Marheineke, Philipp - III. - Von der göttlichen Sicherheit, womit der Erlöser in seiner letzten Stunde sagen konnte: es ist vollbracht.

Marheineke, Philipp - III. - Von der göttlichen Sicherheit, womit der Erlöser in seiner letzten Stunde sagen konnte: es ist vollbracht.

Im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Wenn irgend etwas uns in jedem nachdenklichen Augenblick an die Hülfsbedürftigkeit und Ohnmacht des menschlichen Geschlechts erinnern kann, so ist es unstreitig die auffallende Unsicherheit aller Erfolge menschlicher Thätigkeit. Wie klug auch menschlicher Verstand alle Kräfte und Umstände berechnen, wie fein und vorsichtig er auch alle Plane anlegen, wie besonnen und weise er sie auch durchführen mag, immer wird etwas dabei seyn und übrig bleiben, was weder auf uns, noch auf Andere, sondern offenbar auf eine höhere Verkettung der Dinge, auf eine unsichtbare Verwebung der Lebensfaden ankommt und was der unfromme Menschenverstand Schicksal, Glück und Zufall zu nennen pflegt. Das Beginnen und Enden unseres irdischen Daseyns und das Leben selbst dazwischen geht in allen Richtungen, uns unbewußt und unbekannt, durch alle unsre Thaten und Schicksale nach einem von Gott angeordneten Plane, welchen wir weder mit Sicherheit anlegen, noch abwenden oder vermeiden können.

Ist solche Unwissenheit über den Erfolg eins von den Zeichen menschlicher Beschränktheit und Unvollkommenheit, und muß uns dieselbe zur Demuth und Hingebung an Gott bewegen, so müssen wir hingegen an dem Erlöser um so mehr die Sicherheit bewundern, womit er auch die Erfolge seines Lebens und Wirkens nicht nur im Auge hatte, sondern auch in der Hand, nicht nur übersah, sondern auch selbst bewirkte und womit in seinem göttlichen Geist Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in eins zusammenfiel. Mit göttlicher Klarheit zeigte sich dieses besonders in seinen letzten Tagen und Stunden, wo ihm selbst bei dem schnellsten Wechsel der verschiedensten Schicksale doch durchaus nichts eigentlich Neues, nichts Ueberraschendes, nichts Störendes begegnen konnte, das er nicht mit lebendiger Zuversicht für nothwendig gehörend in den göttlichen Plan seines Lebens erkannt und in der steten Verbindung mit seinem Vater nur als erfüllten Willen desselben angesehn hatte. Diesem wichtigen Gesichtspunkt lasset heute, meine Freunde, die Betrachtung der letzten Augenblicke des Erlösers gewidmet seyn.

Text. Joh. 19, 30\\. Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht, und neigete das Haupt und verschied.

Der ganze Zusammenhang, aus welchem die gegenwärtigen Worte genommen sind, zeigt uns an dem Charakter Jesu und seiner Feinde die auffallendsten Gegensatze und Mißverhältnisse, meine andächtigen Freunde. Wenn wir sein hohes Verdienst um die Menschheit und zunächst um seine Nation vergleichen mit demjenigen, was ihm von demselbigen Volke wiederfuhr, wenn wir die frühere frohlockende Aufnahme Jesu zusammenhalten mit der jetzt so feindseligen Behandlung, und dann wieder die stille, erhabene Ruhe des Erlösers mit der unersättlichen Rachsucht und der geschäftigen Betriebsamkeit, womit man ihm das Ende trüben will - welch' ein Bild geht daraus hervor, meine Freunde. Und mitten unter dieser besorglichen Qualbereitung, die ihn bis zur Verzweiflung bringen, soll, spricht er zuletzt nur noch das einfache Wort: es ist vollbracht, und legt in dieses eine Wort die ganze Bedeutung seines Lebens und zerstört mit diesem einen Worte alle Absichten seiner Feinde und neigt sein Haupt und stirbt. Lasset es uns daher auch jetzt noch genauer bedenken, das große Wort und die göttliche Sicherheit in Erwägung ziehen, womit der Erlöser in seiner letzten Stunde sagen konnte: es ist vollbracht.

I.

Diese göttliche Sicherheit war zuerst die eines reinen und fleckenlosen Lebens.

Was so gewöhnlich den Tod schon in der Ferne, schon den Gedanken daran schreckbar macht und in der letzten Stunde dem Menschen seinen Abschied von der Welt erschwert - es ist das Bewußtseyn so mancher Fehltritte und Vergehungen, so vieler, vielleicht sehr schwerer Versündigungen an Gott und Menschen, der Gedanke an ein Leben, das selbst dem Besten unter uns in jenem Augenblicke kein Zeugniß giebt von großen Tugenden und Vollkommenheiten, sondern lebendiger, als je, nur alle Verletzungen unserer Pflicht, nur alle Sünden selbst der spätesten Vergangenheit mit marternder Klarheit uns vor die Seele stellt. Sie wachen alle nach einander auf, die Bilder einer eitlen, in Leichtsinn, Zwietracht, Müssiggang und Unordnung hingelebten Jugend; sie stellen sich den geschärften Sinnen dar, die, wenn gleich nur flüchtigen und seltenen, doch von einer schweren Sündenlast gedrückten Augenblicke; sie treten hervor und stehen wie Berge in den flachen Gegenden unsers Lebens, alle jenen einzelnen Uebelthaten, deren vielleicht nur der allwissende Gott Zeuge war und sie bewegen sich im Hintergrunde der Seele, alle die noch .weinenden Gestalten derer, die wir im Leben auf irgend eine Weist verletzt, die wir durch unser Mißtrauen, durch unsern Ungestüm, durch unsre Gleichgültigkeit gekrankt und verwundet haben; wir erinnern uns vielleicht selbst derer, die es beklagen müssen, uns je gesehen und gekannt zu haben. Vergeblich wendet sich nun der Blick zurück in das abgelaufene Leben mit dem Wunsche, es noch einmal zu durchleben aus eine würdigere Weise; thatenlos und matt bittet unser Herz allen den von uns gekrankten und verletzten Seelen das Unrecht ab, das wir ihnen zugefügt und umsonst schwören wir ihnen, durch eine innigere, heißere Liebe das Unrecht der vergangenen Tage künftig wieder gut zu machen. Solche Empfindungen waren es nicht, welche den Erlöser aus diesem Leben begleiteten; nicht so war ihm zu Muthe, als er seinen Geist in die Hände seines Vaters befahl. Mit göttlicher Sicherheit, mit freudiger Zuversicht konnte er Hinsehen auf die zurückgelegte Bahn und Keiner war unter Allen, die ihn gesehen und gekannt, der ihm eine Kränkung zu verzeihen, eine Ungerechtigkeit vorzuwerfen, oder nur einer Sunde zu zeihen hatte; mit Heiterkeit konnte er an alle die Augenblicke denken, wo auch ihn die Sünde gelockt und der Teufel versucht hatte: denn er war versucht, doch ohne Sünde, und dieses Bewußtseyn eines reinen, fleckenlosen Lebens war ein Theil der unaussprechlichen Seligkeit, womit er sagen konnte: es ist vollbracht. O! nicht in demselbigen Sinne, nicht in der nämlichen Beziehung und Tiefe, nicht mit gleicher Wonne kann irgend ein Sterblicher in seiner letzten Stunde ihm das heilige Wort nachsprechen. Wenn bei dem natürlichen Tode aller andern Menschen die mit der körperlichen Auflösung etwa verbundenen Schmerzen leicht und unbewußt verschlungen werden von den tiefern Leiden der Seele und durch den schmerzvollen Gedanken an ein nicht ganz im Sinne Gottes geführtes Leben, so war hingegen hier am Kreuz das Leiden der Seele des Erlösers ganz ausgelöscht von den körperlichen Qualen seiner Menschheit, wodurch die erfinderische Mordlust seiner Feinde ihm den leichten und heiteren Ausgang aus dem Leben zu erschweren suchte und wenn daher die körperliche Kraft zum Widerstand gegen so ausgesuchte Martern ihn zu verlassen schien, so, daß er ausrief: mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen, so empfahl er dagegen mit der Wonne des Gebets seinen Geist in die sichern Hände seines Vaters, und einem Triumphe gleich war der Aufschwung seiner heiligen Seele über alle Schmerzen des Körpers, und mit einer göttlichen Sicherheit sprach er: es ist vollbracht. Selbst, die blinde Wuth seiner Mörder muß erstarren an dieser Reinheit und Seelengröße Jesu und ihm das Zeugniß geben: wahrlich, dieser ist ein frommer Mensch, dieser ist Gottes Sohn gewesen.! Diese göttliche Sicherheit, womit der Herr am Ende seines Lebens sagen konnte: es ist vollbracht, sie war eine Frucht seines heiligen, tadellosen Wandels vor Gott, eines Lebens, das in einer spiegelglatten Fläche an allen Punkten ungetrübt das Bild der göttlichen Milde, Liebe und Heiligkeit wieder strahlte; sie war eine Folge seines höheren, als irdischen Lebens,, mitten in einer Welt, in der er sonst uns in allen Dingen gleich war, doch ohne Sünde; sie war eine Wirkung seiner immer lebendigen Verbindung mit seinem Vater, der ihn gestärket aus der Höhe und ihn erhoben über alle Anfechtungen eines sündhaften Lebens. O! nur in eben dem Grade, als wir durch ihn uns zu ihm erheben von der Sünde und uns befreien von allen bösen Werken, werden wir auch in jener bangen Stunde einen Theil der unaussprechlichen Wonne genießen, womit Christus, der Herr, am Ziel des Lebens sagen konnte: es ist vollbracht.

II.

Die göttliche Sicherheit, womit der Herr in seiner letzten Stunde diese Worte sprach, gründete sich zweitens auf das Bewußtseyn eines für seinen Zweck hinreichend langen Lebens.

Wenn sonst in dem gewöhnlichen Lauf der Dinge einer unter uns körperlich und geistig kaum ganz entwickelt und gereift, in der schönsten Blüthe seiner Jahre stirbt, so sagen wir, nicht genug sey zu beklagen der frühe Hingang dieses Menschen, zu wünschen wäre ihm gewesen ein längeres Leben und Wirken im Kreise seines Berufs, ewig Schade sey es um seine kaum gereiften Kräfte, und um die schönen Hoffnungen alle, die mit ihm in das Grab gesunken und um alles das Herrliche, das sicher noch durch ihn geschehen wäre. Auch dort an jenem Kreuz auf Golgatha stirbt einer in der schönsten Blüthe seines Lebens und wenige Jahre nur ist er der Welt bekannt gewesen und in öffentlicher Thätigkeit, und viel zu früh für die Wünsche und Hoffnungen der Seinigen scheidet er aus ihrem Kreise und doch, doch ruft er im feierlichsten Augenblick seines Lebens, nämlich seines Todes aus: es ist vollbracht. Wie? vollbracht, vollendet wäre dieses Werk in einer Zeit von kaum drei Jahren? zu Stande gebracht das große Werk der Pflanzung eines neuen Reiches Gottes auf der Erde? hinlänglich überwunden jedes Hinderniß, genug befestigt jedes wankende Gemüth, völlig gehoben jeder Zweifel, und weit genug nach allen Seiten hin . verbreitet das Licht, welches die ganze Menschheit umstrahlen sollte? Ja, meine Freunde, vollbracht war dieses große Werk für den, der nicht nach Zeiten und Jahren das Ewige und Göttliche misset; vollbracht war es in der Gesinnung Aller, die ihn gesehen, gehört, geliebt und bewundert hatten in seinem heiligen Thun und Leben, vollbracht von dem Augenblick an, wo er den zarten Keim eines neuen und ewigen Lebens in die Brust seiner Treuen gesenkt, wo er den Saamen des Wortes Gottes dem fruchtbaren Erdreich anvertrauet hatte, wo, wenn gleich in Wenigen nur, ,Christus als der Stern einer ewigen Hoffnung, als das Licht eines neuen und herrlichen Tages, als die Sonne eines schöneren Lebens, als der Gegenstand einer ewigen Liebe und Sehnsucht ihren Augen aufgegangen war. Nicht um Vieles und Verschiedenes neben und nacheinander zu verrichten war Christus in die Welt gesendet worden, sondern um viel zu thun in Einem. Eins war sein Streben, eins seine Sorge, eins sein Leben und seine einzige Liebe; auf Einen Punkt hingerichtet alles sein Thun und Denken: daß die Welt in ihm erkennen möchte den von Gott gesandten und sie selbst dadurch geführt werden möchte zu ihrem Heil und Leben. Mit einer göttlichen Sicherheit konnte er daher sagen: Vater ich habe dich verklart auf Erden und vollendet das Werk, das du mir gegeben hast, das ich thun sollte. Ich habe deinen Namen offenbaret vor den Menschen, die du mir von der Welt gegeben hast. Sie waren dein, du hast sie mir gegeben und sie haben dein Wort behalten. Nein, nicht zu kurz, nicht zu schnell vergangen ist auch unter uns ein menschlich Leben, hat es Eine heilige That ganz und rein vollbracht, hat es eine schöne und würdige Aufgabe ganz gelöset, war es nur Einer tugendhaften Gesinnung ganz gewidmet. Nicht daß nur Allerlei und Mancherlei geschehe, nicht daß eine lange Reihe von leeren Jahren vor uns liege, sondern, daß Alles einzelne, was wir thun, sich aus einem heiligen Gedanken entwickele, sich an Einen göttlichen Gedanken anreihe, daß so das Leben, wenn auch nur im engen und beschrankten Kreise ein Ganzes bilde, von einer heiligen Gesinnung getragen, darauf allein, meine Freunde, kommt Alles an. Ich muß wirken, spricht der Heiland, so lange es Tag ist und ehe die Nacht kommt, da Niemand wirken kann, und in wenige Jahre drängt er die Arbeit vieler Jahrhunderte zusammen. Was Tausende vor ihm nicht geleistet, was alle Weise des Alterthums vergeblich versucht, was überhaupt mit bloß menschlichen Kräften nimmermehr zu erreichen war, das verrichtet der Erlöser von Gott gesendet, von Gott beseelt, von Gott gerüstet, in äußerst kurzer Zeit und angestaunt und bewundert von allen kommenden Geschlechtern stand es da, das herrliche Werk, in einem Augenblick geschaffen, wie mit einem Schlage vollendet, selbständig durch sich, reif und vollkommen ausgebildet in allen Theilen und unüberwindlich für eine ganze Welt voll Widerstand. Nachdem er so sein Werk gegründet, legt er sein müdes Haupt zur Ruhe mit der göttlichen Sicherheit, nicht zu kurz, nicht zu schnell vergangen sey sein Leben. Solchem großen, in Gott geführten und Gott geweihten Leben machte der Tod kein, Ende; ihn der das Leben und die Unsterblichkeit ans Licht gebracht, konnte kein Tod überwinden und überwältigen; durch diesen Tod drang er vielmehr hindurch ins wahre Leben und noch immer führet er dasselbe unter uns, frisch und lebendig, stark und gesund, so lange nur wir ihm nicht ganz abgestorben sind. Auch in dieser Ueberzeugung von feinem für seinen Zweck hinreichend langen Leben konnte also der Herr im Augenblick seines Todes mit Recht und göttlicher Sicherheit sagen: es ist vollbracht.

III.

Hierzu kam, worauf sich ganz vornehmlich die göttliche Sicherheit gründete, womit der Erlöser sagen konnte: es ist vollbracht, daß er wußte, wie ohne diesen Tod das Erlösungswerk nicht vollendet werden konnte.

Denn o! einen unendlich tiefen Sinn, eine erhabene Bedeutung, einen kostbaren Werth und ein unaussprechliches Geheimniß sollte dieser Tod enthalten und in sich schließen: so war es von Gott beschlossen worden von Ewigkeit her; nichts geringeres als die Versöhnung der ganzen Welt mit Gott sollte aus diesem Tode des Allerheiligsten erblühen, und der neue Bund, die neue Freundschaft mit Gott durch das Blut des Gerechtesten besiegelt werden. Nicht genug, daß der Sohn Gottes selbst sich bekleidete mit unsrer Menschheit und sie dadurch aufs höchste ehrte und aller göttlichen Dinge fähig machte: auch das ihr von Anbeginn an verbundene Sündenelend und der ewige Tod, der in und mit jeder Sünde uns ewig trennt von dem Leben, konnte nur so gelöscht und getilgt, und seine Gewalt über uns nur so gebrochen und entkräftet werden, daß der Sohn Gottes selbst, Er, der ohne Sünde war, die Menschheit an sich freiwillig dem Tode weihete und so als der wahre Lebensfürst kämpfend, leidend, siegreich uns in und mit sich nach sich zog durch Tod und Opfer zum Leben und zum Siege. Seitdem ist nun kein Leben mehr und keine Wahrheit, keine Ruhe und Seligkeit auf dieser Welt in denen, die nicht, wie er, ihm gleich, mit ihm durch den Sinnenschein zur Wahrheit, durch den Tod zum Leben dringen, die nicht mit ihm und in ihm das Vergängliche und Sinnliche des Lebens immerdar dem Ewigen und Unvergänglichen opfern, die nicht in seinem Tod ihr einzig Leben sehen und ihr wahres Heil, mit ihm der Welt nicht sterben wollen, und mit lhm gekreuziget und begraben seyn. Unmöglich ist in irgend einem Sinne die Erhebung, die Auferstehung aus dem Grab der Sünde, ist dieser freie Tod ihr nicht vorhergegangen. Ist Christus, der da starb am Kreuze, nicht für uns gestorben, war nicht von ihm, dem schuldlosen Sohne Gottes, unsre Schuld übernommen und gebüßt an seinem Leibe, was kann denn uns noch das Leben seyn und helfen, da es ohne seinen Tod, für uns erduldet, doch nur ein Leben in der Sünde ist, das heißt im Tode: wer will, wer kann uns dann erretten ans diesem Tode? O! verworfen vor Gottes Angesicht, verflucht zu einem ewigen Tode ist das Leben in der Sünde: denn es mag nicht vor Gott bestehn, was Sünde thut. Aber gnädig ist Gott und erbarmend, nicht vergeltend nach unfern Missethaten: was wir selbst nicht vermögen, das nimmt er, von seinem Sohn geschehen und geleistet, als unser eignes an, wenn wir im Glauben sein Verdienst ergreifen, und nicht durch Gleichgültigkeit oder nichtswürdige und unsinnige Verachtung der göttlichen Liebe selbst frech das Heil verscherzen, das er uns in Christo bereitet hat. O! die ihr noch unverkrüppelt durch menschliche Klügeleien, im reinen Sinn und im Innersten des Lebens den unendlichen Werth des Todes Jesu fühlet, sagt es selbst, ob ohne ihn wohl das Erlösungswerk vollendet war, ob ohne diesen Tod das ganze Daseyn und Wirken des Erlösers auf der Erde Hie volle segensreiche Bedeutung hatte, und gestehet es, daß auch dieses der Sinn jenes großen Wortes war, womit der Herr von diesem Leben Abschied nahm.

IV.

Was endlich noch die göttliche Sicherheit erzeugte,, womit der Herr im Augenblick seines Todes rief: es ist vollbracht, war viertens die feste Ueberzeugung von den unvergänglichen Wirkungen dieses Todes.

Denn nicht bloß auf jene Zeit und Welt, in der das Kreuz des Erlösers aufgerichtet war, machte sein Tod einen tiefen und erschütternden Eindruck; nicht die Jünger und Verwandte Jesu allein sollten die segensreichen Früchte dieses Todes genießen; nicht als ein einzelnes, vorübergehendes, auf jene Zeit beschränktes, für jene Welt bedeutsames Ereigniß sollte dieser Tod im Strom so vieler tausend anderer Ereignisse und Schicksale verschwinden und untergehen. Sondern immerdar und ewig sollte sie verkündiget werden die Lehre vom. Kreuz, als der Mittelpunkt alles christlichen Glaubens; nach allen Seiten 'hingetragen und verbreitet sollte es werden, das Bild des Gekreuzigten, das Bild einer heiligen für die Welt sich aufopfernden Liebe; die ganze Menschheit umfaßte der Erlöser in diesem hohen Augenblick mit .unaussprechlicher Liebe, und alle Völker, so viele deren die Erde bewohnen, sollten unter diesem Kreuz vereinigt sich als Brüder und Miterlösete in Christo begrüßen und Nahrung, Kraft und Starke zu einem heiligen Leben und zu jedem ähnlichen Kampf aus diesem Anblicke gewinnen. O! auch in diesem Sinne, mit diesem Blick auf die unvergänglichen Wirkungen seines Todes, sprach der Herr mit so göttlicher Sicherheit: es ist vollbracht; vollbracht das große und heilige Opfer, durch welches die Menschheit für immer geweihet mit Gott versöhnt, zu jedem heiligen Kampf mit unerschöpflicher Kraft gerüstet, und außer welchem von nun an für Niemanden ihr wahres Heil ist oder Leben und Seligkeit. Und sehet nur, wie die verschiedensten Völker der Erde das große Wort verstehen und fassen; wie von allen Enden der Welt die aus der Blindheit des Heidenthums sich bekehrenden Nationen ihren Blick auf Golgatha richten und hineilen zu dem heiligen Kreuz, wie um dasselbe herum die Schaaren der Gläubigen sich sammeln und es umfassen mit inbrünstiger Liebe; wie sie bei Allem, was sie fortan beginnen, immer zuerst des Kreuzes gedenken, und sich damit bezeichnen, und, voran es tragen zu jedem heiligen Streit für jede heilige Sache; wie sie durch Christi Tod begeistert nach gleicher Ehre des Märtyrerthums sich sehnen und wie für ihn zu sterben und die Erhaltung seines Reichs mit ihrem Blute zu erkaufen, ihnen die höchste Ehre und das Ziel ihrer süßesten Wünsche ist. Eine neue Welt des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung war Mit Christo aufgegangen, das Reich der Lüge und des Teufels durch ihn zerstört, das ewige Gesetz der Wahrheit, des Rechts und der Ordnung ans Licht gebracht und der Mensch über die Erde und über sich selbst erhoben. So Großes und Erhabenes war durch den Tod des Stifters selbst vollbracht und vollendet worden und diesen Tod verkündigte es allen Frommen und Gerechten, daß nur durch unablässigen Streit gegen das Böse, nur durch Aufopferungen aller Art, nur durch Kampf und Blut dieses heilige Eigenthum zu sichern, zu vertheidigen, zu retten sey gegen den bösen Geist, der ohne Unterlaß dagegen sich empört und streitet. Seitdem war nicht zu denken mehr an thatenlose, müßige Ruhe; immerdar mußte das Evangelium zu Felde liegen und kämpfen gegen den ergrimmten Fürsten der Finsterniß und erst in diesem heiligen Kampfe sich bewähren als Gottes Sache, sich immer tiefer eingraben in die Gemüther und eins werden mit ihrem ganzen Daseyn. O! darum war auch immer das Reich Christi nie blühender, als in den Zeiten der Verfolgung und Anfechtung. Da entwickelte der große Tod des Erlösers seine tiefen und segensreichen Wirkungen in allen seinen Bekennern; da entwickelte sich aus ihm jede schöne Kraft und Tugend; da wurde in Allen lebendig, wie unendlich viel sie zu verlieren hatten durch Feigheit und niederträchtige Schwäche; da lernten erst alle Einzelne nicht mehr getrennt sich denken unter einander und von der allgemeinen Sache und den ganzen Werth desjenigen schätzen, was ihnen der Herr selbst durch sein Blut errungen. Denn o! wie kann ein Christ das Leben tragen, wenn durch den Uebermuth des Feindes Christi das Edelste zu Grunde geht, das Christus selbst uns durch seinen Tod erkämpft. Voran gegangen ist er selbst, der Heilige des Evangeliums durch Leiden und Tod zum Siege und zur Unsterblichkeit allen Streitern für Wahrheit Recht und Tugend; niedergerissen hat er vor ihren Augen die Schranken, welche Tod und Leben trennen, bewiesen hat er uns durch sein eignes Beispiel, daß das Leben keinen Werth und Reiz mehr hat für den, der es nur erkaufen kann durch Verrath an der Sache Gottes und durch feigherzige Aufopferung dessen, was uns das Liebste und Edelste und Heiligste ist. Darum zu jeder Zeit, meine Freunde, wo auch wir, auf welche Art es sey, mitzukämpfen haben für die edelsten Güter des Lebens und gegen das Böse, lasset auf den uns sehen, der da am Kreuz bewiesen hat, was wahres Gottvertrauen ist und rechte Standhaftigkeit und treues Festhalten an der gerechten Sache; lasset an seinem Tod uns die rechte Bedeutung des Lebens lernen und von ihm und durch ihn Kraft gewinnen zu jeder Aufopferung, selbst des Lebens, wenn es seyn muß und wenn nur so allein die Wahrheit, das Recht und die Wohlfahrt der Welt errungen werden kann.

Ja! wenn auch wir zum heißen Kampfe gehn,
Sollst du, o! heil‘ges Kreuz, in unsrer Mitte stehn,
Daß wir an dir hinauf zum Herrn des Lebens flehn.
Du mußt zum Kampf, zum Sieg und Tod geleiten,
Wenn wir für Gott und Christi Sache streiten;
Du mußt der Welt das neue Heil bereiten.
Amen.

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