Disselhoff, Julius - Paulus, der Knecht Jesu Christi - 10. Der Herr des Himmelreichs will fröhliche und freiwillige Knechte!
„Denn dass ich das Evangelium predige, darf ich mich nicht rühmen; denn ich muss es tun. Und wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predigte! Tue ich's gerne, so wird mir gelohnt; tue ich's aber ungerne, so ist mir das Amt doch befohlen.“
(1. Kor. 9, 16. 17.)
Die letzte Betrachtung hat uns ins Herz gerufen: „Nicht ein Zuchtmeister, nur ein Vater- und Mutterherz kann sich zu jedermanns Knecht machen.“
Die heutige mahnt uns: „Der Herr des Himmelreichs will fröhliche und freiwillige Knechte!“
Diese Mahnung haste in unserm Gewissen, so lange wir der streitenden Gemeinde angehören und Mühe und Arbeit haben müssen auf dieser Erde!
Von dem fröhlichen und freiwilligen Kampfeseifer unserer deutschen Krieger sind aller Herzen erquickt1). Der unüberwindliche Mut, mit dem unsere Brüder für das irdische Vaterland fochten und fielen, treibe uns, dass wir mit gleich fröhlichem Siegesmute um das ewige Vaterland kämpfen, und von der freiwilligen und fröhlichen Liebe, mit dem jetzt jeder von einem Marksteine Deutschlands bis zum andern fürs teure Vaterland hingibt, was er hat, mögen wir lernen, für das ewige Vaterland, für den Herrn aller Herren, den König aller Könige mit fröhlichem und freiwilligem Herzen aufzuopfern, was wir haben, und was von uns gefordert wird.
Wahrlich, kein Despoten-Befehl eines Herrschers hätte unsere Truppen die steilen, todspeienden Höhen von Spicheren hinauf getrieben! Nein kein Despoten-Befehl! Es ist unmöglich! Der fröhliche, freiwillige Opfermut hat den Truppen unseres irdischen Königs Flügel gegeben. Meine Freunde, wollen wir für den König des Himmelreichs die Erde erobern, so müssen wir freiwillige, fröhliche Streiter sein.
Sollen die Kinder dieser Welt denn immer klüger bleiben in ihrer Art und für ihre Zwecke, als die Kinder des Lichts? Sollen irdische Angelegenheiten immer mit mehr Eifer und Energie betrieben werden, als die himmlischen, ewigen? Das wäre für unsern König und für uns kein feiner Ruhm! Es ist Zeit, von Paulo jene Freudigkeit und Freiwilligkeit im Streit und der Arbeit für das Gottesreich zu lernen, aus welcher allein die notwendige Weisheit, Ausdauer und Tatkraft geboren wird.
Paulus war, daraus mache ich zuerst aufmerksam, von Gott und seinem Gewissen an seine Arbeit gebunden. „Ich muss es tun!“ sagt er, „und wehe mir, wenn ich es nicht täte!“ Er hatte also nicht mehr die freie Wahl, in der Arbeit zu bleiben oder der Arbeit den Rücken zu kehren; sondern er fühlte eine innere Nötigung, in den Lasten des Berufes auszuharren. Er hatte dieselben allerdings freiwillig auf sich genommen; aber hätte er sie aus eigener Wahl von seiner Schulter wälzen wollen, so würde er in seinem Innern ein nicht zu übertönendes: Wehe dir! wehe dir! gehört haben. Wer dem König des Himmelreichs dienen will, muss wenigstens so fest an seine Arbeit gebunden sein, dass es ihm innerlich unmöglich ist, sich den über ihn hereinbrechenden Mühen und Beschwerden durch die Flucht zu entziehen. Doch ist ein solcher innerlich Gebundener keineswegs schon ein allezeit fröhlicher und freiwilliger Arbeiter. Er kann das, was er zu tun hat, doch noch ungerne, mit innerem Unbehagen und Seufzen tun.
„Tue ich's ungerne“, sagt der Apostel, „so ist mir das Amt doch befohlen.“ Was ich nur befohlener maßen tue, ist eine Sklavenarbeit, und alle Sklavenarbeit ist sauer, ein wahres Jammerleben. Man wird darin seines Herrn und seines Amtes niemals froh. Solche Arbeit kann nie unsere Heimat, unser Element werden. Doch wagt man auch nicht, aus ihr fortzulaufen. Die arme Seele zermartert sich. Sie kommt nicht vorwärts auf dem Lebenswege, sie geht rückwärts. Sie verkümmert.
„Tue ich's gerne, so wird mir gelohnt!“ Was für einen Lohn Paulus erstrebt, verhehlt er nicht. „Solches tue ich um des Evangelii willen, auf dass ich sein teilhaftig werde!“ (1. Kor. 9, 23.) Das also ist der Lohn des freiwilligen und fröhlichen Arbeiters Jesu Christi, dass er in der Arbeit für seinen Herrn der gnadenreichen Verheißungen des Evangeliums, der Kräfte der zukünftigen Welt immer mehr teilhaftig wird, dass er tiefer eindringt in die Gemeinschaft mit Gott, in das Leben Gottes, dass das Leben aus Gott durch Jesum Christum immer mehr sein Leben wird. Damit stimmt das Wort des Herrn zu Abraham: „Ich bin dein sehr großer Lohn!“ Der Herr selbst, sein Leben und seine Gemeinschaft ist der Lohn dessen, der alles, was er in Jesu Dienst zu tun hat, gerne tut!
Diese Hoffnung hat dem Apostel Paulus eine wunderbare Freudigkeit bei allen seinen Arbeiten und Beschwerden eingehaucht. Paulus ist der Mann der Leiden, denn er hat mehr gelitten im Dienste Jesu, als alle2); er ist aber auch der Mann der Freuden, wie kein anderer. Was immer er im Dienste Jesu gearbeitet und gelitten hat, alles hat er gern und mit Lust getan, mit Freuden gelitten. „Als die Traurigen, aber allezeit fröhlich!“ (2. Kor. 6, 10.) ist sein Losungswort. Als er in Philippi mit Silas ins Gefängnis geworfen war, lobte er um Mitternacht seinen Gott mit so fröhlicher Stimme, dass es die Gefangenen hörten. (Apostelg. 16, 25.) Eben dem Kerker und der Schmach in Philippi entronnen, war er dennoch freudig in seinem Gott, sofort in Thessalonich das Evangelium Gottes trotz erneuerter Leiden zu verkünden. (1. Thess. 2, 2.) Den Korinthern schreibt er, als das Wasser ihm bis an die Seele gehen wollte: „Ich bin überschwänglich in Freuden in aller unserer Trübsal!“ (2. Kor. 7, 4.) Als er um seines Amtes willen in Rom in Ketten lag, sorgte er nur um das eine, dass er fort und fort mit freudigem Auftun seines Mundes die frohe Botschaft verkünde, damit er auch in Ketten und Banden allezeit freudig handeln möge, wie es einem Diener Jesu, des Freudenmeisters, gebührt. (Ephes. 6, 19. 20.) Die Ketten in Rom schienen sich für ihn nur öffnen zu wollen, um ihn dem Tode zu überliefern. Und wenn er, versichert er die Philipper, wenn er für sie und die Gemeinden sich auch opfern müsse, so freue er sich doch und freue sich mit ihnen allen. (Phil. 2, 17.) Aus dem ganzen Wesen und Tun des Apostels Paulus atmet mitten aus tausend Nöten und Trübsalen der Geist der Freude, der jedes Herz mit gleicher Freude füllen möchte. „Freut euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freut euch!“ (Phil. 4, 4.) Als er das schrieb, klirrten noch die Ketten an seinen Armen.
Diese wenigen Züge werden uns, hoffe ich, eine Ahnung davon geben, was es heißt, ein fröhlicher Knecht des Herrn sein. Und fragt ihr mich, wodurch dieser Geist der Freude über den mit Mühsalen überschütteten Arbeiter Jesu gekommen sei, so weiß ich nur zu antworten: Die Liebe Christi hat ihn gedrungen, nicht ein Zuchtmeister, sondern ein Vater und eine Mutter seiner Pflegebefohlenen zu sein. Ein Zuchtmeister trägt Mühe und Arbeit seines Berufes mit Seufzen, Grämen und Sauersehen, ein Vater und eine Mutter mit Lust und Freude, denn „leiden für die Liebe, das ist der Liebe Lust!“ oder wie der Heilige Geist sagt: „Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht; sie stellt sich nicht ungebärdig, sie lässt sich nicht erbittern, sie verträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles!“ (1. Kor. 13, 4 ff.)
Hier, meine Freunde, ist uns der Weg gewiesen, wie auch wir fröhliche Knechte und Streiter Jesu werden können. Das aber sollen wir wissen, dass der König des Himmelreichs keine erzwungenen Dienste, keine unfreiwilligen Herzen und ungebärdigen Angesichter will. „Wer blöde und verzagt ist, der kehre um!“ (Richt. 7, 3.) Dies Wort muss bis auf den heutigen Tag nach dem Befehle Gottes vor den Ohren aller derer ausgerufen werden, welche für ihn arbeiten oder in den Streit ziehen wollen. Denn wenn schon im alten Bunde, so ist es doppelt und dreifach im neuen ein Grundgesetz für die Diener Gottes: „Siehe, ich habe dir geboten, dass du getrost und freudig seist!“ (Jos. 1, 9.) „Dient dem Herrn mit Freuden!“ (Ps. 100, 2.) „Nach deinem Sieg wird dir dein Volk willig opfern.“ (Ps. 110, 3.)
Man darf nicht meinen, dass nur ein so außerordentlicher Mann, wie Paulus, unter niederdrückenden Berufslasten und körperlichen Nöten ein fröhlicher Knecht Christi sein und bleiben könne. Vielmehr gilt auch hier sein Wort: „Seid doch wie ich, denn ich bin wie ihr!“ (Gal. 4, 12.) Man kann die Mühe und den Schmerz fühlen und unter den Beschwerden der Arbeit müde werden, und dennoch vom Geiste der Freude beseelt bleiben. Was die Gnade in Paulo zustande gebracht hat, kann sie auch in uns zustande bringen. Darum ruft er allen ohne Ausnahme zu: „Übet jemand Barmherzigkeit, so tue er es mit Lust!“ (Röm. 12, 8.) Die äußere Tat der Barmherzigkeit, mit innerer Unlust ausgeübt, ist keine Barmherzigkeit mehr. Für den Täter selbst ist es ein lästiges, abgezwungenes Sklavenwerk, für den Empfänger kein Labsal und Gott widerwärtig. Jeder soll nach seiner eigenen, freien Wahl, niemand mit Unwillen oder aus Zwang Gott und seinem Nächsten Dienste leisten, „denn einen fröhlichen Geber hat Gott lieb“ (2. Kor. 9, 7), nur einen fröhlichen Geber. Darum lass, wie Paulus an Philemon schreibt, dein Gutes nicht genötigt, sondern freiwillig sein. (Philem. 14.)
Beruhige dich nicht damit, dass deine Berufsarbeit im Dienste Jesu doch gewissenhaft getan sei, wenn sie ungebärdig verrichtet ist. Denn die Liebe ist nicht nur gewissenhaft, sie ist freundlich. Das saure Gesicht eines Knechtes Jesu ist dem Pflegebefohlenen bitter wie Galle, für den Fremden abschreckend, für das eigene Herz eine scharfe Rute, dem Herrn eine Unehre. Der rechte Freudengeist eines Knechtes Jesu ist dem Mühseligen das süßeste Labsal, dem Fremden die eindringlichste und beredtste Predigt, dem eigenen Herzen ein Himmelreich, dem Herrn ein angenehmes Opfer. Darum noch einmal:
„Der Herr des Himmelreichs will fröhliche und freiwillige Knechte!“