Disselhoff, Julius - Paulus, der Knecht Jesu Christi - 12. Die Leiden der Knechte Jesu und des Nächsten.

Nun freue ich mich in meinem Leiden, das ich für euch leide, und erstatte an meinem Fleisch, was noch mangelt an Trübsalen in Christo, für seinen Leib, welcher ist die Gemeine, welcher ich ein Diener geworden bin.
(Kol. 1, 24. 25.)

Das Herz, welches bekennt: „Siehe, ich bin des Herrn Magd!“ wird auch in den Jubel ausbrechen: „Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes!“ Aber es erfüllt sich ihm auch das Wort: „Es wird ein Schwert durch deine Seele dringen!“ Hat ein Vater- und Mutterherz Freuden, davon ein zuchtmeisterlicher Sinn nichts ahnt, so muss es freilich auch Leiden tragen, die einem Zuchtmeister zeitlebens unbekannt bleiben.

„Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen!“ Das ist der Ruhm der ewigen Liebe, die Mensch geworden ist.

Das wird auch der Ruhm und das Los jeder Liebe bleiben, die aus dem Urquell der Liebe stammt. Jedes Elternherz wird die Schwächen und Gebrechen, die Sünden und Schulden der Kinder tragen, wie die eigenen, zwar nicht in dem Sinne, wie Christus die Sünden der Welt getragen hat, zur Versöhnung, wohl aber nach dem Gesetz: Wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit. Es kann ja nicht anders sein. Auf das Haupt und Herz eines Hauses fließen alle die Leiden zusammen, von welchen die einzelnen Glieder der Familie betroffen werden.

Paulus hat das reichlich erfahren. Er war der Vater und Diener seiner Gemeinden und hat darum an seinem Fleische gern erstattet, was ihnen noch mangelte an Trübsalen in Christo. Zwar hat Christus mit einem Opfer in Ewigkeit vollendet, die da geheiligt werden; aber doch wird weder die Gemeinde, noch ein einzelnes Glied der Gemeinde geheiligt und vollendet ohne eigene Leiden; denn in ihnen erst erschließt sich dem Geiste das Verständnis der Leiden Christi. Gott ist barmherzig. Er weiß, was für ein Gemächte wir sind. Darum ist es eine gnädige Ordnung, dass kein Glied der Gemeinde seine Leiden und Gebrechen allein trage, sondern dass andere und stärkere sie mit ihm tragen, und sind geteilte Freuden doppelte Freuden, so sind geteilte Leiden nur noch halbe Leiden.

Die freundlichen Gebote: „Einer trage des andern Last!“ und: „Wir, die wir stark sind, sollen der Schwachen Gebrechlichkeit tragen!“ hat Paulus seinen Gemeinden vorgelebt. Er ist mit den Schwachen wie ein Schwacher geworden. Es kam keine Trübsal leiblicher, seelischer oder geistlicher Art über die Gemeinden und einzelne Glieder, die nicht bis in Pauli Herz gedrungen wäre. Er nahm sie mit auf seine Schultern, damit durch gemeinschaftliches Tragen sie sicherer und rascher überwunden würden, Gott zur Ehre, den Leidenden zum Heile. „Ich werde täglich angelaufen und trage Sorge für alle Gemeinen. Wer ist schwach, und ich werde nicht schwach? Wer wird geärgert, und ich brenne nicht?“ (2. Kor. 11, 28. 29.)

Alle Schwankungen des inneren Lebens, alle Fehltritte und Irrtümer, welche in den Gemeinden offenbar wurden, machte Paulus so lebendig mit durch, als sähe er liebe, leibliche Kinder vor seinen Augen in Not und Gefahr schweben. „Denkt daran,“ bittet er die Ältesten der Gemeinde Ephesus, „dass ich nicht abgelassen habe, drei Jahre, Tag und Nacht einen jeglichen mit Tränen zu vermahnen.“ (Apostelg. 20, 31.) Ähnlich versichert er die Korinther, in deren Mitte arge Sünde aufgewuchert war: „Ich schrieb euch in großer Trübsal und Angst des Herzens mit vielen Tränen; nicht dass ihr solltet betrübt werden, sondern auf dass ihr die Liebe erkennt, welche ich habe sonderlich zu euch.“ (2. Kor. 2, 4.) Und diese Fürsorge, dieses kräftige innere Mitleiden erstreckte sich selbst auf solche, welche ihm persönlich ganz unbekannt waren. „Ich lasse euch aber wissen,“ schreibt er an die Kolosser, „welch einen Kampf ich habe um euch und um die zu Laodicea und alle, die meine Person im Fleisch nicht gesehen haben, auf dass ihre Herzen ermahnt und zusammen gefasst werden in der Liebe.“ (Kol. 2, 1. 2.)

Als der Herr nach Sauls wiederholtem Ungehorsam zu Samuel sprach: „Es reut mich, dass ich Saul zum Könige gemacht habe, denn er hat sich hinter mir abgewendet!“ da durchbebte den Propheten ein Schmerz, als hätte sein eigenes Kind den Herrn verworfen und wäre von ihm wieder verworfen. „Er schrie zu dem Herrn die ganze Nacht.“ (1. Sam. 15, 11.) So hat auch Paulus manche Nacht für ein irrendes oder gar verlorenes Kind unter Tränen zum Herrn gerufen, während der Verirrte, wie Saul, fröhlich und siegprangend einherstolzierte. Nur Gott und der, welcher selbst solche Vater- und Muttertränen geweint hat, weiß, wie scharf, wie beißend sie sind, weiß, dass solche Schmerzen wie Schwerter durch die Seele schneiden. Sie sind bittrer als der Tod. Moses hat es schon geschmeckt. Sein Volk hatte für den lebendigen Gott ein goldenes Kalb erwählet. „Ach!“ schrie er zum Herrn, „das Volk hat eine große Sünde getan! Nun vergib ihnen ihre Sünde; wo nicht, so tilge mich auch aus deinem Buch, das du geschrieben hast!“ (2. Mos. 32, 31. 32.) Auch Paulus musste mit eigenen Augen sehen, wie sein heißgeliebtes Judenvolk den Herrn beharrlich von sich stieß. Es war ihm dabei, als müsste er vor Jammer und Schmerz vergehen. Er ruft aus: „Ich sage die Wahrheit in Christo und lüge nicht, dass ich große Traurigkeit und Schmerzen ohne Unterlass in meinem Herzen habe; ich habe gewünscht, verbannt zu sein von Christo für meine Brüder, die meine Freunde sind nach dem Fleisch!“ (Röm. 9, 1-3.) Wer im Dienste Jesu und des Nächsten durch solche und ähnliche Leidensstanden niemals hindurch geführt wird, der steht schwerlich wie ein geistlicher Vater, eine geistliche Mutter unter denen, die seiner Hut und Pflege anvertraut sind. „O Absalom, mein Sohn, mein Sohn, wollte Gott, ich müsste für dich sterben!“ Jedes Vaterherz, nicht bloß im natürlichen, sondern auch im geistlichen Sinne des Wortes, muss also klagen, wenn es sein geliebtes Kind, seinen mit viel Seelenarbeit gehüteten Pflegling verloren sieht.

Gott allein ist Vater im ganzen und vollen Sinne des Wortes, der ewige Vater. Kein Moses, kein David, kein Paulus ist Vater genug, um seine Seele für die Seele eines verlorenen Kindes einzusetzen. Nur Gott, welcher der rechte Vater ist über alles, was Kinder heißt im Himmel und auf Erden, nur Gott hat seinen eingeborenen Sohn, das Ebenbild seines Wesens und den Abglanz seiner Herrlichkeit, für das Leben und die Rettung der Welt zu geben die Macht gehabt. Aber wem diese Vater- und Heilands-Liebe die Seele gerettet hat, der kann seine Brüder, seine Kinder, seine Hasser so lieben, dass er auch das Leben für sie lassen kann. Er kann und will durch seine Liebe und Hingabe niemanden erlösen; aber er kann und wird durch solche leidenswillige Liebe manches harte und stolze Herz zu der ewigen Liebe hinlocken, die unsere Erlösung ist.

Paulus ließ sich gern als den Geringsten ansehen und behandeln, als dem Tode schon übergeben; er war gern der Welt und den Engeln und den Menschen ein Schauspiel geworden, gern um Christi willen ein Narr und schwach und verachtet, damit seine Korinther klug seien in Christo, stark und herrlich. Hunger und Durst trug er, war nackend und wurde geschlagen und hatte keine bleibende Stätte, segnete, wo man ihn schalt, duldete, wenn man ihn verfolgte, flehte, wenn man ihn lästerte, war stets als ein Fluch der Welt und ein Fegopfer aller Leute (1. Kor. 4, 9 ff.): und das alles, damit er seinen Kindern als Vater sich erwiese, damit er ja allenthalben etliche selig machte, damit er die Gemeinde als eine reine Jungfrau Christo zuführte. Und was war die Frucht dieser Leiden der Vaterliebe? Wer kann sie zählen! Die Ewigkeit wird sie offenbar machen. Aber eine Frucht ist die, dass uns beim Anschauen solcher Liebe noch heute ein Wonneschauer der Ewigkeit durchbebt, und wir Gott preisen, der solche Macht den Menschen gegeben hat, die von seiner Liebe durchdrungen sind!

„Hört, ihr Himmel! und Erde, nimm zu Ohren! Denn der Herr redet. Ich habe Kinder auferzogen und erhöht, und sie sind von mir abgefallen!“ (Jes. 1, 2.) „Seht, ob auch ein Schmerz sei, wie mein Schmerz, der mich getroffen hat!“

Wer aus der ewigen Liebe geboren ist, auf dessen Haupt ruht der Geist der Herrlichkeit, dass auch ihm aus der Vaterliebe Leiden erwachsen, die ihn den Leiden der ewigen Liebe ähnlich machen. „Ich will,“ sagt Paulus, „sehr gerne dargelegt werden für eure Seelen, wiewohl ich euch gar sehr liebe und doch weniger geliebt werde.“ (2. Kor. 12, 15.) Was für ein Seelenschmerz! So lieben, wie Paulus, und doch weniger geliebt werden. Klage nicht! Das ist das Los der Liebe. Es kann nicht anders sein. Elternliebe ist größer als Kindesliebe. kann wohl eine Mutter sieben Töchter ernähren, aber sieben Töchter nicht eine Mutter. Volksmund ist hier Gottesmund. Es ist ein Schmerz, wenn man erfahren muss, dass Kindesliebe nicht der Elternliebe gleichkommt, warmer, wahrer Elternliebe. Aber das ist die Ordnung Gottes und der Natur, ist die Eigenart des Vater wie des Kindesherzens. Stündest du nicht über deinem Kinde, so würdest du nicht Vater sein. Dazu eben bist du Vater, damit deine Liebe weiser, weiter, stärker sei, damit du deine Kinder unter deine Fittiche nimmst, wie eine Henne die Küchlein unter ihre Flügel, damit du dein Kind ziehst und lehrst, nicht dein Kind dich. Verlangen, dass dein Kind in dem Umfange dich liebe, wie du dein Kind, hieße verlangen, dass dein Kind dein Vater würde. Liebt dich dein Vater im Himmel nicht mehr, als du ihn liebst? Verlangt er, dass deine Liebe seiner Liebe die Waage hält?!

Und doch, es ist und bleibt ein tiefes Leiden, wenn ein Knecht Jesu im Dienste des Nächsten so wahr wie Paulus sagen muss oder darf: „Wiewohl ich euch gar sehr liebe und doch weniger geliebt werde!“ Aber es ist ein seliges Leiden, denn es ist ein Leiden der Liebe. Peinvoll, qualvoll wird es erst dann, wenn ich nicht verstehen kann, dass es also sein muss.

Ich weiß es, denn es ist meine eigene Erfahrung, dass es einen Seelenkampf kostet, bis ein Arbeiter Jesu Christi sich in die heilige Gottesordnung gefunden hat, dass Vaterliebe stets so viel höher und tiefer, weiter und wärmer sein muss, als Kindesliebe, so viel der Vater seinem Gottesberufe nach über dem Kinde steht. Es kann keinem jungen Diener, keiner jungen Dienerin Jesu dieser Kampf erspart werden, wenn sie nicht Zuchtmeister bleiben, sondern geistliche Väter und Mütter ihrer Pflegebefohlenen werden wollen. Aber es kann dieser Kampf erleichtert, er kann abgekürzt werden, und wie wollte ich Gott in tiefer Demut Dank sagen, wenn diese armen Worte einen meiner Brüder, welcher in der Klage über Undank und Lieblosigkeit sich verzehrt, zum Lichte führten!

Lieber Bruder, leide gern, wenn du vor deinen Pflegebefohlenen dich erniedrigen, vor ihnen von deinem Rechte, deiner Ehre und Stellung etwas aufgeben musst. Gott der Vater und unser erstgeborener Bruder hat es auch getan und tut es noch heute. Lass mich dir eine kleine Geschichte erzählen. Ich war noch ein Neuling im Amte, als ich am Sterbebette eines Greises saß. Er lebte mit seinen Kindern um geringer Ursache willen in Hader und sie mit ihm. Ich kannte des Mannes Sinn und Art, denn ich war schon einmal vor seinen Worten zusammen gebebt. Wie zart und mild sollte ich meine Stimme wandeln, damit seine Empfindlichkeit nicht gereizt würde? Gott gab mir Rat. Ich nahm mein Neues Testament, schlug auf und las: „Der älteste Sohn ward zornig und wollte nicht zu seinem Vater ins Haus hinein gehen. Da ging sein Vater heraus und bat ihn!“ „Was“, schrie hier der sterbende Greis, im Bette aufspringend, „was, Sie junger Mensch wollen mich, den Vater, so vor meinem Sohne herabsetzen, meine Vaterwürde, mein altes graues Haupt in den Staub treten, dass ich mich vor ihm demütige!“

Freunde, Brüder, wie oft habe ich seitdem, wie oft auch ihr in den Adern ein Gefühl der Empörung aufsteigen fühlen, wenn wir uns vor unsern Kindern, unsern Pflegebefohlenen demütigen, ihnen bittend nachgehen sollten, wo wir fordern konnten, dass sie mit dem Geständnis ihrer Schuld und um Verzeihung bittend zu uns kämen.

„Da ging der Vater heraus und bat ihn!“ Dabei bleibe es fortan in unserm Amt und Berufe, ihr Knechte und Mägde Jesu. Es ist das ein Leiden, das tief durchs Lebensmark des alten Menschen geht, aber es ist ein Leiden, welches von der Vaterliebe unzertrennlich ist. Und fragt ihr mich: Was hatte jener Vater von seiner Liebe? so kann ich nur sagen: Eine schnöde Antwort! Lest sie beim Evangelisten Lukas.

Brüder, fallt mit mir in den Staub vor Gott und benedeit seine ewige, demütige Liebe, dass er, der Vater, sich vor dem Menschengeschlechte so erniedrigt hat, dass er mit der Fülle seiner Liebe wie ohnmächtig vor einem stolzen, selbstgerechten Menschenherzen da steht! Preist mit mir die Liebes-Demut des eingeborenen Sohnes, der sich so erniedrigt hat, dass er von dem, der sein Brot aß, mit Füßen sich treten ließ, dass er seine Liebe ohne Maß an einen Menschen gewendet hat, der küssend ihn verriet! Das ist alles uns zu gute geschehen, die wir in seinem Dienste lieben und leiden. Aber muss auch um der Liebe willen fort und fort ein Schwert durch unsere Seele dringen, so bleibt lieben doch selig. Auch das Leiden um der Liebe willen gehört zu den friedereichen Geheimnissen, die kein Auge gesehen, kein Ohr gehört hat und die in keines Menschen Herz gekommen sind, die aber doch Gott denen offenbart hat, die ihn lieb haben. Seht auf Paulus. Er hat um der Liebe willen gelitten, wie keiner. Aber mit fröhlichem Munde bezeugt er: „Ich freue mich in meinem Leiden, das ich für euch leide!“ und abermals: „Und ob ich geopfert werde, so freue ich mich und freue mich mit euch allen!“

„Fürchte dich nicht, glaube nur!“ „Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die völlige Liebe treibet die Furcht aus!“ (1. Joh. 4, 18.)

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