aus der kämpfenden Gemeine des Herrn, zu der wir gerechnet wurden, zu seiner triumphirenden Gemeine eingehen mögen, um ihn, den wir schon auf Erden in unserer Schwachheit lobten, auch dort mit englischen Zungen zu loben von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

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