Tauler, Johannes - Auf den zweyten Sonntag nach Ostern. Die erste Predigt.

Tauler, Johannes - Auf den zweyten Sonntag nach Ostern. Die erste Predigt.

(Misericordias Domini)

Von einem guten Hirten, wie er seine Schafe treulich hüten und weiden soll, zur Ehre Gottes, und sich selbst dabey wohl halten.

Ego sum pastor bonus, bonus pastor animam suam dat pro ovibus suis. Joh. 10, 14. Ich bin ein guter Hirte, ein guter Hirte gibt seine Seele für seine Schafe.

Was unser Herr hier mit Worten spricht, das hat er nachmals mit den Werken bewiesen. Er hat seine Seele in den Tod gegeben für seine Schafe; er speiset oder weidet seine Schafe mit leiblicher Nothdurft, und geistlich mit seiner Gnade und Liebe, mit den heiligen Sakramenten, mit der heiligen Schrift, und mit vielen andern Wohlthaten, und nachmals mit derselben Seligkeit, die er hat und ist. Sein Schafstall ist die heilige christliche Kirche. Wer sich davon scheidet, mit Todsünden oder mit Unglauben, der wird im ewigen Feuer mit dem Teufel seine Weide finden. Nun, dieser gute Hirte oder Pfarrer hat uns an sich selbst ein Ebenbild gegeben, wie wir ihm sollen nachfolgen, absonderlich diejenigen, so die Seelen zu versorgen von Gott oder ihrer Obrigkeit gerufen werden. Ich spreche nicht von denen, die sich selbst zu diesem sorglichen Amt eindringen, oder auch dazu gerufen werden, und etwas anders darin meinen oder suchen, denn lauterlich die Ehre Gottes und der Seelen Seligkeit, denn das sind alle Heuerlinge (Miethlinge) mit einander, und stehen in tausend Gefahren. Erkennten sie, mit welcher großen Noth und Angst sie dem obersten Richter Rechnung thun müssen von jeder Seele und von allen Sachen, ihr Herz möchte in ihrem Leibe verdorren, und sie möchten wohl Tag und Nacht weinen. Wem aber ein Amt von Gottes-Ordnung (von dem alle Gewalt kommt, wie Paulus sagt) ohne sein Zuthun zugefallen ist, der soll sich also halten, daß Gott davon nicht entehret, und er selbst nicht geirret, und die Seelen nicht versäumt werden, und das soll er mit einem guten, willigen Gemüth thun, denn wer da widerstrebt, was er aus Gehorsam muß thun, der macht sich selbst ein schweres Leben, weil ein kleines Ding unwillig gethan, übler ist, denn vieles gethan mit Willen. Es ist auch sehr gut, daß man ohne eignen Willen an das Amt komme, und daß man darin viel zu leiden habe, und wo man Hülfe und Rath sollte haben, daß man da Betrübniß und Unrath habe, und wo man Unterthänigkeit sollte haben, daß man da Frevel und Widerwärtigkeit habe. Zu dieser Zeit Meisterschaft und Aemter haben, und dann recht thun, das heißt nicht seinem Gemach pflegen; es ist eines Märtyrers Leben, und ein schweres Kreuz. Aber dieß Kreuz soll der Mensch auf seinen Rücken nehmen (um den, der das elende Kreuz um ihn auf sich nahm, und gehorsam bis in den Tod war), seinen Muth niederlassen, und sich mit ganzer demüthiger Gelassenheit Gott gefangen geben, so lange man es von ihm haben will, und er soll nicht seine Unvermögenheit und Ungeschicktheit anklagen, wenn er das Beste thut, was er verstehet, so ist er ledig, wenn es auch das Beste nicht ist. Er soll in allen Dingen Gott mehr ansehen, denn leiblichen Nutzen, er soll nicht gestatten (so er es wenden möchte), daß keines seiner Schäflein an seiner Seele gekränkt werde. Er soll gemein und lieblich gegen Freunde und Feinde seyn, das gebiert Frieden. Die jungen Leute soll er absonderlich in Meisterschaft halten, denn übelgezogene Jugend ist eine Zerstörung der Gemeine. Einen süßen Ernst soll er haben, und mehr mit Liebe, denn mit Furcht gebieten. Was ihm zu überkräftig ist, das soll er seinen Obern vorlegen, wo er nicht beißen kann, soll er aber bellen. Kann er ein göttliches Leben nicht gänzlich vollbringen, so befleißige er sich, daß es mindestens nicht abgehe, noch schwere Verbrechen unter ihm geschehen. Wer ein zerbrochenes, altes Kleid nicht wieder bessern will, dem ist es bald ganz zerrissen. So das Geistliche vergeht, so ist es schier mit den leiblichen Dingen aus. Wer das Mindeste nicht achten will, der fällt in das meiste Uebel. Vor allen Dingen soll ein Oberer seinen Unterthanen ein gutes Bild vortragen, und mehr mit Werken, denn mit Worten lehren. Eines Dinges muß er sich vertragen, das ist, wenn er sich befleißet, das Allerbeste in den Dingen zu thun, daß man das für das Böseste von ihm aufnehmen wird, und gegen die, wo er sich der allgemeinsten Tugend befleißiget, da wird ihm mit Untugend gelohnt, wie auch Christo, unserm Herrn, geschah. Es muß je gelitten seyn, Niemand mag allermanniglich gleich wohl gefallen, wer aber allermanniglich will gefallen, der wird Gott und der Wahrheit mißfallen. Böser Leute Schelten ist guter Leute Lob.

Er soll wahrnehmen, daß er inwendig des Hauses frevle Gesellschaft, und auswendig schädliche Freundschaft mit Kraft zertrenne; wenn er das Seine dazu thut, so ist er ledig. Wehe der Versammlung, worin diese zwey Gebrechen, denn die wird friedlos, und zuletzt ehrlos. Nun möchte Jemand sprechen: Greife ich das an, so gewinne ich Unfrieden. So spreche ich: Selig ist der Unfriede, denn er gebiert den ewigen Frieden. Wehe denen, die viele Dinge hingehen lassen, und ihres Herzens Frieden darin suchen, von denen Jesajas spricht: Friede, Friede, und ist doch nicht Friede! Sie suchen ihr Gemach, sie haben gern zergängliche Ehre, und vergelten die mit einem Zergehen geistlicher Ehre, und wehe denen, denn sie haben hier ihren Lohn empfangen. Ein guter Oberer suchet Gottes Lob und Ehre lauter, wie der liebe Christus seines ewigen Vaters Ehre suchte, und sich darum an das Kreuz schlagen ließ. Er sollte nicht klagen, bis ihm das Blut aus den eingeschlagenen Wunden vom Haupt über das Antlitz abrönne, wie es die Märtyrer thaten.

Man nahm vor Zeiten die allergelassensten Menschen zu den Aemtern, und nicht die das Ihre suchten. Ich rathe allen Oberen, daß sie sich allezeit in den Grund der Demuth senken, und ihre Kleinheit vor Augen nehmen, und sich vor aller Hoffart hüten, und gedenken, wer sie sind, und wie bald sie verschwinden. Darum, wenn sie Jemand strafen wollen, so sollen sie voran sich selbst strafen und sich befleißen, das Böse mit Gutem zu überwinden. Ein Teufel treibt den andern nicht aus, darum sollen sie aus sanftem Herzen sanfte und harte Worte hören lassen, nach Gelegenheit der Sachen. Gottesdienst zu fördern, soll ihnen über alle Dinge zu Herzen seyn. Sie sollen auch sich selbst nicht vergessen, aber oftmals in dem Tag einkehren, besonders zweymal, das ist, Abends und Morgens sich selbst vornehmen, und eine Weile aller äusserlichen Dinge vergessen, und ihr Gemüth zu Gott aufheben, und alles, ihr Leid und Leiden von ihm empfangen, ihm auftragen, um seinetwillen leiden, und mit ihm in freudiger Weise überwinden. Damit mögen sie in einer Stunde einen ganzen Tag, ja viel mehr wiederholen.

Vollkommenes Leben liegt nicht am Trost haben, es liegt an einem Aufgeben seines Willens in Gottes Willens es sey sauer oder süß, in Unterthänigkeit unter einen Menschen an Gottes Statt, in demüthigem Gehorsam. In dem Sinne wäre mir eine Trockenheit oder Kälte lieber, denn ohne dieses eine hinfließende Süßigkeit. Das bewähret der edle Gehorsam des ewigen Sohnes, der in trockener Bitterkeit vollbracht ward. Dieß spreche ich nicht darum, daß sich Jemand (wie ihrer viele thun) dazu erbieten soll, sondern daß sie, die dazu gerufen werden, dieß Joch geduldig leiden, und das Beste thun, was sie vermögen, und gedenken, wenn ihnen das nicht zugefallen wäre, ihnen wäre vielleicht ein anderes, böseres zugefallen. Der Herr, den sie denn also lauter (wie oben gesagt ist) meinen, der ihnen diese Bürde zugeworfen hat, der kann sie auch wohl nach ihrer besten Seligkeit zu seiner Ehre darin versehen. Daß wir alle demüthige Schafe des obersten Pastors oder Pfarrers werden und bleiben, dazu helfe uns Gott. Amen.

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