Schlachter, Franz Eugen - Samuel und Saul - 3. Hannas Gebet.

Schlachter, Franz Eugen - Samuel und Saul - 3. Hannas Gebet.

Hanna hat nicht immer so gebetet, wie sie es an jenem Tage zu Silo tat, von dem die Schrift uns hier erzählt, 1. Sam. 1,8-18. Auch früher hat sie freilich das Gebet nicht versäumt; sie ging ja jährlich zu dem Zweck nach Silo zur Stiftshütte um anzubeten vor dem HErrn. Aber bisher hatte sie bei diesen feierlichen Gelegenheiten immer ein anderes Gefühl beherrscht, das ihr Gebet verhindert hat, es war die Traurigkeit darüber, dass sie keinen Sohn besaß, und der Ärger, der ihr deshalb von ihrer Widersacherin bereitet ward. Solange man aber von Ärger erfüllt ist und von Verdruss, betet man nicht recht. Nun war ja freilich die böse Peninna an diesem ihren Ärger schuld, Hanna vermochte sich dessen nichts; allein so sehr die gute Hanna ihre üble Laune damit auch zu entschuldigen suchte, es nützte ihr nichts, es ward nur ärger mit ihr, sie mochte gar nicht essen vor Verdruss, und beten konnte sie vollends nicht. So oft sie zu des Herrn Haus hinauf ging, kränkte sie Peninna also, dass sie weinte und nichts aß, und der ganze Gottesdienst ward ihr dadurch verderbt. Beten konnte sie in dieser Stimmung nicht.

So ging es Jahre lang bis zu dem Tag, von welchem unser Text erzählt. Wieder saß Elkanas Familie zu Silo bei dem Opfermahi. Peninna sparte ihre Stichelreden nicht und verderbte damit der guten Hanna allen Appetit. Diesmal aber nahm sich Elkana ihrer an. Er befragte sie um die Ursache ihrer Traurigkeit: Hanna, warum weinst du und warum isst du nicht? Und als er endlich herausbrachte, warum, tröstete er sie herzlich mit der Zusicherung, dass er trotz ihrer Kinderlosigkeit mit ihr zufrieden sei: Bin ich dir nicht besser, denn sieben Söhne? fragte er sie; ich liebe dich ja, ist das nicht genug für dich?

Von diesen Worten ihres Gatten fühlt sich Hanna so getröstet, dass sie isst und trinkt, und mehr als das, sie fühlt, dass sie nun beten kann. Der Ärger weicht von ihr, die Traurigkeit freilich noch nicht. Aber sie steht auf von dem Opfermahl, tritt in den Vorhof hinein und kniet nieder vor des Tempels Tür. Da zum ersten Mal schüttet sie nun ihr Herz gänzlich aus vor dem HErrn, wie nie zuvor. Die Eiskruste ist gebrochen, von der ihr Herz durch Peninnas kalten Spott umschlossen worden war. Ist das nur geschehen durch ihres Mannes Freundlichkeit? Nein, hier muss noch etwas Anderes vorgegangen sein. Gerade die jahrelangen Demütigungen, denen sie ausgesetzt gewesen war, hatten ihr Herz zerschlagen und zerbrochen, dass es nun zum Gott wohlgefälligen Opfer ward.

Hanna betete lang; sie redete zwar nicht viel, aber es ging während dieses Gebetes viel vor zwischen ihr und ihrem Gott. Wir gehen gewiss nicht fehl, wenn wir sagen, dass sie zu allererst in Buße vor ihrem Gott zerflossen ist. „Sie war voll Betrübnis und betete zu dem HErrn und weinte sehr.“ Wie gut, wenn der Ärger über andere erst einmal in Betrübnis über uns selbst und unsere Sünden verwandelt wird. Es steht ja freilich nicht hier, dass Hanna über ihre Sünden betrübt gewesen sei, aber sie befand sich doch in einer völlig veränderten Stimmung als zuvor, ehe sie dem HErrn zu Füßen lag; vorher heißt es nur immer, dass sie weinte, weil sie gekränkt worden sei. Nun aber weinte sie über das, was ihr fehlte. Ihr fehlte ein Sohn; bei uns wird es, entsprechend dem geistlichen Charakter des neuen Bundes, ein tieferer Mangel sein, den wir beklagen. Gleichviel aber, welches dieser Mangel sei, es fragt sich, in welcher Gesinnung beten wir, dass das Fehlende uns gegeben werde? Sind wir, wie Hanna zuerst es war, ärgerlich darüber, dass uns eine bittere Peninna höhnisch diesen unsern Mangel vorgehalten hat, oder sind wir wirklich von Herzen betrübt darüber, dass uns die betreffende Tugend fehlt? Dahin müssen wir so gut wie Hanna kommen, dass unser Ärger der Buße weicht.

Ihr Gebet zeichnet sich aber auch durch das Gelübde aus, das über ihre Lippen geht, dass, was der HErr ihr gibt, sie Ihm wieder geben will. Sie verlangt also den Sohn nicht für sich, sondern für den HErrn. Aber da kann man sagen, dass sie ihre Ehre gleichwohl erhält dabei. Ja gewiss, wer dem e HErrn etwas gibt, büßt deshalb die Ehre durchaus nicht ein, und Kinder, die man dem HErrn und Seinem Dienst weiht, bringen den Eltern größere Ehre ein als die, welche man Ihm vorenthält und der Welt und dem Mammondienst weiht. Hanna setzt aber ihre Ehre darein, dass sie vom HErrn einen Sohn erhält und Seinem Dienst diesen Sohn wieder weihen darf. Denken wir aber nur nicht, dass die Ausführung dieses Gelübdes so leicht gewesen sei für das Mutterherz. Von dem zarten Knaben einige Jahre später sich zu trennen, war keine Kleinigkeit für sie. Aber eben, weil solche Gelübde oft schwer auszuführen sind, werden sie auch nur von Solchen im Ernst abgelegt, deren Herzen dazu bearbeitet worden sind. Ohne die schwere Trübsal, durch die sie gegangen war, hätte Hanna kaum an ein derartiges Gelübde gedacht. Was man ohne viel Mühe bekommt, wird gewöhnlich nicht teuer bezahlt. Ein Kind, das viel Schmerzen und Angst verursacht hat, für dessen Leben man besorgt war, gelobt man eher dem HErrn, als ein anderes, dessen Dasein einem wie selbstverständlich ist. So sehen wir auch an diesem Gelübde Hannas deutlich, wofür es gut war, dass Hanna lange keinen Sohn erhielt und durch viel Trübsal ging.

Heben wir noch einen weiteren Zug bei dieser Beterin hervor, ihre Bescheidenheit. Viele Beter haben es zwar nötig, dass man ihnen statt der Hanna den David zum Muster gibt, der sagt: HErr, tue meine Lippen auf, dass mein Mund Deinen Ruhm verkündige! denn in den Gebets-Versammlungen sind sie stumm wie ein Fisch. Aber alles hat seine Zeit. Bald lesen wir: Hanna betete und sprach (K. 2,1), aber hier steht von ihr: „Hanna redete in ihrem Herzen, nur ihre Lippen bewegten sich, aber ihre Stimme hörte man nicht!“ Es gibt eine Stimmung, in der man nicht laut beten kann, und es gibt Gefühle und Bitten, die man nicht öffentlich auszusprechen braucht; bescheidene und keusche Seelen können dies einfach nicht. Etwas Anderes ist es mit dem Lob, das bricht auch bei der bescheidenen Hanna, wie wir sehen werden, ganz von selbst hervor. Man möge daher einen Wink nehmen, ob es ganz schicklich ist, wenn man die Sündenbekenntnisse und Bußgebete öffentlich provoziert.

Ein solches Beten, wie das der Hanna versteht der Hohepriester Eli nicht, er der doch der Hüter der israelischen Frömmigkeit, der Priester aus den Priestern, der erfahrenste Beter sein soll. Eine Beterin scheint ihm eine so ungewöhnliche Erscheinung zu sein, dass er sie für eine Betrunkene hält. Wir können zu seiner Entschuldigung vermuten, dass das Beten damals nicht sonderlich Mode war in Israel, das Trinken dagegen bei den Opfermahlzeiten nicht immer in den gehörigen Schranken blieb. Aber waren nicht eben die Priester großenteils an diesen traurigen religiösen Zuständen schuld? „Die Leute lästerten das Speisopfer des Herrn,“ weil Elis Söhne so schändlich umgingen damit. Wenn die Priestersöhne fluchten, wer wollte da noch beten beim Heiligtum? Umso mehr aber müssen wir es an Hanna loben, dass sie durch das, was sie von der Priesterschaft nachteiliges wusste, sich nicht abhalten ließ. Sie hatte es eben nicht mit den Priestern zu tun, sondern mit dem HErrn; wenn Eli sie nicht angeredet hätte, hätte sie ihn vielleicht nicht einmal bemerkt. In dem, was er zu ihr sagt, begegnet uns ein wohlbekannter Zug. Urteilen nicht auch noch jetzt ungeistliche Menschen, so wie er über ein Gebet, das sich nicht in den hergebrachten Formen bewegt? Eli bekleidete ja wohl das höchste geistliche Amt in Israel, deshalb zeigt er aber doch hier äußerst wenig geistliche Urteilskraft. Ein Gebet außer der gewohnten Zeit des Gottesdienstes kam ihm seltsam vor. Betete dieses Weib nun gar noch andere als andere Leute, so musste sie sicher nicht bei gutem Verstand sein. Wir kennen diese „Geistlichen“ von Elis Sorte auch, denen ein außergewöhnliches Beten gleich als etwas Ungesundes erscheint. Man darf nur zum Gebet zusammen kommen außer der gottesdienstlichen Stunde, so wird das von ihnen schon als etwas Übertriebenes verpönt; jede freie Äußerung der Herzensfrömmigkeit geht über ihren Horizont und wird als Überspanntheit oder gar als Heuchelei taxiert. Schön nimmt sich dagegen Hannas Demut aus, die sich durch Elie hartes, ungerechtes Wesen nicht in den Harnisch bringen lässt. Zerbrochene Herzen werden auch dadurch nicht beleidigt, dass man ihre Frömmigkeit missversteht. Manche andere Fromme wären zornig auf und davon gerannt und hätten den „gottlosen Priester“ verflucht. Hanna nicht; bescheiden klärt sie das Missverständnis auf: Nein, mein Herr, sagt sie ehrerbietig, ich bin ein betrübtes Weib, Wein und starkes Getränke habe ich nicht getrunken, sondern ich habe mein Herz ausgeschüttet vor dem Herrn. Du wollest deine Magd nicht achten wie eine Tochter Belials (b. h. wie ein nichtsnutziges Weib), denn ich habe bisher aus großem Kummer und Herzeleid geredet. Und weit entfernt davon, nun über Eli ärgerlich zu sein, nimmt sie gerne den Segen mit, den er ihr erteilt, und womit er ihr Hoffnung auf die Erhörung ihrer Bitte macht. Das müssen wir hier nun doch auch sagen, so wenig vorteilhaft der Eindruck ist, den man zuerst von Eli empfängt, es ist denn doch auch noch ein gutes Herz in ihm. Verstünden wir es besser, die Missverständnisse freundlich zu heben, so würde noch mancher Mann, der zuerst wie Eli hart geurteilt hat über die Frommen, anders gesinnt gegen sie. Demut macht besseren Eindruck als der Trotz.

Und so nimmt Hanna denn einen Segen mit von ihrem Gebet. Gerade das, was ihr Gebet stören zu wollen schien, brachte ihr die Versicherung der Erhörung ein, und als sie aufstand und zurückkehrte vom Gebet, sah man es ihr an, dass sie ihrer Last los geworden war. „Also ging das Weib hin ihren Weg und aß und sah nicht mehr so traurig aus“, oder wie es genauer heißt: „sie machte ihr Gesicht nicht mehr.“ Das sollte mindestens auch bei uns der gute Einfluss sein, den unser Beten auf uns hat. Kehren wir aus der Betstunde oder aus dem Kämmerlein mit einem sauren Gesicht zurück, so sind weder wir noch unsere Hausgenossen sonderlich erbaut davon, und auch der HErr wird nicht dadurch geehrt. Glänzt aber unser Angesicht wie bei Mose, als er von dem Berge Gottes kam, dann merkt man, dass unser Gebet nicht umsonst gewesen ist.

Cookies helfen bei der Bereitstellung von Inhalten. Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung der Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass Cookies auf Ihrem Computer gespeichert werden. Außerdem bestätigen Sie, dass Sie unsere Datenschutzerklärung gelesen und verstanden haben. Wenn Sie nicht einverstanden sind, verlassen Sie die Website.Weitere Information
autoren/s/schlachter/schlachter-samuel_und_saul/schlachter_franz_eugen_-_samuel_und_saul_-_3.txt · Zuletzt geändert: von 127.0.0.1
Public Domain Falls nicht anders bezeichnet, ist der Inhalt dieses Wikis unter der folgenden Lizenz veröffentlicht: Public Domain