Müller, Heinrich - Gebet für die Kranken

Müller, Heinrich - Gebet für die Kranken

Ist Jemand krank, der rufe zu sich die Aeltesten von der Gemeine und lasse sie über sich beten und salben mit Oel in dem Namen des Herrn: und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen und der Herr wird ihn aufrichten, und so er hat Sünden gethan, werden sie ihm vergeben seyn. Jak. 5, 14. 15.

Luther wurde eines Tags zu einer Frau gerufen, die an schwerer Krankheit darnieder lag und um so mehr nach ihm verlangte, je begieriger sie sonst das Wort Gottes von ihm in der Kirche gehört hatte. Als Luther zu ihr kam. lag sie gerade in einer großen Schwäche, doch als sie die Augen aufschlug und ihn an ihrem Bette sah, wurde ihr Herz und Angesicht fröhlich; sie richtete sich auf, grüßte ihn freundlich und sprach: „Ach, mein lieber Vater in Christo, bittet Gott für mich!“ Darnach fiel sie wieder auf das Lager zurück. Luther sprach zu den Umstehenden: „Sie ist am Leibe geplaget, aber die Seele ist selig und wird erhalten; darum lasset uns Gott danken und bitten für sie!“ und betete laut das Vaterunser über sie und beschloß das Gebet mit den Worten: „Herr Gott, himmlischer Vater, der du uns und die Kranken Hast heißen beten, wir bitten dich durch Jesum Christum, deinen lieben Sohn, daß du diese deine Dienerin von ihrer Krankheit und von des Teufels Banden gnädiglich erlösen wollest. Schone doch, lieber Gott! ihrer Seelen, die du sammt ihrem Leibe durch deines lieben Sohnes Jesu Christi Blutvergießen erworben und errettet hast von der Sünden, des Todes und des Teufels Gewalt.“ Darauf sagte das kranke Weib: „Amen!“ und sprach zu Luther: „Ach lieber Vater, bittet Gott für mich, daß ich an dem Herrn Christo bleiben möge, welchen Ihr mir gar treulich geprediget habt; der ist mein einiger Trost und Leben. Ob er gleich jetzunder stäupet, so thut ers darum, daß er mich demüthige, aber nicht, daß ich durch dieß unselig werde. O du lieber Herr, Jesu Christe, gieb mir Geduld und Erkenntniß meiner Sünden!“

Da tröstete sie Luther mit Gottes Wort und sprach, sie sollte in ihrer Trübsal den väterlichen Willen Gottes erkennen und ihm sich befehlen, denn er züchtige seine Kinder, auf daß ihr Geist selig werde. Das Weib aber that ein herrlich christliches Bekenntniß ihres Glaubens, und Danksagung für Gottes Gnaden und sprach: „Ich bin stolz und hoffärtig gewesen, Hab mich auf den Schmuck mehr als auf Gottes Wort beflissen; es gieng mir zu einem Ohr ein und zum andern aus. Aber jetzund bin ich in der rechten Schule, da mir Gott prediget. Ach, hilf, lieber Herr Gott, um deines Sohns willen, daß es Frucht schaffe!“ Nachdem Luther ihr noch weiter zugesprochen, daß sie im Glauben bleiben und an Gottes Wort sich halten solle, schied er von ihr. Ihr aber blieb der Friede Jesu im Herzen und dieselbe Nacht auch leiblich gute Ruhe. Darnach kam zwar die Schwachheit zum öftern wieder, ist aber zuletzt gnädiglich erlöst worden, ob durch Genesung zu völliger Gesundheit oder durch einen seligen Tod, ist in der Geschichte nicht beigefügt. Ader ob so oder anders, jedenfalls lehrt das Beispiel dieser Frau, was jeder Kranke thun soll, daß seine Krankheit nicht zum Tode, sondern zur Ehre Gottes und zu seiner Seelen Seligkeit diene.

Die meisten Heilmittel wurden ehemals ans Oel bereitet, daher der Apostel sagt, der Kranke solle sich salben lassen mit Oel, und damit lehret, daß Christen die natürlichen Heilmittel wohl gebrauchen sollen, ihr Vertrauen aber sollen sie nicht auf diese setzen, sondern auf Gott und dessen Hülfe. Das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen zur Genesung für dieses oder jenes Leben. In Christo Jesu selig abscheiden, ist die beste Genesung und Hülfe. Wen Gott ins Kreuz schickt, den schickt er eben damit in die Schule. Zu einer Schule gehört aber auch ein Lehrer; daher muß der Kranke seinen Seelsorger rufen lassen, und das nicht erst, wenn er fühlt, es gehe mit seinem Leben zu Ende, sondern je bälder, je besser. Wir sollen nicht bloß lernen in Christo sterben, sondern auch für den Fall, daß der Herr unsern Jahren zulegt, in Christo leben. Zu Diesem, wie zu Jenem ist noch, daß wir uns vom heiligen Geiste in sein Wort und durch dieses in unser Herz und Gewissen führen lassen. Da fehlt es dann freilich nicht an Demüthigung, aber auch nicht an Erquickung und Trost, der Herr beugt, aber er richtet auch auf und schafft durch die Züchtigung eine friedsame Frucht der Gerechtigkeit Denen, die darin geübet sind. Wache und bete, daß dir diese Frucht nicht entgehe. Was Gott auferlegt, das mußt du leiden, du kannst es nicht ändern, aber daß du aus dem Leiden den Segen gewinnest, den dir Gott durch dasselbe zugedacht hat, das stehet bei dir; sorge bei Zeiten, daß du ihn erlangest, es gehe zum Sterben oder zum Leben; die Krankheit nimmt oft schnell also zu, daß man nicht mehr Kraft hat, erst zu sammeln, was der Seele noth thut; man muß es gesammelt haben, um auszuharren bis ans Ende, bedenke, was zu deinem Frieden dient!

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autoren/m/mueller_h/heinrich_mueller_andachten_gebet_fuer_die_kranken.txt · Zuletzt geändert: von aj