Krummacher, Friedrich Wilhelm - Himmelfahrt.

Krummacher, Friedrich Wilhelm - Himmelfahrt.

Predigt über Apostelgeschichte 1,9-11, gehalten am Himmelfahrtsfeste, den 20. Mai 1852.

Apostelgesch. 1,9-11.
Und da er solches gesagt, ward er aufgehoben zusehends und eine Wolke nahm ihn vor ihren Augen weg. Und als sie unverwandt gen Himmel schauten, wie er dahin fuhr, siehe da standen bei ihnen zween Männer in weißen Kleidern, welche auch sagten: Ihr Männer von Galiläa, was stehet ihr und sehet gen Himmel? Dieser Jesus, welcher von euch ist aufgehoben gen Himmel, wird ebenso kommen, wie ihr ihn gesehn habt gen Himmel fahren.

Himmelfahrt: die Krönung des Herrn und seines Werkes, der Triumph und Jubel seiner gesegneten Gemeinde, die öffentliche Schaustellung der überwundenen Höllenmächte, und die Verklärung der Erde im Glanze des erschlossenen Paradieses! – Himmelfahrt: der Sonnenaufgang über den Schauern der Todeswelt, der Tagesanbruch über allen Zagens- und Zweifelsnächten! O, wer kann sie ausreden, die Trostesfülle und Herrlichkeit der Himmelfahrt, in welcher ein Firmament voll leuchtender Hoffnungssterne über das Thränenthal sich ausspannt, und in deren Licht die Schreckgestalten des Todes, des Grabes und der Verwesung wie duftige Nebelschatten vor der Sonne, in Nichts zerrinnen!

Kommt, treten wir der großen Thatsache unseres heutigen Festes näher, und werden wir uns neu bewußt, zuerst, wie gewiß, und sodann, wie trostreich sie sei.

Der aber, welcher verhieß: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen,“ gedenke an diese seine Zusage, und sei uns nahe mit seinem Geiste!

1.

“Wenn es nur wahr wäre!“ – Dies, Geliebte, der Laut, der heute in tausend und aber tausend Seelen vorherrschend wiederklingt. Man hört die Festtagsglocken läuten, man vernimmt die Himmelfahrtsbotschaft: aber “wenn es nur wahr wäre!“ heißt das einzige Echo, das durch jene wie durch diese in unzähligen Gemüthern wach gerufen wird. Nicht, als spräche es nur der frivole Unglaube, welchen Gott verdamme, noch der bedürfnißlose Indifferentismus blos, der schon wie von Gott geschlagen und gebrandmarkt dahinwankt. Es tönt uns nicht selten auch aus edler gerichteten Seelen mit der weichern Betonung der Sehnsucht an; ja tausendmal geht’s im Geleite eines tiefen Schmerzes und eines herzlichen Heilsverlangens das: “Wenn es nur wahr wäre!“ – Viele sprängen hoch auf vor Freuden, könnten sie sich von der Wahrheit der Himmelfahrtsgeschichte überzeugen. Aber sie sind Kinder dieser in Zweifeln erstorbenen Zeit, und von Jugend auf in Haus, Gesellschaft, Schule, und wohl gar in der Kirche selbst allem und jedem christlichen Bewußtsein entfremdet worden. Da steht denn solch ein armer Mensch mit seinem Bedürfniß nach Leben, und es schaut ihm über die Schulter drohend der Tod, und vor seinen Füßen dunkelt das Grab, die Stätte der Verwesung. Da steht er, und sieht, wie von Minute zu Minute der Faden seines Daseins sich kürzt, und will doch nicht sterben, obwohl es nichts Unvermeidlicheres für ihn gibt, als dies; und will nicht untergehen, sondern noch sein und leben, auch wann er starb. Aber wer verbürgt ihm, daß er leben werde? An alle Thüren klopft er an um diese Bürgschaft: „Wo ist der Ort, da auch dann mein Fuß noch ruhe, wenn heut oder morgen die Erde unter mir entweichen wird?“ Und zu ihm heran treten Männer im Philosophenmantel, zurückgekehrt von ihren Geistesflügen, auftauchend aus ihren Denkvertiefungen, oder sich hervorarbeitend aus dem Staube ihrer altersgrauen Pergamente; - und was haben sie zu melden? Die Einen versichern, den Vorhang, der hinter dem Grabe niederhange, durchdringe kein sterblicher Blick. Es murmeln Andre ein unverständlich Etwas von einem dunkeln “Geistermeere“, in das zu seiner Zeit die Menschenseelen, der Persönlichkeit wie des Bewußtseins beraubt, zurückeflössen. Wieder Andre fassen sich ein Herz, und sprechen unumwunden ihre Ansicht dahin aus, daß der Funke des Menschengeistes nicht länger glimme, als das Organ des Leibes zusammenhalte, der ihm zum Heerde diene; und die etwa Tröstlicheres anzudeuten wagen, bevorworten, wenn es verlangt wird, ihre Aussage gern mit dem unverholenen Geständniß, daß sich Gewisses und Zuverlässiges auf diesem Gebiete freilich nicht ermitteln lasse.

Wohin nun mit dem Verlangen nach Kunde aus dem Jenseits und über dasselbe? Aus dem Dunkel längst vergangener Jahrhunderte leuchten Fußstapfen heiliger Männer hervor, die, wie Henoch, Abraham, Moses, diese Welt mit aller ihrer Herrlichkeit verachten, weil sie mit Zuversicht auf dem Wege zu einer „Stadt“ sich wissen, die „einen Grund hat, und deren Baumeister und Schöpfer Gott ist.“ Aber „wer steht dafür ein“, spricht man, „daß diese ehrwürdigen Alten nicht statt einem Stern der Wahrheit nur einem Irrlichte folgten?“ – Aus Israel heraus rufen die Fackelträger Jehova’s, die heiligen Seher: „Her zu uns! Wir deuten euch des Menschen Bestimmung und seine Zukunft!“ – Aber wer glaubt noch dem Worte der Propheten? Der von den Schreckbildern des Todes eingenommene, und überdies mit der vergifteten Zweifelsmilch seines Jahrhunderts groß gesäugte Mensch gelangt nicht zur vollen Beruhigung, er sehe denn die Kunde vom Jenseits thatsächlich gesiegelt. In den Boden der Geschichte will er seinen Anker werfen. Er begehrt, daß sich Einer vor seinen Augen in die überirdische Welt hinüberschwinge, und so nicht allein das Vorhandensein der letztern, sondern auch die Möglichkeit, zu ihr hinein zu gelangen, faktisch außer Zweifel stelle. Und wirklich ist auch diesem kühnen Anspruch gewillfahrt worden. Es erschien auf Erden ein Mann mit dem unverkennbaren Stempel einer höhern Welt an der Stirn, und kündete unumwunden als einen Bürger der jenseitigen Stadt sich an, aus der ihn der Flügel erbarmender Liebe zu uns in’s Todesthal herabgetragen habe. Nachdem er in einem Leben voller Heiligkeit, Wunder und Gottesthaten seinen himmlischen Bürgerbrief vor den Augen aller Welt entfaltet, geleitete er seine Vertrauten zur Höhe eines Berges hinauf, sprach zu ihnen Worte königlicher Hoheit und Majestät, breitete dann zum Segnen seine Arme über sie aus, und hob sich in dieser segnenden Stellung sichtbar, leiblich und räumlich vor ihnen empor, und entschwebte ihnen, begleitet von ihren staunenden Blicken, höher und höher, bis eine Wolke ihn vor ihren Augen hinwegnahm und verhüllte. Mein Gott, was will man mehr? Wie konnte der letzte Zweifel an dem Bestehen zweier Welten gründlicher vernichtet werden, als es durch diesen Akt geschah? – „Wohl, wohl“, höre ich sagen, „überschwänglich würde wir befriedigt sein, - wenn es nur wahr wäre!“ – Also wieder das alte unglückselige Wenn! Aber sagt mir doch, was wäre in aller Welt noch wahr, wenn nicht die Himmelfahrt des Herrn, die wir selbst dann als wirklich eingetreten würde voraussetzen müssen, wenn uns in den Evangelien nichts von ihr berichtet wäre?

Denn setzen wir nur einmal, Christus sei nicht gen Himmel gefahren, was für unsinnige Dinge sind wir dann genöthigt, anzunehmen und für wahr zu halten. Es ging dann zuvörderst, was die Propheten von dem Messias geweissagt, Alles buchstäblich an dem Sohn Maria’s in Erfüllung, nur blieb der eine Zug des Messiasbildes unerfüllt, nach welchem er triumphirend auffahren, das Gefängniß gefangen nehmen und Gaben empfangen sollte für die Menschen. Der Herr Jesus stand dann in allem Andern, was er bezeugte, selbst in dem Größesten, bis auf’s Jota seinem Worte; nur in der einen so oft und nachdrücklich wiederholten Versicherung, daß man ihn werde zur Rechten seines Vaters sich wieder emporschwingen sehen, ließ er sich als Lügner erfinden. Eine unübersehbare Kette von Wundern zog sich dann durch das Leben Immanuel’s hindurch; aber ein Wunder, und zwar das naturgemäßeste von allen und das am sichersten zu erwartende, blieb aus: ich meine das Wunder der Rückerhebung Dessen in sein wahres heimisches Element, dem man es auf Schritt und Tritt ja ansah, daß er hienieden nicht zu Hause sei. Es trat alsdann die Auferweckung des Sohnes Gottes von den Todten (denn daß dieses Ereigniß schlechthin unantastbar und über allen Zweifel erhaben dasteht, das, denke ich, wißt ihr nun), wirklich ein; aber die nothwendige Konsequenz dieser Thatsache: der Rückzug des Verklärten in’s Vaterhaus, ließ vergeblich auf sich warten. Der Erstandne starb vielmehr zum zweiten Mal. Obwohl er aber wieder starb, was thaten seine Jünger? Betrogen, wie sie durch ihn waren, hintergangen, mit allen ihren Hoffnungen zu Schanden gemacht, gaben sie dennoch begeistert Gut, Blut und Leben für ihn hin, und bekannten fest und mit unerschütterlicher Ruhe selbst auf Folterbänken und Scheiterhaufen: „Er fuhr gen Himmel!“ während doch ihr innerstes Bewußtsein sie Lügen strafte und ihnen zurief: „Ihr wißt ja, daß er da und dort vermodert!“ – Ueberdies traf alles das, wovon er vorher verkündigt, daß er darin nach seiner Himmelfahrt sein verklärtes Leben auf Erden offenbaren werde, pünktlich ein, ob er gleich niemals gen Himmel fuhr. Es kam der Heilige Geist, es empfingen die Apostel ihre göttliche Rüstung, es wurde die Kirche gegründet, ein Saulus vernahm die Stimme dessen, den er verfolgte, vom Himmel her, und die „kleine Heerde“ erfuhr das Nahesein ihres guten Hirten alle Tage; - und doch saß Er, der also sich erfahren und erfinden ließ, nicht zur Rechten der Kraft, sondern lag, vom Tode gehalten, irgendwo in dem Schooß der Erde verscharrt! Beschaut euch dieses Gewebe von Unsinn, Widerspruch und Absurdität, und wisset, daß alle diese Ungereimtheiten geglaubt werden müssen, sobald man die Himmelfahrt Jesu in Abrede stellen will. Wahrlich, nur die Unvernunft kann dieselbe leugnen. Auf Ostern mußte ein Himmelfahrtstag folgen. Mit der Auferstehung Christi war zugleich seine Auffahrt als nothwendige Folge und Ergänzung gesetzt. Wohl ist mir bewußt, was man gegen letztere selbst aus dem Gebiete der Physik und Astronomie her einzuwenden pflegt; aber ich weiß auch, wer über der Natur und ihren Gesetzen waltet, und sich nicht durch diese gebunden hat, sondern „beide, mit den Kräften im Himmel und auf Erden machet, was er will.“ Man beruft sich auf das „Gesetz der Schwere“, vor welchem der Glaube an eine leibliche Auffahrt nicht bestehen könne. Aber ich frage einfach, ob, was von einem unverklärten Leibe gelten mag, auch nothwendig vom verklärten gelten müssen, und erinnere an das, was der Luftschiffer schon mit einer Hand voll irdischen Gases fertig zu bringen vermag; und Gott der Herr wird wohl noch über andere Erhebungskräfte zu gebieten haben, als jener. Man berechnet nach der Zeit, welche der Strahl eines der entfernteren Sterne gebrauche, um aus seiner Höhe die Erde zu erreichen, die Länge des Weges, den Jesus auch nur bis zu dem uns sichtbaren Firmamente habe zurücklegen müssen, und kommt auf das schreckhafte Ergebniß, daß diese Reise wenigstens einige Jahre habe dauern müssen. Aber die Engel, die über Bethlehems Hügeln dem Kindlein in der Krippe das Wiegenlied sangen, durchmaßen den Raum zwischen droben und hier unten unfehlbar wohl etwas schneller. In der Welt der Geistleiblichkeit wird man sich jedenfalls wohl anders bewegen, als in der irdische materiellen. – Man hat ferner die Sorge geäußert, es möchte der Auffahrende in der verdünnten Luftschicht des Aethers theils nicht mehr haben athmen können, theils vor Kälte haben erstarren müssen. Aber das sind arme Sorgen eines elenden Wurms am Staube um den zur Höhe strebenden Sonnenadler, ob nicht das Licht das Firmament denselben blenden, oder die Himmelskönigin mit ihrem Flammenauge ihn verzehren möchte. Man glaube doch, daß der Herr der Herrlichkeit jenseits des Wolkenschleiers, der ihn den Blicken seiner Jünger entzog, in einen Kreis ganz anderer Gesetze eintrat, als diejenigen sind, die hier auf Erden walten. „Sollte aber in der That“, sprecht ihr, „jenseits der Grenzen unserer Erde noch eine bevölkerte Welt zu suchen sein?“ – O, Freunde, ihr braucht ja Abends nur vor eure Thür heraus zu treten, um selbst mit dem kurzsichtigen Auge des Leibes eine Menge solcher Welten in der fernen Himmelsbläue kreisen zu sehn. Denn daß die von beleuchtenden Sonnen umgebenen Planeten dort oben nicht leere Einöden seien, ist auch den Astronomen längst eine ausgemachte Sache. Und sind dieselben auch nicht, wie Manche wollen, die „vielen Wohnungen in des Vaters Hause“, deren der Heiland Joh. 14. gedenkt, so hindert uns doch nichts, sie als Vorhöfe der Welt der Herrlichkeit anzusehn, die entlegener noch, und dem Auge des Leibes unerreichbar, hinter ihnen sich ausdehnt. Es ist somit Alles, was gegen die Himmelfahrt Christi vorgebracht wird, bedeutungslos und ohne Gewicht. Es geht vielmehr das Zeugniß der Apostel von ihr im Geleite von Bestätigungssiegeln, wie glänzendere keine andere Thatsache der Weltgeschichte aufzuweisen hat.

2.

Fest steht die Thatsache, unerschütterlich fest. Wo aber beginne und wo ende ich, wenn es nun gilt, die trostvolle Bedeutung des Himmelfahrtswunders euch darzulegen? Wie ein Großes ist, von allem Andern abgesehn, schon das, daß die Himmelfahrt uns die Schranken unseres dunkeln Planeten thatsächlich durchbrochen, und aus dem Kerker dieses Todesthals hinaus eine so sichere und wolkenfreie Aussicht in das Land der Vollendung uns eröffnet hat! O wie viel freier athmet unsre Brust, nachdem die eherne Decke von Oben nicht mehr auf uns drückt, und wir den Zwinger der Erde, der uns umschließt, zur Vorhalle einer andern und schönern Heimath erweitert und gelichtet sehn! Das Reich der Ideale, in dem sich unser Geist so gern ergeht, ist nicht ein wesenloses Traumgesicht, sondern nur der leise Wiederschein einer wirklich existirenden Welt. Das Vollkommene und Unverwelkliche, nach dem wir, die von Stückwerk und Vergänglichkeit Umgebenen, uns so herzlich sehnen, lebt nicht in unsern Wünschen und Phantasien nur, sondern ist real vorhanden. Nein, wir schwärmen nicht mehr, wenn wir in die Flagge unsres Lebensschiffleins schreiben: „Nach Jerusalem!“ und den Anker unsrer Hoffnung auf jenseitige Küsten werfen. Nicht sind wir Träumer, deuten wir uns das tiefste Sehnen unsres Wesens als einen göttlichen Geleitsbrief, der uns in ein Canaan jenseits der Sterne weise. Nicht darf man uns mehr Phantasten schelten, hört man uns statt Klagepsalmen armer Gefangener heitere Reiselieder heimziehender Pilger singen. Es existirt wahrhaftig, wie für das erdenmüde Herz ein stiller Ruheport, dahin es aus aller Mühsal dieses Thränenthals sich flüchte, so für alles Edle auf Erden eine Scheune, in die es gesammelt und gerettet wird, für Alles, was hienieden seine vollen Entwickelung nicht erreichte, eine Entfaltungsstätte, wo es endlich zu seinem Ziel gelangt, und für jede Lebensdissonanz ein Ort, wo eine Auflösung in den seligsten Wonneeinklang ihrer harrt. Mit einem Worte: So wahr der Weg des aufgenommenen Ehrenkönigs nicht in die blauen Lüfte sich verlor, so gewiß Er am Pfingsttage nicht nur aus einer duftigen Wolke herab die Seinigen so mächtig grüßte, so gewiß liegt irgendwo im weiten Raume des Universums eine Welt der Herrlichkeit, wo Gott in anderer Weise geschaut wird, als hienieden. Und dieses Bewußtsein, wie erhebend ist es schon, und wie versüßt es uns den Pilgergang durch diese Todeswüste!

Von welcher Art und Natur aber ist jene Welt? Ist sie ein zerfließender Duft, eine unvorstellbare, gestaltenleere Sphäre? O, nicht doch! Auch sie ist eine Welt der Leiblichkeit, wenn auch einer geistlichen und verklärten. Die leibliche Auffahrt Jesu setzt uns dies außer Zweifel. Zudem läßt uns die Botschaft der beiden Himmelsboten in leuchtenden Gewändern an die Jünger, daß sie „diesen Jesum, welcher von ihnen aufgenommen sei gen Himmel, ebenso würden wiederkommen sehn, wie sie ihn hätten sehn gen Himmel fahren“, keine Wahl, wie wir uns den Herrn in seiner Verklärung zu denken haben. In seiner Menschengestalt sollen wir uns den Erhöhten vergegenwärtigen. Sollen wir aber dies, so sind wir auch berechtigt, ja genöthigt, uns das ganze Paradies seiner Erscheinung analog als etwas durchaus Reales vorzustellen. Es ist nicht das verschwebende Geistermeer, wovon etliche Philosophen düstre Träume träumten. Nicht ist’s ein blut- und wesenloses Schattengeschwirre, wie sich die Heiden ihr Elysium dachten. O nein, ein festes, gestaltetes Schöpfungsgebiet ist’s, mit Werken Gottes ausgefüllt wie unsre Erde; ein Wohnsitz, in dem man sich ergeht, sich kennt, sich liebt, sich beim Namen nennet, mit einander verkehrt, und in Worten, nur in beflügeltern, als diejenigen unserer Erdensprache, seinem Innern Ausdruck leiht. O, wie thut es so wohl, so das Jenseits sich denken zu dürfen! Nun wird’s erst recht uns eine Wahrheit. Nun kommts uns erst recht nah, und gewinnt für unser Herz erst das heimathliche Gepräge. Wir können uns jetzt in dasselbe versetzen, und unsre vorangegangenen Lieben mit unsern Gedanken darin erreichen. Sie zogen uns nun ja in der That nur in eine andre Provinz voran, und in ein Land, zwischen welchem und unsrer Erde die Brücken keinesweges abgebrochen sind. Der Heiland, um welchen sie, sein Antlitz schauend, jetzt versammelt sind, hört ja täglich auch unsre Stimme, wie die ihre, und leitet, behütet, tröstet und erquicket uns, wie sie. O, wie nahe bleiben sie uns, wir ihnen, vermöge dieser Verbindung mit unserm gemeinsamen Herrn und Friedensfürsten!

Doch was hülfe es, wäre uns das schöne Land nur von ferne gezeigt, aber die Kluft nicht überbrückt, die uns von demselben geschieden hält? Ach, dann wäre es uns ja besser, daß wir auch nicht einmal ahnungsweise von dem Lande je etwas erfahren hätten! Denn das Wissen darum würde dann nur dazu dienen, unsern Jammer hienieden zu vollenden. Und sonder Zweifel wäre unsre Hoffnung, dort eins zu landen, eine eitle, hätte sich der Mann nicht bei uns eingestellt, dem wir heute mit so vielem Grunde unsre Feierlieder singen. Alle Vollkommenheiten Gottes ständen dann abwehrend wie Cherubim mit dräuenden Flammenschwertern an der Pforte des Paradieses droben, und nur ein “Fern ihr Profanen!“ donnerte uns Sündern von dort entgegen. Aber der Mittler sorgte für Brücke und freien Paß, und hat an seinem Auffahrtstage nicht blos den Himmel uns gezeigt, sondern ihn auch für uns eingenommen. Er ging nicht in ihn ein, wie ein König einzieht in sein Schloß, indem er hinter sich die Pforte verschließt, so daß Andern nicht gestattet wird, zu wohnen, wo er weilt, sondern wir verhalten uns zu ihm wie ein Heeresvolk zu seinem Feldherrn. Werden diesem die Schlüssel einer Festung übergeben, so rückt selbstredend auch das Heer, dessen Haupt er ist, triumphirend mit ihm ein. Dieses Verhältniß begreift aber Niemand, als wer die geheimnißvolle Stellung kennt, in welche Christus zu den Seinen eingetreten ist. Ohne diese Kenntniß möchte man ja sagen: „Was kann es einem Sünder für Beruhigung gewähren, daß ein Heiliger von Gott in seinen Thronsaal zugelassen wird?“ Wer aber in das Vertreter-Verhältniß Christi einen Blick gethan, dem stellt sich freilich die Sache bald in einem andern Lichte dar. O ihr müßt durchaus von der oberflächlichen Anschauung genesen, als wäre Christus in keiner andern Absicht in die Welt gekommen, als nur das Licht seiner Lehre uns anzuzünden. Es that uns wahrlich noch ein Mehreres noth, als Erleuchtung. Lehre war schon genug vorhanden in Mose und den Propheten. Wir waren nicht Unwissende nur, sondern in viel stärkerem Maaße noch Unwürdige zugleich vor Gott; nicht blos Verdüsterte in Glauben und Erkenntniß, sondern überdieß Gottentfremdete, und als Uebertreter des Gesetzes dem Fluch Verfallene. Was uns dringender noth that, als irgend etwas Anderes, das war Begnadigung, Entsündigung, Erneuerung und Versöhnung; und um zu diesen Gütern, und zwar im Wege Rechtens, uns zu verhelfen, dazu kam Jesus Christus. Als ein neues Haupt gliederte er sich unserm Geschlechte ein, unterzog sich stellvertretend unsern Verpflichtungen, stellte, gehorsam bis in den Tod, in seiner Person uns wieder heilig dar, nahm als Bürge unsre Schuld auf sich, erduldete in Folge dieser Uebernahme unsern Fluch, und erfüllte so stellvertretend das Loos der Sünder. „Ich bezahle“, rief er, „das ist nicht geraubet habe.“ – „Ich gebe mein Leben zum Lösegeld für Viele.“ – „Ich heilige mich selbst für sie.“ – „Mein Blut wird vergossen zur Vergebung eurer Sünden.“ – Nachdem er seine blutige Mittlerarbeit vollbracht, empfängt er in seiner Auferweckung von den Todten die unzweideutige, väterliche Erklärung, er habe seine Aufgabe vollkommen gelöst. Hatte er das aber, so mußte sich Ihm nun auch, und zwar Ihm, als dem Menschensohne, die Paradiesespforten öffnen. Und sie öffneten sich. Keine Schranke stand ihm mehr im Wege. Im Triumph kehrte er dahin zurück, von wannen er gekommen war, und bestieg unter den Huldigungsgesängen der himmlischen Heerschaaren den Stuhl der Majestät und Ehren. Aus welchem Grunde ward ihm Solches? Weil er von Ewigkeit her der gottgleiche Sohn war? Jesaias nennt ein anderes Warum, indem er spricht: „Weil er sein Leben zum Schuldopfer gegeben, so wird er in die Länge leben;“ ein andres nennt der Apostel, indem er bezeugt: „Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja bis zum Tode am Kreuz. Darum hat ihn auch Gott erhöhet, und ihm einen Namen gegeben, der über alle Namen ist.“ Christus feierte den großen Himmelsfahrtstriumph in Folge seines wohlvollbrachten Werks, und in Eigenschaft eines nunmehr vollendeten Haupts und Bürgen der gefallenen Sünderwelt. So feierten ihn denn natürlich in seiner Person die von ihm Vertretenen mit ihm. Was Er that und litt, übertrug sich kraft seiner geheimnißvollen Vergliederung mit ihnen auf sie. Es gebührte mithin, was Ihm, auch ihnen. Sie wurden, wie sich der Apostel ausdrückt, „mit ihm versetzt in das himmlische Wesen.“ In Seinem Drobensein haben sie, die in Ihm Entsündigten, die sicherste Gewähr, daß sie, sobald ihr Stündlein schlägt, Ihm folgen werden. Sie seien nur durch das Band lebendiger Glaubensgemeinschaft wirklich Glieder an Seinem Leibe, dann ist nichts gewisser, als daß einst, wie ihres Hauptes, so auch ihr Weg sich verlieren wird in die Wolke jener Zeugen, deren die Welt nicht werth war.

Seht Brüder, so wohl begründet ist die Himmelshoffnung, die an die Thatsache sich knüpft, deren Gedächtniß wir heute feiern. Ward nur erst Christus unser Leben, so steht in aller Welt nichts fester, als eben diese Hoffnung. So lange die Gerechtigkeit des Schönsten der Menschenkinder in Gottes Augen etwas gilt, - und ich denke, sie wird ja ewig vor Ihm gelten, - so lange stehen dort auch unsre Namen in den himmlischen Bürgerlisten angeschrieben; und in demselben Maße, in welchem sie werth und angenehm ist vor Gott, sind auch wir da droben herzlich willkommen geheißen. Auch wir ziehen dem seligen Lande zu, das Er vor achtzehnhundert Jahren in unserm Namen und für uns in Besitz nahm. Wir haben hier keine bleibende Stadt; die zukünftige suchen wir, und werden sie erreichen. Nur als Pilger wallen wir durch diese Welt hindurch. O, welchen reichen Inhalt gibt dies Bewußtsein unserm Leben! Diese Aussicht, für wie Vieles, das hier uns abgeht, hält sie uns schadlos, und mit welch’ einem tröstlichen Lichte durchwebt sie uns das dunkle Gewölk, das hier uns noch umnachtet. Werde denn die große Hoffnung, die wir in Christo haben, recht frisch und recht lebendig in unsern Herzen! Löse sie unsre Seelen mehr und mehr von den armseligen Dingen dieser Erde, auf der wir ja nur als in einer Nachtherberge weilen! Mache sie uns tüchtig, durch Thränen zu lächeln, und mitten in der Brandung schon siegesgewiß und freudig: „Land, Land!“ zu rufen; und lege sie, mit himmlischer Gesinntheit uns erfüllend, und uns anleitend zum “Wandel im Himmel“ auch uns die Losung des heiligen Sängers auf die Lippe: “Jerusalem, wenn ich dein vergesse, so werde meiner Rechten vergessen immer und ewiglich!“ Amen.

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