Luther, Martin - Vorrede über das Buch Hiob

Luther, Martin - Vorrede über das Buch Hiob

1. Das Buch Hiob handelt diese Frage: ob auch den Frommen Unglück von Gott widerfahre? Die (Antwort) steht (für) Hiob fest, und hält, dass Gott auch die Frommen ohne Ursache, allein zu seinem Lobe peinigt, wie Christus Joh. 9,3. von dem, der blind geboren war, auch zeugt.

2. Dawider setzen sich seine Freunde, und treiben groß und lange Geschwätz, wollen Gott recht erhalten, dass er keinen Frommen strafe; strafe er aber, so müsse derselbe gesündigt haben; und haben so ein weltliche und menschliche Gedanken von Gott und seiner Gerechtigkeit, als wäre er gleich wie Menschen sind, und sein Recht wie der Welt Recht ist.

3. Wiewohl auch Hiob, als der in Todesnöten kommt, aus menschlicher Schwachheit zu viel wider Gott redet, und im Leiden sündigt; und doch darauf bleibt, er habe solch Leiden nicht verschuldet vor andern, wie es denn auch wahr ist. Aber zuletzt urteilt Gott, dass Hiob, indem er wider Gott geredet hat im Leiden, unrecht geredet habe, doch, was er wider seine Freunde gehalten hat von seiner Unschuld vor dem Leiden, recht geredet habe.

4. Also führt dieses Buch diese Historie endlich dahin, dass Gott allein gerecht ist, und doch wohl ein Mensch wider den andern gerecht ist, auch vor Gott. Es ist aber uns zu Trost geschrieben, dass Gott seine großen Heiligen also läßt straucheln, sonderlich in der Widerwärtigkeit. Denn ehe dass Hiob in Todesangst kommt, lobt er Gott über dem Raub seiner Güter und Tod seiner Kinder. Aber da ihm der Tod unter Augen geht, und Gott sich entzeucht, geben seine Wort Anzeigen, was für Gedanken ein Mensch habe (er sei wie heilig er wolle) wider Gott: wie ihm dünkt, dass Gott nicht Gott, sondern eitel Richter und zorniger Tyrann sei, der mit Gewalt fahre, und frage nach niemands gutem Leben. Dies ist das höchste Stück in diesem Buche. Das verstehen allein die, so auch erfahren und fühlen, was es sei, Gottes Zorn und Urtheil leiden, und seine Gnade verborgen sein.

5. Die Rede aber dieses Buches ist so reisig und prächtig, als freilich keines Buchs in der ganzen Schrift; und so man´s sollte allenthalben von Wort zu Wort, und nicht das mehreremal nach dem Sinn verdolmetschen (wie die Juden und unverständige Dolmetscher wollen), würde es niemand verstehen mögen. Als, wenn er so oder dess Gleichen redet: „Die Durstigen werden sein Gut aussaufen“, das ist, die Räuber werden´s ihm nehmen. Item, „die Kinder des Hochmuts sind nie drauf gangen“, das ist, die jungen Löwen, die stolz hergehen; und dergleichen viel. Item, „Licht“ heißt er Glück, „Finsternis“ Unglück. Derhalben achte ich, dies dritte Teil werde müssen herhalten, und von den Klüglingen getadelt werden, es sei gar ein ander Buch, denn die lateinische Bibel hat. Die lassen wir fahren. Wir haben den Fleiß vorgewandt, dass wir deutliche und jedermann verständliche Rede geben, mit unverfälschtem Sinn und Verstand; mögen leiden, dass es jemand besser mache.

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autoren/l/luther/v/luther-vorrede_zu_hiob.txt · Zuletzt geändert: von aj