Riggenbach, Christoph Johannes – Matth. 11, 25-30, 6. Predigt

Riggenbach, Christoph Johannes – Matth. 11, 25-30, 6. Predigt

Zu derselbigen Zeit antwortete Jesus und sprach: Ich preise dich, Vater und Herr Himmels und der Erde, daß du solches den Weisen und Klugen verborgen hast, und hast es den Unmündigen geoffenbaret. Ja, Vater, denn es ist also wohlgefällig gewesen vor dir. Alle Dinge sind mir übergeben von meinem Vater. Und niemand kennet den Sohn, denn nur der Vater; und niemand kennet den Vater, denn nur der Sohn, und wem es der Sohn will offenbaren. Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken. Nehmet auf euch mein Joch und lernet von mir; denn ich bin sanftmüthig und von Herzen demüthig: so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.

Im Namen des Herrn haben wir das neue Jahr begonnen. Schon mehr als die Hälfte des ersten Monats haben wir zurückgelegt. Die festliche Zeit liegt hinter uns. Das Leben ist in seinen gewohnten Gang zurückgekehrt. O daß unser gewohnter Gang ein guter Gang sei zum rechten Ziel des wahren Lebens! Worin steht dasselbe? Das ist aber das ewige Leben, spricht der Herr Jesus betend zu seinem Vater, daß sie dich, daß du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesum Christum, erkennen. Von dieser rechten Erkenntniß Gottes, die unser Leben ist, redet auch unser Text; lehrt uns, was sie sei, und zeigt uns auch den Weg dazu. Dem lasset uns unsere Herzen öffnen.

Und du, o Herr, lebendiger Gott, gib dem Samenkorn deines Worts Wachsthum und Gedeihen in unsern Herzen. Himmlischer Vater, zeuch uns zu deinem Sohne. Sohn des Vaters, offenbare uns den Vater. Gib den Geist, den rechten Beistand, in unsere Herzen, daß sie dir zur bleibenden Wohnung bereitet werden. Amen.

I.

Es mußte dem Herzen des Herrn Jesu ein tiefer Schmerz sein, auf die Städte zu blicken, wo er nun schon Jahre lang gewirkt, die Freudenbotschaft vom Himmelreich verkündigt, die Elenden aller Art gesund gemacht hatte, und doch so wenig wahre, volle Wirkung sah; so wenig Seelen fand, in denen eine rechte Sinnesänderung zu Stande kam; bei den meisten sah, wie die Gotteskräfte, die sich unter ihnen kund gaben, keine Frucht schafften; wie die Leute hingingen ohne Gottes zu achten, ohne nach einem göttlichen Leben zu trachten. Wir vernehmen seine Klage darüber, seine Anklage der Städte Chorazin, Bethsaida, Kapernaum. Wir sind's gewiß, daß der über Jerusalem weinte, auch über die genannten Städte nicht anders als mit tiefem Schmerz jenes Wehe rief.

Nun aber heißt es in unserm Texte: zu derselben Zeit antwortete Jesus und sprach: Ich preise dich, Vater und Herr Himmels und der Erde, daß du solches den Weisen und Klugen verborgen hast, und hast es den Unmündigen geoffenbaret. Es ist als hätte er sich eine Weile in jenen tiefen Schmerz versenkt, und nun hebe er auf einmal von neuem an, und zwar in einem ganz andern Ton; hebe an, nicht zu klagen, sondern zu lobpreisen. Ja, das thut er, und zwar gerade darüber, daß es Gott also geordnet. Die Weisen dieser Welt, die alles erforschen und beurtheilen, die Klugen, die alles verstehen, alle Kräfte der Natur berechnen und beherrschen, alle Gedanken und Bestrebungen ihrer Nebenmenschen beobachten und Nutzen daraus zu ziehen wissen, sie trauen sich das Höchste zu. Aber wenn sich's nun wirklich um das Höchste handelt, um Gott und göttliches Leben, um die Gotteskräfte und was sie in den Menschen ausrichten wollen, um Sinnesänderung, um die neue Geburt: da spricht der Herr Jesus: solches ist ihnen verborgen; ihre Weisheit vernimmt es nicht, ihre Klugheit versteht es nicht; du, o Vater, hast es also eingerichtet; du, o Vater, hast es ihnen verborgen, und ich preise dich darum, dein Gericht ist heilig; ja, Vater, also ist es wohlgefällig gewesen vor dir. Wahrlich, des Herrn Gedanken sind anders als unsere Gedanken. Uns, wenn wir den eigenen Gedanken folgen, will solches gar nicht Wohlgefallen. Haben wir angefangen, an dem, was unseres Gottes ist, Freude zu haben, so meinen wir natürlicher Weise, es sollten alle Freude daran haben. Der Wahrheit des Evangeliums, der seligmachenden Gotteskraft Christi, sollten alle zufallen.

Jede Zunge soll bekennen,
Jesus sei der Herr zu nennen.
Dem man Ehre geben muß

das sollte gelten. Daß es aber nicht so stehet, daß der Mensch von Natur kalt, gleichgültig, zweifelsüchtig, feindlich dagegen ist: das thut uns wehe, das kränkt uns, das macht uns ungehalten. Es wird uns zur Anfechtung, wenn die Welt ihren Gang geht, als gäbe es keinen Christus, wenn sie gar ihn höhnt und schmäht und mehr und mehr aus dem Ton redet: lasset uns zerreißen seine Bande und von uns werfen seine Seile! wir wollen nicht, daß dieser über uns herrsche! Und wenn nun gar der Herr selber zu dem Allem schweigt, was in der Welt Böses geht und Gottloses triumphiert: das ist gar nicht wohlgefällig vor unsern Augen. Meine Theuren, lasset uns lernen, nach Christi Sinn darüber urtheilen. Er, der Sohn, sagt ja zu dem, was dem Vater wohlgefällt, auch zu dieser rätselhaften Ordnung seines Regiments, die wir noch nicht verstehen, daraus wir noch nichts anderes zu erkennen vermögen, als: unser Gott ist ein verborgener Gott.

Halten wir ihm still, so läßt er uns doch nicht ohne Licht: Alle Dinge sind mir übergeben von meinem Vater, so spricht der Herr Jesus. Mag's der Welt verborgen sein, mag sie den Kopf dazu schütteln, mag sie laut darüber höhnen, es bleibt doch dabei, es ist dennoch wahr: alle Dinge sind mir übergeben, spricht der Herr Jesus; von Rechts wegen bin ich der Herr aller Dinge. Das sprach er zu einer Zeit, wo es noch viel widersinniger als heute zu klingen schien. Zwar für empfängliche Herzen waren die Wunder, die er that, ein Zeichen seiner Königswürde. Aber daneben welche Knechtsgestalt - welche Armuth und Niedrigkeit! welche Schwachheit bis zum schmachvollen Tod am Kreuze! Einem solchen sollten alle Dinge von seinem Vater übergeben sein? Wir nun, vor deren Augen jene damaligen Wunder nicht geschehen, wir sehen größere denn jene; wir sehen, wie durch Jahrtausende und über Länder und Meere der Gekreuzigte seine Herrschaft ausgebreitet hat, ohne irgend ein Mittel der Könige dieser Welt, rein durch die Eroberungskraft, durch die Trostkraft, durch die Lebenskraft des thörichten Wortes vom Kreuze; also daß wir genug haben, uns daran zu halten: sei's den Weisen und Klugen dieser Welt verborgen, sei uns selber der Herr in seiner Herrlichkeit noch nicht offenbar, es ist dennoch auch vor dem Offenbarwerden alles Glaubens werth: alle Dinge sind ihm übergeben von seinem Vater. Er ist der Herr aller Dinge, der König aller Könige. Er regiert alles, so wenig es auch den Anschein hat, fortschreitend nach dem Ziele hin: sein Reich über alle Welt aufzurichten.

Ist aber dies sein Werk, was muß sein Wesen sein? Wer will das wissen aus menschlichen Gedanken? Niemand kennt den Sohn, denn nur der Vater. Auch das ist den Weisen und Klugen verborgen. Sie meinen, sie können über Alles, sie können auch über Jesum urtheilen nach ihren Menschengedanken. Aber siehe, das geht nicht. Da ist nichts als Räthsel auf Räthsel. Da redet er als göttlicher König - welcher Mensch darf so reden? und redet wieder von seiner Sanftmuth und Demuth, und das ganze Evangelium gibt uns den Eindruck: so redet er nicht allein, das ist er wirklich; er ist in der Thal der reine, heilige, unschuldige, unbefleckte, von den Sündern abgesonderte, der von keiner Sünde wußte, in dessen Mund kein Betrug erfunden ward; und dieser wahrhaftige Zeuge spricht fort und fort von seiner Weltrichterherrlichkeit. Wer kann's verstehen? Die Weisen und Klugen nach der Welt Art nicht. Wer aber ein Herz zu ihm gefaßt hat, der tröstet sich des Wortes: Niemand kennet den Sohn, denn nur der Vater; also wollen wir aufhören, uns menschliche Gedanken von ihm zu machen.

Und niemand kennet den Vater, denn nur der Sohn. Will er damit sagen: niemand könne ohne ihn, den Herrn Jesum, irgend etwas wissen von Gott? Das sagt er nicht. Er sagt nichts, das im Widerspruch wäre mit den Worten seines Apostels, der im Brief an die Römer schreibt: daß man weiß, das Gott sei, ist ihnen offenbar, den Menschen überhaupt, auch den Heiden, meint er; Gott hat es ihnen geoffenbart; damit, daß Gottes unsichtbares Wesen, das ist seine ewige Kraft und Gottheit, wird ersehen, so man deß wahrnimmt, an den Werken, nämlich an der Schöpfung der Welt; also daß sie keine Entschuldigung haben. Wahrhaftig, Himmel und Erde in ihrer großen, weifen, wundervollen Ordnung zeugen mächtig von dem großen Gott, dem Herrn Himmels und der Erde, also daß nur der Thor in seinem Herzen spricht: es ist kein Gott. Aber diesen Herrn des Himmels und der Erde als Vater erkennen, das vermögen wir nicht ohne durch den Sohn. Eine Fülle des Lebens hat der Schöpfer in die Schöpfung ergossen; wir sehen's und freuen uns desselben. Aber auch der Tod herrscht darin auf hundertfache Weise; seine Qualen schneiden in unser Leben ein. Warum das? wozu das? gibt es eine Hoffnung über den Tod hinaus? Die Schöpfung sagt es uns nicht. Wir können es ahnen, suchen, hoffen, wünschen, aber aus der Schöpfung lernen wir's nicht, was der Schöpfer für ein Herz gegen uns habe. Drückt uns aber vollends im Gewissen das Bewußtsein der eigenen Verschuldung; geht uns das Licht auf, daß wir für unsere wirkliche Sünde eine wirkliche Versöhnung und Vergebung bedürfen, nicht bloß eine von uns erdachte, das wäre keine, sondern eine von Gott selber stammende: so lehrt uns auch darüber die Schöpfung nichts. Die größten Forscher in der Natur, wenn sie zugleich lebendige Christen waren, haben den Frieden ihres Gewissens durchaus nicht in der Natur gesucht. Copernikus, der berühmte Sternkundige, faßte für sich selber eine Grabschrift ab, darin er sein Vertrauen auf nichts als auf die Gnade gründet, die Christus dem Schacher erwiesen habe.

In der That, die Schöpfung leitet uns wohl an, zu erkennen: es muß ein großer Gott sein, der das alles gemacht hat, erhält und regiert. Was aber dieser Gott sei in sich selber und welche Gedanken er habe gegen uns, das lehrt uns die Schöpfung nicht. Ein Fragen, Forschen, Suchen, Ahnen können wir haben, aber aus uns selber nicht ein Kennen des Vaters, das diesen Namen verdient. Was Gott in sich selber sei und welche Gedanken er gegen uns habe, das können wir nur erkennen, wenn er sich selber uns aufschließt durch eine Offenbarung, die höher ist als die durch Himmel und Erde. Das thut er eben durch den Sohn. Niemand kennt den Vater, denn nur der Sohn, und wem es der Sohn will offenbaren.

Welch majestätisches Wort! welche Gleichstellung des Sohnes mit dem Vater! Den Sohn kennt nur der Vater, den Vater nur der Sohn: das ist gegenseitig; der Sohn des Vaters Ebenbild. Welcher Mensch hat je so geredet? welcher bloße Mensch dürfte so reden? Hat das einen Anfang gehabt? Das göttliche Wesen hat nicht Anfang noch Ende. Der Vater kennt den Sohn, der Sohn den Vater, das ist etwas Ewiges; wie jenes andere Wort: der Vater hat den Sohn lieb! auch nicht erst in der Zeit angefangen hat. Du hast mich geliebt, spricht der Herr Jesus, ehe denn die Welt gegründet ward. Also was ist das Wesen Gottes in sich selber? ewige Liebe! und was sind die Gedanken, die er gegen uns hat? nichts als Liebesgedanken des Gottes, der unser Vater ist. Nicht die Schöpfung sagt uns solches. Fraget einmal die Heiden, die nichts als die Schöpfung haben, ob sie solches wissen? Sie wissen's nicht! Niemand kennt den Vater, denn nur der Sohn, und wem es der Sohn will offenbaren.

Ja, den Vater kennen, das erst hieße Gott recht kennen! Ein Kind, das seinen Vater kennt, wie ist ihm zu Muthe? es liebt den Vater; es weiß: der Vater hat mich lieb; es vertraut dem Vater; ist er bei ihm, so vergeht ihm die Furcht; es weiß: der Vater laßt mir nichts Böses geschehen; der Vater braucht es ihm nicht einmal mehr zu sagen, wie er's mit ihm meint; es weiß es ohne Worte, es kennt des Vaters Herz; selbst wenn er es züchtigen muß, so thut's ihm zwar weh, aber es bleibt ihm doch anhänglich, es wird nur um so zärtlicher, wenn es spürt: ich hab's verdient. Kann das sein zwischen einem menschlichen Kinde und seinem menschlichen Vater, ungeachtet wir unsere Kinder ziehen und züchtigen nach unserm Dünken, das heißt mit so manchem Mißgriff, mit einer so gar mangelhaften Verwirklichung dessen, was ein rechter Vater sein soll: o was ist es, wenn wir den Vater kennen, der allein der rechte Vater ist, wenn wir nicht mehr nur aus der Schöpfung merken: das ist ein großer Schöpfer, der sie gemacht hat, sondern wissen auf's allergewisseste: dieser große Schöpfer ist unser Vater; er ist väterlich gegen uns gesinnt; er ist bei uns, wovor sollte uns grauen? er liebt uns, und wenn wir auch nichts von ihm sehen, wenn er auch schweigt, als wäre er gar nicht da, wir kennen ihn gleichwohl auch ohne Wort; wir kennen unsers Vaters Art; in allem was er uns wiederfahren läßt, sei es noch so schwer, ist nichts, das uns irre macht; in der schärfsten Züchtigung spüren wir des Vaters Hand, des Vaters Herz; wir sind seiner gewiß, wir kennen ihn. Nicht wahr, ihn so kennen, das ist unser Leben? O daß wir doch unsern Vater also kenneten! Aber wie kommen wir dazu?

II.

Niemand kennt den Vater, denn nur der Sohn und wem es der Sohn will offenbaren. Wem er will - wornach richtet sich das? nach Willkür? nach parteilicher Gunst? Das sei ferne! vielmehr: wem will er nicht? Allen will er, die nur selber wollen! Er will, daß allen geholfen werde und alle zur Erkenntnis der Wahrheit kommen; alle, die sich seinen Weg gefallen lassen. Daran freilich liegt es, daß er's nicht allen thut: es sind nicht alle bereit, empfänglich, willig dazu. Darum kann er's nicht allen offenbaren. Er kann und, will es nur denen thun, denen es auch der Vater thut, und welche sind das? Den Unmündigen hast du es geoffenbaret, spricht der Sohn zum Vater; den Mühseligen und Beladenen sagt er selber: Kommet her zu mir. Wer sind diese Unmündigen, diese Mühseligen und Beladenen?

Die Unmündigen stehen gegenüber den Weisen und Klugen, denen die Geheimnisse Gottes verborgen sind. Also Weisheit und Klugheit machen's nicht aus im Reiche Gottes. Die Verstandesgaben, mit denen man alles in der Welt erforscht und erobert, gewinnen es nicht in diesem Gebiete. Aber auch nicht der Mangel au Verstandesgaben, auch nicht die Dürftigkeit der natürlichen Geisteskräfte hat die Verheißung: dir kann's nicht fehlen; noch weniger die Trägheit und Untreue im Gebrauch der Gaben, die ein Mensch von Gott empfangen hätte. Kann doch selbst mit einem beschränkten Verstand, selbst mit sträflichem Unfleiß ein großer Eigendünkel sich verbinden. Nein, die Unmündigen, denen der Herr Jesus die Offenbarung Gottes zuspricht, das sind andere Leute; das sind solche, haben sie nun ein volleres oder bescheideneres Maaß des natürlichen Verstandes, die dahin gelangt sind, daß sie für die Erkenntnis Gottes, für den Frieden mit Gott, für die Versöhnung mit Gott auf ihren eigenen Verstand sich gar nicht verlassen, sondern mit Verläugnung des eigenen Ich als völlig Unmündige sich vor Gott einstellen; das sind solche, die sind klein vor Gott aus freien Stücken; das sind solche, denen ist das Licht aufgegangen: ich bin und habe und vermag nichts aus mir selber; ich kann und muß alles nur wie ein unmündiges Kind vom Vater empfangen.

Geht das leicht und bald, daß sich ein Mensch in solcher Art bei seinem Gott einstellt? es wäre das natürlichste, das sich von selbst verstehen sollte. Aber eben darum ist es das, was unserm verkehrten Herzen vielleicht gar lange am schwersten fällt. Wir sind voll von uns selber, vom Wohlgefallen am eigenen Ich, vom Stolz auf das, was wir sind und vermögen, vom Trachten nach der Eigengerechtigkeit. Darum eben muß er sein Heil denen, die in ihren eigenen Augen weise und klug sind, verbergen; darum eben muß er uns lassen Mühselige und Geladene werden, auf daß wir uns entschließen, als Unmündige uns einzustellen.

Mühselige und Geladene, was will das heißen? wer ist ein solcher? Wir sollten denken, das sei nicht schwer zu sagen. Gibt es doch der Mühen und Nöthe so mancherlei, die als schwere Last auf die Menschen drücken. Aber wie lange können sie unter diesem Druck dahingehen, und sind doch noch nicht solche Mühselige und Beladene, welche die Einladung des Herrn annehmen. Sie gehen dahin in weltlicher Traurigkeit, in Zorn und Verzagen über ihr hartes Schicksal, in Unwillen gegen andere, die sie beschuldigen, in Verzweiflung und doch nicht in rechter Reue über ihre eigene Schuld. Denn schrecklich weit kann der Mensch es darin treiben, die eigene Sünde nicht als Sünde zu erkennen und nicht als die Schuld, warum er so gestäupet werde. Selbst bei grober Sünde ist das möglich, geschweige bei solcher, die vor den Menschen wenig geachtet wird, ich nenne z. B. die Zungensünden, das harte, lieblose, verächtliche Reden von seinem Nächsten. Und fängt er an inne zu werden, daß niemand als er selber sich das und das Elend zugezogen hat, und spürt mit Angst: das muß anders werden, sonst geht es schlecht mit mir! siehe, wie selten geschieht's, daß einer sich gleich an die rechte Quelle wendet; vielmehr er selber will sich helfen, faßt Vorsätze, nimmt Anläufe, macht Anstrengungen, ohne nach Gott zu fragen, fällt zurück und verzagt: mir ist nicht zu helfen. Hältst du denn den lebendigen Gott für nichts? Der Herr Himmels und der Erde, will er nicht dein Vater sein? Du Mühseliger und Geladener, der du dich abquälst in deinen eigenen Werken, und machst deine Last noch immer schwerer: höre, wie dein Heiland ruft: komm her zu mir! Ich auch? ich bin ja viel zu schlecht! Aber sagt er denn: kommet, ihr Braven und Gerechten? nein, ihr Mühseligen und Beladenen - bist du das nicht? Aber geht es denn wirklich auch mich an? wie kann ich das wissen? Wenn du das Wörtlein in Acht nimmst: kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; alle! gehörst du denn nicht dazu?

Also kommet alle! komm auch du! Ihr wißt ja wohl, nicht mit den Füßen; nicht ein örtliches Kommen gilt es. Wo er ist, im Himmel, da könnt ihr jetzt nicht hinkommen; und habt's auch nicht nöthig, denn obwohl im Himmel, ist er euch doch allezeit nahe mit seinem Geist und Wort. Aber dazu kommet. Ihr habt vielleicht bisher sein Wort unverantwortlich vernachlässigt: kommet, höret, lernet von ihm! vielleicht versteht ihr seine Sprache noch nicht recht, seine Stimme ist euch gar ungewohnt, was er euch persönlich sagt, vernehmet ihr noch nicht. Aber eben darum müßt ihr lernen; nicht die Zeitungen fleißiger lesen als Gottes Wort; nicht dieses nach dem ersten Befremden zur Seite legen; sondern lesen und wieder lesen, anhaltend lesen, nachdenkend lesen, betend lesen. Fangt etwa mit der Bergpredigt an oder mit Lucas Capitel 15, oder mit dem Brief an die Römer, und prüfet euch: bin ich ein solcher, den das und das Wort angeht? was sagt es mir? so höret und gehorchet.

Lernet von Ihm, dem Sanftmüthigen und von Herzen Demüthigen; lernet Sanftmuth und herzliche Demuth von Ihm. Sanftmuth, das heißt: stille halten, wenn euers Gottes Hand auf euch liegt. Demuth, das heißt willig sein, daß er euch erniedrige und mehr und mehr von jeder Höhe herunterbringe. Das laßt euch gefallen. Gebet auf den eigenen Dünkel zu behaupten. Nicht an Menschen werfet euch weg, aber unter die Hand eures Gottes demüthiget euch. Gebet ihm Recht, wenn er euch züchtiget, wenn er euch scharf züchtiget, sprechet: ich hab's verdient! Nehmet auf euch dieses Joch. Abschütteln ist das Streben des natürlichen Menschen. Auf sich nehmen zeigt den, der bei Christo will in die Lehre gehen. Es darf nicht mehr euer erstes Verlangen sein: daß nur die Strafe aufhöre! daß die Sünde aufhöre, daß ihr Vergebung findet und Befreiung von ihrer Tyrannei, darnach muß euer ganzes Verlangen sich strecken. Bleibt auch noch eine Zeitlang oder selbst lange Zeit die Strafe, so erkennet, wie nöthig ihr das habt, um den alten Menschen wirklich drunten zu halten, um euch wahrhaftig im Schreien nach Gott zu erhalten. Verzaget nicht! werfet euer Vertrauen nicht weg! traget ihr das Joch als Christi Joch, wahrhaftig ihr werdet's inne werden, daß sein Wort nicht lügt, daß er euch nicht umsonst verheißt: Ich will euch erquicken, ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen; denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.

O es kann schwer auf einem Menschen liegen - es kann die Last ihn drücken schier bis in des Todes Staub. Es kann sein, daß er klagen muß: alle deine Wasserwegen und Wellen gehen über mich, oder auch: meine Gebeine verschmachten, mein Saft vertrocknet, wie es im Sommer dürre wird. Und daß das sogleich von ihm genommen werde, ist keinem Christenmenschen verheißen, wäre auch gar nicht gut für ihn. Das aber ist ihm verheißen, selbst mitten in Kreuz und Trübsal: wohl dem, dem die Uebertretungen vergeben sind, dem die Sünde bedecket ist; wohl dem Menschen, dem der Herr die Missethat nicht zurechnet, in deß Geiste kein Falsch ist. Muß er dann auch das Joch auf sich nehmen, die Last noch ferner tragen: wer sie mit Christo dem Gekreuzigten und als ein von ihm Begnadigter trägt, dem wird sie sanft und leicht, er kann sie tragen, bis der Herr die Zeit ersieht, und wär's auch erst am Ende der Erdentage, sie völlig von seinen Schultern zu nehmen.

Verstehen wir jetzt, warum der Herr Jesus den Vater preist, daß er solches den Weisen und Klugen verborgen habe? Es muß so sein, daß die sich auf ihre Weisheit und Klugheit verlassen, nichts davon verstehen, daß nur der schmale Weg und die enge Pforte übrig bleibe: Christi Joch auf sich zu nehmen, Christi Last zu tragen, an Christi Kreuz den alten Menschen zu kreuzigen, sich selbst abzusterben, um Gotte zu leben. Achten die Weisen und Klugen es nicht, laß sie weise und klug sein in dieser Welt, du aber rette deine Seele. Komm als ein Mühseliger und Beladener, stelle dich als ein Unmündiger ein, werde ein Kind der himmlischen Weisheit, das seine Mutter rechtfertigt, werde einer der Kleinsten im Himmelreich, der doch größer ist als selbst Johannes der Täufer. So ihr die Züchtigung erduldet, so erbietet sich euch Gott als Kindern, und nun kennet ihr den Vater und wißt aus Erfahrung: ja, solches Erkennen ist das ewige Leben! Amen.

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