Disselhoff, Julius - Paulus, der Knecht Jesu Christi - 6. Was macht ein Knecht Jesu Christi mit seinem Willen?
„Und er (Saulus) sprach mit Zittern und Zagen: Herr, was willst du, dass ich tun soll?“
Apostelgesch. 9, 6.
Wir suchten uns zuletzt die Frage zu beantworten: „Wie gebraucht ein Knecht Jesu Christi seine Vernunft?“ Heute wollen wir uns über die noch weit wichtigere Frage belehren lassen:
Was macht ein Knecht Jesu Christi mit seinem Willen?
Die einfache Antwort lautet: Er bricht ihn. Er lässt nicht seinen eigenen Willen, sondern den Willen Jesu Christi über sich herrschen. In demselben Augenblick, als vor den Toren von Damaskus aus dem Saulus ein Paulus, aus dem Sklaven seines verblendeten, tyrannischen Willens ein Knecht Jesu Christi wurde, fragte er: „Herr, was willst du, dass ich tun soll?“ Das ist das Kennzeichen der Knechte und Mägde Jesu, dass sie in allen Lagen und Verhältnissen schlecht und recht und einfältig nach dem Willen ihres Herrn und Meisters fragen und von ihm allein sich regieren lassen, dem eignen Willen aber ganz und gar den Mund verstopfen. Und wie könnte es auch anders sein? Der Wille des Herrn hat zu gebieten, nicht der Wille des Knechtes.
Paulus hatte den heißen und heiligen Wunsch, die frohe Botschaft vom Messias den Juden zu bringen. Dieser Wunsch muss nach menschlichem Urteil durchaus gerechtfertigt erscheinen; denn niemand war dazu so geeignet, wie er, der frühere Pharisäer und Schriftgelehrte, welcher sein verblendetes Volk mit so glühender Liebe umfasste, dass er für sie von Christo verbannt sein wollte. Und doch, des Herrn Wille war ein anderer. Paulus sollte das Evangelium vorzugsweise den Heiden verkünden, sollte nicht der Juden, sondern der Heiden Apostel werden. Sobald er dies als den Willen seines Herrn erkannte, besprach er sich, wie er den Galatern 1, 16 schreibt, auch nicht einen Augenblick darüber mit Fleisch und Blut, weder mit fremdem, noch mit seinem eigenen; sondern alsobald fuhr er zu, d. h. er ging mit Lust, Frische und Eifer an die vom Willen seines Herrn ihm befohlene Arbeit, jammerte und klagte nicht: „Ach, wie schwer, wie blutsauer wird es mir, den süßen langgehegten Lieblingswunsch daran zu geben. Ach, es wird mir das Herz darüber brechen!“ Er murrte auch nicht: „Ach, mein Gott, was machst du?! Ich passe meiner ganzen Eigentümlichkeit nach viel mehr zu einem Prediger unter den Juden, als unter den Heiden! Unter den Juden, meinen geliebten Brüdern, hätte ich mit Lust arbeiten können; zu den Heiden komme ich mit gebrochenem Herzen!“ Er gehorchte und mit Freude, denn er wusste: Jesus ist der Herr, und ich sein Knecht. Und das war Pauli Art in jedem einzelnen Falle, den sein Berufsleben mit sich brachte. Ein besonders lehrreiches Beispiel ist für uns die Geschichte, welche Lukas in der Apostelgesch. 16, 5 ff. erzählt. Paulus befand sich nämlich auf seiner zweiten großen Missionsreise und suchte in einer Provinz Kleinasiens, welche ihm die geeignete schien, seine Missionsarbeit zu treiben. Aber es ward ihm vom Heiligen Geiste gewehrt. Er bestand nicht auf seinem Willen, sondern wendete sich nach einer andern Provinz, nach Bithynien. Aber der Geist ließ es ihm abermals nicht zu1). Auch jetzt wurde der Knecht Christi nicht unwillig oder gar mürrisch darüber, dass er nicht dort und nicht in einer solchen Weise arbeiten durfte, wie er es für gut hielt. Er blieb sich seiner Stellung klar bewusst und vergaß nicht einen Augenblick, dass der Knecht sich die Arbeit nicht aussucht, sondern sich dieselbe von seinem Herrn anweisen lässt. Er wanderte also weiter und wartete, wo und wie ihn der Herr in dem großen Arbeitsfelde gebrauchen wollte. So kam er bis ans Mittelmeer nach der Stadt Troas. Da erschien ihm jenes, für unsern Erdteil so bedeutungsvoll gewordene Gesicht. „Das war ein Mann aus Makedonien, der stand und bat ihn und sprach: Komm herüber nach Makedonien und hilf uns! Als er aber das Gesicht gesehen hatte, „da“, erzählt Lukas, „trachteten wir alsobald, zu reisen nach Makedonien, gewiss, dass uns der Herr dahin berufen hätte, ihnen das Evangelium zu predigen.“ So ist die frohe Botschaft vom Friedefürsten zu uns nach Europa gekommen. Auch später hat der Apostel nach dem Grundsatz gehandelt, dass der Knecht sich von seinem Herrn führen und die Art und den Ort der Arbeit bestimmen lässt. Den ältesten von Ephesus sagt er Apostelg. 20, 22 ff., im Geiste sei er durch den Willen seines Herrn gebunden, nach Jerusalem zu reisen, wiewohl der Heilige Geist durch prophetische Männer in allen Städten ihm bezeuge, dass Bande und Trübsale seiner daselbst warteten. Dasselbe wiederholte er in Tyrus und Cäsarea, wo man ihm ankündete, dass er in Jerusalem gebunden würde, und alle ihn baten, nicht hinzuziehen. Aber der Wille seines Herrn war sein Gesetz. Von ihm ließ er sich allein bestimmen und weder seinen, noch seiner Freunde Willen drein reden, so dass diese selbst endlich sagten: „Des Herrn Wille geschehe!“ (Apstlg. 21, 14.) Paulus war gewiss ein Mann von festem, eisernem Willen. Kaisern und Königen gegenüber stand er, wie ein Fels. Aber von seinem Herrn ließ er sich in jedem Falle willenlos lenken, wie ein Lamm. Siehe, das heißt ein Knecht Jesu sein!
Nun lass mich fragen: „Was machst du mit deinem Willen?“
Man kann in christlichen Dingen viel wissen, tun, beten, gute Empfindungen haben und dergleichen mehr und doch den eignen Willen treiben, wie Jesaja dem Volke Israel vorwirft. (Jes. 58, 3.) Für einen Knecht und eine Magd gilt das Sprüchlein Tersteegens:
Offenbarung, Wundergaben
Trost und Süßigkeiten haben,
Ehre, Welt und Geld verachten,
Vieles wissen und betrachten,
Fasten, lesen, singen, beten
Und mit Engelzungen reden:
Alles dieses acht ich nicht,
Wo man nicht den Willen bricht.
Insbesondere muss jeder Knecht Jesu sich hüten, seinen Arbeitsplatz nach eigenem Gutdünken aussuchen zu wollen oder den angewiesenen wie ein Deserteur zu verlassen. Den Posten anweisen oder vom Posten ablösen, kommt beides dem Herrn zu. Darein muss der Knecht sich nicht mischen wollen, oder er greift seinem Herrn ins Amt. Der Ruhm, womit der Hauptmann zu Kapernaum seine Kriegsknechte schmückt, ist für uns sehr beschämend. Er sagt: „Ich bin ein Mensch, der Obrigkeit untertan, und habe unter mir Kriegsknechte; und wenn ich sage zu einem: Gehe hin! so geht er; und zum andern: Komm her! so kommt er; und zu meinem Knechte: Tue das! so tut ers.“ (Matth. 8, 9.) Kann das der Herr, der mehr als Mensch ist und keiner Obrigkeit untertan, auch von uns, seinen Knechten und Mägden, sagen? Sind wir so willig, zu gehen oder zu kommen, wohin er uns sendet? Hat nicht jener Hauptmann an seinen Soldaten gehorsamere Knechte, als der Herr aller Herren an uns? Und soll es immer so bleiben? Wollen wir nicht lernen, uns von der Herrschaft unseres Willens zu befreien und uns vom Willen unsers Herrn regieren zu lassen?
Es gibt für das Amt und die Arbeit viel Verwirrung und für das arme Herz viel Beschwerde und Unruhe, wenn ein Knecht Jesu sich mit Fleisch und Blut bespricht, auf die Einflüsterungen seines Willens lauscht oder sich wohl gar so sehr täuscht, dass er seinen eigenen Willen für den Willen des Herrn ausgibt und wähnt, vom Willen des Herrn getrieben zu sein, während er ein Spielball seiner eigenen Willkür ist. Auch muss ich es für jeden Knecht des Herrn als höchst gefährlich erklären, wenn er wählerisch sich diesen und jenen Arbeitsposten aussuchen und von einem andern sich frei machen möchte. Die Gründe, welche man hierfür sich selbst vorführt, sind mir nicht unbekannt. Man erklärt die Arbeit, welcher man den Rücken zu kehren wünscht, für seine Kräfte, Gemütsstimmung, seinen Charakter und Bildungsgang nicht geeignet, als wenn es für Jesu Stand und Kräfte passend gewesen wäre, seinen armen Jüngern die Füße zu waschen, was doch nur den Sklaven zukam! Mag in manchen Fällen an jener Behauptung etwas oder viel Wahres sein, so bleibe ich doch streng und fest bei dem Grundsatz, dass ein Knecht sich die Arbeit nicht aussuchen, sondern von seinem Herrn anweisen lassen soll. Wer sich diesem Grundsatz nicht frei und fröhlich unterwirft, wird im Dienste des Herrn nie frei und fröhlich werden, sondern voll Seufzer und Klagen bleiben, von einem Posten an den andern, aus einer Arbeit in die andere sich sehnen, ohne irgendwo Ruhe und Befriedigung zu finden. Wer aber so unbedingt, wie Paulus, seinen Willen daran gibt und vom Willen seines Herrn in jedem Falle sich regieren lässt, der wird im Dienste Jesu Christi, wo und wie er auch arbeiten möge, so fest und frei, so fröhlich und selig dastehen, wie ein Paulus, gewiss, dass der Herr ihn dahin berufen hat.