De Wette, Martin Leberecht - Das Gericht Christi in seiner Milde und Gerechtigkeit.

De Wette, Martin Leberecht - Das Gericht Christi in seiner Milde und Gerechtigkeit.

Predigt über Matth. 25, 31-46. Gehalten zu Basel am ersten Advents - Sonntage 1839 von Dr. de Wette.

Text:
Wenn aber des Menschen Sohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle heiligen Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Stuhle seiner Herrlichkeit. Und werden vor ihm alle Völker versammelt werden. Und er wird sie von einander scheiden, gleich als ein Hirte die Schafe von den Böcken scheidet; und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen, und die Böcke zur Linken. Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommet her, ihr Gesegnete meines Vaters, ererbet das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt, Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gespeiset. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich getränket. Ich bin ein Gast gewesen, und ihr habt mich beherberget. Ich bin nackend gewesen, und ihr habt mich bekleidet. Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besuchet. Ich bin gefangen gewesen, und ihr seid zu mir gekommen. Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen, und haben dich gespeiset? Oder durstig, und haben dich getränket? Wann haben wir dich einen Gast gesehen, und beherberget? Oder nackend, und haben dich bekleidet? Wann haben wir dich krank oder gefangen gesehen, und sind zu dir gekommen? Und der König wird antworten und sagen zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr gethan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir gethan. Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Gehet hin von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln. Ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich nicht gespeiset. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich nicht getränkt. Ich bin ein Gast gewesen, und ihr habt mich nicht beherberget. Ich bin nackend gewesen und ihr habt mich nicht bekleidet. Ich bin krank und gefangen gewesen, und ihr habt mich nicht besuchet. Dann werden sie ihm auch antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich gesehen hungrig, oder durstig, oder einen Gast, oder nackend, oder krank, oder gefangen, und haben dir nicht gedienet? Dann wird er ihnen antworten Und sagen: Wahrlich, ich sage euch, was ihr nicht gethan habt einem unter diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht gethan. Und sie werden in die ewige Pein gehen! aber die Gerechten in das ewige Leben.

Andächtige rc.!

Die Ordner des altkirchlichen Kreises von Sonn- und Festtagen haben nicht nur für die letzten Sonntage des nun zurückgelegten Kirchenjahres evangelische Abschnitte, wie der vorgelesene, die vom Gerichte handeln, zur andächtigen Betrachtung vorgeschrieben, sondern auch gewollt, daß die in der heute beginnenden Adventszeit gefeierte Zukunft Christi zugleich als sein Auftritt unter den Menschen und als seine Zukunft zum Gerichte betrachtet werde; beides sehr schicklich. Denn Ende und Anfang des Erlösungswerkes Christi berühren sich, und beim Wendepunkte des kirchlichen Jahrkreises ist es billig, daß eine christliche Gemeinde sich frage, ob und wie weit das Erlösungswerk an ihr gefördert, ob das Reich Christi zu ihr gekommen sei; daß jeder Christ sich frage, ob er sich zu den Mitgliedern des Reiches Christi rechnen dürfe, und ob er im Stande sei, Rechenschaft abzulegen vor seinem Richterstuhle. Sehr schicklich sind solche ernste Fragen der Selbstprüfung in den Tagen, wo das bürgerliche Jahr seinem Ziele nahe ist, und wo wir veranlaßt sind, auf einen nun bald zurückgelegten Lebensabschnitt einen prüfenden Rückblick zu werfen und uns zu fragen, wie wir unsere Zeit benutzt, ob wir unser Lebenswerk mit Treue und Eifer getrieben haben, ob wir auf dem Wege des Heils vorwärts geschritten sind. Den Ernst des Gedankens an das Gericht, das uns Allen bevorsteht, mag noch der Umstand erhöhen, daß in diesen Tagen auch das natürliche Jahr zu Ende geht, wo die Ernten aller Art, die natürlichen Bilder des Gerichts, vollbracht sind; wo der Weizen in den Speicher gesammelt und von Unkraut und Spreu gesäubert ist, wo die Bäume ihre Früchte abgeliefert und ihre Blätter abgeworfen haben, und Alles in der Natur uns an die Vergänglichkeit der Dinge und unsere eigene erinnert. Wer weiß, wie Manche von uns, Geliebte rc., während des bevorstehenden Winters vom Herrn über Leben und Tod werden abgerufen werden, um Rechenschaft abzulegen von dem, was sie gethan bei Leibesleben? O lassen wir die Mahnungen an das Gericht uns willkommen sein und sie ernstlich für das Heil unserer Seele benutzen, ehe denn das Donnerwort des Richters seelenzermalmend in unsere Ohren fällt!

Aber auch in einer andern Beziehung kann uns in gegenwärtiger Zeit die Betrachtung des Gerichtes Christi heilsam sein. Scharf gesondert, erhitzt und erbittert stehen heutzutage einander gegenüber die Parteien der Altgläubigen und Neugläubigen oder Zweifler, der Kirchlichen und Unkirchlichen, die Anhänger der römisch-katholischen und der protestantischen Kirche, und im Kreise des Staatslebens die Anhänger des Bestehenden und die Freunde der Neuerung; heiß ist der Kampf der verschiedenen Parteien und schneidend die Urtheile, die sie gegen einander fällen. Sie werfen sich zu Richtern über einander auf und verdammen einander. Ob es nun gleich recht und löblich ist, daß ein Jeglicher für seinen Glauben und seine Ueberzeugung kämpft, ob wir gleich ohne Zweifel Alle auf die Seite derer treten, die für den Glauben an die Wahrheit des Evangeliums und für dessen Erhaltung in Kirche und Schule einstehen: so müssen wir es doch tadeln, wenn der Kampf mit Erbitterung und Verdammungssucht geführt wird, wenn die Kämpfenden einander nicht im Geiste ihres Herrn und Meisters richten.

In dieser doppelten Beziehung lasset uns denn das in unserm Textesabschnitte geschilderte Gericht Christi bettachten, und zwar sowohl in seiner Milde, als in seiner Gerechtigkeit.

Und du, göttlicher Heiland, erscheine uns jetzt als Richter unserer Seelen, und halte Gericht über unsere Gedanken und Gesinnungen, Ansichten und Richtungen! Erscheine uns in deiner göttlichen Größe, in deiner Herrlichkeit, vor welcher alle Völker sich beugen und vor der auch wir anbetend niederfallen. Erscheine uns in deiner Größe, die gerade in deiner Milde am herrlichsten sich kund gibt, die, fern von finsterer Strenge, in eben dieser Milde das unfehlbare, alldurchdringende, allumfassende Urtheil übt. Laß durch deine Milde unsere noch verhärteten Herzen erweicht, in Hingebung und Liebe zu dir aufgelöst und zur Sanftmuth gegen unsere Brüder gestimmt werden! Laß durch deine Gerechtigkeit unsere engherzigen, selbstsüchtigen Ansichten und Urtheile erweitert, geläutert und berichtiget werden! Amen.

I.

Wann des Menschen Sohn kommen wird in seiner Herrlichkeit, und alle heiligen Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Stuhle seiner Herrlichkeit; und werden vor ihm alle Völker versammelt werden.

In diesen Worten, womit die Schilderung beginnt, ist bei aller Einfachheit eine Größe und Majestät, die ihr Alle, Geliebte, fühlen werdet. Der Eindruck, den sie bei buchstäblicher Auffassung auf unser kindliches Gemüth gemacht haben, der Eindruck eines seelendurchdringenden Schauers, klingt auch in reifern Jahren, wo wir uns nicht bergen können, daß Bildliches in dieser Schilderung sei, noch in uns nach; und je mehr wir uns zu einer klar denkenden Auffassung erheben, desto mehr erkennen wir die darin liegende Wahrheit. Ist es nicht eine Wahrheit, die jede Prüfung bestehen kann, daß Christus durch seine Leiden zur Herrlichkeit eingegangen ist, daß der unscheinbare, verachtete, verfolgte, zum schmählichen Kreuzestode verdammte Menschensohn wegen der Liebe und des Gehorsams, die er bewiesen, von Gott hoch erhoben worden ist, und einen Namen erhalten hat, der über alle Namen ist; daß der Gekreuzigte in einer Verklärung strahlt, zu welcher kein anderer Sterblicher sich erhoben hat, noch je einer sich erheben wird; daß wir ihn im einzigen und höchsten Sinne als Sohn Gottes zu verehren haben? Ist es nicht eine unumstößliche Wahrheit, daß das Reich, das er auf Erden gestiftet, das wahre Abbild des Reiches Gottes im Himmel ist, und sein Erlösungsplan mit dem Weltregierungsplane Gottes, (so weit wir diesen ahnend erkennen können,) so innig zusammenhängt, daß wir sagen müssen, er regiert, mit göttlicher Gewalt ausgerüstet, an Gottes Statt die Welt? Und wenn es ein Gericht Gottes über die Menschen gibt (und wie könnten wir dieß leugnen, ohne Gott selbst zu leugnen?); wenn die göttliche Gerechtigkeit das Wahre, Gerechte, Gute, Gehalt- und Wertvolle des menschlichen Strebens und Thuns anerkennt, schützt, bewahrt, zum Ziele führt und belohnt, das Böse und Nichtige dagegen der verdienten Vernichtung und Strafe anheim gibt: wo anders sollten wir die Gesetze, nach denen Gott richtet, suchen, als in der Offenbarung seines Sohnes, welche alle göttliche Wahrheit enthält? Und, wenn der Vater selbst nicht richtet, wem anders, als seinem Sohne, könnte er das Gericht übergeben? (Joh. 5, 22.) So ist es also wahr, daß der Menschensohn in göttlicher Herrlichkeit, umgeben von den heiligen Engeln, als Richter der Welt sich offenbaren und alle Völker vor ihm erscheinen werden, um ihr Urtheil zu empfahen.

Und er wird sie von einander scheiden, gleich als ein Hirte die Schafe von den Böcken scheidet; und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen, und die Böcke zur Linken. Welche schicksalsschwangere, furchtbare Scheidung! Wer wird nicht davor zittern, zur Linken gestellt zu werden; wer wird sich für würdig halten, sein Loos bei den Auserwählten zu empfangen? Wie schlägt in banger Ahnung unser Herz, wie regt sich im tiefsten Grunde das Gewissen!

Wonach richtet nun der mächtige, furchtbare Richter der Welt? welchen Maßstab legt er an? - Wer den sanften Ruf des Evangeliums noch nicht vernommen hätte, wer noch unter dem Gesetze stände, der würde im Angesichte des Richters ängstlich alle Vorschriften des Gesetzes vor seine Seele rufen und sein Thun bei Leibesleben damit vergleichen. Aber ach, wie würde er zerschmettert und vernichtet in sich zusammensinken und ausrufen: Ach, Herr! strafe mich nicht in deinem Zorne, und züchtige mich nicht in deinem Grimme! (Ps. 6, 2.) Denn er würde sich unzähliger, wenn auch kleiner, Vergehen anklagen müssen. - Wie könnte aber Christus nach dem Gesetze, das den Juden zum Zuchtmeister gegeben war für den Kindheitszustand der Welt, alle Völker richten? - Ein Anderer, der in dem Wahne erzogen wäre, (der je auch selbst in die christliche Kirche eingedrungen ist,) daß allein strenge Entsagung, büßende Selbstpeinigung Gott wohlgefällig mache, aber sich nie in seinem Leben dazu hätte entschließen können, sondern des Glückes, das ihm Gott beschieden, obschon mäßig und dankbar genossen, mit Liebe an Weib und Kindern und Freunden gehangen, und Gott und seinen Nebenmenschen nach Kräften in den Verhältnissen gedient, in welche er ihn gestellt - wie würde ein Solcher vor dem Richter der Welt zittern? - Aber wie könnte Christus nach Satzungen eines willkürlichen, von Menschen ersonnenen Gottesdienstes die Welt richten? - Mit Freudigkeit würde auch nicht ein Solcher vor den Richter treten, der unter der eisernen Glaubensherrschaft verdammungssüchtiger, blutgieriger Priester erzogen, oder von streitsüchtigen, rechthaberischen Gottesgelehrten in strengen Glaubenssatzungen unterrichtet, in dem Wahne stände, daß nur der Rechtgläubige im Gerichte bestehe; denn er würde mit selbstquälerischen Gewissenszweifeln die Summe seiner Glaubensbegriffe und Ueberzeugungen durchprüfen, und so manches Schwankende, so manches Abweichende darin entdecken. Fürwahr haben sich schon Manche darüber gewundert, und scheinbar nicht mit Unrecht, daß der Weltrichter nicht den Glauben zum Maßstabe des Gerichtes macht. Heißt es doch sonst: Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden. (Mark. 46, 46.) Warum fragt er nicht wenigstens darnach, ob man ihn gläubig als den Heiland der Welt, als den Sohn Gottes, anerkenne, da er doch selbst gesagt hat, daß er der Weg und das Leben sei, und Niemand zum Vater komme, als durch ihn? (Joh. 44, 6.) Aber der Glaube, insbesondere der Glaube an den Sohn Gottes, ist von jeher in Streit gezogen, und über Christi Person, namentlich über das Göttliche in ihm, sind verschiedene Vorstellungen gefaßt worden. Wie könnte nun der Weltrichter etwas Streitiges, der Verschiedenheit der Vorstellungen Unterworfenes, zum allgemeinen Maßstabe nehmen? Auch wäre die Anwendung desselben auf die armen Heiden und Alle, die bis dahin in Finsterniß und Todesschatten gesessen, die noch keine Kunde vom Evangelium vernommen, unpassend und ungerecht. - Wer nun auch vom Geiste des Evangeliums einen bessern Begriff hätte, könnte doch in dem Gefühle, gar wenig für das Reich Gottes gethan zu haben, keine glänzenden Verdienste aufweisen zu können, zittern; es könnte ihm das Wort des Herrn in die Ohren tönen, das er zu dem Knechte sagt, der das eine ihm anvertraute Pfund unvermehrt wiederbringt. Wirklich verlangt der Herr von denen, welchen er Pfunde oder Talente anvertraut hat, strenge Rechenschaft, und will, daß sie damit wuchern. Aber, wenn auch streng genommen Keiner ist, der nicht irgend etwas von Gott durch Geburt, Erbschaft oder Erziehung anvertraut erhalten hätte, so sind doch Viele, denen Gott so wenig an Gaben, Fähigkeiten und Mitteln zugetheilt hat, daß sie wenig oder nichts in der Welt leisten können; und wenn daher Leistungen den Maßstab des Gerichts abgäben, so könnten Manche in ihrer Armuth verzagen. O nein! Christus ist kein Richter, vor dem die Armen und Schwachen zu zagen hätten. Er ist der Helfer der Armen und Schwachen. Sein Joch ist sanft und seine Last ist leicht. (Matth. 44, 30.) Das zerstoßene Rohr wird er nicht zerbrechen, und das glimmende Tocht nicht auslöschen. (Matth. 42, 20.)

Indem der Richter denen zu seiner Rechten ihre Seligkeit verkündet: Kommet her, ihr Gesegnete meines Vaters, ererbet das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt, fügt er folgenden Grund seines Urtheils hinzu: denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gespeiset. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich getränket. Ich bin ein Gast gewesen, und ihr habt mich beherberget. Ich bin nackend gewesen, und ihr habt mich bekleidet. Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besuchet. Ich bin gefangen gewesen, und ihr seid zu mir gekommen. Und als die Gerechten verwundert ihm einwenden, sie hätten ihn ja nie hungrig, durstig, als Gast, nackend, krank, gefangen gesehen, ihm also auch diese Wohlthaten nicht erzeigen können, so erwidert er ihnen: Wahrlich, ich sage euch: was ihr gethan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, d. h, meinen hungrigen, durstigen und überhaupt bedürftigen und leidenden Mitmenschen, das habt ihr mir gethan. Also der Maßstab ist Menschen- und Bruderliebe, Barmherzigkeit, herzliches Wohlwollen, Wohlthätigkeit gegen Bedürftige und Leidende; wie auch Christus zu seinen Jüngern sagt: „Daran wird Jedermann erkennen, daß ihr meine Jünger seid, so ihr Liebe untereinander habt.“ (Joh. 13, 35.) O welche Milde des Urtheils! Wie verschwindet da alle Furcht und Verzagtheit, und verwandelt sich in Vertrauen und Liebe! Wie leicht macht es uns der mächtige, große Richter der Welt, in das Reich seines Vaters einzugehen! Es gehört dazu nicht eine besondere gesetzliche Gerechtigkeit, nicht eine unnatürliche, erzwungene Heiligkeit, nicht ein regelrechter Begriffs- und Buchstabenglaube, nicht hohes Verdienst, sondern allein Liebe und die Aufopferung eines Theiles unserer ohnehin vergänglichen irdischen Güter zum Besten unserer Brüder; und wer derer nicht besitzt, kann ja schon mit einem Bissen trockenen Brodes, mit einem Becher kalten Wassers Liebe beweisen; denn Christus sagt: Wer dieser Geringsten einen mit einem Becher kalten Wassers tränket in eines Jüngers Namen: wahrlich, ich sage euch, es wird ihm nicht unbelohnt bleiben. (Matth. 40, 42.) Ja, um Gefangene und Kranke zu besuchen und zu trösten, bedarf es gar keiner irdischen Mittel, sondern bloß der Liebe, der herzlichen Theilnahme; und wem auch die Gelegenheit dazu abgehen soll, dem wird doch nie der Anlaß fehlen, seinen Mitbrüdern die Gesinnung zu bezeigen, die Jesus verlangt; er wird mit den Weinenden weinen, mit den Fröhlichen sich freuen können. - Fühlt ihr nun ganz, Geliebte, diese Milde des Urtheils? Wie richtet sie den Schwachen auf! Denn hat er nur die rechte Menschenliebe in seinem Herzen, und kann auch nicht viel durch die That leisten: so gehört er doch zu denen, die Anwartschaft auf das selige Reich des Vaters haben. Ja, trägt er auch nur einen schwachen Funken der wahren Liebe im Herzen, so verstößt ihn Christus nicht, und läßt ihm wenigstens den Zugang zu seinem Reiche offen. - Ja, in dieser Milde erkennen wir den Menschensohn, der wohlthuend und heilend umherzog, der dem Gichtbrüchigen zurief: Stehe auf und wandle! der zur Wittwe sagte: Weine nicht, und ihr den Sohn wieder schenkte, der selbst die Fröhlichkeit der Hochzeitsgäste theilte und erhöhete, und der endlich die Fülle der reinen Liebe am Kreuze aushauchte. Gerührt beugen wir uns vor dieser seiner Milde, wodurch er so groß ist, und stimmen ein in den Lobgesang: Das Lamm, das erwürget ist, ist würdig zu nehmen Kraft und Reichthum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob. Amen. (Offenb. 5, 12.)

Aber, Geliebte, wenn unsere Rührung und Anbetung kein müßiges Gefühl bleiben soll, so müssen wir von dieser Milde unsers Heilandes, der auch die schwächste Empfänglichkeit nicht verschmäht, überwunden, ihm auch noch die letzte, bisher der Selbstsucht und Sünde vorbehaltene Stelle in unserm Herzen einräumen, und uns ihm ganz hingeben, um ganz für ihn, mit ihm und in ihm zu leben, um keine andere Liebe als die seinige zu kennen und zu hegen. Und wahrlich, wenn wir einem so milden Könige, dessen Joch so sanft ist, Verstocktheit und Trotz entgegensetzen, dann kann uns selbst seine nie ermüdende Liebe nicht mehr retten; und nicht er spricht den Fluch über uns aus, sondern wir selbst thun es. - Geliebte Mitbürger! Ihr habt in diesen Tagen durch die reiche Beisteuer für eure in Schaden und Noth gekommenen schweizerischen Brüder von neuem einen schönen Beweis eurer christlichen Liebe gegeben. Aber vielleicht haben sich Manche noch theilnahmlos zurückgehalten, und Andere haben zwar gegeben, aber nicht genug nach Maßgabe ihres Vermögens, oder nicht in dem rechten Sinne gegeben. So mache denn ein Jeglicher gut, was noch gut zu machen ist! Ein Jeglicher reiße die letzte harte Rinde, die noch an seinem Herzen klebt, los, und sage von nun an allem ab, was sein Herz gegen Christum und seine Brüder erkältet und verschließt: dem Geize, dem Eigennutze, dem Stolze, jedem Ueberbleibsel des alten natürlichen Menschen, und auch der Verdammungssucht! Wie könnte diese, dem Gerichte Christi gegenüber, noch in unserm Herzen Raum finden? Wollten wir, durch seine Milde gerührt, erhoben, beseligt, Härte gegen unsere Brüder üben? Wollten wir, während er, der Stifter der Welt, jeden Maßstab menschlicher Willkür und Beschränktheit verschmäht, unsere Brüder mich unsern engen Begriffen und Urtheilen richten?

Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet! (Matth. 7, 7.) Selig die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen! (Matth. 5, 7.)

II.

Aber, Geliebte rc., ist dieses milde Urtheil Christi auch gerecht? Wird nicht vielleicht dadurch einer gutherzigen Rührung zu viel Werth beigelegt, und der Werkheiligkeit Vorschub gethan? Es werden ja nicht gerade Werke der Wohlthätigkeit, geleistete Unterstützungen, gereichte Almosen vom Richter gefordert, (denn der Besuch der Kranken und Gefangenen läßt sich für so etwas nicht zählen,) sondern Aeußerungen der Menschenliebe, der Barmherzigkeit und des Wohlwollens; auch wird nicht jede Regung von Mitleid und Theilnahme, sie stamme aus welcher Quelle sie wolle, für eine Aeußerung der christlichen Menschenliebe genommen. Achten wir wohl auf die Worte des Richters: Was ihr gethan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir gethan. Darin liegt, daß nur diejenigen Beweise von Barmherzigkeit und Wohlthätigkeit dem Richter wohlgefällig sind, welche nicht aus fleischlicher Herzensweichheit, nicht aus Liebe zu eigener Ruhe, (die oft durch das Unglück Anderer gestört wird,) nicht aus irgend einer Parteilichkeit, nicht aus Eitelkeit und Prachtsucht, sondern aus reiner Liebe hervorgegangen sind, aus einem Herzen, welches in den Menschen den Menschen- und Gottessohn liebt. So sollen vor Allen die Christen ihre Mitmenschen lieben, sie sollen in ihnen das Ebenbild Gottes und die Brüder Christi anerkennen, und die natürliche Liebe, die der Mensch zum Menschen trägt, dadurch läutern, erhöhen und verklären; sie sollen Gott und Christum in den Menschen lieben. So können in einem gewissen Grade selbst Nichtchristen lieben. Zwar kann ihre Liebe nicht in bewußter Weise auf Christum gerichtet sein, den sie nicht kennen; sie können aber im Menschen etwas Höheres, die Menschheit und Gott, lieben; und wenn sie dieses thun, so sind sie auch nicht fern von der Liebe Christi.

Und in dieser so gereinigten und erhöhten Menschenliebe liegt alles Uebrige, was ihr, Geliebte rc., vielleicht auch vermisset. Daß darin die ganze Sittlichkeit, wenigstens als Keimliege, könnt ihr schon aus der Demuth sehen, mit welcher die Gerechten das Löbliche, das ihnen der Richter beilegt, von sich ablehnen. Sie wollen nichts davon wissen, daß sie dem Herrn wohlgethan haben sollen. Wie pflegt sonst der Werkheilige, der Selbstgerechte sich seiner angeblichen Tugenden und Verdienste zu rühmen! Solche sind es aber nicht, welche der König in sein Reich ruft, sondern solche, welche mit der reinen Liebe auch die Demuth, die Mutter aller Tugenden, im Herzen trugen. Denn wer aus reiner Liebe handelt, brüstet sich nicht damit weder vor sich selbst noch vor Andern, und legt sich kein Verdienst bei, sondern in stiller Anspruchlosigkeit thut er, was er thut, und glaubt nie genug gethan zu haben.

Aber, werdet ihr mir einwenden, wo bleibt denn der Glaube, ohne den man Gott nicht wohlgefallen, ohne den man nicht vor ihm gerecht und selig werden kann. Die rechte Liebe, meine andächtigen Freunde, kann niemals ohne den Glauben, oder doch die Empfänglichkeit zum Glauben sein. Denn Glaube und Liebe sind aufs innigste mit einander verbunden, ja, in der Tiefe der Seele eigentlich eins, wie aus der Natur beides erhellt. Die rechte Menschenliebe kann niemals ohne eine gewisse Erkenntniß oder doch Ahnung Gottes und Christi sein, weil wir in ihr nicht bloß den einzelnen Menschen lieben, sondern unser Herz erweitern und erhöhen zur Liebe des Geschöpfes und Ebenbildes Gottes, und somit zur Liebe Gottes selber, und, (weil Christus zugleich der Menschen- und Gottessohn ist,) auch zur Liebe Christi. Hinwiederum kann nur derjenige glauben, d. h. Vertrauen haben, der die Liebe hat; denn man vertraut nur demjenigen, den man liebt, und Vertrauen ist ein Ausfluß der Liebe. Ehe wir glauben, daß Gott sei, und denen, die ihn suchen, ein Vergelter sein werde (Hebr. 11,16), muß unser Herz von der Liebe zur Welt abgezogen und von der Liebe zu den himmlischen Gütern wenigstens angeregt sein, widrigenfalls wir auf die Welt und nicht auf Gott unser Vertrauen setzen würden. Ehe wir an Christum glauben, und in ihm den Weg, die Wahrheit und das Leben erkennen, müssen wir mit Liebe und Sehnsucht nach der Wahrheit und dem wahren Geistesleben getrachtet und gefunden haben, daß in keinem Andern das Heil ist, als in ihm. Daher sehen wir auch, daß unser Herr einem sündigen Weibe, das ihm so viele Liebe bewies, um dieser Liebe willen die Sündenvergebung ertheilte (Luk. 7, 47 f.), die sonst gewöhnlich unter der Bedingung des Glaubens ertheilt wird, und daß der Apostel von der Liebe sagt, sie decke der Sünden Menge (1. Petr. 4, 8).

Aber die Liebe ist nicht nur mit dem Glauben innig verbunden und mit ihm ursprünglich eins, sondern auch größer, als der Glaube und die Hoffnung (1. Cor. 13,12); und dadurch sehen wir erst vollkommen ein, warum unser König und Richter die Liebe zum alleinigen Maßstabe macht. Sie ist größer, als der Glaube, weil sie nicht so, wie dieser, dem Irrthum und der Verkehrtheit des menschlichen Verstandes, nicht der Verschiedenheit der Ansichten und dem Streite unterworfen ist. Die Liebe ist bei allen Völkern und Sekten dieselbe, und der Samariter kann sie eben so wohl üben, wie der Jude. Ueber sie kann, zumal wenn sie sich in Handlungen beweist kein, Streit sein; und Niemand hat noch je Aeußerungen der Barmherzigkeit und des Wohlwollens verkannt und in Zweifel gezogen. Wenn nun der Richter der Welt nach einem Maßstabe richten will, der nicht nur allen Christen nach ihren verschiedenen Begriffen, sondern auch den Nichtchristen, die noch nichts vom Evangelium vernommen haben, angemessen ist: so kann er keinen andern als den der Liebe und zwar der in thätigen Aeußerungen bewiesenen Liebe wählen. Und wenn er uns groß in seiner Milde erschienen ist, so erscheint er uns nicht weniger groß in seiner Gerechtigkeit.

Dieser Maßstab des Gerichts erweist sich nun auch als der allein gerechte in Beurtheilung unserer Mitchristen und anderer Menschen. Daß wir Nichtchristen nicht nach dem Maßstabe unsers Glaubens beurtheilen können, liegt auf der Hand. Aber auch Christen dürfen wir nicht darnach beurtheilen; denn Viele theilen nicht mit uns in Allem dieselben Ansichten, und oft verstehen wir sie, und sie uns nicht. Handelt es sich freilich von geschichtlichen Thatsachen, die dem Glauben zum Grunde liegen, so hat der Streit einen festen Halt; und wer nicht mit uns an den geschichtlichen Christus glaubt, der ist gewiß in einem beklagenswerthen Irrthume. Aber darum dürfen wir doch noch nicht ganz am Christenthume eines so Irrenden zweifeln; denn während sein Kopf mißleitet ist, kann sein Herz noch unverdorben und von wahrhaft christlicher Gesinnung erfüllt sein; und obgleich er den wahren, gehaltvollen christlichen Glauben verwirft, kann er doch ein christlicher Menschenfreund sein, kann in seinem Herzen die Liebe hegen, welche Bedingung und Grund aller christlichen Tugend und selbst des christlichen Glaubens ist, und vermöge dieser seiner christlichen Liebe kann er mit uns Hand anlegen zum Bau des Reiches Gottes. Gott hat nun einmal die Menschen für die Freiheit des Selbstdenkens geschaffen und sie der Möglichkeit des Irrthums überlassen; Christus hat durch seinen Geist diese Freiheit, zumal unter uns protestantischen Christen, zur vollen Entwickelung gebracht, und in unserer Zeit ist eine entscheidungsvolle Bewegung, in welcher die verschiedensten Ansichten und Richtungen einander gegenüberstehen. Zerreißen wir ja nicht in allzu heftigem Eifer die Bande der Liebe, die uns selbst mit unsern Widersachern verbinden sollen! Kämpfen wir an unserm Theile redlich für die Wahrheit und das Recht, aber versündigen wir uns nicht an unsern Brüdern durch ungerechte Urtheile, und stören wir nicht den Frieden des Reiches Christi durch leidenschaftliche Parteisucht!

So haben wir denn, Geliebte rc., das Gericht Christi eben so mild, als gerecht, und ihn eben so groß in seiner Milde, als in seiner Gerechtigkeit gefunden. Wie sehr uns diese seine Milde rühren und unsere Herzen, wenn sie ihm noch nicht ganz gehören, für ihn gewinnen und ihm zu eigen machen; wie sehr auch diese Milde uns in Beurtheilung Anderer mild stimmen und unser Urtheil vor Ungerechtigkeit bewahren müsse, lege ich euch nochmals ans Herz. Besonders aber lasset uns zuletzt die Größe Christi bewundernd ins Auge fassen! Dieses sein mildes, aber tiefes, umfassendes, untrügliches und höchst gerechtes Urtheil, wie stellt es ihn hoch über die an Vorurtheilen, Lieblingsmeinungen und Einseitigkeiten hangenden Menschen!

So richtet nicht ein Mensch, sondern der Gottessohn, dem der Vater alles Gericht übergeben hat. Beugen wir unsere Kniee vor ihm, erkennen wir, wie nichtig alle Angriffe des Unglaubens auf seine gottmenschliche Würde und, und geloben wir ihm von nun an einen unwandelbaren, nie wankenden, treu beständigen Glauben! Amen.

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