Gerok, Karl - Predigt am fünfzehnten Sonntag nach Trinitatis

Gerok, Karl - Predigt am fünfzehnten Sonntag nach Trinitatis

Text: Matth. 6,1-18.
Habt Acht auf eure Almosen, daß ihr die nicht gebet vor den Leuten, daß ihr von ihnen gesehen werdet: ihr habt anders keinen Lohn bei eurem Vater im Himmel. Wenn du nun Almosen gibst, sollst du nicht lassen vor dir posaunen, wie die Heuchler thun in den Schulen und auf den Gassen, aus daß sie von den Leuten gepriesen werden. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn dahin. Wenn du aber Almosen gibst, so laß deine linke Hand nicht wissen, was die rechte thut, auf daß dein Almosen verborgen sei; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird es vergelten öffentlich. Und wenn du betest, sollst du nicht sein wie die Heuchler, die da gerne stehen und beten in den Schulen, und an den Ecken auf den Gassen, auf daß sie von den Leuten gesehen werden. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn dahin. Wenn aber du betest, so gehe in dein Kämmerlein, und schließe die Thüre zu, und bete zu deinem Vater im Verborgenen; und dein Vater, der in das Verborgene stehet, wird dir's vergelten öffentlich. Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern, wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhöret, wenn sie viel Worte machen. Darum sollt ihr also beten: Unser Vater in dem Himmel. Dein Name werde geheiliget. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe auf Erden, wie im Himmel. Unser täglich Brod gib uns heute. Und vergib uns unsere Schulden, wie wir unsern Schuldigern vergeben. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Uebel. Denn dein ist das Reich, und die Kraft, und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen. Denn so ihr den Menschen ihre Fehler vergebet, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wo ihr aber den Menschen ihre Fehler nicht vergebet, so wird euch euer Vater eure Fehler auch nicht vergeben. Wenn ihr fastet, sollt ihr nicht sauer sehen, wie die Heuchler; denn sie verstellen ihre Angesichter; auf daß sie vor den Leuten scheinen mit ihrem Fasten. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn dahin. Wenn du aber fastest, so salbe dein Haupt, und wasche dein Angesicht, auf daß du nicht scheinest vor den Leuten mit deinem Fasten, sondern vor deinem Vater, der verborgen ist; und dein Vater, der in's Verborgene sieht, wird dir's vergelten öffentlich.

Der große Meister läßt uns noch nicht aus seiner Schule. Hat Er uns am vorigen Sonntag angefaßt mit seiner gewaltigen Gesetzesauslegung, so ist Er damit noch lange nicht fertig. Hat Er jüngst unsere Missethat ins Licht gestellt vor seinem Angesicht und uns große Sünden gezeigt, wo wir keine sahen oder nur kleine, so will Er heut unsere Tugenden beleuchten mit der Fackel seines heiligen Evangeliums, und siehe, sie werden vielleicht gar sehr zusammenschrumpfen im Lichte seiner Wahrheit, wir werden vielleicht kleine Tugenden sehen oder gar keine, wo wir zuvor Wunder was gemeint aufweisen zu können. Wie kommt das?

Meine Lieben! Wenn man jetzt durch unsere Obstgärten geht, die im Frühling so prächtig geblüht, so findet man leider, es haben weit nicht alle Blüthen Früchte angesetzt, und mancher Baum, der schneeweiß wie mit einem Glorienschein von Millionen Blüthen überdeckt stand im Mai, hat jetzt nichts unter seinem Laub, als ein paar Dutzend ärmliche Früchte. Es sind taube Blüthen gewesen, sie sind abgefallen, es ist etwas dazwischen gekommen, diesmal Frost und Nässe, ein andermal Raupen und Ungeziefer. Auch in Christi Garten gibt's Maifröste, gibt's Raupen und Ungeziefer, gibt's einen Glorienschein, der abfällt wie taube Blüthen, wenn des Herrn Geist darein bläst. Der Maifrost - das ist die innere Herzenskälte bei äußerem Schein der Frömmigkeit; die Raupen - das sind die Pharisäer und Maulchristen; und der Glorienschein, hinter dem nichts ist, das ist die Scheinheiligkeit und Heuchelei. Gerade im schönsten Garten - und unser Stuttgart ist ein schöner Garten des Herrn, wo Ihm manches edle Reis, mancher Baum, gepflanzet an den Wasserbächen seines Evangeliums, grünet - gerade im schönsten Garten muß man am meisten Acht haben auf das Ungeziefer. Und wenn es bei den Feinden des Christenthums heut zu Tag Mode ist, alle Frömmigkeit Heuchelei und jeden Christen einen Pharisäer zu nennen, so wollen wir um so mehr auf der Hut sein gegen Alles, was wirklich Heuchelei und Pharisäerthum ist in der Gemeinde.

So denket denn, der Herr rufe auch in unser Thal, in unsere Stadt, in unsere Gemeinde, in unsere Häuser, in unsere Herzen heute hinein jenes warnende „Habt Acht!“ das an der Spitze unseres Textes steht. Ja, habt Acht, meine Lieben, habt Acht auf euren Herzensgarten, ob nicht der Wurm drin sei -

Habt Acht, daß nicht die Heuchelei der Wurm in eurem Garten sei!

Habt Acht

  1. auf eure Almosen - oder die Werke eurer Bruderliebe;
  2. auf euer Beten - oder die Werke eurer Gotteskindschaft;
  3. auf euer Fasten - oder die Werke eurer Selbstverläugnung.

Herr, habe Acht auf mich,
Schaff', daß mein Herze sich
Im Grund bekehre.
Trifft vom verborg'nen Bann
Dein Auge noch was an,
Herr, das zerstöre!

Herr, habe Acht auf mich,
Die Schlange mühet sich
Mit ihren Tücken,
Ein Herz, das Du befreit.
Von der Einfältigkeit
Bald zu verrücken.

Herr, habe Acht auf mich;
O zeuch mich ganz in Dich
Mit Leib und Seele.
Dein bin ich, Du bist mein,
Du sollst es ewig sein.
Den ich erwähle. Amen.

Habt Acht, daß nicht die Heuchelei der Wurm in eurem Garten sei! Damit wir darüber in's Reine kommen, geht der Herr die drei Hauptgebiete eines christlichen Herzensgartens mit uns durch: das Gebiet der Nächstenliebe, da faßt Er in's Aug unsere Almosen; das Gebiet der Gottesgemeinschaft. da sieht Er nach unserem Beten; das Gebiet der Selbstverläugnung, da spricht Er von unserem Fasten. Also

I.

Habt Acht auf eure Almosen, auf die Werke eurer Bruderliebe. Der Baum, der vor allen kenntlich, mit breiten Zweigen und vollen Aesten dastehen soll in jedem christlichen Hans- und Herzensgarten und seinen Schatten geben so weit er reicht, und mit seinen Früchten laben so Viele er kann, das ist ja gewiß der Baum der erbarmenden Liebe. Daß es etwas Schönes ist um eine hülfreiche, mildthätige Hand, das läßt auch der Weltmensch gelten; daß der Herr, was wir dem Geringsten unserer Brüder thun, so ansehen will, als hätten wir's Ihm gethan, das weiß jeder Christ; daß, zumal in einer Zeit weitverbreiteter leiblicher und geistlicher Roth. wie wir sie haben, der Liebe ein weites Arbeitsfeld gesteckt und ein heiliger Beruf angewiesen ist, das haben wir oft gehört und sehen's ein. Daß wirklich ein neuer Liebeseifer erwacht ist in der christlichen Gemeinde, daß zumal auch in unserer Stadt viel gegeben, berathen, gearbeitet wird zum Besten der Armuth, und viel gottgefällige Almosen, nicht bloß an Silber und Kupfer oder an Brod und Wein, sondern auch goldene Almosen frommen Zuspruchs, christlichen Rathes, göttlichen Wortes hingetragen werden an manches Krankenbett . in manches armen Mannes Stube - das soll nicht geläugnet werden. Aber, meine Lieben, habt Acht aus eure Almosen! habt Acht, daß nicht die Heuchelei der Wurm in eurem Garten sei!

„Habt Acht auf eure Almosen, daß ihr die nicht gebet vor den Leuten, daß ihr von ihnen gesehen werdet; ihr habt anders keinen Lohn bei eurem Vater im Himmel.“ Da gibt uns der Heiland gleich das sicherste Kennzeichen an für unsere Liebeswerke: thust du's um der Leute willen oder thust du's um Gottes willen?

Ach, meine Lieben, von all' dem Guten, was unter uns geschieht - wir viel geschieht um der Leute willen. Aus Furcht vor den Leuten: man möchte nicht gern ein Geizhals heißen; auf Eigennutz vor den Leuten: man möchte gern etwas gelten in der Stadt, das kommt Einem dann da oder dort wieder zu gut; aus Ehrgeiz vor den Leuten: man möchte nicht zurückbleiben hinter seinem Nachbar; aus Scheinheiligkeit vor den Leuten: es ist so etwas Schönes um einen christlichen Namen! Wie mancher Groschen bliebe in der Tasche beim Einsammeln, wie mancher Name vom Papier beim Unterschreiben, wär's nicht um der Leute willen! Derselbe Mann, der leutselig seinen Beutel zieht. wenn er vom Armen angesprochen wird im Beisein der Leute, er hätte ihm vielleicht gar unsanft die Thür gewiesen, wäre Niemand dabei gewesen; und jener Priester und jener Levit, die dort den Wanderer in seinem Blute liegen ließen im öden Wald auf einsamer Straße - meinet ihr nicht, sie hätten gar mitleidig und barmherzig gethan, wäre der Unglückliche auf dem Markte zu Jericho gelegen oder in der Straße zu Jerusalem? Aber in Jericho oder in der Wüste, im Sonnenschein oder in finsterer Nacht, vor tausend Augen oder unter vier Augen - die ächte Liebe die fragt nicht: wer sieht's? was trägt mir's ein? sondern sie fragt nur: was ist zu thun? was kann ich thun? Nicht um sich sieht sie, was zu thun sei und zu lassen, sondern in sich und über sich; in sich da fühlt sie den Quell, aus dem alles gute Werk muß fließen, die Liebe, die Gott liebt in den Brüdern und die Brüder liebt um Gottes willen, und über sich weiß sie das Auge, in welchem allein Lob oder Tadel, Heil oder Unheil zu lesen ist für alle Gotteskinder, das Auge des heiligen Gottes, des himmlischen Vaters, der ewigen Liebe. Wo das uns freundlich anblickt, da können wir der Menschen Lob entbehren. - Darum fährt der Herr weiter fort:

„Wenn du nun Almosen gibst, sollt du nicht lassen vor dir posaunen, wie die Heuchler thun in den Schulen und auf den Gassen, auf daß sie von den Leuten gepreiset werden. Wenn du aber Almosen gibst, so laß deine linke Hand nicht wissen, was die rechte thut“ Da gibt uns der Herr ein weiteres Kennzeichen an, unsere Liebeswerke zu erkennen: brauchst du Posaunen dazu, oder kannst du's in der Stille thun? Wie das Roß muthiger ist zum Streit, wenn die Trommete klingt, so gibt's auch für's Menschenherz eine Trommete, bei der es muthiger klopft, fröhlicher seine Pflicht thut - das ist die Trommete des Lobs, das ist die Posaune des Ruhms. Wo die klingt - ja, was wollen wir's läugnen - da sind wir noch einmal so willig zu jedem guten Werk; da stößt dann der Eine selbst für sich in die Trompete, weiß nicht genug zu sagen, wie viel er Gutes thue, wie er sich's sauer werden lasse, wie er sich Mühe gebe, da zu helfen, dort zu rathen, hier zu mahnen, anderswo zu trösten. Ein Anderer greift's feiner an, der „läßt vor sich her posaunen,“ weiß es so einzufädeln, daß von selbst seine Werke ins Licht treten, daß Andere von seinen Verdiensten reden müssen. Ein Dritter ist wohl dafür zu ehrlich und zu bescheiden, aber er lauscht doch umher, er horcht doch dahin und dorthin, was auch die Leute von ihm sagen, ob man auch seine Bestrebungen anerkenne - und wenn's still ist links und rechts, wenn man nirgends von ihm redet, so ist ihm das unbegreiflich, so macht ihn das am Ende mißmuthig und verdrossen, und er zieht zuletzt die Hand vom Pflug, - O du eitles, schwaches Herz, das du nicht leben kannst ohne Futter für deine Eitelkeit, ohne die Schmeichellüfte des Lobs, hast du noch nie gelesen von dem göttlichen Menschenfreund, der, wenn Er einen Blinden geheilt, einen Kranken gesund gemacht, den Leuten verbot, sie sollten's nicht weiter sagen? Hast du noch nie vernommen, was dein Heiland sagt: „Wenn du Almosen gibst, so laß deine linke Hand nicht wissen, was die rechte thut?“ So macht's ein Christenherz, das braucht keine Trompete, wie ein Roß, um seine Pflicht zu thun, nein, das thut schweigend sein Gutes und deckt mit Schweigen, was es Gutes gethan. Soll ich davon reden? ach, es ist ja der Rede nicht werth! soll ich mich darüber loben lassen, ach, ich hätte ja noch viel mehr thun sollen, und das Lob der Leute thut mir nur weh, denn ich verdiene es nicht; soll ich auch nur noch lang denken an das, was ich gethan? ach, dazu ist keine Zeit, jede Stunde bringt ja neue Aufgaben; an das will ich denken, was zu thun ist, nicht an das, was schon gethan ist. Ja, ein echter Christ der weiß wörtlich nichts von dem, was er Gutes thut, darum nicht, weil er's gewohnt ist, Gutes zu thun, darum nicht, weil er voll ist von dem demüthigen Gefühl: wir sind eben und wir bleiben unnütze Knechte; sowenig weiß er davon, daß er einst, wenn der Herr kommt mit seinem Gnadenlohn und spricht: Ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gespeist, verwundert, beschämt, erschrocken fragen wird: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und gespeist? O heilige Demuth eines sich selbst verborgenen göttlichen Herzens, das wie ein Stern leuchtet und weiß es nicht, wie eine Blume duftet und fühlt es nicht, wie ein Quell labet und spürt es nicht, bist du denn auch unter uns noch zu finden? Habt Acht, meine Lieben, habt Acht auf eure Almosen, d. h. hier so viel als habt nicht Acht darauf, zählet sie nicht, wäget sie nicht, beäugelt sie nicht, besprecht sie nicht, werft sie in's Meer! Sonst müßt ihr euch vor den Türken schämen, die haben ein Sprüchwort: hast du etwas Gutes gethan, so wirf's ins Meer; findet es der Fisch nicht, so sieht es doch Gott. Ja, so sieht es doch Gott.

„Auf daß dein Almosen verborgen sei, und dein Vater, der in's Verborgene sieht, wird dir's vergelten öffentlich.“ Sieh da zuletzt, welch lieblichen Lohn der Herr dem ächten Liebeswerk verheißt. Von den Heuchlern sagt Er: „Sie haben ihren Lohn dahin.“ sie wollen ja nichts anders, als von den Leuten gesehen werden; sie nehmen sich ja ihren Lohn zum voraus mit ihrem Eigenlob; sie verbittern sich die Himmelsfreude und Engelswonne des Wohlthuns selber mit ihrem gierigen Umherschauen nach Lob und Lohn: sie haben ihren Lohn dahin. - Aber, du einfältige Seele, die du dein Scherflein gegeben im Herzensdrang, dein Liebeswerk gethan um Gottes willen, in stiller Demuth: sei getrost, dein Vater im Himmel wird dir's vergelten öffentlich. Wohl hast du auf Erden keinen Ruhm davon gehabt und keinen Ruhm davon gewollt; wohl hast du's nicht um Lohnes willen gethan, weder um des zeitlichen noch um des ewigen willen; wohl hast du vielleicht nicht einmal ein Vergelt's Gott dafür bekommen, sondern nur Undank geerntet; wohl hast du vielleicht selber dich geschämt deines armen Werks, deines schwachen Diensts; wohl denkst du selber nicht mehr dran und hast's längst vergessen: aber im Himmel ist ein Auge, das schauet das Scherflein der Witwe im Gotteskasten; im Himmel ist eine Hand, die will nicht unvergolten lassen den Trunk Wassers, in herzlicher Liebe den Brüdern gereicht; im Himmel ist ein Mund, der wird die stille, verborgene Seele einst auf Licht rufen im Angesichte der himmlischen Heerschaaren, daß sie, selig erschrocken, von Wonne gebeugt, von Ehre erdrückt, niedersinkt vor den Augen der Himmlischen, wenn es heißt: Kommet her, ihr Gesegneten des Herrn, was ihr gethan habt dem Geringsten unter meinen Brüdern, das habt ihr mir gethan.

Was ich den Brüdern hier gethan,
Den kleinsten auch von diesen,
Das sieht Er, mein Erlöser, an,
Als hätt' ich's Ihm erwiesen;
Und ich, ich sollt' ein Mensch noch sein,
Und Gott in Brüdern nicht erfreu'n!

Einen zweiten Gang, meine Lieben, haben wir mit dem Herzenskündiger zu thun. Noch ein Baum steht im Herzensgarten des Christen, schlank und hoch wie eine Palme steigt er auf, und wiegt seine Krone im stillen, tiefen Himmelblau: das ist der Palmbaum des Gebets. Sollte man denken, daß auch dieser edle Baum könnte angefressen werden vom Ungeziefer der Heuchelei; sollte man glauben, daß auch das edelste und heiligste Geschäft einer Menschenseele, das Gebet, könnte herabgewürdigt werden zu einem Heucheldienst? Und doch

II.

Habt Acht auf euer Beten, ruft uns der Herzenskundiger zu. - „Wenn du betest, sollt du nicht sein wie die Heuchler, die da gerne stehen und beten in den Schulen und an den Ecken aus den Gassen, auf daß sie von den Leuten gesehen werden.“

Sieh' da, lieber Christ, die erste Gewissensfrage über dein Gebet: Ist's ein Schauspiel vor den Menschen, oder ist's eine Zwiesprache mit Gott? Ach, meine Lieben! wie viele unserer Gebete sind nichts als ein Schauspiel vor den Menschen! Wie oft sind wir schon als Heuchler dagestanden im Gebet vor Gott, daheim an unserem Tisch und hier im Gotteshaus! Denk' nur an heut, nur an deinen Morgensegen heut oder an dein Gebet, als du hier in deinen Kirchenstuhl tratest; der äußere Mensch hat gebetet, die Augen waren niedergeschlagen, die Hände waren gefaltet, die Miene war fromm - aber wo war das Herz? war das beim Gebet? war das bei Gott? oder schweifte es draußen mit den Vögeln umher im Sonnenschein? kramte es noch daheim im Kleiderkasten? schielte es neben aus aus den Nachbar? machte es Plane auf heut Abend? Und wenn's so nicht heute bloß gewesen wäre, sondern schon oft, wenn dein Beten überhaupt, dein Kirchgehen, deine Frömmigkeit, dein Christenthum im Grund nichts wäre als ein Schauspiel vor den Leuten, ein eingelerntes Handwerk, ein einträgliches Gewerbe gar, um dich als ein Christ durch die Welt hindurch und wo möglich in den Himmel hinein zu betrügen - Seele! Seele! hab' Acht auf dein Gebet! es kommt ein Tag, wo die Masken fallen, wo die Schminke vergeht, wo der Heuchler vor Gott steht nackt wie er ist.

„Wenn du aber betest, so gehe in dein Kämmerlein und schleuß die Thüre zu und bete zu deinem Vater im Verborgenen.“ Siehe, dein Gebet soll ja sein eine Zwiesprache mit Gott: wirst du dazu die Gasse suchen? wirst du da nach Zeugen umherschauen? O, wen's recht drängt zum Gebet, der möchte ja am liebsten allein sein, ganz allein mit seinem Gott. Im Verborgenen, hinter verschlossenen Thüren, in stiller Nächte Stunden, von keines Menschen Ohr gehört, von keines Menschen Auge gesehen, so sind von jeher die brünstigsten, die heiligsten Gebete aufgestiegen zu Gott, wie dort Elisa's Gebet in der Todtenkammer, Manasse's Gebet im Gefängnis, Jesu Gebet in Gethsemane. Gewiß jeder rechte Beter hat so einen Gebetswinkel in seinem Kämmerlein, wo er gewohnt ist, in trüben und in heitern Stunden sein Herz auszuschütten vor Gott; in jedem ächten Christenhaus gibt es solche geheiligte Dielen aus dem Boden, welche geweihet sind durch die Füße der Beter, die da gestanden, durch die Kniee der Beter, die da geknieet, durch die Thränen der Beter, die da geweint haben vor ihrem Gott, vielleicht schon von den Vätern und Großvätern her. Wenn du davon nichts weißt, wenn du so noch nie gebetet hast in heiliger Verborgenheit. in stiller Zwiesprache mit Gott, daß dir's war, als wäre die weite Welt um dich her versunken, als wäre Niemand da als du und dein Gott - dann weißt du nicht, was beten heißt, dann hast du noch nie gebetet.

Aber nicht nur wenn du im Kämmerlein betest bei verschlossener Thür; auch wenn du am sonnenhellen Morgen betest beim offenen Fenster, wie Daniel in seinem Sommerhaus, oder im Felde betest unter Gottes blauem Himmel, wie Jesus in der Wüste, oder zu Tisch betest mit den Deinen, wie der Herr in Emmaus, oder in der Kirche betest mit der Gemeine, wie die Apostel am Pfingstfest: auch da muß dein Gebet eine stille Zwiesprache sein mit Gott; auch da muß dir die Welt fernab liegen und deine Herzensthür verriegelt sein gegen alle Zerstreuung; auch da darfst du Niemand sehen, Niemand hören, Niemand denken. als Gott. Das nur heißt beten, alles Andere heißt plappern. Darum, liebe Seele, habe Acht auf dein Beten! Hüte dich vor allem frommen Schauspiel, vor allem frommen Geschwätz! Vom Heiligsten muß man überhaupt nicht zu viel reden vor den Leuten, sonst wird es entheiligt; es gibt eine unverschämte Frömmigkeit, die von Allem, auch den zartesten und heiligsten Geheimnissen des Christenlebens, herumschwatzt, wie man über Wind und Wetter schwatzt; aber die ächte Frömmigkeit ist verschämt und erröthet fast, ihr Heiligstes und Seligstes auszusprechen vor Menschen. Lernet da, Freunde, jetzt noch etwas von euern Rosen draußen, ehe sie vollends welken: nur die halb geschlossene duftet und blüht, die ganz offene aber die zerflattert und verdorrt. Eine halb offene Rose soll dein Herze sein, gen Himmel duftend und glühend, aber der Welt verborgen im innersten Grund.

„Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern, wie die Heiden.“ Ein weiteres Unterscheidungszeichen: das falsche Gebet ist Lippengeplapper, das ächte Gebet ist Herzenssprache. Meine Lieben! wir dünken uns hoch erhaben über die Heiden mit ihrem Geplapper, über die Pharisäer mit ihren Gebetsrollen, über die Chinesen mit ihren Gebetswalzen, wir zucken die Achsel über Rosenkranz und Paternoster, und doch - die Hand auf's Herz - wie viel von unsern Gebeten, von unsern Kirchen- und Tischgebeten, von unsern Morgen- und Abendsegen, von unsern Vaterunsern und Das walte Gott ist - ich will nicht sagen Schauspiel vor den Menschen, aber Lippengeplapper vor Gott! Viel Worte, aber wenig Andacht, Bewegung im Mund, aber keine Regung im Grund, Gewohnheitssache, aber nicht Herzenssache. - Heißt das beten? Sieh, Kind Gottes, du stehst ja im Gebet vor Gott wahrhaftig nicht wie eine Uhr, die ihre Viertel und ihre Stunden abschlägt, oder wie ein Schüler, der seine Lection aufsagt, sondern du stehst vor Ihm wie ein Kind vor dem Vater: so laß denn dein Her; auch reden, mitreden, wenn die Lippen reden. Willst du wissen, wie ein Kindesherz redet mit dem himmlischen Vater, willst du lernen die rechte Gebetssprache - o so vernimm das Gebet, das beste, schönste und vollkommenste, das der Herr selbst hier seine Jünger lehrt, vernimm das Vaterunser; da hast du die echte Gebetssprache, die Sprache eines andächtigen, bußfertigen, demüthigen. gläubigen Kindes - und Christenherzens, das da ruft: Abba, lieber Vater! Dies Gebet lerne recht von Herzen beten, an diesem Gebet lerne von Herzen beten: damit betest du dich in Gottes Vaterherz hinein. Ja, ein solches Gebet von Herzen, das dringet dann auch zum Herzen, zum Vaterherzen Gottes, und bringt dir Erhörung hernieder. „Sie meinen, sie werden erhöret,“ heißt's von den Heiden; sie meinen's, wie die Baalspriester auf Karmel, als sie einen ganzen Tag lang schrieen: Baal, erhöre uns! und er hörte nicht. Sage selbst, hast du je schon einmal einen Segen gespürt und einen Gewinn gehabt von einem heuchlerischen oder gedankenlosen Lippengeplapper? bist du nicht nachher gewesen, wie vorher, so verdrossen, so kalt, so zerstreut, so schlecht, wie vorher? Aber bete zu deinem Vater im Verborgenen, auf dem tiefen, stillen Grund eines kindlichen Herzens herauf: „und dein Vater, der in's Verborgene sieht, wird dir's vergelten öffentlich.“ O welcher rechte Beter hätte ihn nicht schon erfahren diesen offenbaren Segen des verborgenen Gebets! Trost im Leid, Rath in Noth, Gotteskraft für's müde Herz und Himmelsfrieden mitten in der Angst der Welt - das sind die süßen Früchte, die auf Tageslicht reifen aus der verborgenen Wurzel des Gebets. Da stehen sie vor Aller Augen, die Kinder Gottes, stark und froh stehen sie hienieden im Sturm der Welt, leuchtend und verklärt stehen sie droben in den Reihen der Vollendeten, und fragst du: woher dieser fromme Muth, diese hohe Kraft, dieser edle Sieg, dieser herrliche Lohn, dieser himmlische Glanz? Antwort: sie haben gebetet - im stillen Kämmerlein, haben durch's Leben hindurch, auf der Noth heraus, in die Gnade hinein, in den Himmel hinauf sich gebetet. „Dein Vater, der in's Verborgene sieht, wird dir's vergelten öffentlich.“

Jesu, hilf beten, ach, laß es gelingen,
Richte Gedanken und Worte mir ein.
Lasse mein Beten im Kämpfen und Ringen
Heftiger, kräftiger, kindlicher sein!
Beten kann retten aus jeglichen Nöthen,
Und aus dem Tode selbst - Jesu, hilf beten!

III.

Noch ein Wort, meine Lieben! noch einen kurzen Gang. Der Heiland klopft noch an einen Baum in unserem Herzensgarten, ob kein Ungeziefer herunterfällt. Das ist das bittere Kreuzholz, das Holz der Selbstverläugnung, das in keines Christen Garten fehlen darf. Er ruft uns zu: Habt Acht auf euer Fasten!

Leiblich fasten, meine Lieben, an diesem oder jenem Tag sich dieser oder jener Speise enthalten, gehört freilich zu unserem Christenthum nicht; aber dennoch hat auch ein evangelischer Christ seine Fasten. „Wer mir nachfolgen will, der verläugne sich selbst, und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir.“ Das ist das geistliche Fastengebot, das der Herr seinen Jüngern allen auferlegt. Verläugnen das ungöttliche Wesen und die weltlichen Lüste, und züchtig, gerecht und gottselig leben in dieser Welt. das sind die Fasten, die wir selber uns müssen auferlegen, nicht nur am Sonntag oder am Freitag, sondern alle Tage, und dabei gilt's manchen süßen Bissen liegen zu lassen, wie die Welt auch lockt, an manchem Freudenkelch vorüber zu gehen, wie Fleisch und Blut auch darnach lüstet. Dazu schreibt der himmlische Vater den Seinen auch noch manche besondere Fastenzeit aus. wenn Er ein Kreuz uns in's Haus schickt oder ein Fehljahr in unsere Aecker und Weinberge, wenn Er ein theures Gut uns nimmt, an dem unsere Seele gehangen, und spricht: Laß dir an meiner Gnade genügen. Das ist dein Fasten, liebe Seele, und nun hab' Acht auf dein Fasten, daß auch da kein Heuchelsinn, kein Pharisäerthum aufkomme.

„Wenn ihr fastet, sollt ihr nicht sauer sehen, wie die Heuchler.“ Daraus lerne das Erste: Ein saures Gesicht macht's nicht, sondern ein zerschlagenes Herz. Es gibt Leute, die da meinen, ein gesenktes Haupt, ein niedergeschlagenes Auge, eine trübe Miene, ein kläglicher Ton, ein beständiges Ach und Weh über die arge Welt, das mache den rechten Christen, und so üben sie sich denn auch recht ein auf solch klägliche Gebärden. Könnte man ihnen aber hinter die Maske sehen, so fände man dahinter oft einen argen Schalk, recht unheilige Gedanken, recht weltliche Gelüste! Die sind's, die der Heiland meint: ihr sollt nicht sauer sehen, wie die Heuchler, und denen der Prophet schon zuruft: Zerreißet eure Herzen. und nicht eure Kleider! Ein gebeugter, demüthiger Sinn ist besser, als ein gebeugtes Haupt; ein Herz, das da Leid trägt über seine Sünden, ist besser, als ein saures Gesicht; die Opfer, die Gott gefallen, sind ein geängsteter Geist; ein geängstetes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verachten! Darum habt Acht auf euer Fasten, daß keine Heuchelei sich einmische.

Und habt Acht auf euer Fasten, daß kein Hochmuth mit unterlaufe, das ist das Zweite. Die Pharisäer wollten vor den Leuten scheinen mit ihren Fasten, thaten sich gar viel zu gut auf ihre Selbstverläugnung und Weltverachtung, sahen stolz herab auf Zöllner und Sünder. Ich weiß nicht, ob's heut zu Tag und hier zu Land auch noch solche Pharisäer gibt. Wenn's aber solche gäbe, die sich ein Verdienst daraus machten, daß sie besser seien, als andere Leute, weil sie wegbleiben von mancher Weltgelegenheit, solche, die für die Weltkinder nichts hätten als Verachtung und Verdammniß und meinten, sie trügen schon den Heiligenschein um's Haupt und die Andern das Kainszeichen auf der Stirn, denen würde ich sagen: Nicht also, lieben Brüder; wir wollen „nicht scheinen vor den Leuten mit unserem Fasten.“ Wir wollen uns kein Verdienst daraus machen, wenn wir fliehen die Lüste der Welt, sondern demüthig dem Herrn danken, daß Er uns bewahret hat vor dem Argen; wir wollen nicht verdammen unsere irrenden Brüder, sondern brüderlich ihnen nachgehen und priesterlich für sie beten. Habt Acht auf euer Fasten, daß kein Hochmuth mit unterlaufe!

Und habt endlich Acht auf euer Fasten, daß kein verbissener Grimm euch das Herz vergifte. Wenn Gott uns fasten lässet, ein Kreuz uns auferlegt - wie oft geschieht es da, meine Lieben, daß ein geheimer Groll auf Gott und Welt, ein stiller Neid gegen die, die's besser haben als wir, eine verbissene Lust nach der verbotenen Frucht sich festfrißt in unserem Herzen! Da sei Gott vor! „Wenn du aber fastest, so salbe dein Haupt, und wasche dein Angesicht,“ so trage dein Kreuz in Geduld, so kämpfe deinen Kampf im Stillen, der Welt aber laß den Triumph nicht, daß sie sagen darf: sehet, den hilft jetzt sein Frommsein auch nichts, er macht ein trübseliges Gesicht; nein, der Welt zeig' in deinem Antlitz den Frieden der Kinder Gottes und in deinem Auge den Sieg des Glaubens, der die Welt überwindet. Denk' an David, wie er sich wäscht und sein Haupt salbet und anbetet vor Gott, nachdem Er ihn gezüchtigt durch den Tod seines Liebsten; denk' an Hiob, wie er in kindlicher Ergebung spricht: Der Herr hat's gegeben. der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobet; denk' an Paulus, wie er unter all seinen Leiden geduldig ist in Trübsal und fröhlich in Hoffnung: versuch's, ob du nicht auch so etwas vermagst durch Gottes Gnade!

Ja, lieben Freunde, wenn uns Gott nun auch wollte ein Kreuz auflegen, wenn Er uns wollte ein Fasten ausschreiben dieses Jahr in unsern Weinbergen oder eine Trübsal senden in unser Haus - wollen wir dann murren, grollen, die Zahne über einander beißen und die Fäuste ballen, wie die, welche keinen Gott haben? Nein, dann wollen wir zeigen, daß wir Christen sind, wollen es versuchen, ob wir nicht unser gebeugtes Haupt salben können mit dem Oel der Hoffnung und unser trübes Auge hell waschen im Heilquell des Evangeliums; wollen fröhlich sein in Hoffnung, geduldig in Trübsal und anhalten am Gebet, an dem Gebet:

Eins ist noth! ach Herr, dies Eine
Sollst Du, sollst mir Alles sein!
Prüf, erfahre, wie ich's meine,
Und tilg' allen Heuchelschein;
Sieh, ob ich auf bösem, betrüblichem Stege,
Und leite mich, Höchster, auf ewigem Wege!
Gib, daß ich nichts achte, nicht Leben noch Tod, Und Dich nur gewinne: dies Eine ist noth! Amen.

Cookies helfen bei der Bereitstellung von Inhalten. Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung der Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass Cookies auf Ihrem Computer gespeichert werden. Außerdem bestätigen Sie, dass Sie unsere Datenschutzerklärung gelesen und verstanden haben. Wenn Sie nicht einverstanden sind, verlassen Sie die Website.Weitere Information
autoren/g/gerok_k/gerok_15_nach_trinitatis.txt · Zuletzt geändert: von aj