Krummacher, Friedrich Wilhelm - Elias der Thisbiter - Vorwort zur ersten Auflage
Es ist der falschen Theologie gelungen, Mosen und die Propheten in der Kirche dergestalt zu antiquieren, dass der bekannte erzväterliche Bescheid an den Bittsteller in der Flamme auf dessen derzeitige Brüder kaum mehr eine Anwendung leidet. Die Flut der bibelstürmenden Neologie hat sich von den Kathedern herunter, leider durch das Medium der Kanzeln allmählig über die ganze Masse unserer laodizäischen Christenheit ausgebreitet, und nachdem die hohen Fakultäten den Topf zerschlagen, sitzen nunmehr die Buben auf den Gassen und spielen mit den Scherben.
Es ist Ton geworden, von dem Alten Testamente zu sprechen wie vom Koran der Türken. Man betrachtet es als eine historische Reliquie, deren einziges Verdienst darin bestehe, dass sie die geistliche Physiognomie eines, wenn auch nicht ganz uninteressanten, doch ebenso abergläubischen, als ungemütlichen und stolzen Volkes uns enthülle und die, einige schätzbare Blüten orientalischer Poesie etwa abgerechnet, durchaus nichts in sich enthalte, was einem gebildeten Menschen und Zögling dieses philosophischen Jahrhunderts nur einigermaßen genießbar sein könnte. Solche Kritiken muss sich das Wort des allgenugsamen Gottes von dem Heuschrecken-Gewimmel am Schemel seiner Füße heut zu Tage gefallen lassen; und wer dem Anathema des erbitterten Geistes dieser argen Zeit entrinnen will, der behalte es für sich, wenn er von Mose und den Propheten anders denkt, als die ergrimmte Intoleranz unserer Liberalen davon zu denken gebietet. Unter so bewandten Umständen kann es nicht auffallen, wenn es manchen Haushaltern über Gottes Geheimnisse vorzugsweise zum inneren Berufe wird, die räuberisch entzogene Perle des Alten Testamentes der Gemeine zurückzugeben, diesen verschütteten Goldschacht, so viel an ihnen ist, in der Kirche wiederum zu öffnen, und die ehernen Bollwerke zersprengen zu helfen, mit welchen ein frecher Unglaube den Eingang zu dem wundervollen Heldensaale der Patriarchen und Propheten verrammelt hat.
Ein hochfahrendes und naseweises Geschlecht, wie das unsrige, einem Buche befreunden zu wollen, in welchem Eselinnen reden, Raben die Speisemeister machen, Rosse durch die Lüfte traben, Mörder und Ehebrecher durch den Glauben gerecht werden, und Meister in Israel von ihrer Gerechtigkeit den Fluch und die Verdammnis ernten, das ist freilich kein geringes Unternehmen. Wir sind auch weit entfernt, an diese Danaiden-Arbeit Atem und Kräfte vergeuden zu wollen. Es gibt eine Wissenschaft, die sich solche gigantische Aufgabe gestellt hat, ob sie aber mehr sei, als ein fünftes Rad am Wolken Wagen der Theologie, das müssen wir bezweifeln. Sie preist den Blinden die Farben und ihre Schönheit, aber das Auge zum Sehen kann sie beim besten Willen ihnen nicht geben; und die da sehend geworden sind, durch das „Hephata!“ von oben, werden der redseligen jederzeit entgegnen, was Elisa einst den Propheten-Kindern: „Ich weiß es auch schon, schweigt nur stille!“
Nichtsdestoweniger gibt es eine Apologetik, deren Arbeit keine vergebliche genannt werden darf, und von welcher man nur wünschen kann, dass sie, namentlich auf dem geschichtlichen Gebiete der Heiligen Schrift, vorzüglich des Alten Testamentes uns öfter begegnen, und sich tätiger erweisen möchte, als es bis jetzt der Fall war.
Diese Verfechterin des göttlichen Wortes ist demütigen Geistes, und bläht sich nicht auf. Weit entfernt von der Einbildung, als werde sie jemals eine Welt überzeugen können, für welche Jesus Christus nicht beten wollte, wendet sie sich zu denen, deren Augenlieder der Arzt vom Himmel schon gesalbt, und die entweder schon vom Hause des Herrn sind, oder doch bereits herzufliegen, wie die Tauben zu ihren Fenstern. Das Organ für den Aloe- und Keziaduft der göttlichen Wahrheit voraussetzend, redet sie als eine Lebendige zu den Lebendigen. Es ist ihr aber unverborgen, dass auch in Jerusalem nicht überall die Kerzen in gleicher Helle brennen, und dass es auch unter dem Israel Gottes an Seelen nicht fehlt, die, bei allem Bedürfnis für das Sonnenlicht aus der Höhe, doch in mancher Rücksicht noch den Unglauben der glaubenslosen Zeit, in welche ihre Geburt und Erziehung fiel, theoretisch teilen, die noch unter einer starken Decke mannigfaltiger mit der Muttermilch eingesogener Vorurteile einhergehen, und namentlich im Blicke auf so manchen Abschnitt des Alten Testamentes vieler beunruhigenden Zweifel beim besten Willen sich nicht erwehren können. Denen bietet sie nun recht als eine Gehilfin ihrer Freude die dienstwillige Hand, sucht das Missverstandene ihnen in das rechte Licht zu stellen, enthüllt ihnen, soweit ihr Licht reicht, in mancher befremdenden Tatsache, das Gotteswürdige, weist ihnen den Zusammenhang nach, in welchem das Einzelne und Besondere mit dem Ganzen der göttlichen Ökonomie stehe, löst ihnen die scheinbaren Widersprüche, deutet die Bilder und Rätsel, fördert aus der Tiefe des scheinbar Sterilen die verborgenen Schätze zu Tage, und räumt in solcher Weise, soweit sie von oben her dazu befähigt wird, allewege die Steine und Anstöße hinweg, welche jenen lieben Seelen zu so manchem Trost- und Erquickungs-Born im Gebiete der göttlichen Offenbarung den Zugang versperren, Nach der Regel solch einer freundlichen Weisheit wünschten auch wir in den vorliegenden Betrachtungen einherzugehen; wie erwünscht wäre uns das Zeugnis, dass es uns in der Tat gelungen sei, hier oder da einer miterkauften Seele willkommene Handreichung zu tun.
Dass wir die Geschichte des Propheten Elias uns ausersahen, um sie in stillen Abendstunden einer Reihe von kirchlichen Vorträgen zum Grunde zu legen, geschah nicht deshalb allein, weil diese Geschichte an tiefem und herzerhebenden Allgemeinsinn so überschwänglich reich ist, und unstreitig unter die wundervollsten, anziehendsten und trostreichsten der ganzen Schrift gehört, sondern auch darum, weil sie so vorzüglich geeignet ist, den Unkundigen das Charakteristische der alten Bundesverfassung zum klaren Bewusstsein zu bringen und ihnen ein ebenso anschauliches als bestimmtes und umfassendes Bild von der Stellung, Führung und Regierung der alttestamentlichen Kirche vor das Auge zu rücken. Das eigentliche Wesen der Haushaltung Gottes in der Zeit des Gesetzes, sein theokratisches Verhältnis zu dem auserwählten Volke, die Erziehungsweise, die er in demselben offenbarte, das Eigentümliche des Prophetenberufes und der Stellung dieser Gottesmänner als Eiferer um die Ehre des Heiligen in Israel und als Vollzieher und Dolmetscher der göttlichen Ratschlusse auf Erden, dieses Alles stellt uns die Geschichte des Propheten von Thisbe in der klarsten und anschaulichsten Enthüllung in den Blick, und wem diese eine Geschichte sich aufschloss, der hat in ihr eine Leuchte gefunden, welche an manchem andern Orte in dem geheimnisvollen Tempel des Alten Testamentes das Dunkel vor ihm her erhellen wird.
Wir geben die Betrachtungen über das Leben unsers Propheten, wie sie vor der Gemeine angestellt wurden, in der Form des Kanzelvortrags. Wir hatten es anders damit vor. Um Manches kürzer, als es in einer Predigt vor einer sehr gemischten Versammlung geschehen darf, darstellen, und mehr andeutungsweise als entwickelnd zu Werke gehen zu können, waren wir gesonnen, sie in eine freiere Form umzuarbeiten, und zweifeln nicht, dass wir uns dadurch einen großen Teil unserer Leser zu innigem Danke würden verpflichtet haben. Die literarische Flut, mit welcher wir in dieser schreibseligen Zeit überschwemmt werden, macht es allerdings je länger je mehr einem Schriftsteller, der sich gelesen sehen will, zur unerlässlichen Bedingung, sich so kurz und gedrängt zu fassen, als nur immer möglich, und den Lapidarstil zu gebrauchen. Man halte es uns zu gut, wenn diesem Zeitbedürfnisse, welches in den beiden folgenden Bändchen ernstlicher soll berücksichtigt werden, in dem vorliegenden nicht überall Genüge geleistet ist. Nur um den wiederholt und dringend ausgesprochenen Wunsche mehrerer unserer lieben Zuhörer zu willfahren, geschieht es, dass wir diesmal unsere Betrachtungen unverändert in der ursprünglichen homiletischen Form ans Licht treten lassen.
Was die radierten Titelblätter anbelangt, deren erstes, den Propheten am Krith darstellend, wir diesem Bändchen beigegeben, so wissen wir freilich wohl, dass dieselben nicht auf den Beifall aller unserer Leser rechnen dürfen, was denn auch kein Unglück ist. Wer indes für Darstellungen einer ernsteren Kunst ein Auge hat, und auch in Bildern, Gewand und Idee, Fleisch und Geist zu unterscheiden versteht, und wo er den letzteren wahrnimmt, nach jenem nicht fragt, dem werden diese Blätter ohne Zweifel Freude machen.
Wir entlassen denn dieses Werklein mit dem Wunsche, dass ihm die höchste Ehre widerfahren möge, die unserer Meinung nach einem Buche in der Welt zu Teil werden kann, nämlich die, bei den Stillen und Verachteten im Lande eine freundliche Aufnahme zu finden. - Der Verfasser wird es gern vernehmen, dass jene Unmündigen die Stimme des liebenden Bruders zu den Brüdern aus seinem Büchlein wohl herausgehört, und neben dem Schibboleth des Gileaditers auch das Girren der Turteltaube darin nicht vermisst haben. - Geschah noch mehr, denn das, und würde es diesen armen Blättern gar gegeben, hier oder da ein bekümmertes Herz zu trösten, ein mühseliges aufzurichten und ein Tropflein Öls und Balsams auf dem Hügel Zion, zu dem wir es senden zurückzulassen, dann sei dem Herrn dafür die Ehre.
Barmen im Juni 1828.
Der Verfasser.