Kunel, Christian Klaus - Siegesfreude und Siegesfrucht - I. Am IX. Sonntag nach Trinitatis.

Kunel, Christian Klaus - Siegesfreude und Siegesfrucht - I. Am IX. Sonntag nach Trinitatis.

Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch! Amen.

Text: Matth. 24, 13.

Wer beharrt bis an das Ende, der wird selig.

Geliebte Gemeinde! Wieder eine Woche hinter uns! Und ich meine, so bewegt, so ergriffen haben wir das wohl noch nie ausgesprochen, als es jetzt in diesen Tagen geschieht. Wie still läuft sonst eine Woche dahin im gewohnten Geleise des Lebens; wie viele sind vergangen, aus denen uns auch nicht eine einzige Erinnerung geblieben ist! Wie anders ist es jetzt! An einen Tag der Aufregung reiht sich wieder ein Tag der Aufregung. Eine Nachricht, die am Morgen die Herzen mit aller Macht durchzitterte, ist am Abend schon wieder gegen die Kunde von einem gleich großen Ereignis in den Hintergrund getreten. Wir leben und erleben jetzt in einer Woche mehr als sonst in Jahren. Es ist eine große Zeit, in der wir leben.

Und ich hoffe zu Gott, dass unsere Enkel und Nachkommen einst voll Dank und innerer Erhebung auf diese Zeit zurückblicken werden, dass sie diese Zeit einst freudig vor Gott in Gedenktagen feiern werden. „Mit uns ist Gott!“ so dürfen, so müssen wir sprechen. Siegesnachricht folgt auf Siegesnachricht; in wenigen Tagen ward ein stolzer Feind, der da meinte, vor ihm müssten die Völker zittern, tief und schwer gedemütigt. Es ist der Arm des Herrn, der das tut. „Er übt,“ sagt die Schrift, „Gewalt mit seinem Arm, und zerstreut, so hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Stuhl und erhebt die Niedrigen.“ Oder sollten wir die errungenen Siege einzig und allein unseren wackeren Soldaten draußen im Felde zuschreiben? Das mögen die tun, die den Krieg wie ein Schauspiel ansehen, das zu ihrer Unterhaltung aufgeführt wird; wer als Christ den Ernst unserer Lage übersieht, der gibt freudig Gott die Ehre. Wohl, unsere teuren Brüder draußen im Feld haben treu das Ihre getan, sie haben, um unser Land und Volk vor schwerer Bedrängnis zu wahren, sie haben für ihre Väter und Mütter, für ihre Weiber und Kinder, für ihre Brüder und Schwestern sich mit ihren Leibern dem Feinde entgegengeworfen und sind nicht gewichen, bis der Feind gedämpft und geschlagen war. Aber dass dieser freudige Mut in ihrem Herzen lebte, der sie den Tod nicht achten ließ, dass sie nicht nachließen in ihrer heißen Arbeit trotz der Ströme von Blut, die vergossen wurden, und dass ihr mannhaftes Streiten und Kämpfen mit Sieg gekrönt wurde, das ist Gottes Werk. Darum dem Herrn die Ehre!

Freilich, auch der herrlichste Sieg im Krieg ist nie ohne bittere Beigabe. Lange Züge Verwundeter werden nach allen Gegenden Deutschlands entsendet. Auch in unserer Stadt mehrt sich ihre Zahl von Tag zu Tage, und Herzen und Hände der Liebe sind bereit zu ihrer Pflege und zu ihrem Dienst. O, wir sind die herzlichste und tätigste Teilnahme schuldig diesen lieben Brüdern, die um unsertwillen leiden, die im Kampf für uns und unser Volk ihre Wunden sich holten. Und wie viele der Unsern draußen auf dem Schlachtfeld ihr Auge geschlossen und ihr Grab gefunden haben, wir wissen es gar nicht genau. Ja, mancher Mutter Sohn wird dort schlummern, für dessen Leben noch gebetet, dessen Wiederkehr noch erwartet wird. O, sie sollen und werden nicht vergessen werden, diese teuren Toten, die mit ihrem Blut für ihr Volk eingetreten sind. Segnend treten wir im Geist an ihre Gräber auf fremder Erde und rufen ihnen zu: „Friede mit eurer Asche! Friede mit den unsterblichen Seelen, die den letzten Kampf gekämpft, den letzten Sieg errungen haben!“

Sieg hat uns Gott gegeben. Wir danken den lieben Brüdern, die ihn erstritten haben, wir danken den teuren Toten, die ihn mit ihrem Blut erkauft haben, wir danken Gott, der ihn verliehen hat, und bitten ihn, dass er gnädig noch weiter Sieg verleihe, bis endlich alle Anschläge der Feinde zunichte sind, und die Unseren fröhlich wieder heimkehren können in ihr Haus und zu ihrem Werk des Friedens. Und was weiter? Ein Durchbruch zu einem neuen Leben, das hat uns der Buß- und Bettag vor acht Tagen gelehrt, soll diese gegenwärtige Zeit für uns alle und für unser ganzes Volk sein. Damit hebt die Arbeit, der Kampf und das Ringen bei uns und an uns an. Und Gott sei Dank! unser Volk ist nicht taub gegen die Bußglocke, die der Herr jetzt so deutlich und vernehmlich läuten lässt. Unser Volk sucht den Herrn; dafür ist uns ein Zeugnis die große Gemeinde, die sich heute wieder hier im Haus des Herrn versammelt hat. Aber bleibt nicht bloß beim guten Anfang stehen, führt's auch zu gutem Ende. Unser Text heißt: „Wer beharrt bis an das Ende, der wird selig.“ Alles Kämpfen, alles Ringen ohne Sieg ist vergeblich. Darum gilt es, auszuharren. Recht ausharren aber kann man nur, wenn man auch recht angefangen hat. Und so will ich euch denn heute zwei Mahnungen ans Herz legen. Sie lauten: „Fangt recht an und harrt recht aus!“

Ehe wir aber weiter gehen, lasst uns zuvor noch Herzen und Hände erheben und um den Segen des Herrn flehen in einem andächtigen Vaterunser.

I.

Wisst ihr, in welchem Zusammenhang unser Text steht? Ich will euch die ganze Schriftstelle, an die sich unser Text anschließt, mitteilen. „Ihr werdet hören Kriege und Geschrei von Kriegen; seht zu und erschreckt nicht. Das muss zum ersten Alles geschehen; aber es ist noch nicht das Ende da. Denn es wird sich empören ein Volk über das andere, und ein Königreich über das andere, und werden sein Pestilenz und teure Zeit, und Erdbeben hin und wieder. Da wird sich allererst die Not anheben. Alsdann werden sie euch überantworten in Trübsal, und werden euch töten. Und ihr müsst gehasst werden um meines Namens willen von allen Völkern. Dann werden sich Viele ärgern, und werden sich untereinander verraten und werden sich untereinander hassen. Und es werden sich viele falsche Propheten erheben, und werden Viele verführen. Und dieweil die Ungerechtigkeit wird überhand nehmen, wird die Liebe in Vielen erkalten. Wer aber beharrt bis ans Ende, der wird selig.“ Ich brauche es euch, meine Lieben, nicht erst zu sagen, dass es sich hier um die Vorzeichen des Jüngsten Tages handelt, um das Leben der Menschheit, wie es sich darstellen wird vor dem Ende der gegenwärtigen Weltordnung. Diese Vorzeichen treten bald verhüllter, bald offener zu Tage seit dem Tage, da der Herr Jesus aufgefahren ist gen Himmel. In erster Reihe stehen Krieg und Kriegsgeschrei, teure Zeit, Pestilenz, Erdbeben und erschreckende Naturereignisse. Damit hebt die Not an, das ist gleichsam die Einleitung, die Pforte zur letzten Zeit. Eine zweite Stufe wird sein, dass sich viele falsche Propheten, viele gottlose Irrlehrer erheben, um die Menschen zu verführen. Eine dritte Stufe wird sein, dass man die gläubigen Christen verfolgen und töten wird, dass sie ein gehetztes Häuflein sein werden, an dem Jedermann seinen Übermut und seinen Hass kühlen wird. Und die vierte Stufe wird dann die sein, dass selbst unter den Christen viele lau werden und abfallen, und die Liebe in Vielen erkaltet. Das ist der Stundenzeiger für die Zeit vor dem Jüngsten Tag, für die letzte große Not, wie sie die Erde noch nicht geschaut hat, wo den Leuten auf Erden wird bange sein, und sie verschmachten werden vor Furcht und vor Warten der Dinge, die da kommen sollen. Die Völker werden sich gegenseitig aufreiben in Kriegen, Empörungen und Revolutionen, die Gottlosigkeit und der grimme Hass gegen Alles, was Gott und Gottesdienst heißt, wird allgemein werden, und die christliche Kirche wird nur noch sein wie ein Häuslein im Weinberge, wie eine Nachthütte in den Kürbisgärten, wie eine verheerte Stadt. Und wer nun unter all diesen Plagen, unter all diesem Jammer, unter all diesen Versuchungen im Glauben und in der Liebe verharrt bis zum Ende, der wird selig.

Die Vorzeichen auf den Jüngsten Tag sind, wie ich so eben gesagt habe, versteckter oder vernehmbarer in der Welt immer vorhanden. Die Menschheit ist immer auf dem Weg zu diesem Ziele, bis sie zuletzt in furchtbarer Hast ihm entgegenstürzen wird. Das Volk, mit dem unsere Heere draußen im Kampfe stehen, hat schon einmal den Reigenführer zu diesem letzten Gange machen wollen, als zur Zeit der Revolution das Beil der Guillotine nicht mehr Köpfe genug abschlagen konnte, als man den Glauben an Gott verbot, ihn als Verbrechen strafte, und man die Kirchen und Altäre auf das schmählichste schändete. Nun und wie stehts mit uns? Krieg und Kriegsgeschrei, das ist jetzt unsere Losung. An falschen Propheten, an gottlosen Irrlehrern fehlt's nicht, wenn sie auch jetzt im Augenblick, wo die ernste Zeit das Volk ernster stimmt, etwas stiller sind als sonst. Sie haben sich lange Zeit frech genug erhoben wider Alles, was Gott und Gottesdienst heißt, und Viele haben sich berücken lassen, oder haben wenigstens dem schrecklichen Spiel, dem furchtbaren Gang zum Verderben ruhig und gleichgültig zugeschaut. Wisst ihr, wohin es gekommen wäre, wenn dieser Geist in unserem Volk immer mehr herrschend geworden wäre? Das ist das Glockengeläute zur letzten Not, zur Auflösung aller Dinge, zum Jüngsten Tag.

Nun, unser Volk will umkehren, will sich nicht weiter fortreißen lassen auf diesem Weg. Gottes Finger hat in diesen schweren Tagen die Ohren und das Herz unseres Volkes wieder aufgetan für das Wort seiner Gnade. Und das gibt uns neue Hoffnung für unser Volk. Wenn die letzte Zeit kommen wird, dann werden die schweren Plagen die Menschen nicht mehr erweichen, sondern sie nur verhärten und erbittern, und selbst unter denen, die man für Gläubige hielt, werden viele lau, abtrünnig und lieblos werden. Unser Volk aber will von dem Herrn sich wieder leiten lassen, will von ihm wieder gesegnet sein. Und damit steht es an der Pforte eines neuen Lebens. Aber wenn es in Wahrheit etwas Neues werden soll, so fangt auch recht an.

Ernste Ereignisse machen auf jedes Herz, das noch Empfänglichkeit für Gottes Liebe hat, immer einen tiefen Eindruck, und weisen es näher und näher zu Gott. Am Krankenbett eines geliebten Menschen und hinter seinem Sarge hat es sich schon Mancher sagen müssen: „Wie eitel, wie nichtig ist die Erde und Alles, was sie bietet! In Gottes Liebe gibt's sicheren Halt im Leben und Sterben, für Zeit und Ewigkeit. An Gott will ich mich halten, auf seinen Wegen will ich gehen, dann mag ich reich oder arm sein, früh oder spät sterben: es wird mir nichts fehlen und immer gut um mich bestellt sein.“ Aber blieb nun bei Allen, die sich das sagen mussten, diese Erfahrung der feste Grund, auf dem ihr Leben forthin ruhte? Bei Vielen geht es so: Je mehr die schweren Erlebnisse in ihrer Erinnerung sich verbleichen, je mehr die Eindrücke schwinden, die sie zurückgelassen haben, je mehr tritt auch die Wirkung derselben wieder zurück, wie sie in der ersten Zeit zu spüren war. Sie werden wieder die Alten. Woran liegt's? Sie haben nicht recht angefangen.

So fangt denn recht an! Macht's wie ein kluger Baumeister, der nicht nach seiner augenblicklichen Laune sich gehen lässt, sondern nach festem Plan, nach sicherer Rechnung seinen Bau aufführt. Braucht ihr euren Gott? Ihr braucht ihn; und wenn ihr's noch nicht gewusst hättet, die letzten Tage haben es euch gelehrt. Was ist ein Mensch ohne Gott? Das unglücklichste Geschöpf unter allen Kreaturen; sein Leben ist ein Wohnen und Wandeln im Schatten des Todes. Aus Dunkel kommt er, in Dunkel verschwindet er wieder. Sein Dasein hat keinen Sinn, keinen Zweck, keine Bedeutung. Ob er lebt oder tot ist, es ist ja im Grunde ganz eins. O, welche Armut! Und dann zugleich welcher Frevel! Es kann ja kein Mensch des Gedankens an Gott ledig werden. Gott selbst hat ihn unauslöschlich unserem Herzen eingeboren. Und Alles, was uns umgibt, Alles, was wir erfahren, der Himmel mit seinen Sternen, die Erde mit ihrem Grün und ihren Saaten, Sturm und Wetter, Sonnenschein und Regen, die Führungen unseres Lebens, Alles predigt uns Gott. Solche Menschen, die von Gott nichts wissen, gibt es nicht, es gibt nur Gottesleugner. Wer aber Gott leugnen will, der lehnt sich wider ihn auf, weil er ihm, der allein Recht hat, nicht Recht will lassen, weil er seinem heiligen Willen sich nicht fügen will? Und was wird dann der arme Mensch vermögen, der sich wider den ewigen Gott erheben will? Nichts vermag er, als dass er sich unglücklich macht in Zeit und Ewigkeit. In seinem Herzen wohnt das Gericht; denn sein Gewissen, das er nicht zum Schweigen bringen kann, predigt ihm fort und fort seinen Abfall von Gott. Und wenn er schmachtend auf dem Kranken- und Sterbelager liegt, wenn die letzte Stunde kommt, was soll ihn dann trösten und erquicken? Ach, da ist dann Alles öde und leer, um ihn und in ihm. Und wird nun, wenn der Tod die Binde zerreißt, mit der er sich selber blenden wollte, er dann noch sagen können, er will nichts von Gott wissen? Dann wird er's wohl erkennen müssen, was eines sterblichen Menschen arme und verwegene Gedanken Gott gegenüber vermögen, wird es wohl erfahren müssen, dass der Herr seine Ehre sich nicht nehmen lässt. Meine Lieben, wer Gott aufgibt, der gibt damit sich selbst auf.

In Gott leben, weben und sind wir. Wir sind nichts von uns selber. Alles kommt uns von Gott. Er hat uns geschaffen, er hat uns erhalten bis auf diese Stunde. Er hat uns Speise und Freude gegeben, hat uns in hundert und tausend Sorgen und Verlegenheiten freundlich Hilfe gewährt und nach Kummer und Trübsalsnächten wieder helle, lichte Freudentage beschert. Kam das Alles durch ein blindes Ungefähr? Nein, es ist die ordnende, segnende Hand der göttlichen Liebe, die in Allem sichtbar wird. In Gott leben, weben und sind wir. Und wenn wir nun zu ihm, der uns hält mit seinem Arm und mit seinem Herzen, voll liebenden Verlangens unser Herz erheben, wenn wir ihm danken für seine Gaben und sie aus seiner Hand dahin nehmen, wenn wir ihm voll kindlicher Ergebung uns, die Unseren und all das Unsere befehlen, dann wird Alles licht und hell in uns und um uns. Dann haben wir sicheren Boden, auf dem wir stehen können, dann haben wir den Grund gefunden, der unseren Anker ewig hält. Jeder Tag ist ein neuer Tag des Segens, keine Trübsal kann uns zu Boden drücken, selbst das Leid wird noch zum Gewinn und hinter der Nacht des Todes leuchtet uns die Wonne des ewigen Lebens entgegen, das selige Ja und Amen auf jedes Verlangen, auf jede Hoffnung.

Meine Lieben, braucht ihr euren Gott? Ihr braucht ihn. Damit, dass man ruht in Gottes Liebe, damit fängt das wahre Leben an. Gott hat euch schon oft zu sich ziehen wollen, und jetzt hat er's ganz besonders im Sinne. Nun, so hört auf ihn, merkt auf ihn! Fangt endlich einmal recht an. Ihr kennt Gott, und ihr habt euch ihm schon oft zum Eigentum gelobt. Aber dann habt ihr euch wieder durch die Welt und ihre Dinge das Herz blenden und verwirren lassen, habt mit eurer Klugheit, mit eurer Kunst Alles schlichten wollen. Die Welt und ihre Dinge sind eitel, und unsere Klugheit wenig wert. In Gott leben, weben und sind wir. Auf Gott muss Alles ruhen, auf Gott muss Alles gerichtet sein: das heißt recht anfangen.

Braucht ihr euren Herrn Jesum Christum? Ihr alle habt mannigfaltig gesündigt; das brauche ich euch nicht erst zu sagen; das wisst ihr selbst, und euer Gewissen erinnert euch immer wieder daran. Und dass die Sünde Pein macht, dass keine Ruhe in ein Menschenherz einzieht, solange die Schuld der Sünde noch auf ihm liegt, das wisst ihr auch. Habt ihr's nicht schon erfahren, wie ein Mensch oft mitten im Genuss der Freude bei dem Gedanken an eine Handlung, an ein Vergehen innerlich zusammen fährt und sein Herz von einem geheimen Schrecken durchzuckt wird? Braucht ihr Hilfe, oder wollt ihr euch selbst helfen? Nun, könnt ihr das Geschehene ungeschehen machen? Oder könnt ihr, was gefehlt ist, wieder gut machen? Wie wollt ihr das? Es wird auch euer reinstes Tun nicht völlig rein sein vor Gott. Nun, wir haben den Helfer, den wir brauchen. Christus macht uns rein mit seinem Blut von aller Sünde. Wer an ihn glaubt, der ist gerecht. Nun, so nehmt denn hin Vergebung der Sünden, Leben und Seligkeit; denn wo Vergebung der Sünden ist, da ist auch Leben und Seligkeit. Ihr habt ihn schon oft empfunden und geschmeckt, den Trost der Vergebung. Aber dann ist er euch wieder ferne getreten im Gewirr des Lebens, weil ihr euch den Blick auf Christum trüben ließt, weil ihr die Gemeinschaft mit ihm trüben ließt. Nun, so fangt denn einmal recht an. Gebt dem Herrn euer Herz, nicht bloß einen Winkel in demselben, sondern euer ganzes Herz, und dann wird's eurem Herzen unauslöschlich eingeschrieben werden: „Es ist nichts Verdammliches mehr an denen, die in Christo Jesu sind.“ O, das wird ein seliger Einzug aus der Wüste in Kanaan sein, ein seliges Hineinsinken in die Liebesarme dessen, der uns zuerst geliebt hat, der mit seinem Blut um uns geworben, mit seinem Blut uns erworben hat.

Es ist nichts Verdammliches an denen, die in Christo Jesu sind; aber der Spruch heißt weiter: „die nicht nach dem Fleisch wandeln, sondern nach dem Geist.“ In ein unreines Gefäß gießt man keinen edlen Wein. Der Herr kann mit seinem Frieden und mit seiner Freude nicht in unserem Herzen wohnen, Gottes Geist kann nicht Zeugnis geben unserem Geist, dass wir Gottes Kinder sind, so lange unser Herz noch ein Tummelplatz ist für weltliche Gedanken und Begierden. Darum hinweg aus unserem Herzen und aus unserem Wandel mit Allem, was fleischlich ist und Sünde heißt. Es schleicht sich in das Herz gar Manches ein, von dem man weiß, dass es nicht recht, nicht erlaubt ist; man fühlt, dass dadurch die Gemeinschaft mit dem Herrn gestört und unterbrochen wird; aber man hat sich zu sehr mit gewissen Gedanken und Neigungen befreundet, als dass man ihnen nicht wieder von Zeit zu Zeit Gehör gibt. Aber das ist ein unmännliches Handeln, bei dem man sich selbst aufs tiefste erniedrigt, und ein gefährlich Tun, bei welchem man seine Seligkeit aufs Spiel setzt. Nur welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. Und wer Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein Jünger. Nun, so fangt denn einmal recht an. Gebt Abschied der Sünde nicht als einem Freund, den ihr bald wieder willkommen zu heißen gedenkt, sondern als eurem gefährlichsten Feind, mit dem ihr nichts mehr zu tun haben wollt.

Dazu aber ist ein Beistand und ein Zuchtmittel nötig: das Gebet und das Wort Gottes. Mit jedem wahren Gebet ziehen wir Gottes Kraft und Macht an, und das Wort Gottes ist die Brücke von Gott zu uns; damit kommt er zu uns und öffnet uns das Auge und macht uns sicher des rechten Weges. Meine Lieben, betet ihr, betet ihr fleißig und eifrig und lest ihr gerne in der Bibel? Ihr Väter und Mütter, sind bei euch noch die Hausandachten, die Hausgottesdienste in Übung, wie sie bei unseren Vätern Sitte waren? Bei Manchen vielleicht gar nicht, bei Manchen vielleicht nur spärlich. Manche hatten vielleicht die schöne Sitte eingeführt, dann ist sie aber wieder eingeschlafen. O, fangt einmal ernstlich an. Ein wahres Christenhaus, das muss ein Tempel des Herrn sein. Da muss sein Lob erschallen, sein Segen walten, und sein Wille immer vor Augen sein. Fangt ernstlich an, fangt noch heute an. Geht nicht von hier weg, ohne dass ihr ernstlich den Entschluss dazu fasst. Ihr braucht das Gebet und Gottes Wort, und eure Kinder brauchen es auch. Wir vermögen ja nichts von uns selbst. Jede wahre Kraft muss von dem Herrn uns kommen und von ihm erbetet werden. Und unsere Kinder sollen und dürfen nicht aufwachsen unter dem Vorbild moderner Gottvergessenheit, sondern in der Zucht und Vermahnung zum Herrn. Fangt endlich einmal recht an, euch als Jünger Jesu den Euren zu bewähren und als Priester Gottes in euren Häusern zu walten.

Und fangt endlich einmal an, auch nach außen Zeugnis zu geben, dass ihr Christen seid, lebendige Glieder an dem Herrn, eurem Haupt. „Wer mich bekennt vor den Menschen,“ spricht der Herr, „den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater.“ Eine traurige Zeit liegt hinter uns. Man hat den Unglauben wahrhaft gehätschelt, als ob er etwas Großes wäre, das Erzeugnis besonderer Begabung, tiefen Denkens. Nein, ein Frevel ist er tollkühner Menschen, die bei aller inneren Leere sich als etwas Besonderes präsentieren möchten. Viele haben das wohl gefühlt, aber sie haben an sich gehalten, um nach außen nicht zu verstoßen. Ei, welche verderbliche Schonung und Rücksicht! Der Unglaube, wie er unter uns gepredigt wurde, ist ein Verbrechen an unserem Volk, durch das es zuletzt der sittlichen Auflösung, der sittlichen Fäulnis überliefert werden müsste. Wenn es keinen Gott und keine Unsterblichkeit gibt, dann ist ja Alles erlaubt, was beliebt und was sich tun lässt. Das muss auch der beschränkteste Verstand einsehen, und das Leben hat mehr und mehr den Beweis dafür geliefert. Man kann freilich Niemand zum Glauben zwingen, und gezwungen soll auch Niemand dazu werden. Aber liebäugeln soll Niemand mehr mit dem Unglauben. Offen sagen soll man es diesen Leuten: „Bleibt uns mit eurer Weisheit vom Leibe; wir haben mit euch nichts gemein. Wir sehen ein solches gottloses Treiben für einen Schimpf und eine Schande unserer Stadt und unseres Volkes an.“ Dieser Unglaube ist ja auch nicht deutschen, sondern französischen Ursprungs. Nun, so fangt denn endlich einmal recht an, den Unglauben mit aller Entschiedenheit zu verurteilen und zu verfemen; das wird eine gute und gesegnete Tat sein.

II.

Fangt recht an und - harrt recht aus! Kinder haben es in der Gewohnheit, sich bald auf Dieses, bald auf Jenes zu werfen, und zwar mit einer Lebhaftigkeit, als ob sie im Augenblick nur für Eines lebten; bald aber lassen sie wieder nach in ihrem Eifer, und was eben erst ihre ganze Seele erfüllte, ist ihnen wieder gleichgültig. Nun, das verzeiht man Kindern; Männern aber geziemt das nicht. Zur Männlichkeit gehört die Sicherheit, die Ausdauer. Wenn unsere wackeren Soldaten draußen im Feld zwar frisch und mutig gegen den Feind angehen, aber sowie ein Hindernis sich zeigt, auch wieder weichen würden, was sollte aus unserem Land und unserem Volk werden! Auf dem Gebiet des geistlichen Lebens aber ist ein Zurückweichen noch viel gefährlicher und verderblicher. Darum harrt recht aus!

Im Augenblick ist der Unglaube sehr stille und schweigsam geworden. Er fühlt, dass jetzt keine gelegene Zeit für ihn ist; er fühlt, dass er die Stimmung des Volkes wider sich hat. Aber wird er für immer so schweigsam sein? Gewiss nicht. Wenn Gott uns gnädig den Sieg verleiht, wenn der Friede wieder zurück gekehrt ist, dann wird er anfangs leiser, aber dann immer offener prüfen, ob nicht wieder seine Zeit gekommen ist. Dann wird wieder das Gerede von Knechtung der Gewissen durch abgestorbene Lehren und Dogmen beginnen, dann wird man wieder den Unglauben als den Sieg der Freiheit und als den geraden Weg zur Glückseligkeit Aller preisen. Wieder wird man dann die gläubigen Christen als Knechte der Finsterlinge und als arme Leute bezeichnen, die nicht fähig sind, den Geist der Zeit zu verstehen. Die Zeit der Not, meine Lieben, hat euch gelehrt, was euch nottut. Und habt ihr recht angefangen, dann meine ich, müsste es seltsam sein, wenn euch dergleichen noch anfechten könnte. Was ist denn der gerühmte Geist der Zeit? Ist das Gottes Geist? Das ist das Gutdünken, das sind die Phrasen von ein paar vorlauten Leuten, denen jene gedankenlosen Haufen, welche einzig und allein ihre Ehre darein setzen, die Mode mitzumachen und an der Spitze mit zu marschieren, nachbeten. Schaut diesem Zeitgeist nur ins Gesicht, lasst ihn nur beichten, und ihr werdet finden, dass er eine Ausgeburt ist bald der Albernheit, bald der Frechheit, eine Weisheit, die mit jeder Woche, mit jedem Monat ihr Gewand wechselt, eine Weisheit, die ihrer selbst immer wieder überdrüssig wird. Könnt ihr nach Ehre geizen von den Jüngern des Zeitgeistes, von diesen Knechten jeder Modetorheit und jeder Modeschlechtigkeit? Einem rechten Mann braucht man es nicht erst zu sagen, dass Ehre hier Schande, und Schmach Ehre ist. Und wenn die, die es aufrichtig und gut meinen, ausharren und zusammen stehen, wenn nicht so Viele, wie es bisher geschehen ist, schweigen und sich zurückziehen, dann wird ihr Urteil, ihr Streben und Ringen eine Macht sein, gegen die die Angriffe der Abtrünnigen weiter nichts sind als Erbsen auf eiserne Panzer geschleudert.

Zu einem neuen Leben will Gott unser Volk durch die gegenwärtige Trübsal führen. O, harrt aus, die ihr das fühlt! Im Glauben muss unser Volk stark werden, in Treue und Redlichkeit muss es sich bewähren. Das ist der Grund, das ist die Bürgschaft seiner neuen Blüte. O, wirkt mit Alle, die ihr des Herrn Rat erkannt habt, die ihr euch freut seines Gnadenwillens. Unser Volk fängt an zu erkennen, was zu seinem Frieden dient. Es hat die losen Reden der Verächter und Spötter satt, es ekelt ihm vor dieser faden Speise, es wendet sich wieder zum Quell der göttlichen Wahrheit und sehnt sich wieder nach dem Himmelsmanna des Evangeliums. O, kommt ihm zu Hilfe, greift ihm unter die Arme Alle, die ihr ein Herz habt für den Herrn und seine Sache, ein Herz für das wahre Wohl unseres Volkes. Lasst uns alle zusammen stehen, lasst uns alle arbeiten, dass unser Volk nicht mehr dem Unglauben und der sittlichen Verwilderung anheimfalle, unter der es in der letzten Zeit so viel gelitten hat. Dem treuen Zusammenstehen, dem treuen Willen, der treuen Ausdauer lässt Gott es gelingen.

Freilich, das wird eine Kampfesarbeit sein, aber ohne Kampf kein Sieg. Doch den Hauptkampf wird Jeder mit sich selber kämpfen müssen. Wir können nicht für den Herrn arbeiten, wenn wir nicht dem Herrn sein Werk an uns vollführen lassen. Wir müssen unermüdet ausharren im Streit wider alles ungöttliche Wesen, wenn wir auch Andere zu diesem Streit ermutigen wollen. Nun harrt denn aus bis ans Ende, dass ihr selig werdet, und Anderen helft, die Seligkeit zu erringen. Amen.

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