Funcke, Otto - Tägliche Andachten – Neujahr bis Epiphanias

Funcke, Otto - Tägliche Andachten – Neujahr bis Epiphanias

Am Neujahrstage.

Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt. Meine Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.
Psalm 121,1.2.

Glück zum neuen Jahre! Glück zum neuen Jahr! - So tönt's in diesen Tagen durch die Reihen der Menschenkinder. Wir stehen gleichsam auf einem hohen Berg und möchten in die Ferne spähen, dahin wir ziehen sollen. Aber dichter Nebel bedeckt Täler und Höhen und unser Auge kann nicht durchdringen. Und doch möchten wir so gerne sehen. Ach, was wogt nicht alles von Furcht und Hoffnung, von Angst und Sehnsucht in der Seele auf und nieder! Thronen und Herrschaften hofft dieser zu erlangen, jener arme Tagelöhner wäre überglücklich, wenn er im Lauf dieses Jahres so weit käme, seinen milchlustigen Kindern eine Ziege anzuschaffen; der Astronom dort gedenkt neue Sternwelten zu entdecken; dieser Schwindsüchtige zweifelt nicht, dass ihm das neue Jahr ein unfehlbares Heilmittel bringt; auf das Steigen seiner Aktien hofft der Fünfte, auf eine Erbschaft der Sechste usw. Und, so verschieden die Hoffnungen der Menschen sind, so verschieden ist auch ihre Furcht. Ja, Mancher schaut im Blick auf seine leere Kasse und die schlechten Geschäfte, auf seine Familienverhältnisse, auf seine eigene hinschwindende Gesundheit und dergleichen, - gar trüb in's neue Jahr hinein und fragt: Wo will's hinaus? Wie will das werden?

Aber was hilft alles Fragen, Klagen, Zagen? Was hilft alles Ausschauen und ob man sich die Augen ausschaut? Darum senkt sich der Nebel doch nicht. Es ist eine Erfahrung, die Jeder gemacht hat, der nicht gedankenlos seine Straße zog, dass wir fast nie nach unserer Kalkulation durchs Leben kommen, wie fein wir auch spekuliert und kalkuliert haben mochten, ja dass wir selbst dann „unsern Willen“ nicht hatten, wenn's nach unserm Willen ging. So werden auch in diesem Jahre die Dinge hart wider all deinen Verstand, Rat, Willen und Weisheit anlaufen.

„Aber das wäre doch schrecklich, so in's Finstere hineinzutappen und der Spielball unberechenbarer und unbekannter Gewalten zu sein!“ Freilich, zum Verzweifeln wäre es, und zwar am meisten für Den, der am ernstesten und am sinnigsten ist; zum Verzweifeln wäre es, ist es und bleibt es auch, bis der Ausblick zum Aufblick wird, bis wir von den Dingen, die unten sind, zu dem, was droben ist, uns hinkehren und mit dem Psalmisten sprechen lernen: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen.“

Wir wissen, dass die frommen Israeliten vor Christo, wenn sie dieses Lied sangen, zunächst an die Berge dachten, darauf Jerusalem, die Gottesstadt und Gotteswohnung, gegründet war. Wir Kinder des neuen Bundes schwingen uns bei solchem Gebet höher hinauf, dahin, wo im innersten Himmelsheiligtum unser Gott, der in Christo Jesu unser Vater ist, wohnt. Wohl Dem, der versteht, was das sagen will, der es aus eigener seliger Erfahrung weiß, dass über den Wolken ein Vaterherz für ihn schlägt, welches eitel Liebe und Erbarmung ist, und dass dieser Vater es ist, dem Reich, Kraft und Herrlichkeit gehören und der alle Wege seiner Kinder, mögen sie nun durch finstere Tiefen oder über sonnenbeleuchtete Höhen führen, also wendet und regiert, dass ihre wahre innere und äußere Vollendung und Verherrlichung dadurch erzielt werde. Wohl Dem, der mit solchem Sinn aus den Tiefen der Sorge und aus dem Lust- und Leid-Gewirre der eigenen Gedanken heraus in die Höhe schaut, der wird sich die Frage: „Woher kommt mir Hilfe?“ getrost beantworten können: „Meine Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat, ja der mir seinen einigen Sohn zum Bruder gesetzt und mich zum ewigen Leben erlöst hat.“ - Und bei solcher Antwort wird's dann weit und licht und frei im Herzensgrund. Wohl hast du auch jetzt mitnichten eine Garantie, dass du auf glatten Wegen und zwischen Rosengärten wandeln wirst, Eins aber weißt du, dass die ewige Liebe Alles regiert, dass nicht über Vermögen deine Anfechtungen, wohl aber über all dein Verstehen und Begehren seine Gnade und seine Güte sein werden.

Ein wahrer Gottesmensch ist verzagter und mutiger wie andere Leute. Er ist verzagter, so lange er auf sich selbst und die Dinge hier unten schaut. Denn tiefer wie der Weltmensch hat er, vom Licht der Wahrheit erleuchtet, den Eitelkeits-Charakter und den Betrug der Dinge dieser Zeit erkannt, und was noch schmerzlicher ist, die Unzuverlässigkeit, Heuchelei und Unreinheit des eigenen Herzens. Darum kann er sich aus dem, was um ihn und in ihm ist, kein Herz fassen. Aber unbeugsam ist sein Mut und unerschütterlich, wenn er sein angstbeschwertes Herz aus dem Gewirr und Wogengebrause dieser Welt dahin rettet, wo alle Erdenstürme nicht hinreichen, wenn er den Anker seines Herzens demutsvoll und kindlich-gläubig in seines Gottes Herz einsenkt. Derselbe Psalmist, der so angstvoll ruft: „die Wasserwogen im Meer sind groß und brausen gräulich,“ fährt alsobald, fast trotzig triumphierend fort: „Aber der Herr ist noch größer in der Höhe!“ Derselbe Moses, der ganz verzagt betet: „Herr, wenn dein Angesicht nicht mit uns zieht, so führe uns gar nicht von dannen herauf,“ schreitet dann mit aufgerichtetem Haupt in Wüstenei und Kampf, Sturm und Wetter, als sein Gott ihn getröstet hat: „Mein Angesicht soll mit dir ziehen, damit will ich dich leiten.“ Herzbeweglich klingt es, wenn Paulus wehklagt: „Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen von dem Leib dieses Todes?“ Dennoch jubiliert er im Anblick eines Meeres von Schmerzen und Kämpfen: „Ich vermag Alles durch Den, der mich mächtig macht, Christus.“

„Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, woher kommt mir Hilfe?“1) fragt der Psalmist voll Bangigkeit; und alsobald kann er sich selbst ermutigen: „Meine Hilfe kommt von dem Herrn.“

Und auch deine Hilfe, lieber Leser, wird kommen in jedem Kampf, zu jeder Stunde, an jedem Ort, wenn du das Augenaufheben recht üben, wenn du, so gut du's vermagst, fort und fort deine Seele aufwärts schwingen und den züchtigenden, erquickenden, erleuchtenden Strahlen der heiligen Gottessonne öffnen willst.

Dann, wenn wir also „nicht von der Welt“ sind, werden wir erst recht „in der Welt“ sein, so dass wir den irdischen Dingen ihr volles Recht geben und unsern Posten darin ganz und mit Freuden ausfüllen, und dennoch darüber erhaben sind, so dass wir von ihrem Lusttaumel nicht berauscht, von ihrem Ruin nicht begraben werden.

Mag denn auch das neue Jahr bringen was es will, für Den, der sein Herz in Gott heiligt, für Den, der sich selbst in seinem Gott sucht und findet, für den wird es dennoch eitel Leben bringen und ein „gnädiges Jahr des Herrn“ sein. Darum getrost, wer ihm angehören will, der soll sich freuen allewege und alle seine Sorgen und Ängste in den Abgrund seiner Liebe begraben.

Und wenn die Wellen brausen
Mit Macht auf diesem Meer,
Und wenn die Stürme sausen
Rings um mein Schifflein her,
Will ich doch nicht verzagen,
Gott soll mein Helfer sein,
Den Anker will ich schlagen
In Gottes Herz hinein.

Am 2. Januar.

Noah aber baute dem Herrn einen Altar, und nahm von allerlei reinem Vieh, und allerlei reinem Gevögel, und opferte Brandopfer auf dem Altar.
1. Mose 8,20.

Was soll dein Anfang sein im neuen Jahr, lieber Leser? Gratulieren, spekulieren, philosophieren, diplomatisieren, Höflichkeiten sagen und sich sagen lassen, die Zeitverhältnisse schwarz oder grün anmalen, in trüben Sorgen dich zerquälen oder kühne, luftige Lebenspläne zusammenphantasieren? Wäre es nicht schön und menschenwürdig, wenn wir uns den Noah zum Muster nähmen? Er ist durch die wunderbare Hand Gottes aus dem allgemeinen Verderben und Sterben herausgerettet. Eben jetzt hat er die Arche verlassen und schaut aus den Bergen des armenischen Hochlandes hinein in eine neue Welt und in eine neue Periode seines Lebens; grade wie wir jetzt auch. Der Patriarch aber hat nichts Eiligeres zu tun, als schnell, mit fleißiger Hand einen Altar zu bauen und seinem Gott Opfer zu bringen.

Wie nahe hätte es ihn gelegen, zuerst einmal die Gestalt und den Boden der Erde zu untersuchen und zu prüfen, wie es jetzt, nach so gewaltigen Umwälzungen, mit ihr bestellt sei! Wie nahe hätte es ihm gelegen, sich mit seinen Söhnen auf die Trümmer der alten Welt zu setzen und Zukunftspläne zu schmieden! Oder aber, (da er doch so ein mildgesinnter Mann war,) eine große Totenklage zu halten über den Untergang alles Lebens! Oder aber über die Erhaltung seiner einzigen Person so zu philosophieren, dass er ganz leise das, was Gottes Gnade war, als einen (O, wir verstehen das so meisterlich!) als einen Erfolg seiner Tüchtigkeit und Tugend darzustellen. An das Alles dachte Noah nicht. Seine Trauer versenkt er demütig in die Heiligkeit seines Gottes; die Zukunftspläne kamen später und sie gestalteten sich zu einer wunderbaren Weissagung über die ganze kommende Völkergeschichte (1. Mose 9, 25 ff), der Erdboden wurde auch untersucht und gründlich ausgenutzt, nicht nur, um das tägliche Brot zu gewinnen, sondern auch den Wein, der des Menschen Herz erfreut. Aber „Alles zu seiner Zeit“ und zuerst der Dankaltar, und in dem Dankaltar das demütige Bekenntnis: „Nicht mir, Herr, nicht mir, sondern deinem Namen allein die Ehre; nicht in mir, Herr, nicht in meiner Kraft, Tugend und Tüchtigkeit, sondern in dir allein alle meine Hoffnung und Zukunft!“ So beugte sich Noah in Demut und aus der Demut gewann er freudigen Glaubensmut zu neuem Wert und Leben. Denn es steht nicht nur geschrieben: „Wer Dank opfert, der preiset mich,“ sondern auch: „Das ist der Weg, dass ich ihm zeige mein Heil!“

Ach, dass wir, die wir heute zwar nicht auf dem Ararat, aber doch auf der hohen Warte und Vogelschau stehen, hinauslugend und forschend in's neue Jahr mit seinen Sorgen, Kämpfen, Überraschungen, Enttäuschungen, Tränen, Freuden, Erfolgen, Misserfolgen usw., was Alles im dicken Nebel vor uns liegt, ach, dass wir doch auch damit anfangen wollten, einen Altar zu bauen und uns, mit aller unserer Not, Sünde, Sehnsucht, Sorge, unserem Gotte zu heiligen und in die Arme zu werfen! Dann würde es uns niemals weder an Licht, Trost und Freude, noch an Zucht und Ernst fehlen.

Du lebenslustiger, weltseliger Mann, der du in's neue Jahr hineinstürmst und nichts weißt als neue Projekte, neue Geschäfte, neue Genüsse, ich bitte dich um deiner Seele willen, stehe erst still und baue einen Altar, und fange immer wieder bei diesem Altar, bittend, dankend in Demut und Beugung, deinen Tageslauf an. Anders wirst du wie ein Schifflein ohne Ballast, Kompass und Steuer von den Wellen umhergetrieben werden.

Du schwermütiger, sorgenvoller Geist, der du nach so viel bitteren Erfahrungen weltschmerzlich und mutlos in die Ferne schaust, - der du immer in längst vergangenen Leiden und in den wahrscheinlich kommenden Nöten herumwühlst, ich bitte dich, baue einen Altar! Lerne dich beugen, lerne danken, lerne bitten und flehen. So wird sich deine Wehmut wandeln in Demut, deine Angst und Sorge werden sich in glaubensvolles Anschmiegen an deinen Gott wandeln, und, was auch das kommende Jahr bringen möge, es wird ein Jahr der Gnade für dich werden, da du Gottes Herrlichkeit findest!

Und du stumpfer, gleichgültiger Mensch, dessen höchste Weisheit ist: „Man muss Alles gehen lassen! Die Dinge laufen wie sie müssen und man kann einmal am Weltlauf nichts ändern!“ ich bitte dich, baue einen Altar und suche einmal ernstlich Den, der dich auf zu seinem Bilde und wie ein Vater dich lieben, leiten und ziehen will. Stelle dich fleißig an den Altar und schaue in die Höhe, so wirst du aufwachen und dich selber finden und ergründen und dein Leben wird ein Leben werden wie's eines Menschen würdig ist.

Und nun vollends ihr Selbstgerechten, ihr Hochmütigen, ihr klugen; die ihr Alles besser wisst und könnt und macht wie andere Leute; die ihr immer Recht behalten müsst, immer (trotz alles Geschwätzes von Gnade und Erbarmung Gottes vielleicht!) euch so fein zu beräuchern wisst, ach, wie nötig wäre auch euch der Altar! Da, vor Gott, dem Heiligen, der in's Verborgene schaut, da würdet ihr klein und arm und dumm und tugendlos, um dann in Gottes Licht auf den Weg zur himmlischen Weisheit und Wahrheit, zum himmlischen Frieden und Reichtum zu kommen. Aber o weh, die ich jetzt meine, die denken meist an Nachbarn, Vettern oder Basen!

O wie Wenige, die dem Noah gleich, auf der Grenzscheide des neuen Jahres einen Altar bauen, Gott ihre Gelübde erfüllen, Ihm in der Wahrheit ihr Herz weihen, ihr Leben (Geschäftsleben, Privatleben, häusliches Leben) heiligen, Ihm auch gerne mit ihrer Zeit, ihren Gaben, Mitteln - bitte um Entschuldigung, wenn hier auch vom Geld die Rede ist; es ist das zwar ordinär, aber wegen gewisser ordinärer Eigenschaft des Menschen nicht zu umgehen! also - auch mit ihrem Geld, in seinen Armen und Verlassenen und in den Arbeiten seines Reiches dienen möchten! Ja, ja, daraus, dass die Dank-Altäre fehlen, daraus werden die schwersten Stunden dieses Jahres kommen. Andrerseits unter diesen Altären sprudeln die Quellen der Freude und des Friedens, die durch keinen Jammer der Welt getilgt werden können. Und über solchen Altären wölbt sich auch heute noch, wie vor Alters, der majestätische siebenfarbige Bundesbogen deines Gottes, das lichte Band, das Himmel und Erde zusammenhält. Und tausendmal herrlicher wie dem Noah leuchtet es dir, wenn du das eine Wort: „Jesus“ recht lesen kannst. Psalter und Harfe werden in dir zu wunderseligen Tönen und Harmonien geweckt werden, wenn dein Jesus, der hinter dem Altar steht, dir aus dem Bundesbogen heraus deutet, was das heißt: „Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr dein Erbarmer.“

Nun lasst uns gehn und treten
Mit Singen und mit Beten
Zum Herrn, der unserm Leben
Bis hieher Kraft gegeben.
Gelobt sei deine Treue,
Die alle Morgen neue;
Lob sei den starken Händen,
Die alles Herzleid wenden!

Am 3. Januar.

Du bist mein Gott, meine Zeit steht in deinen Händen.
Psalm 31,15.

„Du bist mein Gott,“ das ist die ganze Dogmatik des Palmisten. Es sind nur vier kurze Wörtlein, „du bist mein Gott,“ jedes Wort zählt nur eine Silbe und doch liegt für ihn in diesen Worten Alles, aller Trost, alle Kraft, alle Wissenschaft, alle Beruhigung über Zeit und Ewigkeit. „Du bist mein Gott,“ hat er zuerst gesagt, dann fügt er hinzu: „Meine Zeit steht in deinen Händen;“ wir fühlen, damit will er sagen: „in guten Händen,“ es ist ein Heil, dass sie in Deinen und nicht in meinen Händen steht.

O selig, wer dies du und mein recht fassen, ja, wer's in Wahrheit mitsprechen kann: du, der barmherzige Vater der Herrlichkeit, du, alles Trostes Gott, du bist mein. Und ich, das arme, unreine, unruhvolle, hilfsbedürftige Menschenkind, - ich bin dein. Damit ist das persönliche Verhältnis zwischen dem Vater aller Geister und dem erdgeborenen Geschöpf angezeigt. Denke dich da hinein! Kannst du wirklich sagen, „du bist mein Gott“, so ist dir für Zeiten und Ewigkeiten Alles gegeben, was dir Not tut; die zarteste, verständnisvollste Liebe, die sicherste Zuflucht in jeder Not, die unfehlbare Weisheit, die in keinem Erziehungsmittel fehlt, die Macht aller Macht, für die es keine Hindernisse und Schwierigkeiten gibt. „Du bist mein Gott,“ so darfst du sagen. Es wäre unverschämt so zu sagen, wenn Gott selbst es dir nicht auf die Lippen gelegt hätte. Willst du nun wirklich Gottes sein, so darfst du ihn dein Eigen nennen, als gehörte er dir ganz allein. Freilich, es sind Millionen in allen Zonen der Erde, die Anspruch auf ihn machen. Aber wie die unzähligen Blümlein, die der Sonne harren, darum nicht weniger von ihr empfangen, weil ihrer so viele sind, sondern ein jedes empfängt von der Sonne so viel wie es nur immer aufnehmen und vernützen kann, so ist's auch zwischen dir und Gott. Wie vermessen es auch lauten mag, du darfst ihn, den Allmächtigen in der Höhe, ansehen als den Deinen, der für dich ganz da ist und dich mit Allem herrlich durchbringt.

Darum ist freilich dem Gottesmenschen keineswegs garantiert, dass sein Lebensweg glatter und leichter sein werde, wie der anderer Menschen. Aber wenn der Anker deines Schiffleins im Ewigkeitsgrund ruht, wenn der Wille Gottes der Wind ist, der deine Segel bläht, wenn sein Wort dein Kompass, wenn Jesus Christus der Steuermann deines Schiffleins ist, da bist du gewiss, dass du zum besten Hafen kommen wirst. Mag manche Klippe, manche Sandbank drohen, mögen die wilden Wellen oft furchtbar über Deck schlagen, - untergehen wird dein Schifflein nicht. Mögen deine natürlichen Kräfte zerstört, dein Angesicht durchfurcht, dein Haar grau werden, - der Gottesmensch ist wie die Tanne, die wohl unten abstirbt, aber in ihrem Gipfel so viel lustiger weiter grünt und weiter wächst, ja die so viel kräftiger himmelwärts strebt, je mehr sie nach unten hin abstirbt.

O dass wir nur einmal mit dem „du bist mein Gott“ völligen Ernst machten! Aber daran fehlt's leider zumeist. Wir haben leider immer keine rechte Zeit für Gott und darum haben wir auch nichts von Ihm, keine Kraft, kein Licht, keine Zucht, keinen Trost. Wenn wir nur jeden Tag eine einzige halbe Stunde Ihm ganz weihen und vor Ihm stehend uns klar machen wollten, was das heißt: „Du bist mein Gott“, „ich bin dein Kind“, - wie fröhlich würden wir dann sagen: „Meine Zeit - mit Allem, was sie bringt von Lieb und Leid, Verlust und Gewinn, Schmerz und Freude, - meine Zeit steht in deinen Händen“. Da würde es uns noch besser zu Mut sein wie einem Mann, der sein Kapital, das er nicht zu verwalten verstand, nunmehr in den Händen eines Mannes weiß, der mit der größten Tüchtigkeit und Klugheit die höchste Liebe und edelste Selbstvergessenheit verbindet. Wir dürfen nur in der Zeit Tag um Tag einfältig und pflichttreu ausrichten, was uns vorliegt und dann ganz ruhig Ihm überlassen, wie Er die Zeit ausfüllt, und was Er uns sendet in der Zeit. Wir dürfen alles innere Quälen wegen Geschäften, Gesundheit, Weib und Kindern, wegen Innerem und Äußerem ruhig fahren lassen. Was zerplagst du dich mit Sorgen und Grämen und machst dich selbst untüchtig und matt dadurch, zerstörst deine Freudigkeit und erwirbst dir weder Gottes noch der Menschen Wohlgefallen dadurch, erweise dich nur allenthalben als ein sorgloses, friedereiches Kind Gottes und du wirst es erfahren, wie die Berge zur Ebene und die Stürme zu eitel Frühlingsboten werden. Ja, aller Trost wird dir sprudeln aus dem einen: „Du bist mein Gott“.

Auf Gott und nicht auf meinen Rat
Will ich mein Glücke bauen,
Und Dem, der mich erschaffen hat,
Mit ganzer Seele trauen.
Er, der die Welt, allmächtig hält
Wird mich in meinen Tagen
Als Gott und Vater tragen.

Am 4. Januar.

Der Mensch vom Weibe geboren lebt kurze Zeit, und ist voll Unruhe.
Hiob 14,1.

Gegen diesen Spruch wird kein vernünftiger Mensch auf Erden Protest erheben können. Dass unser Leben „kurze Zeit“ währt, bezeugen auch die Ältesten, die fast ein Jahrhundert hier unten weilen durften. „Kurze Zeit,“ das passt auch für ein sogenanntes langes Leben. Aber selbst diese kurze Zeit ist uns nicht garantiert. Man kann nichts Trivialeres sagen als dies, dass wir jeden Augenblick gefasst sein müssen, aus dem Leben zu scheiden, und doch wird nichts weniger bedacht, wie diese selbstverständliche Wahrheit.

Kurz ist die Zeit, und ist sie hin, so ist sie hin. So manches verlorene Gut lässt sich durch Mühe, Fleiß, Glück und Geschick wieder gewinnen. Niemals ist wiederzugewinnen die verlorene, vertriebene, vertändelte Zeit. Du magst nachher den Rest so treu gebrauchen wie du willst, mehr wie die Zeit auskaufen kannst du nicht und das Versäumte ist nicht zu ersetzen. Mögen dir diese Wahrheiten unbequem sein oder nicht, jedenfalls sind es Wahrheiten und du wirst wohl tun, dich darnach zu strecken.

Hiob sagt aber nicht nur: „der Mensch vom Weibe geboren lebt kurze Zeit“, sondern er fügt auch hinzu: „und ist voller Unruhe“. Wer müsste dem nicht beistimmen? Mag das eine Leben minder bewegt sein wie das des Andern, - voller Unruhe ist jedes Leben. Diese Unruhe stammt daher, dass, wie unser eigenes Leben, so auch alle Dinge, die in unserem Besitz sind, uns total ungewiss sind. So wenig wie die Zeit, so wenig ist uns irgend etwas, was wir unser Eigen nennen, gesichert. Wir mögen Siegel anlegen an Dies und Jenes, wir mögen unsere Liebsten ans Herz pressen: „Euch lasse ich nimmermehr!“ das hilft nichts. In schmerzlichen Wegen müssen wir erfahren, wie ungewiss Alles ist, und das schafft (um hier einmal von der Unruhe, die aus der Sünde fließt, zu schweigen,) - das schafft die Unruhe. Und so kommt es denn, dass unsere Unruhe nicht etwa geringer wird, je mehr wir besitzen, sondern dass mit dem Besitz, sei es an Geld und Gut, sei es an lieben Familiengliedern, ja auch an Kenntnis und Wissenschaft - nur die Unruhe wächst und steigt. - Manchmal freilich lässt es sich so an, dass ruhige Zeiten kommen wollen, und wie freut man sich darauf: Wenn das und das nun erst vorüber ist, dann wird's einmal still und behaglich werden. Aber es ist eine allgemeine Erfahrung, dass sich dann das stille Meer an einer Stelle kräuselt, wo man's gar nicht erwartet hatte. Neue Unruhwellen fahren über das Herz, sei es auch, dass nur die Krankheit eines Kindes, oder ein unerwarteter Besuch oder gar nur ein Zahnleiden die Ruhe tilgen.

Ach, ja, „der Mensch vom Weibe geboren lebt kurze Zeit und ist voller Unruhe“. Dazu weiß Jeder, der dies Blatt jetzt in Händen hält, eine bewegliche Auslegung zu geben. Selig aber, wer es weiß, dass dies doch nur die eine Seite der Sache ist, wer nicht nur sagen kann: „meine Zeit in Unruhe“, sondern auch: „meine Hoffnung in Gott“; nicht nur weiß, „der Mensch ist voller Unruhe“, sondern auch: „Es ist noch eine Ruhe vorhanden dem Volke Gottes“. O, wie klingt das so majestätisch still und himmelsstark, wie kann sich daran das verstürmte Herz sammeln und aufrichten. Wer's versteht, wer in der Gemeinschaft Jesu Christi hat sprechen gelernt: Gott sei Preis, auch mir ist noch eine Ruhe vorhanden, eine selige, lebensvolle Ruhe, da alle meine Unruhe auf ewig gestillt, da alle meine höchsten Wünsche auf ewig erfüllt sind, – wer das sagen kann: Ich bin ein Glied dieses Volkes Gottes, ob auch nur ein armes, ein schwaches, ich bin es, denn Gott will, dass ich es bin, und ich will es sein, es ist meine höchste Sehnsucht, dass ich immer mehr von seinem Geist getrieben und bewegt und durchdrungen werde, wer so steht, der hat auch jetzt schon Ruhe mitten in der Unruhe, heilige Stille mitten in allem Gewirr der Zeit, Frieden in aller Zerrissenheit, stolzen Hoffnungsmut, wenn alle Erdenhoffnung untergeht.

Möchtest du nicht so in's neue Jahr hineingehen, als ein Kind Gottes? Siehe, du kannst es sein, wenn du nur wirklich willst. Schaue nur Jesum an, deinen Retter! Und dann mögen im neuen Jahre die Wellen brausen, sie werden dich doch nicht umwerfen, ja du wirst trotzdem und alledem Frieden haben. Und wenn du dir wirst den Schweiß abwischen nach saurem Arbeiten, und wenn du dir wirst die Tränen abtrocknen nach bitterem Weh, so wird es in dein gequältes, gejagtes Herz hineintönen: „Sei stille, es ist dir noch eine Ruhe vorhanden!“ Und wenn einmal Alles, Alles zusammenbricht im Tode, wenn dein ganzes Leben mit all seinem Getreibe wie eine von Nebel durchströmte Landschaft tief unter dir liegt, wenn alle Menschen auf der Erde dir auch nicht ein Tröpflein Trost mehr geben können, wenn du dich verlassen fühlen wirst von aller Kreatur und deine Sünde dich verklagen und in's Verzagen stürzen will, wenn das alte aufhört und ein neues anfängt, dann wird dein Heiland Jesus Christus dir selbst zur Seite stehen und dir mit holdseligen Lippen in deine geängstete Seele hineinhauchen: „Sei getrost, dir ist noch eine Ruhe vorhanden, bald gehst du ein zu deiner Ruh. Noch einen kleinen Kampf und der ewige Sabbat fängt an“. Wäre das nicht eine schöne Aussicht? Und du kannst sie haben so gut wie der Apostel Paulus und Maria, die Mutter des Herrn, aber nur - zu Jesu Füßen.

Ich zieh' mich auf den Sabbath an
So prächtig, wie ich immer kann;
Denn meine Seele ist die Braut,
Die ihrem Manne wird vertraut;
Bald kommt der Bräutigam und holt sie hin,
Wo sie in Ewigkeit ist Königin.

Am 5. Januar.

(Und Gott sprach zu dem Propheten Jesaja:) Kehre um und sage Hiskia, dem Fürsten meines Volks: So spricht der Herr, der Gott deines Vaters Davids. Ich habe dein Gebet erhört und deine Tränen gesehen. Siehe, ich will dich gesund machen… und will fünfzehn Jahre zu deinem Leben tun… um meinetwillen.
2. Könige 20,5.6.

Das ist eine merkwürdige Geschichte. So eben hatte der Prophet dem totkranken Hiskias sein bevorstehendes Ende verkündet. Da aber der fromme König Gott mit heißem Flehen anlag, er möge ihn doch gesund werden lassen, so bekommt nun Jesaja einen Gegenbefehl und darf dem Kranken die Botschaft bringen, dass er noch fünfzehn Jahre leben werde. Fünfzehn Jahre Leben, nicht mehr und nicht weniger, sind ihm garantiert, er weiß es, so lange hat er Frist, ehe er in die Tore der Ewigkeit eintreten wird. Man denke sich das aus! Es war das eine Gnade Gottes, aber es lag auch eine schwere Versuchung darin. „Wie so,“ sagst du, „ eine schwere Versuchung? Diese Gewissheit war doch außerordentlich angenehm.“ Vielleicht ja, aber jedenfalls auch höchst gefährlich; so gefährlich, dass selbst der so fromme Hiskias die Probe nicht wohl bestanden hat.

Wir wollen Gott danken, dass wir nicht wissen, wie viele Tage, Jahre oder Jahrzehnte uns von unserem Tod trennen. Wir leichtsinnigen Menschenkinder würden gewiss in den meisten Fällen noch viel leichtsinniger werden, wenn wir erst für gewiss wüssten: die Ewigkeit ist mir noch fern; so werde ich ja immer noch Zeit und Gelegenheit haben mich darauf vorzubereiten. Wenn wir erst auf zehn oder zwanzig Jahre das Lied:

„Wer weiß, wie nahe mir mein Ende,
Hin geht die Zeit, her kommt der Tod,
Ach, wie geschwinde und behende
Kann kommen meine Sterbensnot“

in unserem Gesangbuch verkleben, wenn wir erst singen könnten: „Es kann vor Nacht nicht anders werden, wie es am frühen Morgen war“, - O, wo wollte es da mit den Meisten hinaus? Der König Hiskias ist innerhalb der garantierten 15 Jahre allzu sicher geworden auf Erden, hat sich über Gebühr eingerichtet und eingelebt in den Kreatur, hat mit seinem Mammon, mit seinem Gold und seinen Schätzen, statt mit seinem Gott und dessen Gnaden sich groß gemacht vor den Heiden Babylons und vor ihrem Könige Merodach Bal Adan, und hat dann, schon längst vor Ablauf jener 15 Jahre, harte Worte hören müssen aus dem Munde Jehovas; - wie solches Alles im 2. Buch der Könige, Kap. 20 zu lesen ist.

Der liebe Leser ist nun freilich nicht der König Hiskias, aber vermutlich doch noch etwas weniger stark im Glaubensgehorsam wie er. Denn Jener war einer der frommsten Fürsten in der langen Reihe aus Davids Stamm. Es war ja freilich nicht nötig, dass der König in jener Probe erlag, aber sein Beispiel lehrt, dass die Gefahr zur Fleischessicherheit groß ist in solchem Fall. Darum wollen wir Gott danken, dass wir es nicht wissen, wenn unsere Stunde kommt. Wir würden sonst leicht aufhören die Zeit auszukaufen für die Ewigkeit, würden in Gefahr sein zu verweltlichen, unwachsam zu werden und die Sorge um unsere Seele ein wenig zu chloroformieren, - würden, wohl ohne es zu merken, die Waffen unserer geistlichen Ritterschaft auf eine Zeit lang in das Antiquitätenkabinett verweisen.

So wollen wir denn, weil wir einmal sind wie wir sind, darüber froh sein, dass wir uns mitten im Leben vom Tod umfangen wissen, dass wir am Morgen nicht wissen, was am Abend sein wird, - wollen nach der Klugheit der Gerechten trachten, die Moses erbittet: „Lehre uns bedenken, Herr, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ Die Zeit muss uns zur Ewigkeit werden; wir müssen uns üben Alles vor Gottes Augen zu tun, Alles mit Ihm zu tun und zu lassen, Alles so zu tun, dass Er, der heilige Gott, hineinschauen kann. So mögen denn unserer Tage viele noch oder nur wenige sein; es mag der Tod plötzlich kommen oder nach langem Siechbett, er mag uns im Gebetskämmerlein oder im heiteren Freundeskreis treffen, wir werden nicht zittern noch zagen. Da heißt's dann: „Leben wir, so leben wir dem Herrn. Sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum, wir leben oder wir sterben so sind wir des Herrn.“

Wem Ewigkeit
Wie Zeit,
Und Zeit
Wie Ewigkeit,
Der ist befreit
Von allem Streit.

Am 6. Januar. Epiphanias-Fest

Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des Herrn Haus ist, gewiss sein, höher, denn alle Berge, und über alle Hügel erhaben werden; und werden alle Heiden dazu laufen, und viele Völker hingeben und sagen: Kommt, lasst uns auf den Berg des Herrn gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege, und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird das Gesetz ausgehen, und des Herrn Wort von Jerusalem.
Jesaia 2,2.3.

Wer einen guten Globus oder eine Weltkarte zur Hand nimmt, der wird entdecken, dass die drei Orte: der Sinai, Jerusalem und Mekka in einem kleinen Dreieck zusammen liegen. Diese drei Orte aber sind die Wiegen der drei Weltreligionen, ja man kann sagen der einzigen Religionen, die den Namen verdienen; denn diese allein bekennen die Einheit Gottes. So wenig aber eine wahre Ehe existieren kann, wo ein Mann mehrere Weiber hat, so wenig kann es eine wahre Religiosität, (das heißt eine vollkommene, unbeschränkte Hingebung des Herzens,) da geben, wo ein Mensch mehrere Götter glaubt. Man hat nun mit Recht oft darauf hingewiesen, wie merkwürdig es sei, dass diese drei Orte: der Sinai, wo Israel seinen Gott erkannte, Jerusalem, wo das Christentum seinen Ursprung hatte, Mekka, wo Muhamed seine Religion gründete, - dass diese Orte so nahe zusammen liegen. Allein bei schärferer Beurteilung erkennen wir leicht, dass der Muhamedanismus gar keine selbstständige, sondern eine aus allen möglichen anderen Religionen zusammengemischte Religion ist. Sie ist recht eigentlich gemacht und auch nur durch Schwertes Gewalt in die Welt eingeführt worden. So bleibt denn das Volk Israel als das einzige Volk der Religion auf Erden. Denn die alttestamentliche Religion sowohl wie das Christentum sind beides aus Israel herausgeboren, und die von Jesu gestiftete Religion widerspricht nicht nur der alttestamentlichen nicht, sondern sie ist einfach und allein die Erfüllung und Vollendung des Alten.

Ist das nicht bewundernswert, dass dieses so verachtete orientalische Hirtenvolk der ganzen zivilisierten Welt seine Religion gegeben hat? Ja, wie unser Text sagt, - „des Herrn Wort geht aus von Jerusalem,“ und das Heil ist gekommen und kommt fort und fort von den Juden. Ob uns das passt oder nicht - es ist so. Unser Heiland ist selbst ein Jude gewesen und so oft wir die Bibel aufschlagen, gleichviel ob hinten oder vorne, um uns zu erbauen, lesen wir die Worte israelitischer Männer. Jerusalem, die zerstörte, zertretene Stadt, ist auch heute noch und dennoch die Predigerin der großen stolzen Weltstädte, und solche Missionare, wie der Jude Paulus und seine Mitapostel waren, sind aus Japhet's Stamm noch nicht erschienen. Sie werden auch daher nicht kommen. Denn, wie uns das prophetische Wort, wie uns auch unser Text zeigt, wird der große Tag des Lichtes und der beseligenden Gotteserkenntnis für die Nationen der Welt aus Israel aufleuchten.

Es ist bequem, aber es ist die reine Willkür, alle solche Stellen nur bildlich zu fassen und auf die christliche Gemeinde zu deuten. Jeder Bibelleser kann wissen, dass das ganze, heute noch verstockte und verfinsterte Israel sich bekehren und mit Tränen der Buße Den ansehen wird, in welchen es gestochen hat. Und Jeder, der die Geschichte dieses Volkes kennt, wird sagen: Dass dieses Volk, seit Jahrtausenden unter allen Nationen der Erde herumgestreut und von allen Nationen gehabt und zertreten, dass dieses Volk überhaupt noch da ist, ja dass es das reichste und mächtigste Volk der Welt ist und auch in geistiger Beziehung einen so unermesslichen Einfluss hat, dieses allein muss Einen schon auf den Gedanken bringen, dass diesem Volk noch eine große Zukunft bevorsteht. Ja, die verstummte Harfe Israels wird noch einmal in neuen heiligen und entzückenden Tönen erklingen und dann wird das wahre Epiphaniasfest der Völkerwelt anbrechen, welches Jesaja in unserem Kapitel beschreibt.

Der heutige Tag heißt ja Epiphanias, das bedeutet „Erscheinung'. Seiner Zeit war er ein großer Festtag in der christlichen Kirche. Die Bedeutung dieses Tages wurde im Morgenland und im Abendland verschieden aufgefasst. Das Hauptgewicht fiel aber doch darauf, dass an diesem Tage „die Weisen aus Morgenland,“ gleichsam als die Abgesandten der Völkerwelt dem Herrn Christo ihre Huldigung barbringen. Das alle Völker der Herrlichkeit des Evangeliums und des Christusreiches teilhaftig werden sollen, das predigte unser Tag. Er erinnerte und erinnert also die Gemeinde Jesu an die Pflicht der Mission, die allen Jüngern Jesu, auch Denen aus Japhet's Stamm, aufgelegt ist, wenn sie auch keine Paulus und Johannes werden können.

„Eine Herde und ein Hirt,“ ach, wie scheint das noch so weit! Wie ist der Lauf und Gang des Christusreiches auf Erden so gar anders gewesen, wie auch die Apostel dachten! Wollte man über die einzelnen großen Kapitel der Kirchengeschichte Überschriften machen und dabei auf das sehen, was zumeist in die Augen springt, man könnte versucht sein so zu schreiben: „Der König Jesus lässt sein Volk schlachten'. „Die Welt dringt ein in's Heiligtum; der Geist entflieht aus der Gemeinde.“ - „Christliche und heidnische Religion mischen sich.“ Die Hirten der Herde werden ihre Tyrannen und Mörder.“ „Die Zeugen der Wahrheit schreien um Rettung, aber der König schläft;“ usw. usw. Ach, noch sieht's finster aus und Manchem will's gar bedünken, als ob die Stumpfheit und Feindschaft der Welt gegen das Christentum und die Verwirrung und Uneinigkeit der Christen untereinander nur ärger werden wollten. Aber was vor Augen ist, geht uns nichts an, wenn wir Epiphanias feiern. Wir haben nur unseren König mit lauteren Glaubensaugen anzuschauen und uns treulich und redlich in seinen Dienst zu stellen. Er wird schon den rechten Epiphaniastag so heraufbringen, dass wir wie die Träumenden sein werden, wenn wir nur jetzt recht wachen, wirken und kämpfen in seinem Geist. Es kommt dann schon der Tag, da der Berg Jehovas über alle anderen Berge erhaben sein wird und da die Völker werden in seinem Licht wandeln und die Nationen in dem Glanz, der aufging und noch einmal aufgehen wird über Israel. (Jesaja 60,1 ff.) Und bis dahin singen wir mit dem Helden-König Gustav Adolph:

So wahr Gott Gott ist und sein Wort,
Muss Welt, Teufel und Höllenpfort,
Und was dem tut anhangen,
Endlich werden zu Schand und Spott.
Gott ist mit uns und wir mit Gott:
Den Sieg woll'n wir erlangen.

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So heißts genauer, nach dem Grundtext
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