Egli, Emil - Die Züricher Wiedertäufer zur Reformationszeit - Ausbildung der radicalen Partei in Zürich - 1522-23.

Egli, Emil - Die Züricher Wiedertäufer zur Reformationszeit - Ausbildung der radicalen Partei in Zürich - 1522-23.

Als Zwingli mit dem Jahre 1519 seine Predigt in Zürich anhob, erweckte er schnelles und grosses Aufsehen und gewann sich rasch viele begeisterte Anhänger. Wenn gleichwohl sein Einfluss auf das öffentliche Leben erst nach mehrjähriger Dauer deutlicher hervortritt, so erkennen wir daraus nur den mannigfachen Widerstand, den der neue Geist zu überwinden hatte. Insbesondere wäre die Ansicht eine irrige, als seien die Häupter des Staates gleich von Anfang an als freudige Förderer der evangelischen Sache auf seiner Seite gestanden; vielmehr legt der damalige Rath noch durch eine Reihe von Jahren allen Neuerungen gegenüber eine ängstliche Behutsamkeit an den Tag. So lange als möglich suchte er die alten Ordnungen in Kirche und Staat zu schützen, und die ersten reformatorischen Massregeln sehen wie erzwungene Schritte der Nothhülfe aus.

So hatte schon 1522 Zwingli gegen das Fasten gepredigt; der Rath aber stellte auf einen päpstlichen Bescheid ab und hielt noch ein Jahr später an der Fastenordnung fest. Immer noch schützte die Obrigkeit die Hierarchie, so durch Verfolgung einer von Deutschland eingeführten und gegen Papst und Cardinäle gerichteten Schrift. Ebenso sachlich und bedächtig stellte man sich zu der Forderung, gegen die Klöster vorzugehen. Erst das ausdrückliche Begehren eines Theiles der Nonnen am Oetenbach und der offenbare Sittenzerfall im Kloster vermochten ein Einschreiten des Rathes überhaupt herbeizuführen; aber man beschränkte sich auf das Dringendste und stellte durchgreifende Aenderungen den höchsten weltlichen und geistlichen Obrigkeiten anheim; erst für den Fall, dass diese inner einer halbjährigen Frist nicht abhelfen sollten, nahm man selbständige Schritte in Aussicht. Als inzwischen neuerdings wie es scheint sehr bedenkliche Aergernisse im Kloster vorkamen, mussten die Räthe wieder einschreiten und sogar die Bürger zu den Verhandlungen zuziehen. Man steuerte dem Hauptübelstand; aber gegen das Kloster als solches nahm man nichts vor, sondern hielt an dem bereits vorgenommenen Termine der Pfingsten 1523 fest. Bis dahin hatte man also auf jede nur mögliche Weise die bisherigen Ordnungen und die alleinige Competenz des Papstes in Kirchensachen geschützt. So lange gab darum auch der päpstliche Stuhl seine Sache in Zürich nicht verloren, wie fortwährende Soldzahlungen und zahlreiche Briefe aus Rom und vom Nuntius zeigen. Mit vollem Rechte konnte die Obrigkeit sich später Rom gegenüber rechtfertigen, dass man „um des Volkes willen“ mit den Reformen nicht länger habe zuwarten können: secus agere non licet propter vulgus.

Aehnlich verfuhr der Rath in socialen Dingen. Wiederholt kam er in den Fall, die alten Zunftrechte zu schützen, zum ersten Mal auch gegenüber der Verweigerung von Steuern und Bräuchen ein Mandat an die gesamte Landschaft zu erlassen. Auch nach dieser Seite hielt man unbedingt am Hergebrachten fest.

Um so stürmischer verlangten die Verehrer des Evangeliums nach Durchführung der Neuerungen, die sie für nöthig hielten. Die eifrigsten scharten sich um Zwingli selbst. So finden wir ihn in ihrem Kreise nach seiner Predigt gegen das Fasten in des Buchdruckers (wahrscheinlich Froschauers) Haus. Wie Froschauer mit seinen Gesellen das Fasten brach, so thaten auch die versammelten Freunde Zwingli's, während dieser selbst kein Fleisch gegessen haben soll. Unter allen erscheint Heini Aberli der Pfister am Rennweg als der eifrigste. „Wenn sie schon Herren seien“, sagte er zu den Augustinermönchen, „so seien nun doch er und seinesgleichen Meister.“ Bereits forderte Aberli auch das Nachtmahl unter beiderlei Gestalt. „Die Mönche und Pfaffen seien alle zusammen Schelme und Diebe, die den Laien das Blut Christi stehlen“.

Bald wurde die Spannung zwischen den Evangelischen und den Anhängern des Alten eine bedrohliche. Es hiess, Konrad Grebel, der Sohn des Rathsherrn Jakob Grebel, sei mit Aberli und andern Gesinnungsgenossen einmal vor dem Rath erschienen, „und habe domals die stuben fast geknellt“. Als einer der Rathsherrn äusserte, er meine, der Teufel sitze auf der Rathsstube, zahlte ihn Grebel mit dem derben Bescheide, der Teufel sitze auch unter Meinen Herren, die, wenn sie das Evangelium nicht gewähren liessen, „Zerstört“ würden. Diese Gesellen, erzählte man, „hättind Mine Herren geschweigt und si inen erloubt fürzuofaren; dann si inen nüt mer in die sach welltind reden“. Einmal ging das Gerücht, man wolle Zwingli nach Constanz entführen oder ihn sonst umbringen. Um so mehr nahmen sich die Freunde seiner an. Sie zählten auf den gemeinen Mann, namentlich auch auf die Landschaft. Aehnlich wie auf dem Rütli verabredeten sie in Jakob Grebels Haus auf dem Oberhof eine grosse Versammlung der Evangelischen zu einer „Schenke“, die auf dem Lindenhof stattfinden sollte. Jeder Geladene sollte gute Freunde mitbringen; man sprach von fünfhundert Theilnehmern. Als die Urheber dieses Planes erscheinen Klaus Hottinger der Salzkrämer und sein Bruder Jakob Hottinger, auch Heini Aberli der Pfister und etliche Bürger von Höngg. Man erwartete besonders von Zollikon, Hottingen, den Vier-Wachten und Höngg Zuzug, also aus den Gemeinden, die an den Abhängen des Zürichberges und weiterhin die Stadt umkränzen und von dem Stift Grossmünster sehr abhängig, namentlich dahin zehentpflichtig waren. Die Versammlung kam nicht zu Stande, weil der Rath einschritt; aber ihr Zweck wurde sonst erreicht, indem der Rath selbst Zwingli sicherte.

Etwas später tritt die Fastenfrage wieder vor. Von Basel her war ein dort um seines evangelischen Eifers willen ausgewiesener Priester Wilhelm Röubli von Rottenburg am Neckar eingetroffen. Sofort machte er sich durch die höhnische Weise, in der er das Fasten brach; bemerkbar; er berief sich dafür auf den Apostel Paulus. Bereits bezeichnet er auch die Bilder in den Kirchen als „Götzen“ und den Besuch solcher Kirchen als unnütz. Röubli predigte oft im Fraumünster, in Wytikon und Zollikon und wurde dann, wohl nicht ohne Bedenken der Chorherren, dauernd in Wytikon als Filialprediger des Stifts Grossmünster angestellt und als solcher bestätigt.

Denselben Eifer entwickelten einige evangelische Prediger in socialer Richtung. Unter diese gehört voraus Simon Stumpf in Höngg, auch ein Landsfremder. Röubli selbst scheint in Wytikon bald ähnlich gewirkt zu haben; wenigstens verhandelte der Rath schon im Frühling 1523 das Zehentverhältniss seiner Gemeinde zum Stift.

So erkennen wir, dass, zunächst um Zwingli's Predigt gesammelt und nicht zum wenigsten gegenüber dem Zögern der Obrigkeit, eine radicale Partei sich ausbildete. Von diesem Boden hat die zürcherische Wiedertäuferei ihren Ausgang genommen.

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